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Toronto
#41
Charaktere: Logan, Elois
Ort: Elois' Wohnung
Geschichtsstrang: Flüchtig
Also gut. Auf Dinge einlassen.
Seufzend lässt Logan die Zahnbürste in den Becher fallen. Wie zum Teufel macht man sowas? Woher soll er wissen, was ihm gut tun könnte? Du brauchst neue Muster. Ratlos betrachtet er sein Spiegelbild. Ein Anblick, den er bei Weitem nicht immer erträgt. Anstatt ihm das Geheimnis zu verraten, antwortet es mit müdem Schweigen. Ein leises Knurren wälzt sich aus seiner Kehle, als er aufgibt und das Bad verlässt.
Die Wohnung ist ruhig. Gerda hockt vermutlich in ihrem Zimmer und schreibt an ihrer Liste der Klomusik. Einen Tag vor ihrem mentalen Absturz hatte sie das Spiel eröffnet. Logan hatte sich ins gerade noch erträglich heiße Wasser der gefüllten Badewanne gesetzt, als aus der Ecke neben der Tür Gitarrenakkorde ertönten, glatt produziert und dermaßen überstilisiert, dass man sie kaum einem Instrument zuordnen könnte. Noch ehe er das Geplärre zuordnen konnte, schallte hinter der Tür ihr dreckiges Lachen bis zu ihm hindurch. "Das ist für den Schmetterliiiiiiing!" Eine dumpfe nicht Schlagzeuggerecht abgemischte Tom leitete den poppigen 70ger Jahre Beat ein, der schon immer in ihm eine Gänsehaut des Grauens geweckt hatte. ABBA! Wie hatte sie ...? Suchend tastete sein Blick die Wand ab - und entdeckte den kleinen Lautsprecher. Den mussten die Elektriker verbaut haben, als die hier zugange gewesen waren. Augenrollend sank Logan einige Zentimeter tief ins Wasser. Er hätte natürlich raus gehen und dem Theater ein Ende bereiten können. Aber er hätte sich wenigstens halbwegs abtrocknen müssen, nur um dann wieder ins Wasser einzusteigen, das dann nicht mehr die ideale Temperatur gehabt hätte. Und so ertrug er die drei Minuten lange Folter - nicht ohne den Kampf gegen ein imponiertes Schmunzeln zu verlieren. Was für ein geiler Move von einer richtigen miesen Fotze!
'The city is a jungle, you better take care
Never walk alone after midnight
If you don′t believe it, you better beware of me
I am behind you, I'll always find you
I am the tiger
People who fear me never go near me
I am the tiger'
Seither jongliert er gedanklich mit verschiedenen Ausscheidungen der Musikbrange, um sich an ihr zu rächen. Jetzt, da Gerdas Stimmung sich nach ihrem mentalen Breakdown langsam wieder stabilisiert, rückt auch diese Entscheidung näher. Und seine Antwort wird brutal. Ein Mundwinkel hebt sich zu einem schmalen diabolischen Grinsen, bei dem Gedanken daran.
Ein kurzer Abstecher in sein Zimmer, wo er die letzten Utensilien für den Besuch bei der Vermieterin zusammensammelt, lässt seinen Fokus zurück auf das Etui fallen. Kurz zögernd nimmt er es an sich. Schon oft hat er die feinen Linien der Gravur bewundert. 'Lass es zu und du wirst es nicht bereuen.' Tiger, Panther und Vogel lassen seinen Blick weich werden. Er kann sich nicht erinnern, dass jemand schon einmal extra etwas für ihn anfertigen ließ. Der Gedanke treibt ihm einen tiefen Atemzug in die Brust. 'Nimm das Ding an.' Er könnte es benutzen, wenn sie nicht da ist. Oder so. Er muss ihr ja nicht unter die Nase reiben, dass er das Teil eigentlich ganz cool findet.
Ein Geräusch schreckt ihn aus den Überlegungen. Ein dumpfes Poltern Nebenan. Kurz darauf öffnet sich ihre Zimmertür, Schritte, dann die Tür zum Bad. Hastig, als hätte er etwas ausgefressen, stopft er die Schatulle in die Gesäßtasche und eilt aus dem Zimmer, durch den gemeinsamen Wohnraum und hinaus in den Hausflur.
Elois ist das Ziel. Mit seinem neuen Ausweis, der gestern Nachmittag in der Post lag, kann er endlich den Mietvertrag anpassen. Je schneller das erledigt ist, umso eher kann er sein altes Leben abstreifen. Dieses Mal vielleicht endgültig.
"... Ja, ja. Das ist kein Problem Veronica, ich kann den kleinen spontan aus der Kindertageseinrichtung abholen - aber natürlich. Ich verbinde es einfach mit meinem Einkauf im Kurzwarengeschäft." Elois schlägt auf der Couch sitzend ein Bein über das andere, während die nette Nachbarin zwei Straßen weiter ihr ihr Leid klagt. Eine nette junge alleinerziehende Frau, die sie vor kurzem kennengelernt hat. "Wie bitte?" fragt die Frührentnerin konzentriert nach, die telefonische Verbindung ist nicht sehr gut. "Ja, genau. Elois Hausman. Hausman mit einem 'N'." Ein Schwall Dankesbekundungen strömt leicht verzerrt durch die Höhrermuschel ihres nostalgischen Festnetzapperates. Sie nickt stumm und nebenher ihren Tagesablauf umplanen. Dann schellt auf einmal die Türklingel.

Gerade, als Logan den Rückweg antreten will, öffnet Ms. Boutique die Tür.
"Hey.", nickt er ihr knapp entgegen. "Die Papiere sind da." Wie zum Beweise hält er ein druckfrisches Ausweisdokument in die Luft. "Hatten drüber gesprochen, dass sich paar Angaben ändern.", fügt er hinzu, als sie nichts entgegnet. "Wegen dem Vertrag. Und so." Ein Seufzen niederringend weicht sein Blick ihrem aus. Er hasst es, Dinge von anderen Sims wollen zu müssen. Bedürfnisse äußern. Unterstützung anfordern. Vertrauen erbitten. Das alles ist nichts für ihn. Es lässt ihn sich klein und unbedeutend fühlen. Schwach. Jämmerlich. Es nervt ihn, trotzdem manchmal das Spiel der Gesellschaft mitspielen zu müssen. Hoffentlich erinnert die Alte sich daran, was sie bei Unterzeichnung des Mietvertrags besprochen haben. Zu dem Zeitpunkt hatte er längst entschieden, den Irrtum um seinen Vornamen zu nutzen, um 'Jona' endlich hinter sich zu lassen.
Als die Türklingel sich in das Telefonat drängt, das Elois gerade ihre Abschiedsworte ausgesprochen. Mit einem letzten "Bis später" beendet die spontane Babysitterin das Gespräch, steht auf und geht in ruhigem, gemächlichten Gang zut Haustür. Dort angekommen sagt der Spion, dass ihr zweiter Mieter etwas von ihr möchte. Kurzerhand öffnet sie die Tür. Wie gewöhnlich ist er knapp der Worte und Blicke. Als er seinen Besuch begründet hat, nickt sie ihm zu und bittet ihn herein. "In Ordnung. Du kannst in die Küche durchgehen und dich setzen. Ich hole eben den Vertrag und bin gleich bei dir." Erneut geht sie ins Wohnzimmer und steuert die Kommode an, auf der ihr Telefon trohnt. Nach zwei raschen Griffen ist der Ordner mit den Vermietungs-relevanten Unterlagen hervorgezogen. Keine drei Minuten später sitzt sie dem jungen Mann gegenüber am Küchentresen. Beide sind auf ihre Art bewaffnet. Er mit seinen Papieren, sie mit ihrem Order. "Ich will nicht um den heißen Brei herum reden", sie hasst unnötiges Palaver, "wir ändern was du ändern möchtest. Aber ich habe vielleicht Fragen dazu. Falls das so ist, wünsche ich mir ehrliche Antworten. Egal in welche Richtung."
Logan tritt mit einem bedächtigen Schritt ein, um das kleine Wohnzimmer zu durchqueren. Wie schon bei seinem ersten Besuch, vor einigen Wochen, scannt sein Blick unauffällig die Umgebung ab. Sofort fallen ihm die Details ins Auge, die bei den meisten Sims wenig Beachtung bekommen. Das Sofa lässt sich sauber umrunden, durch die angrenzende Kommode an der Rückseite aber nur hinderlich übersteigen. Die große Topfpflanze neben der Couch schneidet den Weg nicht ab, ließe sich aber als weiträumiges Hindernis zweckentfremden, würde man sie umstoßen, während der Raum ansonsten nur wenig verfügbare Stolperfallen bietet. Im Falle einer notwendigen Flucht bliebe hier nur, schnell zu sein, um die Tür zur Freiheit zu erreichen, welche gerade mit einem leisen Klicken im Schloss einrastet. Logan registriert nicht, dass dieses Geräusch seinen Körper reflexartig anspannen lässt. Zu sehr ist er darauf konzentriert, Elois nicht aus seiner Wahrnehmung zu verlieren und ganz nebenbei den ungefährlichsten Platz in der Küche auszusondieren. War er beim letzten Mal mit dieser zentral gelegenen Einrichtung überfordert, entscheidet er sich heute ohne merkliches Zögern für den Platz, von dem aus er zwei der drei Eingänge im Blick hat, den dritten durch eine gezielte halbe Umdrehung gut und schnell erreichbar.
Halb auf dem Barhocker sitzend, zieht er das Etui aus der Hosentasche, um die freien Minuten dafür zu nutzen, die wenigen in der zerknüllten Schachtel verbliebenen Zigaretten einzusortieren. Zu gern würde er sich eine anstecken. Die fremde Umgebung und der Grund seines Hierseins machen ihn nervös. Und der Umstand, dass er keine Ahnung hat, was ... oder möglicherweise wer sich hinter der dritten Tür befindet. Chill out, Freak. Vermutlich nur ganz normaler Omikram.
Das letzte Nikotinröllchen reiht sich gerade ins Etui ein, als die Hausherrin an den Tresen tritt, sich Logan gegenüber setzt und ihre deutlichen Worte an ihn richtet.
Es kostet ihn einige Mühe, die Braue in Zaum zu halten. Was für Fragen will sie denn haben? Solange er pünktlich die Miete zahlt und es nicht nach Verwesung stinkt, haben seine Beweggründe sie einen Scheiß zu interessieren. "Sicher.", brummt er misstrauisch. Wenn die denkt, er packt hier seine Familienfotoalben aus, hat die sich geschnitten.

Wie auch beim letzten Mal fühlt sich der Neuankömmling sichtlich unwohl. Herrgott noch mal, diese Spannung muss wahnsinnig anstrengend sein. Tendenziell hält sie Stress, Hektik, Getriebenheit, Ängste und eine ganze Reihe starke Gefühle von anderen gut über längere Zeiträume aus. Dieses Persönchen hier jedoch... Elois erhebt sich, kurz nachdem sie sich gesetzt hat und holt einen alten, einzelnen Porzellanteller mit abgeblättertem Goldrand aus dem Schrank und stellt ihn zu den Unterlagen. "Als Aschenbecher, für alle Fälle." Die Brille zurecht rückend, setzt sie sich wieder und wirft einen Blick auf die Papiere. Langsam, fast meditativ nickend beginnt sie die Unterhaltung, "Mich interessiert, warum du deinen Namen hast ändern lassen. Auch, wenn das eine sehr persönliche Frage ist."
Noch während sie die erwartete Frage formuliert, senkt sich Logans Blick zu dem frisch bestückten Etui. Gerda nennt ihn Baghi oder Baghs. Ein Umstand, an den er sich recht schnell gewöhnte, weil er keinen Bezug zu diesem Vieh hat.
Die Muskeln in seinem Kiefer erzeugen flatternde Schatten auf seiner Haut, so dass er den Druck an den Ohren spürt. In einigen Monaten werden seine Locken einen Teil der Narben verstecken, doch nun tanzen auch sie gut sichtbar unter den mahlenden Bewegungen. Tief und ruhig atmet er durch die Nase ein, während er augenscheinlich abwesend konzentriert eine der Zigaretten aus der flachen Blechdose zieht, sie zwei, drei Mal zwischen den Fingern beider Hände hin und her rollt und schließlich mit der offenen Seite zwei Mal auf den rechten Handrücken tippt, ehe er sie in lässig wirkenden Zügen zwischen die Lippen klemmt. Leicht zur Seite geneigt, fährt die linke Hand in die Hosentasche, um das alte Zippo hervorzuziehen. Ein Atemzug, jetzt scheinbar nachdenklich, entfährt ihm aus dem schmal, schief geöffneten Mund. Erst dann ertönt das charakteristische Klicken, mit dem die Flamme aufspringt.
Ehrliche Antworten will sie, egal in welche Richtung. Kaum merklich nickt er vor sich her, während der Sog am Filter die Glut entfacht. "Schon klar, dass das komisch aussieht.", murmelt er an der Kippe vorbei. Die linke Hand legt sich auf die Zigaretten auf dem Tisch, zögert eine halbe Sekunde, schiebt sie dann einige Zentimeter über den Tresen, der Hausherrin entgegen. Das Zippo folgt mit einem viel zu schweren Geräusch. Ein weiterer tiefer Atemzug durch den Filter, ehe er die Zigarette mit Daumen und Mittelfinger der linken Hand greift. "Die offenherzige, kontaktfreudige Plaudertasche von oben schleppt nen verranzten Freak an, der das Maul kaum aufkriegt, in seiner Schrottkarre wohnt und seinen Namen ändert." Noch immer weicht er den Blicken der Gesprächspartnerin aus, die freie Hand kratzt den Hinterkopf. "Ehrlich, egal in welche Richtung.", zitiert er und schaut auf. Sein dunkler Blick trifft sie mit durchdringender Tiefe. "Ich bin bestimmt kein guter Sim, aber ich bin nich gefährlich. Kein gesuchter Mörder oder sowas. Nur ..." schwer ausatmend ändert sich seine Mimik erneut, als seine Augen den Kontakt abreißen. Eine Braue erhoben, der Kopf wieder gesenkt, schleicht sich etwas Geschlagenes in seinen Ausdruck. "Einer, ders nich lange an einem Ort aushält. Und mit sich selbst." Beinahe ratlos deuten die Schultern ein Zucken an, die Hand hebt sich, um das Nikotin zu den Lippen zu führen. "Isn Versuch, schätz ich.", gibt er dann zu. "Es dieses Mal endgültig zu machen." Die Ahnung im Hinterkopf, dass der Vermieterin das nicht reichen wird, presst die freie Hand massierend in die Nackenmuskulatur - dort, wo die Erinnerung ihn so häufig packt. Aus einem Gefühl heraus, kann er den Drang, den Raum erneut abzusuchen, nicht bekämpfen und so tasten seine Augen verstohlen die Eingänge ab. Er weiß, dass niemand hier ist. Nach ihm sucht. Doch die Hoffnung, dass ein neuer Name, ihm ein klein wenig Ruhe verschafft, ist real.

Elois beobachtet ihn ruhig ohne Wertung. Oder vielleicht doch mit Wertung? Die Erinnerung die sie einst hatte, macht sich präsent. Er erinnert sie ein gutes Stück weit an ihren verstorbenen Mann. Verschlossen, Bindungsschwierigkeiten und sehr getrieben. Es hatte Jahre gedauert, bis er bei ihr ankam. Bis er bleiben konnte. Und einfach, war es nicht gewesen, für sie beide. Aber er war immer aufrichtig, hat sie stets wissen lassen, woran sie war. Ehrlichkeit ist eines der höchsten Güter und sichert ihren Respekt.
Die Rentnerin schenkt Logan keinen gutmütigen Blick. Elois ist einfach standhaft und neutral. Jetzt ohne Wertung, dafür mit Verständnis und der Intention dem jungen Mann das Gefühl zu geben, dass er sein darf wer er ist. "Jeder hat seine Geschichte. Nur die meisten verdecken diese und sehen zu, dass sie ein anderes Bild von sich sichtbar machen. Du tust das nicht. Und nicht nur, weil dir die Mittel dazu gefehlt haben" stellt sie ihre Überzeugung dar. "Du bist ungeschönt und authentisch. Klar. Ich schätze das," ließt sie von dem Papier ab, "Corey Logan. Und ich glaube dir." Seine fließenden Raucherhandbewegungen ziehen einen Teil ihrer Aufmerksamkeit. Eine auffallend neue, wertige Verpackung für die Zigaretten, mit einem ungewöhnlichen, wenig maskulinen Motiv drauf. Ein innerlicher Schmunzler folgt. 'So, so.' Er wurde und hat sich aufgerüstet. Will versuchen zu bleiben? Sehr interessant. Das passt zu dem Bild, dass sie sich mit dem gebührenden und höflichen Abstand einer Vermieterin über die beiden jungen Leute, die nun gemeinschaftlich im ersten Stock wohnen, gemacht hat.
"Ich finde nicht, dass es komisch aussieht. Mit meinen Eltern und meiner Schwester bin ich selbst immigriert. Jeder hat seine Gründe und nicht immer ausreichende Mittel, wie ich weiß." Der Hausherrin ist anzusehen, dass Erinnerungen an eine andere Zeit sie in Beschlag nehmen. Als das verdrängen der Bilder und Gefühlsregungen bei Seite geschoben werden können, nimmt Elois mit durchgestrecktem Rücken und greifenden Blick ihren Grund auf. Gewöhnt ruhig erklärt sie: "Ich möchte nur wissen, ob ich mich gegebenenfalls auf irgendetwas gefasst machen soll. Beispielsweise Fragen von spezifischen unbekannten Personen, die ich melden sollte. Dir oder der Polizei. Oder beides" stellt sie in den Raum zwischen sich und dem Mann mit den feinen Narben im Gesicht. Sie hebt ihren Kopf nun ein Stück höher, prüfend.
"Generell kümmere ich mich ausschließlich um meine Angelegenheiten, solange ich nicht um Unterstützung gebeten werde. Aber das hier ist mein Haus, gefüllt mit meinen Erinnerungen an meinen Mann und unseren gemeinsamen Lebensweg. Das ist mir heilig. Und ich will wissen, wenn etwas oder jemand unter diesem, meinem Dach in Schwierigkeiten ist, damit ich vorbereitet und nach Möglichkeit handlungsfähig bin, bevor etwas oder jemand brennt. Mein Leben sowie meine ganze Existenz stecken hier drin, auf die eine oder andere Weise."
Er kann ihrem Blick nicht standhalten. Nicht bei diesen Worten. Was ist das mit den Leuten hier in diesem Land? Mit dieser ... Wertschätzung an jeder Ecke?
Während sie spricht schieben sich Bilder von Jake hinter Logans Verstand. Ohne das Zutun des Freundes, seinen Einfluss und diese Engelsgeduld, hätte die Vermieterin heute nicht eine so erdrückend positive Meinung über ihn. Noch vor zehn Jahren war er ein komplett anderer Sim. Aggressiv, übergriffig und unverschämt. Würde er seiner früheren Version begegnen, würde er ihr ungehalten eine aufs Maul geben für die Art, wie sie Andere terrorisiert - einfach nur aus dem Frust heraus, ein beschissenes Leben führen zu müssen. Damals verstand er nicht, dass man immer eine Wahl hat. Dass man nicht Täter werden muss, nur weil man mal Opfer war. Das aufkommende schwere Seufzen wird mit einem tiefen Zug an der Zigarette überspielt. Gerade als ihn die Frage streift, ob er es wohl geschafft hätte, Billies Jungen irgendeine Art von Vater zu sein, reißt sein Blick hoch zu der Frau vor ihm - viel zu alarmiert, um unauffällig zu sein. Wie war das? Spezifische unbekannte Personen? Fragen melden? Ihm oder ... Einen aussetzenden Herzschlag lang erstarrt er. Weiß die Alte irgendwas? Binnen einer Sekunde nimmt die Luft in dem Raum eine so feste Masse an, dass sie sich weder atmen lässt, noch könnte er sich durch sie hindurch bewegen. Spannungskopfschmerz schießt ihm in den Schädel, überrollt ihn und treibt ohne Umwege ekelerregende Übelkeit in die Magengegend. Fuck! Das kann nich - Kann das -? Ne, der weiß doch nich - Scheiße, was wenn - Nein, nein! Unmöglich. Der sitzt noch. Fünfzehn Jahre hatter. Das noch nich um. Oder? Fuck, welches Jahr ham wir?

Elois spricht weiter, doch erreichen ihre Worte ihn nicht länger. Zu tief driftet er ab in inneren, aufwühlenden Gedankenfetzen.
Fünfzehn Jahre. Zwölf bei guter Führung, hatte der Anwalt gesagt. Man hat ihn nie über irgendeine Entwicklung informiert. Aber wie sollten sie, wenn er ständig den Wohnort wechselt? Nicht nur ER hätte Schwierigkeiten, ihn zu finden. DIE ebenso. Logan würgt einen dicken Kloß herunter. Was, wenn der Sack längst draußen ist? Wenn der wirklich nach ihm sucht? Aber warum sollte er? Es gäbe keinen Grund zur Rache. Nicht Logan hat ihn verraten. Sein eigener Wahnsinn war es, der ihn in den Knast brachte. Logan hatte nie auch nur ein Sterbenswort gesagt. Obwohl ihn alle möglichen Leute dazu gedrängt hatten. Calm down, Freak. Das is nur in deinem Kopf. Du bist weit weg von dieser Scheiße. Quälend langsam löst sich die Starre in ihm. Das erste, was sein Körper tut, ist nach Luft zu ringen. Dann hebt sich sein linker Arm, um Nikotin nachzureichen. Er muss Natalie kontaktieren. Die wird wissen, wenn es Neuigkeiten gibt. Und dann kann er immer noch in Panik ausbrechen. Kaum merklich nickt er vor sich her, während hastig der nächste Zug inhaliert wird. Sekunden vergehen, bis er bemerkt, dass inzwischen Ruhe eingekehrt ist und seine Gegenüber ihn prüfend betrachtet.
"Hm?" Die Brauen schnellen in die Stirn, als er ihren Blick auffängt. Bloody, was hat sie gesagt? "Ehm,", bemüht, Ruhe auszustrahlen, schaut er auf seine Hände. 'Stay true', erinnern sie an Elois' Wunsch, ehrlich zu sein. Die Wahrheit ist, es ist extrem! unwahrscheinlich, dass ER oder irgendein Handlanger irgendwann vor ihrer Tür steht und nach Jona Logan fragt. "Nö." Noch ein beruhigender Zug. Dass die Bullen ihn wegen seiner Verurteilung hier suchen, ist vollkommen ausgeschlossen. Kriminalität dieser Größenordnung endet an den Landesgrenzen. "Wird keine Überraschungen dieser Art geben."
Elois bleibt Logans offensichtliche Aufgeschrecktheit und seine alarmierten, angespannten Körperreaktionen nicht verborgen. Sie nimmt sie zur Kenntnis. Sie hat damit gerechnet, einen oder mehere wunde Punkte zu treffen. Die Zeit, die er mit sich in seinen Gdankenschleifen verbringt, deuten auf Abwägung, Kalkulation und Abgleich hin. Die Vermieterin nimmt sich ebenfalls die Zeit, ihren Gedanken zu folgen. Er kommt aus dem Ausland und das nicht aus Interesse an einem neuen Land und Kontinent heraus, da ist sie sich nun noch sicherer. Sein letzter Satz fällt und durch ihre Nasenflügel zieht nun entgültig den Fokus der Unterhaltung verschiebend der Rauch der begehrten Sucht. Bevor es hier zum abschließenden Gesprächsteil ihrerseits kommen kann, will sie jetzt eine Zigarette - ihr Körper ist sich dahingehend klar. "Darf ich?", fragt sie weniger bittend als es gemeint ist.

"Darum liegen se ja da.", fällt es ihm aus dem Gesicht - mürrischer, als er will. Angespannt und ohne aufzusehen wartet er darauf, dass sie etwas sagt. Oder tut, was auch immer sie mit dem Mietvertrag machen muss, um das ganze Gewäsch offiziell abgehandelt zu haben. Einfach nur hier zu sitzen und nicht zu wissen, was in ihrem Kopf vorgeht, macht ihn wahnsinnig.
Welch erlösende Worte! Wahrhaftig ist sie keine Nichtrauchern aus Überzeugung, sondern aus gesundheitlichen Gründen. Ihre Rechte Hand nimmt sich das silberne, unerwartet unschlichte Etui und öffnet es bedächtig und entnimmt eine der ersehnten Zigaretten. Letztes Mal war es eine zerknitterte Schachtel gewesen, fällt ihr trotz ihrer beherrschten Gier auf. Fast so als wäre sie alleine, führt sie die Nikotin-Stängchen unter ihre Nase kurzzeitig hin und her, zieht genüsslich ihren Geruch ein. Nachdem die Zigarette zwischen ihrer leicht gespitzten Ober- und Unterlippe platziert ist, bittet sie stumm um das Zippo. Statt es ihr zu geben, streckt sich der junge Mann und das Gas-Flämmchen taucht umgehend erreichbar vor ihr auf. Sekunden später, die Erlösung - welch Ein Genuss! Während sie ein paar Züge nimmt, steckt ihr Untermieter sich ebenfalls eine an. Schweigend hängen beide ihren Gedanken nach, bis Elois dieses bricht. "Dankeschön" nickt sie ihm zu. "Ich liebe diese kleinen Mistdinger, muss ich gestehen" atmet sie den Rauch lang aus und ascht in das Porzellan zwischen ihnen. "Leider musste ich das Rauchen aufgeben. Aber ich überlege, ob gelegentlich mal eine in Ordnung geht." Ihr Blick wandert zu dem angespannten Gesicht. "Immerhin bin ich in meiner letzten Jahreszeit angekommen und habe mich Jahrzehnte an das Lebens erhaltene Verbot meiner Ärzte gehalten. Was meint du?" erfragt sie mit ehrliche Interesse. "Ist das Leben nicht zu kurz um auf Dinge zu verzichten, die einem trotz eventueller, toxischer Eigenschaften gut tun?" Mit geschützten Lippen lässt sie ihre Gedanken ihrem Blick durch den Raum folgen. Selbst die Wandfarbe hinter den Bildern ist verknüpft mit einer schönen Erinnerung. 'Ach was solls. Du hattest ein wunderbares Leben bisher. Und selbst wenn es sich ein wenig durch dein altes Laster verkürzen s o l l t e, lohnt es sich.' Ein zufriedenes Lächeln umspielt ihre Züge, als sie erneut genussvoll am Filter saugt.
Entgeistert schaut Logan die Frau an. Wird das jetzt ein verdammter Smalltalk-Plausch? Müssen sie sich jetzt gezwungen unterhalten, weil sie ne Kippe bekommen hat? Das Geseier interessiert ihn nicht. Sie sind nicht befreundet und haben auch sonst keinerlei Beziehung. Er will überhaupt nicht hier sein. "Keine Ahnung, is mir egal.", mault er mit zunehmendem Unwohlsein. Irgendetwas an dieser Situation ist komisch. Hält sie ihn hin? Ohne es selbst zu registrieren, huscht sein Blick eilig zur Tür linkerhand, dann nach halb rechts zum Durchgang zum Wohnzimmer, ehe er sie wieder ansieht. Die Würde, die sie umgibt, flackert und Logan ist sich plötzlich nicht mehr sicher, ob es vielleicht doch Arroganz ist. Oder Siegessicherheit. Vielleicht hat sie ihn jetzt genau da, wo sie ihn haben will. Oder ... soll. Beherrscht atmet er einmal tief durch. Halt die Füße still, Freak. Ergibt doch keinen Sinn. Wieder einmal muss er sich daran erinnern, dass sie nicht ihn aufgesucht hat, sondern dass sie ihre Wege einfach kreuzten. Zufällig. Es hätte auch jede andere Person des Landes sein können. Ein bisschen zu hastig nimmt er einen tiefen Zug und rückt sich auf dem Stuhl zurecht. "Können wir den Kram jetzt fertig machen oder was?" Ein letztes Mal gierig am Filterg gezogen, zerdrückt er das Überbleibsel unbewusst aggressiv auf dem Teller. Noch während er den Rauch klangvoll ausstößt, grabscht die linke Hand nach dem Etui, um es in die hintere Hosentasche zu schieben.

