~ Einige Stunden später ~Gerda lässt sich ächzend auf das kleine, alte Sofa im Wohnzimmer fallen, mit dem Gesicht nach unten. Man. War. Das. Ein. Mormittag - ein Morgen und Vormittag. Bevor sie einen Gedanken formen kann, hört sie die Eingangstür, die sie hatte offen stehen lassen, zuklappen. Gepeinigte Simsschritte und das Klicken von Hundepfoten erreicht sie. Logan hatte sich direkt nach dem Halten vorm Haus eine Kippe angesteckt und sie hatte es vermieden so zu tun, als wüsste sie nicht, dass er das Zigarettenetui seit einer Weile benutzt. Ihr letztes Gespräch mit Ashbo war ihr eingefallen: Sie, Gerda Lotta Simmer, hatte jetzt endlich mal für sie beide einen Schritt nach vorne zu gehen. Wer Autositze bepinkeln kann... Eine Hundenase unterbricht sie und quiekend dreht sie sich zur Seite.
"Bonboooooon... lass das, ich komme ja schon." Mühsam richtet sie sich auf, streichelt das Hundekind und blickt sich im Raum um, seufzend. Bei der Vorstellung, diesen Raum hier komplett umzugestalten und ohne eigene Erfahrungen mit Baghi ein oder zwei MÖBELSTÜCKE selbst zu bauen wird ihr jetzt doch mulmig. Obwohl sie vollstes Vertrauen in ihn und seine handwerklichen Fähigkeiten hat. Okay, auch in ihre eigenen. Aber ihr so eben abgeschlossener Besuch im Baumarkt hätte ihr fast den Nerventod gebracht. Sie hatten doch tatsächlich eine Ewigkeit damit verbracht, rumzustreiten. So kostengünstig wie möglich sollte es sein. Aber auf keinen Fall dieses oder jenes Holz. Gingen nicht auch Spanplatten, die man in den nächsten Monaten an den Rückwänden und Außenseiten grundieren und mit einer schönen, den Raum ergänzenden Prägetapete und mit Farbe veredeln kann? Pfffft!!! Natürlich nicht... Sowas ähnliches wie 'auf keinen Fall', hatte der Panther ihr zugeknurrt. Die genauen Fluchworte hat sie nicht behalten. Als ob sie 'nicht wüsste, wie Schulden funktionieren' war ein Teil ihrer Argumentationsversuche, aber er blieb hartnäckig. Das er schlussendlich die Bude abfackelt, will ja auuuuch keiner. Also ein reines Holzregal, na schön. Aber auf keinen Fall eine hässliche, schnell zusammengeschusterte Studentenlösung! Das war dann ein Teil des Deals. Und, dass sie nochmal über schlichte Zierleisten verhandeln können, wenn das oder die Regale fertig sind. Auf ihre alleinige Rechnung. Gerda verschränkt ihre Arme ineinander und lässt sich zurück ins Sofa fallen, Bonnie jetzt mit den Füßen streichelnd. Sie muss grinsen. Ein bisschen hatte es auch gut getan, zu zanken. Das Klima zwischen ihnen ist jetzt so viel leichter und deutlich weniger befangen, findet sie. Ob sie ihrem Körper jetzt schon zumuten kann, die im Baumarkt auf ihre gemeinsame Idee und unter Logans Regie skizzierten und zugeschnittenen Bretter und Latten hoch zu holen? Vielleicht können die ja auch noch ein bisschen im Auto warten?
Die ersten zugeschnittenen Holzteile auf der Schulter balancierend, betritt Logan das Wohnzimmer. Hinter den dichten Grünpflanzen wäre Gerda kaum auszumachen, würde die Hündin nicht freudig bei ihr herumwuseln.
Unsanft stellt er den Einkauf gegen die Wand und zieht die Skizze aus der Hosentasche. Einen kurzen Moment überlegt er. Gleich alles aus dem Wagen holen und hochschleppen oder immer nur die Teile, die er gerade braucht ... der Platz ist begrenzt. Zusammen mit dem Werkzeug könnte es nervenaufreibend eng werden.
Das Werkzeug.
Für zwei Sekunden erstarrt Logan. Den Zettel noch immer in der Hand, verliert sich sein Blick auf der Zeichnung. Im Baumarkt hatte sie erwähnt, Bohr- und Schraubgeräte sowie Leim im Keller zu lagern. Da kriegen ihn nicht die geilsten Metalbands der Welt runter.
Sein Blick gleitet langsam zu ihr hinüber. Der Tatendrang steht ihr nicht gerade ins Gesicht geschrieben. Trotzdem hört er sich sagen: "
Wenn DU das Werkzeug hochholst, mach ich den Rest." Moment ... klingt das, als wäre er feige?
Er schluckt und faltet das Papier zusammen.
"Du weißt, wo der Kram steht." Wow, das is fast glaubwürdig. Mit einem leisen Räuspern beginnt er, betont lässig die Pflanzen näher zusammenzuschieben. Vor Stunden hatten sie den besten Platz für das zukünftige Regal ausgemacht. Sollte die Länge des Möbelstücks wider Erwarten nicht für die Platten ausreichen, wird die Wand entlang nach oben erweitert.
Als Logans mit einem Teil ihrer Beute auftaucht wird klar: Nix da mit Pause. Seine Bitte klingt zwar nicht komisch, aber die kurze Pause zwischen den zwei Sätzen sagt ihr, dass etwas an seinem Vorschlag nicht beiläufig ist und es gleichermaßen nicht um eine simple Arbeitsteilung geht. Gerda steht langsam nickend auf und beobachtet ihn eine Spur zu auffällig, obwohl sie es schafft die rechte Augenbrauen unten zu halten.
"Klar." antwortet sie knapp und geht an ihm vorbei.
"Ich machs gern, also eigentlich lieber später, aber...", entsteht nun eine betonende Pause,
"aber es ist jetzt nicht so, dass der Kellerraum riesig und unübersichtlich ist. Bis gleich."[[File:1.png|none|fullsize]]
Wenig später ist sie zurück mit dem Werkzeug und zwei weiteren Dosen Bier.
"Sprechen wir jetzt ganz asozial-sozial über den waren Grund oder fangen wir einfach an? Is beides okay. Wollt dir nur zur Verfügung stellen, dass wir auch generell offen über unsere Trigger sprechen können." Ohne den Panther anzusehen, beginnt sie, die Pflanzen die noch in der Mitte des Raumes stehen, an die Seite und in die Nähe des Balkonüberganges zu stellen, damit sie ausreichend Platz haben zum bauen.
Die Zeit, die Gerda in der kleinen Gewölbehölle verbringt, nutzt Logan, um einen weiteren Stapel Holz an den Arbeitsplatz zu bringen. Nur einen kurzen Moment vor ihr ist er zurück, sodass er gerade die Teile sortiert, als sie mit dem Werkzeug zu ihm stößt. Das kleine Handbuch der Hobbypsychologie lag scheinbar auch im Keller. Ein ziemlich plumper Versuch, eine Sitzung zu eröffnen. Das kann sie besser. Dabei hat er gerade keine Muße, im eigenen Seelendreck herumzuwühlen. Dass er endlich die Mail an Natalie verschickt hat, ist für heute seine Heldentat. Und sie hat bereits genug Kraft aus ihm gezogen. Soll Gerda sich mal schön um ihre eigenen Baustellen drehen. Er ist für heute raus aus dem Spiel.
"Wenne nen Selbsthilfepodcast starten willst, tu dir keinen Zwang an." Er legt die Skizze auf den Boden und nimmt sich eins der Holzteile, um noch einmal nachzumessen. Nur um sicher zu gehen, dass am Ende nicht alles zusammenkracht. Mit dem Bleistift setzt er kurze Striche auf das Holz, prüft die Abstände, radiert einen wieder weg und setzt ihn zwei Millimeter daneben neu. Dann hält er das erste Seitenteil gegen den Boden des Regals. Kante auf Kante. Für einen Moment wird sein Gesicht ruhiger.
"Festhalten."Sobald Gerda das Brett stabilisiert, setzt er den Bohrer an. Das Gerät jault auf, frisst sich sauber durch die markierte Stelle und hinterlässt den sanften Geruch von frischem Holzstaub. Er pustet die Späne weg und nimmt die beiden Teile auseinander, ehe er nach dem Leim greift. Platten haben Gewicht. Sich nur auf Schrauben zu verlassen, käme ihm töricht vor.
