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Windenburg Nr. 6 - Familie Jaspers
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Charaktere: Nouki, Artjom
Geschichtsstrang: Lernen fürs Leben?
Artjom dreht sich um, geht rüber zum Schreibtisch, lehnt sich dagegen und wirft Nouki einen Blick zu, als wolle er sichergehen, dass sie ihm noch folgt. “Und dann kommt der beste Teil: ‘Ich stehe auf der Seite der Familie.“, äfft Artjom seinen Vater gebärdend nach und schneidet eine Grimasse dabei.
„Klar, Dad, du stehst auf der Seite der Familie… solange es bedeutet, dass du mit einem Lächeln zusiehst, wie ich brav Mutters kleinen Kanzlei-Fussabtreter spiele.” Während Artjom sich wieder aufrichtet, einmal quer durchs Zimmer läuft und die Hände wild in die Luft wirft, sagt er, “Kein Wort darüber, was ich will. Nichts darüber, wie sie mich ständig erstickt. Aber Hauptsache, die Druckerpatronen haben jetzt ihr eigenes Zimmer! Prioritäten, Baby!”
Er bleibt schließlich stehen, atmet tief durch und schnaubt. Sein Blick fällt auf Nouki. “Respekt,” spuckt er das Wort aus. “Er redet von Respekt, aber das heißt bei denen nur, die Klappe zu halten und zu tun, was sie wollen. Aber was weiß ICH schon über Opfer.”
Artjom lässt sich auf den Schreibtischstuhl fallen, schwingt sich nervös damit hin und her und legt dabei den Kopf in den Nacken. “Vielleicht sollte ich einfach aufgeben.”, murmelt er, fast zu sich selbst, aber laut genug, dass Nouki ihn hören kann. “Jura studieren, Anwalt werden, und dann irgendwann einen Leserbrief, statt einem Artikel darüber schreiben, wie ich beim ‘Grössten dargebrachten Opfer des Jahres’-Wettbewerb leer ausgegangen bin. Bin sicher, mein Vater würde die Überschrift lieben…..“ Artjom schliesst die Augen. „Als ob ich nicht wüsste, was ein Opfer ist….“ und öffnet sie wieder, die Decke im Blick. „Aber ok, ja, sorry, ich hab wohl den Kurs verpasst, wo man lernt, seine Träume ordentlich zu beerdigen.” Es wirkt beinahe so, als spräche er mit sich selbst, nicht mit Nouki, und trotzdem erwartet er reglos eine Reaktion. 
Schon bei den ersten scharfen Tönen lässt Nouki, die im Schneidersitz auf dem Boden sitzt, ihr Mathebuch sinken und verfolgt überrascht, wie Artjom unverhofft von Integralrechnung zu diesem wütenden Monolog umschwenkt. In letzter Zeit gab es häufiger Momente, in denen er ihr distanziert und abwesend vorkam. Die naheliegendste Vermutung was dahinter stecken könnte, sind Konflikte mit seiner Mutter, aber wenn sie versucht ihn mit liebevollen Umarmungen oder Nackenmassagen zu entspannen, führt das nicht zu offenen Gesprächen, sondern fast immer dazu, dass sie miteinander schlafen. Daher spaltet sein Ausbruch ihre Gefühle. Einerseits Erleichterung, dass er es heraus lässt und gleichzeitig Überrumpelung durch die Vehemenz des Ausbruchs.
Bei 'Respekt' öffnet sich die Zimmertür ein paar vorsichtige Zentimeter und Chica streckt mit einem wachsam prüfenden Blick zu Artjom den Kopf durch den Spalt. Als dieser beginnt mit dem Stuhl hin und her zu schwingen, sprintet sie mit schnellen Sprüngen durch den Raum und landet zielsicher auf Noukis Schoß. Wohlig streckt sie sich quer über das Schulbuch und sieht Nouki träge blinzelnd an. Verwöhn mich. 
Unsicher, was Artjom von ihr erwartet, senkt Nouki überlegend den Blick und beginnt Chica an Hals und Ohren zu kraulen. Sie will ihn auf keinen Fall verärgern, aber etwas anderes als ihre aufrichtigen Gedanken kann sie nicht äußern.
Aufblickend nickt sie. "Ich versteh, dass dich das ärgert.", beginnt sie zögernd. "Wütend macht.", korrigiert sie schnell und denkt nach. Vielleicht lässt sich die Stimmung ja irgendwie lockern. "Aber weißt du, gerade eben, als du hier so auf und ab gegangen bist, war es beinahe als würdest du ein Plädoyer halten. Du hast Feuer, kannst dich hervorragend ausdrücken und bist intelligent." Sie lächelt ihn an. "Ich kann verstehen, dass sie denkt du würdest ein guter Anwalt werden." Chica verlagert ihre Position und dehnt sich der Länge nach auf Noukis mittlerweile ausgestreckten Beinen aus. "Es ist nur ein Praktikum, du musst deshalb nicht deine Träume begraben."
Artjom schwingt sich nach vorne. “Ah klar, wenn man also nur ansatzweise Fähigkeiten besitzt die im Gericht nützlich sind – bäm! Herzlichen Glückwunsch, du bist offiziell ein Anwalt!” Er lehnt sich wieder zurück, verschränkt die Arme und schüttelt den Kopf, das Lächeln bitter. “Ich sollte einfach ab jetzt die Klappe halten. Also danke, Babe. Wirklich. Jetzt weiß ich, dass ich aufpassen muss, was ich sage, weil wenn ich wie ein Anwalt klinge, kann ich meinen Traumberuf direkt in die Tonne kloppen.“ 
Als würde ihm ein Licht aufgehen, werden seine Augen grösser und er sieht Nouki direkt an, „Warte du hast recht!“ Er formt eine Explosion neben seiner Stirn. „Das ist es, ich rede zu viel! Ich gebärde am besten nur noch, so wie mein Vater. Vielleicht wollen sie mir DAS sagen. Ich meine, stell dir das vor: ‘Artjom Komarow, geborener Schriftsteller, aber sorry, Kumpel, du hast zu viel Feuer in dir – also hier dein Anwaltsdiplom!“ Er legt die Hand gespielt erleichtert auf sein Herz und seufzt. “Wahnsinn, jetzt weiss ich was Sache ist.”