Zwei graue Brauen verschwinden kurzzeitig hinter gleichfarbigem Pony. Ungerührt und als gehörte ihr neben ihren Gedanken auch die Zeit, beendet die zweiundsechzigjährige ebenfalls ihre Zigarette. Als beide Filter partnerschaftlich auf dem Tellerchen ruhen und ihr letzter Atemausstoß verflogen ist, spricht sie. "Selbstverständlich." Zielsicher sind die Unterlagen zum Mietverhältnis der Ersten Etage, zutage gebracht. Eins Sekunde später, der Untermietvertrag von Jona Logan. Elois zückt den Kugelschreiber aus ihrer Blusentasche und ein Doppelklick-Geräusch durchschnitt die gespannte Stille. Eine akkurate Linie wird durch den alten, noch bestehenden Namen gezogen. "Welchen Namen trage ich stattdessen ein?"
Ein stummes Kopfrucken deutet auf das Schreiben der Behörde, das zwischen ihnen auf dem Tresen liegt. Dort stehen alle Informationen, die sie benötigt.
Ohne zu wissen, warum, hasst Logan es, Namen auszusprechen. Die von anderen ebenso, wie den eigenen - selbst wenn er neu ist. Bei aller Mühe, immer wieder auf ihn einschlagende Zustände des Unwohlseins abzuwehren, fällt ihm nicht auf, dass der Spitzname, den Gerda ihm liebevoll angeheftet hat, der einzige ist, der ihm keine Schwierigkeiten bereitet.
Den Stimmungswechsel wahrnehmend, ist er nicht in der Lage, darauf zu reagieren. Zu spät wird ihm klar, dass er wieder einmal unnötig grantig reagiert hat. Während Elois stumm die Papiere in Augenschein nimmt, wagt er nicht, aufzusehen. Zu groß ist die Gefahr, dass sie in seinem Blick das Wissen um sein Benehmen erkennt. Die Gedankenschleife trägt ihn weiter von der Realität fort, zurück in die Vergangenheit. Seit wann kümmert es ihn, ob andere wegen ihm angepisst sind?! Sollte das etwa auch Jakes langjähriger Einfluss sein? Oder liegt es daran, dass seine Vermieterin bisher eigentlich einen sympathischen Eindruck gemacht hat? Etwas streng ist sie vielleicht. Aber scheinbar durchaus fair. Eine Kombination, mit der Logan in der Regel gut zurecht kommt.
Der nervtötende Wunsch, besser zu sein, als damals, nörgelt in seinem Hinterkopf herum. Cmon Dickhead, sag was. Sollte er sich entschuldigen? Oder wäre das übertrieben? Kaum hörbar seufzt er in sich hinein. Wenn er doch nur einen Hauch von gesellschaftlicher Kompetenz hätte. Er wäre nicht alle paar Minuten überfordert. "Wenn dir n Klavier aufn Schädel fällt, haste auch nix vom Nichrauchen gehabt.", murmelt er unbeholfen und lässt anschließend genervt die Augenlider zur Hälfte sinken. Well done, Vollidiot. Wie soll Miss Boutique die Lebensweisheit Lemmy Killmisters in diesen Worten erkennen? "Also, nich rauchen hilft auch nich. Weil, ... ach egal." Mürrisch schüttelt er den Kopf. Wie schlecht kann man eigentlich sein?

Als nach ein paar Sekunden außer einem Kopfrucken nichts passiert, nimmt sie das Schriftstück selbst auf. "Corey Logan also. Gut." Langsam und in schwungvollen, deutlichen Lettern erscheint der Wunsch am auf dem Vertrag, hinter dem durchgestrichen. Sie ist gerade fertig, als es grummelich zu ihr rüber tönt. Elois stützt und zieht irritiert die Brauen zusammen. Da sitzt dieser junge, in der Blüte seines Lebens stehende, von Dunkelheit gezeichnete Mann, fühlt sich offensichtlich unwohl und bemüht sich, höflich zu sein. Mit einem Klavier zu ihrer Bestätigung. Würde sein Körper nicht die ganze Zeit stumm fordern zu gehen, wäre es fast lustig. "In Ordnung, wir sind von meiner Seite aus fertig" nickt sie ihm zu und steht auf, nachdem sie ihm die Papiere über den Tisch zurück geschoben hat. Als er sich ebenfalls erhebt, erkundigt sie sich nach noch einer brennenden Frage, die mehr aus ihrem Gespür entspringt als aus einem Verdacht. "Bleibt es dabei das ich dich mit Logan anspreche oder soll ich dich zukünftig Corey nennen?" Da ihr seine verstockte Art von Humor gefällt, nimmt sie seinen Gesprächsball auf. "Dann kann ich meinen Ärzten einen Unterstützer nennen, dessen Ratschlag ich nur zu gerne als Ausschlag gebendes Argument zur Unterstützung meiner Meinung zukünftig kundtuen werde." Sie schmunzelt würdevoll und begeistert über die Idee in seine Richtung. Sie wird ihn ungefragt zitieren, bei jeder Gelegenheit, die sich ihr bieten wird. Zum Beispiel, wenn sie später, nach der Kinderbetreuung, bei ihrem Wocheneinkauft ins Regal greifen wird, um sich eine Packung Camel zu kaufen.
Wie wärs mit 'Mieter' oder 'Freak'? "Mir egal.", brummt er unzufrieden. Er sollte erleichtert sein, dass diese Angelegenheit jetzt geklärt ist. Stattdessen klebt ihm ein bedrückendes Gefühl im Nacken, dessen Ursprung er nicht zuordnen kann. Sind es die fremden Räume? Das tief sitzende unterschwellige Gefühl, dieser Frau in ihren vier Wänden ausgeliefert zu sein? 'In meinem Haus tust du, was ich sage!' Oder ist er doch nicht bereit, Jona ziehen zu lassen? Obwohl er sich nie mit diesem Namen identifizieren konnte - oder ... wollte? Namen sind Identität. Jona zu sein, hieß immer, unterlegen zu sein. Das dreckige Spielzeug. Alles, was mit dieser Identität verbunden ist, kommt einem Albtraum gleich. Gewalt, Scham, Verzweiflung. Und die verwirrenden Widersprüche, die ihn jahrelang an all das fesselten, weil das nun mal sein Leben war. Weil er nichts anderes kannte. Und vielleicht sogar wollte.
Geistig nur halb anwesend nimmt er die Unterlagen an sich, dreht sie zu einer schmalen Rolle zusammen und lässt sie zwei mal klangvoll auf dem Tresen auftippen. Der Gedanke, zum Proberaum zu fahren, streift ihn. Dort kann er sich die Belastung aus der Seele dreschen.
Er steht auf und schleicht an der Seite des Tresens entlang, langsam, als würde sein Körper gerade erst lernen, sich zu rühren, und mit der linken Hand leicht auf die Platte gestützt. Für eine Sekunde droht ihm, das Knie unter einem stechenden Schmerz wegzusacken, doch mit einem winzigen Zucken gelingt es ihm, sich zu stabilisieren.
An der kurzen Seite angekommen, verharrt er einen Augenblick. Wie ein geprügelter Hund sieht er unter den Brauen auf, direkt in Elois' Augen. Nur kurz, ehe er den Blick mit einem knappen Nicken zurück auf den nicht denkenden, fragenden oder urteilenden Tresen lenkt.
Danke. Ein einfaches Wort, das ihm wieder mal nicht über die Lippen geht. Und so schweigt er und setzt den Weg zum Ausgang fort.

(In Zusammenarbeit mit @S.Bin. )
#42
Charaktere: Logan, Gerda
Geschichtsstrang: Die Stiefel-Affäre
Die Stadt ist längst erwacht und der alltägliche Ablauf auf den Straßen weht in auf- und abebbenden Geräuschen zum Balkon hinauf, wo Logan auf dem Geländer gestützt seiner Nikotinsucht frönt. Obwohl er am Abend zuvor erst spät von der Bandprobe zurückkam, hat er den Tag bereits vor einigen Stunden begonnen. Er ist es gewohnt, wenig zu schlafen und die Defizite mit starkem Kaffee aufzuschütten. Wer es nicht zum Rockstar gebracht hat, muss schließlich irgendwann einer gewinnbringenden Tätigkeit nachgehen. Zusätzlich zur Miete, hat er nun auch noch weitere Ausgaben – sein erster Beitrag zum Proberaum ist bald fällig und die Transportkosten seines Hab und Guts haben ein kräftiges Loch in die Haushaltskasse gerissen, das es nun aufzufüllen gilt. Zumal unklar ist, wie viel Gerda in der nächsten Zeit tatsächlich finanziell beisteuern kann. Der letzte Zug der Zigarette arbeitet noch in den Atemwegen, als Logan den Filter im Einmachglas versenkt und wieder ins Wohnzimmer tritt. Aus dem Bad dringt lautes Rauschen. Gerda lässt sich eine Wanne ein. Seine Braue zuckt interessiert. Wenn das nicht DIE Gelegenheit ist. Bemüht ausdruckslos nickt er ihr zu, als sie mit einem flüchtigen Morgengruß aus Richtung Küche an ihm vorbeizieht und im Bad verschwindet. Nur einen kurzen Moment später schießt sie wieder in sein Blickfeld, fragend, ob er noch mal 'da rein' muss. Wortlos schüttelt er knapp den Kopf, als ginge ihn die Szene nichts an, und nimmt den Weg zurück in sein Zimmer. Innerlich voller kindlicher Vorfreude die Hände reibend, holt er Kaffeebecher und Handy vom Schreibtisch und geht in die Küche, wo auf dem üblichen Platz Gerdas Laptop offen und zum Einsatz bereit steht. Auf dem Weg zur Kaffeemaschine ignoriert Logan zunächst, was hell auf dem Desktop in den Raum hineinleuchtet. Handy und Becher auf der Arbeitsfläche parkend, füllt er sich von dem Bohnensaft ein und lehnt sich rücklings an die Küchenzeile an. Vorsichtig nimmt er einen Schluck. Der Kaffee ist bereits auf eine angenehme Temperatur abgekühlt und ein zweiter folgt gleich darauf. Ein untypisch breites, diebisches Grinsen legt sich auf sein Gesicht, als die freie Hand zum Telefon greift. Inzwischen kennt er den kabellosen Anschluss ins Bad, und so braucht es nur ein paar Berührungen auf dem Display, um die Verbindung herzustellen. Die Brauen steigen weit in die Stirn, als er SimTube öffnet und Titel und Interpreten eingibt. Oh, bloody, das is der Shit! Wie gern würde er ihr Gesicht sehen, wenn sie begreift, was er für sie herausgesucht hat. Sein Mund formt sich zu einem dreckigen Lachen, als seine Schultern vor stummen Kichern auf und ab zucken.
Einen Moment lauscht Logan. Dumpf, kaum hörbar, schallt der Bass durch die Wand. Zufrieden mit sich nimmt er einen weiteren Schluck. Über den Becherrand aufschauend, fällt sein Blick auf den geöffneten Laptop. Würde er normalerweise seine Nase nicht in Gerdas Angelegenheiten stecken, erregt die Website dennoch seine Aufmerksamkeit. Cowboystiefel. Größe, Zustand, Preis. Versand oder Abholung. Logan tritt an den Tisch, um sich die Sache genauer anzusehen. Ein leises Raunen schiebt sich aus seiner Kehle. Dann will sie die Teile also wirklich verkaufen. 'Tat zu weh.' Sie hatte nicht viel von der Bruder-Problematik erzählt und trotzdem, oder gerade deswegen, wurde deutlich, wie emotional das Thema behaftet ist. '... unser Verhältnis zueinander hat sich krass verändert ...' Einen weiteren Schluck trinkend, ruht Logans Blick auf der Verkaufsanzeige. Es ist noch keine halbe Stunde vergangen, seit sie online ging. Im Grunde könnte es ihm ja egal sein, sagt er sich. Aber irgendetwas stört. Zwischen der Neugier, was es mit dieser Geschichte auf sich hat, und ehrlicher Bestürzung, dass der Schmerz sie in die Vermeidung zwingt, keimt auf, was er am liebsten ausblenden würde: Anteilnahme. Wenn er sich mit einer einzigen Sache im Leben auskennt, dann ist es die Flucht vor Gefühlen. Gerade weil er weiß, wie beschissen sich Vermeidung und Flucht oftmals anfühlen, kann und wird er nicht zulassen, dass sie ein weiteres Mal diesen Weg geht. Nicht sie. 'Du scheinst sie zu mögen.' Im Bruchteil einer Sekunde sinkt Logans Laune rapide. Was soll der Mist? Kann man nicht jemandem etwas Gutes wünschen, ohne ihn gleich zu mögen?! Von seinen eigenen Gedankengängen ertappt, wendet er sich so ruckartig herum, dass der Kaffee über den Becherrand schwappt. Nur weil er bereits die Hälfte trank, wird er nicht mit einem großen Fleck bekleckert. Für einige kleine Spritzer genügt der Schwung dennoch. Knurrend stellt er den Becher unsanft auf der Spüle ab, um sich nach der nächsten halben Drehung ein Bier aus dem Kühlschrank zu nehmen. Soll sie sich doch in ihren wiederkehrenden Mustern suhlen und die Scheißteile verkaufen. Ist ihm egal. Er hat selbst genug Dreck im Inneren zu stinken, als dass er Gerda Händchen halten könnte. Einige kühle Schlucke bekräftigen seinen Trotz. Das ist gut, redet er sich ein, und stapft genervt in sein Zimmer. Kaum hat er sich an den Laptop gesetzt, um die Arbeit fortzusetzen, schiebt sich die Szene aus dem Proberaum in sein Gedächtnis. Wie sie sich zum Affen gemacht hat, nur um ihn zu unterstützen. Ohne dass er sie jemals darum gebeten hätte. Einfach nur, weil sie gemerkt hat, dass er wieder mal in sich gefangen war. Da trug sie auch diese verdammten Stiefel. Sein Blick hatte sich an ihnen festgeklammert, um niemanden ansehen zu müssen. 'Lass es zu und du wirst es nicht bereuen.' "Ach, fuck!" Also gut. Aber wenn das schiefgeht, kriegt Jake was zu hören. Binnen weniger Minuten ist die Website gefunden und ein neues Profil angelegt. Fehlt nur noch der Anzeigename. Black Panther. Zu offensichtlich. Black Tiger. Ne. Blacky. Passt schon. Es dauert nicht lange, bis er die Anzeige findet. Er hat noch keine Ahnung, wie er das Ganze vor ihr rechtfertigen will, trotzdem schreibt er eine Nachricht an die Anbieterin: 'Hey, genau, was ich suche. Würde zeitnah vorbeikommen und abholen, wenns zeitlich passt.' Ohne Zögern schickt er die Worte ab und lehnt sich im Stuhl zurück. Irgendwas wird ihm schon einfallen.

Es ist fast erledigt. Gerda seufzt mit einer Mischung aus Erlösung und Traurigkeit auf. Auf dem Bildschirm ihres Laptops, den sie seit dem Ausdruck ihrer Noten-Ausgleichsarbeit bisher nicht mehr aufgeklappt hatte, summt leise und zeigt die selbst geknipsten Bilder der Brudi-Cowboystiefel und die Headline der Anzeige. Die Kiefer fest aufeinander gepresst, nimmt sie ihre Monster-Tasse aus dem Schrank und schüttet den letzten Kaffee aus der Kanne hinein. Ob sie gleich neuen kochen soll? Nein. Darauf hat sie jetzt absolut keinen Bock. Erstmal baden. Sie ist jetzt auf dem Ego-Tripp. Trauer, Wut und Entscheidungen sind ihre Genossen in der vorherrschenden Bubble, die sie nunmehr seit einer Woche durchs Leben schiebt. innerhalb derer sie alle unsozialen Handlungen gegenüber jedem vor sich rechtfertigt. So langsam nervt sie sich selbst an und auch gegenüber Logan stellt sich schleichend ein schlechtes Gewissen ein. Und das nicht nur, weil er sie und ihre Pflanzen seit ihrem mental Breakdown-Start am Leben erhält. Mit Käsesuppe, achtsamer Präsenz und einem Eisvorrat im Tiefkühlfach, mit dem sie mittlerweile ein Kleingewerbe vom Balkon aus starten könnte, wenn sie es darauf anlegen würde. Die letzte Eissorte die Baghi für sie mitgebracht hat, ist irgendwas abgefahrenes mit Pistazie. Gerda lächelt, dann grunzt sie genervt. Scheiße! Ich kann jetzt nich alles wegtrinken... stellt das Frollein Simmer fest und kippt augenrollend eine gute Portion wieder zurück in das Thermosbehältnis. Kurz darauf hört sie die Balkontür auf- und zufallen, während sie die Kühlschranktür öffnet. Flink sind ein kräftiger Schuss Hafermilch und ein Schlag Sahne im Becher versenkt und sie schiebt sich in Richtung Wohnzimmer, um ins Bad zu gelangen. Nach circa fünfzehn Minuten hat sie das Badewasser eingelassen, eine Badezimmerbeanspruchung für einen gewaltigen Zeitraum abgeklärt und diesen verführerischen Becher von dem neuen Eis herangeschafft.
Auch ihr wohl ältestes und zerfleddertstes Kleidungsstück - der Pullover der einst ihrer Mutter gehört hat - und eine schwarze Unterhose der Kategorie 'Fragwürdig ästhetisch, aber bequem' hat sie bereit gelegt. Der Wasserdampf breitet sich angenehm in dem kleinen Raum aus und als sie sich endlich in die erlösende Wärme gleiten lässt, kommt sie sich ein wenig simslicher vor. Ihre Schulterpartie meldet rück, dass die Verspannung sich nicht mehr lange halten wird und mit jeder Sekunde bekommt sie mehr Bock, sich wieder als sie selbst ins Leben zurück zu werfen und sich kleine Gesten der Dankbarkeit für ihr direktes Umfeld zu überlegen. Wie sie sich bei Ash und Jason revanchieren mag, weiß sie schon. Bei ihrem Mitbewohner ist das schon etwas schwieriger, wo er doch so gar keine Geschenke leiden kann, obwohl er sich das Etui mittlerweile genommen hat. Aber das war auch ein mies langer Geduldsatem, den sie da haben musste. Gerade will sich neben dem triumphalen wie glücklichen Schmunzeln ein Gefühl formen, als eine Mischung seltsamer Synthie-Sounds und anderer, schlimmer 80er Jahre Popmusik inspirierte Töne ihre Ohrmuscheln zu quälen beginnen. 'Was zum... Sie ist kurz vorm Erstarren, als sich zu der furchtbarsten Poolparty-Einstimmungsbeschallung die Stimme des Sängers dazumischt. es ist so unfassbar furchtbar, dass ihr weder ein Vergleich, noch eine treffende Beleidigung dazu einfällt. "LOOOOOOGAAAAAANNNNNNNNNN" brüllt sie nach der ersten Minute es Songs mit vor überrumpelter Wut innerhalb ihres Gefängnisses und hofft, dass der Wichser von ihrem Gebrülle sich den Tinitus des Jahrtausends einfängt.

Wie sie das Lied überstanden hat und wie lange sie dieser Folter ausgesetzt war, kann sie nicht sagen. Höchstwahrscheinlich nicht länger als dreikommafünf Minuten. Aber gefühlt... fluchend taucht sie ihren Kopf und Körper ganz im Badewasser ein und beginnt SOFORT, in ihren Erinnerungen nach einem Rache-Klomusikstück zu suchen. Das wird er noch bereuen. Die Messlatte ist verdammt hoch gesetzt worden, aber die Herausforderung ist angenommen. Fünfundvierzig Minuten später, steht die alte Gerda vor seiner Zimmertür, mit kampflustigem Funkeln in den Augen und auf ihn gedeuteten Zeigefinger, der ausgestreckten Hand am langen Arm.
Irgendwo fernab der Aufmerksamkeit, die längst wieder auf die Arbeit gerichtet ist, nimmt Logan diffus Bewegungsgeräusche wahr, ohne sich darum zu scheren. Erst als Gerdas herausfordernder Blick in seinen Hinterkopf sticht, lenkt ihre Präsenz stark genug ab, dass er sich langsam zu ihr herumdreht. Braue und Mundwinkel sind leicht erhoben, sodass ihm die Zufriedenheit noch immer anzusehen ist. "Und? Wars entspannend?" Schief grinsend dreht er sich mitsamt dem Stuhl zurück zum Laptop, fährt ihn in den Ruhezustand und greift zum Handy. Sie hat noch nicht auf seine Kontaktaufnahme geantwortet. War vermutlich zu abgelenkt von dem Ballermann-Hit des Jahrtausends. Kann man ihr nicht verübeln. Ohne sich etwas von dem zweiten Komplott anmerken zu lassen, steht er auf, schiebt das Handy in die hintere Hosentasche und will gerade dem Impuls folgen, nach dem Zigarettenetui zu greifen, als ihm die warnende Stimme in die Stirn schießt, weil Gerda noch immer im Türrahmen steht und ihn beobachtet. Er weiß, dass es albern ist, trotzdem kann er nicht vor ihren Augen das Ding in die Hand nehmen. Bisher haben sie nicht darüber gesprochen, auch wenn sie inzwischen bemerkt haben muss, dass ihre kleine Aufmerksamkeit nicht mehr im Regal liegt. Das unwohle Gefühl, sich wie der letzte Trottel aufzuführen, würgt er gekonnt herunter – wenn er in einer Sache Übung hat ... Lässig macht er einige Schritte auf sie zu, um das Zimmer zu verlassen. "Muss noch paar Sachen besorgen.", brummt er halblaut. Inzwischen weiß er, was er mit den Bruder-Tretern anstellt – sollte er sie bekommen. "Brauchst irgendwas?" Er schiebt sich an ihr vorbei und schließt die Tür, womit er sie einen Schritt ins Wohnzimmer drängt.
Gerda antwortet mit einem kindlichen Knurren. "Verbandszeug und etwas zum Ohren blutig ausputzen, kannste mitbringen." Mit durchbohrenden Blicken folgt "und Sekt, ich feiere mich vielleicht die Tage ein bisschen", gibt sie mit einer trotzigen Schnute bekannt, bevor sie an ihm vorbei und in die Küche marschiert, ohne dem DJ der Hölle noch einen Funken ihrer Aufmerksamkeit zu widmen. Sie wird sich rächen. Hinter ihrem PC angekommen, hat sich bereits ein diabolischer Plan begonnen zu manifestieren. Sie wird ihm nicht auf rein musikalischer Ebene jemals so fies und vernichtend schlagen können, aber sie hat eine andere Idee. Hoffentlich bringt er wirklich das bestellte Prickelgetränk mit! In Gedanken Plänen versunken lädt sie die Internetseite der Kleinanzeigen nur zum Paranoia-Check durch, ohne Erwartungen. Aber was ist das? Ungläubig und mit gemischtem Inneren, liest sie sich die Nachricht durch.
"Krass. Das ging ja mal schnell" sagt sie den in der Ecke stehenden Stiefeln. Ein paar Sekunden verstreichen, bevor sie dem Interessenten eine Antwort schickt und das Inserat als 'verkauft' markiert. Seufzend lehnt sie sich auf dem Stuhl zurück in streicht die nassen Haare mit beiden Händen über den Kopf fahrend nach hinten, wo sie den Kopf stützend verweilen. Der Sekt wird schneller gebraucht, als gedacht. ....Beziehungsweise gehofft?! Bird ruft sich zur Raison. Nein. Sie hat sich entschieden und der Herrgott, das Schicksal, die Karma-Kuh oder wer auch immer haben ihre Entscheidung bestätigt. Sie bleibt dabei.

