Strangerville - Rin seine vier Wände

05.11.2025 16:18 (zuletzt bearbeitet: 05.11.2025 18:18)
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05.11.2025 16:28 (zuletzt bearbeitet: 05.11.2025 16:34)
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<<< Rin kommt von Gemeinsame Wege

Charakter: Rin
Geschichtsstrang: Seltsame Dinge


"Seltsame Dinge“, flüstern die Nachbarn. Im Haus des verrückten Doktors brennt wieder Licht nach all den Wochen, in denen es leer stand, als hätte selbst die Zeit es vergessen. Doch drinnen, hinter den beschlagenen Fenstern, kümmert Rin das Geflüster der Straße nicht. Er ist zurück. Diesmal, sagt er sich, bleibt er länger. Vielleicht sogar für immer.



Eine neue Präsenz huscht durch die Schatten eine Katze. Klein, schwarz, mit Augen, die im Halbdunkel glimmen. Rin nennt ihn Oreo. Sie hat sich schnell an die Kälte des Hauses gewöhnt, als wäre sie schon immer hier gewesen.
Manchmal hört er ihre Pfoten durch den Flur schleichen, das leise Kratzen an der Wand, dort, wo der Putz längst Risse trägt. Rin weiß, dass er ihr ein paar Kratzmöglichkeiten besorgen sollte. Die Wand ist ihm gleichgültig. Er neigt nur kurz den Kopf, fast mechanisch ohne Regung, ohne jede Spur von Wärme.
Zwischen ihnen wächst eine stille Verbindung. Zwei Wesen, die sich nicht brauchen und doch nebeneinander existieren. Beide allein, beide seltsam fehl am Platz in der Welt draußen.
Und während draußen weiter geflüstert wird, hört Rin drinnen nur das Kratzen kleiner Pfoten im Staub ein leises Echo, das seltsam beruhigend wirkt inmitten der Stille, die ihn nie ganz loslässt.
Das Kratzen an der Wand ist wieder da. Langsam. Zögerlich. Dann stärker.
Rin hebt den Blick. Seine Augen sind dunkel, reglos. Er sagt nichts, steht einfach auf, barfuß, und folgt dem Geräusch durch den Flur. Der Boden knarrt unter seinen Schritten, das Holz klingt, als würde es klagen.
Das Kratzen verstummt, sobald er sich nähert. Nur der Wind antwortet ein leises, rasselndes Atmen durch die Ritzen der Fenster. Rin bleibt stehen. Die Luft riecht nach Metall und feuchter Erde. Hinter ihm miaut der Kater. Kurz. Fast warnend. Rin wendet sich um, sieht den kleinen Schatten im Türrahmen. "Bleib, wo du bist“, murmelt er, ohne Stimme, nur mit den Lippen. Dann blickt er wieder zur Wand. Dort, wo der Putz aufgerissen ist, zieht sich ein feiner, dunkler Spalt entlang. Ein Riss, der gestern noch nicht da war.
Rin runzelt die Stirn, verwirrt, als plötzlich ein Schatten an ihm vorbeihuscht zu schnell, um zu begreifen, was er gesehen hat. Ein Knurren dringt aus seiner Kehle, rau und instinktiv. Zu spät. Was immer es war, ist entkommen. Der Kater faucht auf, springt kreischend in die Höhe. Rin greift nach ihm, drückt ihn an sich.



"Psshhh … ruhig, es ist weg. Nur wir zwei sind hier oben.“ Das Tier zittert noch, bis das leise Schnurren einsetzt ein dumpfes, vibrierendes Geräusch, das gegen Rins Schulter schlägt. Er neigt den Kopf, legt ihn für einen Moment gegen das weiche Fell. Das Geräusch lullt ihn ein, zieht ihn fort aus der Welt, lässt ihn beinahe vergessen, wo er ist. Doch der Moment vergeht. Rin lässt sich nicht ablenken. "Ich muss runter ins Labor, Oreo. Sei brav.“ Seine Stimme ist kaum mehr als ein Hauch. Er streicht mit den Fingerspitzen über den kleinen Kopf, spürt, wie sich das Tier in seine Hand schmiegt. Dann setzt er es ab.
Im Schlafzimmer zieht er seine Laborkleidung an das Gewebe riecht nach Desinfektionsmittel und altem Staub. Mit schweren Schritten steigt er die Treppe hinab. Die Dielen ächzen unter seinem Gewicht. Unten empfängt ihn der kalte Geruch von Metall, Chemie und etwas, das längst hätte tot sein sollen. Rins Miene bleibt hart, unbewegt.
Er weiß, was heute auf dem Spiel steht. Wird er es schaffen, das Wesen zu retten? Kann er das Rätsel ihrer DNA endlich entschlüsseln ihr Leben zurückgeben?
Er steht vor dem großen Behälter.