Einen gutturalen Laut ausstoßend, räkelt sich Chica auf den Rücken und präsentiert ungeniert ihren Bauch für weitere Liebkosungen. Zärtlich lächelnd schiebt Nouki die Hände über die empfindsame Region und zaust behutsam das zarte Fell als jäh eine Erinnerung in ihr aufploppt und Artjoms Stimme wie durch ein Kissen gedämpft in den Hintergrund rückt. Der Schulhof, Gereon, seine Hände, die unmissverständliche Bewegungen ausführen, während er darüber spricht, wie es sich anfühlen müsste in Eingeweiden zu wühlen. Eine Zeit lang war dieses Gespräch so präsent in ihrem Bewusstsein geblieben, dass es ihr beinahe unmöglich war, die Tiere zu streicheln, ohne schaudernd daran zu denken. Das lernen für die Prüfungen und ihr Ferienjob im Café haben die Sache in den Hintergrund rücken lassen, aber anscheinend ist ihr mentaler Schutzschirm heute durchlässiger als üblich.
Ruckartig nimmt sie die verdatterte Katze hoch und setzt sie neben sich ab. Chica wendet ihr beleidigt den Rücken zu und beginnt sich energisch überall zu putzen, wo Nouki sie berührt hat.
"..... ‘Artjom Komarow, geborener Schriftsteller, aber sorry, Kumpel, du hast zu viel Feuer in dir – also hier dein Anwaltsdiplom!" nimmt sie bewusst wieder wahr und ist nicht sicher wieviel sie verpasst hat.
"Ich hab doch gesagt, du sollst nicht deine Träume begraben."Immer noch aufgewühlt, kommt das schärfer als beabsichtigt. Nouki erschrickt und versucht aufzumuntern. "Ich hab nicht gesagt, du klingst wie ein Anwalt, sondern dass du die Qualitäten dazu hast." Warum richtet er seine Aggressionen jetzt gegen sie?
"Vielleicht würdest du in diesem Praktikum auch nützliche Sachen dazu lernen, die dir später beim Journalismus Studium weiter helfen. Wieso so viel Öl ins Feuer gießen, wenn du in ein paar Wochen endlich ins Studentenwohnheim ziehen kannst und sie los bist? Deine Mutter meine ich..." War das jetzt die richtige Antwort? 'Affektverflachung', hallen Gereons Worte in ihren Gedanken wider. Unwillig schüttelt sie den Kopf, um die Geister zu verjagen. 
Artjom lehnt sich wieder nach vorne, die Hände auf die Knie gestützt. die Ellbogen nach aussen, und sieht Nouki mit einem ironischen Blick an. „Was glaubst du, was passiert, wenn man ins Wohnheim zieht? Lösen sich die Eltern dann in Luft auf?“ Er steht auf. "Ich könnte auf den Mond ziehen, und sie würde immer noch versuchen, die Sektoren meiner Mondstation zu planen und mir zu sagen, welche Raumanzüge am besten passen.... Wahrscheinlich würde sie der NASA erzählen, dass ich dort oben die Sauerstofftanks sabotiere!“ Er dreht sich zu ihr um, seine Augen bohrend, aber nicht kalt – eher verzweifelt, als wäre es ihm zu viel, die Fassade länger aufrechtzuerhalten. „Hast du vergessen, was sie getan hat, als ich mit dir im Urlaub war? Als sie deiner Mutter erzählt hat, ich sei ein Junkie mit Aggressionsproblemen?“ Er lacht bitter. „Als ob es nicht reicht, dass sie mich zu Hause kontrolliert. Sie zieht mich sogar vor anderen durch den Dreck, nur damit ich bloß nicht aus der Reihe tanze.“
Aus Noukis Blick spricht das schlechte Gewissen. Ihr Freund redet sich Kummer von der Seele und sie hört nicht aufmerksam zu. "Natürlich hab ich das nicht vergessen. Es war der absolute Tiefpunkt und ist unverzeihlich. Ich versteh dich doch, aber du bist nicht so machtlos, wie du dich fühlst." Es tut ihr weh, wie immer, wenn die Rede auf das übergriffige Verhalten seiner Mutter kommt. "Denk auch dran, dass du in knapp vier Monaten volljährig bist. Wir schaffen das gemeinsam." Nouki setzt sich aufs Bett und streckt ihm den Arm entgegen. "Komm kuscheln.", sagt sie sanft.
Er betrachtet sie kurz, fast als ob er sie abwägt, während sie da sitzt, ihn ansieht und ihre Worte in der Luft hängen. „Ich weiß, dass du nur versuchst, mich aufzumuntern, Babe.“ Seine Worte sind nicht kalt, aber da ist diese leichte, kaum hörbare Überlegenheit, als würde er innerlich die Augen rollen. Er senkt den Blick und lässt ein leises, resigniertes Lächeln auf seinen Lippen erscheinen, während er sich zu ihr setzt. „Du bist süß, weißt du das? Du siehst das so... einfach.“ Es klingt fast wie ein Kompliment - nur fast. Gegen sie gelehnt, obwohl es mehr eine Flucht aus dem Gespräch ist als echte Zuneigung, sagt er, „Vier Monate... ja, vielleicht hast du recht.“ obwohl er weiß, dass vier Monate nicht das Geringste ändern. Aber Nouki glaubt daran, und es ist einfacher, das jetzt stehenzulassen. Er zieht sie in eine Umarmung. Gemeinsam... na klar. Sie hat doch keine Ahnung, wovon sie redet.
Ihn nahe bei sich zu spüren, gibt Nouki einen Teil der aus dem Gleichgewicht geratenen inneren Ruhe zurück. Sie zieht die Beine an und schmiegt sich in Artjoms Arme. "Ich bin immer da für dich.", sagt sie leise, zupft sein Shirt aus dem Hosenbund und schiebt ihre Hand über die glatte, warme Haut am Bauch bis zur Brust hoch. Unter ihrer Handfläche schlägt sein Herz gleichmäßig und kraftvoll. Ob sie versuchen soll mit ihm zu reden? Die Last, die auf ihrer Seele liegt, teilen? Aber Gereon ist ein Reizthema..wie soll sie das nur angehen? Artjom bewegt sich und Noukis Kopf kommt an seiner Halsbeuge zum liegen. Der Stellungswechsel verursacht eine angenehme Wolke aus seinem Duft, den sie so liebt, und wohliger Körperwärme. Bei niemandem hat sie sich je so geborgen gefühlt. Wenn nicht ihm, wem soll sie sich sonst öffnen?
"Artjom? Kann ich dich mal was fragen?"
