Innisgreen

13.08.2025 22:03 (zuletzt bearbeitet: 13.08.2025 22:13)
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Schicksalslenker



Everdew















Küste von Adhmor














Sprucederry Grove














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22.03.2026 15:01
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Bestseller-Schmied

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Charaktere: Kitty, Jake
Ort: In den Wäldern von Innisgreen
Geschichtsstrang: So sieht man mehr



Der Duft von Kaffee und Brötchen liegt Katherine noch immer in der Nase, obwohl sie bereits seit einer halben Stunde am Frühstückstisch sitzt. Von ihrem üppigen Buffet sind nur noch die Weintrauben übrig. Sie liebt es, Dekorationen zu naschen und hebt sich diese Leckereien stets bis zum Schluss auf.
Die leise Musik im Hintergrund, übertönt von seichtem Gemurmel anderer Gäste, nimmt sie kaum wahr. Eine Traube zwischen Daumen und Zeigefinger haltend schaut sie aus dem Fenster. Hinter dem Garten des Hotels blitzt die Morgensonne zwischen den Baumwipfeln hindurch. Ein schöner Tag, zum Wandern, denkt sie und lässt die Traube mit zunehmender Aufbruchstimmung hinter den Lippen verschwinden.
Ihre Beine melden einen leichten Schmerz, den sie auf eine groteske Art genießt. Den hat sie sich hart verdient. Über zwanzig Kilometer hat sie gestern geschafft. Dreiundzwanzig Komma vier, um genau zu sein. Ein wenig ist sie stolz auf ihre Leistung. Es war eine gute Idee, diesen Trip zu starten. Spontan hatte sie sich für einige Tage von der heimischen WG verabschiedet. Manchmal muss sie einfach aus dem Alltag ausbrechen, Land und Luft schnuppern, sich herausfordern und den Kopf frei kriegen. Ohne Begleitung und nur für sich. Nehmen, was kommt.
Die zweite Traube vom Teller aufnehmend lenkt sie den Blick auf ihr Handy, um die heutige Route ein weiteres Mal abzustecken. Wenn sie eine Pause weniger macht, kann sie es bis zum Nachmittag zu dem neuen Aussichtspunkt schaffen.
Das geräuschvolle Schaben mehrerer Stühle auf dem Boden, lässt sie auf schauen. Einen Tisch vor ihr erhebt sich die vierköpfige Gruppe, um den Speisesaal des Hotels zu verlassen - und dabei die Sicht auf den nächsten Tisch freizugeben. Ein junger Mann sitzt dort. Unbeabsichtigt bleibt ihr Blick auf ihm hängen. Ohne zu wissen, warum, berührt sie der Anblick. Ebenso wie sie selbst scheint er sein Alleinsein zu genießen. Er sieht auf und direkt zu ihr herüber. Und ganz unwillkürlich muss sie lächeln.



Jake hebt den Blick und für einen kurzen Moment trifft er auf ihr Lächeln. Überrascht lächelt er zurück.
Er hatte nicht vorgehabt, heute jemandem zu begegnen, denn dieses Wochenende gehört ihm. Eine Auszeit aus dem Alltag, zum Nachdenken, zum Sortieren und zum Notizen machen. Die neue Wanderroute hatte er nicht nur wegen der Aussicht gewählt, sondern auch, um den Kopf freizukriegen und um zu überlegen, wie viel von seiner Geschichte er wirklich aufs Papier bringen will. Wie viel Platz seine Familie darin bekommen darf.
Sein Notizbuch liegt neben der fast leeren Kaffeetasse. Ein paar Stichpunkte stehen bereits dort. Während er einen letzten Schluck nimmt, merkt er, dass er noch immer in die Richtung der jungen Frau sieht. Als er sich dessen bewusst wird, schaut er schnell zur Tasse hinunter. Er räuspert sich und nimmt den Stift in die Hand, als müsse er plötzlich etwas wichtiges aufschreiben.

Das Lächeln ruht noch immer auf ihren Wangen, als Katherine den Blick von dem Blonden löst. Die letzte Traube naschend beginnt sie, das Geschirr auf dem Tablett zusammen zu stellen. Wenige Handgriffe später sind auch Handy und Schlüsselkarte verstaut, so dass sie etwas holprig aufsteht und mit einem letzten unbemerkten Blick zu ihrem Gegenüber den Platz verlässt.
Ihr Weg führt sie zurück ins kleine Zimmer, wo sie ihr weniges Hab und gut einsammelt und nach einem abschließenden Badezimmerbesuch den Raum zum Auschecken verlässt.
Wenig später steht sie auf dem Parkplatz am Eingang des Hotels, die imaginäre To Do Liste abhakend und bereit, den heutigen Tagesmarsch auf sich zu nehmen.

Ein paar Minuten später steht auch Jake auf. Er klappt das Notizbuch zu. Sorgfältig verstaut er es im Rucksack und hängt sich diesen über die Schulter. Noch ein kurzer Blick in den Speisesaal werfend, macht er sich ebenfalls auf den Weg nach draußen.



Ein wenig frische Morgenluft schnappend, läuft er zum Parkplatz. Da ist sie erneut. Kurz zögert er, dann geht er auf sie zu. "Hi", sagt er ruhig. "Ein schöner Tag zum Aufbrechen."

Überraschung steht in ihrem Gesicht geschrieben, als Katherine aufsieht. Die blauen Augen des Blonden leuchten sie offen an. "Hi.", formt sich ein freudiges Lächeln in ihrem Ausdruck. Den Kopf leicht zur Seite geneigt, nickt sie einmal bestätigend. "Da haben wohl alle brav aufgegessen, wie es aussieht." Leise lachend streckt sie ihren Bauch zu einer üppigen Rundung nach vorn und tätschelt die gut gefüllte Wölbung. "Ein guter Grund, heute die Hacken in Teer zu hauen." Kurz mustert sie ihn neugierig. Mit dem Rucksack und der bequemen Kleidung sieht es fast so aus, als ob ... "Bist du zum Wandern hier?"

Eine lose Strähne aus seiner Stirn schiebend, lächelt er, während er seinen Rucksack zurechtrückt. "Ja", antwortet er daraufhin. "Ich dachte, nachdem sich der erste Ansturm gelegt hat, schau ich mir die neue Route mal in Ruhe an. Vor allem den Aussichtspunkt wollte ich mir ansehen." Er deutet mit einer Handbewegung in Richtung der bewaldeten Hügel hinter dem Hotel. "Scheint ja ganz gut angekommen zu sein ... Und du?"

Katherines Aufmerksamkeit folgt dem Fingerzeig des Mannes, ehe sie wieder zu ihm schwenkt. "Da wollte ich auch hin.", schmunzelt sie. Einen Moment zögert sie, ihr Schmunzeln wird zu einem einladenden Lächeln. "Lust auf Begleitung?", zieht sie eine Schulter in den Nacken. "Oder möchtest du lieber deine Ruhe haben?" Bevor er antworten kann, hebt sie die Hand zu einer beschwichtigenden Geste. "Wäre total okay. Es hat ja nen Grund, dass jemand allein her kommt."

Leicht hebt Jake die Augenbrauen, als hätte ihn die Frage überrascht. Für einen Moment überlegt er tatsächlich. Eigentlich war der Plan gewesen, das Wochenende allein zu verbringen ... Die Ruhe nutzen, um Gedanken zu sortieren und ein paar Notizen machen. Doch während er sie ansieht, wirkt der Gedanke plötzlich gar nicht mehr so dringlich. Vielleicht wäre ein bisschen Gesellschaft gar nicht so schlecht.
Er lächelt. "Nein, schon okay", sagt er und zuckt mit den Schultern. "Ein bisschen Gesellschaft auf dem Weg schadet bestimmt nicht." Doch dann hebt er den Finger, als würde ihm noch etwas einfallen. "Aber eins musst du mir vorher verraten ... Wie heißt du eigentlich?"

Spitzbübischer Schalk sticht ihr aus den Augen, als sie leise lacht. "Man soll nicht mit Fremden mitgehen, was? Gut mitgedacht." Sie steckt das Handy in die Hosentasche und reicht ihm die Hand. Ihr Händedruck ist kurz und kräftig. "Katherine. Kitty reicht."



Den Händedruck erwidernd, stellt er sich vor. "Jake ... also eigentlich Jacob. Aber mich nennen alle Jake." Mit einem Nicken deutet er in Richtung des Weges, der vom Parkplatz zu den ersten Bäumen führt und setzt sich schließlich in Bewegung. Während sie losgehen bemerkt Jake, wie sich seine Pläne verändern. Auch wenn er sich den Tag anders vorgestellt hatte, merkt er, dass die Neugierde ihn packt, was nun auf ihn zukommt. Neue Gedanken für seine Geschichte und Inspiration, gepaart mit einer herrlichen Aussicht.

Einige Schritte gehen sie schweigend nebeneinander her, ohne sich anzusehen. Beide widmen ihre Aufmerksamkeit der Umgebung, die innerhalb weniger Meter mehr und mehr naturbelassen wirkt. Zufrieden reckt Katherine das Gesicht der Sonne entgegen. Sie liebt den Sommer mit all seinen Stärken und Schwächen. Einen tiefen Atemzug nehmend saugt sie die Ruhe der Umgebung auf, ehe sie noch einmal der Sonne entgegen blinzelt und schließlich dem jungen Mann an ihrer Seite einen neugierigen Blick schenkt. Sie hat nichts dagegen, miteinander zu schweigen. Dennoch richtet sie das Wort an ihn: "Du hast vorhin explizit die neue Route erwähnt. Warst du schon mal hier in der Gegend. Also auf den älteren Wegen?"

Den Blick über den Pfad gerichtet, denkt Jake einen Moment über ihre Frage nachdenkt. "Ja", antwortet er schließlich. "Die ältere Route bin ich tatsächlich schon mal gelaufen. Ist allerdings eine ganze Weile her." Kurz zieht er den Rucksackriemen auf seiner Schulter zurecht, bevor er weiterspricht. "In letzter Zeit bin ich kaum noch dazu gekommen. Arbeit, andere Sachen … Irgendwann merkt man dann, dass man sich um solche Dinge viel zu selten kümmert." Er blickt auf die Bäume, wo das Sonnenlicht durchscheint. "Also dachte ich mir, es wird mal wieder Zeit für eine kleine Auszeit. Und wenn schon, dann gleich eine neue Strecke ausprobieren." Nach ein paar Schritten wendet er den Kopf ein Stück zu ihr. "Und du? Bist du öfter auf solchen Touren unterwegs oder war das hier eher eine spontane Idee?"

"Es ist gar nicht immer leicht, diese Balance zwischen all den Bereichen hinzukriegen." Bestätigend nickt Katherine vor sich her. Sie kennt es selbst. Familienbesuche, Haushalt, Nebenjob und ganz nebenbei das Studium mit all seinen Facetten, wie Vorlesungen, Arbeitsgruppen, Recherchen, Prüfungsvorbereitungen, ... Zwischen all dem auch noch Zeit zur Entspannung und Reflexion zu finden, muss gut organisiert werden. Sie kennt deutlich mehr Leute, die unter Dauerstress stehen, als jene, die ihren Alltag entspannt durchlaufen. "Man kann nur immer wieder versuchen, ein einigermaßen geregeltes System aufzubauen. Das dann durchhalten ist vermutlich die Kunst, die man Leben nennt." Ein selbstironisches Schmunzeln umspielt ihre Züge. "Ich halte mich durchaus für strukturiert und eher konsequent. Aber ich kriegs auch oft nicht hin. Irgendwas bleibt immer auf der Strecke." Resignierend zucken ihre Schultern, doch die Selbstironie schimmert nach wie vor in ihren Augen. "Mich packt es so etwa zwei mal im Jahr relativ spontan. Dann krieg ich einen Koller und muss mal raus. Bewegen, was Neues sehen. Meistens fahr ich dann irgendwo hin, wo ich noch nie war. Ergo,", schließt sie mit einem offenen Lächeln ab, "war ich hier noch nie."
Der Waldboden wird steiniger, kleine Kiesel rollen unter ihren Schuhen weg und der Weg steigt hier einige Grad an, so dass sie das Ziehen in den Oberschenkeln spürt. "Um ehrlich zu sein, schien mir das hier eine gute Möglichkeit, mir das Training wieder schmackhaft zu machen." Ein Kopfrucken deutet nach vorn den Berg hinauf. "Den Bildern nach zu urteilen, muss man für diese Strecke kein Sportabzeichen haben, aber es ist eben mehr als ein gewöhnlicher Spaziergang. Das kommt mir als Teilzeit-Couchpotatoe ganz gelegen." Fröhlich glucksend untermalt ihr Lachen ihr humoristisches Selbstbild.



Aufmerksam hört Jake ihr zu und nickt hin und wieder. Vieles von dem was sie sagt, kommt ihm bekannt vor. Dieses Gefühl, dass einem der Alltag langsam alles andere aus der Hand nimmt. Dass Dinge, die einem früher wichtig waren irgendwann einfach hinten runterfallen.
Unwillkürlich fragt er sich, ob genau solche Gedanken nicht auch in sein Buch gehören. Nicht nur die großen Ereignisse, sondern auch das, was danach kommt. Wie sich das Leben verändert. Wie man plötzlich merkt, dass man sich selbst neu kennenlernen muss und noch nicht genau weiß, wohin mit all dem.
Ein Lächeln legt sich auf sein Gesicht. "Das mit dem Couchpotato kann ich nachvollziehen", sagt er schließlich und wirft ihr einen kurzen Blick zu. "Man gewöhnt sich schneller daran, als einem lieb ist." Er deutet mit dem Kopf den Weg hinauf, der sich weiter durch den Wald erstreckt.
"Aber du hast recht. Für den Einstieg sieht die Strecke eigentlich ganz freundlich aus." Kurz hebt er eine Augenbraue. "Zumindest hoffe ich das."
Nach ein paar Schritten wird er neugierig. "Was machst du beruflich, wenn ich fragen darf?"

Das entfernte Rauschen einer Straße ist längst verschwunden. Stattdessen hört man nur noch Wind und gelegentlich das Knacken von Ästen.
Der Weg ist inzwischen schmaler geworden. Zwischen den Wurzeln der alten Bäume schlängelt sich der Pfad weiter bergauf, und Katherine muss hin und wieder einen Schritt höher setzen, um über die freiliegenden Wurzeln zu kommen.
"Oh, da bin ich das absolute Klischees.", fängt sie lachend seinen Blick auf. "Ich studiere. Sozialwesen im demnächst letzten Semester. Und es wird echt Zeit, dass ich mich für eine Karriere im Anschluss entscheide." Ihre Stirn legt sich zweifelnd in Falten, als sie eine Strähne aus dem Gesicht streicht. "Ich hab jetzt lange überlegt, abzubrechen, weil ich festgestellt hab, dass ich Polizeiarbeit vielleicht doch spannender finde. Letztes Halbjahr hab ich mich bei denen beworben, aber ich wurde abgelehnt. Tja, Schuld eigen. Habs wohl unterschätzt." Ein charmantes Schulterzucken relativiert die damalige Enttäuschung. "Jetzt denke ich mir, ich zieh das letzte Semester noch durch und dann kann ich darauf aufbauen. Was ich nämlich inzwischen weiß," sie zieht die Wasserflasche aus dem Seitenfach des Rucksacks und dreht den Deckel ab, "ist, dass ich mit dem Abschluss bei denen an anderer Stelle ansetzen kann." Die Worte versiegen, als sie einige Schlucke trinkt. Erst als sie die Flasche wieder zudreht, fährt sie fort. "Das passt vielleicht sogar ganz gut, weil das letzte Semester hauptsächlich aus einem Praxisteil besteht. Jetzt muss ich nur noch bei einer Dienststelle angenommen werden und hoffen, dass es klickt."
Das Wasser findet seinen ursprünglichen Platz in der Seitentasche. "Was ist mit dir? Klang vorhin so, als hättest du generell viel um die Ohren."

Aufmerksam hört Jake zu. "Das klingt doch nach einem guten Plan. Wenn du das Semester noch durchziehst, hast du danach auf jeden Fall mehr Möglichkeiten. Und wer weiß, vielleicht ist genau das der Weg, der am Ende besser passt."
Ein paar Schritte gehen sie weiter, während der Weg langsam ansteigt. Dann greift er ihre Frage wieder auf. "Ich arbeite in der Computerbranche", erklärt er. "Viel Programmierung, viel Projektarbeit. Seit einiger Zeit auch größtenteils im Homeoffice." Kurz zuckt er mit den Schultern. "Es ist nicht nur die Arbeit. Da kommt auch einiges an Verpflichtungen im Privatleben dazu."
Für einen Moment stockt er. Sein Blick wandert über den Weg vor ihnen. Sie kennen sich erst seit kurzer Zeit und trotzdem hat er das Gefühl, dass er mit ihr offen reden kann. "Und …", setzt er dann an. "Ich habe auch eine Krankheit, die mich ein bisschen einschränkt."
Ein paar Schritte lang gehen sie schweigend nebeneinander her.
Schließlich bricht Jake die Stille selbst. "Ich bin Epileptiker ... Das hat vor einiger Zeit angefangen."
Er erzählt ihr kurz von seinem ersten Anfall und davon, wie sich sein Alltag danach verändert hat. Dann hebt er leicht die Schultern. "Klingt schlimmer, als es ist", fügt er hinzu. "Aber seitdem achte ich einfach mehr auf Pausen und merke manchmal, dass ich nicht mehr ganz so belastbar bin wie früher." Er lächelt. "Deshalb tut mir so eine Auszeit hier gerade ziemlich gut."



Katherine nickt, den Blick nur hin und wieder auf ihren Begleiter gerichtet. Es ist viel leichter, über persönliche Dinge zu sprechen, wenn man nicht permanent angestarrt wird, findet sie. "Das war bestimmt eine richtig gruselige Erfahrung.", bläst sie die Backen auf. "Aber du scheinst jetzt gut eingestellt zu sein. Das ist erstmal die Hauptsache. Alles Andere kommt mit der Zeit." Sie schenkt ihm ein aufbauendes Lächeln, das große Zuversicht birgt. "Wenn ich eine Sache in den letzten drei Jahren gelernt habe, dann, dass nichts wichtiger ist, als auf Erwartungen Anderer zu pfeifen." Leise schnaubt sie, bei dem Gedanken an diverse Kommilitonen, die sich direkt in ihre Burnouts geackert haben. "Belastbarkeit ist doch nur ein anderes Wort dafür, wie leistungsfähig du in der Gesellschaft bist. Und bei allem, was die Gesellschaft von einem fordert, ist die eigene Gesundheit zu riskieren, den ganzen Kummer nicht wert." Sie zuckt mit einer Schulter. "Niemand dankt dir, wenn du dich in einen Anfall hinein arbeitest. Dann bist du eben weniger belastbar als Hans Dieter. Vollkommen okay. Du gibst so viel du kannst und möchtest. Mehr als das wäre fatal für die eigene Existenz." Seufzend hebt sie den Blick Richtung Ziel. "Irgendwie schon krank, dass wir sowas auf die harte Tour lernen müssen, anstatt dass wir mit dem Bezug zu uns selbst aufwachsen."

Ihre Worte hallen länger in Jake nach, als er erwartet hätte. Irgendwo tief in ihm fühlt es sich gut an, das zu hören. Verstanden zu werden. Gleichzeitig spürt er auch diesen Widerstand in sich, doch noch mehr leisten zu wollen und stärker zu sein, als es manchmal gut für ihn ist. So leicht, wie sie es sagt, fühlt es sich für ihn noch nicht an.
Er atmet langsam aus und hebt schließlich den Blick zu ihr.
"Weißt du ... ", beginnt er. "Eigentlich bin ich hierher gekommen, um ein paar Tage allein zu sein. Einfach den Kopf frei kriegen." Kurz sieht er wieder auf den Weg, dann zurück zu ihr.
"Aber ich muss sagen, ich bin ziemlich froh, dass wir uns heute Morgen begegnet sind." Für einen Moment zögert er, bevor er weiterspricht. "Ein Grund, warum ich mir diese Auszeit genommen habe, ist … dass ich überlege, meine Geschichte aufzuschreiben." Er zuckt leicht mit den Schultern. "Nicht nur für mich. Vielleicht auch für andere, die mit der Krankheit leben. Als eine Art Orientierung oder einfach, damit man merkt, dass man mit dem Ganzen nicht allein ist." Verlegen lächelt er. "Ist noch mehr eine Idee als ein fertiger Plan."

"Das bin ich auch.", sagt Katherine und merkt, wie ihre Lippen ein warmes Lächeln formen. Sie weiß nicht, was es ist, aber irgendetwas an seiner Ausstrahlung ist so angenehm natürlich, dass sie einfach nicht anders kann.
"Waren das die Notizen, die du am Tisch hattest? Nicht dass ich neugierig wäre.", sendet sie schnell hinterher und muss ein wenig über sich selbst lachen.
Der Weg steigt weiter an, so dass sie sich unbemerkt etwas nach vorn lehnt. Die Natur ist schon auf dieser Ebene unglaublich schön, findet sie. Nur schade, dass es weit und breit keine Anzeichen von Tieren gibt - und seien sie noch so klein. Vermutlich weiter weg vom Weg, wo keine Leute rumlaufen.
Der Wald beginnt sich langsam zu verändern. Die Bäume stehen nicht mehr so dicht beieinander und zwischen den Stämmen blitzt immer häufiger Himmel hindurch. Das Sonnenlicht fällt inzwischen anders durch die Bäume. Während es unten noch weich zwischen den Stämmen lag, bricht es hier oben heller durch die Kronen.
"Ich finde das eine gute Idee.", kommt sie dann gedanklich zurück zu ihrem Begleiter. "Selbst wenn es niemand anderes lesen würde - es dient ja auch der Verarbeitung. Gedanken, Gefühle, Erinnerungen los lassen. Dinge von anderen Blickwinkeln betrachten. Sowas ist wichtig, wenn man weiter kommen will."



Noch immer verlegen grinst Jake und kratzt sich dabei am Hinterkopf. "Ja, das waren meine Notizen." Er zuckt leicht mit den Schultern, während sie weiter den ansteigenden Weg entlanggehen. "Eine alte Freundin hilft mir dabei. Sie hat ein echtes Talent dafür, Gedanken in Worte zu fassen. Ich glaube, allein würde ich das so gar nicht hinbekommen ... Trotzdem muss ich erstmal herausfinden, was überhaupt alles in die Geschichte gehört." Sein Blick wandert zum Pfad vor ihnen. "Vielleicht hilft mir dieses Wochenende ja dabei, das ein bisschen zu sortieren."
Gerade will er noch etwas hinzufügen, als sich der Wald vor ihnen lichtet. Der Weg endet an einer kleinen freien Fläche und plötzlich liegt die Landschaft vor ihnen. "Wow", gibt er erstaunt von sich.

Katherine tritt neben ihn auf die Lichtung und folgt seinem Blick. Sie schweigt, doch das Lächeln in ihrem Gesicht spricht Bände.
Vor ihnen liegt ein Tal, gute zweihundert Meter tief, schätzt sie. Das Licht des frühen Vormittags hüllt den Ausblick in einen warmen Schleier.
Tief atmet sie ein. Alles wirkt unglaublich friedlich. Auch, weil sie früh aufgebrochen und nahezu allein auf diesem Abschnitt des Weges sind. Lediglich eine kleine Gruppe von Wanderern kann sie weit hinter ihnen erkennen.
Langsam dreht sie sich um die eigene Achse. Der wahre Aufstieg beginnt erst, bemerkt sie, als ihr Blick auf den weiter führenden Weg fällt. Der Berg ragt stolz über die Landschaft empor, umrundet von einem Weg, dessen Unverbrauchtheit etwas fehl am Platz wirkt, aber ein Gefühl von Sicherheit vermittelt.
"Also, wenn das schon der Ausblick auf halber Strecke ist, bin ich mal richtig gespannt, was uns am Ende erwartet."
Schließlich lehnt sie sich leicht gegen einen der niedrigen Felsen am Rand der Lichtung und sieht zu Jake hinüber. Der Wind streicht ihr angenehm durchs Haar, so dass die zarte vorwitzige Strähne, die sich nie bändigen lässt, im Gesicht kitzelt.
"Willst du kurz ausruhen?", fragt sie, während sie zur Wasserflasche greift. "Oder gehts weiter dem Himmel entgegen?" Ihre Augen blitzen vor Vorfreude auf.
"Oh und ich muss dir noch eine sehr wichtige wissenschaftliche Frage stellen?" Sie sieht ihn ernst an. "Bist du der Typ Wanderer, der vorbereitet ist,", sie deutet auf seinen Rucksack, den er bisher kaum anrührte, "oder der Typ, der oben am Berg merkt, dass er das Essen im Hotelzimmer vergessen hat?" Ihre Mimik wird zu einem neugierigen Grinsen

Einen Moment lang genießt Jake die Aussicht über das Tal. "Ja, das kann sich sehen lassen", sagt er schließlich. Dann wendet er sich wieder Katherine zu und zuckt leicht mit den Schultern. "Ich müsste eigentlich alles dabeihaben." Ein Grinsen kommt über sein Gesicht. "Also können wir ruhig noch einen Moment hierbleiben und die Aussicht genießen." Er zieht das Handy aus der Tasche und macht ein paar Fotos von dem Tal. Kurz betrachtet er das Ergebnis auf dem Bildschirm. Dann zögert er einen Augenblick und schaut zu ihr. "Ehm ...", setzt er an und wirkt plötzlich ein wenig unsicher. "Wollen wir vielleicht ein Foto machen? Also von uns. Als Beweis, dass wir es bis hier geschafft haben."

Katherine schnallt den Rucksack ab und stellt ihn auf eine der Bänke. Kurz darauf kramt sie Müsliriegel, Apfel und Wasser hervor, legt eins nach dem anderen auf dem Tisch ab, ehe ihr Blick auf Jake fällt. Irgendwie süß, wie er so unsicher da steht. Hat Ähnlichkeit mit einem Schuljungen, findet sie.
"Klar.", strahlt sie mit einem zugekniffen Auge, weil die Sonne hinter seinem Rücken sie blendet. Durch das warme Licht wirkt sein blondes Haar beinahe engelsgleich und sie muss bei dem klischeehaften Gedanken innerlich über sich selbst den Kopf schütteln. Bestimmt hat er als Junge in der alljährlichen Krippenaufführung die frohe Botschaft des Heilands verkündet. Jetzt ist aber genug. Energischer als beabsichtigt pult sie sich aus der unhandlichen Tisch-Bank-Picknick-Kombo und gesellt sich an seine Seite. Eigentlich ist sie nicht sonderlich Selfiebegeistert, aber für dieses Mal macht sie eine Ausnahme.
Leicht lehnt sie sich zu ihm herüber, bemüht, nicht zu nah an ihn heran zu drängen. Sie hat kein Problem mit körperlicher Nähe, aber schließlich haben sie einander gerade erst kennen gelernt.
Suchend huscht ihr Blick über das Display seines Handys. "Warte.", murmelt sie und lenkt vorsichtig seine Hand etwas zur Seite. Ihre Finger liegen warm auf seinem Handgelenk, bis das Land hinter ihnen weniger begrenzt erscheint. "So sieht man mehr.", erklärt sie mit entschuldigendem Unterton, in der Hoffnung, er möge diesen Move nicht als übergriffig empfinden.
Eine Sekunde später erscheint das Bild als festgehaltene Momentaufnahme auf dem Display.
"Oh je.", schmunzelt Katherine klangvoll. "Ich sehe ja aus, als wäre ich gerade aus nem Vollsuff hochgekomat. Lass noch eins machen." Sie streckt die Schultern durch und streicht sich einmal über das zum Zopf gebundene Haar, um die losen Strähnen zu zähmen. Dann gibt sie das Signal zum erneuten Versuch. Diesmal blitzt ein ehrlicheres Lächeln auf. "Okay, ich schätze viel geiler wirds heute nicht.", lacht sie. "Das ist schon erstaunlich akzeptabel."



In diesem Moment nähern sich Schritte über den steinigen Untergrund. Ein Paar bleibt unweit von ihnen stehen, beide mit diesem typischen Blick zwischen Aussicht genießen und der Überlegung, auch ein Foto zu schießen.
Katherine hebt kurz den Blick, mustert die beiden und grinst dann leicht.
"Warte kurz.", sagt sie leise zu Jake, bevor sie sich einen Schritt von ihm löst. "Soll ich?", bietet sie sich ungezwungen an. "Ich euch, ihr uns?"
Ohne viel Aufheben, aber mit sympathischen Worten wird das Geschäft besiegelt und durchgeführt. So steht Katherine einen Moment später erneut lässig posierend neben Jake. Diesmal achtet sie gar nicht mehr so sehr darauf, wie viel Abstand zwischen ihnen liegt. Der spontane Moment, das kurze Organisieren mit dem Paar und das gemeinsame Lachen haben die anfängliche Unsicherheit ein wenig aufgeweicht.
Sie erhält das Gerät zurück, bedankt sich und betrachtet schweigend das Bild. Ein zufriedenes Lächeln zieht sich langsam über ihr Gesicht.
"Das ist tatsächlich richtig gut geworden.", bemerkt sie. Ihr Blick bleibt einen Atemzug lang auf dem Bild hängen, bevor sie wieder zu Jake aufschaut. "Was meinst du?", fragt sie mit einem kleinen Schmunzeln.

Nachdem Jake einen Blick auf das Foto wirft, lächelt er. "Das ist richtig gut geworden!" Er bedankt sich bei dem Paar und sie verabschieden sich voneinander. Gemeinsam setzen er und Kitty ihren Weg fort. Jake merkt, wie ungewöhnlich leicht sich alles anfühlt. Kein Grübeln, keine Gedanken an gestern oder morgen, keine Krankheit, keine Unsicherheit. Einfach nur dieser Moment im hier und jetzt. Das ist es, denkt er sich und ist fest entschlossen, diesen Moment in seiner Geschichte festzuhalten.

(in Zusammenarbeit mit @Spatz )


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