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Toronto
#31
Charaktere: Bob, Ash, Gerda , Logan, Jo, Ro
Ort: Concertclub Wild art heart
Geschichtsstrang: Der Vogel und der Panther - Dämonen haben viele Gesichter II
"Super cool, dass du es heute doch geschafft hast, dear." Frisch umgezogen nach dem letzten gemeinsamen Auftritt ihrer Band, gesellt sich Ashley zu Gerda und Bob. Johanna hat an diesem Abend zum letzten Mal in die Drums geschlagen und wird dementsprechend gebührend gefeiert. "Es ist toll, dass sie endlich diese Stelle in Vancouver bekommen hat. Davon hat sie so lange geträumt." Der Blick der Bassistin wandert durch den Raum, bleibt amüsiert an der zukünftigen Ex-Kollegin hängen, die sich gerade angeregt mit Logan unterhält. "Ich finde es total schräg, dass der bei dir einzieht." Ashley legt den Arm um Gerda, die andere Hand prostet ihr mit dem frisch geöffneten Bier entgegen. "Bist du sicher, dass du das willst? Er scheint etwas ... anstrengend ... zu sein."
"Du warst so happy, dein eigenes Reich zu haben.", wirft Bob ein. "Was ist passiert?"
Mit dem vernichtensden Blick den sie hat, blickt sie zwischen ihren beiden Besten von einem zum anderen. "Euer Ernst? Müsst ihr jetzt so Fragen stellen?" Gerda setzt die Flasche an die Lippen und trinkt zwei große Schlucke. Bob grinst, Ash ist großzügig und beginnt sich diplomatisch mit gezogene Schnute für die Wandbemalung zu interessieren. Müssen die beiden eigentlich i m m e r in ihr lesen wie in einem offen Buch? Sie hasst das. "Ich hasse das, wenn ihr das macht," funkelt sie ihn an, "raus aus meinem Kopf!" Der zweite Teil des Satzes hat etwas von einem trotzigen Kind. Dieses wird umgehend umarmt und somit hat sie wieder mal keine Chance, sich hinter ihrer Bockigkeit zu verstecken. Die Umarmung tut ihr gut und sie hält sich eine ganze Weile an Bob fest. Als sie sich löst, bufft Ash sie mit ihrer Schulter an. Gerda seufzt tief, dann antwortet sie ehrlich, mit all ihrer Hin- und Hergerissenheit. "Scheiße ich weiß es doch auch nicht!", poltert es aus ihr raus. "Irgendwie wars... angenehm, nicht alleine zu sein?!? Also ihr habt Bonnie wieder abgeholt und das war so hart für mich und... und dann war er halt wieder da... also auch schon mit Bonnielein und wir... weiß nich!" Gerda wirft verzweifelt die Hände in die Luft und verplimpert ihr Getränk. Hose und T-Shirt nass. "Ach Fuck!" Während sie an ihrer Hose rumstreicht, blubbert sie erklärend weiter. "Haben geredet und auch nich... aber ich kann ihn spüren, wisst ihr? Da ist so ne Verbindung, die mir und meiner kranken Seele auch irgendwie gut tut, glaub ich." Sie blickt verstohlen zu ihm rüber und sieht, wie er sich fast entspannt und total gebannt mit Jo unterhält. Da muss sie lächeln. "Wenns nich gerade verstockt ist, dann ist das Zusammensein echt angenehm. Fühl mich weniger allein?! Ja. Und ich kann auch was zurückgeben." Erneut kippt sie sich Stimmbänder schmeichelndes, kühles IPA hinter. "Er ist ein guter Sim, dass weiß er nur nicht. Hat auch viel auf dem Kasten." Sie tippt sich an die Stirn und schmunzelt dann, "Und Humor, Film und Musikgeschmack stimmt auch... nich schlecht für nen Mitbewohner." Als die beiden ihr zuprosten, beendet sie ihre Aufzählung und ignoriert absichtlich den Blick, den die beiden sich zuwerfen. "Und er ist einer der wenigen, die sich trauen mir Ansagen sowie Grenzüberschreitungen d e u t l i c h ins Gesicht zu schmettern." Nun grinst sie schnaubend und fröhlich über beide Ohren. "Soviel Eier haben nicht viele, ich hasse und mag das!"
"Nur merkwürdig, dass einer von euch beim Ausgehen immer nasse Klamotten bekommt. Vielleicht steckt da ein System hinter, dass ich noch nicht schnalle..." Den letzten Satz im Getränk vermurmelnd weicht Ashley den schärfer werdenden Blicken Gerdas aus - nicht ohne sich ein freches Grinsen zu verkneifen.

Einige Meter entfernt, bemerkt Johanna die beobachtenden Gesichter. Mit einem Schmunzeln deutet sie in die Richtung der Freunde, sodass Logan hinübersieht. Ein lässiges Kopfrucken folgt als Gruß, ehe er sich zur Blonden herüberneigt, um ein paar kurze Worte zu hinterlassen. Sie nickt, er hebt sein Glas, stürzt den letzten Schluck hinunter und verschwindet zielstrebig in der Menge um sie herum. Kaum wendet er Johanna den Rücken zu, umgeben sie gleich drei neue Gesprächspartner.
"Das klingt nach feuriger Stimmung.", schmunzelt Bob zu Gerda hinunter. "Für mich wäre das nichts. Ich mag es, wenn Dinge im Einklang sind." Eine Hand legt sich sanft um Ashleys Hüfte und zieht sie vielsagend ein Stück zu sich.
"Einklang gibts später, Babe. Erst wird die Sau raus gelassen." Flirtend drückt sie ihm einen Kuss auf die Wange, ihr Körper beginnt, sich im Rhythmus der umgebenden Musik bewegend, freizutanzen.
An der Bar angekommen, schiebt Logan sich durch die trinkfreudige Menge bis an den Tresen. Das Konzert der Mädels war laut und voller prügelnder Energie, die noch immer in seinem Körper vibriert. Als Gerda ihn vor einigen Stunden fragte, ob er sie begleiten wollte, zögerte er nicht. Bereits der letzte Auftritt, vor wenigen Wochen, hatte ihm gefallen und die vergangenen Tage mit Gerda waren ruhig gewesen. Sie ließ ihm Raum, drängte sich nicht auf und suchte Gespräche nur dann, wenn es um Organisatorisches ging. Logan ist bewusst, dass es ihr nicht leichtfällt, sich derart zurückzuhalten, ist sie doch im Grunde ein wissbegieriger und mitteilungsbedürftiger Sim. Eine, die sozialen Austausch nicht nur wünscht, sondern auch braucht. Und normalerweise einfordert. Sie könnte sich ihren Alltag wesentlich leichter und entspannter gestalten, würde sie alleinbleiben oder sich einen Mitbewohner suchen, der mehr soziale Kompetenzen bietet, als er selbst. All das weiß sie. Sie ist zu intelligent, um sich dessen nicht bewusst zu sein. Trotzdem hat sie Logans Unterschrift zugestimmt. Noch immer begreift er nicht so recht, was sie zu diesem Schritt bewegt hat. 'Ich wollte dich gerne wiedersehen, mann.' Ihre Worte hallen durch sein Gedächtnis. Sie standen im Regen vor dem Haus und sie gab sich alle Mühe, ehrlich zu ihm zu sein. 'Ich mag und schätze dich. Simslich.'
Ein Ruck am Glas reißt Logan aus den Gedanken, als der Barkeeper ihm das Behältnis aus der Hand pflückt. Ein auffordernder Blick trifft ihn, so dass er reflexartig seine Bestellung aufgibt. Nickend wendet der Mann sich ab und Logans Blick schweift durch die Clubbesucher. In einer ruhigeren Ecke steht sie mit ihren Freunden, unterhält sich, verschüttet etwas von ihrem Getränk, woraufhin sich ihre Mine für einen kurzen Moment verfinstert. Unmerklich hebt sich einer von Logans Mundwinkeln.
Der Wikinger sagt etwas zu Gerda, sie lacht und die einladende Offenheit kehrt zurück in ihr Gesicht.
Aus den Boxen ertönen die ersten Riffs des bekannten 'Paranoid' von Black Sabbath. Ashley dreht sich tanzend um die eigene Achse, während Gerda verhalten im Takt wippend die Unterhaltung fortführt – und Ozzys Worte sich bleiern über die Szene legen:
I need someone to show me the things in life that I can't find.
I can't see the things that make true happiness, I must be blind.
Make a joke and I will sigh and you will laugh and I will cry.
'Glücklicherweise bin ich ja weder zahlreich, noch Freund, noch Familie oder Therapeut. Da geht vielleicht was?', blitzt es Logan erneut durch den Kopf. 'So von Loser zu Loser, you know.' Ein stummes Seufzen durchfährt seine Brust. Sie sollte nicht so von sich reden. Sie ist kein Loser. Sie ist ein guter Sim. Ihre Impulsivität ändert nichts daran. Im Gegenteil. Sie macht sie echt. Authentisch.
Eine leichte Berührung am Handgelenk signalisiert die servierte Bestellung, sodass er sich zur Bar zurückdreht, zahlt und mit den Getränken bewaffnet, den Weg zu den bekannten Gesichtern antritt.
Happiness I cannot feel and love to me is so unreal.
And so as you hear these words telling you now of my state.
Mit dem Ellenbogen tippt er kurz darauf an ihren Arm und reicht ihr die volle Flasche IPA, kaum dass sie ihre geleert hat.
Ein eindringlicher Blick aus schwarzen Augen trifft sie, während er in Gedanken die letzten Worte Ozzys begleitet:
I tell you to enjoy life.
I wish I could but it's too late
Sie ignoriert die Schlauberger-Turteltäubchen mit ihrer letzten Aussage solange, bis sich Logan zu ihnen gesellt, mit Nachschub. Und da... Genau da ist das, was sie versucht hat zu beschreiben, vor nicht mehr als drei Minuten. Einer dieser kleinen Momente in denen sie sich gut tun und verstehen, auch ohne das gesprochen wird. Gerda schenkt ihm einen dankbaren und warmen Blick, der einer Umarmung in nichts nachsteht. "Thanks Mate", nimmt sie die Flasche entgegen und überlegt kurz, wo sie die leere loswerden kann. Zu viel. Und irgendwie auch egal. Er macht einen guten Eindruck und das will sie genießen. Ein lockerer Abendausklang nach nem geilen Abschiedskonzert! Es ist unendlich schade, dass Jo Pleasant Journey verlässt. Aber... Keine schweren Gedanken jetzt, der Fokus wird umverlegt. Vielleicht ein Themenwechsel?! Und langsam kommt auch wieder Lust aufs Tanzen, Papa Ozzy quäkt so herrlich einladend einen ihrer Klassiker und mit diesen beiden Flaschen lässt es sich auch herrlich ein bisschen rummackern. Als hätte sie geschwollene Klöten, wippt sie clownartig mit etwas auseinander gestellten Beinen auf ihrem Standfleck rum. Logan hält seinen intensiven Blick und sie nickt ihm zu, "Kein Ding, ich tanz für uns beide." Dann prostet sie ihm nochmal zu und beendet den Song tanzend. "Was gibt Jo noch so an?", erkundigt sie sich neugierig. "Los... Erzähl! Ich brauch nen ablenkenden Themenwechsel oooooder ich tanz dich als nächstes gruselig an." Mit großen Augen starrt sie ihn an.
"Dann is das da nich gruselig, ya?" Das amüsiert angedeutete Schmunzeln wird mit einem kräftigen Schluck Whiskey kaschiert, den Logan zur Hälfte leert. Er hält inne und nimmt ihr die leere Flasche ab, um sie sich in die Gesäßtasche zu stopfen, ehe er ihr das Glas, und damit die andere Hälfte des flüssigen Goldes, anbietet.
"Nichts Bestimmtes. Hat von ihrem neuen Job erzählt. Ne Forschungsstation. Krasse Scheiße, man. Ich bin von Intelligenzbestien umgeben."
"Ganz ehrlich,", bringt sich Ashley ein, "ich gönne ihr das. Aber für uns ist scheiße. Wir haben noch immer keinen neuen Drummer. In zwei Monaten haben wir diesen geilen Gig, aber ohne Schlagzeug können wir auch gleich Kinderlieder spielen. Oder absagen."
"Was war mit Katey? Sie hat doch vorgespielt, oder nicht?" Bei dem Termin mit der Bekannten hatte Bob als Manager der Band nicht anwesend sein können. Was kein Problem darstellte – die Entscheidung über ein neues Mitglied treffen ohnehin Ashley und Ororo.
"Ach, das war irgendwie nichts." Ashley winkt mit unzufriedener Geste ab. "Die ist schon okay, aber auf Dauer kann sie das Tempo nicht halten."
Gebannt lauscht Gerda Logans und Ash's Erzählungen, um die leere Flasche ärmer und um ein halbes Glas Brennstoff reicher. Läuft für sie grade ganz gut freut sie sich, die Gentleman-Nummer mit der Flasche und dem geteilten Whiskey ist wohlwollend verbucht unter 'Sind Team ohne Stress am Abend'. Als ihre Beste ernster wird und ihr Major-Problem darstellt, bemerkt sie am Getränk nippend, wie Logan sich interessiert spannt. Gerda weiß, wie sehr sich Ash gerade zurück nimmt, um nicht ihren Situationsfrust realitätsnah raushängen zu lassen - generell ist sie nicht der Typ für emotionale Ausbrüche. Dennoch ist klar, dass es ihr nicht gut geht. Sie liebt ihre Band, die gemeinsame Musik und auch besonders das Live spielen. Das ist Ash's größte Leidenschaft. Nachdenklich klinkt sie sich ins Gespräch rein. "Wie habt ihr den Jo's Job denn ausgeschrieben? Wo und wie habt ihr Jo's freien Platz denn bekannt gemacht? Ich meine, ihr wart ja auch selbst lange im Urlaub... Kennt denn keiner wer, der wen kennt???" Suchend blickt sie sich im Raum nach anderen Musikern um, um sofort loszustürzen und auf Fragereise zu gehen. Sie weiß, dass Ash's und Ro's hohe Ansprüche bekannt sind und das beide nicht zu den Leuten gehören, die um Hilfe oder Unterstützung bitten.
"Die üblichen Wege", zuckt Ashley beinahe resignierend mit einer Schulter. "Zettel bei den Proberäumen ausgehängt, in Foren, Blogs und Magazinen inseriert, Mundpropaganda."
"Ist ja auch nicht so, dass es keine Interessenten gab", erklärt Bob. "Aber es muss eben auch alles passen."
"Frog wäre ideal gewesen, aber der hat keine Zeit für noch eine Band." Die Bassistin seufzt in ihr Getränk.
Eine Braue leicht in die Stirn gezogen, lässt Logan das Gespräch an sich vorbeiplätschern. Er vermisst es, in die Felle zu schlagen. Es hat etwas Befreiendes, hinter dem Monster zu sitzen, im Krach zu versinken und sich dem Rhythmus hinzugeben. Wehmütig stimmt er in Ashleys Seufzer ein. "Ich kenn einen.", murmelt er gedankenversunken.
"Ohne Scheiß?" Ashley starrt ihn aus großen Augen an. "Wen? Kannst du Kontakt herstellen?"
"Weiß nicht." Abwägend neigt er den Kopf ein winziges Stück. "Würde euch vermutlich nix bringen. Der Typ hat keine eigenen Drums."
"Naja, das ... ", sie sucht Bobs Blick, "das kriegen wir schon hin. Vielleicht lässt Jo ihrs noch stehen. Für eine Weile."
Logan nimmt einen Schluck aus der Flasche, ehe er weiter spricht, "Eure Sache. Ich sag nur, der Kerl isn Arsch. Unzuverlässig und großkotzig. Und launischer als Amy Winehouse auf Entzug."
Logans Mimik bleibt ernst, doch in seinen Augen funkelt es, als er Gerdas stutzigen Blick auffängt. Sie weiß, dass er vor Kurzem erst in Kanada ankam. Die Wahrscheinlichkeit, in der kurzen Zeit jemanden gut genug kennengelernt zu haben, um so über ihn zu sprechen, ist gering. Forschend beobachtet er ihre Züge, während er sich mit einem weiteren Schluck Zeit erkauft. Die Aussicht auf ein Schlagzeug ist verlockend. Selbst, wenn es geliehen ist. Dafür würde es sich vielleicht sogar lohnen, in eine Band einzusteigen. Die Mädels haben geile Songs und spielen tight. Sie nehmen die Sache ernst - was eine gute Basis ist. Doch eine Band bedeutet Verantwortung. Ein Teil in ihm ist unsicher, ob er so viel von sich geben kann. Dem anderen Teil juckt es bereits in den Fingern bei der Vorstellung, endlich wieder spielen zu können.
Gerda stutzt. Bei 'Amy Winehouse auf Entzug', also einem direkten Englandbezug, klickt es. Bob schaut sie fragend an, dann klicken die beiden wie Krabben auf Seegang gemeinsam und synchron ein. Schmunzelnd fällt ihnen raus, "Heißt der zufällig Logan?" Beide müssen über ihre exakt gleiche Wortwahl lachen und sich zuprosten, Ash steht mit Fragezeichen im Blick ruhig da, um sich dann die zarte Brille unnötig bis an ihre Nasenwurzel zu schieben. Alle gucken ihn ein bisschen entrückt aber auch gedämpft begeistert an.
Stumm lachend hüpft Logans Brustkorb einmal auf, der linke Mundwinkel hebt sich zu einem schief verkniffenen Grinsen. Es überrascht ihn nicht einmal, dass Bob seinen Namen kennt. Sie hat es also nicht nur Jason gesteckt. "Ich sag ja – Intelligenzbestien."
"Ich verstehe nicht. Was geht hier grade ab?" Ashley schaut mit gespieltem Misstrauen von einem Gesicht ins andere.
"Er spricht von sich selbst.", erklärt Bob, auf den Kleineren deutend. "Er ist der Arsch ohne Drums."
Die Musikerin legt mit halb zugekniffenen Augen den Kopf schief, wie Bonnie, wenn sie versucht, eine Situation zu erfassen. "Aber ... er heißt Corey. Warum nennt ihr ihn Logan?"
"Weil ..." Bob sieht von Gerda zu dessen Mitbewohner, dann zurück zu seiner Freundin. "Gerda sagte, das sei sein Name." Drei Augenpaare verharren fragend auf Logan, während er gelassen von seinem Pale Ale trinkt. "Eigentlich is das mein Nachnahme.", klärt er wahrheitsgemäß und unaufgeregt auf. Verstehend legt Ashley den Kopf in den Nacken. "Dann willst du lieber Logan genannt werden? Ich frage nur, weil du an dem Abend, im Club, sagtest 'Nenn mich Corey'."
Jetzt wird ihm klar, wie es dazu kam. Er hatte an dem Abend keine Lust gehabt, Bekanntschaften zu machen. Mehrfach hatte man nach seinem Namen gefragt, bis er einfach den erstbesten nannte, der ihm in den Sinn kam. Natürlich hatten die Jungs das für bare Münze genommen. "Ganz ehrlich – du kannst mich auch Eberhard Lollipop Ochsenknecht nennen. Ist mir egal. Is doch nur n scheiß Name, wen interessiert das schon?" Logan gibt sich so glaubwürdig, dass es ihn beinahe selbst überzeugt. Doch tief im Inneren weiß er es besser. Wenn es so egal wäre, würde es ihn nicht stören, dass Elois seinen wahren Namen nicht nur kennt, sondern den schriftlichen Nachweis im Mietvertrag hat. Er hasst seinen Vornamen und jeder, der ihn kennt, weiß einen Fakt zu viel über ihn. Es ist, als hätten sie etwas gegen ihn in der Hand. Mächtiger als alles Physische, das man gegen ihn aufbringen könnte. Ein Name ist nicht nur Identität. Er ist Erinnerung, Nähe und Macht.
Von alledem ist ihm nichts anzumerken. Logan hat heute einen guten Tag – voller Kontrolle und gespielter Selbstsicherheit. Er atmet diesen Moment, in dem er sich einen Ruf aufbaut, ein Image erzeugt von dem Typen, der er gern geworden wäre. Lässig und unnahbar. Einen, den sie wertschätzen, und ihn trotzdem in Ruhe lassen, weil sie wissen, dass sie es mit ihm nicht aufnehmen können. Größenwahn ist das Minimum an Selbstvertrauen.
Noch immer erfreut über den kleinen Moment der Situationskomik, schwooft Gerda sich etwas weniger albern zur Musik, den kleinen ausgelassenen Moment genießend. Kurz schließt sie die Augen und saugt das entspannte Gruppenfeeling auf und ein. Glück und Zufriedenheit stellen sich ein. So wie vor über einem Jahr, als sie angekommen war und mit Ashbo ihren allerersten, unbeschwerten Abend in Kanada hatte. Als sie frisch in Toronto angekommen war. Neue Ziele und ein begonnener Traum, den sie gestartet hatte umzusetzen. Zu LEBEN.
Gerda seufzt und trinkt einen weiteren Schluck, dann schaut sie auf die bernsteinfarbene Flüssigkeit in ihrer Hand und am Glasrand vorbei auf ihre Schuhe. Die schwarzen Second-Hand-Cowboy-Boots fangen ihre Aufmerksamkeit ein und setzen weitere Gedanken und Erinnerungen frei, die sie beim Kauf der neuen Treter vor ein paar Tagen noch nicht hatte. Sie war einfach an ihnen kleben geblieben, als sie sie in einem Schaufenster sah. Sie hatte nicht nachgedacht, war einfach reingestürzt, hatte probiert und war happy wieder raus, um schnell weiter zu nem Termin zu hetzen. Nun, am ersten Ausführ-Abend, mit Ruhe und in Verbindung mit einem Konzert in nem Club, mit Freunden und Whiskey, ploppt eine Berliner Erinnerung auf. Ein Rückblick drängt sich auf. Ein mieses Gefühl. Verfickte Scheiße!!! Sie hatte sich schon einmal genau solche (!) Stiefel zugelegt, für einen kurzen Zeitraum, weil es doch nicht funktioniert hatte, weil sie doch lieber vergessen wollte.
Gerade als sich das Bild vor ihrem inneren Auge verdichten will, zieht sie der Klang ihres Namens zurück in die Gegenwart. Kurz darauf legt Logan dar, dass sein Vorname nicht sein Vorname ist. ZOOOOOOMMM. Sie starrt ihn an, äußerlich nur ein bisschen irritiert. Zwar ist diese Offenbarung der bessere Themenwechsel, dennoch hat ein alter Film längst begonnen, seinen Vorspann abzuspielen. Einer zu der Zeit, als sie aus dem Provinznest ihrer Eltern geflüchtet war. In die große Stadt, ins große 'B'. Und sie hatte es bis eben vergessen. Mal wieder! Scheiß Verdrängungsprinzip! Und nun ist sie drin. Zurück. Bitter stürzt sie einen weiteren Schluck runter, bevor sie Baghi das Glas zurückreicht. Ihre Mine zunehmend abwesend.