Artjom spürt ihren Kopf an seiner Schulter, ihre Hand warm auf seiner Brust. Einen Moment lang lässt er sich in diese Ruhe fallen, als wäre er müde von der Aufregerei. Sein Mundwinkel zuckt als sie die Frage stellt, und kurz legt sich ein selbstgefälliges Lächeln auf seine Lippen. Artjom zieht sie ein Stück näher, genießt die Wärme ihres Körpers an seiner Seite, während sich eine träge Genugtuung in ihm ausbreitet. Sie hat ihn so nah bei sich, und möchte seine Meinung hören. „Na los, raus damit.“, sagt er, die Worte mit einer wohlgesetzten, kontrollierten Ruhe. Er bemüht sich, seine Stimme sanft klingen zu lassen – interessiert, und souverän.
Erleichtert atmet Nouki auf. Er ist auch da für sie. Warum die Zweifel? "Hat..hat dir schon mal jemand etwas anvertraut, dass dir Angst gemacht hat?", beginnt sie zögerlich und hebt das Kinn etwas an, um seine Reaktion sehen zu können. "Weil du so etwas hinter der Person nicht vermutet hättest?"
Ein kaum sichtbarer Schatten legt sich über sein Gesicht. Sie will über sich reden. Er überlegt, seine Antwort sorgfältig wählend, denn etwas an ihrer Stimme, an der zögernden Art, wie sie ihn ansieht, macht ihn vorsichtig. Es ist der Beginn einer Geschichte, die ihm am liebsten erspart geblieben wäre. Doch anstatt sie gleich abzuschmettern, bleibt er still, seine Miene ruhig, wenn auch innerlich etwas genervt. Er verzieht den Mund zu einem schmalen Lächeln. „Sicher, schon passiert.“, sagt er beiläufig, als wolle er zeigen, dass ihn nichts erschüttern kann.
Ohne aufzublicken spricht Nouki an seine Brust gelehnt weiter. "War das etwas, was vielleicht irgendwann mal für das Umfeld gefährlich hätte werden können?", tastet sie sich langsam weiter.
Er beantwortet die Frage nicht, weil ihm darauf bis auf ein „nein“ nur irgend eine Geschichte einfällt, die nicht wahr ist. Er fragt sich wer sie so aufwühlt, das sie so vorsichtig ist. Warum sagt sie nicht einfach wer es ist? Ist das geheim? Ein Kerl dem sie helfen will? Hoffentlich ist es eine Freundin… Er atmet langsam ein, dann hebt er seinen Kopf und blickt an die Zimmerdecke. „Jeder Sim hat ab und an dunkle Gedanken.“ Seine Stimme ist ruhig, durchdringend, während seine Gedanken schon den nächsten Schritt vorbereiten. „Man hat diese Gedanken, ohne es zu wollen. Zum Beispiel..“, er senkt seinen Kopf leicht, schielt zu ihr herunter, „..kennst du das Gefühl, wenn du klettern gehst und plötzlich dieser Gedanke aufkommt: ‘Was wäre, wenn ich mich einfach fallen lasse?’“ Er macht eine kurze Pause, um ihre Reaktion zu spüren. „Man spricht von… ‘Intrusiven Gedanken’. Die Wissenschaft hat haufenweise Studien dazu gemacht.“, erklärt er, leicht mit den Fingern an ihrem Rücken tippend. „Eine dieser Studien, von Adam… Radomsky, glaub ich, zeigt, dass es normal ist, abwegige und düstere Gedanken zu haben…“ Er senkt die Stimme und fügt düster hinzu: „Solange man eine Projektionsfläche dafür findet, die nicht gefährlich ist…“
Dunkle Gedanken sind Nouki nicht fremd, aber so etwas, wie Artjom beschreibt, hatte sie noch nie. Klettern ist Sport, Ansporn, höchste Konzentration und Einssein mit der Natur, da gibt es keinen Raum für diese Art von Impulsen. "Nicht beim klettern, aber ich weiß was du meinst.", sagt sie nachdenklich und schenkt ihm ein bewunderndes Lächeln. Er ist so klug und breitgefächert belesen, das beeindruckt sie immer wieder. Einen Moment lang ist sie kurz davor, ihm alles zu erzählen, nur damit es ausgesprochen und von der Seele ist. Nein, das geht nicht. Gibt es Vergleichbares? Nicht wirklich..
„Was wäre denn so eine Projektionsfläche...deiner Meinung nach? “
Es gefällt ihm, wie sie ihn ansieht. „Was wäre so eine Projektionsfläche?“ Er wiederholt ihre Frage, wiegt sie in der Stille, als würde er über eine schwere Wahrheit nachdenken. „Naja, im Grunde... es kann fast alles sein. Menschen projizieren ihre dunklen Gedanken auf verschiedene Dinge. Es kann ein Hobby sein, Kunst, Videospiele... oder eine andere Person....“ er sieht sie an um zu sehen ob es etwas in ihr auslöst.
Das mit der Person verdrängt Nouki sofort in die hinterste Ecke ihres Gehirns. Gereon hat die Vision auf der Insel erwähnt, aber es geht um Tiere. Ja..theoretisch! um Tiere, bekräftigt sie innerlich nochmal. Der Zusammenhang mit der Projektionsfläche hat etwas tröstliches, vor allem weil sie ja schon zusammen Kunst erschaffen haben, wenn auch nur für die Schule. Wie ein heißer Blitz durchzuckt sie plötzlich eine Idee und bekräftigt ihre Entschlossenheit für ein weiteres Gespräch mit Gereon. Warm durchströmt Dankbarkeit für Artjoms Bereitschaft ihr zuzuhören, ihre Brust.
Nouki schiebt sich höher, bis sie mit Artjom auf Augenhöhe liegt. "Du hast mir sehr geholfen Artjom. Manchmal übertreib ich's einfach innerlich und dann brauch ich wen, der mich auf den Boden zurück holt.“, sagt sie leise und wieder streift sie die Spur des schlechten Gewissens, weil sie nicht voll aufrichtig sein kann. Sie küsst ihn auf die Wange und lächelt zärtlich. "Danke, dass du für mich da bist."
Artjom spürt, wie sich sein Magen leicht verkrampft, während sie sich höher schiebt und ihn ansieht. Hat sie überhaupt zugehört? fragt er sich, als sie ihn auf die Wange küsst. "Ach ja? Hab ich das?" Der Gedanke, dass sie seine Worte einfach nur als Trost aufgefasst hat, statt der Warnung, die sie sein sollten, nerven ihn. Er verschwendet gute Ratschläge ständig an Leute die sie nicht verstehen. Und dann auch noch Nouki. Sie sollte mit den Gedanken gar nicht so tief bei jemand anderem sein. "Um wen gehts eigentlich?"
