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Time Chaos. Maddy ihre Vergangenheit

Da sind sie also. Eine kleine Stadt namens San Sequaia abgelegen, still und ländlich, genau so, wie Maddys Vater es wollte. Er hat dort eine alte Ranch übernommen, halb verfallen, halb charmant, mit knarrenden Dielen und einem Zaun, der schon bessere Tage gesehen hat.
So leben dort nur Maddy und ihr Vater Jeff zwei Menschen gegen die Welt.
Ihre Mutter hat sie verlassen, da war Maddy noch ein Baby. Warum, das weiß sie bis heute nicht. Und Jeff? Der schweigt lieber, sobald ihr Name fällt. Manchmal zieht sich dann dieser dunkle Schatten über sein Gesicht, als läge die Erinnerung wie Staub auf einer alten Wunde.
Maddy ist sechzehn zumindest sagen das alle. Doch manchmal glaubt sie selbst nicht daran. Sie fühlt sich älter, unruhiger, als würde in ihr etwas schlummern, das nicht ganz in ihr junges Leben passt. In den alten Fotos sieht Jeff viel zu jung aus, beinahe so, als wäre zwischen damals und weniger Zeit vergangen, als er behauptet.
Und als wäre das nicht schon seltsam genug, hat Maddy das Gefühl, vom Pech verfolgt zu werden. Anfangs hält sie es für Tollpatschigkeit, lacht noch darüber, wenn sie stolpert, etwas verschüttet oder im falschen Moment am falschen Ort ist. Doch inzwischen passiert es zu oft. Zu zufällig. In Momenten, die einfach keinen Zufall mehr zulassen.
Als sie auf den Hof des neuen Grundstücks rollen, huscht ein zufriedenes Lächeln über Jeffs Gesicht.
"Da wären wir, Maddylein“, sagt er, und in seiner Stimme schwingt eine Mischung aus Stolz und Erleichterung.
Maddy verdreht die Augen. "Großartig.“
Jeff schmunzelt nur. „Gib dem Ganzen eine Chance – dann wird’s das auch.“
Sie reagiert nicht, starrt stattdessen aus dem Fenster auf die staubige Einfahrt, die von knorrigen Holzzäunen gesäumt ist.
"Ein Neuanfang nach der ganzen Scheiße in New York ist für uns beide wichtig, Maddylein“, sagt Jeff nach einer Weile leiser. "Hier können wir nochmal von vorn anfangen. Nur du und ich.“
Maddy öffnet die Autotür, steigt aus und sofort schlägt ihr ein strenger, ländlicher Geruch entgegen. Mist, Heu, alte Erde. Sie rümpft die Nase.
"Sicher… bis sich die nächste Frau wieder um deinen Hals wirft.“
Skeptisch mustert sie das Grundstück: das verbeulte Scheunentor, die morsche Veranda, das hohe Gras, das im Wind raschelt. Jeff tut, als hätte er den Seitenhieb überhört, und hievt den ersten schweren Karton aus dem Van.
"Ja, ich hab Fehler gemacht“, murmelt er, „aber ich hab draus gelernt. Jetzt hör auf zu grummeln und pack lieber mit an.“
Maddy zieht eine Grimasse. "Es stinkt nach Scheiße.“
Jeff verdreht die Augen, doch ein Lächeln zuckt um seine Lippen. Schließlich packt sie mit an halb widerwillig, halb neugierig. Eine andere Wahl hat sie ohnehin nicht.
Maddy zieht sich schließlich in ihr neues Zimmer zurück und lässt sich seufzend aufs Bett fallen. Der Federkern quietscht, Staub wirbelt im Sonnenlicht auf. Ihre Gedanken rasen – morgen soll sie schon in die neue Schule, neue Gesichter, neue Lehrer, neue Erwartungen. Wieder alles von vorn. Sie hat einfach keine Lust mehr.
Plötzlich reißt sie ein helles Klingeln aus ihren Gedanken. Genervt dreht sie den Kopf zum Fenster. Draußen steht eine Frau am Gartenzaun, lächelt viel zu freundlich herauf. Schwarzes Haar, makelloses Make-up, bis in die Fingerspitzen aufgetakelt genau Jeffs Typ.
Maddy stöhnt leise. "Und drei… zwei… eins…“
Sie kennt dieses Spiel schon zu gut. Es läuft immer gleich ab.
Und tatsächlich da ertönt auch schon Jeffs Stimme von unten:
"Maddylein! Komm doch mal runter!“
Sie verdreht die Augen. Warum war mir das wieder so klar?
Wieder das gleiche Theater heile Welt, heile Familie nur diesmal mit der neuen, vermutlich alleinstehenden Nachbarin.
Jeff steht bereits neben der Frau, charmant wie immer, mit diesem leicht unsicheren Grinsen, das er aufsetzt, wenn er jemanden beeindrucken will.
"Darf ich Ihnen meine Tochter Maddy vorstellen?“
Die Fremde lächelt – süß, aber irgendwie berechnend – und mustert sie von Kopf bis Fuß.
"Maddison? Es freut mich wirklich, dich kennenzulernen.“
Doch hinter ihrem freundlichen Blick flackert etwas. Etwas Waches, Prüfendes.
Mhm, denkt Maddy, die spielt hier nicht nur neugierige Nachbarin.
"Jaro könnte recht habe Ich spüre starke Energie in ihr. Haben wir sie endlich gefunden? Das Mädchen, das durch die Zeit reisen kann?“
"Die Freude ist ganz meinerseits,“ sagt Maddy schließlich mit einem Ton, der deutlich das Gegenteil bedeutet.
Sie weiß genau, wie das jetzt weitergeht: Smalltalk über Kinder, dann lädt er sie zum Essen ein, sie trinken zu viel Wein – und zack, das Spiel beginnt von vorn.
"Ich weiß noch, wie mein Sohn Jayden in diesem Alter war,“ plaudert die Nachbarin. "Sehr schwierig, diese Phase. Pubertät, erste Liebe und all das.“
Jeff nickt eifrig. "Oh, dann verstehen Sie meine Sorgen! Meine kleine Maddylein ist äußerst tollpatschig, müssen Sie wissen.“
Mhm. Fantastisch.
Innerlich verdreht Maddy die Augen. Hallo? Ich stehe direkt neben euch! Ich kann euch hören, falls das jemand vergessen hat.
Maddy wünscht sich in diesem Moment nichts sehnlicher, als einfach weg zu sein. Weg von hier, weg von Elara, weg von Jeffs unbeirrbarem Optimismus. Der Gedanke wird so stark, dass er in ihr vibriert, als würde die Luft um sie herum aufgeladen.
Dann passiert es.
Ein Rauschen, ein Druck in der Brust und plötzlich zerreißt die Welt vor ihren Augen. Das Licht dehnt sich aus, die Farben verblassen, und Maddy spürt, wie sie den Boden unter den Füßen verliert. Ein gleißendes Aufblitzen und die Welt kippt.
Sie sieht sich selbst über San Sequaia schweben, schwerelos, als hätte sie keinen Körper mehr. Unter ihr läuft alles rückwärts ab Autos fahren rückwärts, Menschen bewegen sich wie Marionetten in einer zurückgespulten Szene. Selbst die Sonne scheint kurz zu taumeln.
Und dann Jeff. Sie sitzt wieder neben ihm im Auto. Doch er fährt rückwärts die Straße hinunter, die sie gerade gekommen sind. Die Häuser huschen in umgekehrter Reihenfolge vorbei.
"Was zur Hölle…?“ entweicht es ihr und in dem Moment bricht der Zauber.
Ein grelles Zischen, dann fällt sie das Bild reißt auseinander, und sie stürzt durch etwas Kaltes, Schweres. Mit einem lauten Platschen landet sie in einem Teich am Stadtrand. Das Wasser schlägt über ihr zusammen.
Keuchend taucht sie auf, ringt nach Luft. Ihr Herz rast, ihre Kleidung klebt an ihr wie eine zweite Haut. Ihre Mütze treibt ein Stück weiter auf der Oberfläche, bevor sie langsam untergeht.
"Was… ist hier gerade passiert?“ flüstert sie, die Stimme brüchig.
Ihr ganzer Körper bebt, als hätte jemand ihre Energie ausgesaugt. Alles in ihr fühlt sich leer an leer und gleichzeitig voller fremder Macht.
Maddy schließt kurz die Augen. Die Welt um sie herum schwankt, verschwimmt. Ein letzter Gedanke flackert in ihr auf, bevor die Dunkelheit sie überrollt:
Das war kein Traum.
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