"Mir soll's egal sein." Ashley kippt schulterzuckend den letzten Schluck ihres Getränkes herunter. "Was mir aber nicht egal ist", der Zeigefinger deutet verheißungsvoll auf den Bekannten, "ist es wahr, dass du Drums spielst, und wenn, wie gut bist du UND kannst du dir vorstellen, einzusteigen – und wenn es nur übergangsweise ist. Und bevor du irgendwas sagst – biiiitte bedenke, dass uns der Arsch auf Grundeis geht."
Logans dunkle Augen funkeln ihr mit einer unerschütterlichen Ehrlichkeit entgegen. Die linke Hand neben seinem Gesicht hebend, hält er den Zeigefinger in die Luft. "Ja", aufzählend gesellt sich der Mittelfinger dazu, "grandios", der Ringfinger begleitet die Antwort auf die dritte Frage "kommt drauf an und" mit dem kleinen Finger und den Worten "is nich mein Arsch" endet die Reihe, ehe die Hand heruntersinkt, um das Glas von Gerda entgegenzunehmen. Der Blick bleibt bei Ashley, der deutlich anzusehen ist, dass ihre Gedanken hinter der Stirn bereits den Terminkalender der nächsten Tage überschlagen.
"Okay, pass auf", schlägt sie vor. "Du kommst zum Proberaum, zeigst dein grandioses Können und dann unterhalten wir uns. Ich muss das Ro erzählen. Wo ist die eigentlich?!" Hektisch beginnt sie, sich nach allen Seiten im Raum umzusehen. "Ich such sie. Und du überlegst, wann du vorspielen kannst." Die letzten Worte wehen nur schwach durch den Umgebungslärm, als sie schon zwischen den Leuten verschwindet.
"Hast du schon mal in einer Band gespielt?", knüpft Bob interessiert an.
"Verrats keinem", Logan macht einen Schritt auf den Größeren zu, "aber ich war Gründungsmitglied von Kiss. Die haben mich dann raus geworfen, weil ihnen meine Hello-Kitty-Darstellung nich gepasst hat."
Bob lacht und prostet dem Gesprächspartner zu. Vor sich her kichernd scheint er einen Moment seinem ganz eigenen Film zu folgen, während Logan im Augenwinkel Gerdas Abwesenheit registriert. Die Brauen leicht zusammengezogen schaut sie, ohne Fokus im Blick, vor sich auf den Flaschenhals.
Einige Sekunden betrachtet er das Bild. Etwas daran gefällt ihm nicht. Diese Leere in ihrem Gesicht, die Entrücktheit, die von schwer verdaulichen Gedanken zeugt. Irgendetwas ist in ihrem Kopf passiert. Das ist offensichtlich. "Hey, was los?" Vorsichtig stubst er mit der Fußspitze gegen ihren Stiefel, ihr Gesicht eindringlich nach Regungen abtastend und im Hinterkopf die letzten Minuten überschlagend, auf der Suche nach Hinweisen, was sie hat abdriften lassen. Doch schnell muss er sich eingestehen, dass er zu wenig über sie weiß, um irgendwelche Schlüsse zu ziehen.
Ein Stubser gegen ihre linke Schuhspitze schickt eine Mikrovibration an ihre Zehen. Ihr Blick wandert nach oben, treffen fragende dunkle Augen. "Hm? Was?", erkundigt sie sich, "Sorry. War kurz weg." Die Mitbewohnerin wendet sich kurz ab dreht sich dann wieder den Jungs zu, Augen geschlossen, ein klärender, zurückholender Griff mit der freien Hand an der Nasenwurzel. Sie schnalzt mit der Zunge. Logan wiederholt seine Frage, Bob betrachtet sie überrascht analysierend. 'Fuck.' Einem von zweien, wenn nicht sogar zwei von zweien wird sie nichts, beziehungsweise nicht lange was vormachen können. Erst recht nicht, wenn sie sich jetzt zurückzieht oder abdampft. 'Scheiße Scheiße. Kein Bock drauf jetzt...' Gerda blinzelt in den Raum und sieht Ash, wie sie ihre Bandkollegin findet. Dann hört sie die wiederholte Frage. Sie atmet laut aus. "Ich musste an meinen Bruder denken. Urplötzlich." Sie schluckt schwer. An Logan gewand, weil Bob im Bilde ist und keine weiteren Erklärungen braucht, fügt sie hinzu: "Das ist nicht gut, weil es weh tut, mich wütend und traurig macht." 'Weil ich es nicht mit ihm klären und beseitigen kann. Niemals. Zu verschieden. Zu kaputt.' Tränen kommen, sie stellt kurz ihre Flasche ab, um sich mit dem unteren Saum von ihrem Shirt das Nass aus den Augenwinkeln zu entfernen. Dann entschuldigt sie sich, lässt den Stoff fallen und nimmt ihr Bier wieder zur Hand. "Sorry. Das Gefühl von Verrat und Schuld sperr ich wieder weg, lasst uns bitte über was anderes reden, ja?" Sie prostet in die Luft, "Viva las drummers, oder so... Eh?!"

Argwöhnisch beobachtet Logan sie bei dem Versuch, nicht unterzugehen. Ihre Worte passen nicht zu ihrem Ausdruck. Diese Ambivalenz steht ihr nicht, findet er. Auch wenn er den Wunsch, ein bestimmtes Thema nicht zu vertiefen, versteht und respektiert – irgendetwas an dieser Szene harmoniert nicht. Er kauft ihr nicht ab, dass sie nicht darüber reden will. Nicht prinzipiell. Möglicherweise geht es hier um 'falscher Zeitpunkt – falscher Ort' oder sowas. Ein prüfender Blick zu Bob zeigt den Wikinger mit einem aufbauenden Lächeln, als er sich zu ihr herüberlehnt und den Arm kurz, aber beherzt um sie legt – frei nach dem Motto: 'Das wird schon.'
Logan verkneift sich jeden Kommentar, obwohl ihn die Worte 'Verrat' und 'Schuld' nicht loslassen. Was für eine Geschichte steckt hinter diesem Cliffhanger? Wie tief sind ihre Abgründe wirklich?
"Wie lange spielst du schon?", nimmt Bob den vorherigen Gesprächsfaden wieder auf - aus Interesse, vor allem aber, um Gerdas Bitte nachzukommen.
Statt zu antworten, nimmt Logan einen bedächtigen Schluck aus seiner Flasche, sein bohrender Blick löst sich nur widerwillig von Gerda. Es ist das deutliche Signal, dass sie beide noch nicht fertig sind.
"Was mit dir?", wendet er sich dann an den Größeren. "Was sind deine Talente?"
Irritiert ringt Bob einen Moment nach einer Antwort, als Ashley und Ororo zur Gruppe stoßen.
"Wir sind uns einig, dass wir dich spielen hören wollen.", verkündet die Bassistin mit zielstrebiger Bestimmtheit. "Wann kannst du?"
Nicht überrascht zieht Logan eine Schulter in den Nacken. "Mir egal, bin flexibel."
"Dann gleich morgen?" Ororos Brauen heben sich fragend in die Stirn.
"Fine. Wann und wo?" Unaufgeregt holt Logan sein Handy hervor, um sich Ort und Zeit zu notieren. Die Vorfreude, wieder drummen zu können, ist in den Hintergrund gerückt, vergraben tief unter den Schatten, die Gerdas Stimmungsschub über seine Zwanglosigkeit gelegt hat. Übrig bleibt eine distanzierte Sachlichkeit in seinen Zügen. Eine unsichtbare Nachdenklichkeit, die ihm allzu vertraut ist. Die, wie so oft, sämtliche Regungen in ihm in Fesseln legt und ihm das Flair verleiht, dass ihn alles, was um ihn herum geschieht, nicht betrifft und noch weniger interessiert.
"Geil!" Ashley hingegen scheint vorsichtig optimistisch. "Ich bin gespannt, was du drauf hast." An Gerda gewandt fragt sie: "Kommst mit? Könnten im Anschluss was essen gehen."
Trinkend beäugt Gerda, wie die vier einen Termin für morgen ausmachen, apathisch bestätigt sie Ash's Idee, mitzukommen. Sie hört sich sogar eine Futterbude vorschlagen, ein bisschen dumpf, denn leider kann sich ihre Laune trotz Bob's Tröster nicht wirklich heben. Denn zum viel größeren Ärgernis, ist Logans Stimmung auch gekippt. Seine prüfende, ruhiger werdende Art sagt ihr genug. Ein neuer Schatten legt sich über ihr Gemüt. Ihretwegen zieht er sich zurück, dabei nimmt hier gerade was Geiles Fahrt auf. Kurz beißt sie sich auf die Unterlippe und trifft dann eine Entscheidung. "Leute, ich lass euch mal kurz hier stehen, bin mal für zehn Minuten an der Luft... Lauft mir ja nicht weg, okay? Bis gleich."
Viel zu aufgekratzt, registriert Ashley den Stimmungsumschwung der Freundin nicht und denkt sich nichts bei ihrem Verschwinden. "Wenn du einsteigen WÜRDEST, beteiligst du dich natürlich auch an der Proberaummiete – nur dass wir das gleich besprochen haben."
"Dafür gibt's dann auch Einnahmen von Verkäufen, ist ja klar", fügt Ororo hinzu.
"Is mir egal", brummt Logan halblaut, ohne eine von ihnen anzusehen. "Geld interessiert mich nich."
"Wieso?" Ashley zuckt befremdet mit einer Schulter. "Ist eine schöne Nebeneinnahme. Man kann immer Geld brauchen." Als Teilhaberin eines Start-ups hat sie sich angewöhnt, schwarze Zahlen zwar nicht zu erwarten, aber sie dankend zu begrüßen.
"Ich sagte nich, ich kanns nich brauchen. Nur dass es mich nich interessiert." Abwägend verfolgt sein Blick Gerdas Weg nach draußen – eilig, zielstrebig, wie jemand, der möglichst schnell allein sein will, um nicht in der Öffentlichkeit durchzudrehen. Wenn er selbst so drauf ist, will er nicht, dass jemand ihm folgt. Weil er Sims nicht erträgt, wenn sie starren, trösten und mitfühlen. Weil es ihn daran erinnert, wie jämmerlich er eigentlich ist. Logan seufzt stumm. Er sollte ihr die Freiheit geben, die sie sucht. So wie sie es bei ihm tut.
Gerda ist längst nicht mehr zu sehen, als seine schwarzen Augen sich Ashley zuwenden. "Macht die Hingabe kaputt."
Ororos Gesicht erhellt sich angetan, als ihr ein seliges "Hm!" über die Lippen geht.
"Aber du opferst deine Zeit, Kraft und bestenfalls Engagement. Das ist doch etwas wert", neigt Ashley den Kopf. In ihren Augen blitzt Neugierde auf, während sie den Kleineren mustert.
"Absolut." Logans Braue zieht sich ein winziges Stück in die Stirn und verleiht seinem Ausdruck eine Ernsthaftigkeit, die nicht infrage stellt, worin für ihn dieser Wert besteht.
Verstehend lächelt Ashley ihm entgegen. Sollte der Typ in die Band kommen, könnte das interessant werden. Sie müssten sich keine Sorgen machen, dass er nicht voll und ganz bei der Sache wäre. Eine Eigenschaft, die vielen vermeintlichen Hobbymusikern fehlt. Im Geiste sendet sie Stoßgebete in den Nachthimmel: Sein Spiel möge etwas taugen. Selbstüberschätzung ist eine andere Eigenschaft, die leider zu viele Künstler mit sich herumtragen.
Während sie, Ororo und der interessiert lauschende Bob, seines Zeichens stetig vor sich hinlächelnd, die Unterhaltung zu genießen scheinen, regt sich in Logan die Unruhe. Er kann hier nicht herumstehen, als ob nichts wäre, während Gerda draußen einen Film nach dem anderen schiebt. Sie ist nicht wie er. Bei weitem nicht. Sie mag es, gesehen und getröstet zu werden. Er kauft ihr diese 'lasst-mich-alle-in-Ruhe-Tour' nicht ab. Bloody hell, fuck it! Entschlossen reißt er die Zigarettenschachtel aus der Hosentasche, wendet sich mit einem "Gleich zurück." ab und klemmt sich schon im Gehen den Glimmstängel zwischen die schmalen Lippen. Hinter sich spürt er die Blicke der Drei. Er weiß, dass sie jetzt über ihn reden werden, und obwohl die Gewissheit ihm beißend im Nacken klebt, soll das nicht seine Priorität sein. 'Das Gefühl von Verrat und Schuld sperr ich wieder weg.' Scheiße, Mann. Das ist nicht gut. Er ist der Einzige ihrer Wohngemeinschaft, der hier was wegsperrt. Sie darf die Dinge nicht in sich hineinfressen. Das wird sie kaputtmachen. Er weiß es aus Erfahrung. Je mehr Zeit er mit ihr verbringt, desto sicherer weiß – nein, fühlt er – sie ist ein guter Sim. Sein Gefühl ist vielleicht die meisten Tage so viel wert, wie hirnloses Technogewummer, aber wenn es ihm so penetrant ins Gewissen schreit, muss er dem kleinen Wichtigtuer einfach folgen.

Das Treiben der Großstadt empfängt ihn stimmengewaltig, als er nach draußen tritt. Kleinere Trauben stehen vor dem Club, beim Abschied festgequatscht, oder bei dem Versuch, sich ohne musikalische Beschallung zu unterhalten. Unbeirrt tastet Logans Blick abweichend der Gruppen nach einzelnen Personen. Jemand schleicht lauthals telefonierend am Straßenrand auf und ab, eine junge Frau sitzt an der Hauswand auf dem Asphalt und tippt verbissen auf ihrem Handy herum. Wohlwissend, dass ausgerechnet Orte wie dieser auserkoren werden, um mal eben schnell einen Strahl in die Ecke zu stellen, hüpft Logans Braue in die Stirn. Wird schon wissen, was sie will. Vielleicht machen Kanadier sowas ja nicht, blitzt es ihm zynisch durch den Stirnlappen, ehe er vertraute lange Haare erspäht. Na dann ... Sei dieses eine Mal im Leben kein Wichser. Das Zippo ertönt klickend, als er mit ruhigen Schritten hinter Gerda tritt. Ihre Haltung wirkt verkrampft, wie sie tief atmend ins Leere schaut, die Arme eng um den Oberkörper geschlungen, als müsste sie sich halten - weil es sonst keiner tut. Stumm schiebt er sich in ihr peripheres Sichtfeld, mit gebührendem Abstand von zwei Armlängen - schließlich will er nach ihr sehen, sie aber nicht bedrängen.
Rauchend steht er beinahe regungslos neben ihr. Er sagt nichts, sieht sie nicht an - lässt sie nur mit seiner Anwesenheit wissen, dass er da ist, wenn sie etwas loswerden will. Ohne Erwartungen. Ohne Druck.
Auf dem Weg nach draußen rauscht ihr die Wut durch die Ohren, oder ein kleiner Stresstinitus will übernehmen und sie wieder in die Verdrängung holen. Aber nein. Sie hat jetzt nen klaren Abgang gemacht und will sich nun einmal ohne die gesamte Aufmerksamkeit zu haben ein bisschen fangen.
Der Brudi-Scheiß arbeitet unter dem Radar ja schon seit Wochen brodelnd in ihr rum. Seit dem Pleasant Journey-Konzert vor ein paar Wochen, wo sie schon nicht in der Lage war, ihn anzurufen oder auch nur ne Sprachnachricht zu schicken. Gerda seufzt, ext das Indian Pale Ale, stellt dann die Flasche vor sich ab, um sich mit beiden Händen erst belebend übers Gesicht zu rubbeln und sich abschließend selbst festzuhalten. "Hoffentlich fall ich jetzt hier einfach nich auf.", murmelt sie vor sich hin und versucht die Leute um sich herum zu ignorieren. Es gelingt ihr auch für einen erholsamen Moment. Dann, hört sie ein kleines vertrautes Geräusch und sie weiß, dass ihr Mitbewohner sich nicht weit von Ihr entfernt eine Kippe angezündet hat.
Eigentlich, hat sie jetzt gerade kein Bock zu reden und auf Gesellschaft.
Eigentlich, möchte sie nur schreiend wegrennen und sich den Kopf abhacken lassen, denn ein Umzug ans andere Ende der Welt scheint doch nicht auszureichen, um vor seinen Problemen wegzulaufen.
Eigentlich, möchte sie eine Umarmung, eine heiße Badewanne, ne Pizza und nen Eimer Whiskey Sour zum betäuben. Aber alles nicht da oder machbar.
Mist! Es tut verdammt gut, dass er nach ihr gucken kommt - auf seine Art. Etwas wärmt sich auf, sie lässt ihre Arme sinken und schiebt beide Hände in die Gesäßtaschen. Letztlich lässt sie ihren Kopf so weit zur Seite kippen, dass sie ihn ansehen kann. Bird pendelt zwischen Dankbarkeit und Unwohlsein hin und her. Nach dem seine Zigarette zur Hälfte aufgeraucht ist, kommt doch noch was aus ihr raus. "Sag bloß, dir hat auch dein letzter Spontan-Kauf nen Scheißhaufen voller Erinnerungsfetzen zwischen die Stirn geknallt, so dass du jetzt erstmal Luft brauchst?"
Für eine Sekunde sieht Logan zu ihr hinüber, als sie das Wort ergreift, wendet das Augenmerk aber schnell wieder nach vorn. Es ist also nichts, das gesagt wurde. Spontankauf. Das könnte alles und nichts sein. "Hast bei Trigger Tony geshoppt, hm?" Mit gesenktem Kopf zieht er an der Zigarette. "Wieso kauft man sich Kram, der einen runterzieht?"
Schallend lacht die Angesprochene. "Keine Ahnung, Mann." Nachdem sie erleichternd aufgelacht hat, hebt sie den Blick. "Komm, lass uns lieber reingehen und deinen Möglichkeiten nachjagen."
Drei Sekunden lang passiert nichts, dann fällt die gespielte Lockerheit so schnell wieder von ihr ab, wie sie sie aufgesetzt hat. Mit der einen Hälfte ihres Körpers ist sie quasi schon unterwegs, als sein Blick sie trifft. Gerda hält in der Bewegung inne und lässt alles fallen, was nicht echt ist. "Na gut. Ich... also...", schnauft sie und scharrt mit den Füßen auf dem Boden. Sie weiß, dass er sie nicht direkt angucken wird, weil er wiederum weiß, dass sie das jetzt noch nicht aushalten kann. Und obwohl das ein angenehmes und erleichterndes Gefühl ist, bewegt es sie nicht nur in Richtung 'Befreiung'. Da ist noch eine zweite, die sie sehnsüchtig und melancholisch anrührt. Sie schluckt schwer. "Ääämmm...", leitet sie das gebrauchte, aber ungewollte Gespräch ein, dann ein Seitenblick, dann gibt sie sich einen Ruck. "Okay pass auf. Ich sag jetzt einfach... Dinge." Gerda räuspert sich resigniert und gestikuliert kurz viel- sowie gleichzeitig nichtssagend in die Luft, dann legt sie los, ihr Blick bezieht ihn mal ein, mal nicht. "Also ich hab irgendwie, aus dem Nichts heraus ne Art von Erkenntniserinnerung bekommen.", bastelt sie zwei Wörter aneinander und schnauft. "Äääh... Meine neuen Boots hier" sie hält einen Fuß zwischen sie beide, "Erinnern mich an meinen Bruder, an gemeinsame gute, alte Kindheitszeiten." Ein schwerer Schlucker unterbricht sie. "Per se ist das nichts schlechtes aber unser Verhältnis zueinander hat sich krass verändert. So krass, dass ich nicht weiß, wie ich mit ihm reden soll." Gerda schiebt erneut ihre Hände in die Hosentaschen und drückt dabei ihre Schultern vor und somit ihre Arme so fest an den Oberkörper, wie es ihr möglich ist. Um sich etwas zu stützen.