Volltreffer. Hatte sie ernsthaft geglaubt, er würde nicht fragen? Noukis Herz beginnt zu hämmern. Innerhalb von Sekunden glüht ihr gesamter Brustkorb von innen, als hätte man einen Heizstrahler auf höchste Stufe gedreht. Auf keinen Fall wird sie Gereons Namen nennen. Bis heute weiß sie nicht, ob Artjom bei ihrem Besuch so abweisend war, weil sie Gereons Geburtstag seiner Einladung zu Flurins Party vorgezogen hat. Sie wird sich hüten, an diese Episode nochmal zu rühren. Dann lieber im Unklaren bleiben. Artjom erneut zu verletzen und damit womöglich eine ähnliche Reaktion heraufzubeschwören macht ihr Angst. Warum hat sie bloß damit angefangen? 
"Das ist gar nicht mehr wichtig jetzt." Unsicher blickt sie auf, um seine Mimik erkennen zu können. "Du hast mir gezeigt, dass ich mich in was reingesteigert hab..manchmal verselbstständigen sich Gedanken einfach. Lass uns von etwas anderem reden, okay?"
Typisch. Er spürt, wie sich die Kälte langsam in seiner Brust ausbreitet, das Gefühl, von ihr hingehalten zu werden. Aber was hat er erwartet? Langsam, fast demonstrativ, rückt er von ihr ab, setzt sich auf und schaut sie aus schmalen Augen an. Sein Gesicht bleibt ausdruckslos. „Klar.“, sagt er mit einem bitteren Unterton, „reden wir einfach über was anderes, weil das ja auch total Sinn macht. Man steigert sich in was rein, und plötzlich ist es unwichtig..“ Seine Lippen verziehen sich zu einem freudlosen Lächeln. „Was soll's, ich bin ja nur dein Freund und nicht etwa jemand, dem du tatsächlich was anvertrauen könntest, richtig?“ Er schüttelt den Kopf und hebt dann eine Hand, als wolle er das alles beiseitewischen. „Vergiss es... Lass uns weiterlernen..." Er rutscht vom Bett auf den Boden, hebt das Buch auf und und betrachtet die Seiten, obwohl er merkt, dass seine Beine sich lieber aus dem Zimmer bewegen wollen. Letzte Chance Nouki. Spucks aus oder ich bin raus. Auf sowas hab ich kein Bock.
Jedes Wort trifft wie ein Pfeil. Er hat Recht, sie sollte ihm vertrauen und gut, aber Gereon hat ihr auch vertraut.. immer wieder verursacht sie Artjom schlechte Gefühle. Es ist wie verhext. Unglücklich blickt Nouki auf seinen ihr zugekehrten Rücken und den gesenkten Kopf. Einzig der Umstand, dass sie ihm nicht in die Augen sehen muss gerade, ermöglicht es ihr zu sagen, was sie eigentlich gar nicht sagen will. "Es war Leon. Wir haben eigentlich keinen Kontakt mehr, aber er hat mir irgendwann komische Sachen getextet...schaurige Gedanken, die mich beschäftigt haben. Ich wollte es nicht sagen, weil alles so mies war mit ihm und uns.. und ich seinen Namen gar nicht mehr in unserer Welt haben möchte." Jetzt auch noch gelogen. Noukis erste wirkliche Lüge auf mehreren Ebenen. Ihre Lider schließen sich wie von selbst ein, zwei Sekunden lang. Wie ist es nur soweit gekommen? "Wahrscheinlich war er betrunken oder was weiß ich, was er dort in Spanien treibt. Ich hab ihm nicht geantwortet und ich glaub es ist besser ich blockiere ihn jetzt." Sie zieht ihr Handy heraus, setzt sich zu Artjom auf den Boden und
führt aus, was sie ausgesprochen hat. "Es tut mir leid..ich sag ja, ich hab mich da rein gesteigert." Leo...er hat ihre Freundschaft zerstört und irgendwo tief in ihrem Inneren keimt ein Funke Befriedigung, ihm ein bisschen etwas zurück gezahlt zu haben. Er hockt irgendwo weit weg, hat sicher neue Freunde gefunden und in Windeseile wird Gras über dieses Gespräch hier wachsen, schiebt sie gedanklich ein unbestimmtes, ungutes Gefühl, das gleichzeitig in ihrer Körpermitte aufsteigt, beiseite.
Artjom regt sich nicht weiter, starrt auf sein Buch. Leon, realisiert er und hebt langsam den Kopf. Ohne sich umzudrehen, verstreichen einige Sekunden. „Und dann bittest du mich um Rat?“, fragt er, doch es hört sich nicht nach einer Frage an. „Damit ich dir helfe, ihm zu helfen, oder was?“ Seine Kiefer pressen sich zusammen.
„Wieso zum Teufel liest du seine Nachrichten überhaupt?“
Er atmet scharf ein, der Ärger unüberhörbar. „Weißt du, was mich ankotzt?“ Sein Kopf senkt sich wieder. Nicht wie bei einem geschlagenen Hund. Mehr wie eine zum Angriff duckende Raubkatze. „Dass du echt geglaubt hast, es könnte Sinn machen, seinen Kram zu lesen…“
Eine Lüge zieht die nächste nach sich Die Stimme ihrer Mutter. Wie recht sie doch hat und es gibt kein Zurück, ohne es noch schlimmer zu machen. "Es war wie ein Reflex, nicht weil er mir noch was bedeutet..keine Ahnung, Artjom." Noukis Stimme klingt gepresst, von den unterdrückten Tränen. Wie idiotisch von ihr das Ganze! "Du kennst mich, ich mach mir schnell Sorgen und dann kommt dieses blöde Kopfkino... aber jetzt will ich nichts mehr damit zu tun haben. Du hast recht, es war wirklich dumm von mir." Sie rutscht hinter ihn, umfängt ihn von hinten und schmiegt ihr Gesicht an sein Schulterblatt. "Verzeihst du mir?" Mit bang pochendem Herzen wartet sie auf seine Antwort. Wenn nur dieses Kuddelmuddel ein Ende nimmt und sie wieder gut miteinander sein können..
(in Zusammenarbeit mit @Ripzha)
Artjom geht nach
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Charaktere: Nouki, Gereon, Emily
Geschichtsstrang: Fremde Welten II
Eine halbe Stunde später betrachtet Gereon das ungewöhnliche Haus. Es wirkt, als hätten Kinder aus verschiedenen Spielzeugkisten alles Brauchbare zusammengesucht und sich irgendwie auf ein Konzept geeinigt.
Noukis Mutter stellt sich vor - sie passt zu dem Haus und zu Nouki, findet Gereon, der sofort zum Essen eingeladen wird. Es gibt vegetarischen Braten. So etwas hatte er noch nie und kann sich im ersten Moment nichts darunter vorstellen. Aber es schmeckt gut und er nimmt sogar eine zweite Portion - sehr zur Freude der Hausherrin.
