San Sequoia - Krankenhaus

25.07.2026 15:08
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26.07.2026 15:52 (zuletzt bearbeitet: 04.08.2026 02:08)
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>>> Vaas Del Toro kommt von Del Sol Valley - Jacks Eigentumswohnung >>>

Geschichtsstrang: Du darfst jetzt nicht einfach verrecken
Charaktere: Nicky, Vaas

Als Vaas wiederholt erklärt, dass er Nicky del Toro besuchen will und weder ihr Anwalt noch ihr Bewährungshelfer noch irgendein Typ ist, der sich aus Spass in Krankenhäuser schleicht, um schwer verletzten Patienten Blumen zu verkaufen, betrachtet ihn die Frau hinter dem Empfangstresen mit jenem sorgfältig neutralen Gesicht, das wahrscheinlich Bestandteil ihrer Ausbildung gewesen ist und Leuten vermitteln soll, sie würden ernst genommen. Sie vergleicht Vaas zum dritten Mal mit seinem Führerschein, wobei ihr Blick jedes Mal denselben Weg nimmt: vom glatten, tätowierungsfreien Gesicht auf dem Foto zu seinem Gesicht, hinunter zum Namen und wieder hinauf zum schwarzen Totenkopf. Beim ersten Mal hat er noch geglaubt, sie prüfe gründlich. Beim zweiten Mal wirkt es schon als hätte sie entschieden auf ihr Bauchgefühl zu hören. Jetzt hält sie den Ausweis so hoch, als wolle sie zwei leicht unterschiedliche Produktbilder vergleichen und herausfinden, welches davon eine billige Fälschung ist.
Auf ihrem Namensschild steht JANET KELLER, darunter PATIENT SERVICES und Vaas überlegt, welche Dienstleistung genau seine Mutter gerade in Anspruch nimmt, nachdem man ihr im Gefängnis ein Messer in den Bauch gerammt hat. Vermutlich Vollpension mit beschissener Aussicht, dachte er bereits draussen, als ihm ein Mitarbeiter am Seiteneingang gesagt hat, er müsse zum Hauptempfang, obwohl auf der Nachricht, die er vom Gefängnis erhalten hat, ausdrücklich Eingang C gestanden hat. Jetzt steht er hier und Janet vergleicht zum vierten Mal seinen Ausweis mit der Besuchsgenehmigung, als könnte sein Geburtsdatum sich aus Langeweile verändert haben.

„Das Foto ist älter“, sagt Vaas schließlich

Janet sieht erneut auf den Führerschein. „Das sehe ich.“

„Gut. Ich hatte schon Angst, wir machen das noch viermal.“

„Wann haben Sie die Tätowierung bekommen?“

„Welche?“

Janett wägt offenbar ab, ob er sie grade verarscht und hebt die Augenbraue.

„Ach, die grosse, schwarze, kaum zu übersehende? Irgendwann nach dem Foto.“



Janet legt sichtbar unzufreiden mit der Antwort, den Ausweis flach auf den Tresen. Wobei Vaas nicht wirklich versteht warum das wichtig ist zu wissen. Ihre Fingernägel sind kurz und mit blassem Lack überzogen. Unter dem Schreibtisch summt ein Drucker. Vaas hört am Geräusch, das er wahrscheinlich bald kaputt gehen wird. Die Luft riecht nach Desinfektionsmittel, abgestandenem Kaffee und warmem Essen, das man vermutlich nur als Essen erkennt, weil Menschen es auf Tabletts durch die Gegend tragen.

„Auf der Besuchsgenehmigung steht Vasco del Toro.“

„Ja, das ist falsch.“

„Ihr Ausweis lautet auf Vaas del Toro.“

„Das ist richtig.“

„Weshalb wurde ein anderer Vorname eingetragen?“

„Weil meine Mutter mich manchmal Vasco nennt. Eigentlich nennt mich nur Anfisa so, aber meine Mutter übernimmt es, wenn sie mich ärgern will oder gerade der Meinung ist, dass mein richtiger Name nicht genug nach Ärger klingt. Dazu kommt, dass ich absolut keine Ahnung habe warum ich das erzähle. Lassen Sie mich jetzt zu meiner Mutter oder nicht?“

Janet sieht ihn an, als müsse sie entscheiden, welcher Teil davon für ein Formular brauchbar ist.

„Ist Vasco ein amtlicher Name?“

„Nein..........“

„Dann kann ich die Angaben nicht unmittelbar abgleichen.“

„Boah! Geburtsdatum, Nachname und Adresse stimmen. Nicoletta del Toro ist meine Mutter. Fragen Sie sie doch einfach. Sie wird Ihnen sagen, der Vollpfosten mit der Tinte in der Fresse? Ja, das ist bedauerlicherweise mein Sohn. Ich nehme Wetten entgegen. Ich tippe auf exakt diese Wortwahl.“

„Die Patientin befindet sich unter Vollzugsbewachung. Ich kann nicht einfach bei ihr anrufen.“

Vaas langsam sichtlich ungeduldig verdreht die Augen. „Dann rufen Sie jemanden an, der das darf.“

Sie antwortet nicht sofort. Stattdessen tippt sie etwas, wartet, tippt noch einmal und greift schliesslich zum Telefon. Vaas richtet sich hoffnungsvoll überrascht auf. Das war ja einfach.
Janet spricht leise ins Telefon. Sie nennt Nicolettas vollständigen Namen, dann Vaas’ Geburtsdatum und schliesslich die Nummer auf der Genehmigung. Während sie zuhört, betrachtet sie ihn. Ihr Blick bleibt diesmal länger auf seinem Hals. Vielleicht fragt sie sich, ob der Totenkopf etwas über seine Besuchseignung aussagt. Vielleicht tut er das. Ein Mann, der sich sein Gesicht tätowieren lässt, wirkt vermutlich weniger vertrauenswürdig als einer, der dieselben beschissenen Entscheidungen unter einem Hemd versteckt.
Janet legt den Hörer auf. „Ein Vollzugsbeamter kommt herunter und überprüft die Genehmigung.“

„Das machen wir hier gerade seit einer Viertelstunde.“

„Die endgültige Entscheidung trifft der Beamte.“

„Wozu sitzen Sie dann da?“

Janet faltet die Hände. „Sie können dort warten.“

Sie deutet auf eine Reihe blauer Stühle an der Wand. Vaas schaut hin. Ein alter Mann sitzt dort mit einem Blumenstrauss auf den Knien. Neben ihm wischt eine Frau über ihr Telefon und schnieft regelmässig in ein Taschentuch. Zwischen ihnen ist ein Platz frei.