Logan zieht an der Kippe, dann hebt er den Blick und schaut sie an. "Der Entzweiungsprozess hat angefangen, als ich im dritten Jahr in Berlin gelebt habe. Und als es schlimm wurde, hab ich mir ähnliche, fast gleiche Cowboyboots zugelegt, um mich an unsere vergangenen Verbindungen zu erinnern. Oder besser gesagt, mich daran festzuklammern. Um zu spüren, verstehst du?" Eine Träne läuft, dann eine zweite. "Ich hab die Dinger damals dann schnell wieder verkauft, weils nicht geklappt hat. Tat zu weh. Die ganze Nummer hatte ich irgendwie verdrängt und es kam jetz halt hoch."
Logan hört zu, den Blick auf die Straße vor ihnen gewandt. Hin und wieder nickt er knapp, zieht am Filter und lässt ihre Worte wirken. Kurze Sekunden breitet sich Stille zwischen ihnen aus. Gerda wischt sich die Tränen von den Wangen, als er zu ihr aufsieht.
Es ist immer wieder merkwürdig, andere weinen zu sehen. Eine nebelhafte Erinnerung an etwas, das er selbst vor unzähligen Jahren aufgab. Es ist so lange her, dass er Tränen vergoss, dass er schlichtweg vergessen hat, wie das geht. So manches Mal brannten Wut, Schmerz und Verzweiflung tief in seinem Inneren, dass er gern losgelassen und alles ausgespült hätte. Doch es ist, als hätte er sämtliche Tränen dem Teufel verkauft. Und so bleibt ihm nichts als sehnsuchtsvolle Bewunderung für diejenigen, denen es so leicht zu fallen scheint, ihrer Trauer den natürlichen Ausdruck zu verleihen.
Mit einem Gefühl von Schuld wendet Logan den Blick zurück nach vorn. "Muss ne interessante Story sein, wenne zwei mal das gleiche Equipment kaufst und es dich beide Male mental zerlegt." Seine Stimme ist ebenso weich wie der Ausdruck, der sich über sein Gesicht legt. Die gewünschte Coolness zurückholend, nimmt er einen letzten tiefen Zug, bevor er den Filter auf den Asphalt vor sich fallen lässt und mit dem Fuß darauftritt, um ihn zu löschen. Den hellgrauen Qualm atmet er klangvoll in die Nacht. "Wenne den Moment so eingrenzen kannst, muss was passiert sein, dass euer Verhältnis sich geändert hat. Bei ihm oder dir - oder euch beiden." Bedächtig wendet er sich Gerda zu, während er weiter spricht, meidet es jedoch noch immer, sie anzusehen. "Dass du nicht mit ihm reden kannst, liegt daran, dass ihr in unterschiedlichen Welten lebt." Ein gedankensammelndes Seufzen unterbricht ihn für einen Moment, ehe seine Augen sich zu ihren hinauftasten und sie beinahe durchdringend fixieren. "So wie ich das seh, haste zwei Möglichkeiten." Der Zeigefinger hebt sich leicht zwischen den beiden. "Entweder du findest raus, was ihr gemeinsam habt oder ...", der Mittelfinger gesellt sich zum ersten dazu, "du verstehst und akzeptierst, dass da nix mehr is, das ihr teilt." Beinahe teilnahmsvoll hebt sich eine Schulter leicht in den Nacken. "Wär nich ungewöhnlich. Sims verändern sich und manchmal geht's in ne Richtung, mit der man nix anfangen kann. Heißt aber nich, dass einer von beiden schlecht oder falsch is. Nur, dass die gemeinsame Zeit Vergangenheit is." Berührt löst sich sein Blick von ihr und bleibt irgendwo im Nichts ein Stück neben ihr hängen. "Dann isses vielleicht an der Zeit, einander gehen zu lassen. Mit bisschen Glück kann man dann ohne diesen ... Druck wieder zusammenkommen. Im Hier und Jetzt. Statt in der Vergangenheit."
Dass er die Tatsachen ungefiltert, wertfrei und sachlich zwischen ihren 'abstellt', hat zum Einen etwas sehr Befreiendes, zum Anderen etwas Aufwühlendes. Gerda schluckt. Hinter, beziehungsweise in seinen Worten steckt ein Auftrag, den sie nun nicht nur greifen kann 'Wieso konnte ich das bisher so nicht sehen?', sondern auch fühlen. Und dieses Mal sogar ohne dieses widerlich lähmende Gefühl der Schuld. Gerda's tränenverschleierter Blick löst sich von seinem, wandert kurz in den Abendhimmel, um dann wieder auf ihren Schuhspitzen zu landen. Trotz ihres Emotionskäfigs bemerkt sie, mit welcher Vorsicht und Empathie er sie auffangen, rausholen und perspektivisch auf einen neuen, lösungsorientierten Ansatz einzuordnen versucht.
Ihre Dankbarkeit über das Gespräch und seinen Support, kann sie gegenwärtig nicht zum Ausdruck bringen. Die Überforderung der Erinnerung, Erkenntnis sowie des unerwarteten Austausches mit Mr. Grumpy aka Corey, aka Baghi aka Logan.... hängt wie ein leichter, bleierner Sommermantel auf ihr. Sie ist voll und überschwemmt von alten, bekannten Gefühlen und nun, on top, einem neuen. Einem Gefühl zu ihm. Wärmende Verbundenheit. Langsam nickt sie Logan zu und blickt ihn fragend an, ihre Hände und Arme mittlerweile etwas lockerer und weniger vergraben. "Wow, das geht ziemlich deep und ist... sehr wahr." Ihre Lippen ziehen eine Schnute, dann wandern ihre Brauen kurz in die Stirn. "Du weißt schon, dass das ne ziemlich gute therapeutische Freundesberatung ist, oder? Ich glaube, ich muss aufpassen, hier nich gleich ne Couch her zu organisieren." Sie sieht ihn schmunzeln. "Okaaay. Baghi... Ich kann grad nicht ausdrücken, wie aufbauend und tröstend das hier", Gerda ruckt mit dem Kopf zwischen sie beide, "gerade ist. Uuuhmm... Ist irgendwie grad alles zuviel, ich kann grad nicht mehr über meinen Scheiß nachdenken - muss vorerst nochmal flüchten." Ein entschuldigendes Schulterzucken befördert ihre Handflächen nun fragend vor sie. "Können wir über dich sprechen? Magst du mir erzählen, wen du hast ziehen lassen müssen? Komm schon. Der Fairness halber.", zwinkert sie ihm zu.
Wen oder was hat er nicht ziehen lassen müssen? Die eigene Kindheit, Monica, ihre Familie, Michael, Jake, Buster ... selbst die leise Stimme, dass er nichts von alledem verdient hat. Nichts und niemand ist ihm je geblieben – außer der Gitarre und der Liebe zur Musik. Ohne diese Verbindung hätte er nicht bis hierher überlebt.
Humorlos schnaufend, entweicht ihm ein kaum hörbarer Atemzug. "Der Fairness halber kann ich dir sagen", sein Blick zieht sich zurück, weicht ihrem aus und sucht auf dem Asphalt nach einem Punkt, an den er sich klammern kann, "dass du mehr über mich weißt, als jeder, den ich ziehen ließ." Etwas ratlos, was er mit seinen Händen tun soll, steigt der Drang nach der nächsten Kippe in ihm auf. Doch statt sich eine anzustecken, schiebt er beide Hände in die Hosentaschen. Es wird Zeit fürs nächste Getränk. Etwas, woran Körper und Geist sich festhalten können. "Kriegste noch nen Drink?", fragt er mit scheuem Blick unter einer gefalteten Stirn, begleitet von einem auffordernden Kopfrucken Richtung Eingang. "Oder brauchst noch nen Moment – allein?"
Gerda schickt ihm einen War-ja-klar-das-du-ausweichst-Blick zu, bevor sie dankbar ergänzt, "Nein, passt schon wieder. N Drink wäre super." Nach einem Nicken seinerseits starten die beiden gemeinsam in Richtung Eingang. Drinnen schiebt Logan sich an ihr vorbei und hält lässig aber bestimmt auf eine Lücke am Tresen zu. Er versichert sich nich rück, die Bestellung wird aufgegeben und binnen vier Minuten, in denen Bird versucht ihre Gedanken neu auszurichten, wechseln Geld, Gläser und Flaschen die Besitzer. Neben ihrem Mitbewohner wird ein Platz an der Theke frei, den sie einnimmt, während sie ihr zugedachtes Glas empfängt. "Können wir nen kleinen Moment bleiben und ein paar Schlucke abtrinken, bevor wir zu den anderen gehen? Dann kannst du mir mal stecken, wie lange du schon Drums spielst etcetera." Ihre Augen tasten die Umgebung flüchtig ab, finden den Rest der Abend-Crew nicht und suchen fragend mit dem letzten Wort seine. "Komm schon, Room-mate, erzähl. Oder ich schleif dich zum Tanzen."

Ungerührt schaut Logan in das frische, leicht schwenkende Whiskeyglas. "Wer hat dir beigebracht, dasse mit diesen Drohungen weiterkommst? Kam dir nie in den Sinn, dass die Masche kontraproduktiv sein könnte?" Mit einem genüsslichen Schluck verschwindet die Hälfte der goldenen Flüssigkeit hinter seinen Lippen, ehe er aufschaut und ihr ein verspieltes Funkeln aus seinen Augen entgegenblitzt. "Fühl mich direkt n bisschen trotzig." Beherrscht amüsiert wendet er den Blick von Gerda ab, als sie mit verkniffenen Lippen zurückfunkelt. Ein letztes Mal schwenkt Logan das Glas, kippt den Rest die Kehle hinunter und atmet das süßliche Brennen, ehe er das Glas auf dem Tresen abstellt, um sich dem Bier zu widmen. Die Finger locker um den schlanken Hals der Flasche gelegt, streift sein Daumen zwei, drei Mal, gedanklich die Frage vertiefend, über eine lose Ecke des Etiketts. Die Gitarre hatte er vor den Sticks in Händen gehalten, das weiß er noch. Mr. Caden war der einzige Lehrer an der Schule gewesen, der versucht hatte, eine Verbindung zu ihm zu bekommen. Und er hatte erkannt, dass Musik die Fähigkeit hatte, das Kind zu erreichen. In der dritten Klasse hatte der Lehrer ihm das erste Instrument – die Gitarre – nahegebracht. Etwa ein Jahr später das Schlagzeug.
"Hab in der Schule angefangen.", brummt er beiläufig, ohne von der Flasche aufzusehen. "Mit ... keine Ahnung ... zehn? Oder elf. Den Dreh. Weiß nich genau."
Er erinnert sich noch gut an dieses Gefühl, das er damals gehabt hatte. Zum ersten Mal war es ihm nicht nur erlaubt, Krach zu machen – es war sogar erwünscht. Mr. Caden hatte ihn angespornt, sich richtig auszutoben, und ihn ermutigt, einen Rhythmus in dem Feuer zu finden, das in ihm brannte. Logan hatte sich nie zuvor so gut gefühlt.
Bei dem Gedanken daran wälzt die aufkommende Wehmut einen tiefen Seufzer aus seiner Brust. Er vermisst sein krachendes Ungetüm.
Gerda lässt sich Zeit mit dem Brennstoff in ihrem Glas, sie nippt Genüsslich während ihr Blick auf seinem nachdenklichen Gesicht ruht, nachdem er ihr seine Überlegung-Spitze zugeschossen hat. Als ob er sonst tanzen würde... Pffft. Der Whiskey und die zuvor getrunken Indian Pale Ales beginnen reinzukicken, sie merkt, wie sie verzögerter als gewollt ihre zur Erwiderung zugekniffenen Augen wieder auf bekommt. Drei Sekunden später als geplant. Na gut. Dann ist sie jetzt auf dem fröhlichen Weg betrunken zu werden, es soll ihr recht sein. Immerhin sind bisher alle ziemlich gut drauf, auf den Zug mag Gerdalotta gerne aufspringen. Ein etwas größerer, brennender Schluck bahnt sich seinen Weg durch die Speiseröhre... herrlich! Zeitgleich hört sie 'mit zehn oder elf'. "Woooow", lässt sie hören und überlegt, was ihre Entdeckung in dem Alter war. "Ich glaub ich hab entdeckt, dass ich nicht Einrad fahren kann. Aber mein Bruder...", schießt es so aus ihr raus. Gerda zieht die Luft ein und verflucht ihr Family-Programm, welches sich wohl eingeschliffen hat. Sie atmet laut aus. "Mit elf war meine Welt zuhause noch in Ordnung. Da hab ich das Reiten für mich entdeckt. Und The Who. Und Karaoke." Bei dem letzten Gedanken muss sie schmunzeln und schüttet den Whiskey schlussendlich hinter. Nachdem sie sich wohlig geschüttelt hat, stellt sie das Glas auf dem Tresen ab, nickt Logan dankend für die Getränke zu, schnappt sich die zweite Bierflasche und lässt sie an seine krachen, bevor sie beginnt zur Musik zu wippen.
"Und naa-haaain, kam ich nicht.", wedelt Gerda kurz und vorsichtig mit der Flasche. "Bisher kam ich mit liebevollen Drohungen eigentlich immer sehr gut weiter." Grinsend zieht sie die Nase kraus. "Du bist so ziemlich der erste, bei dem das nich so gut läuft. Bis zu unserem Kennenlernen wollt ich mir das patentieren lassen."
#32
Mit elf war ihre Welt noch in Ordnung, hallt es in Logans Gedanken nach. Ungefähr in dem Alter hat er begonnen zu verstehen, dass es in seinem zu Hause anders vorgeht, als bei Anderen. Nichts war in Ordnung. Jemals. Schon als Kind hat er Drohungen getrotzt. Mehr noch - er sah sie als Herausforderung, sich nicht klein kriegen zu lassen.
"Wie alt is dein Bruder?", fragt er, den Blick träge zu ihr herüber schiebend.
"Quasi gerade 25 geworden.", antwortet Gerda, mit noch einigermaßen wachsamen Blick. "Hast du Geschwister?"
Die Lippen aufeinander gepresst reißt Logan den Blickkontakt ab. Ein leichtes Kopfschütteln, ein desinteressiertes Zucken der Schulter. "Nich dass ich wüsste." Die Flasche setzt zu einem großen Schluck an. Schlagartig umweht ihn eine Kühlheit, die beinahe aggressiv wirkt. Seine freie Hand greift zum leeren Whiskeyglas, das daraufhin insistierend auf den Tresen klopft und zwei weitere Artgenossen fordert.
Sich auf die Lippen beißend verzieht sie ihr Gesicht. "Sorry, Baghi." Bedrückt blickt sie auf ihre Flasche und das Etikett. "Ich hab grad nicht zu Ende gedacht. Wollte dich nicht zurück zu deinen Wurzeln schicken. Tut mir wirklich leid."
Krampfhaft bemüht sich Bird um eine umschwenkende Thematik, aber ihr Gehirn blockiert. Der Abend lief gut und unbeschwert und nun hat sie ihn binnen Sekunden mit runter, allerdings in seinen Abgrund gezogen. Ihre Mine verzieht sich, nachdenklich, bedauernd, schmerzlich.
"Mach dir ma keinen Kopp, bird. Nich deine Schuld." Er wendet sich, ein Ellenbogen auf dem Tresen ruhend, halb zu ihr herum, meidet es aber weiterhin, sie direkt anzusehen. "Ich sag dir mal was." Ein schwerer Atemzug zwingt eine Pause zwischen die Worte, als Logans Brauen sich heben und so die Stirn in Falten legen. "Ich bin sowas wie ein Haufen Scheiße auf Beinen. Es gibt immer und überall irgendwas, das mir ins Hirn hagelt. Kannste gar nich vermeiden." Begleitend ziehen beide Mundwinkel resignierend in den dicht gewachsenen Bart. "Is nich dein Problem und nich deine Aufgabe irgendwen in Watte zu packen." Sein Blick hebt sich, trifft ihren gleichermaßen tief wie verloren. "Ehrlich, bird, ich bin das gewohnt. Ich komm schon klar." Sich zurück drehend greift er nach den neuen Gläsern, um ihr das eine mit Eiswürfeln zu reichen. Inzwischen hat er mitbekommen, dass sie ihren Drink gekühlt bevorzugt. Den schweren Boden seines Glases gegen ihres tippend nickt er ihr auffordernd zu. Es belustigt ihn, dass ihr der Alkohol inzwischen anzumerken ist, während er selbst noch kaum beschwippst wirkt.
Innerlich die Hand vor Augen schlagend, nimmt sie das Glas entgegen und grinst erst die aneinander schlagenden Eiswürfel an, dann Logan. "Ich finde nicht das Achtsamkeit was mit in Watte packen zu tun hat." Ein zweiter Schluck lässt Gerda nach Worten suchen... Vergebens. Der Glimmer schlägt ein. "Ähmmm...." probiert sie es erneut und macht eine Schnute mit runter gezogenen Mundwinkel. "So langsam muss ich aufpassen, ey. Die nächste Runde bestell ich, ja?" Aus dem Augenwinkel nimmt sie wahr, dass Ash zu ihnen rüber winkt und gestenreich in Richtung Backstage gestikuliert. Gerda antwortet ihrer Besten, indem sie ihre Hände mit den Getränken zeitgleich hochhebt und zwischen Flasche und Glas hin und her schaut. Dann ruckt ihr Kopf in Richtung Logan, danach wieder nach vorn zu den tanzenden Leuten, nicht ohne dass sie mit ihrer Hüfte Tanzbewegungen simuliert. Abschließend nickt sie erst Ash, dann dem Konzertraum zwischen sich, sowie dem etwaigen Backstageort zu. Dann wartet sie, im Takt der Musik nickend auf eine Antwort, welche prompt über zwei in die Höhe gereckten Daumen erfolgt. Eine Hand deutet sogleich drei Mal eine fünf an, dann ein Antippen des Handgelenkes. Gerda lacht eine Spur zu laut, bevor sie bekräftigend nickt und sich dann zu Logan umdreht. "In fünfzehn Minuten können wir die anderen Backstage treffen - bis dahin versuch ich noch bisschen Sprit abzutanzen.", nuschelt sie ihm entgegen. "Kommste mit oder bleibst hiiier und ich hol dich dann gleich ab oder umgekehrt?" Bemüht und mit gleich schwerer Zunge versucht sie einladend mit den Knien zu wippen, im Macker-Modus.