Natüüüüürlich gibt es ein Gegengefauche, war ja klar. Sichtbar ist längst, dass der Tag ihm bisher sämtliche Kräfte und Nerven abgezapft hat. Trotzdem mag sie jetzt nicht klein bei geben. Betont ruhig nimmt sie stellvertretend für einem Schraubstock ihren Platz ein und nachdem die Bretter mit dem Bindemittel versehen und anschließend verschraubt sind, fragt sie so unbegreifend wie trocken nach. "Was für einen Podcast? Wovon redest du, bitte?"
Logan schnaubt leise. Sie hockt vor ihm mit Unschuldsmiene und macht auf dumm.
"Macht es dir eigentlich Spaß, mich zu reizen?" Seine Stimme ist rau und tief, sein Blick hebt sich langsam unter den Brauen zu ihr.
"Ich weiß manchmal nich, ob du mit mir spielst oder mich verarscht." Er beugt sich ihr leicht entgegen, greift an ihr vorbei nach einem der Holzteile. Er ist ihr nah genug, dass er ihren Duft aufnehmen kann. Und sie mit Sicherheit seinen.
"Wenn du was zu sagen hast, dann mach es. Ansonsten ..." Wieder zurück in der Ausgangsposition legt er das Brett an die vorgesehene Stelle und markiert es wie das andere zuvor.
"Halte das verfickte Brett fest."Wäre Bird Brillenträgerin, würde sie jetzt akzentreich sich die Brille bis nach oben auf die Nase Wurzel schieben. So, bleibt ihr nur fragend das Augenbrauen hochziehen. Was soll das? Denkt er wirklich, sie will rumstänkern?!? Die Wut die ihr die Luftröhre hoch kriecht, wird mit jeder Sekunde stärker.
'Ruhig Blut, Gerdalotta, ruhig Blut jetz!' versucht sie sich runter zu bringen. In dem Moment, als Logan ihr nah ist, lullt sie sein Geruch wohlig ein, trotz der Anspannung. Warme Haut, ein bisschen Zedernholz, Zigarettenrauch und eine feine Note von Anstrengung. Sie mag diese kaum wahrnehmbare Komponente im Untergrund, die ähnlich zu dem Geruch ist, wenn es beginnt in ihm... Stopp! Gerda räuspert sich. Mit fester, fast neutraler Stimme stellt sie klar:
"Ich würde wirklich gerne wissen, wie du auf den Trichter kommst, dass ich dich gerne reize. Also abseits der Klo-Musik." Sie greift nach dem Brett, darauf bedacht nicht näher kommen zu müssen als nötig. Sie fühlt sich klar beleidigt und verletzt.
"Seit dem wir uns kennen, habe ich dich weder verarscht, noch mit dir gespielt! Das ist nicht meine Art, mit anderen umzugehen. Ich hasse Spielchen. Dachte, du wüsstest das."Na toll, jetzt ist sie angepisst. Kommunikation ist einfach nicht sein Ding.
Viel nerviger ist allerdings die Tatsache, dass es ihm nicht egal ist. In Gedanken geht er noch einmal die gesagten Worte der letzten Minuten durch. Wo hat er etwas falsch aufgefasst? Mit ihrer Podcastfrage hat sie sich ganz klar dumm gestellt. Natürlich wusste sie, was er meint.
Seine Lippen pressen sich grübelnd zusammen. Das WAR ein Spielchen. Er ist sich fast sicher. Ein knurrendes Seufzen entfährt ihm. Den Drang, in ihrem Gesicht zu lesen, unterdrückend, bleibt sein Blick auf der Markierung und setzt den Akku-Schrauber an.
Die letzte Schraube ist schief. Er verliert den Fokus. Das nervt. Irgendetwas kapiert er schon wieder nicht.
Könnte es vielleicht sein, dass das ihre Art von Ausweichen ist? Ne, sie lässt sich nicht verunsichern. Dazu ist sie viel zu tough.
"Du vergisst, dass ich n Freak bin", mault er, ohne sie anzusehen.
"Ich weiß nich, was ich weiß." Er setzt sich auf, sein Blick streift ihre Hände und lenkt sofort zur Skizze um. Augenkontakt geht nicht. Die vorbereiteten Außenwände schiebt er beiseite, etwas unbeholfener als er es gern aussehen lassen würde, und bleibt einen Atemzug lang regungslos sitzen. Seine Lippen öffnen sich, doch die Worte kommen nicht. Ständig ist alles kompliziert.
"Manchmal ..." Er bricht ab, schüttelt den Kopf und schnappt sich das nächste Stück Holz. Erst als es vor ihm liegt und ihm einen plausiblen Grund gibt, sie nicht anzusehen, setzt er neu an:
"Manchmal biste so ..." die Lippen versiegeln sich angespannt.
fürsorglich, feinfühlig, unterstützend. Meine scheiß Rettung. "Und dann wieder ..." nervtötend, anstrengend, neugierig, aufdringlich. Er seufzt, der Stift liegt in seiner Hand, als hätte er vergessen, was zu tun ist.
"Ich weiß nich, was du willst und dann mutier ich zum Arschloch." Ein kurzer schamvoller Blick zu ihr und sofort wieder weg. Während er fast schon hastig die nächste zittrige Markierung setzt, schnürt sich ihm die Kehle zu. Das war fast sowas wie eine Entschuldigung. Fühlt sich erbärmlich an.
[[File:2.png|none|fullsize]]
Gefühlte Nano-Sekunden haben sie Blickkontakt. Gerda seufzt innerlich auf. Wie soll man da bitteschön zurecht wütend bleiben? Ihre Züge werden weicher. Er weiß nicht, was sie will, sagt er. Gut, damit sind sie auf jeden Fall schon mal zu zweit. Zumindest teilweise, wenn man diese Frage von mehreren, oder besser gesagt von allen Seiten betrachtet. Bird greift ebenfalls nach Holz und Leim, ohne einen konkreten Plan für die Teile zu haben. Okay, es ist jetzt wohl die Zeit gekommen, einen Teilbereich der großen Fragerei öffentlich zu machen.
"Eigentlich dachte ich, dass es klar ist, was ich möchte." 'Ich zeig' doch s t ä n d i g, dass ich reden will und wissen mag, was er hat. Stäääändig!' Sie stellt das Zurechtgesägte und die weiße Flasche ab und angelt nach ihrem Dosenbier, dann setzt sie sich wieder zu den auserwählten Dingen, die gerade überhaupt nicht gebraucht werden.
"Ich will, dass wir auf einer Welle rumpaddeln. Einer gleichberechtigten. Damit meine ich, dass ich es nicht fair und auch nicht schön finde, wenn wir immer nur über meine Scheiße reden, Logan. Genauer: Wenn wir über meine Trigger sprechen und daraus Blumentöpfe basteln, dann will ich das auch mit deinen machen, wenn ich dazu in der Lage bin und es dir hilft. Denn es kann nicht ewig so weiter gehen, dass ich immer nur vorsichtig um dich herumeiere - also andauernd meine Klappe halte und nahezu daran ersticke, aus Angst etwas falsches zu tun oder zu sagen." Gerdas Puls drückt ihr gegen die Stirn.
'Sag es!' "... Aus Angst, dass du einfach wieder verschwindest und vielleicht nicht mehr wieder kommst." Fuck! Jetzt ist es raus. Das hämmern in ihrem Kopf wird lauter.
Zunächst wirkt es beinahe, als würde er ihre Worte kaum registrieren. Doch selbst die unsinnigen Beschäftigungen bemerkt er aus dem Augenwinkel, entscheidet aber, keine große Sache daraus zu machen. Erst als das Wort 'gleichberechtigt' fällt, verrät ihn sein Körper. Als hätte sie einen Knopf gedrückt, erstarrt der Stift in seiner Hand. Dann fällt sein Name.
Sie nennt ihn nicht Baghs.
Scheiße, die Sache ist ernst.
Das Schwarz seiner Augen wird ein wenig dunkler. Die Brauen ziehen sich angespannt zusammen, die Kiefermuskeln treten unter der Haut hervor. Beinahe schockiert springt sein Blick sie an, kann ihrem Gesicht nicht standhalten und senkt sich wieder.