Vaasdreht sich zurück zu Janet. „Ich warte hier.“

„Sie blockieren den Empfang.“

„Aber der Beamte kann mich leichter finden.“

Janet atmet durch die Nase ein. Vaas kennt diese Art Atem. Sie wird von Sims benutzt, die sich daran erinnern, dass Körperverletzung am Arbeitsplatz Probleme verursacht. Er geht schliesslich zu den Stühlen, setzt sich jedoch nicht. An der Wand hängt ein grosses Bild von San Sequoias Uferpromenade im Sonnenuntergang. Das Wasser darauf ist orange, die Hochhäuser spiegeln sich darin, und kein einziges Krankenhaus ist zu sehen. Vielleicht sollen Patienten beim Betrachten vergessen, wo sie sind.
Er steckt die Hände in die Taschen. Rechts findet er sein Feuerzeug, einen kleinen Sechskantschlüssel und zwei zerknüllte Kassenzettel. Links liegen Zigaretten, ein Plastikbeutel mit ein paar Samen und sein Telefon.
Seit dem Anruf am Vorabend hat Vaas zu viel Zeit mit Warten verbracht. Erst am Telefon, während eine ruhige Stimme erklärte, Nicoletta del Toro sei nach einem schweren Angriff in ein ziviles Krankenhaus gebracht und operiert worden. Danach in der Küche, wo er minutenlang einen Schraubenzieher suchte, den er bereits in der Hand hielt. Später vor einem kaputten Toaster, den er vollständig auseinanderbaute, obwohl er weder Hunger noch Interesse an Toast hatte und nicht einmal sicher wusste, wem das Gerät gehörte. In der Villa gehören Dinge selten eindeutig jemandem. Sie tauchen auf, werden benutzt, kaputtgemacht, umgebaut oder verschwinden wieder. Vaas hat sich schon gefragt wie die Typen die letztens zu Besuch waren die Sachen pfänden wollen, wenn sie nicht wissen wem was gehört.
Gegen zwei Uhr nachts soogelte er, was bei Messerstichen in den Bauch passieren kann, und lernte innerhalb weniger Minuten mehr über Darmverletzungen, innere Blutungen und aufgerissene Organe, als irgendein Sim freiwillig wissen sollte. Seitdem sitzt das Bild eines Bauchs in seinem Kopf, der innen viel zu voll ist. Vaas hatte sich den simlischen Körper immer eher wie eine Werkstatt vorgestellt: klare Bereiche und genug Platz. Tatsächlich liegt dort alles dicht beieinander, ist weich, glitschig und erschreckend abhängig davon, dass niemand Metall hineinsteckt.

Ein Mann in dunkelgrüner Uniform kommt aus einem Seitengang. Er ist gross, breit in den Schultern und trägt an seinem Gürtel genug Ausrüstung, um eine kleine Regierung zu stürzen. Handschellen, Funkgerät, Schlüssel, Pfefferspray, Taschenlampe, schwarze Handschuhe, Pistole.

Der Beamte kommt zu ihm. „Mister del Toro?“

„Kommt drauf an... äh... sorry, nur ein Reflex bei Uniformierten.“ Vaas grinst schief. „Ja das bin ich....“

„Officer Moreno. Ihre Identität wurde über die hinterlegten Daten und den Vollzug bestätigt. Kommen Sie mit.“

Vaas steht auf. „Janet hätte mir auch einfach glauben können.“

Moreno betrachtet die Tätowierung noch einen Moment. Vaas kennt diesen Blick. Sims versuchen oft herauszufinden, ob der Schädel etwas bedeutet, ob er zu einer Gang gehört, zu einer Sekte, zu einem Schwur, einem Trauma oder bloss zu einer sehr schlechten Entscheidung. Die Wahrheit ist komplizierter und gleichzeitig dümmer. Damals hat ihm nur keiner gesagt, wie oft er danach vor Empfangstresen stehen und erklären muss, dass der Mann ohne Knochen im Gesicht ebenfalls er ist.
Der Aufzug fährt an. Vaas spürt die Bewegung im Magen. Moreno hat den sechsten Stock gedrückt. Über der Tür leuchten die Zahlen auf.

Zwei. Drei.

Vaas blickt auffällig unauffällig zu dem Mann neben sich. Sein Blick wandert von den schweren Stiefeln bis zum Bart der für Vaas etwas von einem mexikanischen Drogenboss hat. Die Stille in diesem zu kleinen Fahrstuhl macht ihn hibbelig.
„Ist sie gefesselt?“, fragt Vaas.



Moreno antwortet erst nach einem Moment. „Ja.“

„Im Bett?“

„Mindestens ein Bein bleibt gesichert. Die genaue Fesselung richtet sich nach Behandlung und Sicherheitslage.“

„Sie wurde in den Bauch gestochen.“ meint Vaas mit ungläubigem Unterton.

„Ich kenne ihre Einstufung.“

„Sie liegt vermutlich voller Schläuche da. Wohin soll sie fliehen?“

„Das entscheide weder ich noch Sie.“

„Vielleicht durchs Fenster. Mit dem Bett unterm Arm.“ sagt er nachdenklich und ein Bild formt sich sofort in seinem Kopf.

Moreno sieht weiter auf die Zahlen und beendet die Unterhaltung. „Fassen Sie die Fessel nicht an.“

Vier. Fünf. Sechs.