Logans linke Braue wandert zweifelnd in die Stirn und scheint den Mundwinkel mitzuziehen. "C'mon, du kennst die Antwort." Leise schnaubend dreht er sich zum Tresen herum. "Wir finden uns." Mit der Flasche in der Hand deutet er Richtung Tanzfläche als Zeichen, sie möge gehen und die Hüften schwingen. Ihr 'War ja klar'-Blick, den sie ihm schweigsam zuwirft, bevor sie davon wackelt, tangiert ihn keineswegs, doch irgendetwas an ihr lässt die visuelle Verbindung nicht abreißen. Nach außen hin lässig lehnt er an der Bar und trinkt von seinem Bier, während er sie beobachtet. Trotz weicher Bewegungen wirkt sie irgendwie ... unelegant, als sie die auserwählte Lücke zwischen anderen Clubgästen erreicht und in sich gekehrt beginnt, sich an zaghafte Tanzmoves heranzubalancieren. Zwischen sackig-cool und elfenhaft-elegant scheint immer wieder Platz für einen spontanen Ausbruch an ungelenken Ugly Dance-Einlangen, übernommen von den Klassikern der Tanzfilmgeschichte.
Logan bemerkt nicht, dass seine Blicke ihrer fragwürdigen Darbietung amüsiert hinterherhängen. Die Frau hat einen Knall. Aber einen der guten Art. Auch wenn er es ihr gegenüber schwer zeigen kann - diese hin und wieder durchbrechende Beklopptheit ist durchaus erfrischend. So interessieren sie ihre körperlichen Entgleisungen nicht, solange sie Spaß an Musik und Bewegung hat.
Ein neu eingespielter Song bringt mehr Rhythmus und Härte, so dass Gerda von ihrem Saturday Night-Flow in rasantes Headbanging übergeht, bis sie in starkes Wanken verfällt und sich mit den Armen rudernd ins Gleichgewicht zurück bringt. Einige Sekunden sucht sie ihren Schwerpunkt, lacht befreit auf, als sie sicheren Stand hat und beginnt, am Bauchbereich ihres Shirts herumzufummeln. Ein ungleichmäßiger Knoten als Ergebnis zeigt ungewohnt viel Haut, scheint aber genügend Abkühlung zu verschaffen, um den Rhythmus wieder aufzunehmen - dieses Mal, trotz noch immer bretternder Riffs, ruhiger .. verträumter.
Wechselndes Licht wirft bunte Schatten auf ihren Körper, den Logan noch immer genau im Auge behält. Der geknotete Stoff präsentiert am unteren Saum ihren Bauchnabel, während am Ausschnitt eine Schulter verspielt hervorlugt. Der Kragen verläuft parallel unterhalb des Schlüsselbeins, wo sich ein deutlicher Schatten figurbetonend abzeichnet. Den Anblick genießend nimmt Logan einen kräftigen Schluck. Er erinnert sich gut an diese Partie ihres Körpers. Wo die dünne Haut zarten Duft von Wärme und Geborgenheit absondert. Wo der aufgeregte Herzschlag zu vibrieren scheint. Wo der Übergang zum Dekolleté verlockend die Fantasie anregt.
Wohlig wärmendes Kribbeln durchflutet Logans Magengegend, als er sich mit trocken werdendem Mund bei dem Drang erwischt, seine Hand auf ihre Kehle zu legen, um ihre Wärme zu spüren, ihren Puls, ihre Nähe. Einen Moment überlegt er, zu ihr zu gehen, als sie plötzlich zu ihm herüber sieht. Mit einem lässigen Kopfrucken prostet er ihr zu, die innereren Wallungen gekonnt kaschierend setzt er die Flasche an und leert sie in ablenkenden Zügen, um gleich darauf ein weiteres Set zu bestellen.

Wieder im Gleichgewicht angekommen, dankt sie den Feuerwassergöttern dafür, dass sie sie noch nicht ganz mit auf ihre dunkle Seite gezogen haben. Als Gerda nach ein paar Songs trotz des mitreißenden und schnellen Beats in ihren Bewegungen langsamer wird, schleichen sich zu dem hitzigen Körpergefühl der wiederkehrende Durst und ein Gesprächsfetzen, der sie nach wie vor beschäftigt und an eine spontane Planänderung denken lässt. Ein Grinsen, dass etwas zu breit ist, übernimmt ihre Züge. 'Aber schön eins nach dem Anderen, im Brausekopp hier!', murmelt die Tanzwütige sich zu.
Schwofend reist sie in ihrer Erinnerung zurück, als sie sich vor der Getränkebeschaffung für hoffentlich helfende Luftzufuhr am Bauch entscheidet und umständlich einen Knoten - der sogar hält! - bewerkstelligt. Stolz lächelt sie in sich hinein, dann blickt sie zu ihrem Mitbewohner und überlegt erneut. Heute Vormittag hatte sie das nützliche Einzugsgeschenk vom Gravieren abgeholt. Im weiteren Tagesverlauf hatte sie vergessen, das Ding aus ihrer Tasche auszupacken. Nun war es irgendwo bei Ashbo's Klamotten im Backstage. 'Hmm. Wäre doch gelacht, wenn ich nich drei Fliegen mit einer Klappe erwischen könnte.' Eine stumme Zeitansage, ähnlich der an Ash folgt, dann verschwindet sie für ein paar Minuten.
Als sie am Tresen ankommt, steht Logan nach wie vor an der selben Stelle. Sie schnappt sich ihr Glas mit dem durchs Eis stark verdünntem Whiskey und legt vor ihm das in Klopapier geschlagene, strahlend weiße und seltsam wirkende Quadrat ab. "Sorry für die Verpackung... Ich musste jetz improvisieren." Mit einem schrägen Seitenblick und in die Stirn gehobenen Brauen beäugt er seitlich das Mitgebrachte.
"Das", beginnt Bird, "ist ein Einzugsgeschenk." Nach einem Schluck aus dem Glas lehnt sie sich mit einem Ellenbogen neben ihm an der Theke an. "Und irgendwie denk ich, heutjetz ist ein guter Zeitpunkt es dir zu geben. Also." Sie Schnauft aus, Nervosität stellt sich ein. "Ähmm... Du hast eben was gesagt, dass mag ich so nicht einseitig stehen lassen." Eine Braue klettert noch ein Stückchen höher. "Wenn du Scheiße auf zwei Beinen wärst, hätte ich dich Elois nicht als Mitbewohner vorgeschlagen." Eine kurze Pause entsteht, die Referierende trinkt erneut einen Schluck. "Selbst wenn du nur Scheiße wärst, hätte ich dir nach der Kofferraum-Schmetterlings-Song-Nummer und dem überschritten Tempolimit von 30 km/h nich beim Tragen geholfen." Nachdem Gerda ihr Glas geleert hat, schnappt sie sich ihre Flasche. Die feinen Kondenswassertropfen kühlen ihre Hand angenehm. Sie räuspert sich und löst den Blick, da sie merkt wie ihr die Hitze ins Gesicht steigt, bevor sie abschließend hinzufügt, "Und ganz bestimmt hätte ich mich nicht von dir am See... Wie sagtest du nochmal, als du mich zum Kofferraumplatz buxiert hattest?" Nun springt Gerda's rechte Augenbrauen kurzzeitig hoch, "Ach ja! Durchruckeln lassen." Die Erinnerung lässt sie schlussendlich versöhnlich lächeln. "Du bist ne Menge, Baghi. Aber nich Scheiße. Und nun geh ich nochmal tanzen. Bis gleichbald." Ihm zuprostend setzt sie sich in Bewegung.

Ohne sich etwas von seinem Amüsement anmerken zu lassen, schmunzelt Logan in sich hinein, als Gerda angetrunken und leicht zerwühlt auf ihn zu schiebt. Ihr Zustand schmälert den Reiz nicht gerade, findet er, doch der Gedanke wird jäh unterbrochen, als sie ein Paket von Toilettenpapier auf den Tresen legt. Ihre Egalität imponiert ihm. Er kennt keine Frau, die einfach ihre Bindenbox vom Klo mitbringen und für jeden gut sichtbar auf dem Tresen ablegen würde. Tiff hatte zwar damals ihre Tampons überall rumliegen lassen, aber das war pure Provokation. Er kann sich nicht vorstellen, dass Gerda sowas absicht- Moment ...
Was?
Einzugsgeschenk??
Was zum Fick?! Irritiert springt sein Blick von dem Gegenstand herauf zu ihrem Gesicht und wieder auf das Ding zwischen ihnen. Sie hat ein ... Fuck, was wird das?! Wieder schaut er auf. In seinen Augen spiegelt sich die tiefe Verlorenheit, die schon einmal an diesem Abend präsent war. Sie hat ihm ein Geschenk besorgt! Ihm! Sie muss doch wissen, dass er nicht der Typ ist, den man beschenkt. Bei ihrer Fähigkeit, Schlüsse zu ziehen, MUSS sie das bemerkt haben. Er ist jemand, der Ärger und Schläge kassiert. Nicht aber ... Geschenke.
Unfähig zu reagieren, starrt Logan das kleine Quadrat an. Ihre Worte sind kaum mehr als ein Nebengeräusch, dessen Inhalt nicht zu ihm durchdringt. Er begreift nicht, was gerade passiert. Für sie scheint diese Sache eine Kleinigkeit zu sein. Für ihn allerdings wirkt die Situation so surreal wie eine seiner Dissoziationen. Derealisiert er gerade? Passiert das wirklich?
Ehe Logan in irgendeiner Weise reagieren kann, wirbelt sie herum und verschwindet Richtung Tanzfläche. Als wäre sein Verstand auf Pause gedrückt worden, steht er wie angewurzelt da, ratlos, was er tun soll. In einer Hand hält er das Bier, neben ihm liegt dieses ... Ding, höhnisch darauf wartend, dass sich ihm irgendwer widmet.
Es dauert geschlagene fünfundvierzig Sekunden, bis Logan sich mit einem leichten Kopfschütteln aus seiner Starre löst. Tief durchatmend hebt die Flasche sich vors Gesicht, verharrt noch einmal, bevor sie schließlich die Lippen berührt und geleert wird. Weitere zwanzig Sekunden vergehen, bis Logan sich halb herumwendet, um die Flasche abzustellen. Sein Blick studiert den eingehüllten kleinen Kasten, als würde die nächste Handlung sein Leben unendlich bereichern oder ein für alle mal zerstören können. Das Präsent nicht aus den Augen lassend, schiebt er die Finger der linken Hand in die Hosentasche, um seine Zigaretten hervorzuholen. Er ist nervös. Warum macht ihn das hier so derart nervös? Du benimmst dich lächerlich, Dickhead! Reiß dich zusammen. mit Daumen und Mittelfinger klemmt er eine Kippe zwischen die Lippen, das Zippo klickt, die Flamme leuchtet heiß in sein Sichtfeld. Gierig zieht er das erste Nikotin aus dem Filter und spürt sofort, wie das erlösende Gift sich über die innere Unruhe legt. Das Metall in seiner Hand erdet ihn zusätzlich ein wenig. Melancholie mischt sich in die Unruhe, als er das Zippo betrachtet. Nicht einmal das war wirklich ein Geschenk. Er hatte es sich einfach genommen. Kurz bevor der Unfall passierte. Und Michael nie wieder zurück kehrte.
Ohne es damals verstehen zu können, hat Logan in ihm immer den Vater gesehen, den er gern gehabt hätte. Sein Tod traf ihn nicht weniger, als Jake und den Rest der Familie.
"Zum Rauchen musst du raus gehen." Der Barkeeper reißt Logan aus der Erinnerung.
"Hm?"
"Sechs Meter vorm Gebäude.", zitiert der Typ das Gesetz.
"Jaja ..." Einen letzten tiefen Zug inhalierend rollt Logan genervt mit den Augen, ehe er die Glut am Tresen zerdrückt - was der Angestellte mit einem unamüsierten Gemurmel quittiert, während er Flaschen und Gläser abräumt.
Logan klemmt den erloschenen Glimmstängel wieder zwischen die Lippen, um sich wenigstens der Illusion hinzugeben. Schon das Gefühl, am Filter nuckeln zu können, beruhigt ein wenig. Dieses verdammte Land wird ihn noch zum Nichtraucher machen.
Beide Ellenbogen nun auf dem Tresen abstützend begutachtet Logan das eingepackte Teil. Trocken am Filter ziehend nimmt er vage den Geschmack der Zigarette wahr, als ihn die Neugier einholt. Was könnte das sein ...? Größe und Form erinnern ihn an Schokoladentafeln aus dem Supermarkt. Kannse behalten. Er mag keine Schokolade. Dieses schmierige klebrige Zeug.
Einige Sekunden wendet er den Blick ab, versucht, das Ding zu vergessen, doch es zieht an seiner Aufmerksamkeit. Logan pflückt seufzend die Kippe aus dem Gesicht. Er wird es öffnen müssen. Sie wird ihn zwingen. Mit Tanzdrohungen. Oder sie wird ihm jeden Tag auf den Sack gehen mit irgendwelchen Kommentaren oder Vanilleduft ins Bad stellen oder sowas. Fine! Skeptisch tippt er mit einem Finger auf die Oberfläche. Es ist fest und glatt. Fühlt sich nicht nach Schokolade an. Mit faltiger Stirn sieht er in den Raum, wo Gerda gerade fröhlich mit den Armen über dem Kopf herumwedelt. Was ne Type ... Wieder nach vorn gewandt, streicht die linke Hand einmal über den Bart, ehe sie nach dem kleinen Kasten greift, damit die rechte das Papier abwickeln kann. Drei mal hat sie das Zeug in beide Richtungen umgeschlagen. In der Bewegung verharrend registriert Logan das Material. Kühles glattes Blech.
Es ist ... ein Zigarettenetui. Blinzelnd betrachtet er das Stück. Die Oberseite ist verziert mit der Gravur eines Tigers, der aussieht, als wäre er der LSD-Tapete in der Küche entsprungen. Er ist einer weiteren Wildkatze zugewandt - einem schwarzen Panther. Zwischen ihnen ist ein Vogel platziert.
Hinter Logans Stirn nehmen Gedanken Anlauf, um sich gegenseitig über den Haufen zu rennen, doch der Startschuss kommt nicht. Scheiße, was soll das ... Das ist kein nützlicher Gebrauchsgegenstand. Das ist etwas Persönliches. Wo hat sie ... Warum .... Die Brauen tief ins Gesicht gezogen, die Lippen verkniffen, legt die linke Hand das Etui auf dem Tresen ab und tippt mit den Fingern nervös daneben auf der hölzernen Oberfläche herum. Die rechte reibt einmal über die Stirn, fährt dann über den Kopf bis in den Nacken, wo sie einen Moment verharrt. Fassungslos bleibt der Blick auf dem Präsent, studiert die feinen Linien, als könnte er die Absichten dahinter ergründen.
"Du.", ruft er über den Tresen. "Gib mir nen Doppelten."
Der Mann nickt und einen Augenblick später hält Logan die Bestellung in der Hand. Langsam kommen die Gedanken in Bewegung, als er das Glas in einem Zug leert. Sie nannte ihn einen rastlosen schwarzen Panther - so oder ähnlich. Logan erinnert sich, dass ihm bei ihrer Analyse über ihn ein Schauer über den Rücken gelaufen war. Es war beeindruckend gruselig. Und jetzt schenkt sie ihm ... das hier. Einen Beweis ihrer persönlichen Wertschätzung.
Die Unruhe in ihm wächst zu einem inneren Klumpen an, irgendwo im Brustkorb spürbar. Nicht vergleichbar mit dem schwarzen Loch, das ihn manchmal zu verschlingen droht. Das hier ist anders. Es fühlt sich an, als würde jemand einen riesigen Gurt um seine Brust schnüren und kräftig zuziehen.
Aufgewühlt wendet er sich herum und zieht eilig Richtung Ausgang - ohne das Etui mitzunehmen. Er muss jetzt eine rauchen.