Immer nur über ihre Trigger?! Das Bild vor seinen Augen wird unklar, als er vor sich hinzustarren beginnt. Das ist sowas von nicht wahr! WENN sie mal über ihre Scheiße sprechen, dann doch nur, weil er ihr alles aus der Nase zieht. Als ob sie sich von alleine öffnen würde. Wie kann sie das nicht sehen?
Sein Gesicht bleibt verkniffen, nur die Schwärze seiner Augen wird immer tiefer, je länger sie spricht. Bis sie mit ihrem Geständnis diesen einen Punkt trifft:
Er könnte abhauen und nicht wiederkehren. Schlagartig ändert sich seine Mimik. Die Brauen ziehen von der Nasenwurzel hoch in die Stirn und verwandeln seinen grollenden Ausdruck in sorgenvolle Überraschtheit. Sofort erscheint das Bild von Billie vor seinem geistigen Auge und bringt das vertraute Schuldgefühl mit sich. Er weiß, dass Gerdas Sorge berechtigt ist. Und dass er ihr direkt ins Gesicht lügt, wenn er es abstreitet. Bei dieser Sache kann er sich nicht herausreden. Er ist ein verdammter Feigling. Wenns schwierig wird, verpisst er sich. Das ist sein Ding.
Endlose Sekunden klammert sein Blick sich an ihren. Tief, schwarz und verletzlich. Als wäre da nichts mehr in ihm, das noch genügend Kraft zum Kämpfen hat. Für einen Moment scheint sich nicht einmal sein Brustkorb zu heben. Als wäre die Zeit eingefroren.
Dann, mit einem leisen Ausatmen löst er den Blickkontakt. Der Stift in seiner Hand rutscht aus seinen Fingern und landet mit einem klickenden Geräusch auf der stagnierten Arbeit vor ihm.
Es dauert noch einen Moment, bevor er erste Worte findet.
"Du sollst nich ersticken." Seine Stimme, von Schuld durchtränkt, klingt gebrechlich. Schwerfällig greift er nach der Dose an seiner Seite, um die Enge im Hals aufzulockern, doch sein Arm bleibt gesenkt, als würde er ihm nicht gehorchen.
"Ich weiß, dass du ..." Ein schwerer Atemzug.
mich schonst "oft die Klappe hältst. Sachen schluckst." Der Versuch, sie anzusehen, misslingt. Mehr als eine leichte Kopfdrehung in ihre Richtung schafft er nicht. Lediglich ihre Knie rücken in sein Sichtfeld.
"Wusste nich, dass das ..." die Worte ersticken in seiner Kehle.
"Dann machs nich. Sag, was du sagen musst." Es macht keinen Unterschied. Er hat schon alles gehört, was verletzen könnte.
Der Druck um seinen Hals wächst. Ein scharfer Schmerz schneidet in die Seiten, sodass er kaum schlucken oder sprechen kann. Der Arm hebt sich langsam, bis die kalte Dose seine Lippen berührt. Er spürt sie kaum. Nur ein kleiner Schluck. Trotzdem krampft alles zusammen und er muss ihn regelrecht hinunterwürgen. Er will so viel sagen und weiß nicht, gegen welche körperliche oder geistige Blockade er zuerst ankämpfen soll.
"Wir sind nich ... gleichberechtigt", beginnt er mit der leichtesten Wahrheit.
"Du bist ... Bird." Als würde das alles erklären, findet er keine bessere Beschreibung für das, was sie ist. Aufopferungsvoll, bemüht, hilfsbereit, klug, wertvoll.
"Und ich?" Ein humorloses Lachen schnaubt sich aus seiner Nase. Seine Stimme wird fester, bestimmter, als er weiter spricht:
"Ich bin nich mehr als n Haufen Scheiße. Nur n Fehler." Leicht vor sich hinnickend nimmt er einen weiteren Schluck. Die Worte dringen längst nicht mehr zu ihm durch. Zu oft hat er sie gehört. Oft genug, dass sie zu seiner Wahrheit wurden. Mehr noch: Ihre Vertrautheit erdet ihn.
Helfen, langsam sein Körpergefühl wiederzufinden.
"Zwing mich nich, dir Sachen zu erzählen." Mit einem langsamen Augenaufschlag sieht er Gerda durchdringend an. Die letzte Spur von Zerbrechlichkeit weicht einer gnadenlosen Härte.
"Das wär nich gut für dich. Unsere Abgründe sind nich vergleichbar." Er stellt die Dose ab, um das Zigarettenetui aus der Tasche zu ziehen. Vollkommen automatisiert fließen die Bewegungen ineinander über, bis die Kippe zwischen seinen Lippen klemmt. Hinter der aufspringenden Flamme des Zippos nuschelt er weiter.
"Du würdest untergehen. Und ich müsste damit leben." Der erste Zug vertreibt einen Teil der inneren Anspannung.
"Die Leute denken, wenne genug Leichen im Keller hast, kommts auf eine mehr oder weniger nich mehr an. Aber das stimmt nich." Ein weiterer Zug, hastiger als beabsichtigt.
"Ich will keine neuen Leichen. Mein Keller is voll bis zur Decke." Einen Moment schließt er die Augen. Er ist so müde. Erst Natalie, dann die Platten, jetzt das hier. Der ganze Tag fühlt sich an, als hätte jemand den Inhalt eines Monats hineingestopft. Doch eine Wahrheit muss noch gesagt werden. Gerda hat sie sich hart erarbeitet. Es wäre nicht fair, sie zu belügen.
"Ich kann dir nich versprechen, dass ich nich abhau. Vermutlich mach ich das irgendwann. Mach ich immer." Ohne den Blick auf irgendetwas zu fokussieren, liefert die Zigarette in seiner Hand den nächsten Nikotinschub.
"Bin n scheiß Feigling", bringt er mit angehaltenem Atem hervor, ehe er den Rauch aus der Lunge ausstößt.
"Aber das hat nix mit dir zu tun. Ich bin einfach so. N verdammter Fehler eben."[[File:3.png|none|fullsize]]
Ihr Kopf ist so gerammelt voll von seinen Worten und seinem Schmerz?! Ihre eigenen Gedanken kreischen dazwischen oder über das Gesagte herüber - es ist pures Chaos. Auch, wenn es prinzipiell keine neuen Darlegungen sind. Trotzdem wirken sie so viel intensiver als zuvor in diesen Gelegenheitserwähnungen. Diese Ballung in Kombination mit seinen so greifbaren Gefühlen und Sichtweisen, die sie bisher nicht in der Lage war anzuweichen. So gerne würde Gerda alle von ihm genannten Punkte nacheinander aus ihrer Sicht darstellen und nach einander auseinander nehmen. Ihm erklären und zeigen, dass sein Selbstbild verzerrt ist durch seine Vergangenheit. Das es falsch ist. Aber das würde nur nichts bringen, es hat auch leider nicht den Hauptfokus. Ihre Eingeweide sind noch immer zusammengezogen wie eine Gardine vom Gardinenband. Maximalst zusammengekräuselt. Sie hasst solche Raffungen. Insbesondere in ihrem Inneren. Sie kann nicht strukturiert denken, alles tut weh.
'Er hat gesagt, dass er vermutlich irgendwann abhauen wird - dass er das immer macht. IMMER.'Gerda umklammert ihre Getränkedose und starrt noch einen kurzen Moment vor sich hin. Seine Worte 'Feigling' und 'Fehler' graben sich hervor und plötzlich ist sie zusätzlich anderes getroffen. Auf der Ebene, die er nicht wahrhaben will. Die, der Gleichberechtigung, der Gleichstellung oder wie zur Hölle man das alles noch nennen kann! Eben die, die für sie eindeutig macht, dass sie definitiv Bird ist, aber er auch ihr Baghira. Punktum. Eine gute Seele mit Trauma und Verletzungen, mit UNVERMÖGEN. So wie sie selbst. So oft und immer wieder! Nun findet sie die Kraft zu sprechen und seinen Blick erwidern zu können, sollte er es nochmal schaffen zu ihr zu sehen.
"Baghs... ich bin auch oft feige. Und wenn du es als nicht so schlimmen Teil bei mir annehmen und sehen kannst, dann schau doch noch mal genauer und verurteilender auf mich oder - was ich bevorzugen würde - anders auf dich." Ein schiefes, verzweifeltes Grinsen schiebt sich ausschließlich in ihre Mundwinkel.
"Ich flüchte öfter als ich es mit eingestehen mag." Ihre Stimme wird brüchig und rau. Nach zwei Versuchen gelingt es ihr die Sätze zu bilden.