Die Türen öffnen sich auf einen ruhigeren Flur. Der Boden besteht hier aus blauem Linoleum. An der Wand stehen mehrere verschlossene Wagen mit Wäsche. Vom Schwesternstützpunkt kommt leises Stimmengewirr. Ein Monitor klingelt, jemand stellt ihn ab. Die Luft riecht hier stärker nach Kunststoff und Reinigungsmittel.
Vaas folgt Moreno, während sein Blick jede offene Tür streift. In einem Zimmer schläft ein alter Mann mit offenem Mund. Im nächsten sitzt eine Frau aufrecht im Bett und sieht fern. Niemand sieht aus wie Nicky.
Moreno führt Vaas durch eine Seitentür in einen kleinen Raum mit grauen Wänden, einem Metalldetektor, einer Kamera und mehreren Kunststoffboxen. Auf einem Schild steht, dass Besucher alle persönlichen Gegenstände, elektronischen Geräte, Waffen, Medikamente, Lebensmittel und Substanzen abgeben müssen. Darunter hängt eine Warnung, dass Angriffe auf Krankenhaus- und Vollzugspersonal strafrechtlich verfolgt werden. Vaas betrachtet sie kurz. Wahrscheinlich hat irgendwann jemand behauptet, er habe nicht gewusst, dass man Pfleger nicht schlagen darf, und seitdem muss die Wand es erklären.

„Leeren Sie sämtliche Taschen“, sagt Moreno.

Vaas legt Telefon, Feuerzeug, Zigaretten, Kleingeld, Kassenzettel und den Sechskantschlüssel hinein. Danach zieht er die Samen aus der Tasche. Der Beutel bleibt an der Naht hängen und fällt erst nach kurzem Schütteln in die Box.

Moreno sieht darauf. „Cannabis?“

„Vermutlich.“

„Die werden auch bis nach dem Besuch verwahrt.“

„Tun Sie was sie nicht lasen können.“

„Jacke und Mütze ebenfalls.“



Vaas legt die Beanie ab. Seine Haare liegen darunter flach und schief. Danach zieht er die Jacke aus. Der tätowierte Schädel über seinem Gesicht liegt vollständig frei, ebenso die Wirbelsäule am Hals und ein Teil des rechten Arms. Moreno prüft das Gesicht noch einmal gegen den Führerschein, fragt jedoch nichts Sinnloses über das Datum der Tätowierung. Er kontrolliert nur die Übereinstimmung von Augen, Nase, Brauenkerbe und weiteren Merkmalen, dann legt er den Ausweis zur Box.

„Treten Sie durch den Detektor.“

Das Gerät piept wegen Gürtel und Stiefelösen. Vaas zieht beides aus, stellt die Stiefel auf den Boden und bemerkt, dass seine Socken verschiedene Farben haben. Eine ist schwarz, die andere dunkelgrün. Nichts was ihn überrascht.
Beim zweiten Durchgang bleibt das Gerät still. Moreno überprüft ihn trotzdem mit einem Handscanner, tastet Seiten, Rücken und Bund ab und kontrolliert Haare sowie den Bereich hinter den Ohren.
Vaas denkt, dass es hier ja noch viel schlimmer ist, als im Gefängnis. Aber wahrscheinlich, weil er gleich seine Mutter sehen darf ohne das eine Scheibe sie trennt.

„Mund öffnen.“

Vaas tut es.

„Zunge hoch.“

Er hebt die Zunge.

„Was glauben Sie, hab ich da drin?“, fragt er danach. „’Ne Feile?“

„Drehen Sie sich um.“

„War eine ernste Frage.“

Moreno kontrolliert den hinteren Bund und lässt ihn anschliessend die Stiefel wieder anziehen. Die Box mit seinen Sachen schiebt er in ein Schliessfach.
„Sie bleiben während des gesamten Weges bei mir. Im Zimmer übernimmt Officer Kato. Sie betreten keine anderen Zimmer und befolgen sämtliche Anweisungen des medizinischen Personals und der Vollzugsbeamten. Körperkontakt ist mit Zustimmung der Patientin erlaubt, sofern er ihre Versorgung nicht beeinträchtigt. Die Besuchszeit beträgt maximal dreissig Minuten. Ihre Mutter ist nach der Operation geschwächt. Sie unterstützen sie nicht beim Aufstehen und berühren keine Schläuche, Geräte oder Fesseln. Kato bleibt während des gesamten Besuchs im Zimmer. Gespräche können aus Sicherheitsgründen mitgehört werden.“

„Gemütlich.“

„Wenn medizinisches Personal den Besuch beendet, gehen Sie sofort.“

Vaas sagt nichts mehr. Die verstehen hier keinen Spass. Muss verdammt stressig für die sein, eine schwerverletzte Person, die Lebenslänglich hat, ausserhalb des Gefängnisses zu halten.
Am Ende des Flurs stehen zwei weitere Vollzugsbeamte vor einer geschlossenen Tür. Einer ist eine kleine Frau mit dunklem Pferdeschwanz und kantigem Gesicht. Der andere ist jung, hellhäutig und so glatt rasiert, dass er beinahe wie ein Praktikant aussieht. Beide tragen Waffen. Über der Tür steht 617.

Die Frau - Kato öffnet die Tür und tritt zuerst ein. Vaas folgt einen Schritt, bleibt danach jedoch stehen, weil sein Kopf seine Mutter an der falschen Stelle sucht.
Er erwartet sie aufrecht. Dunkle Haare, Blick bereits auf die Tür gerichtet. Im Bett liegt aber nur eine schmale Form unter einer weissen Decke. Das Kopfteil ist halb aufgerichtet. Ein durchsichtiger Schlauch verläuft unter ihrer Nase entlang, Kabel verschwinden unter dem Krankenhaushemd, und an ihrer linken Hand steckt ein Zugang unter durchsichtigem Pflaster. Über dem Bett zeigt ein Monitor grüne Linien und Zahlen. Nicolettas Gesicht ist blass mit einem gelblichen Ton, die Lippen trocken, die Haare flach um die Schläfen. Über dem rechten Ohr ziehen sich graue Strähnen durch das dunkle Haar. Vaas weiss nicht, ob sie neu sind und der Gedanke stört ihn sofort. Sie soll nicht hinter Gittern älter werden, ohne dass er es bemerkt. Graue Haare sind nicht akut. Sie wachsen langsam. Während Monaten und Jahren. Warum ist ihm das nie aufgefallen?
Am Fussende ragt ihr linker Knöchel unter der Decke hervor. Eine Fixierung liegt darum. Eine kurze Kette führt zu einer Halterung am Bettrahmen. Nicoletta öffnet die Augen vollständig. Ihr Blick findet ihn sofort. Er wandert über den tätowierten Schädel, den Hals, den rechten Arm und den Besucherausweis.

„Du siehst beschissen aus“, sagt sie.