Gerdas Bestellung entlockt Logan ein amüsiertes Schmunzeln. Es ist überdeutlich, dass er die erste Runde der Klomusik-Challenge gewonnen hat. "Sekt.", nickt er mit hochgezogenen Brauen. "Willste feiern, dasse Maspalomas überlebt hast, oder was?" Kindlicher Stolz blitzt in seinen dunklen Augen auf. Den Kopf ein wenig erhobener als gewöhnlich, folgt er ihr in die Küche, wo er die leere Bierflasche entsorgt und den Rest des vorhin abgestellten Kaffees an sich nimmt. Fast beiläufig beobachtet er sie, als sie die Nachricht von Blacky liest und zuerst zögernd, dann augenscheinlich wild entschlossen beantwortet. Mit einer Verzögerung von guten sechs Sekunden vibriert es in seiner linken Gesäßtasche, während er gerade den Becher unter dem Wasserhahn auswäscht. Innerlich fluchend kneift er kurz die Augen zusammen. Verdammte ...! Er hätte die Benachrichtigungen deaktivieren sollen. Hoffentlich reicht die zeitliche Differenz aus, um ihn nicht zu verraten. Die Hände werden grob über dem Becken trockengeschüttelt, bevor er zum Handtuch greift, um die restliche Nässe abzustreifen. Betont unauffällig zieht er dann das Telefon aus dem Stoff und öffnet das Notizprogramm, wo er wahllos irgendwelche Worte eintippt, um Gerda zu suggerieren, dass sein Vibrieren rein gar nichts mit ihrer Nachricht zu tun hat. "Well,", schiebt er das Gerät zurück in die Tasche, "wenn dir noch was einfällt, meld dich. Mach jetzt los." Wenige Schritte bringen ihn in sein Zimmer, wo er das Etui einsteckt, bevor er schließlich die Wohnung verlässt.
Der Nachmittag ist längst angebrochen, als Logan die Wohnung betritt. Das leise Tickern einer Tastatur liegt in der Luft und verrät Gerdas Anwesenheit an ihrem Laptop. So beiläufig wie möglich mustert er sie, während er an den Tisch herantritt, wo er den Einkaufsbeutel abstellt. Sekt, Verbandszeug und Wattestäbchen werden zutage befördert. Zwar hatte er zumindest die nicht trinkbaren Waren als Witz verstanden, aber falls daran doch etwas Wahres gewesen sein sollte, ist das Zeug parat. Was weiß er schon von Frauen und ihren Grundbedürfnissen? Oder Anspielungen. Lediglich beim Sekt hatte er das Gefühl, sicher sein zu können. Immerhin greift seine Mitbewohnerin gern mal zu alkoholischen Hilfsmitteln – was er niemals be- oder verurteilen würde, weil ... Glashäuser und Steine vertragen sich nicht sonderlich gut. Den restlichen Einkauf im Beutel behaltend, ruht sein Blick einen Moment zu lang auf ihr, um es als unbeabsichtigt verkaufen zu können. "Was machste grade?", fragt er schließlich. "Haste ne Minute?"
Als Baghi um die Flur- und Küchenecke biegt, ist Bird noch damit beschäftigt, mit süffisantem Grinsen atemberaubende, verstörende Outfits auf Second-Hand-Plattformen zu suchen. Theoretisch kann sie ihrem Mitbewohner absolut gönnen, einen triumphalen Sieg davon zu tragen. Aber das was sie heute bekommen hat... sie hat immer noch keine Worte, die ihre Ungläubigkeit und Abscheu beschreiben. Als Logan seine Mitbringsel nicht unweit ihres Rachearbeitsplatzes abstellt, klappt sie so beiläufig es ihr möglich ist den Lappi zu und bemüht sich um ein neutrales Gesicht. Dieses kippt augenblicklich, als sie die Verbandssachen entdeckt. 'Du hast wirklich...' Gerda presst die Lippen aufeinander, um nicht zu lachen. Als sich ihre Blicke treffen muss sie dem Lachen entgegenhalten, indem sie ihre Arme auf der Tischplatte verschränkt, den Mund spitzt und die Zunge, die gefährlich nahe an einem Schnalzen ist, zwischen die Zähne und Lippen bringt. Dann nickt sie ein 'Danke', bevor sie aus dem Fenster guckt. Als sie sich wieder im Griff hat, schaut sie zu ihm und antwortet "Klar. Schieß los."
Mit einem Räuspern, das seine Stimmlage um eine Oktave tiefer drückt, greift er zu seinem Portemonnaie und lässt zwei Scheine daraus auf dem Tisch vor ihr fallen. Die kleine Ledertasche wird zusammengefaltet und zurück in die Hose verfrachtet, ehe er mit einem Kopfrucken auf das Geld deutet. "Für die Stiefel."
Ein "Was?" stolpert aus den nun wieder entspannten Lippen. Erst ist sie irritiert, dann erschrocken. 'Scheiße! Hat er eben etwas gesehen?!' Gerda's Gedanken überschlagen sich. Eigentlich kann das nicht sein! Logan kam vor ihr und dem PC, also eigentlich dahinter und somit nicht einsichtig auf den Bildschirm zum halten. Sie schaut sich um. Auch der Winkel zu den spiegelnden Küchengeräten stimmt nicht. Woher weiß er, mit welchen überteuertem, rosaglitzernden Albtraum für Füße und Waden sie sich beschäftigt?

"Deine Stiefel.", wiederholt Logan. "Beziehungsweise meine." Er wendet sich herum zur Ecke, wo die Treter auf die Übergabe an Blacky warten, schnappt sie mit einer Hand und stellt sie auf den Tisch. "Verkaufsnummer Fuffzehn ... irgendwas." Die Schultern zucken, das Gesicht mimt ein 'mir scheißegal'. Den Stuhl unter dem Tisch hervorziehend, setzt er sich und stellt den Einkaufsbeutel vor sich zwischen den Füßen ab. Kurz kramt er darin herum, bevor eine Schuhbürste und eine Dose Bienenwachs auf dem Tisch landen. Die Dose öffnet er gleich, zieht zwei Finger durch das Wachs und verteilt den Klumpen grob, scheinbar halbherzig, auf der Spitze des ersten Stiefels. Dann nimmt er die Bürste und beginnt, deutlich gewissenhafter, die Masse ins Leder einzuarbeiten. "Erzähl mir von deinem Bruder." Als müsste er sich unheimlich konzentrieren, sieht er sie nicht an, sondern hält den Blick stur auf das vollbringende Werk. "Wie isser so?"
Ihr Mund klappt auf und dann wieder zu. Baghs hat so schnelle einen Stiefel in der Putzmangel, dass es nicht mal Raum für einen Zwischenkommentar gibt. Oder eine Nachfrage, oder auch nur einem stumpfen 'hä?' Denn nach seiner Frage ist das auch nicht mehr nötig. Ihr Herz wird weich und ihr Körper folgt. Gerdas Schultern kippen nach vorne, sie erkauft sich ein paar Sekunden, indem sie den Laptop schließt und von sich weg schiebt. Ihr Blick legt sich auf ihn. Bird muss ihn nicht nach seiner Schuhgröße fragen um zu wissen, dass er sich die Dinger nicht an die eigenen Füße ziehen wird. Es steht außer Frage, weshalb er die Botten ersteigert hat. "Das wird aber ein sehr unangenehmer Cinderella-Tag für mich, was?", hebt sich ein Mundwinkel schwach. Dann schaut sie aus dem Fenster und seufzt. "Also schön. mein Bruder also." Es klappt nicht gleich. Gerda räuspert sich und beschließt, sich auch ein Bier zu nehmen. Mit dem Aufstehen, beginnt sie zu reden. "Mein Bruder ist eigentlich so ziemlich wie ich. Sensibel, Feinfühlig, gerne unter Sims und ein Handwerker. Allerdings ist er kein schlechter Party-Raucher-Poser, er raucht viel und stilvoll."
Die Stirn in Falten gelegt, schaut Logan kurz auf. Cinderella spielen in der Stadt? Seit zehn Jahren hörte man nichts mehr von denen. Gabs ne Reunion und er hats nicht mitgekriegt? Da wird er auf jeden Fall später nachforschen. Eine Braue hebt sich fragend, als Gerda weiter spricht. "Was heißtn stilvoll?" Wieder auf seine Arbeit schauend, massiert er mit der Bürste in kreisenden Bewegungen an den Verzierungen des Stiefels herum. Das Zeug muss gut ins Material eingerieben werden, damit der Kram so lange wie möglich hält. Sagt zumindest das Internet. "Spreizt er den kleinen Finger ab, oder was?"

Logans Gegenfrage zeigt ihr in der selben Sekunde auf, wie schwach und Schwachsinnig zugleich ihre geteilten Infos sind. Gerda weiß, dass er es neutral meint, dennoch steigt ihr Unbehagen. Ihre Augen folgen den zügigen und sicheren Handbewegungen, was irgendwie beruhigend wirkt. Ein kleiner, fast nicht vorhandener, fragender Seitenblick touchiert sie und bringt sie zum Reden. "Na er raucht halt in cool. immer son bisschen wie aus ner Marlboro-Reklame von früher." Als Baghs kein verstehendes Kopfnicken zeigt, ergänzt sie "Wie die Cowboys mit ihren Fluppen." Als das erwartete nicken kommt, atmet sie aus einem Grund, den sie nicht ganz greifen kann auf. "Ich weiß das das oberflächliche Scheiße ist, die ich dir da mitteile. Aber... aber ich weiß vielleicht einfach nicht mehr genau, wer er ist. Wir haben in den letzten Jahren viel gestritten und ich musste ihm oft den Kopf waschen, weil er soooooo heftig verdrehten Mist labert, den man weder gesellschaftlich noch innerfamiliär stehen lassen kann. So auf der ethischen Ebene." Bird öffnet die Flasche und trinkt zu schnell ein paar Schlucke mit viel zu viel Schaum ab. Hustend fährt sie fort, "In meinen letzten Jahren in Deutschland hat er bei meinen Heimatbesuchen mehr zockend hinter dem Handy verbracht, als sich mit mir zu unterhalten. Und das gruselige ist," ein weiterer, weniger schaumiger Schwall des kühlen Getränkes findet seinen Weg in ihre Kehle mit dem fetten Kloß darin, "es hat mich nicht mal sonderlich gestört. So ein klassisches auseinander driften. Dennoch war und ist eigentlich klar, dass man im äußersten Notfall sich melden kann und der andere für einen da ist."
Ein kurzes, nachdenkliches Brummen schiebt sich aus Logans Gesicht. "Klingt irgendwie normal.", murmelt er halblaut, als wäre es ein flüchtiger Gedanke. Dann, deutlicher: "Ich mein, ich hab keinen Plan von Geschwistern. Aber Mon-" Mitten im Wort pressen sich seine Lippen zusammen. Wenn er jetzt weiterredet, wird Gerda das nur auf ihren Infozettel setzen. Und er hat absolut keine Lust darauf, dass sie das Thema auf sein Familiendrama umlenkt. Es reicht schon, dass Natalie seit Tagen in seinem Kopf herumspukt. Noch immer hat er nicht den Mut gefunden, sie zu kontaktieren. Allein der Gedanke daran, was ihre Antwort auslösen könnte, versetzt ihn in Panik. Mit einem beherrschten Durchatmen fokussiert er sich neu. Den Stiefel stellt er zwischen den Füßen ab und greift nach dem zweiten, um ihn vor Gerda auf dem Tisch zu platzieren. Ein Griff in den Einkauf bringt eine zweite Bürste hervor, die er danebenlegt. "Falls Bock hast, dich nützlich zu machen." Ohne sie anzusehen, widmet er sich wieder seinem Werk, ein Hauch energischer als zuvor. "Ich kenn ne Menge Leute, die kein Bombenverhältnis zu ihren Geschwistern haben.", setzt er dann neu an. "Nur weil man verwandt ist, muss man nich best friend sein. Es kommt vor, dass es nich mehr Gemeinsamkeiten gibt, als die DNA. Jake, zum Beispiel, hat vier Schwestern." Er hebt jetzt den Blick, die Bewegungen der Hand verharren einen Moment. "Mit nur einer hat er n gutes Verhältnis. Schätz, das gehört irgendwie dazu." Schulterzuckend nimmt er die Arbeit wieder auf. "Besonders, wenn eine der Parteien wegzieht. Scheint in den meisten Fällen nen Keil in die Familie zu treiben. Keine Ahnung, warum." Kopfschüttelnd legt sich die Stirn in viele kleine Denkfalten. Familiendynamiken sind verkorkst, meist festgefahren und noch öfter einfach nur bescheuert. Ein Teil einer Familie zu sein, nimmt einem Sim jede Freiheit. Vollkommen egal, wie gut oder schlecht die Verhältnisse sind. "Vielleicht sind die anderen angepisst, weil jemand seinen eigenen Weg geht. Die heilige Familie ablehnt oder son Scheiß." Das Geräusch der streichenden Bürste legt sich klangvoll zwischen sie, als er einen Moment schweigt und die Gedanken sortiert. Die rechte Hand im Stiefel, wandert die linke in kreisenden Bewegungen langsam Richtung Schaft, wo das Material etwas nachgiebiger wird. "Kommst doch vom Dorf oder?", ergreift er erneut das Wort. "Hattet ihr euch schon nix mehr zu sagen, als du noch da warst, oder erst nachdem du inne Stadt bist?" Kurz lässt er vom Schuh ab, um einen neuen Klecks Wachs aus der Dose zu fischen und ihn auf dem oberen Teil des Stiefels zu verteilen. "Verletztes Ego macht komische Sachen mit Leuten. Und meistens checken die das nich mal."

Gerda greift nach der Bürste und starrt sie an. Schuhe putzen ist seltsamer Weise ebenfalls etwas, dass sie an ihr Elternhaus und ihre Familie denken lässt. Mit ihrem Papa hat sie das gemacht - er hat ihr gezeigt wie man Lederschuhe 'richtig' putzt. In der Bundeswehr hatte er das gelernt und war darin nach eigener Aussage der beste auf Stube. Ein gequältes Lächeln bohrt sich bei der Erinnerung an ihren Vater durch. Jeeeedes Mal mussten sie sich beim Schuheputzen die Storys dazu anhören. Sie und Frieder waren immer genervt und gefesselt zugleich. Aber die Kinder Simmer konnten und können mit Stolz sagen, dass sie Schuhwerk wie Profis von Dreck und Schmutz befreien können, dass die Dinger hinterher nahezu Wasserdicht sind, solange man sie regelmäßig pflegt und den Versiegellungstrick unter der Zuhilfenahme von einer alten, ausrangierten Feinstrumpfhose anwendet. Bird trinkt noch zwei Schlucke, dann stellt sie die Flasche ab und platziert die für sie gedachte Bürste neben den Stiefel. "Ich bin gleich zurück" informiert sie ihn. Nach ein paar wenigen Minuten ist sie zurück und schneidet eine noch gute, ja, aber jetzt dringender gebrauchte Nylon-Tights so ab, dass sie binnen Sekunden zwei Strümpfe haben. Einen legt sie Logan hin, einen ihrem Arbeitsauftrag. Stehend, mit den Händen in den Händen in der Hüfte probiert sie, seine Worte zu sortieren. "Ja das stimmt schon. Aber es ist trotzdem schmerzhaft. Denke, dass war ein schleichender Prozess, der sich über Jahre gezogen hat. Großstadt-Bird meets Dorf-Brudi" zuckt sie ratlos mit den Schultern, dann lässt sie sich wieder auf ihren Stuhl fallen.
Logans Blick folgt ihr, als sie aufsteht und den Raum verlässt, ohne dass sich seine Körperhaltung ändert. Die Frage streift ihn, ob er etwas Falsches gesagt hat. Zu direkt? Die Unterhaltung innerlich Revue passieren lassend, findet er, dass er nichts Beleidigendes oder Hartes von sich gegeben hat. Aber was weiß er schon? Er hat keine Ahnung von Familie. Er versteht nicht, wie sie sich so an jemanden klammern kann, der sich scheinbar nicht für sie interessiert. Nur weil sie eine gemeinsame Vergangenheit haben. Das ist selbst gemachtes Leid. Unwillkürlich zieht das Bild Monicas vor seinem geistigen Auge vorüber und peitscht ihm scharf schneidend die Selbstverleugnung in den Brustkorb. Tief ringt er nach Luft, beinahe als würde er die Erinnerung nur mit größter Mühe in sich gefangen und im Zaum halten. Es ist einer dieser Momente, in denen ihn die Erkenntnis wie ein Fausthieb trifft. So sehr er sich auch immer wieder selbst belügt und hinter den Worten der Abwehr versteckt – tief im Inneren weiß er, dass er sich immer nur nach ihrer Zuneigung gesehnt hat. Dass er alles dafür gegeben hätte – hat – um von ihr gesehen zu werden. Wie würde es ihm ergehen, hätte er einst gehabt und dann verloren, was Gerda schmerzlich vermisst? Seufzend sackt sein Oberkörper zusammen. Die Wahrheit ist - er weiß es nicht. Aber er weiß, dass ihre beide Szenarien so unterschiedlich sind, wie sie sich vermutlich ähnlich anfühlen. Langsam beginnt er zu begreifen. So wie er selbst zuließ, was damals in England geschah, so ließ Gerda zu, sich von ihrem Marlborobruder zu entfernen. Vermutlich fühlt sie sich schuldig, weil sie nicht um die Beziehung kämpfte. 'Mein Bruder ist eigentlich so ziemlich wie ich.' Gerade als ihre Worte in seinen Gedanken nachhallen, kommt sie aus dem Wohnzimmer zurück. Nachdenklich beobachtet er sie, ohne zu erfassen, was sie tut. Wenn ihr Bruder so ist wie sie, und sie glaubt, ihn verloren zu haben, dann ... es geht im Grunde gar nicht um den Marlboromann. Er ist nur das Symbol für die eigene Vergangenheit. Die Kindheit, vielleicht Unbeschwertheit, das Freiheitsgefühl, das Kinder haben sollten. Die Zeit ist an ihr vorübergezogen, ohne dass sie gefragt wurde, ob sie erwachsen sein möchte. Sie fühlt sich ihrer selbst beraubt und ihr Bruder ist der sinnbildliche Spiegel dafür.
Die Theorie noch immer in sich bewegend, fällt sein Blick auf das abgeschnittene Stück Stoff, das sie ihm hinlegt. Und plötzlich baumeln die verworrenen Gedankenstränge haltlos in seinem Schädel. "Was solln das werden?", zieht er eine Braue an. "Willst jetzt ne Bank ausrauben oder was?"
"Nein" muss Gerda umgehend lachen. "Die sind zum polieren. Ich zeigs dir gleich." Unter dem dem skeptischen Blick ihres Mitbewohners beginnt sie, ebenfalls mit dem Putzen. Es tut gut, etwas gemeinsames zu machen. Gerda spürt, wie die Schwere des Themas etwas leichter wird und als Logan schulterzuckend wieder mit in die Arbeit einsteigt, bürsten sie einen Moment gemeinsam. Soll sie ihm sagen, dass sich das hier gerade gut anfühlt? Sie möchte es. Allerdings fällt es ihr schwer abzuschätzen, ob das klar geht oder in wieder in einem Rückzug drücken wird. Sie weiß, dass es immer okay ist, wenn sie über ihre Themen sprechen. Seine Baustellen und positiven Eigenschaften allerdings... noch schwierig, um es vorsichtig auszudrücken. Gerda hält inne und hebt den Blick, wartet bis sie sieht, dass er registriert angesehen zu werden. Als er nach einer empfundenen Ewigkeit einen befürchtungsvollen Seitenblick rüber schickt, grinst sie schief. "Tatsächlich haben mein Bruder und ich oft Räuberbande und Detektive gespielt, dass waren schöne Stunden. Meistens wenig erfolgreich, aber voller Spaß." Sie senkt den Kopf und konzentriert sich wieder auf die Schuhspitze vor sich. "Hast du Geschwister oder jemanden gehabt, mit dem du geschwistermäßig umhergezogen bist?"

Ruhig und gleichmäßig atmend, schweigt Logan einen Moment. Bemüht, ihre Worte zu greifen, bemerkt er nicht einmal, dass die Bürstenstriche langsamer und leichter werden, bis sie ganz versiegen. Er registriert auch nicht, dass Nacken- und Kiefermuskeln kaum anspannen, obwohl sie bei Fragen dieser Art üblicherweise so fest werden, dass es ihm binnen weniger Augenblicke den Spannungsschmerz durch den Schädel jagt. Stattdessen verliert sich sein dunkler Blick irgendwo im Nichts vor sich - eher nachdenklich und suchend als wütend. Die Brauen heben sich leicht in die Stirn, als er sich die Szene vorstellt. Die kleine Gerda mit langen, ungekämmten Haaren, vor Lachen geröteten Wangen, wie sie über ein Kornfeld oder eine Kuhweide rennt, auf der Flucht vor imaginären Gesetzeshütern – der Bruder mit Pistolenfingern an ihrer Seite. Beide wenden sich gelegentlich um, mit 'Pew Pew' Ausrufen, bis sie Schutz in einem Versteck finden und sich gemeinsam unbesiegbar stark fühlen. Dann schiebt sich das Bild seiner Heimat davor. Er rennt durch nebelverhangene Straßen. Wie Gerda und Marlboro ist er auf der Flucht. Allerdings ohne ein Lachen im Gesicht, keine verspielten Geräusche imitierend, dafür mit umso echterem Herzklopfen und dem Gedanken, nie wieder zurückzukehren. Dieses Mal schlägt er dich tot. Einige Male hatte dieser Gedanke ihn weit aus der Stadt getrieben, ohne zu wissen, wo er Schutz finden könnte. Aus heutiger Sicht hätte er zu Jakes Großeltern gehen können. Vielleicht sogar zu den Bullen. Doch das tat er nicht. Es war damals einfach keine Option. Erst in Deutschland, als alles längst zu spät war, suchte er Schutz und Halt bei Jake. Er war abgehauen von seiner gesetzlich angeordneten Bleibe und tagelang bei seinem einzigen Freund untergekommen. Und obwohl er ihn damals schon beinahe zehn Jahre kannte, haben sie nie miteinander gespielt, wie Gerda es berichtet. Die Brauen ziehen sich zusammen Richtung Nasenwurzel, als ihm klar wird, dass er überhaupt nie mit irgendwem wie ein Kind gespielt hat. Zumindest kann er in seiner Erinnerung nichts Derartiges finden. Die Lippen pressen sich aufeinander, als er leicht mit dem Kopf schüttelt. Ein unterdrücktes Seufzen kämpft sich an die Oberfläche und nach weiteren zwei Sekunden sagt er leise, mit gefasster Stimme und unverändertem Blick: "Ne. Nich so." Seine Hand nimmt das Putzen wieder auf, doch es wirkt beiläufig und unkonzentriert. "Ich war das ätzende Scheißbalg, mit dem keiner was zu tun haben wollte." Ein trockenes Schlucken folgt, dann ein knappes Räuspern. "Außer Jake. Und später ... gabs n Mädchen aus der Nachbarschaft. Aber die durfte nich mit mir sprechen. Und nachdem se von ihrem Alten einmal richtig was kassiert hat, hat se das auch nich mehr." Er stellt den Stiefel vor sich auf dem Tisch ab und betrachtet ihn von allen Seiten, als gäbe es nichts Wichtigeres, als dieses Werk. "Und Jake war nur in den Ferien da. Da haben wir rumgehangen, aber ... naja, wir haben anderen Kram gemacht. Geangelt und getestet, wer von uns zuerst im Moor feststeckt. Uns gekloppt. Sachen kaputt gemacht. Sowas eben. Keine Ahnung, ob das als geschwistermäßig durchgeht."
Trotz Konzentration und Gedankenversunkenheit bemerkt Gerda, dass Baghi mit seinen Erinnerungen mitwandert. Den sorgenvollen Blick hat sie sich professionell abgewöhnt - Mitleid hilft nicht. "Was denkst du warum wollte außer Jake und dem Mädchen keiner was zu tun haben?" Ruhig tauscht sie ihren Stiefel gegen seinen aus und begutachtet seine Leistung. "Propper job" lobt sie anerkennend nickend, rückt mit ihren Oberschenkeln den Stuhl zurück um sich dann wieder zu setzen. Mit mehr Abstand zur Tischkante klemmt sie sich den linken, vorbereiteten Fuß-Kollegen so zwischen ihren Knien ein, dass die Stiefelspitze vor ihr in die Luft ragt und der Schaft zu ihr zeigt. Anschließend angelt sie nach dem abgeschnittenen Strumpfbein und nimmt es in beide Hände. Bird bringt es auf Spannung und beginnt dann unter fließenden links-rechts Bewegungen von der Spitze aus sich langsam Richtung Mitte des Stiefels zu arbeiten.
"Na, weil ich wirklich ne verdammt ekelhafte Kackbratze war." Nicht die Spur von Humor schwingt in Logans Aussage mit – weder in Wort oder Tonfall, noch in seiner Mimik. Er meint, was er sagt. Kurz streift ihn die Erinnerung daran, was Gerda am Tag des Probespielens über sich sagte. Sie habe im Gegensatz zu früher einen großen Teil der Impulsivität abgelegt und es sei reines Glück, dass sie nie aufs Maul bekam. Kaum merklich hebt sich ein Mundwinkel unter seinem Bart. Ein bisschen schade, dass er ihr damaliges Temperament nicht miterlebt hat. "Wir hätten uns in Fetzen gerissen, wären wir uns begegnet.", murmelt er halblaut, aber mit deutlicher Achtung. Nur wenige Zentimeter wendet sich sein Kopf in ihre Richtung, um zu beobachten, wie ihre Hände den Nylonstoff geschickt über das Leder ziehen. Es dauert nicht lange, bis sich ein fast absurd spiegelnder Glanz zeigt, der ihn zwar beeindruckt, aber dennoch nicht ausreicht, um die Aufmerksamkeit bei sich zu behalten. Stattdessen wandert Logans Fokus über ihren rhythmisch bebenden Oberkörper. Dort, wo Hals und Schlüsselbein aufeinander treffen, blitzt die Struktur ihrer Muskeln immer wieder unter den eifrigen Bewegungen ihrer Arme auf. Das Shirt verhindert einen tiefen Einblick, doch Logan weiß, wie nahezu perfekt dieser Teil ihres Körpers geformt ist. Die offenen Haare wiegen sich in der Luft und rahmen ihr Gesicht ein. Diese zarte Haut, die nicht selten einen angenehmen und absolut unaufdringlichen Duft versprüht, die langen, kräftigen Wimpern und die weichen, etwas unsymmetrischen Lippen, leicht aufeinander gepresst. Etwas Widersprüchliches liegt in dem Bild. Heimlich beherrschte Verbissenheit an der Oberfläche versus warme Sanftheit in der Tiefe. Feminin und stark. Als hätte er etwas gesehen, das er lieber nicht gewusst hätte, wendet er den Blick ab, hin zu der Einkaufstasche. Unbemerkt schluckt er einen trockenen Kloß herunter. "Du musst verstehen, dass du nich schuld bist.", sagt er aus dem Nichts und greift in den Beutel, um der Aussage etwas Beiläufiges zu verleihen. "Und du hast auch nix verloren. Was ihr hattet, is immer in dir. Das is nich fürn Arsch. Das macht dich zu dem, was du bist." Reißfeste Gefrierbeutel kommen zum Vorschein und landen auf dem Tisch. "Das is was Gutes. Du bist ne starke Frau und bestimmt ne tolle Schwester." Noch immer sieht er sie nicht an, als er aufsteht und einen Moment verharrt, als würde er die nächsten Schritte noch einmal überdenken. "Ich hab mir was überlegt. Damit diese Stiefelsache mal nen anderen Drive kriegt."