"Ich bin zu fünfzig Prozent nach Kanada gekommen, weil ich es hart in meinem zweiten Leben mit Sims verkackt habe. und das so stark, dass ich nicht mal heute darüber reden kann. Und ich meine nicht nur mein Brudi-Thema. Eine beste Freundschaft, einen Ex-Partner, von dem ich mich nicht sauber lösen konnte, die veränderte Beziehung zu meiner Oma und ihren Tod... meine Familie. Ich bin ans andere Ende der Welt gegangen und hab mir eingeredet, dass ich hier eine bessere Version von mir selber werden kann. Mit dem Studium. Mit der Hilfe von einer besten Freundin, dessen Erde ich noch nicht verbrannt habe."Bitter lacht Bird auf
"Es geht oft nicht darum, anderen zu helfen." Beschämt flüstert sie weiter.
"Manchmal will ich nur mir selbst helfen. Weit weg von meinen Fehlentscheidungen und meinen Schwächen. Will so tun, als wären so viele Dinge nicht passiert. Als wäre ich ein rein guter Sim. Und wenn ich die durch mich Geschädigten nicht sehe, kann ich verdrängen. Kann ich mich mit mir irgendwann besser und dann auch wieder gut fühlen. Dann kann ich unbeschwerter leben. Zumindest für eine längere Weile."Logan schweigt. Sein Blick verliert sich irgendwo im Raum, während ihre Worte in ihm widerhallen. Je länger die Stille andauert, um so stärker bekommt sie einen fast endgültigen Beigeschmack.
Das alles ergibt keinen Sinn. Gerda ist offen. Sie redet. Sie wirft sich in Nähe, als hätte sie nie etwas Böses erfahren.
Sie sitzt vor ihm, mit ihrem viel zu großen Herzen und diesem Blick, der ständig einfühlt, sucht und irgendwo hinfasst, wo Hände nicht hin dürfen.
Und trotzdem ist sie ans andere Ende der Welt gegangen, um nicht hinsehen zu müssen.
Ihre Worte bewegen ihn. Sie klangen verletzt genug, um ehrlich zu sein. Und obwohl ein Teil in ihm sich gern dagegen verschließen würde, kann er die Gemeinsamkeit nicht abwehren. Genau wie er, ist sie auf der Flucht vor sich selbst. Ein seltsamer Trost liegt darin. Sie versteht zumindest diese Seite.
Logan starrt auf das Holz vor ihm. Die Zigarette zwischen seinen Fingern brennt herunter, bis die Asche zu schwer wird und auf den Boden rieselt. Er bemerkt es erst, als ein grauer Krümel auf dem Holz landet. Mit dem Daumen wischt er ihn zur Seite, nimmt einen letzten Zug und versenkt die Kippe in der leeren Bierdose neben sich. Es zischt leise.
"Da siehste mal, wie wenig ich von dir weiß." Seine Stimme ist rau und abgekämpft. Sein Blick wandert hilfesuchend zur Skizze, findet dort aber nichts Brauchbares. Linien. Maße. Winkel. Dinge, die leichter zu handhaben sind als dieser soziale Kram.
"Was machen wir falsch?"Mit einem Seufzen hebt sich sein Blick an die Zimmerdecke.
"Du kannst nich loslassen", murmelt er nachdenklich, als würde er eine komplizierte Rechnung zusammenfassen.
"Ich kann nich ... was immer das Gegenteil davon is." Die Brauen ziehen grübelnd in die Stirn.
"Halten? Zulassen? Keine Ahnung." Sein Kopf schüttelt den Gedankengang ab. Dann lenkt er zum ersten Mal den Blick wieder zu ihr. Endlich schafft er es, sie anzusehen. Leer, ausgelaugt, wund.
"Was macht dir Angst?" Vielleicht kann er aus ihren Antworten lernen.
"Warum musstest du gehen?"Gerda beobachtet teilnahmslos, wie die Asche auf den Boden fällt und die Kippe in der Dose landet. Seine Frage nach dem Falsch kann sie nicht beantworten. Nicht weil sie keine Idee dazu hat, sondern weil es so verblüffend offensichtlich und für die ach so gute Sozialpädagogin bisher wie eine nicht aufgedeckte Memory-Karte direkt vor ihr lag. Sie beide, Logan und Gerda - Baghi und Bird, haben den gleichen Schutzmechanismus. Bäm. Flucht und Rückzug. Wieso hat sie das zuvor nicht erkannt? Ihre erschöpften Blicke treffen sich.
"Ich musste gehen, weil so viele Orte, Wege und Locations mich an die beiden und meine Entscheidungen und vermeintlichen Fehler erinnert hat. Außerdem hatte ich Angst vor zufälligen oder absichtlichen Begegnungen. Wenn ich so befangen bin, werde ich schwach und inkompetent im Umgang mit anderen." Gerda muss schmunzeln, als sich eine Spur von Überraschung bei ihm zeigt.
"Doch, doch. Auch wenn du es dir nicht vorstellen kannst." Wieder ernster und belegt erklärt Bird weiter,
"Es frisst mich auf und tut so weh, wenn ich sehen oder spüre muss, wie furchtbar ich zu andern, mir lieben Sims bin. Ich fühle mich dann so hilf- und wertlos. Und schwach." Ihr Gesicht zieht sich zusammen. Ein schweres Ausatmen folgt.
"Ich habe für mich beschlossen, dass ich nicht immer schwach sein mag. Weil ich mich selbst durchs Leben tragen muss und auch will. Außerdem hatte ich niemanden mehr in Berlin, der mich aushalten konnte. Wollte. War 'bin' allein damit. Was okay ist."'Okay werden muss.'[[File:5.png|none|fullsize]]
"Also bestrafst du andere, indem du abhaust. Anstatt dich wie ne Erwachsene deinem Dreck zu stellen und daran zu wachsen." Die Lippen aufeinanderpresst nickt er — eher zynisch als bestätigend.
"Den Blues kenn ich." Langsam spürt er, wie die Hilflosigkeit nervös in die Hände kriecht. Er muss sie irgendwie beschäftigen. Das pausierte Werk vor ihm scheint der naheliegendste Ausweg. Tief seufzend richtet er den Rücken auf. Wo waren sie noch gleich ... Ah. Zwei Außenwände sind zusammengeschraubt. Seine Gedanken sind langsam, als sein Blick den Stift sucht. Wie jemand mit alkoholvernebeltem Verstand greift er fast schon konzentriert nach dem Schreibwerkzeug, dann nach dem Zollstock. Beides fühlt sich fremd zwischen den Fingern an, doch mit bewusster Kontrolle schafft er es, eine halbwegs saubere Markierung für die nächste Bohrung zu setzen.
"Sgibt n Kid. Drüben." Er spricht leise und undeutlich, weil er sich auf die Hände konzentriert — und weil er es lauter nicht formulieren kann.
"Is noch n Baby." Stift und Messgerät werden gegen die Bohrmaschine ausgetauscht.
"Halt mal. Is rutschig." Ohne Zögern eilt Gerda zu Hilfe.
Sein Blick krallt sich an dem Werkstück fest. Er will gar nicht wissen, ob sie ihn ansieht. WIE sie ihn ansieht.
Kurz jault die Maschine auf und er pustet, wie schon zuvor, die feinen Späne davon. Dann greift er zum Leim, schmiert die Kanten sorgfältig ein und drückt sie aufeinander.
"Sie hat kaum Kohle, steckt mitten inner Ausbildung und die Familie hilft ihr nich." Langsam tasten seine Augen sich zu Gerdas Gesicht hinauf. Seine Brauen legen die Stirn schuldbewusst in viele Falten.
"Und ich hatte keinen Schimmer, wie ich mein Versprechen halten sollte." Beschämt senkt sich sein Blick wieder.
"Weiß ich immer noch nich. Is ... kompliziert. Ich schick ihr Geld, wenn ich kann. Aber Kohle is eben nur n Teil davon." Hastig greift er zum Akku-Schrauber und jagt die Metallhalterungen ins Holz. Dann rüttelt er prüfend an seinem Werk. Wenn doch nur alles so schnell zu fixen wäre.
Die helfenden Hände ruhen wartend auf ihren Oberschenkeln. Ihr Blick ist weich und verständnisvoll. Ihr eigenes Hintergrunddrama ist für den Moment vergessen. Gerda sieht, wie schwer es ihm fällt – diese Bürde zu tragen und auch noch darüber zu sprechen.