Ihre Stimme ist rauer und leiser als hinter dem Telefonhörer, doch der Satz kommt vollständig und sauber. Der Druck in Vaas Brust löst sich so abrupt, dass er beinahe lacht. Sie ist gut drauf und es freut ihn ehrlich.

„Du liegst angekettet in einem Krankenhaus und fängst damit an? Ich weiss nicht, ob ich das bewundern oder als ernstes neurologisches Problem melden soll.“

Nicolettas Mundwinkel hebt sich. Die Bewegung bleibt klein. „Dein Gesicht war bereits vor dem Tattoo schwer zu verteidigen.“

„Schön das du noch die alte bist..“

Kato stellt sich neben das Fenster. Vaas nimmt den Besucherstuhl und zieht ihn in Richtung Bett, bis die Beamtin auf einen gelben Streifen am Boden deutet.

„Der Stuhl bleibt hinter der Markierung.“

Vaas sieht auf die Linie. „Wer hat die gezogen? Jemand mit sehr wenig Vertrauen in Armlängen?“

„Hinter der Markierung.“

Er schiebt den Stuhl zurück und setzt sich. Von hier aus bleibt zwischen ihm und dem Bett ein Abstand, der klein genug aussieht, um sich zu unterhalten, aber gross genug ist, damit er sich vorbeugen muss, falls er Nicky berühren will. Aus der Nähe erkennt er eine Schürfung am Kiefer und einen dunklen Fleck an ihrem Hals.

„Was ist passiert?“, fragt Vaas.

Nicoletta sieht kurz zu Kato und danach wieder zu ihm. „Eine andere Gefangene hat mich angegriffen.“

„Den Teil kenne ich. Der stand in der Nachricht, direkt zwischen lauter Wörtern, die gleichzeitig schlimm klingen und nichts erklären. Zweimal?“

„Ja.“

In Vaas Kopf entsteht sofort die Bewegung. Ein Stich, das Messer wieder heraus, noch ein Stich. Vielleicht war es anders. Vielleicht gab es eine Pause zwischen den Stichen in der Nicky sich gewehrt hat. Vielleicht wars direkt. Vielleicht waren mehrere Frauen da. Vielleicht hat Nicoletta zuerst zugeschlagen. Er weiss nichts davon. Sein Kopf baut die Szene aus den schlimmsten Teilen, die er finden kann.

„Wo?“ fragt er aus Unfähigkeit die Konversation in eine beruhigendere Richtung zu treiben.

Nicoletta bewegt die Finger zur rechten Bauchseite. „Hier und etwas weiter oben.“

„Was haben sie getroffen?“

„Darm und den Rand der Leber.“

„Und die Frau?“

„Sie hat nur ein blaues Auge und eine blutige Nase.“

„Schade.“

„Nein.“

„Warum nicht?“

„Weil ich keinen Sohn brauche, der sich wegen einer Sache einmischt, die er nicht versteht.“

Vaas lehnt sich zurück. „Ich versteh, dass sie dir zweimal ein Messer in den Bauch gerammt hat.“

„Du verstehst nicht, was davor passiert ist.“

„Dann erklärs mir.“

„Nein.“

„Dann bleibt mir nur die einfache Version, und in der kriegt sie von mir auf die Fresse.“

Nicoletta sieht ihn lange an. Ihre Augen sind müde, aber der Blick klar. „Du wirst gar nichts tun.“

„Du bist gerade nicht in der besten Position, mir das zu verbieten.“

„Du kennst weder die Frau noch den Grund, noch weisst du, wem du damit auf die Füsse trittst. Du gehst niemanden im Gefängnis besuchen, du kennst die Regeln dort nicht, und du wirst nicht draussen irgendeinen Sim suchen, nur damit du dir einreden kannst, du hättest etwas für mich erledigt.“

Vaas öffnet den Mund um etwas zu sagen, doch Nicky ist schneller.

„Nein“, sagt sie. „Du lässt es.“

Nicoletta muss nicht laut werden, um einen Raum einzunehmen. Hinter Glas wirkt ihre Ruhe manchmal gefährlicher als jeder Ausbruch. Hier klingt sie schwächer, doch das Gefühl bleibt dasselbe.

„Du weisst doch nicht mal, was ich machen würde“, sagt Vaas leicht beleidigt.

„Du bist kein grosser Fan davon nachzudenken, bevor du handelst. Deshalb erkläre ich es dir deutlich: Du suchst diese Frau nicht, du lässt niemanden nach ihr suchen und du mischst dich nicht in etwas ein, dessen Zusammenhänge du nicht kennst.“

„Dann gib mir Zusammenhänge.“

„Vergiss es.“

„Hat es mit den Plastikdingern zu tun?“, fragt er leiser.

Nicolettas Gesicht verändert sich kaum. „Darüber sprechen wir später.“

„Du hast mir bis heute nicht gesagt, wofür du die gebraucht hast.“

„Das war Absicht.“

„Im Nachhinein wirkt die Absicht ein bisschen verdächtig.“

„Ich sagte es war Absicht, dass du nichts weisst.“

„Ich hab sie besorgt. Das ist doch bereits eine Form von Wissen.“

„Du hast Tampons besorgt. Das ist alles.“

„Und jetzt liegst du hier.“

„Das bedeutet nicht automatisch, dass beides zusammenhängt.“

„Es bedeutet aber auch nicht, dass es NICHT zusammenhängt.“

Ihr Blick streift Kato nur kurz. Vaas versteht. Was auch immer hinter dem Angriff steckt, Nicoletta wird es nicht vor einer Vollzugsbeamtin ausbreiten. Er hätte das wissen müssen. Nicoletta schliesst für einen Moment die Augen. Ihre rechte Hand zieht sich leicht in der Decke zusammen.
Wie aufs Stichwort öffnet sich die Tür zum Zimmer. Eine Pflegekraft mit geflochtenem Haar tritt herein und zieht ein Tablet aus der Tasche ihres Kasacks. Auf ihrem Schild steht KAREN HOLT, RN. Sie grüsst Nicoletta, dann Vaas.

„Miss del Toro hat zugestimmt, dass ich Ihnen eine kurze Auskunft gebe. Sie sind ihr Sohn?“

„Ja.“

Bei dieser Frage macht er keinen Witz. Karen erklärt, dass Nicoletta am Vortag operiert wurde, dass zwei Stichverletzungen den Dünndarm und den Rand der Leber verletzt haben, dass Blutungen gestoppt und die Verletzungen versorgt wurden. Sie spricht von Überwachung, Wundheilung, Infektionsrisiko und möglichen Komplikationen. Vaas hört zu, doch die medizinischen Einzelheiten rauschen nur so an ihm vorbei. Er will nicht wissen, welche Naht wo sitzt, welche Blutwerte in welchem Bereich liegen und welche Flüssigkeit durch welchen Schlauch läuft. Er will eine Antwort, die ein Sim ohne Ausbildung versteht.

„Wird sie wieder gesund?“

Karen hält kurz inne. „Ihre Verletzungen waren ernst. Im Moment ist sie stabil, und die bisherigen Werte sprechen für eine Erholung.“

„Also ja?“

„Eine Garantie kann Ihnen niemand geben.“

„Krankenhäuser lieben Sätze, die lang genug sind, damit am Ende keiner mehr weiss, worum es in der Frage ging.“

Nicoletta sieht ihn an. „Sie hat dir gesagt, dass es gut aussieht.“

„Sie hat mir gesagt, dass es gerade nicht schlecht aussieht. Das ist sprachlich ein ganz anderer Scheiss.“ wiedrlegt Vaas nachdrücklich.

Karen prüft den Monitor. „Wie stark sind Ihre Schmerzen aktuell, von eins bis zehn?“

„Vier“, sagt Nicoletta.

Vaas sieht sie an. „Sieben.“

„Du wurdest nicht gefragt.“

„Du knüllst seit fünf Minuten die Decke zusammen. Ausserdem beleidigst du mich bei vier kreativer.“

Karen blickt zu Nicolettas Hand. „Sie wirken angespannter als bei der letzten Kontrolle.“

Nicoletta atmet vorsichtig aus. Vaas sieht dassie die Augen verdrehen will, schafft es aber nur zum Teil bevor sie die Augen wieder schliesst „Sechs.“

„Die Bedarfsmedikation wäre jetzt möglich. Wir könnten eine niedrigere Dosis geben, damit Sie weniger müde werden.“

„Später.“

„Jetzt“, sagt Vaas.

Nicoletta hebt die Brauen. „Halt doch mal die Klappe...“

„Nein, ich darf laut darauf hinweisen, wenn du dich aus Prinzip dämlich verhältst. Du willst mit mir reden, verstanden. Das kannst du auch auf Drogen. Du redest sogar vollständig, wenn du wütend, betrunken oder im Halbschlaf bist. Ich sehe da kein Risiko.“

Karen wartet, bis Nicoletta schliesslich zustimmt. Sie scannt das Armband, bereitet eine Spritze vor und gibt das Mittel über den Zugang. Vaas beobachtet nur Nicolettas Hand. Er interessiert sich weder für den Namen des Medikaments noch für die Dosis. Er will sehen, ob die Finger aufhören, die Decke festzuhalten.

„Drücken Sie den Rufknopf, wenn sich der Schmerz verändert oder nicht besser wird“, sagt Karen.

„Mach ich“, sagt Vaas.

Nicoletta dreht den Kopf wieder zu ihm. „Du wirst hier überhaupt nichts drücken.“

„Dann rufe ich eben verbal. Sehr laut.“

Karen verlässt schmunzelnd das Zimmer. Kato bleibt weiterhin unbewegt am Fenster. Vaas schaut auf Nicolettas linke Hand. Ein rotes Licht scheint durch die Fingerspitze, an der ein Sensor befestigt ist. Seit sieben Jahren sieht er ihre Hände nur durch Glas. Die Möglichkeit, einfach danach zu greifen, fühlt sich beinahe regelwidriger an als alles, was Moreno kontrolliert hat.
Er streckt schliesslich die Hand aus, über den gelben Streifen hinweg, und schiebt sie unter ihre. Nicolettas Haut ist warm. Vaas hatte mit Kälte gerechnet, obwohl er weiss, dass das Unsinn ist. Ihre Hand ist leichter, als er sie in Erinnerung hat. Unter dem Daumen liegt eine kleine Narbe, die sie sich beim Öffnen einer Dose zugezogen hat, als er neun war. Er erinnert sich an die Küche. Blut tropfte auf die Arbeitsplatte, Nicoletta wickelte Küchenpapier um die Hand, Vaas hüpfte panisch auf und ab, überzeugt davon, dass sie verbluten wird. Sie versprach ihm damals, er dürfe die Hand behalten, falls sie abfällt.

Er schliesst kaum merklich lächelnd die Finger um ihre.



„Du hältst mich, als wäre ich zerbrechlich“, sagt Nicoletta.

„Du wurdest gerade zusammengeflickt. Ich will nicht rausfinden, ob die Ärzte Garantie geben.“ Dann drückt Vaas vorsichtig zu. Nicoletta schliesst ihre Finger um seine. Die Kraft darin ist erschreckend gering. Ganz anders als wenn sie ihn früher am Arm nach Hause zerrte, wenn er irgendwo zu viel Aufmerksamkeit bei den Nachbarn erregt hat.

„Das ist komisch“, sagt er.

„Was genau?“

„Ich weiss nicht, ob wir jetzt irgendwas Besonderes machen müssen. Normalerweise ist eine Scheibe zwischen uns und danach beleidigst du meine Haare.“

„Deine Haare verdienen auch heute Kritik.“

„Gut. Dann ist wenigstens ein Teil normal.“

Nicoletta sieht auf ihre Hände. „Ich habe dich vermisst.“

Vaas wartet. Warum sagt sie das? Das macht sie sonst nie.

„Ich komme jeden Monat vorbei.“

„Ich weiss.“

„Dann klingt vermisst ein bisschen dramatisch.“ Vaas reibt mit dem Daumen über ihren Handrücken. „Gibs zu. Du bist zugedröhnt.“

„Nicht genug.“ Nicky lächelt tatsächlich ein winziges bisschen. „Du kannst es gern ignorieren. Du ignorierst vieles, was dir nicht gefällt.“

„Das ist eine Fähigkeit. Und sie ist Grossartig.“ Vaas sieht auf ihre Finger. Überlegt immer noch was die plötzliche Aussage bedeutet. „Ich hab dich auch vermisst.“ sagt er schliesslich und es fühlt sich seltsam an. Er fügt nichts hinzu. Vaas schaut zu Kato. Die Beamtin steht weiterhin am Fenster und beobachtet den Raum mit jener professionellen Art, bei der Sims so tun, als würden sie nicht zuhören, obwohl Zuhören ihr Job ist.

„Können wir über was weniger Peinliches reden? Deine Messerverletzungen zum Beispiel.“

„Du könntest mir erzählen, wie es mit deinem Geldproblem aussieht.“

„Das ist ja noch schlimmer.“

„Du hast mich beim letzten Besuch gefragt, ob ich dir helfen kann. Ich habe dich zu Rulo gebracht. Jetzt liege ich hier und weiss immer noch nicht, ob du irgendetwas daraus gemacht hast.“

Nicoletta bemerkt den Blick den Vaas Kato zuwierf. Beide wissen, dass offene Gespräche über Gras, Schulden und Absprachen in diesem Zimmer eine beschissene Idee wären.

„Die Gartenarbeit läuft ausbaufähig“, sagt er.

Nicoletta betrachtet ihn. „Was bedeutet ausbaufähig?“

„Dass die Natur und ich unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie Zusammenarbeit funktioniert. Und Rulo ist ungeduldig.“

„Hat er sich gemeldet?“

„Er nicht. Aber sein Lakai.“

„Hat er dich bedroht?“

„Bedroht ist ein grosses Wort. Er hat mir sehr körpernah erklärt, dass Fristen existieren.“

Nicolettas Finger spannen sich um seine. „Hat er dir wehgetan?“

„Nein.“

„Vaas.“

„Er hat mich gegen eine Wand gedrückt, mir gesagt, dass Rulo sein Geld will, und danach ist er gegangen. Ich hab noch alle Zähne. Für unsere Verhältnisse war das eine höfliche Erinnerung.“

Nicoletta schweigt kurz. Der Monitor wird etwas schneller. „Reg dich nicht auf. Das Gerät petzt.“ sagt Vaas.

Sie hat den Kontakt hergestellt. Rulo hat geliefert. Vaas hat versagt. Dass Vaas inzwischen Angst vor dem nächsten Besuch von Rulos Leuten hat, ändert die Reihenfolge nicht. Vaas weiss, dass Nicky genau das denkt. Trotzdem fragt er:

„Kannst du für mich ein bisschen... Zeit schinden?“

Nicoletta antwortet nicht sofort. Ihr Blick wandert zu Kato und wieder zurück.

„Vielleicht kann ich mit jemandem sprechen“, sagt sie. Nicoletta atmet aus. Ihre Mundwinkel bewegen sich kurz. „Aber du brauchst jemanden, der weiss, was er tut.“

„Ja, danke. Darauf bin ich inzwischen auch gekommen. Das Problem ist, dass Leute mit brauchbaren Fähigkeiten entweder Geld wollen, Fragen stellen oder sich ohne was zu sagen verpissen.“

Nicoletta schliesst kurz die Augen. Das Schmerzmittel zieht langsam die Spannung aus ihrem Gesicht. Vaas hält ihre Hand weiter fest.

„Du hast mir vor Kurzem von einer Frau erzählt“, sagt sie dann.

Vaas weiss sofort, wen sie meint. „Jack.“

„Ja.“

Nicoletta hat kein Gesicht, keine Stimme und keine eigenen Eindrücke von Jack. Alles, was sie weiss, stammt aus einem Telefonat, bei dem Vaas beiläufig sagte, dass er Jack gut leiden könne. Bevor er in dieser Badewanne gelandet war, hatte er sie erwähnt. Es war hauptsächlich eine Art Test für ihn. Er wollte wissen wie es sich anfühlt wenn er von ihr erzählt. Für andere Sims wäre 'gut leiden können' eine schwache Formulierung. Bei Vaas ist es beinahe eine verdammte Liebeserklärung, weshalb er den Satz unmittelbar danach mit einer Geschichte über Jacks schlechte Angewohnheit beschädigte, Designerkleidung wie Briefmarken zu sammeln.

„Was ist mit ihr?“, fragt er.

„Du sagtest, sie sei reich.“

„Ja so ihr-Kühlschrank-kostet-wahrscheinlich-mehr-als-mein-ganzes-Leben-reich. Bei ihr sehen selbst die nutzlosen Sachen teuer aus. Und ihre Möbel haben Namen. Namen!.“

„Dann könnte sie dir helfen.“

„Nein.“

Nicoletta sieht ihn an. „Warum?“

Vaas lässt den Kopf ein wenig zurückfallen. „Weil sie eine Familie hat, bei der reich nur der freundliche Teil der Beschreibung ist. Die sind gefährlich. Echt gefährlich. Nicht Rulo-schickt-einen-Glatzkopf-vorbei-gefährlich. Eher Sims-verschwinden-und-am-Ende-redet-jeder-über-einen-Bootsunfall-gefährlich. Ich weiss nicht alles. Ich will auch nicht alles wissen.“

„Vertraust du ihr?“

Vaas blickt zum Fenster. Draussen liegt San Sequoia unter einem dunkelgrauen Himmel. Auf einem Dach gegenüber drehen sich Lüftungsräder. Weiter hinten glänzt Wasser zwischen den Gebäuden. Jack könnte Rulos Forderung wahrscheinlich bezahlen, ohne den Betrag am Monatsende zu bemerken.

„Ich vertraue ihr genug“, sagt er.

„Was bedeutet genug?“

„Dass ich bei ihr schlafen kann, ohne vorher zu prüfen, ob die Tür von innen aufgeht. Dass ich ihr glaube, wenn sie sagt, sie hat nichts mit einem bestimmten Scheiss zu tun. Dass ich sie gut leiden kann. Ich hab dir das doch schon gesagt.“

Nicolettas Blick bleibt ruhig. „Für dich ist das viel.“

„Mach jetzt keine Sache draus.“ Vaas seufzt entnervt. „Ein Rulo reicht mir. Ich brauche nicht zusätzlich irgendeinen Bonzenvater, Onkel, Bruder oder Familienanwalt, der Jahre später auftaucht und erklärt, dass mein linkes Knie inzwischen zum Familienvermögen gehört. Jack selbst würde das vermutlich nie machen. Sie würde mir bedingungslos die Kohle geben... glaub ich.... Bei ihrer Familie weiss ich es nicht. Geld läuft dort wahrscheinlich nicht einfach von einer Hand in die andere. Es zieht Verträge, Erwartungen und Leute in Anzügen hinter sich her. Und ich will sie nicht in irgend eine Scheisse ziehen die ich nicht kontrollieren kann.“

„Bedingungen könnte man lesen. Grosszügigkeit ist hinterhältig.“ sagt Nicky nachdenklich.

Vaas nickt. „Eben.... Dann rätst du also nicht, ich soll sie fragen?“

„Du hast mir gerade nachvollziehbar erklärt, warum du das nicht willst.“

„Seit wann hörst du mir so genau zu?“

„Seit du ganze Gedanken formulierst.“

„Ich formuliere dauernd ganze Gedanken.“

„Du redest dauernd. Das ist nicht dasselbe.“

Vaas grinst. Aber nicht lange.

„Was ist mit Boom?“, fragt Nicoletta. „Sie hatte früher immer irgendwelche Möglichkeiten.“

Vaas Finger halten unwillkürlich etwas fester um ihre Hand. Nicoletta weiss nicht, wie es Boom gerade geht. Sie kennt nur die Version von früher als sie noch klein waren: weiblich, laut, reich, unberechenbar, mit einer Villa, Eltern im Hintergrund und genug Geld, um Probleme entweder zu kaufen oder spektakulär zu vergrössern. Nicoletta weiss nicht, dass die Kohle weg ist. Nicht, dass die Villa gepfändet wird. Nicht, dass er Boom wahnsinnig gern bei ihrer Sache behilflich wäre, würde er gerade nicht selbst an allen Ecken scheitern.

„Boom hat gerade eigene Sachen“, sagt Vaas.

Nicoletta betrachtet ihn. „Hat sie Schwierigkeiten?“

„Ja.“

„Geld?“

Vaas zögert einen Moment zu lang.

„Also Geld“, sagt Nicoletta.

„Boom ist nicht mehr die Lösung für alles“, sagt er schliesslich. „Aber sie war zumindest eine interessante Katastrophe mit Budget.“

„Und jetzt?“

„Jetzt ist sie eine interessante Katastrophe ohne Budget.“

Nicoletta hebt leicht die Brauen. „Ist es so ernst?“

Vaas sieht auf ihre Hände. „Ja.“

„Warum hast du mir nichts gesagt?“

„Weil du im Gefängnis sitzt. Was sollst du machen? Eine Villa kaufen? Ihre Eltern suchen? Einen Gerichtsvollzieher bedrohen? Ausserdem ist es ihre Geschichte. Nicht meine.“

„Du machst dir Sorgen um sie.“

„Ich mache mir um viele Leute Sorgen.“

Nicoletta drückt seine Finger. „Du bist nicht so gleichgültig, wie du gern wirkst.“

Darauf hin zieht Vaas eine Braue tiefer. Gespielt irritiert sagt er: „Das Schmerzmittel macht dich sentimental.“

„Das Tattoo macht dich nicht geheimnisvoll.“

„Doch. Janet war extrem verwirrt.“

Nicoletta lächelt, und für einige Atemzüge wirkt das Zimmer weniger falsch. Vaas sitzt da, hält ihre Hand und redet mit ihr über Jack, Boom und Rulo, fast wie bei einem gewöhnlichen Besuch. Nur Kato , der Monitor, der Schlauch unter Nicolettas Nase und die Fessel am Bett erinnern daran, warum sie diese Nähe überhaupt bekommen.
Für einige Sekunden schweigen beide. Vaas hört das gleichmässige Piepen, Schritte auf dem Flur und das leise Rauschen der Klimaanlage. Nicolettas Hand liegt warm in seiner.

„Ich habe nicht alles richtig gemacht“, sagt sie dann, nachdem sie ihn einige Sekunden einfach nur ansieht.

Vaas hebt den Blick. Schon wieder eine ungewöhnliche Aussage. Vaas beginnt langsam an der Behandlung zu zweifeln.

„Wer bist du und was hast du mit meiner Mutter gemacht? Haben sie dir statt dem Bauch das Gehirn operiert?“

„Hör mir zu.“

„Ich höre.“

„Du warst vierzehn, als ich weggesperrt wurde. Man hat dich in ein Heim gesteckt von wo du, wie mir schon im vornherein klar war, abgehauen bist. Du hattest niemanden, der dich jeden Morgen aus dem Bett holt, deine Rechnungen prüft oder merkt, wenn du drei Tage lang nur von Zigaretten und irgendetwas aus einer Dose lebst. Ich habe mir eingeredet, dass du klarkommst, weil du schon immer irgendwie klargekommen bist. Das war bequem für mich.“

Vaas’ Körper spannt sich an.

„War nicht besonders schwer. Ich hatte Leute.“

Nicoletta sagt nichts. Sie weiss genauso gut wie er, was Leute in Vaas Leben bedeuten. Boom, die Villa, wechselnde Freunde, fremde Sofas, Sims, die ihn mögen, solange er lustig, nützlich oder gefährlich ist. Er war nie vollkommen allein. Er war trotzdem oft allein genug.

„Du hast mich jeden Monat besucht“, sagt Nicoletta. „Und ich habe so getan, als wäre das genug, weil ich nichts anderes geben konnte.“

„Wir telefonieren auch.“

„Vaas.“

„Was willst du hören? Dass ich mit vierzehn jeden Abend heulend vor deinem Wohnwagen sass? Hab ich nicht. Ich hatte genug zu tun. Du klingts als gehst du davon aus, dass wir uns heute zum letzten mal sehen. Das find ich beschissen von dir.“

Nicky hebt einen Mundwinkel weil er wohl versteht was sie zu sagen versucht. „Ich will gar nichts Bestimmtes hören.“

„Dann können wir ja zu was fröhlicherem wechseln.“

Nicolettas Finger bewegen sich langsam in seiner Hand. „Es war nicht dein Fehler.“

Vaas hebt den Blick. „Was?“

„Dass du allein gross geworden bist. Dass du heute keine Ahnung hast, wie man jemanden um Hilfe bittet, ohne gleichzeitig eine Fluchtmöglichkeit zu suchen. Dass du lieber Schulden bei Rulo hast, als Geld von einer Frau anzunehmen, die du offenbar magst.“

Der Monitor piept weiter. Nicolettas Finger drücken seine, so fest sie kann. Es ist wenig. Genau deshalb zieht sich sein Hals zusammen.

Nicoletta ist in seinem Kopf unsterblich. Nicht wirklich. Er weiss, dass Sims sterben. Trotzdem gehört sie zu einer anderen Sorte Sim. Aber plötzlich reichen zwei Stiche, damit Ärzte ihren Bauch öffnen und jemand ihn anruft.

Kato sieht auf die Uhr. „Noch fünf Minuten.“

„Wir haben unten ungefähr dreissig damit verbracht, zu beweisen, dass mein Gesicht mein Gesicht ist.“

„Die Besuchszeit beginnt beim Betreten des Zimmers.“

„Sehr grosszügig.“

Nicoletta schliesst kurz die Augen. „Diskutiere nicht.“ Dann hebt sie ihren freien Arm ein Stück. „Komm her.“

Er tritt bis an den gelben Streifen, beugt sich über die Bettseite und schiebt einen Arm hinter ihre Schultern, ohne sie anzuheben. Den anderen legt er oberhalb der Decke an ihre Seite. Sein Körper bleibt von ihrem Bauch entfernt. Nicoletta legt die Hand an seinen Nacken.

„Du bist gross geworden“, murmelt sie.

Vaas lacht leise. „Ich war vierzehn. Das war biologisch ziemlich wahrscheinlich.“

Ihr Gesicht liegt nahe an seiner Schulter. Ihre Haare riechen nach billiger Seife und darunter nach etwas, das er sofort erkennt, ohne einen Namen dafür zu haben. Sieben Jahre verschwinden in diesem Moment nicht. Sie stehen vollständig zwischen ihnen und machen die Berührung schwer.

„Du darfst jetzt nicht einfach verrecken“, sagt er von sich selbst überrascht.

„Das habe ich nicht vor.“

„Das ist keine ausreichende Antwort. Menschen haben dauernd Dinge nicht vor und machen sie trotzdem. Keiner fährt morgens los und denkt, heute wäre ein guter Tag, um abgestochen zu werden. Du bist unsterblich. Das war immer die Abmachung.“

Nicolettas Blick verändert sich. Ein Hauch von Müdigkeit, Wärme und etwas, das Vaas nicht genauer benennen will.

„Ich kann mich an diese Abmachung nicht erinnern.“

„Weil sie selbstverständlich war. Du kannst angeschossen, eingesperrt, verprügelt oder von einem Auto erwischt werden. Danach bist du wütend und machst weiter. So funktioniert das.“

Kato tritt näher. „Die Besuchszeit ist beendet.“

„Eine Minute“, sagt Vaas ohne Nixky loszulassen.

„Mister del Toro.“

„Jetzt geh.“ sagt Nicky.

Vaas will noch etwas fragen. Ob sie wirklich zurückkommt. Ob die Frau es noch einmal versuchen wird. Ob Nicoletta Angst hatte, als das Messer in sie eindrang. Ob sie an ihn gedacht hat. Alles klingt in seinem Kopf entweder zu gross oder zu spät. Also richtet er sich wieder auf und blickt ein letztes mal auf seine Mutter ohne dass eine dreckige Scheibe die Sicht trübt.

Sie sieht ihn an. Vaas ist nicht ganz sicher was er in ihrem Blick sieht, aber es ist definitiv selten genug, das er es nicht identifizieren kann „Na los. Ich bin müde.“ sagt sie und er nickt steif. Nicht im Stande noch eine Beleidigung nachzuschicken wie sie es sonst bei Verabschiedungen tun. Nicky hat das Ritual heute kaputt gemacht.

Die Tür schliesst sich hinter ihm und der Flur sieht genauso aus wie vorher. Moreno führt ihn zurück zu seinen Sachen. Der alte Führerschein verschwindet wieder in seiner Brieftasche. Das Gesicht darauf ist jung, tätowierungsfrei und genervt. Für einen Moment beneidet Vaas den Kerl. Der weiss nichts von Rulo, Jack, verlorenen Villen, Tamponröhrchen, Darmverletzungen oder davon, wie leicht die Hand seiner Mutter irgendwann sein wird.

Im Aufzug schaut er nicht in den Spiegel. Die Zahlen fallen von sechs auf fünf, vier, drei. Vaas sieht auf seine rechte Hand. Wenn sie nicht wieder fast getötet wird, war das wohl das letzte Mal...

Vor den Schiebetüren schlägt ihm feuchte Luft entgegen. Es hat geregnet und San Sequoia liegt unter einer Wolkendecke. Der Beton ist schon wieder fast trocken. Vaas geht bis zur untersten Stufe, setzt sich, zieht eine Zigarette heraus und steckt sie in den Mund. Er nimmt beide Hände, zündet die Zigarette an und zieht so tief, dass der Rauch in seiner Brust brennt.



Nicky kann sterben.

Der Gedanke steht plötzlich vollständig vor ihm. Wäre die Klinge etwas anders eingedrungen, hätte Vaas keinen Besuch beantragt. Jemand hätte ihn angerufen und ihm eine Uhrzeit genannt. Nicoletta del Toro, verstorben um soundsoviel Uhr. Danach wären Busse weitergefahren, Janet hätte Ausweise geprüft, Rulo hätte sein Geld verlangt und irgendein Drucker hätte grundlos Papier ausgespuckt. Vaas zieht erneut an der Kippe. Er hat Aufgaben erhalten. Rulo hinhalten. Hilfe für die Pflanzen finden. Geld verdienen. Jack udn Boom aus der Sache raus halten. Nicoletta wiedersehen. Er überlegt ob die Reihenfolge so richtig ist. Dann greift er in die Tasche und holt das Telefon heraus. Jacks Name steht weit oben in den Nachrichten. Er tippt nicht darauf. Booms Name steht direkt darunter. Auch dort öffnet er nichts. Stattdessen startet er eine Suche und schreibt: Wie kann man Röhrenfernseher am teuersten wiederverkaufen.

>>> Vaas geht nach San Sequoia (3) >>>


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