Kaum draußen angekommen, steckt er die angefangene Kippe an, nimmt Zug um Zug und läuft dabei die Straße auf und ab. Gedanken stolpern haltlos durch seinen Kopf. Er wird das nicht annehmen. Er kann es nicht. Das ist viel zu persönlich. Sie muss es zurückbringen. Warum nicht einfach ne scheiß Schokolade?! Da kann man auch nen beschissenen Tiger drauf malen. Fuck. Das Ding sieht echt gut aus. Eine richtig schöne Geste. Mit einer angemessenen Prise Humor. Ihr eigener Charme ist unverkennbar. Sie hat sich Gedanken gemacht. Und er kann das Teil brauchen. Aber ... das geht nicht. Wie kommt sie darauf, dass das in Ordnung ist? Er muss ihr sagen, dass sie ihm sowas nicht schenken kann. Dass sie ihm überhaupt nichts zu schenken hat. Das ist total unangebracht. Er bekommt nie etwas geschenkt und das wird schon einen Grund haben. Sie kann nicht einfach die sozialen Gesetze ändern.
Den letzten Qualm ausstoßend schnippt er den Filter auf die Straße. Jake hasst es, wenn er das tut. Aber Jake ist nicht hier. Er sitzt in Henford herum und lässt sich vermutlich von Alma mit schnippischen Bemerkungen befeuern. Alma - Die hätte ihm nie sowas besorgt. Die wollte immer nur, dass er es ihr besorgt. Das war schön oberflächlich. Einfach. Simpel. Klare Verhältnisse. Hauptsache keine Gespräche führen. Schon gar nichts Tiefsinniges.
Seufzend steckt Logan sich die nächste Zigarette an. Warum muss er immer von einem Extrem ins Andere kommen? Gibt's denn nichts dazwischen? "Fuck!" Es lief doch grade ganz gut. Sie war sensibel und er stand über den Dingen. Konnte ihr ein bisschen von ihrem Mindfuck nehmen und sich minimal nützlich fühlen. Und jetzt ... ist das Gleichgewicht fürn Arsch.
Muss er ihr allen Ernstes erklären, dass sie nicht auf einer Ebene sind? Dass er anders ist, als die, mit denen sie sonst zu tun hat? Dass sie nicht rumlaufen und ihn auf die selbe Stufe heben kann, weil er - bei aller Ehrlichkeit und Objektivität - es einfach nicht wert ist. Einem Haufen Scheiße kann man Glitzer überstreuen, damit man es erträgt, ihn anzusehen. Aber man kann ihm nicht die stinkende, krankmachende Essenz nehmen. Es bleibt ein Haufen Scheiße. Er kann es nicht annehmen. Er verdient es nicht.
Entschlossen, ihr die Wahrheit zu sagen, atmet er das Nikotin tief ein, bis nichts mehr übrig ist. Den Filter schnippt er zum anderen, bevor er wieder in den Club geht und direkt auf den Tresen zuhält, wo der Anblick des Etuis ihm einen kleinen Stich versetzt. Schon es in die Hand zu nehmen, ist ihm unangenehm, doch er wird das durchziehen. Mit dem Präsent bewaffnet bahnt er sich den Weg, zwischen den Clubgästen hindurch, bis zu ihr. Seine ernste Mine, mehr bedrückt als verärgert, starrt ihr entgegen, als er ihr die kleine Kiste vorhält. "Das ... " ist supercool und nett gemeint, aber ich kann es nicht annehmen, weil ich dessen nicht würdig bin. Trotzdem danke ich dir. "Nein."
Wie viele Minuten vergangen sind weiß Gerda nicht, aber dass es für Baghi keine guten waren kann sie gerade noch erkennen - sie hat ganz schön mit sich und ihrem Körper zu tun. Schwankend kommt sie vor ihm zum Stehen als er ihr das Etui zurück gibt. Das Silberne zwischen ihnen hochhaltend, schaut ihr Baghi vielsagend in die Augen. 'Mist, maaan, das ging jetzt irgendwie nach hinten los.' Sie nimmt den Aufbewahrungshelfer entgegen und nuschelt mit deutlichem Schwipps über die Musik hinweg, "Keee.... Ich hab zwar grad nich aaaalls verstanden wasde gesagt hast...", blinzelnd unterbricht sie sich mit eine unbestimmten Gestikulation, "also zwischen dem 'Das' un dem 'Nein'...", zieht sie eine Schnute, dann ein kleines Grinsen. "Nich Schlimm Baghi, nich schlimm. Ich packs eiiiinfaach weg hier un frag dich nochmal nach dem Grund wennich wieda klarer bin." Die Nase grinsend kraus ziehend, tippt sie sich gegen die Stirn, dann verschwindet das Etui umständlich in ihrer vorderen rechten Hosentasche. Da es zu groß ist, bekommt sie es nicht wirklich gut weggesteckt - ein Problem für Zukunfts-Gerda, beschließt sie nach fünf angestrengten, erfolglosen Tüftel-Sekunden.
Resigniert schnauft sie in Logans Richtung und hebt beide Hände. "Nichtrauchahose. Das geht jetz so, glaub ich. Komm... Ich hol mir noch ne Cola un du bekommst n Whiskey glaub ich, oder?"
Als Gerda sich nach ein paar Schritten rückversichernd umschaut ob er mitgekommen ist, sieht sie ihn leicht hinter sich her schwanken. Am Tresen angekommen hält sie sich ein bisschen fest. Der Barkeeper erhascht einen Blick auf ihre kurz gehobene Hand und nimmt Logan für zwei Sekunden maßnehmend ins Visier, dann wendet er sich ihr zu. Es werden ein Whiskey und zwei Cola-Becher vor den beiden abgestellt. Nickend und breit grinsend bedankt sie sich, freundlich erwidert der circa fünf Jahre ältere Angestellte das Grinsen. Ein Zwinkern folgt, dann zwei Shots mit jeweils einer halben Zitronenscheibe drauf und einem kleinen Salzstreuerchen sowie den Worten, "Die Kippen lasst ihr aus, ja?" Verwirrt dreht sie sich fragend zu ihrem Begleiter um - sein Blick? Hm. Irgendwassagend... egal. Gerda reckt zwei Daumen in die Höhe, bis der Bartender sich abwendet. "Well. Nun gibt's doch nochn bisschen mehr obendrauf." Bemüht konzentriert schiebt sie Logan zwei der drei Gläser zu. Einen der Becher - den mit dem Eis drin - nimmt sie und leert ihn zur Hälfte. Zufrieden tippt sie sich im Anschluss von dem Salz eine kleine Portion auf die Haut zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand, dann gibt sie es weiter. Ohne eine Mine zu verziehen steigt ihr Mitbewohner mit ein. Synchron lecken sie erst das Salz ab, dann stürzen sie den Tequila hinterher und beißen in die Zitrusscheibe. 'Das macht Spaß!', ist ihr Gedanke, bevor sie mit dem Ellenbogen abrutscht und um einen halben Meter absackt. Mit einem "Upsi", taucht sie halbwegs selbstsicher wieder auf. Ihr Grinsen hängt ihr schief im Gesicht und sie muss sich die Haare aus dem Gesicht streichen. "Du musst aufpassen, deeeer Tresen bewegt sich. Lass uns lieber vorsichtig sein hier un bald su den andern gehen?" Prüfend schaut Bird ihn an. "Gut dassu noch nich so detrunken bist... Dann gehst du am besten vor? Aaaba ich mag lieber nachdem ich die Coke hier leer hab ja? Glaub ich brauch ne freie Hand fürn Weg, knallt grad irgendwie rein."

Das war einfacher als erwartet. Logan hatte mit nervigen Diskussionen und Fragen gerechnet, wenn er ihr das Etui zurückgibt. Ein bisschen schade ist es schon - das Ding gefällt ihm. Es hat Stil und ist praktisch. Trotzdem steht seine Entscheidung fest. Und obwohl ein großer Teil in ihm erleichtert und dankbar ist, dass sie kein Drama aus seiner Reaktion macht, ist da ein kleinerer, aber ebenso präsenter Part in ihm, der nicht weiß, wie er mit dem entgegengebrachten Verständnis umgehen soll. Gerdas Art, ihn zu nehmen, wie er ist, wühlt sich bedrückend durch seine Eingeweide. Zunehmend genervt von seinen eigenen Widersprüchen stimmt er gedanklich der Idee, noch etwas zu trinken, zu. Die inneren Kämpfe in Alkohol zu ertränken hilft zwar nur in wenigen Fällen, aber es ist besser, sich abzulenken, als hier herumzustehen und ... zu fühlen.
Wankend folgt er Gerda zum Tresen, wo sie zielstrebig die Bestellung aufgibt. Die Ansage des Personals bringt sofort Logans Finger zum Kitzeln. Er hätte nicht übel Lust, sich sofort und demonstrativ eine Kippe anzustecken. Was ist das nur für ein abartiger Egotrip, der ihn dazu nötigt, huscht es ihm so eilig durch den Kopf, dass er den Gedanken nicht festhalten kann, während er dem kindlichen Trotz unterliegend schon seine Schachtel hervorkramt und umständlich darin herumzufischen beginnt. Er kann es einfach nicht lassen. Wie ein Kind, das seine Grenzen austestet, setzt er sich die Zigarette hinters Ohr, den Blick fordernd auf dem Tresentypen, der davon, zu Logans heimlicher Enttäuschung, nichts mitbekommt, während er die Bestellung zubereitet und auftischt.
Zwei Tequila gesellen sich abrundend zu den anderen Getränken. Das Zeug hat Logan zuletzt mit Jake gekippt - damals in Berlin. Typisch deutsches Jugendgesöff. Seiner kulinarischen Flexibilität zum Dank, hat er keine Mühe, die drei Phasen an den Geschmacksrezeptoren entlang zu schleusen.
"Braust mehr Übung, das alles.", raunt Logan zurück, nachdem Gerda ihm den Plan der nächsten Minuten darlegt. Nicht ganz so zielsicher, wie noch vor einigen Minuten, greift er nach dem Whiskeyglas und linst von oben hinein. Kein Eis - sehr gut. Das Zeug verwässert nur Geschmack und Erlebnis.
Schnaubend verschafft Gerda sich seine Aufmerksamkeit, als der Boden vom Whiskey-Glas auf dem Tresen landet. "Mehr Übung? Haha!" Gerda trinkt das vorletzte Drittel ihrer neutralisierenden Brause. "Das wär keine so gude Idee... Ich kann nämlich so riiiiichtig unangenehm werden. Wirklich." Bekräftigend nickt sie, kneift ein Auge zu und rückt ein Stückchen näher an ihn ran, nicht ohne sich an der Thekenplatte festzuhalten. "Un stell dir mal vor Baghi, dann sin wa swei, die rumstänkern." Es entsteht eine Pause in der beide trinken. Logans einer Mundwinkel zieht sich kurz hoch. Gerda schnappt sich einen Eiscube aus dem leeren Trinkgefäß und kaut ihn genüsslich in vier Teile. Mit sich zufrieden, schwenkt sie ihren Blick erneut zu Baghira. Hat er da schon die ganze Zeit eine Zigarette? Grübelnd taxiert sie ihn, dann die Servicekraft die sie soeben bedient und nen Kurzen ausgegeben hat. "Apropros Stänkern: Hast du dir da ne Kippe hindergesteckt, um den su provoziern?" Ein bisschen begeistert und auch getriggert (wenn sie ehrlich ist), reißt sie den Mund weit auf, ein paar Eiswürfelreste noch vorhanden. Dann landet ihr ausgestreckten Zeigefinger zwischen ihnen. Kauend nuschelt sie, "Oh mein Gott! Das is total dein Ding oder?! Ne Ansage oder n Nein sin ne Herausforderung! Jeeedes Mal oder?!?" Ihre Theorie überprüfend streckt Blitzbirnen-Gerda nach einer kleinen Weile der Begeisterung über ihre Top-Ermittlerinnen Fähigkeiten die Hand nach seinem Glas aus, die letzten Stückchen vom gefrorenem Wasser in ihrem Mund sind verschwunden. "Gib mir was ab.", fordert sie ein und legt langsam, Finger für Finger ihre Hand an sein Glas. Ihr Grinsen ist schelmisch, ihre Augen funkeln freundlich-spielerisch.

Als hätte sie ihn bei einer List ertappt, legt sich ein schuldbewusstes Schmunzeln auf Logans Gesicht. Ihrem Blick ausweichend zieht eine Schulter gen Nacken, als ihm ein langgezogener Ton entfährt. "Naaaa, ich binn kranker Mann." Gerdas charmanten Forderung nachkommend drückt sich das Glas in ihre Handfläche. "Iiich ... kannix dagegen machen." Verlegen reibt er sich mit zwei Fingern die Stirnfalten. Er weiß, dass er sich lächerlich verhält. Aber allein der Gedanke an das erteilte Verbot steigert den inneren Drang, sich dem zu widersetzen. "Von Monica gabs nie Vorschriffen.", murmelt er gedankenverloren. Leiser, kaum hörbar, hängt er an: "Well, daßu hättse mich ersma sehen müssen, rite?" In schweren Bewegungen pflückt er die Zigarette hinterm Ohr hervor und dreht sie zwischen den Fingern hin und her. Prüfend gleitet sein Blick zum Barkeeper. Nur ein Zug. Das würde schon reichen, um dem Spinner zu zeigen, dass er drauf scheißt. Was will der schon machen? Er wird ihn wohl kaum in den Keller sperren. Und selbst wenn - es gibt immerhin eine reelle Chance, dass sich da Alkohol für Lau befindet - was viel besser ist, als rohe Kartoffeln.
Die Zigarette zwischen die Lippen klemmend, angelt er das Zippo aus der Tasche, als Gerda das leere Glas abstellt. Mit einer kaum zu überbietenden Selbstverständlichkeit steckt er die Kippe an, wankt dabei einen Schritt zurück, fängt sich aber sogleich unaufgeregt wieder auf. "C'mon, bi-" Abrupt bricht er ab. Sein Blick fällt auf Gerdas Hosentasche, aus der noch immer eine große Ecke des Pantherkopfes hervorsteht. "C'mon, less go. Troubletime." Das Zippo zurück in die Tasche schiebend, zwängt er sich durch die umstehenden Leute. Von irgendwoher weht ein Kommentar über den Glimmstängel herüber - es tangiert ihn nicht.
An der Treppe zum Untergeschoss angekommen wartet er einen Moment, bis Gerda zu ihm aufschließt. Die Stufen nach unten zwar ungleich wankend, dennoch erstaunlich geschmeidig herabschlendernd, erreicht er kurz darauf das Untergeschoss. Die Musik ist hier deutlich dumpfer, und halb überlagert durch das Gemurmel der Gäste. Gerade wird die Tür zum Backstagebereich geöffnet und eine mächtig angetrunkene Bassistin fällt ihnen lachend entgegen. Kichernd stützt sie sich mit einem Arm an Gerda, mit dem anderen an Logan ab. Noch lange nicht betrunken genug, um sich von jedem antatschen und belagern zu lassen, weicht Logan reflexartig einen Schritt zurück, wodurch Ashley ins Straucheln gerät und sich gerade noch an ihrer Freundin festhalten kann. "Eyyyy Wo wahtihr denn? Chabauf euch gewahtet."
"Ja, das offensichtlich.", nickt er unbeeindruckt. Skeptisch beobachtet er Ashley, wie sie sich bemüht aufrichtet, um ihren Weg zu den Toiletten fortzusetzen, nicht ohne irgendetwas Unverständliches vor sich her zu nuscheln.
"Yeahh, die wird das Vorsbieln morgn so richtich genießen.", brummt Logan mit schwerer Zunge und hält Gerda auffordernd die Tür auf, um nach ihr einzutreten.
Nicht mit der allergrößten Mühe, aber schon hart bemüht eiert Gerda hinter ihrem Begleiter hinterher. Der Weg zum Treffpunkt mit der Band, zur Abschlussfeier, ist beschwerlicher als gedacht. "Sorry... Dieses Getränkeballlanciern is schon irgnwieee...", addressiert Gerda an eine Person auf der Treppe, die sie fast mit ihrer Cola bekleckert hätte. Sicherheitshalber bleibt sie stehen und trinkt ein paar große Schlucke ab. 'Verdammichey', klacken die zwei fast weggeschmolzenen, übrig geblieben Eiswürfelchen gegen Gerda's Zähne. Wie Logan es schafft, bei seiner Betankung noch einen so geschmeidigen (?!) Gang zu pflegen, ist beeindruckend und bringt sie auf eine Idee. Das Babysitten des noch zur Hälfte gefüllten Bechers, nervt und überfordert jetzt krasser... Sie muss das Ding loswerden und sich auf ihre Idee konzentrieren. Und das Laufen. Als sie bei Baghi und vor der Tür ankommt, knallt ihnen Ash in die Arme. Boooaaaah is die Hacke! "Boaah bissuhaackee!", lacht sie ihre BBF an. Es werden ein paar Mädcheninfos ausgetauscht und schon ist sie auch fast wieder weg. Dass ihr Roommate sich aus der Dreier-Umarmung mit der tollsten Frau der Welt gewunden hat, hat ihr nun das Problem mit dem Becher abgenommen: Das Plastikgefäß kullert über den Boden, die Coke hat sie selbstlos aufgefangen. Klaaaroooo. Shirt und Hose mal wieder nass... Sie sollte sich vielleicht angewöhnen wie ein Kita-Kind Wechselklamotten dabei zu haben.
Der Raum ist gut gefüllt. Bob, Jo und Ro liegen sich in den Armen und es wird aufs äußerste gedrückt, geherzt und geheult. Bird verzieht ihr Gesicht und dreht sich um. "Bäähhh... Die sin schon am Abschiedn undas is mir suviel grad." Ein Hickser und ein Grinser bringt sie hervor, dann: "Woll wir bissn... n... bisschn was machn, was die hier nich wolln? Komm mit, Baghs. Wir geh widda hoch.", zwinkert sie ihm zu. "Troubletiiime."
Ein kurzer Blick ins Innere des Raumes verhagelt Logan zum siebten Mal an diesem Abend die Laune. Hat denn hier jeder Gefühle?
Ehe er auf irgendetwas um ihn herum reagieren kann, schlägt Gerda bereits den Weg zurück nach oben ein. Ihren Worten nachhängend bleibt er zurück. Was machen, was die nich wollen? Will sie ne Nummer schieben? Logan horcht in sich hinein, der Kopf neigt sich leicht zu einer Seite. Er war nicht zurückhaltend an der Bar. Wenn er jetzt eine halbe Stunde pausiert, sich bisschen bewegt, könnte er vielleicht noch genügend Leistung bringen. Ein frischer Zug der Zigarette, gedankenlos auf den Boden aschen, dann zuckt er mit den Schultern und folgt ihr - wohin auch immer sie unterwegs ist.