Das fuchsartige Wesen liegt zusammengerollt darin, die Gluckser der Lebenserhaltenden Flüssigkeit ziehen feine Kreise um seinen Körper. Nur die Konturen sind zu erkennen, die Ohren, der dichte Rücken als wäre es aus Rauch geformt und in Glas gefangen. Rin sieht es mit trotzig leerer Miene an. Keine Regung zeigt sein Gesicht, nur die Augen, die alles messen und nichts erlaben.
Oreo schleicht näher, von Neugier getrieben. Rin hat nicht bemerkt, dass der Kater ihm gefolgt ist. Ein strenger Blick trifft das Tier. "Stell keinen Blödsinn an, sonst fliegst du raus.“ Seine Stimme bleibt flach, ohne Tadel, eher Feststellung als Drohung. Er denkt an gestern und seufzt leise wie der Kater drei Phiolen umgeschubst hat, wie die Flüssigkeit über den Tisch lief und er die Proben mit zitternden Händen retten musste. Keine Spur von Zorn, nur eine nüchterne Verwünschung des Ungeschicks.



Dann beginnt er zu arbeiten. Die Lampen summen, das Mikrofon des Aufnahmegeräts klickt, als er den Versuch protokolliert. Er zieht die Sequenz auf den Bildschirm, vergleicht die Basenabfolge der Kreatur mit der eines gewöhnlichen Fuchses, versucht, die fehlerhaften Abschnitte zu überbrücken, Kompensationsstränge einzubauen, die das Organische stabilisieren sollen. Unter dem Mikroskop sieht er nur flimmernde Farben, kaum Struktur nichts Greifbares. Der Durchbruch bleibt aus; die Verbindung will nicht halten.
Sein Ziel bleibt klar: diesem Wesen ein normales Leben ermöglichen idealerweise das eines Gestaltwandlers, der zwischen Formen wechseln kann. Er notiert die Parameter: Temperatur, Ionenstärke, Enzymkonzentrationen, die Reihenfolge der Einspritzung. Jede Zahl wird festgehalten, jede Abweichung kommentiert. Das Protokoll ist sein Gebet.



Er spricht die Schritte laut aus, fast mechanisch, damit die Aufnahme stimmt. "Sequenz 4A, Hybridisierung bei 37 Grad, Insertionen 12–19, kein Off-Target-Effekt.“ Dann hält er inne, als der Behälter plötzlich einen schwachen Widerhall von Bewegung zeigt nur ein Flackern, als würde etwas in der Tiefe die Flüssigkeit teilen. Oreo sträubt die Nackenhaare, ein dumpfes Knurren rührt in seiner Brust.



Rin beugt sich vor, das Gesicht nah am Glas, die Stirn in Falten. Kein Lächeln. Nur Konzentration. "Noch ein Versuch“, sagt er leise in die Stille des Labors, und beginnt, die nächsten Parameter einzustellen in der Hoffnung, dass dieses Mal die Lücken schließen und das Leben zurückkehren wird.
Rin arbeitet bis tief in die Nacht.
Die Stunden verschwimmen in einem grauen Nebel aus Zahlen, Formeln und gescheiterten Ansätzen. Immer wieder überprüft er Proben, injiziert, misst, notiert und jedes Ergebnis endet gleich: stilles Scheitern.
Der Frust nagt an ihm, langsam, unbarmherzig. In seinen Augen spiegelt sich das kalte Licht der Monitore, während das Wesen im Behälter reglos schwebt, als hätte es längst aufgegeben. Manchmal fragt er sich, ob es ein Fehler war, sie zu retten.
Ob es gnädiger gewesen wäre, sie einfach loszulassen, statt sie an diesen Schwebezustand zu binden halb lebendig, halb Erinnerung. Er starrt in die trübe Flüssigkeit und fragt sich, ob sie jemals wieder hinaus kann. Ob sie je wieder atmen, laufen, lachen könnte falls sie sich überhaupt noch daran erinnert, was das ist. Bevor sie sie geschnappt haben. Bevor sie sie umgewandelt haben. Bevor sie zu dem wurde.



Rin schließt kurz die Augen, presst die Finger gegen die Tischkante, bis die Knöchel weiß hervortreten. Der Gedanke an jene Nacht lässt ihn nicht los – an die Schreie, an das metallische Summen der Geräte, an den Geruch von verbranntem Fleisch und kaltem Blut. Er atmet aus, langsam, kontrolliert.Dann richtet er sich wieder auf, greift nach der nächsten Probe. Er weiß, dass er sich nicht sicher sein kann, ob er das Richtige tut. Aber er weiß auch:Er wird nichts unversucht lassen.

<<< Rin geht nach Sulani Festival


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