Die aufkommende Beklemmung wegräuspernd, macht er einen schmalen Schritt, um sich zwischen Stuhl, Tisch und Tasche herauszumanövrieren und ohne weiteren Kommentar im Wohnzimmer zu verschwinden. Einige Rumpel- und Klappergeräusche später kehrt er zurück, bewaffnet mit einem Tacker und einem Akkuschrauber. Beides legt er auf dem Tisch ab, ehe er sich wieder der Tasche widmet und nun die wichtigsten Utensilien hervorzaubert. Sechs kleine Pflanzentöpfe, bewachsen mit verschiedenem Grün. "Ich dachte, wenn wir die in deine Botten setzen ...", seine Worte versiegen in hilflosen Seufztiraden. Er hatte sich die Worte zurechtgelegt. Warum kann er jetzt wieder nicht aussprechen, was er im Sinn hat?! Ist doch nichts dabei. Gerda mag Pflanzen. Und die Stiefel bedeuten ihr etwas, weil sie an den Bruder erinnern. Nur kann sie sie nicht tragen. Also wird aus ihnen etwas anderes gemacht. Etwas, an dem sie Freude haben kann, anstatt unter ihnen zu leiden. Ist doch nicht so schwer. "Ach fuck, ich brauch ne Kippe." Ihrem Blick ausweichend stapft er mit zunehmend grummeliger Miene und Körperhaltung wieder durch den Flur und verschwindet hinter der Wohnzimmertür.
Es ist ganz gut das der Panther sich verdünnisiert hat. Gerda schluckt kräftig und spürt, wie sich Tränen der Rührung und Überforderung in ihr hoch wälzen. Sie zückt ihr Handy und macht während seiner zweiten Abwesenheit ein Foto von ihrem gemeinsamen Arbeitstisch. Ohne zu überlegen, schickt sie es an Jason.
Zitat von {{Gerda}}
Alter.
Logan hat mir die Du-weißt schon-Treter abgekauft.
Und Schuhputzzeug.
Und BLUMEN zum Bepflanzen der Stiefel!!!
Jetzt geben wir den Dingern "nen neuen Drive", wie er sagt.
WEILSSIEMIRWICHTIGSIND
Er is grad überfordert rausgestürmt.
Das ist sooooo sweet, Jason. ich verrecke gleich!!!
Sie legt das Telefon weg und lässt sich gegen die Rückenlehne fallen. Das ist so unglaublich vielsagend, dass ihr fast schwindelig wird. Sie weiß, dass er sich nen Dreck um Botanik schert. Das er sich um ihre Zimmerpflanzenkinder gekümmert hat, als sie sich nicht mal um sich selbst kümmern konnte, was schon krass. Aber das hier? Und dann auch noch seine lieben, aufbauenden Worte... zuvor gab es in der vergangenen Woche SUPPE! Logan gibt sich nicht nur Mühe, er supportet und versorgt sie, öffnet sich... geht auf sie zu und ein. "Verdammt nochmal" flucht sie. Die Hitze, die sich von ihrem Zentrum aus in ihrem Körper ausbreitet, knallt ihr in die Wangen. 
Das Nikotin beruhigt. Die Selbstzweifel werden leiser, die Fragen in Logans Kopf verlieren an Hektik. Zurück bleibt der Ärger über seine eigene Unfähigkeit. Nicht, dass das etwas Neues wäre. Er war schon immer beschissen schlecht in sozialen Interaktionen. Warum kann man nicht einfach immer nur über Musik quatschen? Oder Filme. Oder vielleicht auch gar nicht. Mit den Unterarmen auf das Balkongeländer gestützt, sinkt sein Kopf langsam ausatmend auf die Brust. Okay. Reset. Mit geschlossenen Augen richtet er sich auf, streckt den Rücken durch und neigt den Kopf zur Schulter, sodass die Wirbel im Nacken knackend in eine neue Position springen. Er öffnet die Augen, ein tiefer Zug an der Zigarette folgt, der Kopf legt sich leicht nach hinten und aus schmal geöffnetem Mund entweicht der Rauch. Die Stadt liegt ruhig vor ihm, alles scheint seine geregelten Abläufe zu verfolgen. Insgeheim beruhigt es ihn, dass niemand von diesen Leuten da draußen ihn beachtet. Jetzt geh da rein und zieh das durch. Weil sies wert is. Guter Sim und so blabla.. Sich selbst bekräftigend zunickend, zerdrückt er den Filter am Geländer, wirft ihn ins Glas zu den Artgenossen und kehrt zurück in die Wohnung. Gerda klammert sich, am Tisch sitzend, an ihre Flasche und schenkt ihm einen flüchtigen Blick, den er nicht zu deuten wagt. Ohne Erwiderung hält er direkt auf den Kühlschrank zu, um sich ein entspannendes Kaltgetränk zu genehmigen. Die ersten Schlucke stürzen die Kehle hinab, ehe er sich auf den wartenden Arbeitsplatz zubewegt. Dort angekommen, folgen zwei weitere Schlucke, ein halblautes Aufstoßen, dann stellt er die Flasche ab und richtet den ersten polierten Stiefel gut erreichbar vor sich aus. Er nimmt einen Gefrierbeutel, die linke Hand fährt hinein und breitet ihn so weit aus, wie das Material es erlaubt, um ihn anschließend im Stiefel zu verstauen. "Keine Ahnung, ob das alles so aufgeht.", murmelt er aus dem wachsenden Gefühl heraus, etwas sagen zu müssen. "Hab sowas noch nie gemacht." Unelegant stopft er an dem Plastik herum, zupft, zieht, schiebt und zerrt es so zurecht, dass es das Innere des Schuhs weitgehend ausfüllt und nicht oben herauslugt. Zum Schluss fixiert er den Rand mit dem Tacker. So hat es das Internet vorgeschlagen. Auch wenn die Bilder deutlich eleganter aussahen, als das, was er fabriziert.
Die Ablenkung per Arbeitseinsatz Teil zwei kommt ihr und ihren verräterischen Wangen ganz recht. Ein kleines bisschen überengagiert rückt sie ihren Stuhl trinkend an die Tischkante vor sich heran, um genauer zu betrachten, was nun Phase ist. Seine Bemühungen sehen vielversprechend aus, aber etwas passt nicht so ganz. Die Tüte wird relativ schwer werden, wenn der von Logan geplante Inhalt inklusive Wasser seinen Weg hein finden wird. "Warte kurz und löse nochmal zwei Tackernadeln heraus. Ich hol noch etwas zur Ergänzung" beauftragt sie den Projektleiter. Nach ihrer Rückkehr findet sie den rechten Stiefel wie bestellt vor. Nicht ganz so entspannt wie sonst kommt Bird neben dem Panther zum stehen um das DIY-Projekt an sich zu nehmen, nachdem sie einen Schuhkarton mit Esslöffel-großen Steinen abgestellt hat. Etwa zehn Zentimeter Abstand haben sie zueinander. Eine wirklich feine Gänsehaut überrollt sie an ihrem linken Arm, dort, wo ihr unbedeckter Arm den seinen ausmachen kann. Es ist fast so, als könnten ihre Armhärchen seine wahrnehmen. Gerda räuspert sich und befüllt den Therapie-Schuh soweit mit den Steinen, dass sie vier-Finger-breit hoch im Schaft stehen. Dann reicht sie ihm zum erneuten Tackern den schweren Stiefel. "Damit die Pflanzen abgestützt werden und die Tüte nicht aus den kleinen Halteumarmungen der Tacker-Nadeln rausreißt", erklärt sie. 'Warum sage ich Halteumarmung?! Puuhscheiße...' Bevor sie noch mehr Schwachsinnswörter erfindet, geht sie in einem seltsamen Bogen um ihn herum um den anderen Blumenträger vorzubereiten. Während Logan sich weiter mit dem Tacker rumschlägt, leert sie ihr Bier und holt sich ein zweites. Mittwoch Nachmittag - 14:37 Uhr... kann man schon mal machen. Ihr Studentenleben kann auch etwas studentiges vertragen, erteilt sie sich die Absolution. Besonders, wenn das Hirn einen weiter mit nicht uninteressanten Beobachtungen füttert. 
Baghi ist trotz seiner und ihrer emotionalen Aufgeladenheit nur für eine Zigarette abgedampft. Und obwohl er merkt, dass er sie aus verschiedenen Fassungen gebracht hat, bleibt er und lässt sich auf Anweisungen ein. Der Kronkorken wird abgefriemelt, dann stößt sie allein mit dem Flaschenboden seines abgestellten Getränkes an. "Projekt-Prost" nickt sie im zu. Mit schräg gelegtem Kopf beobachtet sie, wie Logan stumm sein zweites Tüten-Werk betrachtet. Ihr kommt eine Gesprächsidee. "Also wenn wir uns früher gekannt hätten" nimmt sie seine Aussage von vor der Kippen-Pause auf, "hätten wir definitiv zusammen was bauen können." Sie trinkt. "Aber bevor wie hier weiter machen, würde ich gerne wissen, wo zur Hölle du dieses Schandstück an Lied aufgetrieben hast?! Ich gebe ja zu das der Abba-Opener fies war, aber das... dass war sowas von unter der Gürtellinie, man!!!!" Ein entrücktes Schmunzeln, bar jeder Knisterei, dafür mit voller neutraler, kampflustiger Begeisterung bricht hervor. Der Flaschen haltende Zeigefinger macht bohrende Bewegungen in seine Richtung. "Und wenn du nochmal so ein Ding bringst, dann vergess ich alles" Flasche und Finger machen eine Umgebung einfangende Geste und deuten zum Schluss auf ihr Herz, "was du in der letzten Zeit für mich gemacht hast. Und dann werden wir uns höchstwahrscheinlich doch noch in diesen Tagen in Fetzen reißen." Ihre Augen blitzen. "Und nicht an einer Hauswand, sondern im Garten, im Dreck. So, wie damals Dinge auf dem Schulhof geregelt wurden", setzt sie nach, mit vorgerecktem Kinn. "Egal, wie schwer ich kassiere."
Irgendetwas ist anders. Logan kann es nicht benennen, aber während seiner letzten Kippe muss etwas passiert sein, denn Gerda verhält sich eigenartig. Klar, sie hat immer wieder mal ihre Momente, aber das hier ist anders. Das gerötete Gesicht weicht nur widerwillig der natürlichen Blässe, die sie sonst kleidet. Ihre Bewegungen sind eine Spur fahriger als gewöhnlich. Irgendwie unentspannt parkt sie sich nach kurzer Abwesenheit dicht neben ihm, sodass seine Haut warm zu flirren beginnt. Obwohl sie sich nicht berühren, fühlt es sich beinahe so an. Nicht sicher, wie Logan darauf reagieren soll, schwemmt der erste Impuls, ihrer Nähe auszuweichen, durch seinen Körper. Doch irgendetwas hält ihn genau da, wo er steht. 'Lass dich auf Sachen ein, die dir vielleicht guttun können.' Jake hat leicht reden. Logan hat keine Ahnung, wie so etwas geht. Wie lässt man sich darauf ein? Wie nimmt man etwas – oder jemanden – an, wenn man immer nur Flucht und Kampf gewohnt ist? Mit leichter Nervosität in den Knochen schaut er zu, wie Gerda die Steine platziert. Gute Idee, findet er, während er beiläufig ihren Duft einatmet, ohne zu registrieren, dass seine Atemzüge einen Hauch tiefer und langsamer werden. Auf ihre Wortkreation reagiert er mit einem kurzen Zucken der Braue. Er kennt es von ihr, dass sie manchmal merkwürdige Formulierungen nutzt. Sie ist Fremdsprachlerin. Möglich, dass solche Ergüsse einem unsicheren Drang entspringen, Dinge besonders betonen zu wollen. 'Halteumarmungen' sticht allerdings schon etwas heraus, im Vergleich zu dem, was sie sonst erfindet. Vielleicht ein Schlaganfall. Prüfend mustert er sie kurz, ihre Pupillen sind ein bisschen geweitet, die Wangen noch immer rosig, das eifrige Zittern ihrer Haut unter der Kehle zeigt einen ungewöhnlich schnellen Herzschlag. Trotzdem erweckt sie nicht den Eindruck, als würde ihr Körper jeden Moment einen Dienst quittieren. Ist wohl doch nur einer dieser Crazy-Momente. Etwas unbeholfen stößt sie mit seiner Flasche an und trinkt. Logan schürzt die Lippen, nickt und sieht ihren letzten Move als Bestätigung. Japp. Verrückt. Ein Mundwinkel hebt sich zu einem schiefen Grinsen, als sie den Song anspricht. So sehr er versucht, seine Freude über den Sieg zu verbergen – sein Gesicht verrät ihn. Ungewohnt heiter breitet sich das Grinsen aus, bis die Haut selbst um die Augen herum Fältchen schlägt. Ein äußerst seltener Anblick, der nur kurz hält. Während sie weiter spricht, wendet er sich ihr langsam zu, sodass er nahe genug vor ihr steht, dass ein winziges Vorlehnen genügen würde, um sie zu berühren. Schwarz funkeln seine Augen sie an, herausfordernd, amüsiert und neugierig. "Versuchs doch.", raunt er tiefstimmig. Seine Augen fokussieren ihre, gleiten kurz ab, zu ihren Lippen, dann wieder hinauf. Seine Atmung geht tief und ruhig, doch innerlich spürt er, wie die Aufregung ihm eine heiße Welle durch den Körper jagt.
Endlose Sekunden stehen sie so beieinander, in denen der amüsierte Charme aus seinem Gesicht entweicht und einem viel ernsterem Fordern Platz macht. Erst jetzt erreicht ihr Duft seine bewusste Wahrnehmung. Als würde die Szene ihm jede Feuchtigkeit entziehen, wird sein Hals unglaublich trocken. Ein kräftiges Schlucken lässt seinen Adamsapfel unter der Haut auf- und wieder absteigen. Seine Lippen öffnen sich leicht, ohne einen erkennbaren Grund dafür. "Ich ...", kommt es heiser hervor und bricht die Erstarrung auf. Blinzelnd sackt sein Körper ein winziges Stück zusammen und rückt von ihr ab. "Hab ... in Deutschland bei Leuten gewohnt." Seine Sinne sammelnd wendet er sich wieder dem Tisch mit den Arbeitsutensilien zu. Die Tüten sind fest in die Stiefel eingetackert, jetzt sind die Löcher dran. Noch etwas neben der Spur greift Logan zum Akkuschrauber mit dünnem Bohraufsatz und lässt das Gerät zweimal kurz aufschnarren, ehe er es am Leder ansetzt. "Die Frau des Hauses war n totaler Schlagerfan. Übler Scheiß." Ein Loch nach dem anderen setzt er ins Material, rundherum und in die Sohle. Nach wenigen Augenblicken zieren zehn kleine Löcher den Schuh. Genug, um Gießwasser abzuleiten, findet er und nimmt sich den zweiten, wobei sein Arm Gerdas Bauch streift. Ein leises Räuspern wälzt sich seine Kehle hinauf und er beschließt, dass der nächste logische Schritt ist, diese verdammte Trockenheit mit einigen kräftigen Schlucken Bier wegzuspülen, bevor er den zweiten Stiefel bearbeitet.
Bird sieht just in dem Moment auf, als Logan sich über seinen mehr als verdienten ersten Platz der schlimmsten Folter-Klo-Musik seit simsgedenken freut. Was für ein Glück, welch ein Geschenk. Als sie seine Gesicht halbseitig nahezu aufleuchten sieht, wenn auch nur für circa fünf Sekunden, kann sie nicht anders als mit zu strahlen, während sie die letzten Worte ihrer Drohung ausspricht. Urplötzlich bleibt die Zeit stehen, als der Panther sich umdreht. Schwarz und blau sich treffen und das weichste und wärmste schwarz seiner Augen einfach Knie-erweichend in sie hinein fließt. Sein 'Versuchs doch' jagt durch ihre Sinne und vertreibt die kindliche Herausforderung. Es schießt ihr nahezu umgehend in den Uterus. Bird wird schwindelig, aber sie will den Blick nicht abwenden, die Lieder nicht kurz und klärend schließen. Sie will klar, cool und souverän bleiben und... und verdammt nochmal ihn s o f o r t schubsen uns sich auf ihn schmeißen - seiner non-verbalen Aufforderung nachkommen. Als sich ihr Mund gerade leicht öffnet, macht es irgendwie puff und Baghi bringt rettenden Abstand zwischen sie. 'Scheiße.' Er redet und sie versteht kein Wort von dem was er sagt. Nicht eins. Gerda nimmt wahr, dass er etwas mit der Hand greift und befindet, dass es eine gute Idee ist, ihren Fingern eine Ablenkung zu geben. In dem Moment als sie ihre Flasche in die Hand nimmt, meldet ihr Handy, dass eine Nachricht reingekommen ist. Wie in Trance hält sie sich an ihrem Bier fest ohne zu trinken. Das feine surren des Akkubohrers hilft, ihre Konzentration zu aktivieren. Loch um Loch findet sich im Stiefel und als das Letzte seinen Platz eingenommen hat, kann sie ein paar kühlende Schlucke vom Getränk zu sich nehmen. Als sie die Flasche senkt, trifft sie seine Berührung und lässt sie leicht die Luft einziehen. Zeitgleich entgleitet ihr die Flasche und fällt mit einem dumpfen Geräusch auf den Teppich.
Das Geräusch des Aufpralls wird vom Teppich absorbiert, sodass der Klang irgendwie künstlich wirkt. Als hätte das etwas ausgelöst, kehrt das merkwürdige Gefühl zurück. Anspannung liegt in der Luft. Logan stellt sein Bier ab und schenkt Gerda eine fragend erhobene Augenbraue. Wie angewurzelt steht sie da, starrt vor sich hin, wie an dem Abend des Abschiedskonzerts, als ihre Stiefel sie plötzlich triggerten. Ist ihr wieder etwas ins Hirn gegrätscht, das sie lähmt? Er versteht schon, dass die Schlagergeschichte gruselig ist, aber diese Reaktion scheint ihm doch etwas merkwürdig. Ihr zugewandt, neigt Logan den Kopf ein wenig und sucht ihren Blick. "Jemand da?", fragt er, noch nicht sicher, ob er amüsiert oder besorgt über ihren Zustand ist. Eine Hand hebt sich vor ihr Gesicht und schnippt zweimal mit den Fingern. Ihre großen Augen fangen ihn ein, doch sie sagt nichts. "Dir is da was runtergefallen.", raunt er sanft. Noch immer schweigt und guckt sie. Mit leicht geöffnetem Mund und flachem Atem nickt sie leicht vor sich hin.
Total neben der Spur. Er hat keinen Schimmer, was mit ihr los ist, oder ob er etwas tun muss. Eigentlich ist doch er der Typ, dessen Psyche gelegentlich wilde Ausflüge macht. Er wollte nur verhindern, dass Gerda sich wieder und wieder in derselben Falle verfängt. Vielleicht waren die Stiefelpflanzen doch nicht so eine gute Idee. Es ist offensichtlich, dass er irgendeinen Knopf gedrückt hat. Einen winzigen Schritt zu ihr aufrückend, steht er dicht vor ihr. Eine Strähne hängt über ihrem Auge, kurz davor, sich mit den langen Wimpern zu verbinden. Behutsam hebt sich seine linke Hand vor ihrem Gesicht, der Mittelfinger berührt sanft ihre Haut, als er das dünne Haarbündel von der Stirn aus beiseitestreift. Als hätte er damit eine unsichtbare Grenze überschritten, prickelt es erst warm, dann heiß in seinen Fingern, und wie aus dem Nichts glaubt er plötzlich, ihren Herzschlag auf seiner Haut vibrieren zu spüren. Oder ist es sein eigener, der ihm durch die Glieder donnert, und sämtliche Geräusche nicht nur aus dem Raum vertreibt, sondern, wie in einer surrealen Welt, die gesamte Umgebung in beschwörende Stille hüllt? "C'mon, Bird." Seine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern, das bleischwer in die Geräuschlosigkeit schneidet. "Mach irgendwas." 
Gerda verzieht ihr Gesicht, als er sich seiner Flasche entledigt. 'Scheiße, Scheiße!' Regungslos vor Schreck und Scham steht sie einfach nur da und versucht, ihr wachsendes Verlangen im Zaum zu halten. Baghis fragendes Gesicht und das Geschnipse, wandern irgendwie an ihr vorbei. Oder vielleicht hilft das Fingergeräusch doch: sie hört wie seine schöne, warme Stimme sie über den Fall ihrer Flasche informiert. In Zeitlupe kommt er näher. Gerdas Herzschlag erhöht sicht so sehr, dass er klar und verstärkt in ihren Ohren hämmert. So dumpf und stark, dass sie sich nicht sicher ist, ob ihr Trommelfell das nachhaltig speichern wird. Aber was schert sie sich um ihre Ohren??!! Sie blinzelt mit einem tiefen Atemzug und heftet ihren Blick auf Logan. Es dauert ein paar Sekunden, in denen sie in seine vorige raue und doch weiche Fingerkuppenberührung nachgespürt und fast wegdriftend verarbeitet hat. 'Mach irgendwas' echot es kurz darauf in ihrem Gehirn. Seine Stimme übermittelt einen klaren Auftrag, der ein Quentchen Flehen in sich hält.
#43
Zwei Herzschläge später, greift sich Bird langsam über Kreuz an die Taille und zieht ihr Shirt aus, ohne das der Blickkontakt gelöst wird. Dabei muss sie sich sehr konzentrieren, da bei einer unbedachten Bewegung die Gefahr besteht, dass sie ihn mit dem Ellenbogen fies erwischen könnte. Eine Augenbraue hüpft teils überrascht, teils triumphierend kurz in die Höhe, wobei sie erleichtert und erlösend ein Mal blinzeln kann, bevor sie langsam seine linke Hand in ihre rechte nimmt und ihn einen Schritt rückwärts mit sich zieht. Nur ein einandhalb Schritte, bis er neben ihren vom Tisch abgerückten Stuhl steht. Ihre Haut prickelt jetzt stärker. Unfähig zu sprechen und schnelle Bewegungen ausführen zu können, berührt sie ihn erst sanft mit ihrer Nasenspitze und dann mit ihren Lippen am Mundwinkel, wobei sie ein unterdrücktes stöhnbrummen nicht bei sich halten kann. Mit flackerndem Blick bringt Gerda ein paar Zentimeter zwischen sie beide, um ihm sein Shirt bestimmt zu entwenden. Logans Arme sind noch nicht ganz unten, als sie ihm zu verstehen gibt, dass er sich setzen soll.
Eine Braue wandert interessiert in Logans Stirn, als Gerda das Shirt hebt. Die Mundtrockenheit kehrt zurück und schwer schluckend weicht sein Kopf ein kaum merkliches Stück nach hinten. Ihr Lächeln kommt ihm wie die Frage nach Erlaubnis vor, doch er kann nicht reagieren. Gefangen zwischen Faszination und Blockade steht er regungslos da, bis sie seine Hand nimmt, so sanft, dass er es kaum spürt. Stattdessen jagt ein kribbelnder Impuls durch seinen Arm, bis hinauf in den Brustmuskel, wo er eine heiße Welle lostritt. Binnen einer Sekunde wird sein gesamter Körper geflutet. Der Hauch eines Kusses trifft ihn und zerstreut die innere Hitze, wie der Aufprall einer Bombe einen Krater ins Land schlägt. Zwei Herzschläge lang hört alles auf, zu existieren, dann setzt das kräftige Donnern gegen den Brustkorb ein. Er weiß, was sie vorhat. Es ist offensichtlich. Und obwohl nur ein Atemzug vergeht, bis es in seinen Lenden bereitwillig zu prickeln beginnt, legt sich ein bedrückendes Gefühl in seinen Nacken. Jahrelang war er konditioniert, auf die ersten Reize zu reagieren. Doch seitdem er diesem Schema entkam, war immer er die treibende Kraft. Er entscheidet, wann er mit wem zu welchem Zeitpunkt das Spiel eröffnet. Dass nun Gerda den ersten Schritt macht, ist einerseits ungewohnt und irritierend – andererseits weckt es die beinahe schon verstörende Verunsicherung, die er längst überwunden glaubte. Nahezu willenlos lässt er sich von dem leichten Griff mitziehen, und ehe er weiß, was geschieht, wird das Shirt über seinem Kopf gezerrt und landet auf dem Boden. Der Stuhl trifft seine Kniekehlen und sein Körper setzt sich, noch bevor sein Kopf irgendetwas davon registriert. Ein dumpfer Stoß geht durch seinen Körper, als würde ihn etwas erden – oder festnageln. Seine Hände hängen einen Moment ziellos in der Luft, als hätten sie den Anschluss verloren. Logans Blick gleitet ihren Körper hinauf, fängt ihr Dekolleté ein, die Schatten, die am Schlüsselbein jeden ihrer Atemzüge unterstreichen. Oh, bloody ... Auch wenn er es selten in Worte fassen kann, erkennt er Anmut, wenn er sie sieht. Wie von selbst wandert seine linke Hand an ihre Hüfte, als könnte er damit ein Stück Kontrolle zurückerlangen. Ihre warme Haut spürt er kaum, als wäre eine Barriere zwischen ihnen, die er durchbrechen muss. So packt er etwas fester zu, bis seine Finger leichte Kuhlen in ihre Rundung graben, und zieht sie ein wenig näher an sich heran, bis sich sein Gesicht in ihren Bauch presst und er tief einatmet. Sie duftet unglaublich gut. Nach Wärme und Geborgenheit und etwas, das er nicht greifen kann, aber unbedingt will. Er will sie. Der Wunsch, ihre Nähe zu spüren, wird fordernd, bricht Hoffnungen in ihm auf, wie Geröll, das sich aus einem Abhang löst. Vielleicht gelingt es dieses Mal. Wenn er es richtig macht, kann er vielleicht für einen Moment diese innere Schwärze abschütteln, die alles einsam und auf Abstand hält. Sein Daumen bewegt sich kaum merklich an ihrem Hüftknochen, mehr ein Reflex als eine bewusste Geste. Seine zweite Hand legt sich an sie, gleitet den Rippenbogen entlang nach oben, findet den seitlichen Ansatz der Brust und verharrt dort, sodass der Daumen zart den unteren Bereich entlangstreicht. Sein Atem bleibt stumm, doch die zunehmende Aufregung kann er nicht verbergen. Fuck, das is "keine gute Idee ...", murmelt er rau in ihre Haut, ohne zu merken, dass er die Worte ausspricht.
Sanfte Ruhe und über Jahre fremd gewordene, ja fast vergessene Erlösung umspült Gerda, als Baghira sein Gesicht in ihre Körpermitte drückt, als gehörte es genau dort hin, wie das Ying in das Yang. Seine Nasenspitze etwa eine Handbreit über ihrem Bauchnabel. Sein rauer Bart rahmt die weiche Berührung seiner Lippen auf ihrer Haut. Warm und unendlich weich, kein Kuss sondern ein Ankommen. So gern würde sie ihrem Impuls nachkommen und seinen Kopf sanft aber bestimmt noch weiter in sich rein drücken, diese - quasi - ihren Namen tragenden Locken greifen und durchwuscheln. Um ihn so hungrig zu umarmen, wie sie ist. Jede Pore ist übersensibel und glimmt gefühlt unter jeder noch so feinen Quadratzentimeter großen Berührung auf. Bird weiß, dass er besonders am Schädel und im Nacken nicht angefasst werden mag, sich sofort verspannt. Aber sie muss sich irgendwie an ihm festhalten, ihre Beine sind so zittrig und weich, dass sie womöglich gleich einfach umkippt.
Mit ruhigem, gleichmäßigen Atem legt sie erst ihre rechte Hand auf seine, die sich an ihr festhält. Seine Daumenbewegungen lassen Gerdas Kopf ein Stück nach hinten kippen und wieder leicht und etwas kehliger aufseufzen. Seine Gesichtshaare stimulieren ihre Sinne aufs schlimmschönste, als er spricht. 'Gott ich will dich so verflucht sehr!' kreist sie noch in und mit sich selbst, als seine Worte zu ihrem Verstand durchdringen. Ihr Blick klärt sich und sie schaut auf seine schwarzen, schönen Locken herunter, die sich dicht an dicht, wie aneinander liegende Babyschneckenhäuschen um seinen Kopf muscheln. Behutsam streichend fährt Bird mit Zeige- und Mittelfinger der linken Hand über seine rechte Gesichtsseite, bis unter die Kieferknochen. Dort verweilt sie kurz. Wartend. Als Logan es zulässt fahren ihre Finger noch ein Stück runter, an seinem Hals entlang. Er atmet bedrückt aus. All ihre Fingerspitzen legen sich vorsichtig auf seine Haut, fühlen die angespannten Muskeln. Über seinen Arm wandernd, folgt ihre rechte Hand und führt synchron aus, was die linke vorgegeben hat. "Was genau ist keine gute Idee, Baghs?", will sie wissen. Als im ersten Moment nichts passiert, die Zeit irgendwie still zu stehen scheint, setzt sie mit einem "Hm?" hinterher, dass keinen Druck aufbaut sondern auf einen kleinen Trampelpfad hinweist. Ihre beiden Daumen ruhen nun beidseitig auf seinem Unterkiefer. So vorsichtig, dass die Berührung fast nicht spürbar ist. Ihre Hände stützen und rahmen, geben hoffentlich nur Fokus und Halt. 
Seine Augen sind geschlossen, und so sieht er nicht, dass zwei ihrer Finger sich seinem Gesicht nähern. Anders als bei der Hand, fühlt er diese Berührung schon, bevor sie eigentlich geschieht. An den kräftigen Narben sendet seine Haut jeden noch so kleinen Reiz überempfindlich an das Nervensystem, als stünde alles unter ständiger Alarmbereitschaft. Er kann sich nicht erinnern, dass ihn schon einmal jemand dort berührt hat. Selbst Alma, die kaum Hemmungen kennt, umging diesen Bereich – bewusst oder zufällig. Und nun berührt Gerda ihn genau dort. Als würde sie dieses Monster, das er ist, als einen Teil von ihm annehmen. Den Bruchteil einer Sekunde glaubt er, von einem gigantischen Gefühl fortgerissen zu werden, wie von einer Schockwelle, nur dass er dessen Wirkung nicht benennen könnte. Groß ist es und dringt mit einer Gewalt, die sich nicht wie solche anfühlt, durch jede Zelle seines Körpers. Es geht so schnell, dass er nicht einmal zusammenzucken kann, und so hängt er noch immer an ihrem Körper, dessen Wärme ihn mehr und mehr erreicht. Hinter seinen Augen beginnt es zu brennen. Ein überwältigender Kloß braut sich zusammen, der mit all dem festgesetzten Gift der letzten Jahre aus ihm herausspülen will, doch der Zugang ist dicht. Verklemmt und verstopft – vor beinahe zwanzig Jahren mit einem Ventil aus Wut und Verzweiflung fest verschlossen. Als Gerdas zweite Hand die selbe Berührung ausführt, bemerkt er sein tonnenschweres Ausatmen nicht einmal. Nur eins wird ihm klar: Diese Frau hat irgendetwas an sich, das ihm bei all den mehr oder weniger flüchtigen Intimitäten noch nie begegnet ist. Und mit einem Schlag detoniert die Erkenntnis in ihm: Sie ist es. Sie ist diejenige, die ihn retten kann. Vor den finsteren Dämonen in ihm. Vor der Bestie, die in ihm lebt, seit er denken kann. Vor sich selbst. Vor IHM.
>> Optionale Szene: [18+] Toronto >>
Langsam kehren Verstand und Bewusstsein zurück und mit ihnen die Scham. Weil er nicht besser ist.
Weil es ihm gefallen hat.
Weil Lust und Dunkelheit unzertrennlich zusammen gehören.
Wie hatte er sich einbilden können, dass es dieses Mal anders wird? Er sollte es besser wissen. Noch einmal atmet er klangvoll aus, bevor er sich auf der Tischplatte abstützt, um sich in den aufrechten Stand zu bringen. Ein Schritt nach hinten genügt, um sein Ding aus ihrem Griff zu befreien. Sein Augenmerk fällt auf Gerda, die nackt, verschwitzt und ekelhaft schön vor ihm liegt und ihn mit einem Blick anblinzelt, den er nicht zu deuten wagt. Er sieht ihr an, dass ihr Kopf schon wieder an Dingen arbeitet, die sie nichts angehen. Wenn er nicht irgendetwas sagt oder tut, wird sie ihn gleich mit diversen Fragen oder Kommentaren bombardieren. Verdammte Scheiße ... Unsicher weicht er ihr aus, beginnt, die Klamotten vom Boden zusammenzusammeln. "Das ...", räuspert er sich, "lief jetz nich ... wie geplant." Die eigene Kleidung hält er sich vor den Körper, wobei nicht deutlich wird, ob er es aus Unwohlsein oder Pragmatismus tut. Die übrigen Stücke wirft er auf den Tisch, dicht neben sie, ehe die nun freie Hand sich zusammenschließt und mit dem Daumen hinter sich deutet. "Ich ..." versink dann mal im Boden. Hilflos pressen sich seine Lippen zusammen, den Blick auf die Klamotten in seinem Arm gerichtet, nickt er mit einem kaum hörbaren "Japp." und schleicht den Flur entlang, um hinter der Wohnzimmertür zu verschwinden. Einen kurzen Moment später rauscht das Duschwasser hörbar durch die Leitung.
Mit tanzenden Punkten vor den Augen kommt Gerda langsam und noch immer schwer atmend auf ihre Unterarme. So, dass sie ihren Kopf anheben und die Lage peilen kann. 'Shit.' Das war... wow. Viel. Ein Ausatmer rollt sich aus ihr heraus, während ihr Körper noch unter den letzten Mikro-Ruck-Bewegungen ihrer sich lösenden Muskulatur befindet. Gerne hätte sie Baghira noch einen Moment in sich gehabt - ihn länger gehalten und vor allem noch länger gespürt. Sie will gerade etwas sagen, da landen - vermutlich ihre - Klamotten auf und neben ihr und Logan verschwindet. Ihre Analyse ist längst durch, ohne dass sie was dagegen tun konnte. Gerda lässt sich wieder auf den Tisch fallen, und gestattet sich, einfach im Moment zu bleiben. In der verwüsteten Küche, nackig auf dem Tisch, mit vergossenem Bier, versprengten Stiefelverschönerungsutensilien und aus ihr herauslaufenden Flüssigkeiten. Für einen kurzen Moment zieht sich ihr Gesicht kritisch zusammen, dann lacht sie leise und irgendwie befreit auf. "Immerhin hab ich fast zwei ganze Sätze und meine Sachen bekommen." freut sie sich ehrlich. "Letztes Mal gab's vorerst alleine an der Hauswand und eine rasant inhalierte Whiskey-Flasche auf dem Heimweg." Bird reibt sich noch kichernd, aber nun mit einem zarten Kälteschauer kurz und kräftig mit beiden Händen kratzend über ihren Schädel. Im Aufstehen wippt sie mit dem Kopf vor sich her und lauscht. Ob er sich wieder so verflucht heiß abduschen wird? Letztes Mal war das Badezimmer gefühlt für zwei Tage im Dampf versunken, trotz lüften. "Armer Baghs" murmelt sie in Richtig des Duschgeräusches. 
Wieder angezogen betrachtet Bird das Sex-Schlachtfeld. Joa. Das lief definitiv anders als geplant. Das Hoch des Rausches ebbt langsam ab, aber ihr Schmunzeln bleibt. Mit den Fäusten in den Hüften überlegt sie, was sie nun zuerst machen will. Irgendwie gar nichts. Der Anblick von diesem Chaos hier, gefällt ihr. Sie möchte es irgendwie so lassen um es sich noch ein paar Mal anzugucken. So hundert Mal in zwei Tagen. Ein Mundwinkel hebt sich leicht. Das ist natürlich quatsch. Der Teppich muss ausgewaschen und getrocknet werden, zwei Flascheninhalte IPA und Blumenerde sollen ihn nicht nachhaltig veredeln. Die Zwischenlösung folgt auf dem Fuße - fix ist ein Erinnerungsfoto geschossen und ein neues Getränk aufgemacht. Nach fünfzehn Minuten hat Gerda das Bier geleert, aufgeräumt und grob den Teppich präpariert... wirklich sauber machen kann sie ihn erst, wenn sie an das Schampoo herankommt. Aber etwas kann sie noch tun, bevor sie angetüddelt, verschwitzt und nach Vögelei stinkend sich auf den Weg zum Nachmittagskurs in der Uni machen kann. Sie zückt erneut ihr Telefon und öffnet den Chat mit Jason. Ou! Eine Antwort von vorhin.
Jason:
Zitat von {{Jason}}
Na, ist doch schön. 😊 Vielleicht braucht er dieses Mal etwas Hilfe beim Eier kochen. Trau ich dir zu, du machst das schon. Ich wünsche sinnliches Verrecken 😘 Und vergiss nicht, mir später ALLES zu erzählen!
Sie hängt das gemachte Foto an und schreibt dazu:
Zitat von {{Gerda}}
Alle Eier der Umgebung sind gekocht, fürchte ich. Bin totaaaalzerstört, Berichterstattung dann nachher gleich.
Wieder kichernd wackelt sie zum Wohnzimmer, um ihren Rucksack zu holen.
(In Zusammenarbeit mit @S.Bin. )
#44
Charaktere: Gerda, Ash, Bob
Ort: Wohnung AshBo
Geschichtsstrang: Wahrheit und Wunsch
Nicht unerschöpft schleppt sich Gerda die vorletzte Straße des soeben per Bahn erreichten Ortsteils Leslieville entlang. Nur noch diese eine Querstraße muss sie überqueren, um bei Bob und Ash anzukommen. Sie war lange nicht hier gewesen, zu lange, wie ihr in den Sinn schießt. Die beiden leben hier ebenfalls in einer ruhigen Wohngegend, jedoch ist dieses Viertel deutlich lebendiger als ihrs. Die Sims sind im Schnitt Abends länger unterwegs und das weniger vereinzelt, sondern ehr in Kleingruppen und Paaren. Hierzu kommen auch die gelegentlich etwas farbenfroheren Fassaden mit dem einen oder anderen großflächigen, gespraytem Kunstwerk auf fast schon poppig farbigen Hintergründen. Die haben ihren ganz eigenen Charme. Sie seufzt. Eine wohltuende und belebende Lebendigkeit herrscht hier, auch noch nach neunzehn Uhr. Ob sie nach dem Einsammeln von Bonnie hier noch irgendwo einen Happen zu Essen nehmen soll? "Erstmal schauen, wie weit die beiden mit dem Packen sind und ob Ash noch Lust hat ein bisschen face to face zu quatschen." schlägt sie sich selbst vor und kommt vor der Haustür zum stehen. Die Ereignisse des Tages, besser gesagt des Nachmittags hatte sie fies in einer halbkryptischen Nachricht angedeutet, als sie auf dem Weg zur Uni war, um den spätesten Kurs den ihr Studiengang zu bieten hat, wahrzunehmen. Über die unerwartete Wochenendarbeit, die daraus resultierte, mag sie gar nicht erst nachdenken. Denn eigentlich wollte sie sich die Tage nach einem neuen Nebenjob umschauen, den sie h o f f e n t l i c h ohne Stress zwischen ihre regulären und den Nachholkurs zwischen quetschen kann.
Ihre Mine verfinstert sich kurz, als der zukünftige Arbeitsstundenumfang hässlich kichernd mit einer übergangsweisen 60-Stunden-Woche um die Ecke lugt und höhnisch auf sie herunter blickt. Sie hat keine Wahl. Zumal sie geplantes Geld für schlimme Outfits zur Klomusik beschaffen mag: dieses Musikstück von heute ist trotz der wildschönen Kücheneskalation nicht vergessen oder verziehen. Ihre Rache wird ihm die Augen schmerzen lassen. Sie hat auch ihren Stolz und ihre Prinzipien. Mit dem Zeigefinger auf der Klingel kommt die Vorfreude auf ihre BBF sowie Bob und das süße Hundekind und vertreibt alle anderen, unangenehmen Gedanken.
Ashley legt einen letzten Stapel Sirhts in den Koffer. In Gedanken geht sie noch einmal die zurechtgelegten Argumente durch. Wenn sie es schafft, den potentiellen Sponsoren zu überzeugen, könnte das für ihr Start-Up -
"Sakko?" Bob hat sich aus dem Nichts direkt neben ihr materialisiert. In den Händen hält er zwei Kleiderbügel mitsamt Anzugjacken.
"Schadet nicht.", zuckt sie mit einer Schulter. Normalerweise hält sie nichts davon, sich zu verbiegen, aber wenn der Anlass wichtig genug ist, kann man sich schon mal anpassen. Solange es nur ein Sakko bei einem Geschäftstreffen ist. "Schwer einzuschätzen, wie die drauf sind. Lieber dabei haben und nicht brauchen, als andersrum."
Bob stimmt ihr zu, als die Türklingel durch die Räume quäkt.
Augenblicklich springt Bonnie von ihrem Platz auf. Mit wedelndem Schwanz und hochgereckter Nase verkündet sie bellend Besuch, nur für den Fall, dass die Zweibeiner es nicht gehört haben.
"Aus, Bon." Bob tätschelt die Hündin im Vorbeigehen, die ihm mit aufgeregt unterdrückten Grunz- und Schnaubgeräuschen hinterhertapst.
Ohne den Hörer von der Gegensprechanlage zu nehmen, betätigt der Hausherr den Schalter und öffnet die Wohnungstür. Ein Fuß auf dem Flur schaut er die Treppe hinunter. Es dauert nicht lange, bis Gerda um die Ecke erscheint. Sie sieht abgekämpft aus, findet er. Dabei muss sie nur in den ersten Stock. Vielleicht eine kurze Nacht? Sie wird davon berichten, wenn sie mag.
"Heyyy." Zur Begrüßung drückt er die Freundin herzlich an sich, ehe er den Weg in die Wohnung freigibt, wo Bonnie bereits tänzelnd auf ihren Auftritt wartet.
"Großartig, dass du es einrichten konntest.", schließt Bob die Tür mit wachsender Freude im Gesicht. Wenn Gerda und Bonnie aufeinandertreffen, strahlt die Welt immer ein bisschen heller.
"Gibs zu." Ashley kommt mit ausgebreiteten Armen und kessem Grinsen auf sie zu. "Du liebst Bonnie mehr als mich."
"Wie schön dich zu sehen" nuschelt Gerda erst Bob und dann Bonnie zu, wobei das Hündchen eindeutig mehr mit Koseworten bebrubbelt wird, obwohl ihr Freund ebenfalls ein "Bobbielein, wiiiiie schön" aus tiefstem Herzen zu hören bekommt. Aber dieser kleine Hundeschatz... niemand auf der Welt ist soooooo niedlich und soooooo voller Freude wie das Retriever-Mädchen. Gerade als sie ihr ein paar Patentanten-Versprechen macht, von denen die Hunde-Eltern nichts mitzubekommen brauchen, taucht Ash provozierend in ihrem Wahrnehmungsfeld auf. Gerda grinst. "Komm her du!" antwortet sie ihrer Besten und umarmt sie so fest sie kann. Nach ein paar schönen Sekunden lösen sich die beiden Frauen von einander und marschieren eingehakt ineinander ins Packzimmer. Bob versucht gerade, möglichst knitterfrei eine Anzugjacke samt Bügel zu verstauen. Gebannt beobachtet Bird sein Gewurschtel, als sie sich auch schon mit einem halbvollen, wohltemperierten Weinglas in der Hand auf dem Bett hinter den Koffern befindet, die schon ordentlich gefüllt sind. Ashley und Bonnie kuscheln sich neben sie und die Freundin versucht gar nicht erst so zu tun, als wüsste sie nicht, dass ihr Tag lang und ereignisreich war.
"Also, Darling.", Ashley schiebt einen nippenden Schluck zwischen die Worte, wobei sie Gerda genau im Auge behält. Der Wein ist genau das Richtige, um die wachsende Anspannung in Schach zu halten. Seit sie die Nachricht des CEO bekommen hat, kreisen ihre Gedanken hektisch um die Chance, die sich bietet. Eine halbe Stunde Ablenkung nimmt sie gern an. "Ich sage dir, diese Sponsorenkiste macht mich wahnsinnig. Tu mir den Gefallen und erzähl mir was Saftiges, damit ich nicht durchdrehe." Das Glas neu ansetzend ext sie den Inhalt und greift direkt zur Flasche um nachzufüllen. "Und komm mir nicht mit alles okay oder son Scheiß. Ich sehe doch, dass du wieder was am Laufen hast." Sie stellt die Flasche ab, lehnt sich zurück, eine Hand auf die Matratze gestützt, und fixiert die Freundin mit einem erwartungsvollen schiefen Grinsen. "Nur raus damit, Baby. Was ist es, das dich zermürbt? War der Prof wieder gemein zu dir?"
"Nuuuuuun" beginnt die Freundin gedehnt, "sagen wir mal so. Mein Tag ist komplett anders verlaufen, als ich das dachte." Gerda schließt sich Ash an und ext ihr Glas ebenfalls. "Ich wurde aufs übelste musikalisch gefoltert, mit einer unglaublich herzerweichenden Geste inklusive DIY-Projekt überrascht und hatte dann Sex in der Küche." Ash's aufgerissenes Gesicht bringt sie zum Lachen und sie muss sich sehr konzentrieren, damit sie ihr Glas ruhig halten kann. Nachdem es wieder großzügig befüllt ist, stoßen die beiden an und Gerda fährt fort. "Tja und dann musste ich umgehend los zur Uni. Auf dem Weg dahin habe ich ein wirklich furchtbar augenkrebsiges Outfit zur Unterstreichung meiner Klo-Musik Rache geschossen. Dem werd ich's zeigen, sag ich dir." Weitere Schlucke verschwinden. "Und von dem Penner hab ich mich heute nicht ärgern lassen. Habe mich in die erste Reihe gesetzt und ihn durchweg angestarrt. Hoffentlich hat er meine nach Sex und Starkbier riechenden Ausdünstungen genossen! Nicht!"
Ash prustet, verschluckt sich fast am Wein. "Halt, halt, halt. Zurückspulen." Sie atmet einmal durch. "Sex. In der Küche. Mit Grummelstielzchen?!" Ihr Kopf ruckelt hin und her, als würde sie etwas Störendes aus dem Schopf schütteln. "Sollte das nicht eine einmalige Sache bleiben? Nach letztem mal ...?"
Auch Bob horcht neugierig auf, deutlich zurückhaltender fragt er mit interessiertem Schmunzeln: "Welche herzerweichende Geste hat dich so wuschig gemacht?"
"Er hat mir über Kleinanzeigen anonym die Stiefel abgekauft, die mich an meinen Bruder erinnern und traurig gemacht haben. Dazu hat er noch Blumen und Erde besorgt, um sie als Pflanzkübelersatz umzugestalten. Damit ich sie behalten kann und sie eine... eine neue Besetzung für mich bekommen." erklärt sie mit rotem Gesicht und verschwindet wieder hinter dem Glas. Als ihr Seitenblick vorsichtig auf Ash fällt, räuspert Gerda sich. "Und in der Theorie wollte ich es dabei belassen, ja. Das war so wirklich nicht geplant. Aber da war plötzlich irgendwas anders. Ich kanns dir nicht erklären." Bob's Gesichtsausdruck hat seine gewöhnliche Güte, als er ihr schmunzelnd zunickt. "Und so rumpelstielzig ist er gar nicht mehr so oft. Also zumindest Zuhause. Wie läuft es denn bei den Proben?", will sie ablenkend wissen, nicht sicher, on Ash sich so einfach umlenken lässt.
Bob und Ashley tauschen einen Blick, dessen Inhalt nur ihnen gehört. Während Ashley die Brauen ungleich hinter der Brille anzieht, entweicht Bob ein warmes Schmunzeln. "Nun,", wirft er ein, "er ist zuverlässig. Immer pünktlich und voll engagiert."
"Und wortkarg.", ergänzt Ashley mit deutlich kühlerem Unterton. "Manchmal kriegen wir nicht mal eine Begrüßung. Mir solls egal sein." Sie zuckt resignierend mit den Schultern. "Er spielt wie besessen. Und die meiste Zeit wirklich gut." Ein großer Schluck Wein verschwindet hinter ihren Lippen. "Aber wenn ich ihm zu nah komme, guckt er mich an, als würde ich ihm die Haut abziehen wollen." Verständnislos schüttelt sie den Kopf. "Ganz ehrlich, Darling, ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie man sich ihm annähern kann."
"Gerda kann es offensichtlich.", hebt Bob verzückt die Mundwinkel.
Auf seinen Kommentar erntet er einen scharfen Seitenblick seiner Lebensgefährtin. Zu Gerda herüberbeugend kneift sie die Augen halb zu, als würde sie die Freundin nach Auffälligkeiten absuchen. "Was machst du mit ihm? Oder ... Er mit dir? Irgendwas läuft da doch."
Gerda versteht das Mistrauen ihrer Freundin. Ihre Bedenken und Gedanken sind denen Jasons ziemlich ähnlich, wie sie weiß. Und auch das ist in Anbetracht aller Umstände und vor allem mit dem Wissen um ihre vergangenen Partner, mehr als verständlich. Logan steht so ziemlich mit all seinen Eigenschaften und -arten und besonders mit seinen sozialen Kompetenzen in einem harten Kontrast zu David, Tobias und ihrer allerersten Liebe Arno. Trotzdem findet sie Ashs Reaktion ungerecht ihm gegenüber und verzieht das Gesicht. Bonnie kommt auf das Bett gehüpft und legt sich hechelnd zwischen die sich anstarrenden Frauen. "Och Mausi, du musst nicht schlichten. Es ist alles gut." beruhigt sie nun doch wieder lächelnd die Hündin, stellt ihr Glas auf dem Seitentischchen des Bettes ab und beginnt das Fell ihrer anderen, besten Freundin zu kraulen. "Ash du weißt doch selber, dass Sims mehr sind, als sie nach außen scheinen. Und nur weil er sich nicht an gesellschaftliche Gepflogenheiten anpasst, bedeutet das nicht, das er ein Arschloch oder Serientäter ist." Seufzend und flehend schaut sie in die noch zusammengekniffenen Augen, die nicht mal durch Bonbons Kuschelattacke aufgelöst wurde. "Es geht mir gut, du musst dich nicht sorgen," versucht sie es, "ich mag, dass er authentisch ist und sich nicht verstellt." Bob steht nun neben ihnen und sortiert in seinem Koffer herum, dabei tätschelt er den Fuß seiner Auserwählten. Die Mine hinter der großen, modischen Brille verändert sich nicht. Es ist Ernst. Sie, Gerda steht kurz vor einer Mutti-Standpauke, dass ist offensichtlich. Bird versucht es mit einem Schritt auf sie zu. "Ich verstehe total das es dich nervt, irritiert und vielleicht auch beleidigt, dass er so auf deine Nähe reagiert. Das geht mir eigentlich auch nicht anders." Nickend angelt sie nach ihrem Glas. "Ehrlich Ash! Nach dem Probespielen hab ich auf dem Gehweg einen Seitenschritt auf ihn zu gemacht, weil ich anderen ausgewichen bin. Er ist fast auf den nicht scheinenden Mond gehüpft. Ich war auch echt angepisst." Gerda atmet tief ein und aus. Fast verzweifelt beendet sie ihre Erklärung. "Ich weiß auch nicht, was da läuft. Vorhin bin ich einfach zum gucken und mithelfen neben ihn getreten und dann hab ich ihn trotz einer Handbreite Abstand quasi wie Haut an Haut gespürt und war einfach wie aufgeladen." Sie zuckt hilfesuchend mit den Schultern und trinkt mit sich einstellendem Herzklopfen. "Nach einer versehentlichen Zufallsberührung seinerseits, ist in und mit mir irgendwas..." bekommt sie den Satz nicht zu Ende.
Je länger Gerda redet, umso mehr reguliert sich Ashleys Gesichtsausdruck, bis er schließlich in einem wissenden Schmunzeln endet. Bei leicht geöffnetem Mund lässt sie einen gedehnten Laut der Erkenntnis entweichen. Ein doppeltes Augenblinzeln vergeht, ehe sie schließlich ausspricht, was ihr klar geworden ist: "Du bist verknallt." Ein kurzes stimmenlos lachendes Schnauben folgt. "Eigentlich nicht überraschend." Die Brauen angezogen versenkt sie ihr Gesicht im Weinglas und nuschelt in die Flüssigkeit hinein: "Bei deinem Faible für kaputte Seelen und wilde Bad Boys."
"Ich kanns verstehen." Bob klappt den Kofferdeckel zu und führt den Reißverschluss um das Gehäuse. Das Surren quält sich durch den Raum, wie die überraschten Blicke, die ihm zugeworfen werden. "Es klingt nach intensiven Momenten.", erklärt er ruhig. "Du strebst nach Intensität. Du fühlst, denkst und handelst danach." Ashley starrt ihn erstaunt an, als müsse sie seine Aussage erst einmal für sich analysieren.
"Ich finde das offensichtlich.", zuckt eine seiner Schultern dezent. "Und überhaupt nicht schlimm, nebenbei bemerkt." Er schenkt Gerda einen warmen Blick. "Vielleicht gebt ihr einander genau, was ihr braucht. Ich finde das toll."
"Und was denkst du braucht Logan?" will Gerda verblüfft wissen, noch unsicher wie er auf seine Ideen gekommen ist.
Bob atmet einmal tief ein, den Blick suchend an die Zimmerdecke gerichtet. "Ja, das ist eine wirklich gute Frage.", nickt er vor sich hin, ehe er sich auf die Bettkante setzt. "Ich kenne ihn bei weitem nicht so gut wie du. Wie Ash schon sagte,", er nickt seiner langjährigen Lebensgefährtin zu, "manchmal spricht er kaum mit uns. Aber wenn ich bedenke, dass wir alle im Grunde gar nicht so verschieden sind, ..." Einen Moment schweigt er, die Frage in sich bewegend. Er nimmt Logan die meiste Zeit als in sich gekehrt wahr. Keinesfalls schüchtern, aber zurückhaltend. "Vielleicht Sicherheit. Was meinst du? Wirkt er auf dich unsicher?"
Gerda blickt etwas geistesabwesend an die Wand. 'Intensität', 'Sicherheit', 'gebt einander was ihr braucht' und 'verknallt' echot es in ihr nach. Einen Moment lang steht fast eine loriosche Stille im Raum. Die Freundin öffnet und schließt ihren Mund ein paar Mal und Bob lächelt weiter unterstützend mit seiner Alles-ist-okay-denn-du-bist-okay-Mimik auf sie ein. Gerda erwidert sein Lächeln, steht auf und geht auf ihn zu. "Dankeschön" schnieft sie nun. Sie merkt, dass nun die Anspannung des Tages beginnt von ihr abzufallen. Bob wiegt sie ein wenig hin und her, darauf bedacht das ihr Glas nicht überschwappt. Die Umarmung ist leider nicht oberflächlich genug - Gerda spürt wie die inneren Dämme brechen. Als sie sich der Heulerei vollends ergibt, ist auch Ash bei ihr und sie wird nun von beiden gehalten. Ashs Hand streichelt ihr liebevoll über Kopf und Haar. Als sich der Großteil ihrer Gefühlswelt ausgeschüttet hat, wird die ruhiger, dann löst sie sich halb erstickt aus der Kuscheltrösterei. "Scheiße. Das hat gut getan. Danke. Es ist irgendwie ganz schön viel und vor allem so viel unausgesprochenes und defuses zwischen ihm und mir.... Das macht mich kirre." Tränen werden weggewischt und alle Zweibeiner setzen sich zum wieder besorgt hechelnden Hundemädchen. "Ist gut, Bon-Bon", knuddelt sie die Fellnasenfreundin, "das ist alles nicht so leicht." An Ashbo gewandt bringt sie voller Verzweiflung vor, "Was er will? Keine Ahnung. Ich kann euch ja nicht mal klar sagen, was ich will. Das schlimme ist, dass ich mich nicht traue zu fragen." Beschämt schaut sie erst in ihr Weinglas, dann zu Bob. "Vermutlich hast du den Nagel auf den Kopf getroffen - wir wollen alle in Sicherheit bei jemandem sein. So, wie wir sind. Angenommen werden und... und..."
Ashley sieht von Gerda zu Bob und zurück, als würde sie in den Gesichtern nach Antworten suchen.
"Und ... was?" Ihre Hand liegt tröstend auf dem Knie der Freundin. "Okay,", setzt sie erneut an, als keine Antwort kommt. "Frag ihn. Du bist doch sonst nicht so zurückhaltend. Warum traust du dich nicht?" Ehrlich unwissend zuckt sie mit den Schultern. "Was ist so anders bei ihm?" Prüfend geht ein Blick zu ihrem Freund. "Sonst können wir das auch machen." Ein freches Grinsen mischt sich unter ihre Züge. "Notfalls haut Bob ihm mit nem Drumstick so lange in den Nacken, bis er redet."
Bobs Mundwinkel zuckt amüsiert. Klar. Weil er so ein brutaler Schläger ist. "Was genau würdest du ihn denn fragen wollen?", hakt er nach.
"Das ist lieb, Ash, aber dass würde gar nichts bringen. Du bekommst nicht mal mit harmloser, freundschaftliche oder fürsorglicher Gewaltandrohung was aus Logan heraus. Ich habs mehrfach versucht. Also gut gemeint. Und ich glaube ihm, dass er sich gegenüber JEDEM Angriff verteidigen wird. Egal wer es ist. Das Geschlecht spielt keine Rolle - ist kein Hinderungsgrund." Die Freundin will etwas sagen, lässt sich jedoch von Gerda's beruhigender Berührung an der Wange im Zuhören halten. "Du sorgt dich, willst helfen und bist ungeduldig. Danke dir.", pausiert Gerda für ein Lächeln, welches Bob mit in ihre Danksagung einbezieht. Wieder ernster fährt sie fort, "euch sind bestimmt auch seine krassen Narben aufgefallen? Mindestens die im Gesicht?" Beide nicken. "Davon gibt es viel mehr und auch heftiger. Am Oberkörper und auch am Knie. Und ich hab zwar nicht gefragt, aber als einen waghalsigen Skater boy, kann ich ihn mir nicht vorstellen." Sie leert ihr Glas bis auf einen Schluck. "In Kombination mit seinen Schutz-, Abwehr- und Distanzverhalten gegenüber jedem, mit dem ich ihn erlebt habe, zeichnet mir das ein klares Bild. Das eines Sims, der nicht erst als Erwachsener mit Grundvertrauen groß geworden ist. Ich glaube, er wurde übel und viel von Bezugspersonen schwerst misshandelt. Denkt an seine Reaktionen auf körperliches nahe kommen! Und womöglich wurde er auch körperlich missbraucht. Da bin ich mir noch nicht sicher." Bonnie unterbricht sie, indem sie ihre Nase mit deutlichem Druck in sie hineinstubst und mit der linken Pfote nach ihr patscht. Mit wässrigen Augen überreicht sie Bob ihr Glas zum nachfüllen und knuddelt die besorgte Trösterin. Als der Nachschub da ist, lässt sie mit einer Hand von der Hündin ab, die andere krault sie weiter. "Ihr versteht, dass ich mit meiner Tür ins Haus fallen Art nicht unbedingt weiter komme. Zumal er zu Beginn immer einfach abgehauen ist. Zack weg! Das letzte Mal sogar für ein paar Tage." Das Gefühl von zugeschnürtem Oberkörper ist jetzt da. Für den nächsten Satz muss Gerda zweimal ansetzen, um ihn heraus zu bekommen. "Ich hab Angst, dass er wieder geht und dann nicht mehr zurück kommt, weil ich zu deep nachgefragt hab. Oder wenn ich sagen würde, was ich mir wünsche," schnauft sie, "wobei das Thema ja auf nem ganz anderen Blatt steht. Einem, dass ich ihm noch nicht geben konnte."
Einen Moment herrscht betretenes Schweigen. Keiner der Freunde hat mit so schweren Gedanken gerechnet.
Als Bob wie selbstverständlich Gerdas Glas auffüllt, reicht auch Ashley ihres hin. 'Halbvoll' gestikuliert sie ihrem Lieblingssim. Sie darf nicht zu sehr mitgehen, da sie später noch ihr Denkvermögen braucht.
"Das sind heftige Vermutungen.", ergreift sie nach einem kleinen Schluck das Wort. Zwei Sekunden geschieht gar nichts. Dann schlägt sie Gerda mit der flachen Hand gegen den Hinterkopf. "Warum kommst du erst jetzt damit, du blöde Kuh? Ehrlich mal. Wie lange trägst du das schon mit dir rum?"
Bob hält noch immer die Flasche in der Hand. Den Blick aus dem Fenster in die Stadt gerichtet, wirkt es beinahe, als würde ihn das alles an etwas erinnern, ohne es greifen zu können.
"Macht es dich einfach traurig, dass jemand, den du magst, durch schlimme Zeiten gehen musste?", wendet er sich dann an Gerda. Sein Ausdruck ist ruhig und sanft, wie sein Umfeld es von ihm kennt. "Oder gibt es etwas Konkretes, um das du dir Sorgen machst?" Die Flasche in der Hand schwenkend, verteilt er den restlichen Inhalt auf die beiden Gläser.
"Vielleicht macht das gar nicht so einen großen Unterschied.", platzt es aus Ashley heraus. "Es ist ein bisschen wie bei einem geretteten Hund. Du weißt, dass er Scheiße erlebt hat, aber du wirst nie die Details erfahren." Etwas ratlos zieht sie eine Schulter an. "Immerhin besteht bei ihm die Möglichkeit, dass er dir vielleicht irgendwann mal was erzählt. Von sich aus."
"Wir haben gesehen, dass er über sich spricht, wenn er es für nötig hält.", erinnert Bob an den Nachmittag im Proberaum. Niemand hatte Logan aufgefordert, sich zu öffnen. Dennoch hatte er es getan. "Mir scheint, du musst dich zwischen Risiko und Geduld entscheiden."
Vier Augen sehen sie aufbauend an. Ashley legt tröstend einen Arm um ihre Schulter und zieht sie an sich heran.
"Was wünscht du dir?", kommt Bob auf die letzte Aussage Gerdas zurück.
Überrascht zuckt Gerda zusammen und ausschließlich impulsiv schreit sie leise "Aua" aus, als sie die elterliche Selbstregulationshilfe aus vergangenen und überholten Jahrzehnten trifft. Entsetzt starrt sie ihre Freundin an, blinzelt und zieht eine ärgerlich-belustigte Schnute. Wäre das Thema nicht so schwer, würde sie sich einen gepfeffertes Konter-Argument aus der Nase, dem Rücken oder ihren Hintern ziehen, aber dazu fehlt ihr die Kraft. Das sie jetzt - und auch erst nach Jason - das Gesprächsfass 'Baghira' so richtig geöffnet hat, tritt viel in ihr los und frei, was sie sonst selbst vor sich im Schach halten kann.
Scham.
Schuldgefühl.
Erleichterung.
Verzweiflung.
Vielleicht hat sie es unterbewusst deshalb vermieden sie in letzter Zeit öfter zu besuchen? Weil Ashleys bloße Gegenwart in der Regel reicht, um alles in ihr in Bewegung und zum raus fließen zu bringen?! Darüber hat sie bis eben nicht nachgedacht. Aber nun sitzt sie neben ihrem Lieblingssim, der sie besser kennt als sie sich selbst. Und das sie mit Ash noch nicht über so vieles und besonders über Gefühlsdetails gesprochen hat, ist natürlich verletzend. Ein bisschen, so muss sie sich eingestehen, versteht sie die Reaktion. "Man Ash." wirft sie in die Redepause ein, während Bob mit seinem sinnierenden Blick den beiden Frauen nachschenkt. Das Paar teilt besorgt seine Gedanken mit einander und mit ihr, während Gerda auf ihrem zweiten Gleis einfährt. Als sich wieder ein tröstender Arm zurück in die Unterhaltung holt, muss Gerda erstmal zurück rudern. "Wartet mal kurz." räuspert sie sich, sich an ihre Freundin kuschelnd. "Es ist in den letzten Wochen so viel passiert! Wahnsinnige Veränderungen Zuhause und auch in der Uni läufts nicht glatt... Es ist einfach zu viel gewesen. Außerdem seid ihr ebenfalls busy ohne Ende und habt den Kopf voll mit eurem Unternehmen." Gerda weiß, dass das eine lahme und unfaire Begründung ist, zieht sie aber nicht zurück, sondern setzt das neu befüllte Trinkgefäß an die Lippen. Gerda ist noch nicht bereit, sich der Logan-Problematik zu zuwenden, da sie ihrer besten Freundin erstmal erklären muss, warum sie sie nicht wie gewöhnlich umgehend ins Vertrauen gezogen hat. "Ich weiß das du dir immer Zeit für mich nimmst, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit", trinkt sie, den Wein allmählich spürend. "Aber..." will eine weitere Wahrheit raus, "es ist auch nicht immer leicht und geil, über seine verkorksten Beziehungs-fails zu reden, besonders mit jemandem, der ne Bilderbuchpartnerschaft führt." Sie hat es weich mit mit aller Liebe, die sie für die beiden empfindet ausgesprochen. "Außerdem denke ich, dass du nicht so viel von ihm hältst und das ist nicht unbedingt hilfreich, beziehungsweise hemmt mich dieser Umstand etwas."
Die Brauen weit über den Brillenrahmen hinaus angezogen, lässt Ashley die Worte auf sich wirken. Ein kleines bisschen beleidigt ist sie schon. Nur weil sie in einer harmonischen Beziehung lebt, kann sie trotzdem ihrer Freundin zuhören. Und nur weil es ihr schwer fällt, Zugang zum Grummelstielzchen zu bekommen, heißt das nicht, dass man nicht mit ihr über ihn reden kann. "Das ist nicht ganz fair oder?", setzt sie nach kurzem Schweigen an. "Hab ich dich je mit irgendeinem Thema vor die Tür gesetzt?" Sie leert ihr Glas und stellt es auf dem Nachttisch ab. Einen Meter von Gerda abgerückt bleibt sie sitzen und fixiert die Freundin. "Mag sein, dass deine Sorgen mir weitgehend fremd sind. Aber DU bist mir wichtig. Für mich reicht das."
"Nein es ist nicht fair und ebenso nein," schluchz Gerda "hast du nicht." Ihre Augen füllen sich mit Tränen. "Ich weiß, dass ich dir reiche. Es hat auch nichts mit dir oder unserer Freundschaft zu tun." Sie drückt ihre Liebste fest. "Manchmal ist es irgendwie leichter, nicht darüber zu reden und es wegzuschieben. Zumal ich mir wahrscheinlich selbst nicht eingestehen mag, was ich denke und fühle - keine Ahnung. Ich will dich nicht verletzten!"
"Ach, Darling,", Ashley erwidert die Umarmung, "du verletzt mich nicht. Mit Ehrlichkeit kann ich umgehen. Das Schweigen macht mir zu schaffen." Sich aufrappelnd steht sie auf und stellt den Koffer neben sich auf den Boden. Ein Blick zu Bob signalisiert, dass es Zeit wird, an den Aufbruch zu denken. Der Lebensgefährte versteht die Andeutung. Sogleich erhebt auch er sich, um das Gepäck zur Wohnungstür zu bringen. "Also,", setzt sie erneut an, "wie willst du jetzt weiter machen? Tänzelt ihr weiter umeinander rum oder hat einer von euch die Eier, ein Gespräch zu eröffnen?"
Während ihre Freundin spricht, nickt Gerda erleichtert sowie verstehend und nimmt sich vor, zukünftig ein bisschen mehr über ihren Scheiß mit Ash zu sprechen. In den letzten Monaten hatte es sich einfach eingeschlichen, dass sie zunehmend mehr mit sich ausgemacht hat. Bonnie verlässt zeitgleich mit Bird das Bett und düst durchs Zimmer, um alle Anwesenden anzustubsen und in der neuen, entspannteren Stimmung zu halten. Gerda betrachtet Bob beim Verlassen des Zimmers und auch in ihr macht sich der Wunsch nach Aufbruch, Abendessen und Bettchenzeit mit ihrer Pfoten-Partnerin für ein paar Tage breit - e n d l i c h mal wieder ein Hündchen bei sich und zum kuscheln und resetten. Ashleys Frage zieht sie zurück in die Unterhaltung von zuvor. "Wenn ich das wüsste. Denke, wir tänzeln noch eine Weile umeinander herum, bis sich das Gefühl von 'ein guter Moment' einstellt. Demnächst kommen seine Sachen aus Übersee, da werde ich ihm natürlich helfen und wir müssen bestimmt das Wohnzimmer etwas umräumen. Vielleicht ergibt sich ein lockerer Einstieg" überlegt sie. Die Lippen geschürzt und die Brauen in die Stirn gezogen fährt Gerda sachlich-amysiert fort, "oder es folgt eine weitere Episode von den Wohnungszerbumsern." Gerda lacht nun laut und wieder mehr sie selbst, in ihrer fröhlichen und ausgelasseneren Art. "Ash ich wurd noch nie so geil durchevögelt. Es ist unglaublich simpel aber dafür schön intensiv und voller Feuer." leuchtet sie ihre Schwippspartnerin an und leert ihr Getränk in einem Zug um das Glas dann abzustellen und ihren Aufbruch so langsam einzuläuten.
Ashleys Brauen hüpfen in die Höhe, als sie laut lacht. "Simpel also, ja?" Über das Bett gelehnt, sammelt sie die Gläser ein, um sie mit in die Küche zu nehmen. "Ich habs da ja lieber fantasievoll. Aber überrascht mich nicht, dass dir primitiv gefällt." Ein übertriebenes Zwinkern erreicht die Freundin.
"Ist es denn okay für ihn, wenn Bonnie bei euch ist?", wechselt Bob das Thema. Hatte Gerda die Hündin in der Vergangenheit schon öfter bei sich aufgenommen, haben weder er noch Ashley hatten daran gedacht, dass Logan nun fester Bestandteil der Wohnsituation ist.
Mit vor Empörung aufgerissenem Körper schnappt Gerda theatralisch und gespielt unwissend nach Luft. "Bitte?!?! Was soll das heißen, es überrascht dich nicht?" Brüllt sie nun fast, einen fetten Lacher wegdrückend. "Erklär das!", fordert sie nicht unernst ein.
Ashley tätschelt ihr lachend die Schulter. "Ne, ne, da kannst mal schön für dich drüber nachdenken."
Zu Bonnie heruntersinkend, krault sie die Hündin hinter beiden Ohren. "Und du passt schön auf deine Tante auf, ja?"
Mit aufgeregtem Schwanzwedeln hechelt das Hundekind sie an. Küsse und Kuschelattacken werden ausgetauscht, bis Ashley sich wieder in den Stand bringt und Gerda zum Abschied an sich drückt. "Melde dich, wenn was ist."
Ganz die Ruhe selbst legt nun Bob eine Hand sanft kraulend an Bonnies Kopf, als ihm plötzlich ein Gedanke kommt. "Ist es denn überhaupt okay für Logan, wenn Bonnie bei euch ist?" Hatte Gerda die Hündin in der Vergangenheit schon öfter bei sich aufgenommen, haben weder er noch Ashley hatten daran gedacht, dass Logan nun fester Bestandteil der Wohnsituation ist.
'Boooah. Die Sau!' kann sie gerade noch denken und bevor sie eine entsprechende Antwort rausbringt, findet sie sich in der Umarmung und ihrer Kapitulation. Außerdem ist sie müde und beschwipst. Ein Hickser entfährt ihr und läutet den Schluckauf ein. "Das Bonbon bei uns ist, ist kein Problem. Die beiden kommen super miteinander aus." erinnert sie sich. "Aber ich sollte ihn noch informieren - das habe ich irgendwie total vergessen." Die beiden schmunzeln und Gerda ist froh, dass Bob wie Ash ihre Aussage unkommentiert lassen. Sie drückt beide nochmal fest und ist wenig später mit Bonnie vor der Haustür. Ein "Uff" entweicht Gerda unkontrolliert, "wir werden uns jetzt erstmal auf den Heimweg machen, kleiner Mausezahn." Mehr schleppend als laufend begibt sie sich auf den Fußweg zur Bahn, nachdem sie Baghi nach einem kurzen zögern darüber informiert hat, dass sie Bonnie mit nach Hause bringt. Ein paar Minuten später schickt sie eine weitere Nachricht ab, in der sie sich dafür entschuldigt, nicht schon gestern oder heute Vormittag bescheid gesagt, beziehungsweise gefragt zu haben ob das auch für ihn passt. Seufzend horcht sie anschließend in sich rein uns stellt Nervosität fest. "Scheiße was ist das denn jetzt?" fragt sie sich selbst halblaut, als sie sich auf einen Sitzplatz fallen lässt. Die Fellnasenfreundin legt sich eng an ihren Beinen ab und beide fahren schweigend gen Feierabend entgegen. Oder doch nicht?
(In Zusammenarbeit mit @S.Bin. )
#45
Charaktere: Logan
Ort: Lake Ontario
Geschichtsstrang: Alles Durcheinander
Der große See liegt schlafend vor ihm. Das leichte Plätschern des beständigen Regens beruhigt seine Gedanken. Er hat keine Ahnung, wie lange er hier schon sitzt. Seine Kleidung klebt, von kühler Nässe durchtränkt, schwer an der Haut. Sogar die massigen Locken hat der Regen inzwischen bis zur Schädeldecke durchdrungen. Immer wieder rinnen einzelne Tropfen über seine Stirn.
Logan spürt das alles kaum. Seine Gedanken kreisen unaufhörlich um das, was in der Küche geschah. Je länger er darüber nachdenkt, desto weniger versteht er es. Er hatte Gerda etwas Gutes tun wollen. Und dann hat es irgendetwas in ihr ausgelöst.
Und sie in ihm.
Die Art, wie sie ihn ansah. Wie sie ihn berührte. WO sie ihn berührte.
Ohne zu verstehen, warum, träumt er seit mehr als zehn Jahren immer wieder davon, dass Monica ihn auf diese Weise berührt. Unzählige Male haben ihre Finger sich auf ihn zubewegt. Doch zu einer Berührung kam es nie. Weil er jedes Mal vorher erwachte. Zurück blieb immer nur diese tiefe Enttäuschung. Nicht einmal in seinen Träumen kann sie ihm nah sein.
Und dann greift Gerda einfach die Szene auf, als könnte sie seine Gedanken, seine tiefsten Wünsche lesen. Noch immer spürt er ihre Finger an seinem Gesicht. An den tiefen Schnitten in seiner Haut. Oft genug erträgt er den Anblick dieser Andenken nicht.
Doch Gerda zeigte ihm, dass sie sich nicht davor scheut, mit dieser Seite in Kontakt zu treten. Als wären die Narben nicht dieser stinkende Teil von ihm, den er so sehr verabscheut, dass er schon häufig mit dem Gedanken spielte, sie aus der Haut zu schneiden.
Sie berührte ihn nicht wie etwas Kaputtes, Widerliches. Sondern einfach … wie einen Menschen.
Und keine zwei Sekunden später hatte er sie auf den Tisch gedrückt und gevögelt, als würde das kranke Tier in ihm sonst an der Situation ersticken.
Ein bitteres Gefühl zieht durch seinen Magen. Vielleicht läuft es genau darauf immer hinaus. 'Lass dich auf Sachen ein, die dir vielleicht guttun können.'
Aber was, wenn selbst das Gute von dieser Gier zerfressen wird?
Logans Kiefer spannt sich an. Vielleicht ist es das, was aus Nähe wird.
Er seufzt tief. Er weiß einfach nicht, was er von diesen Gefühlen halten soll. Bisher ist ihm jede seiner Affären ans Herz gewachsen. Als würde sein Schwanz bei jeder Vereinigung ein wenig mehr Sympathie für die Frau aufsaugen und an sein krankes Herz abgeben.
Aber das hier ist anders. Keine von ihnen war ihm so nahegekommen wie Gerda. Keine hat ihn je so berührt. WENN sie seine Erlösung ist, warum tut es dann so weh? Und warum bringt sie alles durcheinander? Die Sehnsucht, die sie zu erfüllen droht, will einfach nicht mit all den anderen Dingen harmonieren. Mit den Zweifeln und Ängsten, der Scham, Wut und dem Ekel. Dinge, die so eng mit ihm verwoben sind, dass er sie nicht auseinanderhalten kann. Es ist, als würde er auf einem Drahtseil balancieren, ohne zu wissen, auf welches Ziel er zusteuert. Die einzige Gewissheit ist, dass der Abgrund unter ihm ihn in Stücke reißen wird, sollte er fallen. 
Im Nachhinein betrachtet weiß er, dass er schon damals in England so durchs Leben taumelte. Die Sehnsucht galt nicht irgendeinem Mädchen, sondern Monica. Für sie hätte er – hat er alles Leid der Welt auf sich genommen.
Logan stutzt. Wenn Gerda in ihm die alten Wünsche weckt … zu erfüllen droht … Scheiße! Was, wenn das genau dieselbe kaputte Sehnsucht ist? Was, wenn er in jeder Frau eigentlich nur nach etwas sucht, das diese eine ihm nicht geben wollte? Vielleicht geht es gar nicht darum, jemanden zu ficken. Diesem widerwärtigen Bedürfnis nachzugeben, das ihm bei aller kurzweiliger Befriedigung nur noch mehr Verwirrung und Abscheu unter die Haut treibt. Vielleicht verfällt er diesem trügerischen Trieb immer wieder aufs Neue, weil dieser kaputte Teil in ihm einfach nur gehalten werden will. Würde das die ganze Sache nicht zu einer Ödipus-Geschichte machen? Hat er im übertragenen Sinn seine Mutter gefickt?
Klangvoll ausatmend lehnt er sich zurück, bis das nasse Holz der Parkbank sich in seinen Rücken drückt. Sein Blick richtet sich in den Himmel, als könnte er dort eine Antwort hinter dem Wolkenschleier finden. Weit hinten, über dem See, bricht die dünne Wolkendecke auf und gibt einen Blick auf den blauen Himmel frei. Zwei einzelne Lichtstrahlen schieben sich hindurch und treffen wie schmale Scheinwerfer aufs Wasser.
Das alles ist so kompliziert und verworren. Er muss mit jemandem darüber reden. Er braucht einen anderen Blickwinkel.
#46
#47
Charaktere: Gerda, Logan
Ort: in den Straßen Torontos
Geschichtsstrang: Always be kind
I'm gonna try, do everything I wanna do
I'm gonna do everything I always wanted to
I'm gonna live when I look my fears right in the eye
I'm gonna learn every day that I'm alive
(Danko Jones)
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Nervöses Klicken von Hundepfoten arbeitet sich zuerst durch den verblassenden Traumschleier, dicht gefolgt von einer feuchten Nase an ihrer Wange. Gerda blinzelt und brummt sich in die Morgendämmerung. "Bon! Wieso bist du denn schon wach?", nuschelt sie dem aufgeregten Hundemädchen zu. Sie beide haben eine verdammt kurze Nacht gehabt, wenn sie die Uhrzeit richtig abliest. Der gestrige Abend war gezeichnet von einer wiederentdeckten, Stunden zuvor geöffneten Flasche Sekt, die über ein DIY-Projekt mit Körperlichkeit in Vergessenheit geraten wurde, bishin zu ihrer und Bonbon's gemeinsamer Rückkehr. Und bis zu Baghiras Eintrudeln, sowie dem überraschenden Umstand, dass sie ihn mit nur einer Frage dazu bewegen konnte, die Stiefel zu Ende zu bepflanzen. Und ihrer famosen Selbstbeherrschung, n i c h t erneut über ihn herzustürmen. Das war nicht ihr Plan gewesen, denn sie selbst war und ist alles andere als souveränen unterwegs - zu viel Unausgesprochenes und wilde, nur zum Teil klare Sehnsüchte sorgen unaufhörlich für Unsicherheit. Aber wie er so da stand... durchnässt, die Klamotten an den Körper geklebt, nach Sommerregen und seinem eigenen, herrlichen Körperduft riechend... Bonnie unterbricht ihre sich zum x-ten Mal wiederkehrenden Gedanken und erst als sie angezogen und mit ihr auf der Straße steht, kann sie sich erneut in ihr Gedankenkarussel fallen lassen.

So ganz schlecht ist die Stadt eigentlich nicht. Immerhin ist sie musikerfreundlich. Im Zentrum trifft man an jeder zweiten Ecke auf einen brauchbaren Schuppen, in dem man bei Livemusik versacken kann. Genau die richtige Ablenkung, wenn der Kopf mal wieder keine Ruhe zulässt.
Die halbe Nacht hat Logan wach gelegen und Sätze in Gedanken formuliert, sie dann wieder verworfen und neu geformt. Doch geführt hat es zu gar nichts. Unzählige Male hatte er das Telefon in der Hand, um Jake anzurufen. Ein Mal hat er es geschafft, den grünen Hörer anzutippen. Doch als das Freizeichen ertönte, legte er auf, wie ein panischer Teenager. Er konnte sich einfach nicht die Blöße geben. Manches lässt sich nicht einfach aussprechen. Es ist zu unangenehm. Zu tief.
Je länger er darüber nachdachte, desto schlimmer wurde es. Ein Gedanke zog den nächsten nach sich. Was Gerda getan hatte. Was er getan hatte. Was das alles bedeuten könnte. Und ob es überhaupt etwas ändern würde, könnte er annehmen, was Gerda versucht, zu geben.
Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem sich die Fragen nur noch im Kreis drehten. Und mit jeder Runde im Karussell stiegen Verwirrung, Wut und Verzweiflung.
So war Logan mitten in der Nacht aufgestanden, um seinen Mindfuck mit überteuertem Whiskey zu besprechen. Der goldfarbene Bastard versteht ihn, ohne dass er irgendwelche Spinnereien laut sagen muss. Er stellt weder Fragen, noch erwartet er Antworten. Und vor allem sieht er einen nicht an, als hätte man gerade etwas gesagt, das besser im eigenen Schädel geblieben wäre.
Gegen fünf Uhr morgens scheint die Sache plötzlich gar nicht mehr so kompliziert. Vielleicht denkt er einfach zu viel nach. Vielleicht muss er aufhören, jede beschissene Regung in seinem Kopf zu sezieren wie ein Pathologe. Sims vögeln. Sims entwickeln Gefühle. Das ist weder neu noch besonders interessant.
Die Erkenntnis hält genau bis zu dem Moment, als er die Straße zur WG hinunterläuft. Und sein Blick sie einfängt. Da geht sie. Mit dem Hund. Was zum Fick ... um diese Uhrzeit?!
Zwei Herzschläge lang scheinen seine Füße am Asphalt festgewachsen. Reiß dich zusammen, Freak. Krieg das hin oder such dir ne neue Butze. Er strafft die Schultern, atmet tief durch und macht den nächsten Schritt. Direkt auf sie zu.
Gerda ist so damit beschäftigt ihr Erinnerungsbild von Logan herauf zu beschwören, dass sie im ersten Moment glaubt, einer Art Fata Morgana aufzusitzen. "Na klasse, jetzt bilde ich mir schon ein, dich zu sehen. Und das nur wegen dem scheiß an Geschweige!" ärgert sie sich. Doch als Bonnie freudig zu singen und an der Leine zu ziehen beginnt, wird ihr klar, dass sie keine Erscheinung sieht. Es ist Baghs. Er bleibt kurz und ruckartig stehen. Bird hält die Luft an, bewegt sich aber weiter auf ihn zu, nicht zuletzt weil Bonbon die Führung längst übernommen hat. Gerda checkt die Umgebung, dann lässt sie die Leine los, sodass ihre Freundin auf den Panther zustürzen kann. Als er sie etwas wackelig mit beiden Händen empfängt und zu streicheln beginnt, reibt sie sich müde übers Gesicht und wischt sich - unsicher was sie nun mit der freien Leinenhand tun soll - ihre Haare hinters Ohr. "Moin" durchbricht Gerda die Stille. "Kommst du auf einen kleinen Umweg mit? Bonnie würde sich freuen, scheint mir. Diese treulose Tomate." schmunzelt sie nun schon mal halbseitig.
Nickend richtet Logan sich auf. Eine Hand nimmt die hinter der Hündin hergezogene Leine und reicht sie Gerda. Dabei fällt sein Blick auf ihre Finger, als sie die Leine umschließen. Ein kurzer Funke durchfährt seine eigenen Finger, begleitet von der Frage, wie es wohl wäre, sie genau in diesem Moment zu berühren. Für einen Augenblick hält er die Leine umklammert, obwohl Gerda sie längst übernommen hat. Erst als ihm die Verzögerung auffällt, lässt er los. Sein Blick geht zu ihren Augen über. In der Millisekunde, die sie zurückschaut, weicht er aus, wobei sein Gesicht weniger harte Züge zeichnen als bei der letzten Begegnung.
Logan dreht sich in ihre Gehrichtung und lenkt die Aufmerksamkeit auf den Vierbeiner zwischen ihnen. Einige Atemzüge lang herrscht Schweigen. Nur die Geräusche der schlafenden Nachbarschaft und ihre eigenen Schritte umgeben sie. Dann wagt er einen Versuch.
"Wie lange bleibt sie?"

'Gottverdammt Logan!' schießt es Gerda durch Kopf und Leib, als er ihr die Leine überreicht. Sie ist so müde und erschöpft von allem. Wünscht sich einfach nur eine kleine, wärmende Berührung, die ihr bestätigt, was sie glaubt zu empfangen. Zu bestätigen. Aber er kann nicht. Das Wissen um diesen Umstand ist der einzige Trost, an dem sie sich festbeißen kann. Immerhin. Besser als nichts. Seine Frage nach Bonnies Aufenthaltszeitraum zieht einen bösen Angstgedanken mit sich. 'Wie lange wist du bleiben? Wie lange kannst du es ertragen, dass ich dir mehr als nur nah sein will?' Gerda kneift die Augen kurz und dolle zusammen. "Leider nur ein paar Tage, solange wie Ashbo für ihr Arbeit Meeting haben. Drei, vier Tage, schätze ich." Erst jetzt als er die Frage stellt, fällt ihr auf, dass sie ihn hätte fragen sollen ob das ok ist. Sie sind jetzt gerade, noch, hoffentlich für lange, gleichberechtigte Mitbewohner. "T'schuldige, dass ich dir nicht davon erzählt und gefragt habe."
"Ach, schon okay", brummt er dem Asphalt entgegen und schiebt die Hände in die Hosentaschen. Ist ja nicht so, dass er besonders kommunikativ wäre.
Drei, vier Tage, sagt sie. Ist nicht lang, aber vielleicht reicht das. Mit etwas Glück kann er Gerda bis dahin wieder ansehen, ohne dass sich ständig Monicas Gesicht dazwischenschiebt. Ohne diese beschissene Ambivalenz.
Drei Tage, vielleicht vier, in denen Bonnie das Beisammensein — das Aushalten — ein bisschen weniger krampfhaft macht. Weil es das ist, was Tiere nun einmal tun. Sie geben Halt und Ruhe.
"Was denkste?", fragt er plötzlich in die entstandene Stille hinein. "Schafft sie Bahn fahren?" Mit einem leichten Kopfrucken deutet er auf die Hündin, ehe sich sein Blick mit einem Rest an beschämter Unsicherheit unter den Brauen hebt. "Ich zeig euch was."
Ihr wird kurz wärmer. Was zeigen? Zeit miteinander verbringen? Trotz der noch vorherrschenden Dämonen? Am liebsten würde sie aufschreien und ihm um den Hals fallen. Stattdessen nickt sie ein paar Mal und leitet ihre aufsteigende Energie in Bon Bon hinein. Kniend landet sie vor ihrer Freundin, streichelt sie und drückt murmelnd ihr Gesicht in sie, ihre Antwort an beide gerichtet. "Unser Mädchen hier ist ein waschechtes Big City-Girl. Wir könnte sie überall mit hin nehmen" knuddeln sie die Hündin mit einer handvoll Küsschen über das ganze Hundegesicht.
Mit ernster Mine beobachtet Logan die beinahe hysterische Freude seiner Mitbewohnerin. Wie befremdlich das doch immer wieder ist. Er kann sich nicht erinnern, Monica jemals lachen gesehen zu haben. Im Grunde, stellt er fest, hat Gerda mit ihr, abgesehen vom Geschlecht, rein gar nichts gemein — was auf eine triviale Art beinahe beruhigend ist.
Seelenruhig wartet er, bis das Freudeknäul sich auflöst, um dann in der kleinen Gruppe den Weg zur Bahn einzuschlagen — nicht ohne am Ende der beheimateten Straße im Kiosk seines Vertrauens zwischenzustoppen und vier Getränke zu besorgen. Zwei Dosen Saft und zwei Flaschen Bier. Mit der blickdichten Tüte verlässt er das kleine Geschäft und drückt Gerda eine der Dosen in die Hand. Er weiß nicht, ob sie das Zeug überhaupt mag, ist ihm auch egal. Er muss Pegel halten. Der angenehme Schwipps der Nacht ist kaum noch zu spüren und auf Torontos offenen Straßen kommt Alkohol trinken einer Todsünde gleich. "Is irgendwie dein Ding oder?" Er deutet mit dem Kinn Richtung Bonnie, während er die Dose öffnet. Doch statt von ihr zu trinken, schüttet er den gesamten Inhalt auf die Straße. "Hunde. Gibts da ne Story zu?" Die letzten Tropfen werden flatterhaft aus der Dose geschüttelt, bevor er eine der Bierflaschen aus der Tüte zieht, den Drehverschluss öffnet und einen kurzen Schluck nimmt. Abrupt bleibt er stehen, den Blick konzentriert auf den vor sich ausgestreckten Armen, um vorsichtig das Bier durch die kleine Öffnung in die Dose zu gießen. Aufmerksam reduziert er den Fluss, als zu viel der wertvollen Flüssigkeit daneben geht, wodurch seine nächsten Worte langsam, leiser und stockend folgen: "Eine, ... die länger geht ... als ... 'als ich klein war, ... hatten wir ... acht Hunde.' Oder isses ... tatsächlich ... so einfach?"

Kommentarlos beobachtet Bird sein Tun und öffnet ihr Getränk, während sie über seine Frage nachdenkt. Schulterzuckend kommt sie zu dem Schluss, dass es wahrscheinlich einfach so ist, wie er es vermutet. Unspektakulär und ihr mit in die Wiege gelegt. "Ich fürchte, viel mehr ist da nicht dran. Ich habe kein episches Erlebnis mit einem Hund gehabt, bin über mein Elternhaus mit Hunden groß geworden. Mit einem Duo aus Schäferhund und Rauhaardackel. Die waren wunderbar, liebevoll und einzigartig. Wie große Brüder, mit denen ich jeden Scheiß bauen konnte, insofern meine Eltern es nicht mitbekommen oder gestatten haben." Ohne es zu merken, beginnt sie, versonnen zu lächeln. "Unser Dackel hat sich sogar mein zu klein gewordenes Lieblingskleid von mir anziehen lassen, hat sich als Puppe zur Verfügung gestellt. Und das nicht nur einmal. Mein Bruder hingegen - die sture Sau - hatte sich verweigert. Aber nicht mein Willem. Der war mir immer treu. Der hat sich in das Baumwoll-Synthetik-Rosa hinein friemeln lassen" lacht sie nun leise, trinkt von der wirklich miesen Orangensaftimitation, "und sich dann im Anschluss mit ner Teeparty 'verwöhnen' lassen." Ihre Erzählung stoppt für den Zeitraum, in dem die Bahn Richtung Zentrum einfährt, sie einsteigen und einen Platz in einem Vierer-Sitzblock einnehmen. Baghi hatte versucht Plätze zu beanspruchen, auf denen man nebeneinander sitzt, aber sie war einfach den Meter an ihm vorbei gezogen auf den frisch frei gewordenen Platz mit den Sitzbänken, die sich gegenüber liegen. Als er sich am äußersten Teil der Bank gegenüber niederlässt, schaut Gerda aus dem Fenster und lässt sich von dem Anfahrtsgefühl mitnehmen. Sie schaut auf Bonnie, die sich zwischen ihren Füßen abgelegt hat und ihre Augen schließt, als Logan ihre kleine Gruppe vervollständigt.
Sie deutet mit ihrer Dosenhand auf die Hündin. "Es ist einfach so, dass du in einem Hund einen Partner fürs Leben finden kannst. Und wie meine kleine Anekdote es unterschreibt - sie würden alles für ihre Menschen tun. Das ist so schön wie auch oft tragisch. Du bist für sie einfach alles. Und ich für meinen Teil kann sagen, dass ich das voll und ganz erwidere, sie sind auch mein Ein und Alles. Ich lieb auch andere Tiere, aber dieses Partnerschaftsding trifft mein Herz und meinen Charakter?! Ich bin womöglich auch einfach ein Bindungstyp. Ich steh auf Partnerschaften und tiefere Freundschaft mit einem Geben und Nehmen im Gleichklang. Fühlt sich für mich natürlich und schön an, denke ich."
Als würde er einer komplizierten physikalischen Studie folgen, liegt Logans Fokus auf ihrer Erzählung. Sein Oberkörper vorgelehnt, die Ellenbogen auf den Knien. Je länger er zuhört, desto ernster wird sein Ausdruck. Dabei beobachtet er sie genau. Jedes kleine Schmunzeln, jedes Zucken mit den Augenbrauen, saugt er in sich auf. Es ist faszinierend, wie sie von ihren Erinnerungen berichtet. Kleine Anekdoten, die sich in seinem Hinterkopf sofort zu Bildern formen. Irgendetwas daran, wie sie aus ihrer Jugend erzählt, spricht ihn an. Gestern war es ihm schon aufgefallen. Als sie in der Küche standen, bevor alles außer Kontrolle geriet.
Erst als Gerda beginnt, von Partnerschaft zu sprechen, löst sich sein Blick von ihr. 'Sie würden alles für ihre Menschen tun ... schön wie tragisch ...' Logans Finger spannen sich unmerklich fester um die Alibidose. Den Blick in die Leere auf dem Boden gerichtet, nickt er. Ihre Stimme beginnt in seiner Aufmerksamkeit zu verschwimmen, als eine Formulierung ihn zurück zu ihr reißt: Partnerschaft. Tiefere Freundschaft, Geben und Nehmen, Gleichklang. Unter den Brauen aufschauend, die Stirn in unzählige Denkfalten gelegt, sucht er etwas in ihrem Blick, das verrät, ob sie noch immer von Hunden spricht. Doch der Hinweis bleibt aus.
War das Absicht?
Bei dem Redeschwall, den sie manchmal an den Tag legt, könnten solche Dinge Zufall sein. Unterbewusst vielleicht.
Unwahrscheinlich.
Sie hat früh bewiesen, mit welcher analytischen und taktischen Präzision sie Gespräche führen kann.
Logan seufzt, trinkt einen kräftigen Schluck. Das Bier facht den angenehmen Schwebezustand an. Noch einmal nickt er. Dann lehnt er sich zurück und sieht aus dem Fenster. Nichts als der dunkle Tunnel umgibt sie und so glotzt ihn sein eigenes verzerrtes Gesicht an. "Ich hatte auch nen Hund." Sein Körper schwenkt willenlos im Rhythmus des Zuges leicht hin und her. "Lange her."
Das Erzählen und Sinnieren hat sie an eine Art Zwischenort gebracht. Bilder, Gedanken, Wünsche, Erinnerungen an ihre Familie und eigene große und mittelfristige Ziele formen sich vor ihren inneren so wie auch vor ihren äußeren, Realitätsaugen. "Hm?" fragt sie nach, als Baghira spricht und damit eine Vermutung bestätigt, welche sie schon beim ersten Aufeinandertreffen von Bon und ihm im Gefühl hatte. "Erzähl, bitte. Wie war sein Name und was hat euch verbunden?"
"Ich nannte ihn Buster." Noch immer dem Fenster zugewandt, geht Logans Blick zu Gerdas Spiegelbild über. "Er war ein ... keine Ahnung, ich kenn mich nich aus. N Pitbull, glaub ich." Ein Schluck aus der Dose verschafft ihm etwas Zeit, die Gedanken zu sortieren. "Keine Ahnung, wo der herkam. War plötzlich da. Zugelaufen. Schätze, wir waren beide Streuner."

Sie nickt leicht, fast apathisch. Das sanfte Ruckeln der Bahn kommt ihr fast wie ein Wiegen vor und die Müdigkeit beginnt sie zu erinnern, dass es eigentlich noch Schlafenszeit ist. Gerda reibt sich kräftig über das Gesicht und muss feststellen, dass sie nicht zur selben Zeit zuhören, mitdenken und alleine aufrecht sitzen kann. Nach einem kurzen Gewurschtel hat sie sich halbseitig ans Fenster in den Sitz gedrückt. Ein Bein liegt auf der Ablage unter dem Fenster, das rechte bildet ein kleines Dreieck mit dem ausgestreckten Oberschenkel. Es ist ihr gerade schnurzpiepe, dass ihr beschuhter Fuß auf dem Polster liegt. Geht nunmal nicht anders. Die Augen schließt sie. "Wie lief das bei euch ab? Ich nehme an, du konntest ihn nicht mit nach Hause nehmen, beziehungsweise Zuhause behalten?"
Unsicher, was er bei diesem Bild empfindet, beobachtet er, wie Gerda es sich auf dem Sitz gemütlich macht. Sie will doch ständig etwas über ihn wissen. Und nun wechselt sie in den Nickerchenmodus? Ist das wieder irgendeine Taktik, die er nicht durchschaut? Oder ist sie wirklich müde oder gar gelangweilt?
Logan schnaubt leise. "Ne." Er führt die Dose zum Mund und trinkt, als der Zug in den nächsten Bahnhof einfährt. Die Türen öffnen sich. Zwei Leute steigen aus, drei kommen hinein. Erst als die Warnsignale der Türen erklingen und die Bahn kurz darauf anfährt, spricht Logan weiter: "Er blieb draußen. Keine Ahnung, wo er sich rumgetrieben hat. Aber wenn ich raus kam, war er da. Tag und Nacht. Als hätte er gewartet." Ein leises Seufzen unterbricht seine Worte. Es ist merkwürdig, davon zu erzählen. Noch nie hat er über Buster gesprochen. Den Gedanken, wie es ihm wohl ergangen ist, kann er nicht abwehren. "Vielleicht auch Quatsch." Sein Blick fällt auf Bonnie, die still wartend am Boden liegt, das Kinn auf den Vorderpfoten, und darauf wartet, dass irgendetwas passiert. "Vielleicht hat er auch nur gehofft, ich bring was zu Fressen mit", fährt er fort, ohne zu wissen, ob Gerda überhaupt noch zuhört. Ihre Augen sind geschlossen, ihr Atem geht gleichmäßig. Er könnte nicht sagen, ob sie wach ist oder schon schläft. "Konnte nich immer was abgreifen, aber wenn, dann haben wir geteilt."
Den letzten Schluck stürzt er hinunter, ehe er sich mit einem Ächzen erhebt, was die Hündin augenblicklich mobilisiert. "Komm schon, wir steigen die nächste aus." Er verpasst Gerda einen Stubs mit dem Ellenbogen und geht die wenigen Schritte zur Tür, wo er die Dose in der Tüte verschwinden lässt und das Zigarettenetui aus der Hosentasche zieht, um sich schon mal eine zwischen die Lippen zu klemmen.
So oder so ähnlich hat sie sich die Geschichte vorgestellt. Schade, dass sie recht behalten hat. Das Gefühl, dass das Ende der Geschichte nicht gut ist, schnürt Bird die Kehle zu. Das ist alles so traurig. Sie hat noch so viele ungestellte Fragen an ihn, viele davon haben mit seiner Kindheit und Jugend zu tun. Und gerade scheint er bereit, etwas von sich zu erzählen. Warum kann sie ihn jetzt wiederum nicht ansehen? Nicht direkt nachfragen? Weil sie die Antworten zu kennen glaubt? Weil sie keine Tier gequälte Erzählung aushalten mag? Weil sie über sich und ihn reden möchte? Vielleicht auch einfach, weil sie noch müde vom gestrigen Tag ist, der so verdammt voll und lang war. Aber einfach im Schweigen versinken, geht auch nicht, beschließt Gerda. Nach einem Gesprächseinstieg suchend, horcht sie ruhig atmend in sich hinein als er sie auch schon hochscheucht. Bon ist sofort bereit und Bird hat erstmal damit zu tun, Augenlieder und Dose in eine adäquate Position zu bringen, um unfallfrei auszusteigen. Leine und ekeligen Saft umklammernd, wankt sie hinter dem Panther her. Sie steuern den Ausgang der U-Bahn-Station an und da er zielsicher sich die Kippe ansteckt, geht sie von ein paar folgenden Fußminuten aus, die sie so langsam wirklich mit Text füllen sollte. "Hunde sind keine Katzen" entscheidet sie sich "und in der Regel schlafen Hunde nachts. Wenn er immer da war, wenn du raus bist, warst du seine Bezugsperson. Seine Welt."

Kaum hat Logan den ersten Fuß auf die Straße gesetzt, springt die Flamme aus dem Zippo und entzündet die Spitze der Kippe. Ein tiefer Zug folgt, dann ein Nicken und ein kurzes, gedankenversunkenes Brummen. "Tja, dann hoff ich nur, dass das kein Fehler war." Im sanften Licht der Morgendämmerung wirkt sein Gesicht ungewöhnlich weich. Die vielen Falten in der angezogenen Stirn unterstreichen die Zweifel, die er seit einem halben Leben mit sich trägt. "Hab keine Ahnung, was aus ihm wurde. Die haben ihn eingefangen und weg gebracht. Ich schätz, die haben ihn eingeschläfert." Ein langer Zug an der Zigarette erzwingt eine Pause. Kurz hebt er den Blick, als sie eine Kreuzung erreichen. Um diese Zeit herrscht in den Seitenstraßen kaum Verkehr und so überqueren sie die zwei Fahrspuren, ohne die rote Ampel zu berücksichtigen. "Aber vielleicht hat er ja auch ne coole Familie gefunden. Die Bock auf nen streunernden Kampfhund hatte. Und den ganzen bürokratischen Scheiß, der damit verbunden is." Das Seufzen zu unterdrücken, misslingt. "Verdient hätte ers. Anstatt verurteilt und bestraft zu werden, einfach nur weil er als das geboren wurde, was er war." Den Blick auf die Häuserfront vor ihnen gerichtet, werden seine Augen für einen Moment schmaler. Dies ist die richtige Straße. Jetzt muss er nur noch ...
Da.
Vor den deutlich teureren Bauten als in den anderen Vierteln reihen sich ein Dutzend Fahrzeuge am Straßenrand. Ein Mundwinkel zuckt in den Bart hinein, als er das Ziel ausmacht. "Guck mal da." Ein dezentes Kopfrucken deutet auf einen leuchtendgelben Kleinwagen, auf dessen Heck ein Aufkleber prangt: 'Always be kind'.
Gerda presst die Lippen aufeinander und schließt mit zwei Schritten zu ihm auf. "Du bist kein Fehler für ihn gewesen" raunt sie leise, "sondern ein Bester Freund in der Not, nur ohne Mittel und Möglichkeiten." 'Ein Baghira', knallt es ihr in die Brust. Sie dreht ihren Kopf nach links, um ihn anzublicken. 'Du bist ein liebevoller Gefährte.', nickt sie stumm in den Raum zwischen sich und ihn. Gerade als sie nachsetzen will, weist Logan sie auf den wohl einzigen Stinkefinger im ganzen Universum hin, der als verlängerter Arm auf Rädern umherfährt, auf sie zeigt und sie auslacht. Jedes Mal, wenn sie zum Nachmittags-Kurs muss, weil das Arschloch dann anders parken kann. Binnen Sekunden brennen ihre Augen nicht mehr vor Müdigkeit und einer Nacht mit viel zu vielen Gedanken und viiiiiel zu wenig schlaf. Sie brennen vor Wut und Abscheu. Wenn sie Fehler macht, kann sie unter sachlichen Umständen hundert Prozent dazu stehen. Aber sie hat diesem Typen NICHTS, aber auch rein gar nichts getan. Die Verzweiflung, über ihre von diesem Wichser herbeigeführte Situation, der Existenz bedroht, überrollt sie. Bird kann nicht mehr rational denken. Mit einem Wutgrunzer drückt sie Bonnies Leine an Logans Oberkörper. Da er keine Hand frei hat um die überreichte Verantwortung anzunehmen, fällt die Führhilfe zu Boden. Mit einem deutlichen "Bleib" und der dazugehörigen Kommando-Handbewegung, lässt sie beide stehen und überquert die letzte Distanz, die sie von dem Heck des Wagens trennt.
Ihr letzter Satz hallt noch hinter Logans Stirn nach, als Gerda schon dem Wagen entgegenstampft. Wenn er damals nicht mit Buster unterwegs gewesen wäre, hätte man ihn vielleicht nie eingefangen. Doch das spielt heute keine Rolle mehr. Es ist lange her und egal wie die Geschichte des Rüden verlief, er wäre inzwischen ohnehin tot. Wann und unter welchen Umständen er starb, wird Logan niemals erfahren.
Er sieht auf Bonnie hinunter, die hechelnd und treu ihre zweibeinige Freundin im Auge behält. "Meint se dich oder mich damit, was denkste?", murmelt er ihr entgegen. Fast als würde sie lachen, ziehen ihre Lefzen weit ins Gesicht, als sie ihm einen Blick zuwirft. Mit einem kurzen Ohrkraueln quittiert er ihre Geste, ehe er die zweite Flasche Bier öffnet. Die Mühe, es umzufüllen, macht er sich dieses Mal nicht. Stattdessen trinkt er es zur Hälfte mit großen Schlucken und lässt ein kurzes Rülpsen aus der Kehle poltern.
"Bleib.", sagt er dann und macht einige Schritte auf den Wagen zu. Ein kurzer Blick hinter sich, um sicher zu gehen, dass Bonnie wirklich sitzen bleibt. Scheiße, das klappt echt. Is ja wien verdammter Roboter.
"Hab den zufällig nachts hier rein fahren sehen." Logan schließt zu Gerda auf. "Hatte ne Schnalle dabei. Sind da rein." Eine Kopfbewegung deutet auf eins der Reihenhäuser. "Willste gucken, ob du seinen Namen findest?" Eine Schulter zieht beiläufig hoch. "Vielleicht muss Bon mal nen Haufen setzen. Oder so." In einer Hand das Bier, in der anderen die Kippe, umrundet er das Fahrzeug augenscheinlich beiläufig, fast gelangweilt, und ruckelt an den Türgriffen. Klar. Abgeschlossen. Hätte ja sein können. Weiter um den Wagen herumschlendernd, tastet sein Blick ihn nach Auffälligkeiten ab. Ältere Modelle wie dieses hier haben meist irgendwo verschlissenes Material. Eine poröse Gummidichtung, verbogene Karosserie, verrutschtes Fensterglas, ausgeleierte Schließmechanik. Irgendetwas lässt sich mit Sicherheit finden. Aber wenn er das Ding durchziehen will, sollten sie nicht unnötig herumtrödeln. Es ist bereits kurz vor sechs Uhr morgens. Auch wenn das hier eine ruhige Straße ist, könnte jeden Augenblick jemand auftauchen und sie entdecken.
Auf der Fahrerseite bleibt er kurz stehen. Sein Kopf neigt sich um wenige Grad, als er einen Punkt an der Tür fixiert. Eine Braue steigt langsam in die Stirn. Ohne den Blick abzuwenden, stellt er die Flasche auf dem Dach ab, die Kippe klemmt er zwischen die Lippen. Ein kurzes Ruckeln an der Tür. Etwas Druck gegen die Fensterscheibe. Dann tasten seine Finger die Dichtung im Türrahmen ab. Ein registrierendes Brummen verlässt seine Lippen.
Gerda steht einfach da und funkelt mit aller im Hörsaal stets unterdrücken Verachtung und Wut auf das Auto. "Dieser..." beginnt sie gerade das Abschimpfen und will gegen die Stoßstange treten, als Baghi neben ihr auftaucht. Merklich beruhigt sie sich ein wenig in seiner Gegenwart. Es dauert zwei Sekunden bis sie realisiert, dass Bonnie nicht mitgekommen ist. Vorwurfsvoll starrt sie nun ihren Mitbewohner an - da kann er noch so sexy aussehen, wie er das Feindobjekt umrundet, mit dieser lässigen Kippe und seiner Augenbraue. Wieso lässt er Bon Bon da sitzen? Das er ihren Blick gerade nicht wahrnimmt, bringt Bird zu der Entscheidung, ihr Fellnasenfreundin erstmal zu sich zu holen. Als die Hündin erlöst und überschwänglich in sie rein rennt, ist ihr situationsgeschuldeter Unmut verpufft. Langsam zieht sie sich seine letzten Sätze ins Gedächtnis zurück. "Wo ist er rein?" fragt sie, mit den Händen in den Rücken gestemmt.

"Da vorne." Logans Kopfbewegung deutet erneut auf das Gebäude, wobei sein Blick sich nur widerwillig vom Wagen löst. "Zweites Haus. Mit dem übertriebenen Rosenbusch am Weg." Sein Augenmerk senkt sich wieder. "Guck mal nach, ob da was zum Aufhebeln findest. Schmal, lang, stabil." Murmelnd nimmt er zwei kleine Schritte Abstand und sieht sich um. "Vielleicht beim Spallier oder am Zaun oder so." Suchend scannt er die Straßenränder ab, bleibt dann an drei Mülltonnen hängen, die an einem der Häuser aufgereiht stehen. Zielstrebig geht er darauf zu, um den Inhalt nach etwas Brauchbarem zu durchwühlen. Der beißende Geruch, der ihm dabei entgegenschlägt, wird mit einem genervten Knurren und einem Zug an der Zigarette beiseitegeschoben. Ein alter Kleiderbügel findet seinen Weg ans Tageslicht und wird brummend einkassiert. Nicht ideal, aber vielleicht geht das.
Auf dem Weg zurück zum Opfer seiner Pläne zwirbelt er an dem Drahtgespann herum, um es aufzubiegen. Schon klar, warum die Leute so Kram wegwerfen. Hält höchstens eine zarte Omabluse aus.
Am Wagen angekommen, nimmt er den letzten Zug der Kippe und schnippt den Filter seitlich davon. "Na, dann zeig mal, ob du das noch draufhast, Bub." Mit einem leichten Kribbeln in den Fingern macht Logan sich ans Werk. Es ist lange her, dass er Autotüren geöffnet hat. Aber wird schon gehen. Ist wie Fahrradfahren, denkt er sich, als er das Fenster tiefer in den Rahmen drückt und den Draht hinter die Dichtung fummelt.
"Komm Bon, wir gucken." klopft sich Bird nickend ans Bein und schon sind sie unterwegs. Gerdas Herzschlag geht schneller, als sie vor dem zweistöckigen Haus stehen. Die Rosensorte ist eine seltene, fällt ihr auf. Eine sehr gutbetuchte Gegend. Genug Geld für Angestellte aller Art wie zum Beispiel Gärtner, die sämtliche Utensilien rund um Haus und Hof auch wieder wegräumen, wenn die Tagesaufgaben erledigt sind. Sie überlegt, ob sie zuerst nach dem Namen gucken, oder die kostbare Zeit lieber in das Suchen von Bruchwerkzeug investieren soll. Sie schnauft. Es ist nicht wichtig, ob er hier wohnt. Nicht primär. Oder doch? Wäre es von Vorteil, dass zu wissen? Vielleicht. Aber was auf jedn Fall jetzt wichtig ist: die Dozi-Karre steht jetzt hier und der Typ ist nicht in Sicht. "Wir gucken gleich, wenn wir noch Zeit haben oder morgen nochmal. Ich kann mir merken, wie wir hier herkommen können." Bird schnalzt zwei Mal dann setzt sich die Hündin mit ihr in Bewegung. Auf der Rückseite des Hauses, stehen ein paar große, bepflanzte Kübel, ein Mähroboter und ein kleiner, unverschlossener Schuppen. "Bingo!" ruft sie nach ein paar kurzen Minuten, als sie eine Fliegengittertür mit Rahmen zum einsetzen findet. Sie besteht aus unterschiedlich dicken Alu-Stangen in drei Größen und Dicken, einige von ihnen hohl. Ohne weiter nachzudenken schnappt sie alle und rennt mit Bonnie zurück auf die Straße. Sie blickt Logan erwartungsvoll an. "Ist da was dabei? Ich weiß nicht so recht... Ich geh sonst auch nochmal zurück." erklärt sie mit vom Lauf geröteten Wangen.
Eine Braue hoch in der Stirn, die andere tief ins Gesicht gezogen, schaut er auf, als Gerda ihm die Stangen ins Sichtfeld hält. Die tiefere Braue hebt sich auf Normalposition, der Mundwinkel zuckt kurz. Es sieht aus, als hätte sie von Bonnie apportieren gelernt und nun stehen beide stolz mit gefundenen Schätzen vor ihm. Hat schon irgendwie was.
Den Draht legt er auf dem Dach ab, bevor sich sein Daumen zwischen die Lippen legt, um eine feine Blutspur aufzusaugen. Ohne die frische Schramme in der Nagelhaut weiter zu beachten, greift er nach einer der Stangen, inspiziert sie kurz und nickt dann brummend. "Könnte gehen."
Mit zwei Fingern zieht er die obere Dichtung ein Stück vom Rahmen weg und schiebt die Aluminiumstange in den schmalen Spalt zwischen Scheibe und Tür. Zentimeter für Zentimeter arbeitet sie sich nach unten. Sein Blick folgt jeder Bewegung. Dann verhakt sich etwas. "Komm schon, du Miststück." Vorsichtig dreht er die Stange.
Nichts.
Ein wenig mehr Druck.
Sie rutscht abrupt ab und schnellt aus dem Spalt. Das Ende schlägt gegen den Lack. "Fuck!" Genervt zieht Logan das Werkzeug zurück. Die Aluminiumstange hat nun einen deutlichen Knick. Mürrisch betrachtet er den Schaden. "Billiger Mist." Mit beiden Händen biegt er das Material grob zurück und setzt erneut an. Seine Lippen pressen sich konzentriert zusammen, während er die Spitze blind durch das Innere der Tür navigiert. Ein leichtes metallisches Klicken. Logan hält inne.
Da!
Irgendetwas hat nachgegeben. Ganz vorsichtig zieht er die Stange zurück, verändert den Winkel um wenige Grad und tastet erneut.
Noch ein Klicken.
Ein dumpfes Klack folgt. Für einen Herzschlag passiert gar nichts. Dann springt der Verriegelungsknopf nach oben. Logan hebt den Mundwinkel zu einem schiefen Schmunzeln. "Ha." Seine Finger legen sich an den Türgriff und — die Tür schwingt auf. "Die Damen," lässig legt er den Unterarm auf die Türkante und deutet mit der anderen Hand ins Innere des Wagens, "für kleine und große Geschäfte eröffnet. Eintritt frei."
Mit angehaltenem Atem beäugt Gerda sein tun. So viele Gedanken jagen durch ihren Kopf, dass sie kaum weiß, welchen sie weiter denken oder verwerfen soll. Das sie scheinbar was brauchbares aufgetan hat, treibt ihr ein fettes Grinsen ins Gesicht. Von irgendwo etwas weiter weg hört sie eine Haustür zufallen. Hektisch scannt Sie die naheliegenden Fenster und Eingangsfronten nach Bewegungen ab, während ihr Puls immer aufgeregter gegen ihre Schläfen bumpert. 'Hoffentlich geht das hier - was auch immer das werden soll - gut.' Es klackt zum ersten, dann zum zweiten Mal. Bird beißt sich auf die Unterlippe, bis es schmerzt. Ein Teil der Gedanken schafft es nun, sich vor die anderen zu stellen und sie merkt, wie ihr warm wird. 'Daaaaaas ist schon wieder schlimm sexy, wie er da so steht und-' 'Die Damen' schneidet seine Stimme durch ihren Beinahe-Ausflug. "Hm?" reißt sie sich nun zurück in die Einladung. Gerda starrt auf die geöffnete Fahrerseite, bevor sie irritiert und langsam begreifend seine Idee zu begreifen beginnt. "Du meinst ich soll..." Einen Moment lang passiert nichts, dann lacht sie laut. So laut, dass Bonnie mobilisiert aus dem Sitz aufspringt und mit einem Beller mit einstimmt. "Du bist so allerliebste irre, Mann!" verkündet sie und leuchtet ihn an. Der Hündin beruhigend zumurmelnd beginnt sie, in spanischer Begeisterung an ihrer Hose herumzunesteln. Sie will sofort auf diesen Sitz pinkeln.
Was für eine g r a n d i o s e Idee!
Welch eine absurde Rache!
Auch, wenn es zeitgleich in ihrem Kopf brüllt, dass das wirklich drüber und kindisch ist. Unter jedem Niveau, auf dem sie sich je gesehen hat. Und wenn sie erwischt werden würde... Welche Konsequenzen warten auf Autoknacker, die Polster bepinkeln? Gerda's Gesichtszüge beginnen zu schwanken. 'Shit!' Sie will das. Will dem Penner ganz unakademisch eine verpassen.
Jawohl.
Mit hochsteigender Übelkeit lässt sie ihre geöffnete Hose los und zieht ihre Schuhe aus. Der Asphalt nopppt sich durch die Socken an ihre Fußsohlen. Dann steht sie da und bringt es nach einem Moment der erneuten, inneren Diskussion hinter sich, die Hose auszuziehen. Trotzig starrt sie in das Auto. Sie will sich w i r k l i c h in der Karre erleichtern. Sie muss nur noch die Unterhose ausziehen und dann...

"Soll ich dirn scheiß Bild malen?" Logan weist mit hochgezogenen Brauen ins Innere des Wagens. "Zieh durch. Wir können hier nich ewig rumstehen." Aufmerksam lässt er den Blick durch die Straße wandern. "Sind nich grade unauffällig," murmelt er, als zwei Eingänge entfernt jemand hinter den parkenden Autos erscheint. Beherzt packt er Gerda am Oberarm und schiebt sie in den Wagen, sodass sie auf den Sitz plumpst. "Bleib unten." Leise legt er die Tür in den Rahmen, drückt mit der flachen Hand nach und geht in die Hocke. Bonnie dicht bei sich, schleicht er vor die Schnauze des Fahrzeugs, wo er hockend das Zigarettenetui aus der Hosentasche zieht. Der Fußgänger nähert sich nur langsam — seine Aufmerksamkeit scheint seinem Handy zu gelten. Ein genervtes Knurren entfährt Logan. Wäre besser, der Kerl würde mal ne Spur zulegen. Andererseits ... so hat Gerda genug Zeit, ihrer Widmung freien Lauf zu lassen. Logan muss zugeben, dass er keine Ahnung hat, wie lange sowas bei Frauen dauern könnte.
Er wagt einen Blick durch die Frontscheibe, ohne dass sie erwidert. Scheinbar ist sie gerade mit der unteren Region beschäftigt und so gleitet seine Aufmerksamkeit weiter zur Straße, wobei seine Wahrnehmung das Zeug auf dem Autodach streift. Die Flasche und das improvisierte Werkzeug liegen verräterisch für jeden sichtbar. Fuck ... Gerade als er mit dem Gedanken spielt, den Kram schnell einzusammeln, schaut der gemütliche Typ von seinem Telefon auf in Logans Richtung. Eilig klemmt er die Kippe zwischen die Lippen und beginnt, an seinem Schuh herumzufummeln. Den Drang, aufzuschauen, unterdrückt er mit Mühe und streckt die Zeit, bis der Typ endlich vorbeigezogen ist, mit einem Plausch mit Bonnie. Soll der Kerl denken, sie sind zwei Unschuldslämmer beim Gassigehen.
Gerda kann leider keine giftige Bemerkung zum Thema Kommandopinkeln mehr loswerden, da sie sich inmitten ihrer Überforderung einfach umgeparkt findet. Sie hat gerade den Mund für einen Protest aufgesperrt, als die Autotür hinter ihr zufällt.
Grummelnd und brubbelnd schimpft sie in sich hinein und zieht wie ferngesteuert ihre Panties herunter. Wie soll sie unten bleiben und ... Ach so. In der Hocke. Ja klar. Kurz gedacht und dann schnell in die Position.
"Das ist so absurd und ... und ... und so stressig! Ich kann nicht", fiepst sie hysterisch und hebt den Blick.
Ein zusätzlicher Panikmoment entsteht, als sie Baghi für fünf quälende Sekunden nicht sieht, dafür aber einen zwar noch entfernten, aber definitiv auf sie zukommenden Kopf durch die Windschutzscheibe erkennt.
"Scheiße, Scheiße, Scheiße", schimpft sie laut, bevor sie ihren Schädel runterreißt und zwischen ihre Knie bringt, nicht ohne sich am Lenkrad zu stoßen.
"Oh Gott, hoffentlich geht das gut", bangt sie, noch immer ohne Pinkeldrang. Obwohl sie es wirklich, wirklich will! Alles in ihrem Kopf und Körper brüllt, dass man das auf gar keinen Fall tut. Seit Menschengedenken vermeiden es Sims, Polstermöbel aller Art als Urinal zu benutzen. Auf Autofahrten macht man genügend Pausen, sodass es auf keinen Fall zum Äußersten kommt.
"Geh vorher, mach auf der Autobahn genug Stopps, damit du bei einer spontanen Vollsperrung nicht in Nöte gerätst", hört sie die Stimme ihres Vaters.
Gerda jault jetzt verzweifelt auf. "Verdammt."
Sie schafft es einfach nicht. Sie ist verschlossen wie eine Auster. Verzweifelt sucht sie Logans Gesicht am Fenster, um zu checken ob noch alles okay ist, oder die Zeit für eine ausgewachsene Panikattacke gekommen ist.
Eine gefühlte Ewigkeit vergeht, bis die Fahrertür sich mit einem leisen Klicken öffnet. Noch immer in der Hocke, schaut Logan durch einen Spalt hinein. "Was is? Hast dus?"
"Ich kann nicht" erklärt sie ihm mit verbissener Mine. "Ich will wirklich aber..."
Verständnislos starrt er sie an. "Was soll das heißen, du kannst nich? Lass einfach laufen."
Mit vor Wut aufgerissenen Augen schimpft sie ihn an, "Wenns so einfach wäre, wären wir schon längst wieder Zuhause! Ich kann nicht auf Kommando pinkeln! Und auf Sitze scheinbar erst recht nicht."
Für einen Moment schauen sie sich schweigend an. Dann wandert sein Blick zu ihrer verkrampften Haltung, zu den Schultern, die irgendwo zwischen Panik und Trotz festhängen. Okay. Das ist ein Problem, das scheinbar niemand bedacht hat. Mit zusammengepresstem Gesicht beginnt Logans Unterkiefer zu mahlen. Nachdenklich nickt er. Dann zückt er plötzlich sein Handy, tippt hastig auf dem Display herum und dreht die Lautstärke hoch. Ein ungleichmäßiges Plätschern ist zu hören, als er es auf dem Armaturenbrett ablegt und sie fragend ansieht. Das ist das das Beste, was ihm einfällt.
Nichts geschieht.
Er wartet.
Das Handy plätschert fröhlich vor sich hin.
Dann reißt er die Brauen hoch. "Und?"

Gerda streckt ihm den rechten, erhobenen Daumen entgegen. "Könnte klappen, mach die Tür ran, bitte." Es klickt leise, als der Dichtungsriemen an die Karosserie kommt. "Okay" spricht sie sich gut zu "konzentriert dich, und geh mit. Du schaffst das, du schaffst das." Bird lässt ihren Kopf auf das Lenkrad nieder, verlagert erneut ihren Körperschwerpunkt, hebt den Hintern leicht und fokussiert sich auf das die spielende Geräuschkulisse. Sie atmet aus und... Es klappt! "Yeeeeesss!" ruft sie laut und in Dauerschleife, bis sie fertig ist, dann schüttelt sie ab und pfeift durch die Zähne. Mit ruckendem Kopf bedeutet sie dem Panther, die Tür wieder zu öffnen und ihr heraus zu helfen.
Logans Ungeduld wächst beinahe sekündlich. Das alles dauert viel zu lange. Inzwischen ist der Morgen so hell, dass es ebenso mitten am Tag sein könnte, was die Sicht auf Sachbeschädigung mit unsittlichem Verhalten ungehindert freilegt. Angespannt beugt er sich zu Bonnie hinunter. Auch an ihr geht die Stimmung der letzten viertel Stunde nicht spurlos vorüber. Aufgeregt hechelnd wuselt sie um ihn herum, wobei sie ihn aus dem Gleichgewicht bringt. Etwas überfordert fängt er sich gerade noch auf, wirft einen prüfenden Blick zu Gerda und erkennt ihr Signal. Endlich. Verstohlen sieht er sich nach allen Seiten um. Die Nachbarschaft ist beinahe zu ruhig für seinen Geschmack.
Ein großer Schritt bringt ihn zur Fahrertür, um sie zu öffnen und Gerda hinausklettern zu lassen.
Just in dem Moment, als er die Tür leise in den Rahmen drückt, bewegt sich etwas am Haus. An DEM Haus. Zwei Personen erscheinen im Schatten des Eingangs. Der Hipster kehrt der Straße den Rücken, scheinbar in einer Unterhaltung verwickelt.
"Schnapp deine Klamotten." So gedrückt und leise Logans Stimme ist, so schwer liegt die konseqzenzlose Bestimmtheit in ihr. Keine Zeit, zu diskutieren. "Wir müssen weg." Ihren fragenden Blick schneidet er mit einem scharfen "Sofort!" ab und sammelt eilig die Utensilien vom Dach.
Gerdas Blut gefriert augenblicklich, als sie die pissgelben Locken und den Rücken, der ihnen zugewannt ist, erkennt. Dutzende Male hat sie genau diese Ansicht auf Mr. Boston haben dürfen, nachdem er sie drangsaliert hat. Ihr wird schlecht. "Scheiße das ist er!" hisst sie ihrem Straftatenpartner zu, während sie ihre Hose vom Gehweg aufklaubt. Zusätzlich wird ihr schwindelig. Es ist nicht mal die Zeit, sich die Unterhose anzuziehen, sie müssen sofort los! Hat Logan ihre Schuhe? Naaaahh. Bonnie hat sie. "Okay los, los" keucht sie, vor Panik Schwindelgetrieben.
Gerade als sie losstürzen will, panisch, hektisch, halbnackt, packt Logan sie am Ellenbogen. "Bist du irre?!" In wenigen Schritten geht er in die Hocke, sucht Deckung hinter dem nächsten Wagen, während er Gerda fordernd vor sich herschiebt. "Bleib ruhig. Und zieh dich an, verdammt." Er wendet sich um, sodass er über die Motorhaube zum Haus sehen kann. Hipster ist noch immer im Gespräch. Aber Blondie wirft einen suchenden Blick über seine Schulter. Mist. Logan zieht sich ein paar Zentimeter zurück, während Bonnie gefährlich nah an der Grenze des Sichtschutzes herumwuselt. Vorsichtig nimmt er die Leine und zieht sie näher zu sich heran, bis er sie direkt am Halsband halten kann. "Wir können hier nich rumhocken." Alle Möglichkeiten abwägend, wandert sein Blick immer wieder die Straße entlang. Sollte jemand von der anderen Seite kommen, sind sie geliefert. "Du nimmst Bonnie." Eindringlich sieht er jetzt Gerda an. "Wenn ich es sag, gehst du mit ihr auf die andere Straßenseite. Nich umdrehen. Nich rennen. Wer rennt, fällt auf. Kapierst du das?"
Mit großen Augen nickt sie.
"Okay, dann ..." Konzentriert betrachtet er die Personen in der Haustür. Die Frau lacht. Dann lehnt sie sich vor und umarmt Hipster.
"Los." Logan schiebt Gerda in den Stand. Die Anspannung ist ihr auf hundert Meilen anzusehen, als sie über die Straße marschiert. Nur einen Schritt nach ihr folgt er, bemüht die Sicht auf sie zu versperren. Besser er wird gesehen, als die bekannte Studentin. "Bleib ruhig", ermahnt er leise. "Gleich geschafft. Nächste Straße rein."
Mit aller Willenskraft widersteht er dem Drang, sich umzudrehen, als das Geräusch einer Autotür hinter ihnen erklingt. Haben sie wieder abgeschlossen? Daran erinnert er sich nicht. Vermutlich nicht. Nicht schlimm. Das dürfte ein paar Sekunden Verwirrung stiften. Nur bis Hipster merkt, dass sein Sitz nass ist. Ein schmales Grinsen legt sich auf Logans Lippen, als sie endlich die Querstraße erreichen und an der benachbarten Häuserreihe Sichtschutz finden. Einen kurzen Moment atmen beide durch. Logan findet zuerst in die Gelassenheit zurück.
"Well,", mit funkelnden Augen stupst er Gerda in die Schulter, "willkommen in der Welt der Sachbeschädigung." Er stellt die Tüte zwischen den Füßen ab und zückt das Zigarettenetui. "War knapp, Bird", nuschelt er zunehmend undeutlich. "Sletzte Mal musstichn scheiß Kontinent wechseln." Das Zippo entflammt die Glut, ehe es mitsamt dem Etui zurück in die Hosentasche geschoben wird. In einer fließenden Bewegung fährt die Hand weiter zur anderen Tasche, um das Handy zu zücken, als ihm das Herz ein mal heftig gegen die Brust poltert.
Das Handy.
Wo! Ist! Das! Scheiß Handy?!
Fuck!

Gott oder wem auch immer sein Dank, dass sie mit jemandem Rache-Scheiße baut, der in diesem 'very moment' klar und rational denken kann. Ohne auch nur mit einer innerlichen Leader-Wimper zu zucken, befolgt sie Logans Anweisungen. Mehr noch. Sie ist dankbar und setzt um, was er ihr zuraunt. Sobald sie zu dritt das erste Sicherheitsziel erreicht haben, atmet Gerda laut und schmerzvoll aus. Die nervliche Angespanntheit sowohl als auch die körperliche Hockerei fordern umgehend ihren Tribut. Ungefähr so lange, wie sie sich die Schuhe wieder anzieht. Baghi zündet sich gerade eine an, als sie sich aufrichtet. Sie beugt sich zu Bonnie runter, um sie für ihren treuen und absolut nicht Kommando notwendigen Einsatz bekuschelt und belobt, als ihr auffällt, dass ihrem Kompagnon die Gesichtszüge entgleisen und er hektisch beginnt, sich abzutasten. Es dauert drei Sekunden, bevor sie schnallt worum es geht. "Alles gut" beruhigt Bird ihn, "ich hab dein Mobile" ruft sie lauter als gewollt. "Hier" sagt sie und angelt sich das Smartphone aus dem Tittenknast.
Innerlich schon bereit zu viel schlimmeren Straftaten als Sachbeschädigung einer Schrottkarre, wird Logan aus seinen panisch rasenden Gedanken gerissen. Im ersten Moment begreift er nicht, als Gerda ihm das Telefon vor die Nase hält. Zu tief steckt er schon im Alarmmodus. Begriffsstutzig starrt er zuerst sie, dann das Ding in ihrer Hand an. Sekunden vergehen, bis seine Finger sich heben, um es ihr abzunehmen.
Nur widerwillig zieht sich sein Herzschlag aus den Schläfen zurück. Prüfend aktiviert er das Display. Ja, das sieht aus wie seins. Er tippt den Sicherheitscode ein, der tatsächlich den Sperrbildschirm freigibt. Es ist wirklich sein Handy. Sie hatte es.
Seine Finger wischen über die Augen bis zur Nasenwurzel, pressen ein mal kräftig auf den Nervenpunkt, bevor die Hand erleichtert durchs Haar zieht. Die Schultern sacken ein wenig zusammen. Dann, aus dem Nichts, verpasst er Gerda einen Stoß mit der flachen Hand. "Lass mich nie wieder so zappeln!" Ein heißkalter, dunkler Blick folgt. "Ich wär da fast rüber gegangen und hätte den Kerl ..." Er bricht ab und starrt sie an, beinahe erschrocken über seine eigene Reaktion. "Haste ne Ahnung, was passiert, wenn die mich erwischen?"
Gerda blinzelt ihn an.
Stille.
Logan atmet klangvoll aus. "Okay." Er hebt beschwichtigend beide Hände, nickt und sammelt sich. "Nix passiert." Sein Blick senkt sich. Die Hand mit dem Telefon hebt sich kurz, wedelt betonend. "Hast gut gemacht." Sag es, Bastard. Sie hats verdient. Die Lippen pressen sich aufeinander, der Kopf weicht seitlich aus, als das Handy seinen Platz in der Hosentasche findet. Versöhnlich klopft er ihr mit der flachen Hand gegen den Oberarm, ohne sie anzusehen. [/b]"Komm schon. Hauen wir ab."[/b]
Bird kassiert überrascht den Schubser und das Oberarm-Getätschel, dass aus ihrer Sicht üblicher Weise ehr Pferden zusteht. Oder Hunden. Das 'Hast gut gemacht' unterstreicht den frechen Move. Schon klar, dass waren extrem lange und sehr belastende Minuten, die er da vor und mit dem Wagen hatte, besonders beim Aufbrechen. Aber sie hat ebenfalls nahezu ihr zukünftiges Leben und eine Auswanderung riskiert! Was fällt dem Kerl ein? Sie will nun, da scheinbar ihr Denken und wahrscheinlich auch ihr Sprachzentrum wieder richtig funktioniert, ihm ihre Meinung geigen. In klaren Tönen und ohne körperlich zu werden, da sie genug mit dem abebben des Adrenalins, dem gerade aus laufen sowie halten von Bonbon zu schaffen hat. Während sie in ihre Bahn einsteigen formuliert sie innerlich rum, dabei beobachtet sie ihn. Müde und angetrunken. Sollte sie die Chance vielleicht nutzen und ANDERE sie bewegende Dinge sagen? Oder fragen? Das Bild das Logan mittlerweile von sich zeigt ist ungewohnt. Er lässt die Schultern hängen und seine Augen vermehrt zuklappen. Sehr ungewöhnlich das er seine Spannung, nahezu seine selbstschutzhafte Deckung fallen lässt. "Baghs?" erkundigt sich Bird gedämpft und bekommt ein Gebrumme sowie ein murmeliges "what?" zurück. Sie entscheidet, dass ihre Einstiegsfrage besser zur Gegenwart passen sollte und sie sich erst im weiteren Verlauf an die tieferliegenden Erkundigungen heranwagt: „Was passiert, wenn du bei einer Straftat erwischt wirst?“

Das Schweigen bis zur Bahn tut gut. Es gibt Raum, den Kopf zu sortieren und durchzuatmen. Zwar wundert ihn, dass Gerda so still neben ihm hergeht, aber er wird um Dios Willen nicht daran rütteln.
Das Adrenalin wird abgebaut und der inzwischen kaum noch vorhandenene Schwips, gepaart mit dem Schlafmangel, fordert seinen Tribut. Logan will nur noch pennen.
Als sie kurz darauf in die Bahn einsteigen, lassen sie sich auf sie erstbesten Plätze fallen. Die Arme vor der Brust verschränkt, die Beine lang von sich gestreckt und die Füße übereinander gelegt, schiebt er sich dicht in die Ecke des Sitzes, um den Kopf gegen das Fenster zu lehnen. Seine Augen schließen sich ganz von allein.
Gerdas Stimme schiebt sich schwerfällig in seinen Gehirndunst, sodass er einige Sekunden braucht, um ihre Frage zu registrieren. Angestrengt versuchen die Brauen mit dem Weg in den Haaransatz die Lider zu öffnen. Mit ihren langen Wimpern blinzelt Gerda ihm fast scheu entgegen.
Logan atmet tief durch und schließt die Augen wieder. "Kommt aufn Tatbestand an", nuschelt er. Einen Atemzug lang schweigt er. "Sowas wie grade ..." Die Stirn legt sich in Falten, eine Schulter zuckt in Zeitlupe. "Bin kein Anwalt. Das is Kanada. Vermutlich bewerfen die mich mit ... ehm ... Lollypops und zwingen mich, Softpopballaden zu hören." Klangvoll atmet er ein letztes Mal aus, bevor der Kopf ein Stück tiefer auf die Brust sinkt.
(In Zusammenarbeit mit @S.Bin. )
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