An der Treppe angekommen ist Gerda bemüht, halbwegs würdevoll an den genervt und teilweise hissenden Mitsims vorbei zu steuern. Die Nummer mit dem weniger betrunken wirken als tatsächlich sein, funktioniert nicht so gut wie erhofft. Mindestens drei Mal ist sie schon auf jemandes Fuß getreten und auch am Zigarettenqualm vom Panther stören sich doch recht viele Leute, wenn man bedenkt in welcher Szene sie sich hier befinden. Für ein kleines Verschnaufs- und Gleichgewichtspäuschen bleibt sie stehen und wartet auf ihren Trinkpartner.
Gerda stutzt einen Moment, als sie ihn näher kommen sieht, dann schmunzelt sie leicht. Hö? Wie guckt der sie denn gerade an? Das ist interessant. Und... es gefällt ihr. Und da sie nun irgendwie im Thema Dinge-die-gefallen angekommen ist, bemerkt und erklärt sie ihm, dass sie es gut findet, dass er sich eine angesteckt hat, dass er hier raucht. Eine kleine, zarte Schwankpause entsteht, bevor sie ihren Gedanken zu Ende führt. "Auch wennich nichrauchabin... Ich mag dass, s hat was cooles, sinnliches. Erodisierendes? Weißt wassich mein?" Dann folgt ein kurzer, beleidigter Erklärmoment. "Mir schmeckt es aba einfach nich un so langsam hab ich mich arran... arrangiert. Ich bin ehr son Clown. Coolness is für andere.", winkt sie ab. Dann ein Zwinkern, "Darum is cool, das du cool bis uuun ich bin dann auch biiiiischen", mit Daumen und Zeigefinger bildet Gerda eine unterstreichende Geste, "cooler. Nich nur Colabekleggert un beklebt." Sie schaut an sich runter. "Ach vergiss wassich gesagt hab... Wir sind gleich da. Komm, jetz will ich dich in Action sehen."
Sich auf die Unterlippe beißend, wühlt sich Gerda durch die tanzende Menge, die mehr oder minder gut über den ganzen Raum verteilt ist. Sehr gut. Dann fallen sie erstmal nicht auf. Sie nimmt den Platz direkt vor dem circa fünfzig Zentimeter hohen Absatz vor der Bühne ein. Mit leuchtendem Blick fängt sie Baghi ab und ein. "Na? Bock auf Drums? Und biiiiitte! Rauch weiter, für mich, kee? Nur nochn biiiisschen." Der Lärm um sie rum, nimmt sie in Empfang und sie sieht, wie es in ihm kribbelt. "Auf dasse uns rausschmeißn.", kichert sie. "Kannich auch ne Ziggi ham? Glaub, ich mach jetz Außnahme, sonst kannich nich mithalten."
So sehr Logan sich bemüht, verliert er den Kampf gegen das breiter werdende Schmunzeln. Die Kleine ist so durch, dass es ihm ein regelrechtes Grinsen aufs Gesicht legt. Das passiert nicht häufig. Ihre Andeutungen sind klischeehaft und primitiv und treffen genau seinen Humor. "Pass ma auf, Baby." Das Gewicht auf das starke Bein verlagernd senkt er den Kopf, so dass er unter den mürrisch zusammengezogenen Brauen hervorlinst, und mit Mittelfinger und Daumen die fast abgerauchte Kippe zwischen die Lippen setzt, um ihr den letzten Zug zu entziehen. Der Kopf kippt lässig in den Nacken, sein Adamsapfel presst sich deutlich sichtbar von innen gegen die Haut, während er durch halb geschlossene Augen den Blickkontakt hält. Den glimmenden Filter schnippt er unachtsam auf den Boden, irgendwo vor sich. Erst dann lässt er den Rauch durch leicht geöffnetem Mund ab. Die Pose haltend zieht er die Schachtel aus der Hosentasche, der Daumen kippt den Deckel beiseite, damit die Finger eine neue Zigarette hervorholen können. Zwei mal klopft er das Ende auf dem Handrücken an, bevor er das gute Stück in den Mundwinkel klemmt. Sein Zeigefinger hebt sich halb vor sein Gesicht, dann wiederholt er den Ablauf. Die zweite Kippe landet im anderen Mundwinkel - was ihm ein wenig den Charme eines einschlafenden Walrosses verleiht. Noch immer hält er Position und gibt sich wie die Coolness in Person. Zwei Finger heben sich. Das Zippo folgt, die Flamme tanzt vor seinem Gesicht, als er erst die rechte, dann die linke Zigarette zum Glühen bringt. Feuerzeug und Schachtel versinken kurz darauf in den Tiefen der Hosentasche. Den Kopf leicht wippend, macht er einen federnden Schritt auf Gerda zu, noch immer als übergewichtiger Meerespanzer verkleidet, bleibt einen Meter vor ihr stehen und hebt langsam die Hand, um eine der Kippen zwischen die Finger zu nehmen und ihr zu reichen.
"Hey, Kleine. Bogg an meiner Schdange ßu ludschen?" Eine Augenlid schließt sich zu einem entgleisten Zwinkern, bleibt zu lange geschlossen und öffnet sich erst wieder, als Logans Lippen sich verkrampft gegen ein Auflachen wehren. Schultern und Kopf zucken kurz einander entgegen, ein tiefes Grunzen poltert aus dem Rachen, wird in beherrschtem Räuspern erstickt, ehe Logan wieder Haltung einnimmt.
'Baby?!' wiederholt ihr Blick so amüsiert wie angeschaltet. 'Okay...' Gerda presst genüsslich ihre Lippen aufeinander, eine Augenbraue verselbständigt sich abcheckend. "Hmmmm", entfährt es ihr. Als sein Kopf zurück nach vorne fällt und er - mit diesem Blick! - bis fast auf Armes Länge herankommt, muss sie herzlich und schallend lachen. Ihr Mund öffnet sich, nur was Schlagfertiges will sich nicht finden lassen. Aufrecht und alleine stehen, die Körpermitte, die sanft zu reagieren beginnt 'Scheiße', ihr Gehirn in Teilen unterwegs... sie hat viel zu tun. Ein Teil auf ihm, ein Teil bei den Drums und dem Beat des zu hörenden Stücks. Ein letzter beim Aufrechterhalten der von ihm generell benötigten Abstandegeln. Auf die sie langsam aber sicher beginnt zu scheißen. Sie macht einen kleinen Schritt auf ihn zu und nimmt ihm die Kippe ab. Bewusst berühren ihre Finger seine. "Vorsicht Baghi, deine Attitüde iss... ich krieg das Bedürfnis dich ansufassn un mich auf dich su sedsen...", erklärt sie dem Poser, dann nuckelt sie ebenfalls betont lässig an der Kippe, bevor sie uncool anfängt zu husten.
Logans Haltung löst sich, als Gerda in Gelächter ausbricht. Normalerweise geht ihm die Fröhlichkeit der Mitsims auf den Sack - es ist, als müssten sie ihm unter die Nase reiben, wie schön und unbeschwert ihr kleines Leben ist, während er jeden verdammten Tag mit seiner hauseigenen Bestie kämpft. Doch bei Gerda ist das anders. Er weiß nicht, woran es liegt, aber ihre schallende Freude erfüllt ihn ein klein wenig mit Stolz. Es ist gut, nicht immer nur Ärger und Trauer zu verursachen.
Ohne dass er es selbst registriert, hebt sich der freie Mundwinkel zu einem schiefen, gewohnt dezenten Lächeln. Die Berührung ihrer Finger treiben ihm ein heißes Kribbeln bis in den Oberarm. Bloody shit, die steht wirklich auf dieses Gehabe ... Für einen kurzen Moment rutscht sein Blick ab, streift über die Muskelstränge an ihrem Hals, dessen Bahnen ihn durch magische Anziehungskraft fesselnd bis zur Kehlgrube führen. Zusammen mit den markanten Schatten der Schlüsselbeine bildet sich eine harmonische Linie der Verführung - mit ihrer reinen glatten Haut ist dieses Bild nahezu perfekt. Einen tiefen Zigarettenzug lang tut sich nichts zwischen ihnen. Dann verlässt sie hustend diesen Moment, so dass Logans Gedanken sich ein Stück weit neutralisieren. Die Kippe zwischen die Finger nehmend deutet er mit einem Kopfrucken hinter sich zur Bühne, wo noch immer das Schlagzeug aufgebaut ist. Er weiß nicht, ob es Jo gehört, aber unter Musikern gibt es einen Kodex - man nutzt die Instrumente der anderen nicht. Schon gar nicht ungefragt. "Hab ne Weile nicheschbielt.", warnt er vor qualitativem Mangel. "Un binnbissen anneßehlt. Richtich guud wirddas nich." Aus den Boxen dröhnen die ersten Riffs von Motörheads 'Ace of Spades' - simples Spiel voll aufs Brett. DIE Chance, mit einzusteigen.

Wie selbstverständlich betritt Logan das Podest und erreicht mit wenigen Schritten das Schlagzeug. Wie immer, wenn er sich einem solchen Ungetüm nähert, streichen seine Finger sanft über die Toms, während er den Aufbau umrundet, um den Platz auf dem Hocker einzunehmen. Mit einem minimalen Handgriff fährt er das Gestell auf die passende Höhe, ehe die qualmende Kippe wieder im Mundwinkel landet. Jos Sticks sind bereits vom Einsatz lädiert, zumindest bei einem ist fraglich, wie lange er noch schafft, bevor er zerbirst. Beide Sticks wie ein Victoryzeichen in die Luft haltend sendet er Gerda ein provokantes Nicken. Für Aufwärmen bleibt keine Zeit. Möglich, dass er das bereuen wird, aber no risk, no fun.
Lemmy Killmisters raue Stimme ist kurz davor die Bridge einzuleiten. Auf seinen Einsatz wartend bringt Logan sich in Position.
Der Takt stoppt, Lemmy krächzt die magischen Worte:
'You know I'm born to lose.' - Zwei Schläge auf die Tom.
'And gambling's for fools.
But that's the way I like it, baby,
I don't want to live forever.'
Parallel zur Vorlage nimmt Logan den Rhythmus auf, drischt auf das Fell ein und begleitet das Dosenstück von da an souveräner, als er selbst erwartet hätte. Den Song hat er vor Jahren öfter nachgespielt, die Abfolge sitzt noch immer.
Trotz dem alarmierenden Ziehen in den Muskeln konzentriert Logan sich auf sein Tun. So registriert er nicht, wie nach und nach die Clubgäste aufmerksam auf ihn werden. Manche belustigt, andere irritiert, dauert es nicht lange, bis sich jemand aus den hinteren Räumen durch die Leute wühlt - augenscheinlich nicht begeistert darüber, dass irgend so ein angetrunkener Typ meint, er könnte auf Rockstar machen - auch noch rauchend!
"Hey!", brüllt er nach oben gegen den Lärm an. "Lass den Scheiß! Runter da, du spinnst wohl!"
'Scheiß Nichrauchalunge man', fährt es Bird durch den Kopf. Der Husten hat den Moment zerlegt. Vielleicht auch besser so, so langsam wurde es knisterlich - und schnell. Zu schnell für ihren lahmen Körper. Oder Geist. Oder beides. Gooooott sie ist so rattig jetzt!
Das breiteste Grinsen das sie besitzt, zieht ein, als der musikalische Schlagabtausch kommt! Trotz leichter Enttäuschung übers Knisterende ist sie Lemmy und Jungs dankbar, immerhin retten sie die Situation und sie bekommt ihre begehrte Show. Logan nimmt auf dem Hocker Platz und bereitet sich vor. Oh yeah! Die Kippe im Anschlag - check. Sexy und ein bisschen glücklicher aussehen sowie ihr erneut den Hals und einen personalisierten Gruß zurecken - check. "Oh boy! Disser Kehlkopf!", seufzt Gerda ungehört, erinnert sich an den Glimmstängel in ihrer Hand und nimmt den Filter mit den Lippen auf und beginnt vorsichtig und langsam daran zu ziehen. Der Qualm brennt ein wenig in den Augen und als es zur Inhalation kommt, boxt ihr quasi ein Muli in den Magen und vor die Stirn, Nikotin und Alkohol feiern jetzt scheinbar auf ihr zusammen. Schnell macht sie die Augen wieder auf, da auch Schwindel nun mitmischen will. 'Noah ey. Da will man ein Mal auf die Kacke hauen... cool un sexy aussehn und dann hauts ein-,'
Plötzlich mischen sich Störgeräusche in ihr Selbstgespräch. "Scheiße.", entfährt es ihr genervt und nervös. Die Kavallerie stürmt unterstützt von nem billigen Zwischenruf von rechts dazwischen. Okay. Jetzt muss irgendwas passieren, sonst... "Yo yo yo", hört sie sich selbst lall-sagen und ärgert sich über ihre sprachliche Einschränkung. Entschuldigend sowie mit lauter werdender Stimme und erhobenen Handflächen schiebt sich Gerda zwischen die beiden Wir-haben-hier-offiziell-was-zu-sagen-Typen und die Bühne.
Mit schwerer Zunge betextet sie so schnell sie noch kann die beiden Kerle und erklärt ihnen, dass das hier gerade eine spontane Promo-Aktion mit dem neuen Drummer ist. "Abgesprochn is das mitm Bob. Bob Lam, den kennt ihr ja bestimmt. Manager von Pleasant Journey? Dem Hauptakt heudde? Freunde!" Ein kurzer Blick zu Logan, mit einer beruhigenden Geste die ihm sagen soll, dass sie übernommen hat. "Das", Gerda macht eine Geste auf sich, die brennende Kippe und Baghira an den Drums, "is alles Last Minute entstandn.... Sorry. ich gehör auchdasu, übrigens, machn Volon...tariat bei irgendwem uuuun hatte die spontane Idee von dem Fotoshooting im Stil der 80er. Darum auchde Sigaretten." Gerunzelte Augenbrauen und Stirnpartien starren sie an. Duuuurchziehen jetz. Durchziehen.
Wieder setzt sie ihre Handflächen zur Beschwichtigung ein. "Wahrscheinlich sin alle offiziellen Sprecher der Band zu traurig un betrunkn un ham mein Plan hier nich an euch weitergepetzt, oooder richtiger fom- fomuliert...", jappst sie etwas mit trockenem Mund, "erfragt." Ihre Mundwinkel ziehen sich schuldbewusst nach unten. "Tut mir leid, war der falsche Weg. Jetz... Wo ich drübba nachdenk...", wieder gestikulliert Bird versöhnlich. "Un den Drummer trifft keine Schuld, der hat nur gemacht wosu ne nervige Olle ihn überredet hat. Ellich."

Fragende Blicke werden ausgetauscht. Nonverbale Kommunikation schwebt zwischen den beiden Männern. Für einen Augenblick scheint Stille den Raum zu erfüllen - obwohl der nächste Track bereits einspielt. Kratziges Gitarrengeschrammel legt sich über die Szene. Mit geschlossenen Augen wippt Logans Kopf, den Takt aufnehmend, auf und ab. Das Schlagzeug setzt ein, sein Spiel liegt einen halben Takt neben der Spur. Natürlich kennt er den Klassiker der Stooges, allerdings hat er den Song nie selbst performt. Noch ehe er sich in den Rhythmus einfinden kann, schieben sich zwei kräftige Greifarme unter seine Achseln, entschlossen, seinen Auftritt zu beenden. Überrascht reißt Logan herum, sein eigener Arm streift die heiße Glut der Zigarette und schlägt vor Schreck seitlich aus. Sein alkoholgeschwängerter Verstand begreift nicht, was geschieht und deutet die Situation vollkommen falsch. Die Kippe fällt zu Boden, der Ellenbogen schnellt zurück, trifft auf etwas Hartes, der Griff unter seinen Armen löst sich, so dass er herumwirbelt, um den vermeintlichen Angreifer frontal zu attackieren. Doch der Boden unter ihm gibt nach, die Welt dreht sich und er beginnt zu taumeln. Stolpernd versucht er, den Blick zu fokussieren. Der Andere ist mindestens zwei Köpfe größer. Seine Erfahrung sagt ihm, dass er keine Chance gegen den Kerl hat - erst recht nicht in diesem Zustand. Sein Ego ist anderer Meinung. Größenwahn ist das Minimum an Selbstvertrauen. Adrenalin schießt ihm durch den Körper und ehe er mitdenken kann, schlägt seine Faust auf dem Brustkorb des Riesen auf. Dessen Körper staucht kaum zusammen - der Schlag war kraftlos und unpräzise. Mit einem Ruck greift der Typ Logan am Kragen, zieht ihn zu sich heran, spuckt ihm unverständliche Worte ins Gesicht und bugsiert ihn von der Bühne.
An Gerda vorbeibretternd weist er den Kollegen an, das Volontariat ebenfalls zu entfernen, woraufhin der Kleinere der beiden Männer ihr mit hoch erhobenen Brauen und ausgestrecktem Arm den Weg weist - dem Rockstar hinterher Richtung Ausgang.
#33
Logan wird im wahrsten Sinne an die Luft gesetzt. Kaum lässt der Riese ihn frei, ist er auch schon wieder im Inneren des Gebäudes verschwunden, so dass Logan sich nach allen Seiten herumdreht, beinahe so, als würde er den Unsichtbaren suchen, der ihn binnen zwei Sekunden hierher gebracht hat. Das Gefühl, ungefragt angefasst worden zu sein, brennt sich unangenehm durch seine Haut tief ins Fleisch. Wer zum Teufel war das? Tiefsitzende Muster wühlen sich auf dem Weg zum äußeren Geschehen durch alkoholvernebelte Betäubung, bleiben auf halber Strecke in einem unklaren Sumpf aus Damals und Heute stecken. Verwirrt über die Schwammigkeit der Situation passiert ... gar nichts. Die Sache wird von seinem Inneren als Fehlalarm verbucht, die Reize fahren herunter, der Adrenalinspiegel sinkt merklich, der Verstand kehrt zum Hauptmenü zurück. Reboot.
Ort - draußen.
Impuls - Bock auf Action.
Gesellschaft - Gerda.
Aus Gewohnheit steckt er sich die nächste Kippe an, nimmt sie zwischen Daumen und Mittelfinger und mustert seine Mitbewohnerin. "Was geht?", hört er sich sagen, den Kopf lässig zur Seite geneigt. Ihre Augen haben dieses Funkeln, nicht ganz hier und doch voll im Moment. Sie atmet in tiefen, scheinbar aufgeregten Zügen, so dass sich ihr Brustkorb unübersehbar hebt und senkt. Dieses ... irre ansehnliche Dekolleté, eingerahmt von den Schlüsselbeinen, in perfekter Harmonie zwischen Licht und Schatten, Weichheit und Stärke. Fasziniert von diesem Anblick verfolgen Logans schwarz schimmernde Augen die sanften Bewegungen ihrer Haut. Und er spürt, wie sich Hitze in ihm ausbreitet. Ein flirrendes Ziehen jagt in seinen Unterleib. Aus dem leicht geöffneten Mund entweicht hellgrauer Qualm, als er den Blick hebt und in ihren Augen fordernd nach Bestätigung sucht. Kein Wort. Kein Zucken. Nur ein gezielter Schritt nach vorn, bei dem er die Zigarette zur Seite schnippt.
Ein fester Griff in ihren Nacken zieht sie heran, in der selben Sekunde, in der seine Lippen auf ihren landen, sie mühelos öffnen und seine Zunge mit sanfter Bestimmtheit auf ihre trifft, sie umkreist und zum Tanz auffordert. Das Prickeln durchfährt ihn bis in die Schultern. Die Hand im Nacken packt fester zu, zieht sie noch näher an sich heran, so dass sie spüren muss, wie seine Jeans hinter einem Pochen zu spannen beginnt. Als müsste er sicher stellen, dass es ihr nicht entgeht, legt er seine zweite Hand auf ihren unteren Rücken, um sie gegen sich zu pressen.

Mit angehaltenem Atem und einer Art Unschuldsmine schaut Gerda zwischen den beiden fremden Schränken hin und her. Der Große schafft es irgendwie, ein Auge auf den sich nicht aus dem Konzept bringen lassenden Baghi zu haben und das andere stimmt sich mit seinem Kollegen darüber ab, was sie nun tun wollen. Abgefahren. Gerade will sie noch etwas hinzufügen, als der Chameleonmann auf die Bühne zuhält. Die Augen fast schon schmerzhaft geweitet, steht sie da wie angewurzelt und kann sich nicht rühren. Wenn der Typ ihn anpackt, eskaliert es sofort, dass weiß sie. Scheiße. Logan ist noch voll im Trommelrausch. Der Anschlusssong funktioniert und schubt ordentlich und zeichnet nicht nur einen ineinander klickenden Übergang von Energie und Gebretter, von Klassiker zu Klassiker. Nein. Iggys Worte und die Vibes des Songs sprechen ihr aus dem Körper.
So messed up I want you here
In my room I want you here
Now we're gonna be face-to-face
And I'll lay right down In my favorite place
Alles in ihr schreit nach ungezügeltem und rücksichtslosem Sex, obwohl sich die Lage gerade ziemlich zuspitzt und der Alk sie in seiner leichten Schwere eingebettet hält. Gerda schluckt trocken. Sie hat sich wirklich einen beschissenen Zeitpunkt für Egomanie ausgesucht. Oder haben Betäubung und animalische Instinkte die Führung übernommen? Eigentlich ist das schon ehr ungewöhnlich für sie, sich selbst solchen Gedanken so zu ergeben. Und dann auch noch in der Öffentlichkeit. Das ist etwas, was sie sich in der Regel verbietet, da nahezu jeder der es darauf anlegen wollen würde, in ihrem Gesicht lesen könnte wie in einem Buch. Aber das alles, ist jetzt nebensächlich. was zählt ist, wiiiiiiiiieeeeeee sexy er spielt, wie selbstvergessen und wild. Jede Faser seines Körpers ist unter Spannung, sie sieht die unter Strom stehenden Muskeln und Sehnen. Ihre Mitte stellt die Kochplatten an. 'Scheiße ja.'
Hinter Panik verschleiertem Nebel nimmt Bird wahr was auf der Bühne passiert, als der Große das Trommelbiest anfängt abzusammeln. Sekunden vergehen zäh und doch irgendwie schnell und mit einem Mal wird ihr Mitbewohner an ihr vorbei getragen. Sie bekommt eine eindeutige Geste vom zweiten Rausschmeißer und setzt sich umgehend in Bewegung. Kurze Zeit später stehen sie ohne die Angestellten voreinander, vor der Tür. Das Adrenalin pumpt ihr in den Kopf, die Erleichterung über den glimpflichen Ausgang der Situation ist im Landeanflug. Gerda schaut ihn an. Logan orientiert sich und zündet sich eine Zigarette an. Dann die Coolness selbst, der Spruch. Vor lauter Allem, steht sie einfach da und atmet. Sie will ihn. Und er sie, dass ist klar. Noch nie (!) wurde Gerda so schmeichelhaft angesehen, nicht Mal von David. Das Bewusstsein, dass sie gerade überaus anziehend gefunden wird, überfordert und bestätigt sie gleichermaßen. Und dann d i e s e r Move mit der weggeschnippsten Kippe!!! Als wäre sie das einzige auf der Welt was jetzt zählt, lässt sie völlig durchknallen.
Ein hungriges "Du gehst!", kriegt sie man gerade noch raus, bevor er sie packt und ihre Lippen sich treffen.

Ergeben stöhnt sie in den Kuss, lässt sich begierig auf den Zungentanz ein, drückt sich gegen ihn. Ihre Hände und Arme umschließen seinen Oberkörper. Gerda zieht ihre Zungenspitze nach einem sinnlichen ersten Akt ein wenig zurück um eine weitere Erkundungsrunde einzuleiten, dieses Mal unter ihrer Führung. Überraschender Weise lässt er es zu. Sein Mund ist so herrlich warm und weich, hat nichts verspanntes, nichts hartes. Ganz anders als beim letzten Mal. Sein Griff ist fest und gnadenlos hingebungswürdig. Genau so wie sie es mag. Auf den Punkt.
"Ichwilldichjetz", stöhnt sie, in halb beherrschter Lautstärke, ihre Hüfte vorschiebend.
optionale Szene 18+ Toronto
Mit dem sicheren Gefühl tief im Brustkorb, einen weiteren Kampf sowas von verloren zu haben, beginnt Logans Aufmerksamkeit nach etwas zu suchen, um diesen Schmadder von sich zu wischen. Binnen weniger Sekunden gibt er auf. Es macht ohnehin keinen großen Unterschied. Das Gift ist längst durch seine Haut tief in sein Inneres gesickert. Mit der nackten Hand wischt er über sein inzwischen fast komplett erschlafftes Stück, um die gröbsten Schmierbrocken der Vereinigung - und gleichzeitig einen Teil der Selbstverachtung abzustreifen. Die Hand schüttelt sich einmal kräftig aus, ehe sie den Rotz am Hosenbein abwischt und schließlich die Hosen zur Hüfte hochzieht und den Gürtel einklinkt.
Der nächste Griff geht zu den Zigaretten. Rauchen beruhigt die Nerven, hüllt dieses widerwärtige Gefühl, wie ER zu sein, in graue Dunstwolken. Natürlich genügt das nicht. Alkohol muss her. Mindestens. Einen halben Block vom Club entfernt, liegt ein kleiner Kiosk. Das wird die nächste Aufgabe. Und eine heiße Dusche. Den Schmutz aus den Poren brennen. Bis hierher hat Logan vermieden, aufzuschauen. Er könnte es nicht ertragen, Gerda anzusehen. Sie, als Teil des Ganzen. Opfer seines Spiels, Gesicht seiner Schuld. Ohne ihr Beachtung zu schenken, geht er los, die Finger mit der Kippe nah vorm Mund haltend - Zug um Zug nimmt er in sich auf, so dass es sich nicht lohnt, die Hand zu senken.
Bird ist ganz knapp vor einer Art Ohnmacht. Nachzuckend und sacht zitternd merkst sie, wie Logan sich Schrittweise von ihr zu lösen beginnt. Als sie wieder frei und auf sich gestellt an der Wand steht, umhüllt sie ein Kühler Hauch von Luftbewegung, streichelt ihre schwitzige Haut holt sie zurück in den Hinterhof, in die Gegenwart außerhalb ihres Körpers. Wooow. Das war sowas von intensiv... sie wurde nach allen Regeln der Kunst... gefickt. Eigentlich mag sie das Wort nicht, ist ihr zu ordinär. Warum das so ist, weiß Gerda nicht, es ist einfach so. Aber gerade... Ihr Gedanke wird vom Geräusch einer klickenden Gürtelschnalle und einem aufgezogen Zippo unterbrochen. Zurück in ein ruhigeres Atemmuster findend registriert sie langsam weitere Dinge aus ihrer Umgebung. Das gedämpfte Gewummer aus dem Club, Stimmen und Gelächter, kleinere Wildtiere, die umher flattern und entferne Kämpfe austragen.
Gerda spürt ihre Beine nun wieder etwas zuverlässiger und verlagert ihr Gewicht von der Wand wegkommend. Als sie sich vorsichtig bewegt, bemerkt sie, dass Logan an ihr vorbei geht. In dem Moment, in dem sie ihre Hosen hochziehen will, laufen ihre Körperflüssigkeiten in einem kleinen Schub beginnend aus ihr raus. Woah. Das ist immer ein schönes Gefühl, jedoch mit Taschentüchern und nem Badezimmer in erreichbarer Nähe deutlich geiler. Egal. Sie beeilt sich, damit ihr Höschen als Sammelstation dienen kann und ihr nicht alles am Bein herunterläuft. Die Mission kann erfolgreich abgeschlossen werden und während sie sich nach ihren Oberteilen bückt, blitzt das matte Silber des heruntergefallenen Etuis ihr entgegen. Sie hat nicht mitbekommen, wie es zu Boden gefallen war. Im Lustrausch kann sie nur ein Programm. Völlig Stumpf und reduziert. Nun ja. Sie verstaut es wieder und als sie sich nach Baghira umschaut, ist der weg. Irritiert blinzelt sie. Hä? Wartet er um die Ecke? So flott ihr Zustand es ihr erlaubt, pellt sie sich zurück in ihren BH und das wieder auf rechts gezogene Shirt und setzt sich in Bewegung, mit einem undefinierbaren Gefühl im Bauch.

Keine Minute später verlässt Logan den kleinen Laden. Nach nur einem Schritt auf den Weg hinaus bleibt er stehen und beginnt ungeduldig an der Papiertüte herumzufummeln, um den Deckel der frisch gekauften Whiskyflasche abzuschrauben. Zwar ist das Trinken auf öffentlichen Straßen - selbst mit sichtschützendem Papier - hierzulande streng verboten, doch die Regeln dieses freundlich-verklemmten Staates interessieren ihn in etwa so sehr, wie eine befremdliche Musikrichtung namens Goa. Er braucht jetzt diese Betäubung, innen wie außen. Den Kopf in den Nacken gelegt rinnt das süßlich brennende Gold die Speiseröhre hinunter, bereit das beklemmende Gefühl bis in die hintersten dunklen Ecken seines Ichs zu spülen. Wie Wasser schüttet Logan die Flüssigkeit sekundenlang in sich hinein, bevor er scharf ausatmend absetzt. Sein Blick geht flüchtig in Gerdas Richtung. In seiner Hilflosigkeit bleibt er unentschlossen, wie er ihr begegnen soll. Zögerlich hebt er ihr die Tüte entgegen, als wolle er ihr zuprosten.
Die Entscheidung, zwei Ecken weiter vom Club mit Blick auf den Kiosk zu warten, viel Gerda leicht. Etwas abgekühlt und wieder klarer im Kopf hatte sie noch nicht die Muße zurück zum Ort ihres Rauswurfes zu gehen und nach Logan zu suchen, oder nach den anderen zu schauen. Sie wollte an der klaren Luft sich die Zeit nehmen, um nachzudenken. Was war das eben für eine seltsame Verschwindibus-Nummer gewesen? Wenn sie ihn nicht kennen würde, hätte sie ihn einfach als Voll-Wichser abgestempelt und wäre für die nächsten zwei Jahre traurig und in ihrem Selbstwert zerstört gewesen. Quasi es nicht mal Wert gewesen zu sein, verabschiedet zu werden. Zum Glück weiß sie es besser. Weil er er ist und weil man so nicht mit seiner Mitbewohnerin umgeht, wenn man irgendwann in den nächsten fünfhundert Jahren es halbwegs entspannt im neuen Zuhause haben will. Nachdenklich reist Gerda in ihrer Erinnerung zurück und stellt einen Vergleich zu ihrem ersten gemeinsamen Stelldichein her. Hmmm. Es lässt sich schwer miteinander abwägen, da die Ausgangssituation und Ebene zueinander mittlerweile komplett anders ist. "Mist, verdammter!", flucht sie laut. Nach ein paar Sekunden schleicht sich durch krampfige Konzentration und der Angetrunkenheit endlich ein Ansatz ein. "Was für ein weiteres Trauma-Monster hat dich nun wieder am Wickel, Baghs?" Als hätte er seinen heutigen, erweiterten Kosenamen gehört, erscheint Logan in ihrem Sichtfeld. Er trinkt umgehend übertrieben viel, nachdem er den Laden verlassen hat. Dass er sie wahrgenommen hat ist deutlich, sein Gruß zu ihr herüber ist belegt. Entschlossen aber gemächlich, steuert Gerda auf ihn zu. "Gute Idee.", nickt sie ihm zu. "Darf ich?", hängt sie fast zögerlich an. Als er ihr die eingeschlagene Flasche reicht, tut sie's ihm gleich und zieht sich ein paar ordentliche Schlucke rein.
Als sie absetzt, brennt es sofort wohlig in ihrer Kehle, allerdings boxt es auch deutlich hinter ihre Stirn. 'Dumme Idee.' Mit einem Huster räuspert sie sich, dann dreht sie sich ein wenig zur Seite, so dass er sich keine Mühe geben muss sie nicht anzuschauen. "Wollen wir nach Hause ziehen? Ich hab Bock auf Frischmachen, bevor ich eventuell zurück gehe." Bird leckt sich die Lippen von der feinen Whiskey-Spur ab. "Du musst auch nix sagen oder erklären, is schon in Ordnung. Ich sehe, dass es leider irgendwie abgefuckt und schwierig für dich ist." Mit einem leichten und beinahe Hoffnung in den Wind schließenden Lächeln schließt sie ihren Beitrag ab. "Wenn du iiiiiiirgenwann magst, kannst du davon erzählen. Und wenn nicht, häng ich den Haussegen auch nicht schief auf, okay?"
Wie ein geprügelter Köter schleicht Logan, auf seine Füße starrend, neben ihr her. Sie redet und ist schon wieder so ... Gerda. Ihre Worte zerreißen ihn innerlich. Wie kann sie Verständnis für ihn aufbringen? Warum ist sie so verdammt geduldig? Sie sollte ihn in der Luft zerreißen, für das, was er getan hat. Für das, was er ist. Was stimmt mit der Frau nicht?
Er will fragen, warum sie solche Dinge sagt. Warum sie ihm nicht die Hölle heiß macht. Was sie mit diesem scheiß Verständnis bezweckt. Diese Art von Verständnis, die ihm Raum gibt, der Freak zu sein - die Art, die ihn nicht bedrängt und keine Fragen stellt, weil sie weiß, dass er nicht darauf antwortet. Die Art, die so geduldig und stark und unterstützend ist, dass es weh tut. Weil niemand sonst jemals zu so etwas bereit war. Weil es das ist, was er vor Jahren gebraucht hätte.
Der Einzige, der ihm das hätte geben können, ist Jake. Damals in Berlin. Doch Logan war zu jung und zu kaputt, um es zu verstehen. Und dann trennten sich ihre Wege wieder. Er hatte seine Chance vertan.
Nun ist sie hier. Gerda. Und das Spiel scheint sich zu wiederholen. Er sollte sich einen Ruck geben. Mit ihr reden. Die Worte liegen ihm auf der Zunge. Er muss sie nur aussprechen.
Doch er wagt es nicht einmal, sie anzusehen. Sie ist ein wunderbarer Sim und er ein emotional verkrüppeltes Monster. Was könnte sie schon für ihn übrig haben, außer Mitleid? Schönen Dank auch. Darauf kann er verzichten. Das macht alles nur schlimmer. Wirklicher. Greifbarer.
Mit einem zaghaften Seitenblick, nicht mehr einfangend als unbedingt notwendig, nimmt er ihr die Flasche ab und trinkt gewaltige Schlucke. Der angenehme Zustand des mentalen Taumelns kehrt zurück und schenkt ihm binnen weniger Augenblicke eine leichte Schwerelosigkeit in den Gliedern.

Nachdem Bird eine beachtliche Weile zur Grundlagenenstpannung über dusselige Vergleiche zwischen deutschen und englischen Sprichwörtern alles gegeben hat was ihr Gehirn hergibt, ist seine Stimmung nicht merklich in eine erhoffte Entspannung gelaufen. Als Logan zum dritten Mal den schweren Whiskey in sich rein schüttet, bleibt sie stehen. Der Drang ihn kurz am Arm zu berühren ist so verflucht stark. 'Tu' s nicht Gerdalotta, tu's nicht!' Ein Überleitungsgeräusch produzierend fährt sie sich durch die Haare und schafft es ihr Bedürfnis sprachlich umzuleiten. "Samma, woll wir n bisschen von dem Getränk für morgen aufheben zum anstoßen? Ich denke das Vorspielen wird gut laufen.", angelt sie sich die Flasche und trinkt einen Schluck. Ihr Blick warm und weich, bereit ihn anzusehen, wenn er es ist. "Ich will dich nicht Maßregeln, denke nur, dass wir morgen auch was brauchen. Du spielst mit einer phantastischen Energie die zu den Mädels passt und die werden sowas von dich aufnehmen wollen, da bin ich sicher. Das gehört gefeiert, findest du nicht?", nickt sie jetzt ernsthaft und begeistert im neuen Thema angekommen. "Aber wir können auch schaun wie lange das Baby hier voll ist, auf dem Weg ist noch Späti."
Darauf bedacht, Gerda nicht versehentlich zu berühren, legt Logan die Finger um die Flasche in ihrer Hand. Ein kurzes Schwenken lässt den Rest, mit gutem Willen vielleicht noch ein Viertel, aufplätschern. "Du wills mit diesem Spuggress feiern? Wird ne kursse Padie." Er setzt an und kippt die letzten Schlucke wankend in sich hinein. Ein lautes Rülpsen stolpert ihm aus dem Gesicht, bevor er das leere Gefäß an sie abgibt. "Hier. Viel schbaß. Sag mir wies war. Chgeh mir jess die Haud abßiehn." Mit schweren, halbgeschlossenen Lidern setzt er den Weg fort, ohne darauf zu achten, ob sie ihm folgt.
An der nächsten Kreuzung biegt er rechts ab, in die Seitenstraße, auf dessen letzten Drittel die Wohnung liegt. Links und rechts von ihm ragen die Familienhäuser in den fast schon nicht mehr dunklen Nachthimmel, viele von ihnen auf grün bewachsenen, teils künstlich aufgeschütteten Wällen gebaut. Nur vereinzelt brennt irgendwo ein Licht, die Straße ist von schlafender Ruhe umgeben. Das beklemmende Gefühl, beobachtet zu werden, drückt Logan schwer auf den Schultern. Mit gesenktem Kopf behält er die vagen Schatten im peripheren Blickfeld, obwohl er genau weiß, dass er jedem Angriff gnadenlos ausgeliefert wäre. Beinahe fühlt es sich an wie damals - wenn er auf dem Weg in sein Zimmer versuchte, niemandem über den Weg zu laufen.
Mit schwerem Herzen und einem tiefen Seufzer nimmt Bird die nun leere Flasche entgegen. Sie kann hier und jetzt nichts weiter für ihn tun, als da zu sein. Entschlossen holt sie zu ihm auf und läuft schweigend neben ihm her. Ist da, falls er was braucht. So, wir er vorhin für sie da war. Gemeinsam schländer-torkeln sie sich erst bis zur Haustür durch die Nacht und dann zur Wohnungstür über die Treppe. Oben angekommen, schließt Gerda auf und macht Baghi Platz zum eintreten. "Hau rein. Und wenn du was brauchst, sag bescheid. Ich bleib auch Zuhause." Mit dem letzten Satz steuert sie die Küche an und setzt umgehend Wasser auf.

Er würde es nicht zugeben, wenn man ihn danach fragen würde, doch ein Teil von ihm ist froh, dass sie nicht von seiner Seite weicht. Zwar ist sie mit diesem düsteren Gefühl verknüpft, aber Logan ist es gewohnt, von Triggern umgeben zu sein. Die Schwere in der Brust gehört zu seinem Alltag und ist nichts Besonderes für ihn. Lediglich Auslöser und Intensität variieren.
Als Gerda die Wohnungstür freigibt, hält er wortlos aufs Bad zu. Endlich duschen. Das Spiegelbild ignorierend, zieht er sein Handy aus der Hosentasche, sucht im Streamingdienst ein Album von Depresszió heraus und stellt die Lautstärke so ein, dass der krachende Sound den Raum erfüllt, ohne durch die ungeeigneten Lautsprecher den Ton zu verhunzen. Keine leichte Aufgabe. Weniger als dreißig Sekunden später steht er in der Wanne, dampfend heißes Wasser prasselt auf ihn herab, so dass seine Haut augenblicklich eine rote Färbung annimmt. Minuten vergehen, in denen er die Hitze kaum spürt.
Das stetige Rauschen des Wassers lässt nur wenig Musik zu ihm durchdringen, doch es besänftigt die Stimmen, die seit mehr als zehn Jahren immer wieder den Weg zu ihm finden. Die nicht müde werden, ihn daran zu erinnen, wie klein und wertlos er ist. Nur ein Spielzeug, das nach Belieben benutzt und danach in die Ecke geworfen wird. Und das all die Jahre jede Demütigung nicht nur hinnahm, sondern sie regelrecht verinnerlichte - in dem Wissen, dass er selbst die Schuld zu tragen hat. Weil er nichts dagegen tat. Weil er das Spiel mitspielte. Es manchmal sogar herausforderte. Weil er scheinbar schon immer irgendwie falsch war. Ein Freak, dem es gefällt, zu leiden. 'Ja, das gefällt dir...' Diese Schuld wird er auf ewig in sich tragen. Er weiß, dass er damit leben muss. Es gibt schlichtweg nicht genügend Wasser auf der Welt, um DAS von sich zu waschen. Doch er wird lernen, diese Momente zu überstehen. Er wird überleben. Wie er es schon immer tat.
Tiefe Atemzüge heben Logans Brustkorb an, träge spürt er in die Bewegungen hinein. Schwüle Luft strömt ein und aus. Unmöglich könnte er einschätzen, wie lange er schon hier steht und sich einfach nur vom brühenden Wasser abspülen lässt. Die Musik plärrt noch immer, als er wieder zu sich kommt, doch einige Tracks haben sich seiner Aufmerksamkeit entzogen. Es wundert ihn nicht einmal mehr. Das Wasser abstellend klettert er über den Wannenrand. Die Haut spannt bei jeder Bewegung, vollkommen überreizt durch die Hitze, der sie ausgesetzt war.
Ein frisches Handtuch um die Hüften drapiert, verlässt Logan das Badezimmer und verschwindet in dem eigens für ihn geschaffenen Raum. Ein weiterer Tag ist überstanden.
(in Zusammenarbeit mit @S.Bin. )
#34
Charaktere: Logan, Gerda
Ort: Wohnung Gerda/Logan
Geschichtsstrang: Pleasant Journey I
Zuerst ist alles in ein rötlich-flirrendes Schwarz gehüllt, wie er es schon oft gesehen hat. Dann zieht von irgendwo ein scharfer Schnitt in seinen Schädel, als würde er mit langsamer Präzision gespalten, nur um einem dumpfen Hämmern Einlass zu verschaffen, das sich schwer gegen den Stirnlappen wälzt. Mundtrockenheit schiebt sich aufdringlich in die Dunkelheit und noch bevor Logan die Augen öffnen kann, hört er seinen eigenen schweren Atem in der Luft umherhangeln. Ein harter Untergrund presst sich gegen Wirbelsäule und Hinterkopf. Die Augenlider wiegen tonnenschwer, die Schultern zerren am Nacken, als hingen Gewichte an den Armen. Nur mit Mühe hebt sich die linke Hand, um die Schwere aus dem Gesicht zu wischen und dann kraftlos in den Schoß zurück zu fallen. Angestrengt versuchen die Lider sich zu öffnen, die Brauen zerren unterstützend und mit aller Kraft Richtung Schädeldecke, doch es reicht nur für einen winzigen Spalt, ehe das ganze Gesicht kapitulierend in sich zusammenfällt. Hinter dunkler Resignation setzen sich erste Puzzelteile zusammen und erschaffen eine lückenhafte Collage der letzten Stunden. Konzertclub, Punkmusik, Alkohol, jede Menge Gesichter - lachende, weinende, trinkende, knutschende, tanzende, pöbelnde gesichtslose Masken. Und Gerda. Mehr Alkohol, Stiefel, Kippen, Sex, Gerda.
Der zweite Versuch, die Augen zu öffnen, bringt mehr Erfolg. Ein kleiner Raum wird sichtbar. Wände mit Holzpanelen verkleidet. In der gegenüberliegenden Ecke liegt etwas. Wie ein nasser Sack, mit herabhängenden Armen, die Beine leblos von sich gestreckt, der Kopf schwer zwischen die Wände gelehnt. Unbehagen steigt in ihm auf. Das gruselige Gefühl, beobachtet zu werden. Jemand oder etwas liegt auf der Lauer - nur auf den richtigen Moment wartend. Die eine Sekunde, in der das Zuschnappen den Genuss vollkommener Dominanz ausreizt.
Logans Herz macht einen verzweifelten Sprung, als er es erkennt.
Sich selbst erkennt. Wie ein kleines Insekt im klebrigen Netz der hungrigen Spinne. Keine Chance, zu entkommen. Er kann nichts tun, um sich zu schützen. Hilflos starrt er auf seine eigene Existenz, als die giftige Hand sich nach ihm ausstreckt. Die Finger zur greifenden Klaue geformt, begleitet er sie beobachtend, wie sie geradewegs auf ihn zu gleitet, bereit, ihn am Hals zu packen, um den Stachel in ihn zu treiben, sich an ihm zu laben und ihn dann zum verrecken liegen zu lassen. Panik schießt ihm in die Brust. Wach auf, du Bastard! Hau ab! Flieh!
... !
Zu spät. Er ist d-

Logan reißt die Augen auf. Der einfahrende Luftzug prügelt ihn tiefer in die Ecke des Raumes. Zwei Sekunden vergehen, bis sein Verstand begreift, dass er nicht in Gefahr ist. Es sind immer zwei Sekunden. Drei weitere, bis der Körper folgt und beginnt, loszulassen. Blinzeln, ausatmen. Realität und Traum voneinander trennen. Was mal mehr, mal weniger erfolgreich gelingt, scheint heute schnell erledigt. In der Zimmerecke auf dem Boden hockend, zieht er die Beine an den Körper heran, die Knie stellen sich auf und bieten den Ellenbogen eine stabile Auflagefläche. Beide Hände fahren mit gespreizten Fingern über die Kopfhaut. Der Kater hämmert hohl vom Inneren des Schädels dagegen. Einen Moment verharrt Logan in dieser Position. Durchatmen. Klar kommen. Wach werden. Sein Körper straft die Entscheidung, in der Ecke statt im Bett zu schlafen, mit schmerzender Steifheit von Kopf bis Fuß. So dauert es eine Zigarettenlänge, bis er sich unelegant aufraffend an der Wand in den Stand zieht und mit gelenkzerreißenden Schritten aus dem Zimmer schlurft.
Verlockender Kaffeeduft weht ihm entgegen. Gerda scheint bereits in Gang zu sein, nimmt er beiläufig wahr, bevor er ins Bad schleicht.
Als er kurz darauf in aller Morgenmuffel-Manier die Küche betritt, ist sie an der Arbeitszeile am Herumwerkeln. Gute tausend Dezibel zu laut räumt sie den gestrigen Abwasch in die Schränke, so dass Logan einen Augenblick stehen bleibt, um ihre nächsten Bewegungen vorauszuahnen und mit ausreichend Sicherheitsabstand um sie herum zu schleichen. Kaffee ist das Ziel. Viel Kaffee.

Es ist nicht zu übersehen, dass der Panther den Kater des Jahres hat. Bedacht um Abstand und Mini-Etappe zur Kaffeemaschine. Nachdem Gerda die letzten vier Geschirrteile umsichtig verräumt hat, stellt sie ihm den zweitgrößten Becher, den ihr ja nun gemeinsames Zuhause beherbergt, auf den ihm am nächsten bestuhlten Platz am Küchentisch. Sie sieht ihn nicht direkt an, konzentriert sich auf das Einschenken des extra starken Gebräus, welches sie im Wissen um etwaige Zustände einen guten Schlag stärker als gewöhnlich zubereitet hat. Ihr Schädel ist mittlerweile nach einem halben Liter Wasser, einer besonders starken Ibu und zwei Bechern Kaffee der tote Tanten zum Leben erweckt, halbwegs wieder auf Kurs. Gestern Abend hatte sie sich sicherheitshalber auch einen belebenden kleinen Koffeinkick kredenzt, da sie sich nicht sicher war, ob Logan nochmal Hilfe brauchen würde - er hatte es zumindest mit der fast allein getrunkenen Flasche Whiskey auf dem Heimweg darauf angelegt. Zumindest aus ihrer Sicht. Das er deutlich mehr verträgt als sie selbst ist ihr zwar bekannt, aber sie hatte einfach kein gutes Gefühl dabei gehabt, schlafen zu gehen.
Er hätte sich hinlegen und dann übergeben können, ohne es zu merken. Oder einer Heimsuchung erliegen können. Sie wollte da sein und im Notfall helfen können, sofern möglich. Insgesamt drei Stunden hatte sie es geschafft, sich wach zu halten.
"Uhhmm... Ich bin mir nicht sicher ob es dir recht war," beginnt Gerda ihr Geständnis, "aaaaber ich hatte gestern noch zwei, drei Mal bei dir geklopft und reingeschaut, ob du noch lebst." Ein paar Schlucke der Kaffe-Milch-Kombination landen wohlig in ihrem Magen, während sie die Kanne vor ihm abstellt und sich ans andere Ende des Tisches setzt, den Becher weiter haltend. "Ich hoffe das war... ist okay für dich." Obwohl sie weiß, dass es absolut in Ordnung ist sicher zu gehen das in ihrer Gegenwart niemand an seinem eigenen Erbrochenem verreckt, fühlt sie sich damit unwohl.
"Dachte, vielleicht brauchst du nen Eimer und jemanden, der dir im Falle eines Falles die Haare hält.", versucht Bird es mit ungelenkem Humor. "Ich wollt' nich übergriffig sein, aber da wir nicht mehr wirklich miteinander gesprochen hatten auf dem Weg nach Hause... Ich wusste nich so genau... Scheiße ich weiß auch nicht...", macht sie eine Pause um Zeit und Worte zu finden. Ihr Blick hängt an der Fensterscheibe.
"Ich wusste nicht wie ich auf den plötzlichen Stimmungswechsel nach unserer Nummer an der Hauswand und deiner Druckbetankung richtig reagieren soll." Gerda spürt, wie ihre Stimme beginnt brüchig und unsicher zu klingen. Nach ihrer Erkenntnis räuspert sie sich und probiert es umgehend etwas gefasster erneut, bereit einen Augenkontakt herstellen zu können, wenn Baghi dazu bereit ist. "Du musst dazu auch nichts sagen wenn du nicht willst. Ich wollte dir nur stecken, dass ich ungebeten und ohne das du es bewusst mitbekommen hast, in deinen Raum eingedrungen bin." Wieder entsteht eine Pause.
Dieses Mal füllt Bird diese mit einer entschuldigenden Geste ihrer rechten Hand. "Und dir meine Beweggründe nennen. Hoffe, dass war okay oder das es zumindest nachvollziehbar ist."

Die Kanne in der Hand, entgegnet er ihren Worten mit einem tiefen Seufzen, während der schwarze Muntermacher in die Tasse hineinplätschert. Muss er jetzt echt was sagen? Laut? Mit Worten? Das nervt total. Normalerweise würde er frühestens in einer Stunde anfangen zu sprechen. Mit hängenden Kopf zwischen steifen Schultern wendet er sich schwerfällig um, als trüge er zusätzliche Gewichte am Leib. Gähnend stellt er die Kanne zurück auf die Platte und lässt sich ungelenk auf den Stuhl sinken. "Is nich mein erster Absturz.", murmelt er leise - unsicher, was er von ihrer Fürsorge halten soll. In seinem Zimmer hat sie eigentlich nichts verloren. Darüber hatten sie vor seinem offiziellen Einzug gesprochen. Andererseits hätte er es nie erfahren, wenn sie nicht ehrlich wäre. Das ist ihr anzurechnen. Ein stummer Seitenblick trifft sie düster, aber eher fragend als aggressiv. Hat sie sich echt Sorgen gemacht? Wieso? Er ist ein großer Freak. Er braucht keinen Babysitter. Oder ... geht es darum, wer seine Kotze am Ende der Nacht wegwischen muss? Das kann er auch allein. Ein Gefühl, so schwer wie die Sommerhitze einer Großstadt, brüllt ihm ins Hirn, dass das nicht die ganze Wahrheit ist. Inzwischen hat selbst er verstanden, dass sie ihrem natürlichen Mutterinstinkt unterlegen ist - und ihre Babies sind ihre Mitsims. Sich Kümmern ist ihre Kompensation. Sie macht diese Sachen, weil sie nicht anders kann.
Die Augen noch immer unnatürlich schwer, wendet sich seine mürrisch verkniffene Mimik nach vorn. Er sollte sich bedanken. Für ihr Engagement. Ihre Ehrlichkeit, die Zurückhaltung. Ein einfaches Wort.
Danke.
Er bringt es nicht über die Lippen. Es geht einfach nicht. Irgendetwas ist kaputt. Die Lippen aufeinander gepresst nickt er mit einer knappen Bewegung in sich hinein. Beide Hände legen sich um die heiße Tasse, die Hitze öffnet eine innere Schleuse und erst jetzt erreicht ihn der Inhalt ihrer unterschwelligen Fragen. Sie wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Stimmungswechsel.
Druckbetankung.
Für einen winzig kleinen Moment, den Bruchteil einer Sekunde, schlägt ihm die Frage 'Was wäre wenn?' in den Nacken. Was wäre, wenn er ihr davon erzählen würde? Allein bei dem Gedanken schießt ihm augenblicklich Übelkeit ein. Zwei Herzschläge donnern ihm in die Schläfen, bevor das Herz offensichtlich seinen Dienst quittiert. Trocken schluckend starrt er aus dem Fenster. Nein. Keine Option. Mit einem Wimpernschlag wäre alles anders. Seine ganze Existenz, seine mühsam aufrecht erhaltene Realität - so wechselhaft und fragil sie ist - würde in sich zusammen stürzen.
"Ich komm schon klar.", hört er sich sagen. Kraftlos und ohne Nachdruck. Scheiße, das kann er besser. Vielleicht kauft sie es ihm ja trotzdem ab. Oder schiebt es auf den nachkomatösen Zustand. Stumm in sich hineinseufzend hebt er die Tasse mit beiden Händen an, um vorsichtig einen Schluck abzuschlürfen.

Gerda zieht ernst die Luft durch die Nasenflügel ein und lässt sie langsam wieder entweichen, bevor sie zu sprechen beginnt. "Ich weiß, dass du klar kommst und mit Abstürzen gelegentlich schon hantiert hast. Das ist offensichtlich." Gerda trinkt wieder und beschließt, etwas mehr Milch hinzuzufügen. Nachdem sie den Tisch und ihren Mitbewohner zwei Mal passiert hat, stellt sie den gekühlten Haferdrink zu ihrem Monterbecher. Während sie den Deckel abschraubt und sich ihr Heißgetränk aufzuhellen beginnt, redet sie so neutral wie es eben bei ihrem Worst-case-Kopf-Szenario geht weiter. "Aber ich weiß nicht wo da deine Sterbegrenze ist. Ob nach zwei, drei oder erst nach der vierten Flasche." Prüfend blinzelt sie kurzzeitig zu ihm hoch und ihre Blicke treffen sich. Er sieht zum Gott erbarmen aus, wie er sich ihr gegenüber an seinem Becher festhält und verständlicher Weise keinen Bock auf dieses Gespräch hat, begleitet von den höchstwahrscheinlichen Kopfschmerzen des Todes.
"Baghs, auch wenn du zu recht denkst, dass ich mich da raushalten soll, dass das alleine deine Sache ist, muss ich dir dazu trotzdem noch was sagen. Einfach, weil ich sonst daran ersticke! Weil es mich doch auch ein wenig mitbetrifft." Eine kleine Redeunterbrechung entsteht, als Bird sich auf die Unterlippe beißt, bevor sie ruhig ergänzt, "Wenn du dich nicht aufrecht in eine Ecke gesetzt hättest, hätte ich vor deiner offenen Tür campiert. Ich hab mir wirklich Sorgen gemacht, da ich nicht wusste ob du mitbekommst wenn du kotzt. Und dann vielleicht komatös im Bett liegend, ohne dass du es selber merkst." Nach einem Schmunzler, der ihre Besorgnis nicht ganz wegwischen kann. 'Und im schlimmsten Fall erstickend.', zieht sie innerlich die Brauen bis zum Haaransatz hoch. "Ich will dich wirklich nicht nerven, belehren oder belästigen.", beteuert sie ihm, so ehrlich gemeint wie es nur geht. "Du musst auch nix dazu sagen wenn du nicht willst. Kannst erstmal wieder klar kommen, ich halte meinem Schnabel und du guckst einfach, ob wir darüber nochmal quatschen. Oder, ob du mir ein paar Handlungs-Goes gibst."
Den Blick starr vor sich gerichtet, lässt Logan ihre Worte auf sich wirken. Warum muss eigentlich immer alles so viel sein? Einen Moment breitet sich Stille zwischen ihnen aus. Die Muskeln seiner mahlenden Kieferpartie werfen tanzende Schatten auf seine Haut, die Narben an der Schläfe wippt dazu passend unrhythmisch auf und ab. "Erklär mir mal eins." Seine Stimme ist leise, aber fest. Mit fordernder Bestimmtheit wendet er ihr das Gesicht zu, so dass sein Blick sie trifft. Tief, schwarz und leer. "Was wär schlimm daran, so zu verrecken?"
Logans Blick schlägt Saiten in ihr an, die mit trauriger Nüchternheit, Resignation und Hoffnungslosigkeit sich in ihre Gefühlsbahnen brennen. Nach kurzem Überlegen und mit sanftem Ton erklärt sie es ihm, ihre Hände um das angewärmte Monsterbecherchen legend. "Weil ich mir sonst nen neuem Mitbewohner suchen müsste." Gerda hebt seinen Blick haltend einen Mundwinkel, um danach den Becher an die Lippen zu führen und abzuschlürfen. "Einen, der mich irre macht und mich mit Schmetterlingssongs stänkert, mir Paroli bietet, mit mir Handwerkssachen regelt, die selbe Musik hört und mich dann und wann an ein einer Hauswand plattsext und mir das Gefühl von Lebendigkeit zurück gibt." Gerda stellt das Heißgetränk vor sich ab und streicht sich beidseitig ihre Haare hinter die Ohren. Dann deutet sie mir einem Grinsen auf ihren rechten Wangenknochen, der eine kleine, Ringfingernagel große, leichte Abschürfung zeigt. Ihre Augen blitzen belustigt. Mit gespieltem Ernst verschränkt sie ihre Arme vor der Brust und lässt Baghira wissen, "Es war ganz schön anstrengend dich zu finden, hat mich über nen Jahr gekostet. Reicht erstmal für ne Weile mit dem Suchen." Sie nickt ihm zu, stellt ihre Hacken vor ihrem Gesäß auf der Stuhlkannte ab, umschlingt ihre Knie mit den beiden in einander gefalteten Armen und beendet ihre Aufzählung mit einem herausfordernden kopfrucken in seine Richtung.

Fuck! Das hat gesessen. Logan ringt stumm einatmend nach Luft.
Ihre Worte brechen gnadenlos und ohne Vorwarnung direkt durch seinen Brustkorb, wo sie irgendetwas in Stücke reißen. In seinen Augen flimmert es kurz, ehe er, den Blick von ihr abreißend, vor ihrem Ausdruck flieht. Dieser ... Wertschätzung kann er unmöglich standhalten. Die Lippen schmal aufeinander gepresst, den grimmigen Blick in der Tischplatte versenkt, spürt er das Brennen hinter den Augen, in der Kehle und irgendwo am Brustbein. Dort, wo der kleine feste Klumpen zu einem gewaltigen schwarzen Loch mutiert und jedes Gefühl, jeden noch so erbärmlichen Rest Willenskraft ins Nichts saugt. Zurück bleibt nur der hohle Schmerz der Einsamkeit. Die Gewissheit, dass das, was sie sagt, seine Sehnsüchte stillen KÖNNTE - wenn es nur wahr wäre.
Wie gern würde er daran glauben?! Doch er weiß nun mal, was er weiß. Man hat es ihn oft genug zu verstehen gegeben. Er war immer nur ein Haufen Dreck. Warum sollte es plötzlich anders sein? Wenn nicht einmal seine eigene Mutter es schaffte, ihn zu mögen ... wie sollte es dann irgendwem Anderen gelingen? Bei aller Hoffnung - das ergibt keinen Sinn.
Das schwarze Loch verschlingt den letzten Funken seiner emotionalen Existenz. Leer vor sich her starrend, registriert er weder die Hitze des Kaffees an seinen Händen, noch das Pochen im Schädel. Umgeben und erfüllt von Nichts klingt selbst seine Stimme befremdlich, als er sich sagen hört: "Du verwechselst da was." Träge blinzelt er. Der Versuch, ins eigene Ich zurückzukehren scheitert. "Pass auf, dass du nich Sympathie mit Zweckdienlichkeit durcheinander bringst." Die Tasse zum Mund führend ext er den Inhalt, einfach nur weil er da ist und nicht aus Genuss. Mit beiden Händen stemmt er sich auf, wendet sich Gerda ausdruckslos zu, wobei sein Blick an ihrem lädierten Jochbein hängen bleibt. Ein winziges Gefühl von Schuld kämpft sich von weit innen bis zu ihm durch, wird aber sogleich wieder vom Loch verschluckt.
Gut, dass er Billie und das Kind zurück gelassen hat, streift es ihn am Rande. Wer weiß, was er dem Jungen inzwischen alles angetan hätte, wäre er in seiner Nähe?
Zu Gerda herunterschauend legt sich der Zeigefinger seiner linken Hand an ihren Unterkiefer, um ihr Gesicht zur Seite zu lenken. Das unwillige Schlucken, das folgt, kann er nicht ganz verbergen. Etwas Düsteres blitzt in seinen Augen auf. Nur für den Bruchteil einer Sekunde. "Wir dürfen das nich mehr.", sagt er trocken. "Wird noch böse enden." Sein Arm zieht sich zurück, bevor es der Blick tut. "Ich geh noch in die Stadt." Die Stimme tief und sachlich geht er die Schritte zum Wohnzimmer, wo er kurz verharrt. "Sticks besorgen. Mit oder später treffen?"

Gerda stutzt und zieht verwirrt ihr Gesicht zusammen. Hat er gerade zweckdienlich gesagt? Ihre Gedanken möchten losrasen um schnell eine Greifbarkeit dessen herzustellen, was er meint, die seinen Worten einen Sinn geben. Klappt nicht. Der sachliche und rationale Teil der Disskussionsgruppe in ihrem Schädel ist ausgefallen, sie hat keinen Zugang, versteht nicht was er meint. Bemüht aus seinen Folgeworten weitere Hinweise abzuleiten, lauscht sie konzentriert den letzten beiden Sätzen, nachdem er seinen heißen (!) Kaffee hinuntergestürzt und ihr Gesicht begutachtet hat. Hinter den nach wie vor zusammengezogen Brauen formt sich eine Idee. Meint er das miteinander rummachen? Garantiert. Aber nicht nur, sagt ihr ihr Gefühl. Bird überlegt noch ein paar Sekunden, dann startet sie die Klarstellung. "Ich glaube, an irgendeiner Stelle gehen Eigen- und Fremdwahrnehmung stark auseinander. Zweckdienlich... du bist kein Werkzeug, Logan. Du bist ein Freund, ein Baghira. 'Mein Baghira.' Du solltest das Dschungelbuch mal gucken.", steckt sie ihm mit weichem Lächeln.
Wie erwartet verschwindet Baghi für einen Moment im Wohnzimmer. Gerda steht auf und kippt den Inhalt ihres noch fast vollen Kaffeebechers in ihr Thermosgefäß um, welches zum abtrocken neben der Spüle steht und zieht die gestern einfach in die Küchenecke geschmissen Cowboytiefel an. Sätze vorformulierend schiebt sie die freie, linke Hand in die hintere Hosentasche und bewegt sich in Richtung Haustür, als er wieder auftaucht und vor ihr zum Stehen kommt. "Bist du so getroffen wegen dem was dich nach unserem Gevögel eingeholt hat oder ist es wegen der kleinen Schürfwunde?", erkundigt sie sich und sucht seinen Blick.
"Irgendetwas hat dich hart umschubst und tritt dich seitdem zusammen.", sagt sie leise und um Sachlichkeit bemüht.

Schweigend steht er vor ihr, die Worte schleudern in ihm hin und her, wie Ping-Pong-Bälle, die an Wänden abprallen. Werkzeug. Gevögel. Freund. Schürfwunde. Gevögel. