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San Sequoia - Gerichtsgebäude
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Charaktere: Vaas
Geschichtsstrang: Termine über Termine III
Das Gerichtsgebäude taucht vor Vaas auf, als auf seinem Handy bereits vier Minuten mehr stehen als auf dem zerknitterten Zettel in seiner Hosentasche. Er nimmt die breite Treppe im Lauf, zwei Stufen auf einmal, zieht an einem Paar vorbei und bremst erst vor den Glastüren. Acis Tablette macht ihren Job wunderbar. Die Beine sind leicht, der Kopf wach, die Umgebung scharf und sein Körper mit erheblich mehr Lust auf Bewegung als auf alles, was hinter diesen Türen wahrscheinlich verlangt wird.

Drinnen wartet eine Schlange vor der Sicherheitskontrolle. Vaas bleibt stehen, schaut zur Uhr über dem Eingang, zählt die Leute vor sich und verzieht das Gesicht. „Klasse...“ Er geht an der Schlange vorbei bis zum Tisch und zieht den Gerichtszettel aus der Tasche. Der Sicherheitsmitarbeiter sieht erst darauf, dann an Vaas vorbei zu den Leuten, die er gerade überholt hat. „Ich gehör seit vier Minuten da hoch.“
„Dann stellen Sie sich bitte hinten an.“
Vaas schaut zur Schlange. „Dann gehör ich nachher seit fünfzehn Minuten da hoch.“
Der Mann schiebt ihm den Zettel zurück. „Das interessiert mich nicht. Hinten anstellen bitte.“
Vaas nimmt das Papier. „Das macht dir sicher auch noch Spass.“ Er seufzt. Also zurück. Warten. Vor, stehen, wieder einen halben Schritt vor, Hände in die Taschen, wieder raus. Bis er endlich dran ist, hat er den Gerichtszettel zweimal gefaltet und einmal fast an der Naht entlang zerissen. Er leert seine Taschen in eine Kunststoffschale. Handy, Schlüssel, Feuerzeug, ein paar Kabelbinder, zwei Schrauben, ein kleiner Metallwinkel, Taschenmesser und der Schraubendreher aus der Werkstatt. Der Mitarbeiter nimmt Messer und Schraubendreher heraus. „Die beiden Gegenstände erhalten Sie beim Verlassen zurück.“
Vaas schaut auf den Schraubendreher. Noch bevor er etwas dazu sagen kann, wird er durch den Detektor gewunken. „Durchgehen.“ Der Detektor piept. Vaas geht zurück, tastet sich ab und findet noch eine Unterlegscheibe in der hinteren Hosentasche. Beim zweiten Versuch bleibt das Gerät still. Bis Vaas Gürtel, Jacke und Tascheninhalt wieder verteilt hat, ist aus den vier Minuten eine Verspätung geworden, die selbst ihm langsam schwer als Rundungsfehler durchgeht.
Oben im Flur steht seine Anwältin neben einer geschlossenen Saaltür. Dr. Meera Sankarasubramanian. Vaas hat ihren Namen dreimal lesen müssen und danach beschlossen, dass er hervorragend ist. Sie arbeitet über eine Rechtsberatungsstelle, die für Leute ohne Geld unter anderem kleinere Strafsachen übernimmt. Vaas hatte mit ihr ein längeres Gespräch im Büro, zwei Telefonate und einen Vorbereitungstermin. Sie kennt den Baumarktbericht, die Videoaufnahme, die Schadensforderung und mehr von seinem Leben, als Vaas ursprünglich vorhatte, ihr zu erzählen. Dafür bekommt sie keinen Simoleon von ihm. Er hat mehrfach geprüft.
Sankarasubramanian spricht gerade mit einer Gerichtsmitarbeiterin. Dann sieht sie Vaas kommen. Ihr Blick geht zur Uhr.
„Herr del Toro.“
Vaas bleibt vor ihr stehen und muss erst einmal Luft holen. „Sankara... Subram...“
Sie wartet.
„Frau Anwalt“, bringt er fertig und grinst zufrieden. „Bin da.“
„Sie wurden vor achtzehn Minuten aufgerufen.“
Das Grinsen bleibt. Sein ausser Atem sein auch. „Unten haben sie mich komplett auseinandergenommen.“
Sankarasubramanian schaut ihn an. „Das erklärt nicht, warum Sie beim Aufruf nicht hier waren. Sie hätten früher kommen können“
Vaas zieht die Brauen hoch. Gut weiss sie nicht, dass er gar nicht hatte kommen wollen. „Das sind zwei verschiedene Probleme.“
Die Gerichtsmitarbeiterin neben ihr blättert in ihrem Stapel. „Der Fall wurde zurückgestellt. Wenn es der Sitzungsablauf zulässt, werden Sie heute noch einmal aufgerufen. Bis dahin bleiben Sie bitte im Wartebereich.“
Vaas schaut zur Saaltür. „Und wenn nich?“
„Dann wird das weitere Vorgehen mit Ihrer Verteidigung geklärt.“
„Also warten. Reden wir hier von einmal draussen eine Kippe rauchen lange, oder mehr so, hätte ich besser ein Nackenkissen mitgebracht lange?“
„Das variieret“
Er verzieht das Gesicht. Quer durch San Sequoia rennen, damit er anschliessend auf einem Kunststoffstuhl sitzt. Was für eine grossartige Entwicklung eines Vormittags. Sankarasubramanian bedankt sich bei der Mitarbeiterin und deutet mit der Akte auf die Bank. „Setzen Sie sich. Wir nutzen die Zeit.“
Vaas setzt sich. Zehn Sekunden später sitzt er bereits anders. Nach weiteren fünf liegt ein Bein ausgestreckt, dann wieder nicht. Sankarasubramanian öffnet ihre Akte, zieht einen Stift heraus und verliert ihn im selben Augenblick an Vaas.