So etwas in der Art hatte sie sich bereits gedacht. Die Erinnerung an ihren ersten Verdacht kehrt zurück: Damals, als sie sich am Lake über Filme unterhalten hatten und er seine Meinung zu Kindern auf eine seltsame, zugleich aber für ihn sehr klare und eindeutige Weise kundgetan hatte. Baghiras gegenwärtige Körpersprache zeichnet jedoch ein anderes Bild seiner Haltung. Nicht, weil sich seine Meinung zu Kindern in den vergangenen Wochen geändert hätte. Nein. Es geht um eine verbindliche Verantwortung, der er sich entzogen hat und mit dessen Entscheidung er sich bis heute schwertut. Ist diese Geschichte der Hauptgrund, weshalb er sich gelegentlich selbst als einen Haufen Scheiße bezeichnet?
„Ja, das klingt sehr kompliziert. Und auch danach, als würdest du denken, ihre einzige sichere Chance gewesen zu sein, sie durch die ersten schwierigen Jahre zu begleiten, bis sie ihr eigenes Geld verdienen kann.“ Bird nickt langsam. Dann bemerkt sie die herablaufende Leimnase und wischt mit dem Daumen ihrer rechten Hand über die Stelle. Den überschüssigen Holzkleber streicht sie anschließend an ihrer Hose ab.
„Welches Versprechen hast du denn nicht halten können – und aus welchem Grund bist du hierher, also nach Toronto, gekommen?“, fragt sie sanft.
„So wie du über dich, das Baby und die Mutter sprichst, wirkt es nicht so, als hättest du so soweit weg flüchten wollen.“Wie geistig abwesend folgt Logans Blick ihrem Daumen. Für ein paar angenehme Sekunden ist sein Kopf vollkommen leer.
"Hmnee", brummt er dann.
"Geht nich um ihre Chancen. Wer weiß schon, was sich vielleicht mal ergibt." Immerhin hat sie Maryama. Die ist hoffentlich so loyal wie temperamentvoll.
"Is mehr so ..." Unzählige Male haben diese Gedankengänge in ihm stattgefunden. Und jetzt kriegt er die Worte nicht aneinandergereiht. Dabei ist es im Grunde nicht so kompliziert. Billie erinnert ihn an Monica. Nicht sie als Person. Er weiß nicht allzu viel über die damaligen Umstände. Aber was er erfahren hat, genügt, um eine Verbindung herzustellen.
Sein Mund wird plötzlich trocken. Seine Stimme wird rau und noch etwas leiser als zuvor.
"Kennste das Gefühl, wenn sich Geschichte wiederholt?" Sein Blick springt zu ihr auf. Unheilvoll.
"Ich wollte ..." Was? Die Geschichte umschreiben? Der Augenkontakt reißt ab. Auf den Boden starrend schüttelt er den Kopf. Jeder Muskel in seinem Gesicht spannt sich an. Adern treten hervor. Zuerst am Hals, dann auf der Stirn.
"Sie sollte nich ... wie ..." Knurrend greift seine linke Hand ins Haar.
"Ach, FUCK!" Ungehalten springt er auf und verschwindet mit lauten Schritten im Flur. Ein weiteres
"FUCK!" dröhnt durch die Wohnung, dicht gefolgt von einem lauten Poltern und einem schweren, gedrückten Atmen.
Dann kehrt Ruhe ein.
Zwanzig lange Sekunden geschieht nichts.
Das Geräusch der Kühlschranktür erklingt, das Zischen einer Dose, kurz darauf Schritte.
"Er hat meine Augen, sagen sie", steht er plötzlich wieder im Raum und starrt Gerda an.
"Die stehen da und sagen, er sieht aus wie ich. Als wär das was Gutes."Logans Stimme zittert, die weit geöffneten Augen flackern ihr entgegen.
"Haste ne Ahnung, was das heißt?" Seine sonst eher tiefe Stimme überschlägt sich beinahe.
'Du siehst aus wie er ...' Monicas verweintes Gesicht schiebt sich in seinen Geist.
Einige Male blinzelt er, bevor seine Schultern zusammensacken. Nein, sie weiß es nicht. Woher sollte sie? Er schluckt trocken. Sein Blick senkt sich, müde, erschöpft. Erst jetzt bemerkt er, dass seine linke Hand die Dose zusammengedrückt hat und ihm die Plörre über die Finger läuft. Einen Moment steht er da. Und atmet. Er hat die Kontrolle verloren.
Okay, das passiert.
Atmen.
Nich schlimm. Niemand is verletzt.
Atmen.
Tief.
Ruhig.
Gleichmäßig.
Langsam, als müsste er noch überlegen, was er jetzt tun soll, kommt er zum Arbeitsplatz zurück. Sein Brustkorb hebt und senkt sich noch schwer, als er sich auf den Boden sinken lässt und mit der nassen Hand beinahe apathisch zur Bohrmaschine greift.
[[File:6.png|none|fullsize]]
Ohne zu zucken oder erschrecken wartet sie, bis er wieder in ihrem gemeinsamen Baukreis ankommt. Das Laute um sie herum hat Bonnie auf den Plan gerufen, die verschlafen blinzeln aus Gerdas Zimmer getappt kommt und sich dazu plumpsen lässt. Hechelnd stupst sie den sich regulierenden Simfreund an. Gerda beginnt sie zu streicheln.
"Warte kurz mit dem Akkuschrauber," bittet sie,
"hier ist das nächste Holz." Es ist gut, dass es hier was zu tun gibt. Die Nässe des Getränkes findet seinen Weg an Werkzeug und Material, aber niemanden stört es. Nachdem weitere Zeit vergangen ist, drei Schrauben versenkt wurden und ein erkennbares Seitenelement entstanden ist, hakt Gerda vorsichtig nach.
"Wieso empfindest du es als nicht gut, wenn er nach dir kommt? Wie heißt der Kleine?"Logan starrt auf das halbfertige Seitenteil. In seiner nassen Hand liegt die Maschine. Er soll warten, dringt es dumpf zu ihm durch. Ohne zu verstehen, worauf, legt er das Gerät ab und die Hand in den Schoß.
Bonnie drückt ihre Schnauze gegen seinen Arm. Er sieht sie an, ohne sie wirklich zu sehen. Er ist unsagbar müde. Er hasst diesen Zustand.
Bonnies kalte Nase streift seinen Handrücken. Sein Blick lenkt zu der Stelle, als wäre er irritiert, etwas wahrgenommen zu haben.
Fokus.Seine Finger greifen in die kleine Kiste mit den Schrauben. Es piekst in der Haut. Zuerst nur weit entfernt, doch als er tiefer hineingräbt, spürt er es deutlicher. Das ist gut. Das hilft.
Er nimmt einige Schrauben in die hohle Hand, schließt die Faust, öffnet sie wieder und knetet das Metall. Die Benommenheit legt sich allmählich.
Es vergehen Minuten, bis er die Arbeit wieder aufnimmt.
Die Hand ist inzwischen trocken. Das klebrige Gefühl wischt er in der Jeans ab.
Trotz wenig Kraft in den Armen, sitzen die Schrauben einige Minuten später im Holz. Nicht schön, aber immerhin fest.
Gerdas Stimme dringt dumpf zu ihm und er sieht sie aus müden Augen an. Kann sie es denn nie gut sein lassen?
"Julian", sagt er zögerlich. Eigentlich ist es jetzt auch egal.
"Heißt er."Logan schluckt. Sein Blick senkt sich.
"Monica ... meine ..."Die Lippen schließen sich, als würden sie ihren Dienst verweigern.
Ein tiefer Atemzug.
"Sie hat das immer gesagt." Seine Stimme wird leiser.
"Ich seh aus wie er." Eine Hand packt ihn im Nacken.
"Immer wieder."Seine linke Hand legt sich an die Stelle, wo sich der Griff fest in sein Fleisch bohrt. Er schließt die Augen, atmet tief und öffnet sie wieder.
Beide Hände legen sich nun an die zusammengeschraubte Außenwand. Es ist gut, etwas an der Haut zu spüren.
"Verstehste? Da is dieses ... Baby. Das sieht aus wie ich. Und es hat keinem was getan." Seine Finger krümmen sich um die Kante des Brettes. Dann, gerade laut genug, dass es hörbar ist:
"Ich hatte auch keinem was getan."Die Enge im Hals kehrt zurück. Er versucht, dagegenanzuschlucken.
"Und trotzdem hat sie mich gehasst. Einfach nur, weil ich da war."Die Worte nehmen ihm die Luft. Für einen Moment arbeitet nur sein Kiefer. Dann presst er weiter.
"Ich seh ihn an und fühl ihren Hass in mir."Seine Hände krallen sich ins Holz, sodass die Fingerknöchel weiß werden. Die kleine Ader auf der Stirn schimmert durch die Haut.
"Er jagt mir ne scheiß Angst ein. Alle wollen, dass ich mich kümmer. Dad spiel. Weil er n Recht auf ..." ein hastiger Atemzug bricht den Satz ab.
"... darauf hat."Sein Blick hebt sich. Düster funkelt er Gerda an.
"Aber was is mit seinem Recht auf Sicherheit?" Es klingt beinahe vorwurfsvoll.
"Ich kann nich garantieren, dass ich ..."Er verstummt. Die Augen flackern. Das Holz kratzt unter seinen Fingern. Wieder schließt er die Augen. Und atmet. Als er die Lider hebt, fällt sein Blick auf seine Hände. 'Stay true'.
Schwer blinzelt er einmal.
"Er is bei mir nich sicher. Ich hab mich nich unter Kontrolle."
Dann sinkt seine Stimme noch weiter.
"Er soll nich erleben, was i..."Die Lippen verschließen sich. Ein letztes Mal atmet er tief durch. Dann steht er ungelenk auf, das Knie sendet einen scharfen Impuls durchs Bein, sodass er einmal kurz zusammenzuckt. Ohne Gerda noch einmal anzusehen, schleicht er hinaus.
Whiskey. Im Kiosk wird er eine Flasche bekommen. Oder drei.
[[File:4.png|none|fullsize]]
Gerda hatte die ganze Zeit ruhig zugehört ohne etwas zu sagen. Achtsam lauschen, beobachten, analysieren, Holz anreichen und festhalten waren ihre Tätigkeiten. Das Bonbon überhaupt da war, hatte sie völlig vergessen! Das war ihr noch nie passiert. Nun ist es so, als wäre das Hündchen nie in einem anderen Raum gewesen. Das Tierkind tröstet und klärt die Atmosphäre. Das tut sie auch noch, als Logan nach etwa einer halben Stunde zurückkehrt. Bonnie begrüßt ihn ruhiger als sonst, dass kann sie hören. Sie selbst hatte sich ein paar Notizen auf Karteikarten gemacht, um sich später nochmal in Ruhe damit zu befassen. Das Gro hatte sie verstanden und das Mosaikbild in ihrem Kopf ist um einige Steinchen erweitert worden.
'Ich sehe dich und deine Vergangenheit klarer und klarer' führt sie den Dialog mit sich selbst fort. Schweres Glasgeklapper und Papiertüten-Geraschel ist zu hören.
'Okay. Jetzt haben wir mindestens zwei Flaschen Whiskey im Haus. ...Das wird ne kurze Nacht für mich. Nun denn. Ich hab ja auch einiges dafür getan.' Pfotengeklicke kündigt Bonnie an und Gerda schafft es man gerade noch ihren Snackteller und das Monsterweinglas zur Seite zu stellen. Eine kurze Begrüßung später - als hätten sie sich zwei Tage nicht gesehen statt zwei Minuten - und Gerda kann den Schrauber und ihre mittlerweile beachtlichen Verbindungsfortschritte wieder aufnehmen. Das Regal sieht schon wie eins aus, findet sie stolz. Sie klemmt sich gerade drei neue Schrauben zwischen die Lippen und überprüft die zuletzt geleimte Fläche, als sie eine Bewegung im Türrahmen wahrnimmt. Damit ihr Mitbewohner die maximale Aktionsfreiheit hat, schaut sie nicht auf und spricht ihn auch nicht an. Er soll sich nicht gezwungen fühlen krampfig wegschauen zu müssen, falls er zurückkommen oder in sein Zimmer gehen mag.
Logan verharrt im Türrahmen. Wie damals, wenn er nicht wusste, ob es klug war, einzutreten. Seine Arme hängen schlaff herunter, eine Hand umklammert eine Whiskyflasche. Zwei andere stehen in der Küche. Ihm ist klar, dass drei Flaschen vollkommen übertrieben sind. Trotzdem musste er sie alle mitnehmen. Er weiß nicht, warum.
Scheu tastet sein Blick die Wandseite ab, an der Gerda das Werkeln übernommen hat. Sie ist ein gutes Stück vorangekommen. Klar. Ohne ihn geht alles besser.
Vermutlich hat es ihr einen gewaltigen Aufschwung gegeben, ihn fertig zu machen. Und sie musste nicht einmal viel dafür tun. Und jetzt ist sie viel zu beschäftigt, um ihn auch nur anzusehen. Kein Wort hat sie gesagt. Keine Geste des Trostes. Sein Leid ist ihr doch scheißegal.
Stumm seufzend zieht sein Blick zurück bis auf seine Füße. Wieder einmal fühlt sich alles kaputt an. Und er ist allein. Wie immer.
Beinahe lautlos nimmt er die erste Tür und verschwindet in seinem Zimmer.
Einen Moment steht er haltlos da. Dann zieht er das Handy aus der Tasche, tippt darauf herum und setzt sich in die Ecke auf den Boden.
Als er die Flasche zu einem großen Schluck ansetzt, ertönen die ersten Akkorde von Ronnie James Dio. Seit er diese Stimme das erste Mal hörte, bewundert er die Kraft darin. Einer der Musiker, dessen Tod ihn schwer getroffen hat.
'When there's lightning, you know it always brings me down.
Cause it's free and I see that it's me
Who's lost and never found.'Der Whisky brennt im Hals. Logan legt den Hinterkopf gegen die Wand, als wäre er zu schwer, ihn länger selbst zu tragen. Dieser Tag scheint einfach nicht enden zu wollen.
'Do your demons, do they ever let you go?
When you've tried, do they hide, deep inside?
Is it someone that you know?' Er schließt die Augen, müde und erschöpft. Unzählige Bilder kämpfen um seine Aufmerksamkeit. Szenen aus Oxford, Billwerder, Berlin, Monica, Natalie, ER, Billie und der Zwerg werden zu einer undefinierten Collage. Dann legt sich Gerdas Gesicht darüber. Und plötzlich erkennt er es. Sie sah enttäuscht aus, als er sagte, er würde irgendwann abhauen. Logan öffnet die Augen und starrt das Holzmuster an der Decke an.
Warum hat er das vorhin nicht bemerkt? Hat er sie überhaupt angesehen?
'You're just a picture, you're an image caught in time.
We're a lie, you and I.
We're words without a rhyme.'Sie baut sein Regal auf. Seins. Für seine Platten.
Er bringt den Kopf in eine aufrechte Position. Neue Gedankengänge spülen in seinen Verstand. Was, wenn sie ihn nicht angesehen hat, weil sie weiß, dass er ihren Blick nicht ertragen hätte?
Ein tiefes Seufzen kämpft sich aus seinem Brustkorb. Er ist so ein beschissenes Arschloch. Wie lange ist es her, dass er ihr sagte, sie soll nicht an ihm ersticken?
'Feel the magic, I feel it floating in the air.
But it's fear, and you'll hear
It calling you beware.'Er nimmt noch einen kräftigen Schluck, um sich auf den bevorstehenden Kampf des Aushaltens vorzubereiten. Nachdem Dio seine letzten heiseren Worte ausfaden lässt, schaltet Logan den Player aus. Zwei Atemzüge, bevor er sich umständlich aufstemmt und so leise wie möglich die Tür öffnet.
Direkt gegenüber arbeitet sie noch immer. Vielleicht tut es ihrem Kopf ebenso gut wie seinem, wenn der Körper etwas tun kann.
Es ist ihm beinahe peinlich, als Bonnie seine Ankunft verrät. Ein motivierender Schluck wird die Kehle hinuntergestürzt, bevor er über die Schwelle tritt. Langsam kommt er ihr näher, wie einem bröckelnden Abgrund. Seine Finger umklammern den Flaschenhals, weil er gerade der einzige Halt ist. Sein Verstand sucht fieberhaft nach Worten. Er findet kein einziges.
Also schweigt er, als er eine großzügige Armlänge schräg hinter ihr stehen bleibt und ihre Arbeit betrachtet, weil er sie nicht ansehen kann. Sekunden vergehen. Dann reicht er ihr kommentarlos die Flasche.
Wie schwer ihr Herz unter all dem ablenkenden Bauen ist merkt sie erst, als er in seinem Zimmer verschwunden ist und ihre innere Anspannung abfällt. Es hat sie fast alles an Restreserven gekostet, den Schnabel zu halten und so zu tun, als wären sie beide nicht am selben Ort.
"Scheiße" murmelt sie dem neuen Dreiersatz Schrauben in ihrer Linken zu. Und dann kommen sie auch schon. Die Tränen, von denen Bird dachte, dass sie sie in ihrem sachanalytischen Berufsmodus im Griff hat. Aber nix da. Obwohl die Tatsache, dass Baghi bloß unter einer Stunde weg war, unter den geschaffenen Umständen enorm ist! Trotzdem schneidet seine Flucht sich tief bei ihr ein, jetzt wo er wieder Zuhause ist. Ihr zwischenzeitlicher, kleiner Reflexionskreis hat die Frage aufgeworfen, ob ihr, als Königin der feigen Abgänge, die schicksalhafte Begegnung mit Logan vom Karma zugespielt wurde. Sozusagen als beginnende Zahltagreihe?!? Wie auch immer, es ist was es ist und sie wird sich noch öfter damit auseinandersetzen müssen. So weh es auch tut: Vielleicht ist es eine Notwendigkeit, die sie üben kann und sollte. Denn eines Tages wird er mit Sicherheit auch sie verlassen. Das hat er gesagt. Unmissverständlich. Ihr Hals beginnt zu schmerzen und sie kann nicht schlucken. Auch atmen will für einen kurzen Moment nicht klappen. Dann geht es wieder, Atem und Tränen bewegen sich. Und noch etwas anderes bewegt sich. Das Hündchen und der Panther kommen versetzt bei ihr an. Es passiert erst ein Mal gar nichts. Dann sieht sie eine Flasche im Augenwinkel. Gerda lässt alles fallen und nimmt sie mit einem rauen
"Danke" an. Ihre Stimme klingt, als hätte sie sie Stundenlang nicht benutzt. Ohne zu zögern trinkt sie fünf tiefe und lange Schlucke. Es brennt fürchterlich, aber Bird zwingt sich in die Beherrschung und ringt das Gefühl von Verätzungen der Atemwege nieder. Ein weiteres Mal setzt sie an, jedoch nur für einen besseren Nipper.
Der war für den Geschmack, redet sie sich ein. Sofort knallen die Prozente auf den Wein rein und zumindest die aufgekommene Heulerei versiegt, auch wenn ihr Gesicht garantiert noch davon gezeichnet ist. Aber wenn sie sich erstmal nicht angucken...
"Wollen wir noch weiter machen? Ich bin mittlerweile ganz gut mit der Leimflasche am Start. Bin heut wohl Flaschenkind, oder so" lacht sie schwach über den schlechten Spruch und winkt entschuldigend in die Luft und an der halbleeren Weinflasche vorbei.
"Sorry. Ich weiß nich mehr, was ich sag. Wolln wir nebenbei Musik hören? Dann quatsch ich zumindest für ne Weile weniger Scheiße und wir kommen ein bisschen zur Ruhe. So mit Mucke und Brennstoff." 'Und beieinander sein.'Gerda reißt ihm die Flasche nahezu aus der Hand, als wäre sie die letzte Rettung. Wie Wasser kippt sie das Zeug in sich hinein.
Irgendetwas in ihm zieht sich zusammen. Sieht er auch so elend aus, wenn er das macht?
Scheiße.
Man muss kein Empath sein, um zu sehen, dass sie geweint hat. Viel und heftig.
Monica.
Während er sie beobachtet, kann er regelrecht spüren, wie die Zusammenhänge sich in seinem Verstand auflösen. Wieso ist sie noch mal so zerstört? Doch nicht nur, weil er irgendwann weggehen könnte. Das ergibt doch keinen Sinn. Da muss noch mehr sein. So ein toller Typ ist er nun wirklich nicht, dass sie zwei Jahre im Voraus trauern müsste.
Sie flüchtet sich in Ablenkung. Diese Sprache versteht er.
Wortlos geht er in den Hausflur, wo seine Sammlung gestapelt und verpackt darauf wartet, gehuldigt zu werden. Wahllos öffnet er irgendeine Kiste. Der Geruch von alter Pappe weht ihm in die Nase. Sofort ist die Schwere des Tages um einige Gramm leichter. Er zieht eine Papphülle hervor.
Simon and Garfunkel. Viel zu emotional.
Led Zeppelin. Hm ... Vielleicht.
The Who.
Doors.
Stones.
Passt.
Er kommt zurück ins Wohnzimmer, wo er die Platte mit ungewohnter Sanftheit auflegt. Das charakteristische Knacken ertönt noch vor dem ersten Gitarrenriff.
"Bird ..." Er seufzt und macht einige Schritte auf sie zu, den Blick auf den Boden gerichtet. Eine Armlänge, weniger großzügig als zuvor, bleibt er neben ihr stehen.
"Es sieht vielleicht nich so aus, aber ich geb mir wirklich Mühe." Unter den Brauen schaut er zu ihr auf.
"Darum ziehen wir das jetzt durch und du sagst, was du zu sagen hast. Hashtag ersticken und so." Hilfesuchend gleitet sein Blick über den Boden. Er braucht irgendetwas in den Händen. Aus Ermangelung an hilfreichen Gegenständen pflückt er die Flasche aus ihrer Hand und beginnt am Etikett zu fummeln.
"Also sag mir, was ich falsch gemacht hab. Hab ich irgendwas fieses gesagt? Weil, ganz ehrlich ...", resignierend schüttelt er den Kopf, die Schultern zucken,
"Ich krieg jetzt schon nich mehr zusammen, was ich vorhin gesagt hab. Also, ich weiß schon, worüber wir gesprochen haben." Feigheit, Billie und der Zwerg, abgehauen, ... "Aber die Details ..." die freie Hand macht eine verpuffende Geste.
[[File:7.png|none|fullsize]]
In der Zeit, die Baghi im Flur und am Plattenspieler verbringt, spult sich ihre Runde zwei der Traurigkeit ab.
„Scheiß Geheule, man.“ Nie, nie, nie hat sie sich unter Kontrolle. Zwei weitere Schlucke, kleiner und gesitteter, finden ihren wärmenden Weg in ihre Eingeweide. Schniefend atmet sich Bird wieder in den Arbeitsfokus.
Plötzlich ist Logan wieder da. Ein wohlbekanntes Musikstück der Stones erklingt nach dem feinen Knarzen ihres LP-Abspielgerätes. Sie muss unwillkürlich schmunzeln. Die unheilvollen und massiv energetischen Klänge des Klassikers Paint It, Black fließen wie ein intravenös verabreichter, motivierender Koffeinschub im ersten Sonnenlicht des Tages in sie hinein. In ihrem Inneren vermischt es sich dort mit ihrer Schwere.
„Eine gute Wahl.“Noch bevor Micks Stimme erklingt, hört sie Logan sprechen und ihr Herz beginnt gefühlt von Neuem zu bluten. Dieses Mal allerdings vor Rührung.
„Ich weiß, sehe und spüre, dass du dir Mühe gibst und ganz, ganz oft über deine Grenzen für mich gehst. Beweisstück keine-Ahnung-15-oder so: Hashtag Ersticken. Ich danke dir dafür.“Gerdas Hand lässt die Flasche los und ist plötzlich ohne Auftrag. Langsam streicht sie sich die Haare aus dem Gesicht und über den Schädel.
„Du hast nichts falsch gemacht und auch nichts Fieses gesagt, Baghs. Du hast lediglich ehrlich geantwortet - für dich. Das wars. Und es ist nie verkehrt, egal wie es anderen damit geht." Gerdas Stimme bekommt ein leichtes zittern.
"Jeder hat die Aufgabe, sich selbst an erster Stelle aufrecht zu erhalten. Ist die Grundvoraussetzung, um irgendwann auch andere mit zu versorgen."Bird sieht ihn noch immer nur im halben Profil an. Er steht da, trinkt, kratzt am Etikett, trinkt, brummt.
„Du sagtest: Es wird vermutlich irgendwann dazu kommen, dass du einfach abhaust, weil du das immer machst.‘ Das waren deine Worte. Und abgesehen von schweren, existenziellen Bedrohungen ist das das schlimmste Worst-Case-Szenario, das ich mir vorstellen kann“, gesteht sie kleinlaut und erklärt weiter, mit beginnendem Brausekopp.
„Wenn du nicht mehr in meinem direkten oder indirekten Umfeld wärst ...“ Sie bricht kurz ab und grabscht nach der Flasche.
„Scheiße, man! Dann würden mit dir Freude, Wärme, Humor und Sicherheit verschwinden sowie auch das gelegentliche Kribbeln, dass ich so mag. Und die Klomusik!“, nuschelt sie, bevor eine Pause entsteht.
„Im Prinzip fast die Hälfte meines schönen Lebens“, mault sie nun fast und trinkt beschämt und mit brennenden Wangen sich in eine garantiert üble Alkoholdingsirgendwas..., dass was vor Vergiftung kommt.
Der Song rollt durch den Raum, schwer und treibend, als hätte jemand den Boden unter ihnen in Bewegung gesetzt.
Logans Finger erstarren am Etikett.
Sicherheit?!
Ausgerechnet.
Sein Blick hebt sich zu ihr, langsam und beinahe misstrauisch. Als hätte sie das Wort irgendwo aufgeschnappt und ihm nun vor die Füße gelegt, ohne zu begreifen, was es eigentlich bedeutet.
Hat sie denn die letzten Wochen nicht aufgepasst?
Gerda greift nach der Flasche und Logan lässt sie ihr anstandslos, weil sein Kopf noch an diesem einen Begriff hängt.
"Ich seh ja ein, dass manche Dinge Ansichtssache sind", findet er schließlich zu sich.
"Verschiedene Sichtweisen, nenn es wie du willst."Seine Hand schließt sich um den Flaschenhals und zieht ihn ihr nach dem nächsten Schluck vorsichtig, aber bestimmt aus den Fingern. Er sieht auf die Flasche, dann auf ihr Gesicht. Rote Augen. Brennende Wangen. Dieser beschissene Trotz, der ihn an sich selbst erinnert.
"Aber Sicherheit? Ehrlich?"Er will lachen, doch es bleibt ihm im Hals stecken.
Einen Moment wendet er sich ab. Sein Blick flieht, an den Pflanzen vorbei, aus dem Fenster. Als könnte er in der Ferne das entscheidende Argument finden, um ihr klar zu machen, wie falsch sie liegt.
"Okay, schon klar. Du hältst mich für nen tollen Kerl. Aber die Wahrheit is doch", eindringlich sieht er sie an. Diese kaputte Version von ihr, die er erschaffen hat.
"Dass ich Probleme mach. Mit mir hat man ständig Stress. Guck dich an, Bird. Du solltest froh sein, wenn du mich los bist." Der Satz ist heiser. Er hasst es, wie gebrechlich er klingt.
Er setzt die Flasche an, mehr um Zeit zu schinden, als einem Bedürfnis nachzukommen.
"Und bis es soweit is, willste jetzt jedes Mal in Tränen ausbrechen, wenn ich einkaufen geh?"Die Worte sind leise. Unbeholfen versucht er, ihrem Blick standzuhalten, gibt aber nach einem halben Atemzug auf.
"Ich sag dir was."Die linke Hand streicht über die Locken bis zum Hinterkopf, wo sie einige Male die harten Stränge im Nacken massieren.
"Solange Klampfe und Laptop da rumstehen, bin ich nich weg."Er weiß, dass das wenig ist. Aber mehr kann er im Moment einfach nicht geben.
'Geteilter Whiskey, ist halber Whiskey.' springt ihr in den Sinn, als ihr die Flasche wieder entwendet wird. Gerda blinzelt sich klären, nachdem sie den zweiten Schick im Magen spürt. THEORETISCH richtig und und AUCH aaaabsolut SINNVOLL. Die eingestellten Getränke beginnen, ihre Koordinatiobsfähigkeiten durcheinander zu bringen. Trotzdem will sie sich momentan einfach nur maulig die Flasche wieder aneignen und sie nicht wieder her geben, bis sie leer ist. Auch zuhören und nachdenken sind zuviel.
Alles tut weh.
Bird hebt trotzig, schmerzerfüllt und bockig den Blick, als er den Einkaufskommentar fallen lässt.
'Bitte was?' Das ist so... Über ihr gewöhnlich geräuschvolles Atmen hinaus, erhebt sie sich unelegant aber noch flüssig und funkelt ihn an. Auch wenn sie auf seine Bemühungen und seine mentale Erschöpfung Rücksicht nehmen will, geht es nun NICHT mehr.
"Alter!" nuschelt sie vom Schwipps getragen,
"Kannst du bitte aufhören für mich zu entscheiden, was gut oder nich gut für mich is?! Ich kann alleine meine Grenzen ziehen. Und nich jede verfickte Zerstörung hat allein mit dir zu tun, okay!?" Eine sanfte Grabschehand holt sich das Gold zurück.
"Unauf gar kein Fall" zieht sie mit Mauligkeitsflunsch die Brauen in die Stirn,
"werd ich jetz immer rumheuln, wenn du Einkauf gehst." Ein großzügiger Schluck später,
"uuuhuund ich weiß sehr wohl, wie man ds Wort Sicherheit richtig verwendet." Vorwurfsvoll wedelt sie ihm mit der Flasche entgegen. Deutlich weicher fügt sie hinzu,
"Hab deinen Blick bei dem Wort gesehen" erklärt sie.
"Bin weder einfältig noch zart besaitet."[[File:8.png|none|fullsize]]
Logans Finger bleiben einen Moment in der Luft hängen, als die Flasche wieder aus seiner Hand verschwindet. Sein erster Impuls ist, erneut danach zu greifen. Er blinzelt langsam. Der Alkohol ist in ihrem Verstand angekommen. Ihre Hand umklammert den Whisky, den er bezahlt hat, als wäre er der einzige Halt für ihre Existenz. Der Anblick widert ihn an. Das ist seine Rolle. Auf der anderen Seite zu stehen, fühlt sich falsch an. Als würde sie ihm seine eigene Erbärmlichkeit vorhalten. Wie ist es so weit gekommen? Die letzte Stunde in Gedanken Revue passierend, muss er sich eingestehen, dass er keinen Schimmer hat, was genau sie so aus der Bahn geworfen hat. Für einen Moment arbeitet sein Gesicht, als hätte sich irgendwo ein Zahnrad verkantet. Er hat versucht, auf ihre Verlustangst einzugehen, obwohl er sie nicht nachvollziehen kann und wird dafür jetzt blöd angemacht? Fein. Der Punkt ist erreicht, an dem das hier zu nichts mehr führen wird.
"Ich hab keinen Plan, was du da redest", brummt er genervt.
"Hab ich gesagt, du bist zart? Oder einfältig?" Seine Worte klingen härter als beabsichtigt. Ihm fehlt die Kraft, es weicher zu machen. Sein Blick fällt auf das halbfertige Regal. Warum wird alles, was sie zusammen machen, zur Katastrophe?
"Du bist dicht und ich bin durch." Er setzt sich mit schweren Schritten in Bewegung, nah an ihr vorbei, in die Küche. Dort nimmt er eine der beiden Flaschen an sich, öffnet sie und stürzt einige Schlucke hinunter. Er versteht es einfach nicht. Wann hat er welche Entscheidungen für sie getroffen? Und was sollte der Mist mit der Zerstörung? Als hätte er sich ausgedacht, dass sie wegen ihm heult.
Mick beklagt sich über die Oberflächlichkeit des stupid girls, als Logan wieder ins Wohnzimmer kommt. Die fast volle Flasche in der Hand, wirft er einen Blick zu Gerda, dann zum unfertigen Werkstück hinter ihr. Kurz überlegt er. Sie würde in diesem Zustand nicht weiter machen.
Seine rechte Braue zuckt. Nein, würde sie nicht.
"Finger weg von der Baustelle", brummt er, während er sich abwendet.
"Der Scheiß war teuer. Wenne das verkackst, bau ich was so hässliches, dasse dir die verdammte Studentenlösung wünschen wirst."Damit knallt seine Zimmertür hinter ihm in den Rahmen. Feierabend.
(in Zusammenarbeit mit
@S.Bin. )