Sie reden über Belangloses, über Schule und die heutigen Themen, darüber wie hübsch Frau Greentail wieder gekleidet war und darüber, dass Artjom viel öfter vorbeischauen sollte. Die meiste Zeit hält Gereon sich zurück und beobachtet unauffällig, wie Mutter und Tochter miteinander agieren. Es wirkt nach einer guten Vertrauensbasis, aber nicht besonders intim. Vielleicht liegt es daran, dass ein Neuer in der Runde sitzt. 
Emily räumt den Tisch ab und Gereon nutzt die Zeit, eine Nachricht an die Heimleitung zu schreiben. Seit Dennah tagelang verschwunden war, werden die Erzieher gern darüber informiert, was ihre Schützlinge treiben. Als es still im Raum wird, schaut er auf, das Handy in die Hosentasche schiebend und verspürt den Drang, seinen Hut zu richten. Es fühlt sich falsch an, das Ding nicht auf dem Kopf zu tragen. Aber beim Essen muss er das alte Scheusal absetzen, sagt Ilsa. "Verzeihung,", meint er neutral, "ich habe nur Bescheid gesagt, dass ich spät zurück bin."
"Das ist sehr verantwortungsbewusst von dir." Emily hält kurz inne und lächelt Gereon zu. "Eure Betreuer sind ähnlich wie Eltern für euch und sie werden sich Sorgen machen, wenn ihr ohne Erklärung weg bleibt. Schön, dass du das respektierst. Nur so kann man sich gegenseitig vertrauen und eine Basis für ein funktionierendes Miteinander schaffen." Sie legt sorgfältig das restliche, gebrauchte Besteck auf die leeren Teller und nimmt den Stapel auf. "Wir können Nouki einiges an Freiheiten gewähren, weil auf sie ebenfalls Verlass ist. Das ist ein schönes Gefühl." Jetzt gilt ihr Lächeln beiden. "Ich muss noch ein paar Erledigungen machen und fahre gleich in die Stadt. Nehmt euch vom Haselnusseis in der Küche. Ich hab ein neues Rezept ausprobiert." 
Kurz darauf
"Mmhhmmm, ich liebe es, wenn Mama Eis selber macht." Nouki grinst, leckt genüsslich die Hälfte von ihrem Teelöffel ab und lässt die cremige Masse genießerisch auf der Zunge zergehen. Sie sitzt mit Gereon im Wohnzimmer, jeder eine Glasschale mit der süßen Köstlichkeit in der Hand. Mit ihm in ihr Zimmer zu gehen, wie sie es eigentlich gewohnt ist, fühlte sich nicht richtig an. Schon sein Besuch hier wäre Artjom sicher nicht recht. Das aufkeimende Unwohlsein bei diesen Gedanken verdrängt sie schnell. In Gedanken beschäftigt sie das Thema , das ihre Mutter angeschnitten hat, noch weiter. "Gereon? Empfindest du deine Betreuer wirklich wie Eltern?" Im selben Moment scheppert die Katzenklappe und Bandido flitzt mit Chica im Schlepptau durch den Raum, direkt weiter in die Küche zum Fressnapf. Klar, dass beide erstmal so tun müssen, als wäre es nichts besonderes Besuch zu haben.
Es ist merkwürdig, wie anders Noukis Normalität ist. Leben und aufwachsen in einem Spielzeughaus, vegetarischer Braten zu Mittag und selbstgemachtes Eis zum Nachtisch. Es ist lange her, dass Gereon Einblicke in andere Welten hatte. Die letzte Familie, die es mit ihm versucht hatte, brachte ihn vor zwei einhalb Jahren nach sieben Wochen Beherbergung zurück. Schon damals hat er nicht mehr daran geglaubt, dass er ein zu Hause finden würde. "Ich weiß nicht, wie Eltern sind.", zuckt er mit einer Schulter, während er die hellbraune Creme auf seinem Löffel betrachtet. Ingo und Rita fallen ihm ein. Die Wärme, die von ihnen ausgeht. Die Aufopferung für Ellie und die Selbstlosigkeit. "Sie haben die Aufsichtspflicht. Manche sind nett, andere nicht." Ausdruckslos sieht er Nouki an. Ihr Gesicht wirkt unentspannt. Was ist heute los mit ihr? Sonst ist sie so unbefangen. Irgendetwas ist anders.
Nachdenklich nickend sieht Nouki ihn an. Drei mal kurz, Pause, dreimal kurz...der Teelöffel klopft ihre Gedanken begleitend gegen die Unterlippe. "Du hast sie nie kennen gelernt?" Sie steckt den Löffel in die Eismasse, ohne etwas aufzunehmen. "Deine Eltern?"
"Meinen Vater nicht." Gereon schiebt den Löffel mit hellbrauner Creme in den Mund und zieht ihn leer zwischen den Lippen wieder hervor. "An meine Mutter habe ich so gut wie keine Erinnerungen." Die Stimme gewohnt neutral, als würde er über belanglosen Smalltalk reden, fährt er mit dem Löffel über die Masse in der Schale. Es schmeckt schon irgendwie nicht schlecht. Aber wenn er ehrlich ist, begreift er nicht, warum Eis dermaßen beliebt ist.
Warum nur kontaktieren sie ihn nicht? Andere tun es doch auch.
"Und deine Mutter? Was ist passiert, dass du nicht mehr bei ihr bleiben konntest?" Nouki hält das Glas fest in der Hand, ohne zu bemerken, dass ihre Handflächen kälter werden und die Masse im Behälter immer cremiger. Vorsichtig spürt sie innerlich nach, aber es fühlt sich nicht falsch an, weiter zu fragen. Vielleicht ist es zum Teil der Gleichmütigkeit geschuldet, mit der Gereon antwortet. Sicher ist, dass es seine Geschichte sie aufrichtig interessiert.
Beinahe verwundert blickt Gereon auf. "Sie ist gestorben.", sagt er, als wäre es die einzig logische Erklärung. Erst einen Moment später besinnt er sich, dass Nouki die Umstände nicht kennen wird und fügt beiläufig an, während er den Rest aus der Schüssel kratzt: "Genickbruch. Sie ist die Treppe runtergefallen." Das Bild jenen Tages schiebt sich in sein Gedächtnis. Wie sie ihn angesehen hat, aus großen Augen, als wollte sie etwas sagen. Aber sie blieb stumm.
Unwillkürlich entfährt Nouki ein Schreckenslaut. "Und du hast das mit angesehen?"