„Darf ich?“, fragt er, während er ihn bereits zwischen den Fingern dreht.
Sie schaut auf seine Hand. „Sie könnten solche Fragen künftig zeitlich günstiger stellen.“
„Mach ich.“ Vaas grinst und lässt den Stift über die Finger laufen.
„Die Videoaufnahme zeigt Sie am hinteren Zugang des Baumarkts“, beginnt Sankarasubramanian. „Das bei Ihnen gefundene Werkzeug passt zum Schaden. Wir bestreiten nicht, dass Sie dort waren.“
„Wär bei Video auch bisschen sehr ambitioniert“, sagt Vaas ohne vom Stift aufzusehen.
„Gut. Behalten Sie diese Einsicht.“ Sie nimmt ihm den Stift wieder weg, als er beginnt, die Kappe abzuschrauben. „Sie erinnern sich wegen Ihres Zustands nicht vollständig an den Ablauf. Das sagen Sie so. Sie wissen nicht, was Sie damals genommen hatten. Dann bleibt es bei: Sie wissen es nicht.“
Vaas schaut ihr beim Schreiben zu. „Ich könnt beschreiben, wie es gewirkt hat.“
„Das tun Sie nicht.“
„War ziemlich spezifisch.“
„Herr del-.“
„Schon gut.“ Seine Hände sind wieder leer. Das hält nicht lange. Der Gerichtszettel kommt aus der Tasche, eine Ecke wird zurückgefaltet und glattgestrichen.
„Die Pfändung erklärt Ihre Wut“, fährt Sankarasubramanian fort. „Sie rechtfertigt den Baumarkt nicht. Falls der Richter danach fragt, erklären Sie den Zusammenhang kurz.“
Vaas schaut sie an. „Klingt als wär dass nebensächlich...“
„Für die Frage, ob Sie eine Baumarkttür beschädigt haben, ist es das.“
Er zieht die Stirn zusammen. „Das finde ich nicht in Ordnung, Sie.“
„Ich bin Ihre Anwältin. Nicht die Pfändungsstelle.“ Sankarasubramanian lässt sich davon nicht aus der Spur bringen. „Wenn der Richter fragt, weshalb Sie dort waren, sagen Sie, dass Sie nach der Pfändung wütend waren, etwas konsumiert hatten und an diesem Abend eine sehr schlechte Entscheidung getroffen haben.“
Vaas kratzt mit dem Fingernagel über die Papierkante. „Also eine schlechte Entscheidung ohne grossen Plan. Klingt viel zu banal. Da steckt viel mehr dahinter. Ich dachte ich soll nicht lügen“
Sankarasubramanian hebt den Blick von der Akte. „Sie sollen nicht lügen. Sie sollen nur aufhören, Kürze mit Lüge zu verwechseln.“
Vaas schürzt die Lippen. „Wenn ich drei Viertel weglass, klingt der Rest halt anders.“
„Sie sagen den Teil, der die Frage beantwortet. Wenn der Richter mehr wissen will, fragt er nach.“
„Aber dann entscheidet der, was wichtig is“, meint Vaas und faltet das Papier an den Ecken zur Mitte.
„Ja.“
Er zieht die Stirn zusammen. „Beschissenes Konzept.“
„Das nennt man Verhandlung.“
„Frau Sankara...subrama...“ Vaas schaut kurz zur Decke, als läge der Rest des Namens dort irgendwo bereit. „Dein Berufsstand macht sich das schon echt bequem.“
„Sankarasubramanian.“
„Das hab ich gesagt.“
„Nein.“
Vaas grinst und klappt den Gerichtszettel einmal in der Mitte zusammen. „Aber sinngemäss.“

Sie nimmt ihm den Zettel aus der Hand, bevor er eine weitere Falte hineinbekommt, und schiebt ihn auf die Akte. „Versuchen Sie das beim Richter nicht.“
„Was? Sinngemäss antworten?“
„Zu behaupten, Sie hätten etwas gesagt, das Sie nachweislich nicht gesagt haben.“ Vaas schaut auf den Zettel in ihrer Hand. Dann grinst er.
Sankarasubramanian nutzt die zwei Sekunden Ruhe und zieht die Schadensunterlagen nach vorne. „Beim finanziellen Teil rede zunächst ich. Sie beantworten nur, was direkt an Sie geht.“
Vaas beugt sich sofort näher. „Wie teuer wird der Spass?“
Sie zieht das Blatt ein Stück zurück und Vaas folgt ihm mit dem Blick. „Warum bewegst du das weg?“
„Weil ich inzwischen weiss, was als Nächstes passiert.“
„Was passiert denn?“
„Sie sehen die Summe, erklären mir, weshalb sie Unsinn ist, und überlegen anschliessend, wie Sie den Schaden selbst für ein Drittel beheben.“
Vaas lehnt sich zurück und betrachtet sie mit ehrlicher Anerkennung. „Jetzt bin ich echt beeindruckt.“
Sankarasubramanian blättert weiter. „Bei der Sanktion werde ich darauf hinweisen, dass Ihre finanzielle Situation gegen eine zusätzliche Geldbelastung spricht. Wir haben gemeinnützige Arbeit vorgeschlagen. Ob das Gericht dem folgt, entscheidet der Richter.“
„Frau Sankara... Sankarasu... Was hat der Richter eigentlich über mich?“ Fragt Vaas schliesslich, unfähig Stille zu ertragen.
„Sankarasubramanian,“ korrigiert die Anwältin erneut.
„Ja. Die Mitte is gemein.“
„Seit meiner Geburt dieselbe. Und sie haben die Verfahrensakte und die relevanten Registerinformationen.“
„Auch Polizeizeug?“
„Nicht jede Kontrolle und nicht jeder Verdacht. Eine Kontrolle ist keine Verurteilung.“
Vaas’ Mundwinkel hebt sich. „Dann kennt der die Marke noch nich.“
„Sie sind keine Marke.“
„Das war jetzt gemein.“
„Sie haben keine einschlägige Verurteilung, die für diesen Punkt herangezogen wird. Das ist wichtiger.“
Vaas nickt. Reicht ihm. Er steht auf, setzt sich direkt wieder und zieht das Handy heraus, ohne etwas damit zu machen. Sankarasubramanian beobachtet ihn inzwischen länger. „Haben Sie heute etwas genommen?“
Vaas schaut vom Display hoch. „Wieso?“
„Sie kamen zu spät, sind seit Ihrer Ankunft dauerhaft in Bewegung, greifen nach allem, was herumliegt, und Ihre Pupillen gefallen mir auch nicht besonders.“
Vaas blinzelt sie an. Dann legt er das Handy auf sein Knie. „Mir gehts gut.“
Sankarasubramanian klappt die Akte zu. Es klingt absichtlich laut und beleidigt. Vaas schaut auf die Akte und dann zu ihr. „Was?“
„Ich habe heute Zeit in dieses Verfahren investiert, nachdem Sie bereits Ihren ersten Aufruf verpasst haben. Ich möchte ungern erst im Saal feststellen, dass mein Mandant nicht verhandlungsfähig ist. Also noch einmal: Was haben Sie genommen?“
Vaas zieht die Lippen schief. Er soll nicht lügen. Und die Anwältin ist ja scheinbar auf seiner Seite. „Amphi.“
Sie sieht ihn an. „Was heisst Amphi?“
„Dexamfetamin.“
„Wann?“
„Vor...“ Er schaut aufs Handy, rechnet sichtbar. „Anderthalb Stunden? Vielleicht bisschen mehr.“
„Wurde Ihnen das verschrieb- Warum frag ich überhaupt...“ Die anwältin seufzt und schüttelt den Kopf. Vaas grinst klein.
Sankarasubramanian atmet durch die Nase aus und sieht kurz zur Uhr. Nicht dramatisch. Eher wie jemand, der gerade eine weitere Sache auf eine Liste setzen musste, die bereits lang genug war. „Gut. Dann machen wir jetzt etwas sehr Langweiliges.“
Vaas lehnt sich etwas zurück. „Noch langweiliger geht's ja wohl gar nicht mehr. Aber nur zu, überrasch mich.“
„Wie heissen Sie?“
Überrascht dreht der den Kopf zu ihr und hält im sich strecken inne. „Ernsthaft?“
„Ja.“
Vaas grinst. „Vaas del Toro.“
„Geburtsdatum?“
„3. Februar“
„Warum sind Sie heute hier?“
„Weil Pudel abgesagt hat.“
Sankarasubramanian sieht ihn an.
Vaas lacht. „Sorry. Baumarkt. Hintereingang, Video, kaputter Rahmen, bla bla.... Ich geh jetzt eine rauchen ok?“ Noch bevor die Anwältin etwas einwenden kann, steht er auf und tritt von einem Fuss auf den Anderen. „Das darf ich doch, oder?“
Sie blickt zu ihm auf und entscheidet dass es keinen Sinn macht etwas anderes zu sagen. Oder dass sie froh ist wenn er für ein paar Minuten die Klappe hält. „Fünf Minuten. Wenn Sie aufgerufen werden und wieder fehlen, werde ich den zweiten Versuch, Sie heute vor diesen Richter zu bekommen, nicht mehr entschuldigen.“
Vaas zieht bereits die Packung aus der Tasche. „Fünf. Krieg ich hin.“
„Ihr bisheriger Vormittag spricht dagegen.“
Er läuft rückwärts Richtung Treppe. „Negativität macht Falten, Frau Sankara... Subraman...“
Sie sieht ihn an. Vaas versucht es noch einmal, diesmal viel zu schnell. „Sankarasubramanian.“ Er bleibt überrascht stehen. „Fuck. Geht doch!“
„Fünf Minuten.“
„Ja, Mom.“ Wenig später steht Vaas draussen neben dem Eingang, die Zigarette zwischen den Fingern und noch immer deutlich zu viel Bewegung im Körper.
Charaktere: Vaas
Geschichtsstrang: Termine über Termine IV
Draussen steht Vaas mit einer Zigarette neben dem Eingang, als ein bekanntes Gesicht die Treppe runter kommt. Vaas grinst. Sie kennen sich seit ungefähr einem Jahr aus einer Selbsthilfewerkstatt. Enzo arbeitet nebenbei in einem Teilelager, besorgt ihm manchmal Material günstiger oder lässt ihn die Garage seiner Eltern benutzen. Dafür schraubt Vaas an seiner Karre. Mal gegen Geld, mal gegen Zeug. Funktioniert gut für beide. Enzo hat vor allem seit der ersten Fahrt im Dodge angefangen, seinem eigenen Wagen Sachen zu gönnen, die seine Eltern beim Kauf vermutlich nicht vorgesehen hatten.
Vaas steht ohnehin nicht richtig still. Eine Ferse tippt gegen den Stein hinter ihm, die Zigarette wandert zwischen Mund und Fingern, sein Blick nimmt Enzo, die Mappe und zwei Leute an der Eingangstür gleichzeitig wahr.
„Was machst du denn hier?“, fragt Vaas und deutet mit der Zigarette auf die Mappe unter Enzos Arm. „Hat deine Mutter die Felgenrechnung gefunden?“
Enzo bleibt vor ihm stehen und am fehlenden Grinsen merkt Vaas sofort, dass das keine freundliche Begegnung wird. „Die haben meine Karre stillgelegt.“
Vaas’ Ferse hört auf zu tippen. „Wie jetzt?“
„Wegen deinem verfickten Auspuff.“
Vaas stösst sich von der Wand ab. Beim Einbau hatte er ausdrücklich gesagt, dass das Ding auf öffentlicher Strasse illegal ist. Enzo hatte damals irgendein „Jaja, schon klar, kein Ding“ von sich gegeben und mehr Interesse daran gehabt, wann sie anfangen.
„Wie hast denn das geschafft?“, fragt Vaas. Er zieht noch einmal an der Zigarette, läuft aber schon zwei Schritte von der Wand weg, bevor Enzo antwortet.
„Wurde rausgezogen wegen Lärm. Ich zeig denen die Papiere vom Endtopf, dann fangen zwei gleichzeitig an, Fragen zu stellen. Ob sonst was verändert is, warum die Karre vorher lauter war, ob irgendwo ne Klappe ist. Irgendwann wollten sie unters Auto, danach musste ich zur Prüfstelle, und Ende Gelände.“
Vaas bleibt stehen, dreht die Zigarette zwischen den Fingern. Enzo erzählt es so, als hätten die Beamten ihm kaum Luft zwischen zwei Fragen gelassen. Obs wirklich so war, ist die andere Frage. Irgendwo dazwischen hat er sich wohl festgefahren. „Jaaaa… scheisse.“ Das Wort zieht sich, während sein Blick kurz zur Mappe geht und direkt wieder zu Enzo.
„Ja, Scheisse.“ Enzo schlägt die Mappe gegen seine Hand. „Ich darf Abschleppen, Prüfung, Stilllegung und wahrscheinlich noch ne Busse zahlen. Alles wegen der scheiss Anlage.“
„Von der du wusstest, was sie is. Und die du unbedingt haben wolltest.“

Enzos Kopf fährt hoch. „Fang nich damit an!“
Vaas hebt die Zigarette wieder zum Mund. „Du fängst doch damit an.“
„Du hast das Ding gebaut.“
„Ja. Aber einfach wegzaubern kann ich sie schlecht, wenn du dich damit erwischen lässt.“ Vaas geht weiter, bevor Enzo die Gesichtszüge vollständig entgleisen können. Stillstehen fühlt sich zunehmend sinnlos an.
„Also is es einfach mein Problem?“
„Im Moment?“ Vaas zuckt mit der Schulter und dreht sich wieder zu ihm. „Ja. Is deine Karre.“
Enzo starrt ihn an. „Du bist so ein Arschloch. Tu nicht so, als wär das alles halb so wild.“
Vaas antwortet darauf nicht. Stattdessen kratzt er mit dem Daumennagel über den Filter, schaut zum Eingang und wieder zurück. Enzo ist wütend genug, um sich an allem festzubeissen.
„Du hast doch immer erzählt, wie die beim Dodge irgendwas finden wollen und du trotzdem weiterfährst“, fährt Enzo fort.
„Ja.“
„Du lügst doch. Warum sollte das bei mir dann nicht auch klappen?“
Vaas hebt die Brauen. „Ich sag’s gern nochmal: Du wusstest, dass die Klappe illegal is.“
„Ja, aber wenn du durchkommst, schaff ich das ja wohl auch!“ Enzo steht inzwischen so dicht vor ihm, dass die Mappe fast Vaas’ Brust berührt.
Vaas sieht erst auf die Mappe, danach hoch in Enzos Gesicht und geht einfach seitlich vorbei. Okay, von aussen sieht es vermutlich leicht aus. Sein Dodge wird rausgezogen, Vaas muss ein bisschen reden, und dann kann er meistens weiterfahren. Vaas müsste wirklich lügen wenn er behaupten würde, dass das schon immer so war. Aber Vaas weiss inzwischen, wann jemand nur fragt und wann jemand versucht, sich mit der Antwort die nächste Tür aufzumachen.
„Beruhig dich und chill mal. Ist halt dumm gelaufen.“
„Sag noch e i n m a l chill mal zu mir!“
Vaas dreht sich im Weitergehen zu ihm um und grinst schief. „Klingt wie ne Falle.“
Der Sicherheitsmann am Eingang schaut bereits herüber. Vaas registriert das, ebenso das Klappern einer Tür hinter sich und eine Frau, die im Vorbeigehen zu ihnen sieht. Sein Kopf sammelt den ganzen Scheiss gerade ungefragt mit ein.
„Meine Karre steht bei denen und du hüpfst hier rum und klopfst Sprüche.“
„Sorry, ist das Amphi und du bist sauer. Wir haben beide Gründe“, sagt Vaas beiläufig.
„Du bist high? War ja klar.“ Enzo lacht ungläubig auf. „Natürlich stehst du zugedröhnt vorm Gericht.“
Vaas zieht die Brauen hoch. „Bin nich zugedröhnt.“
„Du läufst um mich rum, als wär der Boden elektrisch.“
Vaas schaut auf seine eigenen Füsse. „Okay, bisschen.“ Vaas nimmt noch einen Zug, merkt erst danach, dass kaum noch etwas von der Zigarette übrig ist.
„Fick dich.“ Enzo fährt sich durchs Haar. „Meine Eltern drehen komplett durch.“
„Was haben die damit zu tun?“
„Die Karre läuft auf deren Namen mit.“
Vaas’ Gesicht verzieht sich gespielt, die Luft zieht scharf durch die Zähne. „Ssssss… Das is dann wirklich blöd.“
Enzo starrt ihn an und greift fester um die Mappe. „Verarsch mich nur weiter, du Penner. Die wollten auch wissen, wer die Anlage gebaut hat.“
Vaas bleibt stehen. Diesmal wirklich. Sein Blick geht von Enzos Gesicht zur Mappe und wieder hoch. Das Zeug in seinem Blut schiebt noch immer Bewegung durch seinen Körper, aber der Satz klingt nach verficktem Ärger.
Enzos Mund verzieht sich trotzig. „Und ich habs denen halt gesagt.“
„Was genau?“, fragt Vaas, jetzt misstrauisch.
„Dass du es warst.“
Für ein paar Sekunden kommt von Vaas gar nichts. Dann führt er die Zigarette zum Mund, merkt erneut, dass sie längst ausgegangen ist, und schaut irritiert auf das Ende, bevor sein Blick wieder bei Enzo landet. „Warum das?“
Enzo lacht ihm trocken ins Gesicht. „Weil fick dich, deshalb! Ich stand seit Stunden wegen dieser Scheisse in der Prüfstelle, die Karre ist jetzt weg, meine Eltern drehen durch und dann denk ich mir irgendwann: Warum halt ich eigentlich noch für so nen drogenverseuchten Möchtegern-Mechaniker den Kopf hin?“
„Möch-te-gern?“ ehrlich beleidigt richtet Vaas sich auf. Er lacht humorlos und zeigt mit der toten Zigarette auf Enzo. „Seit nem Jahr schleppst du mir Teile an und willst, dass ich an deiner Karre rumfummel, aber kaum finden die Bullen deinen Auspuff, bin ich plötzlich Möchtegern. Was ein Zufall.“
„Du hast die Anlage gebaut!“
„Ja. Scheint also gut genug gewesen zu sein, bis du erwischt wurdest.“
Enzo kommt wieder näher. „Darum gehts nich.“
„Doch, plötzlich ziemlich.“
„Du laberst dich doch sonst auch aus allem raus. Dann mach das jetzt eben auch.“
Vaas’ Blick wird schärfer. „Deswegen hast du mich verpfiffen?“
„Hab ich doch gerade erklärt.“
Vaas' Blick wird kalt und sein Tattoo macht es schlimmer. „Das is… richtig… erbärmlich.“
Enzos Gesicht läuft rot an. „Fick dich. Du hältst dich echt für unantastbar.“
„Ne.“ Vaas kommt einen Schritt näher. „Ich halt dich gerade nur für ziemlich bescheuert. Und ganz nebenbei richtig übel ehrenlos…“
Das reicht. Enzo holt Luft, um sofort zurückzuschiessen, doch bevor er den Satz herausbekommt, schiebt sich der Sicherheitsmann zwischen sie. Seine Schritte sind schnell und schwer auf dem Beton, der Schlüsselbund an seiner Hüfte klappert bei jeder Bewegung. Vaas hatte ihn schon kommen sehen und geht deshalb bereits zurück, während Enzo noch einen halben Schritt braucht, bis er merkt, dass jemand zwischen ihnen steht.
„Auseinander. Sofort.“
Vaas hebt eine Hand und federt zwei Schritte rückwärts. Sein Blick springt vom Sicherheitsmann zu Enzo, kurz zur Tür und wieder zurück. „Alles gut.“
„Gar nichts is gut“, sagt Enzo.
„Bei dir offensichtlich nich.“
Enzo nimmt die Mappe unter den Arm. „Viel Spass, wenn sie dich ficken.“
Vaas zieht einen Mundwinkel hoch. „Mach dir um mich weniger Sorgen.“
„Arrogantes Stück Scheisse.“
„Petze.“
Der Sicherheitsmann bleibt zwischen ihnen. „Sie gehen jetzt.“
Enzo hält Vaas’ Blick noch ein paar Sekunden fest. „Wenn sie deinen Dodge auch auseinandernehmen, lach ich.“
Jetzt kommt Vaas’ Antwort ohne jede Pause. „Sollen sie. Im Gegensatz zu gewissen anderen Leuten, weiss ich, wie man verhindert, dass er stillgelegt wird.“

„Fick dich.“ Enzo zeigt ihm den Mitelfinger, dreht sich um und geht die Treppe hinunter.
Vaas sieht ihm nach, kann aber schon wieder nicht einfach dort stehen. Er setzt einen Fuss auf die unterste Kante der Steinbegrenzung, nimmt ihn wieder runter, steckt die ausgegangene Zigarette endlich in den Aschenbecher und tastet automatisch nach der Packung, obwohl Frau S. ihm fünf Minuten gegeben hat und eine zweite jetzt wirklich bescheuert wäre.
Der Sicherheitsmann bleibt neben ihm stehen, bis Enzo unten angekommen ist.
„Freund von Ihnen?“, fragt der Mann trocken.
Vaas schaut noch einmal die Treppe hinunter. Sein Herz pocht deutlich schneller als vor der Zigarette. Enzos „Möchtegern-Mechaniker“ hat sich irgendwo darin fest gehakt und nervt ihn wesentlich mehr, als es sollte. „Seit eben weniger.“ Dann sieht er auf sein Handy. Seine fünf Minuten sind längst vorbei.
Charaktere: Vaas
Geschichtsstrang: Termine über Termine V
Als Vaas wieder durch die Glastür kommt, schaut der Sicherheitsmann von vorhin erst ihn und dann die Treppe hinter ihm an. Vaas hebt zwei Finger, als hätte er draussen lediglich eine überraschend lebhafte Geschäftsbesprechung beendet, sammelt an der Kontrolle Handy, Schlüssel und Feuerzeug in eine Schale und schafft es diesmal ohne Piepen durch den Rahmen. Oben wartet Sankarasubramanian noch auf derselben Bank. Die Akte liegt auf ihrem Schoss, der Stift darüber und in einer Haltung, die unangenehm deutlich macht, dass fünf Minuten auch in ihrem Verständnis eine messbare Grösse sind.
Vaas lässt sich neben sie fallen und bleibt dort keine zwei Atemzüge in derselben Position. Erst sitzt er vorne, dann lehnt er sich zurück. Enzos Worte ärgern ihn. Vor allem dieses Möchtegern-Mechaniker. Bescheuertes Wort. Noch bescheuerter, dass es ihn beschäftigt.
„Rein hypothetisch“, beginnt er und zieht ein Knie hoch, worauf Sankarasubramanian den Stift sinken lässt, ohne etwas zu sagen. Vaas grinst. „Angenommen, jemand baut irgendwem was ins Auto, beide wissen, dass das auf der Strasse eher so mittel legal is, und irgendwann wissen die Bullen, wers gebaut hat. Fickt das nur den Fahrer oder auch den anderen?“
Sankarasubramanian betrachtet ihn kurz. „Was wurde eingebaut?“

„Sagen wir... Auspuffzeug.“ Vaas wischt mit dem Daumen über eine kleine dunkle Stelle auf seiner Hose. „Aber es ist nichts explodiert.“
Sie zieht die Akte ein Stück von seinem Knie weg, bevor seine Finger auch die erwischen. „Das Fahrzeugproblem betrifft zunächst Fahrer und Halter. Wenn bekannt ist, wer einen unzulässigen Umbau vorgenommen hat, kann dieser Person ebenfalls nachgegangen werden. Was daraus entsteht, hängt davon ab, was sich belegen lässt.“
Vaas nickt langsam. „Name allein reicht also nich.“
„Ein Name ist kein Beweis für alles, was jemand über diesen Namen behauptet.“
„Ha.“ Vaas richtet sich auf, plötzlich sichtbar zufriedener. „Gute Antwort, Sankara... sub...“ Die Silben geraten ihm wieder durcheinander.
Sie setzt den Stift wieder aufs Papier. „Falls das weniger hypothetisch wird, sprechen Sie mit einem Anwalt, bevor Sie mit der Polizei darüber sprechen. Und Sie stimmen besser keine Geschichte mit dem Fahrer ab.“
Vaas sieht sie an. Enzos roter Kopf taucht wieder vor seinem inneren Auge auf, danach der Mittelfinger. „Hab ich gar nich vor.“
Sie schaut zu ihm, fragt aber nicht weiter. Gut. Den heutigen Vormittag braucht wirklich niemand noch mit einer zweiten Akte zu versehen.
Die Tür öffnet sich, bevor Vaas wieder etwas Interessantes finden kann, das er mit den Händen beschäftigen könnte. Eine Gerichtsmitarbeiterin tritt hinaus, nennt seinen vollständigen Namen und schaut den Flur entlang. Vaas ist bereits auf den Beinen.
„Kommt wie immer drauf an, wer fragt“, sagt er aus Reflex.
Neben ihm steht Sankarasubramanian ebenfalls auf. „Vaas.“
Er dreht sich zu ihr. „Das war doch jetzt echt harmlos.“
„Sie sind noch nicht einmal im Raum.“
Vaas zieht sein Shirt unten glatt, obwohl es danach keinen Deut ordentlicher aussieht. „Video nich diskutieren. Pfändung kurz. Wenn ich was nich weiss, weiss ichs nich. Keine chemische Autobiografie. Geld machst du.“
Sankarasubramanian nimmt die Akte unter den Arm. „Und Sie beantworten nur die Frage, die gestellt wird.“
„Mach ich.“
Sie reagiert darauf überhaupt nicht. Vaas sieht ihr zwei Schritte lang von der Seite ins Gesicht. „Du glaubst mir nich.“
„Gehen Sie rein.“
Der Saal ist kleiner, als Vaas nach dem ganzen Aufwand erwartet hat. Dunkles Holz, Akten, ein paar Stühle, vorne ein Mann mit grauem Haar und einer schmalen Brille, der keinen Eindruck macht, als hätte er heute vor, irgendjemandem eine zweite Chance auf einen guten ersten Eindruck zu geben. Richter Heller blättert in Unterlagen, während Vaas sich setzt. Der Staatsanwalt auf der anderen Seite hat bereits mehrere Seiten vor sich liegen. Vaas legt beide Hände auf den Tisch und schaut ihnen dabei zu, wie sie ungefähr vier Sekunden später wieder auseinanderwandern. Eine streicht über eine Kerbe in der Tischkante, die andere tippt einmal gegen seinen Oberschenkel. Er stoppt beides, bevor Sankarasubramanian überhaupt hinschauen muss.
Heller schaut von der Akte auf. „Herr del Toro. Sie waren beim ersten Aufruf nicht anwesend.“
„Ja.“ Vaas wirft einen kurzen Blick zu Sankarasubramanian. Das war eine Frage mit sehr überschaubarem Antwortbedarf. „Tut mir leid.“
Heller lässt eine kleine Pause entstehen. „Ich gehe davon aus, dass weitere Termine pünktlicher wahrgenommen werden.“
Vaas nickt. „Jap. Hab jetzt n Kalender.“

Heller schaut bereits wieder auf die Unterlagen. „Die Personalien stimmen?“
Vaas bestätigt sie. Danach geht es um den Vorwurf, den beschädigten Hintereingang des Baumarkts, die Videoaufnahme und das Werkzeug, das bei ihm gefunden wurde. Der Staatsanwalt trägt die Sache trocken vor. Kein dramatischer Einbruch, kein verschwundener Besitz, niemand verletzt. Dafür ein kaputter Türbereich, Werkzeug, Kameraaufnahme und Vaas direkt daneben. Ziemlich schlechte Ausgangslage für kreative Interpretationen.
Der Richter sieht ihn über die Brille hinweg an, sagt aber nichts weiter dazu. Der Staatsanwalt trägt schliesslich den Vorfall vor. In seiner Version klingt Vaas’ Abend erschreckend clean. Datum, Uhrzeit, rückwärtiger Zugang des Baumarkts, beschädigter Rahmen, Werkzeug, Aufnahme der Überwachungskamera. Ein Vortrag aus einer Reihe von Fakten, ordentlich sortiert, so dass Vaas beinahe neugierig zuhört, was er als Nächstes getan hat.
Als die Videoaufnahme zur Sprache kommt, schaut Heller auf. „Bestreiten Sie, dass Sie die Person auf der Aufnahme sind?“, fragt er.
„Nee.“ Vaas schaut kurz zum Richter und fügt an: „Wär auch bisschen frech bei der Haarfarbe.“
Heller sieht ihn an. Keine Reaktion. Nicht einmal ein Zucken. Vaas blickt zu Sankarasubramanian und bekommt auch dort nichts geschenkt. Schön. Publikum aus der Hölle.
„Sie können sich an den gesamten Ablauf des Abends erinnern?“
Vaas zieht die Lippen schief und klopft sich an den Kopf. „Leider nich. Da fehlt das eine oder andere in meiner Erinnerung.“
„Sie hatten nach eigener Aussage zuvor eine unbekannte Substanz konsumiert.“
„Für mich unbekannt.“ Sankarasubramanian dreht den Kopf. Vaas merkt es. „Also ja.“
Heller legt den Stift hin. „Der Konsum erklärt möglicherweise Ihren Zustand. Er entschuldigt die Tat nicht.“
„Soll er auch nich.“
Das wäre ein hervorragender Zeitpunkt gewesen aufzuhören. Vaas tut es nicht. „Wär auch n ziemlich geiles System“, sagt Vaas, bevor sein Mund Rücksprache mit irgendwem hält. „Vorher irgendwas einwerfen und danach ist keiner an irgendwas mehr schuld.“
Sankarasubramanians Stift stoppt. Vaas sieht es aus dem Augenwinkel. „Ich stimm ihm doch zu.“
Heller schaut Vaas über den Rand seiner Brille an. „Dann sind wir uns in diesem Punkt einig.“
Vaas nickt. „Sieht so aus.“
Der Staatsanwalt fährt fort. Er erwähnt die Pfändung in der Villa und den Streit darüber. Ebenso Vaas’ damalige Angaben, dass er aufgebracht gewesen sei und später zum Baumarkt gegangen ist. Heller fragt, wie das zusammengehört.
Vaas erinnert sich an Sankarasubramanians Formulierung. „Ich war wegen der Pfändung sauer, hatte Zeug genommen und hab ne schlechte Entscheidung getroffen.“
Sankarasubramanian lächelt zufrieden. Heller wartet. Vaas ebenfalls. Dann zieht er die Stirn zusammen. „Wobei das schon beschissen banal klingt.“
Sankarasubramanian schliesst langsam die Augen. Vaas sieht es aus dem Augenwinkel und redet trotzdem weiter. „Weil da schon mehr dahinter war. Die haben bei der Pfändung Sachen mitgenommen, die nich mal zu den Schulden gehört haben. Mein Zeug, Sachen ausm Keller, Werkzeug. Das war nich einfach ich steh morgens auf und denk mir, heute wär Baumarkt eigentlich ne starke Idee.“ Vaas merkt, dass Sankarasubramanian neben ihm nichts sagt, und nimmt das als Erlaubnis für noch einen Satz. „Danach war mein Entscheidungsprozess halt eher beschissen.“
Heller unterbricht erst, als Vaas ansetzt, die Pfändung selbst auseinanderzunehmen. Die Rechtmässigkeit dieser Massnahme werde hier nicht geprüft. Der Zusammenhang sei verstanden. Vaas lehnt sich zurück. Das ist mehr, als er erwartet hatte. „Okay.“
Heller geht weiter zum Schaden. Sankarasubramanian übernimmt sofort, bevor Vaas überhaupt auf die Idee kommt. Sie erklärt knapp, dass er derzeit kein regelmässiges Einkommen hat, die Forderung nicht auf einmal begleichen kann und deshalb Raten beantragt wurden. Der Staatsanwalt widerspricht dem nicht. Dann nennt Heller die Summe. Vaas hebt den Kopf. Seine Anwältin sieht es. Er sieht, dass sie es sieht. „Das is für die Tür?! Also nur die Tür?!“, fragt er trotzdem.
„Herr del Toro“, beginnt Sankarasubramanian leise.
„Ich frag ja nur.“ Vaas sieht wieder nach vorne. „Weil für das Geld kann ich...“
Sankarasubramanians Schuh trifft seitlich seinen. Vaas bricht ab und schaut zu ihr. Sie schaut geradeaus. „...sehr viel Verständnis für die Rechnung entwickeln“, beendet Vaas den Satz.
Der Staatsanwalt senkt den Blick auf seine Unterlagen. Ob er schreibt oder grinst, kann Vaas aus dem Winkel nicht sehen.
Richter Heller kann beides erstaunlich gut ignorieren. „Herr del Toro“, sagt Heller, „die Schadenshöhe wurde belegt.“
Vaas nickt, lehnt sich ein Stück vor und betrachtet die Unterlagen, als könnte er die Tür allein über die Distanz günstiger machen. Er murmelt: „Schon. Ich hoffe nur, dass die neue Tür danach studiert hat.“ Neben ihm kommt ein sehr leises Geräusch aus Sankarasubramanians Nase.
Der Richter legt nun die Unterlagen zusammen, wartet, bis Vaas wieder zu ihm sieht, und fährt mit den wirtschaftlichen Verhältnissen fort. Festes Einkommen: nein. Vermögen: begrenzt.
„Ich hab n Dodge.“ Er reibt Daumen und Zeigefinger aneinander, als liesse sich daraus irgendwo ein Marktwert ziehen. „Aber der is wirtschaftlich vermutlich weniger beeindruckend, wenn man weiss, wie viel davon inzwischen aus anderen Autos stammt.“
Heller fragt nach einem ungefähren Wert. Vaas schaut zur Decke, als könne dort eine Zahl stehen. „Für mich viel. Finanziell weniger“, ergänzt Vaas.
Der Richter notiert etwas. Vaas hätte gern gewusst, was. Die Verhandlung zieht sich danach ein Stück, ohne dass jemand ihn braucht. Denn der Staatsanwalt spricht über den fehlgeschlagenen Versuch, den Sachschaden, das Fehlen einschlägiger Vorverurteilungen und darüber, dass weder jemand verletzt noch etwas entwendet wurde. Vaas hört zu, während sein Fuss wieder zu wippen beginnt. Irgendwann steht Sankarasubramanians Schuh einfach auf seiner Schuhspitze. Als die gemeinnützige Arbeit ins Spiel kommt, ist seine Aufmerksamkeit schlagartig wieder hoch. Achtzig Stunden. Vier Monate. Schadenersatz nach Ratenplan. Keine zusätzliche Geldstrafe. Vaas macht im Kopf achtzig durch acht, danach achtzig durch zehn, danach fragt er sich, ob sie einen wohl überhaupt zehn Stunden lang irgendwo arbeiten lassen. Seine Hand ist schon halb oben, bevor ihm auffällt, dass er hier nicht in der Schule sitzt. „Kann ich die schneller machen?“
Heller sieht auf. „Sie können die Stunden innerhalb der Frist ableisten, sobald Ihnen eine Stelle und Termine zugewiesen wurden.“
„Also wenn ich Bock hab, kann ich das in zwei Wochen durchziehen und bin fertig?“
„Wenn die Einsatzstelle entsprechende Termine anbietet.“
Vaas nickt. „Okay.“
Sankarasubramanian schaut ihn von der Seite an, vermutlich ebenfalls überrascht, dass diese Frage einmal tatsächlich irgendwohin geführt hat. Erst als es um versäumte Einsätze geht, richtet Vaas sich wieder auf. Ein unentschuldigtes Fernbleiben werde vermerkt. Wiederholte Verstösse könnten dazu führen, dass die Sache erneut geprüft werde.
„Wie viel Puffer hat man bei sowas?“
Heller sieht Vaas an. „Das Ziel ist, keinen zu brauchen.“
„Das war nich ganz die Frage.“
„Es ist die Antwort, die Sie benötigen.“
Vaas presst die Lippen zusammen. „Okay.“ Er schaut zu Sankarasubramanian und flüstert: „Der is gut.“
„Bitte hören Sie auf, den Richter zu bewerten.“
Heller hat es offensichtlich gehört. Sein Gesicht verrät weiterhin nichts. „Haben Sie verstanden, was heute angeordnet wurde?“, fragt Heller.
Vaas nickt. „Achtzig Stunden, Termine nich verkacken, Raten zahlen und keine weiteren kreativen Baumarktbesuche.“
Heller blickt ihn an. „Die ersten drei Punkte sind die gerichtliche Anordnung. Der vierte sollte selbstverständlich sein.“
Vaas’ Mundwinkel hebt sich. „Bei mir nimmt man besser alles mit.“
Sankarasubramanian schliesst die Augen und Heller beendet die Verhandlung.
Vaas ist schon fast auf dem Weg nach draussen, als ihm etwas einfällt. Er bleibt stehen, schaut erst zum Richter, dann zu Sankarasubramanian. Ihr Gesicht sagt sehr deutlich, dass nichts mehr einfällt. „Warte. Bei den achtzig Stunden zählt wirklich Zeit und nich Arbeit?“
Sankarasubramanian bleibt stehen als hätte man ihr eine Knarre in den Rücken gehalten. Heller blickt von seinem hohen Pult auf. „Es sind achtzig Arbeitsstunden.“

„Ja, aber wenn die mir was geben, wofür jemand anders acht Stunden braucht und ich bin nach drei fertig, muss ich dann noch fünf Stunden so tun, als wär ich beschäftigt?“
„Das besprechen Sie mit Ihrer Einsatzstelle.“
„Und wenn ich mehr als die achtzig Stunden mach, wird das irgendwo gutgeschrieben?“
Heller legt den Stift gemächlich zur Seite, faltet die Hände und sieht Vaas geduldig an.. „Nein.“
„Gar nich?“
„Nein.“
Vaas zieht die Brauen zusammen. „Schade. So n kleines Strafzeitkonto wär organisatorisch schon stark.“
Neben ihm greift seine Anwältin nach seinem Arm als zeichen, dass sie jetzt auf dem Weg raus sind und nichts mehr mit dem Richter besprochen wird.
Heller bleibt auf seine rPosition und blickt wie ein zufriedenes Huhn zu ihnen herunter.. „Herr del Toro, ich empfehle Ihnen, keinen Bedarf für ein solches Konto entstehen zu lassen.“
Vaas nickt ernst. „Mhm... So kann mans auch sehn...“
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