Gereons Blick richtet sich auf den Tisch, wo eine Figur mit drei Eulen zur Dekoration steht. Mama, Papa und Nouki. Seine Augen tasten die Konturen der Schnitzerei ab, als könne er ihnen tiefe Geheimnisse entlocken. "Ich seh es fast jede Nacht.", antwortet er verzögert. Das kleine Spielzeugauto rollt über den Holzboden, direkt am Gesicht seiner Mutter vorbei. Und er weiß, dass sie jetzt mit ihm schimpfen wird. Aber sie starrt ihn nur an.
"Gereon.." In Noukis Kopf verlieren sich die Worte, nur das Bild einer Frau, die mit unnatürlich verrenktem Nacken am Fuße einer Treppe liegt, bleibt präsent. Eine Blutlache um den Kopf und ein Kind, das auf sie herunter blickt. Kein Horrorfilm könnte es besser ausmalen. Am liebsten würde sie aufstehen, ihn umarmen und fest halten, aber etwas hält sie zurück. "Das tut mir so leid für dich.", ist alles, was bleibt und ein verwirrendes Gefühl von Unzulänglichkeit hinterlässt. "Es muss schrecklich sein, das immer und immer wieder zu erleben." sagt sie leiser werdend und stellt das mittlerweile flüssig gewordenen Eis auf dem Tisch ab.
Verständnislos hebt sich sein Blick. Es ist eigentlich gar nicht so schrecklich. "Ich schätze, ich hab mich dran gewöhnt.", zuckt er mit einer Schulter. "Magst du das Eis nicht?", fragt er im selben Tonfall.
Kann man sich an so etwas gewöhnen? Vermutlich ist das nicht der richtige Ausdruck, oder doch? Es ist so schwierig Gereons Äußerungen einzuordnen, ohne Mimik und erkennbare Gefühlsregung in seiner Stimme.
"Hm?" Wann hat sie das Glas abgestellt? "Es ist mir zu kalt grade.", lächelt Nouki gezwungenen und äußert einen weiteren Gedanken, der sich ihr aufdrängt. "Kannst du sie sehen? Deine Mutter? So wie die Anderen?" Nouki bemerkt selbst die Beklommenheit in ihrer Stimme und verdrängt aufsteigende Bilder des Geburtstagsausflugs zur Insel. Das Geräusch von schnellen Pfoten auf Holz lenkt ihren Blick von Gereon weg. Zielstrebig prescht Bandido aus der Küche kommend an ihr vorbei, hüpft auf die Bank am Fenster und beginnt energisch sein Fell zu putzen, als gäbe es nichts Wichtigeres auf der Welt. Wesentlich verspielter folgt ihm Chica, streicht zweimal geschmeidig um Gereons Beine und springt, das Eis ignorierend, mit einem gutturalen Laut auf seinen Schoß. Genüsslich beginnt sie auf seinen Oberschenkeln zu treteln, den Blick unverwandt auf Nouki gerichtet, als wolle sie sich ein stummes 'Okay' abholen. 
Die Hände auf Brusthöhe angehoben sieht Gereon etwas hilflos aus, als Chica ihre Krallen in seine Jeans setzt. Er hat nur wenig Erfahrungen mit Haustieren und noch weniger Körperkontakt zu ihnen. Einen stillen Moment betrachtet er das Tier. Es fühlt sich merkwürdig an, wie sich die Pfoten in seine Schenkel graben. Hin und wieder trifft sie einen Muskelstrang, der unangenehme Rückmeldungen sendet, doch Gereon lässt Chica gewähren. Es ist, als würde er völlig weltfremd in eine neue Erfahrung eintauchen und jede Regung neugierig erspüren. Schließlich sinken seine Arme neben dem Körper auf das Polster, sein Blick liegt noch immer auf der Katze, die sich in kreisenden Bahnen ihr Nest zurechtzupft, bevor sie sich endlich sinken lässt und sich brummend einrollt. Zaghaft, führt Gereon eine Hand zu der haarigen Schnecke und streicht mit den Fingerkuppen über Chicas Rücken und entlockt ihr damit einen hell vibrierenden Laut.
"Nein.", schüttelt er leicht den Kopf. Seine Stimme ist leise und verleiht seiner knappen Antwort einen ungewohnt schweren Unterton. Er hat jahrelang darauf gewartet, dass sie zu ihm kommt. Aber nichts geschieht. Es könnte unzählige Gründe dafür geben. Gereon will nicht länger darüber spekulieren. Er muss sich damit abfinden, dass er auf allen Ebenen seines Lebens vollkommen allein ist.
"Das ist schade." Und merkwürdig Die Person, mit der ihn am meisten verbunden hat, gibt sich ihm nicht zu erkennen, hat ihm nichts mitzuteilen. Nouki zieht die Beine zu sich und räkelt sich tiefer in das Sesselpolster. Eine angenehme 'nach dem Essen'-Trägheit breitet sich in ihren Gliedern aus und der Anblick von Chicas rhythmischem Treteln und Schnurren verstärkt das Gefühl noch. Sie scheint sich wohl zu fühlen auf Gereons Schoß, während Bandido ihm nur ab und zu einen misstrauischen Blick aus den Augenwinkeln schenkt. Nouki klopft auffordernd auf ihre Beine, aber der Kater zieht es vor auf der Bank zu sitzen und den 'Nicht'-Vorgängen im Garten seine Aufmerksamkeit zu widmen. Während Nouki Gereon und Chica beobachtet, erinnert sie sich daran, dass sie noch ein paar Gedanken mit ihm teilen wollte. "Gereon, ich hab nachgedacht darüber, was du mir in der Schule erzählt hast. Das, was du gesehen hast auf der Insel und..die Sache mit den Eingeweiden und so.."
Der Blick des Jungen hebt sich. Schlagartig tauchen die Bilder in ihm auf. Sein Hals wird ein wenig trockener, sein Körper ein bisschen angespannter. Mehr als ein "Hm?" bringt er in diesem Moment nicht heraus.
Das Bedürfnis nach Unterstützung wird übermächtig und Nouki schnappt sich Bandido, der nach anfänglichem Strampeln klein bei gibt und sich von ihr streicheln lässt. Den Kater an ihre Brust gedrückt, die Hände im seidigen Fell vergraben fährt sie zögerlich fort. "Wenn du diese Neigung kennst und weißt, dass sie irgendwie ein Teil von dir ist, dann gibt es ja quasi legale Wege, so etwas zu erleben." Sie schluckt und versucht einzuschätzen wie ihre Worte ankommen, aber in Gereons Gesicht ist nichts zu lesen. "Ich meine damit, du könntest zum Beispiel eine Ausbildung zum Metzger machen. Diese .." Sie sucht nach dem passenden Wort. ".. Vorgänge gehören zum Beruf und ..und vielleicht würde dir das helfen?"
Einen Moment lang sieht Gereon das Mädchen an. Wie kommt sie nur darauf, er könnte Metzger werden wollen? Den ganzen Tag Tiere zerteilen, deren Leben eine einzige Qual war? "Ich denke, das ist nicht das Richtige für mich.", sagt er wertfrei, den Blick auf Chica richtend. Er sähe sich eher als Leichenbestatter oder vielleicht Totengräber. Pathologe möglicherweise oder Gerichtsmediziner. "Was für eine Neigung meinst du? Ich will niemanden in Stücke schneiden."
Hat sie ihn falsch verstanden damals? Seine Gedanken missinterpretiert? "Das vielleicht nicht, aber ..erinnerst du dich nicht mehr? Du hast mir beschrieben, was ER mit den Eingeweiden gemacht hat und dass du davon träumst...fühlst, was er gefühlt hat...wie es ihm gefiel das zu tun." Noukis Magen zieht sich unwillkürlich zusammen, sie räuspert sich und fährt mit sanfter, leiser Stimme fort. "Du hast gesagt...vielleicht bist du wie er....weißt du noch?" Mit einem unwilligen, krächzenden Laut löst sich Bandido von ihr, windet sich über ihren Unterarm und landet dumpf neben Noukis Sessel. Chica, aus ihrer dösigen Trance gerissen, hebt den Kopf, streckt sich einmal kurz und folgt ihm schnurstracks zur Katzenklappe. Vermutlich will sie nichts verpassen, was der 'große Bruder' draußen vielleicht anzettelt. Nouki löst den Blick von den Katzen und sieht wieder Gereon an. "Und weil du das gesagt hast, dachte ich...na ja, eben, dass dieser Beruf eine Möglichkeit bietet, heraus zu finden, ob.. oder...was es dir bedeutet." Sie verstummt unsicher und senkt den Blick.
"Das macht nichts." Gereons Blick folgt den Katzen, bis sie aus seinem Sichtfeld verschwunden sind. "Sie zeigen mir, was sie tun, denken und fühlen. Das ist nicht immer leicht auseinander zu halten. Ich verstehe diese Dinge selbst kaum. Wie soll es dann jemand anderes tun?"
Er weiß es vielleicht nicht mehr. Er weiß nicht mehr wie stark er gezweifelt hat.. Nur minimal beruhigt wiegt Nouki den Kopf. "Okay, das versteh ich." Sie ringt sich ein Lächeln ab. "Eines Tages wirst du Klarheit haben darüber und bis dahin lässt du dir nichts einreden von irgendjemandem." ..namens Darkholme
Ernst sieht er sie an. Das fehlende Leuchten ihrer Augen lässt ihn nur schwer los. "Was ist mit dir? Ist alles in Ordnung? Irgenwas ... fehlt dir."
"Was?" Die Bemerkung lässt Nouki zusammen zucken. "Klar ist alles in Ordnung." Bis auf die Tatsache, dass sie während des ganzen Gesprächs immer wieder der Gedanke gestreift hat, was wäre, wen Artjom jetzt herein käme. Es spielt sich nichts moralisch verwerfliches ab hier, aber das Gefühl etwas 'Verbotenes' zu tun, lässt sich nicht abschütteln, hängt ihr beharrlich im Nacken. "Was soll denn fehlen?" Jetzt gesellt sich noch das ertappt fühlen dazu. Ablenkend beugt sie sich nach vorne, holt die Eisreste wieder zu sich und beginnt mit gesenktem Kopf zu löffeln.
Prüfend sieht Gereon sich um. Nichts deutet auf etwas hin, dass ihre Ausstrahlung erklären würde. Vielleicht hat sie einen schlechten Tag. Oder sie fühlt sich unwohl mit ihm. Es wäre nichts Ungewohntes für Gereon. Das letzte Gespräch, bevor er krank wurde, hat ihr viel abverlangt. Vielleicht hat es etwas zwischen ihnen kaputt gemacht. Vielleicht hat sie jetzt Angst vor ihm. Das passiert, wenn er sich jemandem öffnet. Ohne sie anzusehen zuckt er mit einer Schulter. "Nur so ein Gefühl."
(in Zusammenarbeit mit @RivaBabylon)
>>> Nouki geht nach Brindleton Bay Nr. 9 - Green Fingers >>>
>>> Gereon geht nach Willow Creek Nr. 16 - Haus Darkholme (2) >>>
<<< Nouki kommt von Brindleton Bay Nr. 9 - Green Fingers <<<
Charaktere: Nouki, Artjom, Raphael
Geschichtsstrang: Überraschung I
„Moment, Moment.“ Raphael stoppt seine Tochter, die gerade in die Küche huschen will, indem er geschickt nach ihrer Hand schnappt. „Nicht so schnell, Böhnchen.“
Überrascht lächelnd mustert er Nouki und legt den Kopf etwas schief. „Wann ist denn diese..Verwandlung passiert?“
„Papaaa!“ Unwillig windet sich Nouki aus seinem Griff und streicht leicht verlegen eine der neuen, langen Haarsträhnen hinters Ohr. Dann schmunzelt sie und neigt ebenfalls den Kopf zur Seite. „Gefällt's dir?“
Wohlwissend, dass er sich auf gefährlichem Terrain befindet, zögert Raphael einen Augenblick, bevor er nickt. „Ja, du siehst toll aus..sehr erwachsen.“ Zu erwachsen. Wo ist mein Wildfang geblieben? „Ähm..mochtest du die vorige Frisur nicht? Ich fand sie ganz frech.“, sagt er möglichst unbefangen und schluckt eine Bemerkung zum Lippenstift angestrengt hinunter.
Gleichgültig zuckt Nouki mit den Schultern. „Ich wollte einfach mal wieder was Neues ausprobieren.“, sagt sie lächelnd. „Ich hab dafür mein Trinkgeld gespart. Wollte sehen, wie mir sowas steht.“ Außerdem mag Artjom lange Haare..
Innerlich widerwillig, äußerlich wohlwollend nickt ihr Vater. „Es steht dir wunderbar, Schatz. Was ist denn der Anlass für das schmucke Styling?“
Jetzt strahlt Nouki und umarmt ihn kurz. „Artjom hat eine Überraschung geplant. Ich weiß nur, dass ich mich schick machen soll.“ Sie küsst ihren Vater auf die Wange. „Und jetzt lass mich kurz einen Schluck Wass...“ Die Türglocke ertönt und Nouki zuckt zusammen. Nervös beginnt ihr Herz in der Brust zu flattern. Hoffentlich gefällt es ihm!
Aufmerksam beobachtet Raphael seine Tochter. Sie ist viel zu sehr auf Artjom fixiert. In den letzten Wochen sind alle Versuche, ein sinnvolles Gespräch über ihre Zukunftspläne und das Training mehr oder weniger im Sande verlaufen. „Aber Artjom...“, ist eine der häufigsten Redewendungen in Noukis Vokabular geworden. Für ihn lässt sie alles stehen und liegen, wenn er signalisiert, dass er Zeit hat. Innerlich seufzend nimmt Raphael sich vor, demnächst eine Familiensitzung einzuberufen. Sie müssen wieder einmal alle zusammen an einen Tisch, wenn nötig auch mit Artjom.
Nouki steht an der Tür und wischt ihre Handflächen am Kleid ab. Verliebt sein ist ja schön und recht, aber für sein Empfinden ist Nouki gerade eben beinahe schreckhaft zusammen gezuckt, als Artjom geklingelt hat. Das ist nicht nur Aufregung vor einem Date. Stirnrunzelnd wendet er sich ab, als Nouki endlich die Haustüre öffnet.
Als die Tür aufgeht, steht Artjom da.. Schwarzblaues Hemd, Ärmel hochgekrempelt, der Kragen nicht ganz zu – weil ein bisschen Rebellion muss. Die Jeans ist neu. Also… nicht wirklich neu, aber frisch gewaschen. Seine Haare, sonst ein kontrolliertes Durcheinander, wirken heute wie absichtlich so.
Er sieht Nouki – und für den Bruchteil einer Sekunde bleibt ihm fast die Luft weg. Dann bricht ein Grinsen aus ihm heraus. Seine Stimme ist warm, tiefer als sonst und zärtlich.
„Wow...“
Mehr nicht. Ein Moment der Sprachlosigkeit, bevor er sich fängt. „Nouki. Du siehst… nein, warte. Ich versuchs nicht mal. Alles, was ich sag, klingt daneben.... Du bist.. wunderschön.“
Er bemerkt die Bewegung im Hintergrund und hebt die Hand zum Gruss, bevor er sich leicht vorbeugt. „Guten Abend, Raphael.“
Sein Blick schweift kurz zu Nouki zurück. Und da ist es wieder, dieses 'Du bist mein ganzes verdammtes Universum'-Funkeln. Als wüsste er, dass Raphael es sieht – und dass er es trotzdem zeigen muss. "Wollen wir los?" fragt er und streckt ihr lächelnd den Ellbogen hin. Dabei wirft er ihrem Vater einen kurzen, kaum zu bemerkenden Blick zu, denn man nicht ansprechen kann, aber fühlt - meistens aber erst wenn man eine ganze Weile später, unverhofft darüber nachdenkt.
Wie ein wild gewordener Flummiball hüpft Noukis Herz in der Brust umher, als Artjom ihr das Kompliment macht. Yes, yes, yeees! Es gefällt ihm!
Glücklich funkeln ihre Augen ihn an. Er sieht so gut aus in dem Outfit, dass ihr ein bisschen weich in den Knien wird, als sie sich unterhakt und mit einem kurzen, unbestimmten Winken ins Hausinnere, die Tür hinter sich schließt. "Mach's nicht zu lang so spannend, ich platze sonst.", bricht es aus ihr heraus, ehe sie sich auf die Zehenspitzen reckt und Artjom auf die Wange küsst. Ein neuer Duft. Mmmmhh...Am liebsten würde sie sich an ihn schmiegen, das Gesicht ganz nahe an seinem Hals, ihn mit Haut und Haar inhalieren..und dann für immer die Luft anhalten. Der Gedanke bringt sie zum kichern.
Artjom grinst noch, während Nouki sich unterhakt und für einen kurzen Moment sieht man in seinen Augen dieses triumphierende Funkeln, das weniger mit Arroganz als mit purem Stolz zu tun hat. Nicht auf sich – na ja, vielleicht ein kleines bisschen –, sondern auf sie. Auf seine Nouki. Die mit diesen Haaren. Und diesem Kleid. Und diesen... Moment. Lackierten Fingernägeln?
Sein Blick streift ihre Hand wie zufällig, bleibt aber eine Sekunde zu lange hängen, als dass es unbemerkt bliebe. "Warte kurz." Er hebt ihre Hand leicht an, dreht sie in seiner eigenen, betrachtet die Nägel wie ein Kunstkritiker. "Sag mal... hast du ernsthaft deine Griffel lackiert? Für mich?" Ein Tonfall irgendwo zwischen süffisant und gerührt. Er sieht sie an, und sein Grinsen wird schiefer. "Du weisst schon, dass wenn du heute Abend versuchst, mich mit diesen Nägeln auch nur einmal unter den Tisch zu streicheln, gibts im Palazzo ne spontane Menüänderung." Er zwinkert.
"Hey." Nouki knufft ihn liebevoll mit dem freien Arm. "Was heißt hier Griffel." Zwei Stunden im Nagelstudio sind nicht nur Nägel lackieren. Sie entzieht ihm die Hand und muss grinsen, als er weiter spricht. "Dann gibt's verführerisch, süßen Nachtisch schon als Hauptmenü." Mit halb gesenkten Lidern und gespitzten Lippen wirft sie ihm einen kecken Blick zu. Alles ist gut. Er liebt sie, findet sie schön. Wie ein goldener Rausch durchströmt Nouki Erleichterung und Hingabe zugleich. All die Zweifel an seinen Gefühlen und die Angst ihn zu verlieren, die sie in den vergangenen Wochen gequält haben - in Sekunden verpufft. "Und jetzt sag mir bit..." Ihr stockt der Atem. Hat er gerade Palazzo gesagt? Abrupt stoppt sie und sieht ihn mit großen Augen an. Die Einladung gilt für das Palazzo? Das nobelste Restaurant in ganz Windenburg? "W..waas? Artjom, das ist.." So viel Großzügigkeit macht sie verlegen und ein wenig ehrfürchtig. "..wunderbar.", bringt sie schließlich heraus und umarmt ihn glücklich. Wie konnte sie nur an ihm zweifeln? Nie mehr wird das vorkommen. Nie mehr.
>>> Artjom geht nach Windenburg Palazzo - Dinner, Tanz & Show >>>
>>> Nouki geht nach Windenburg Palazzo - Dinner, Tanz & Show >>>
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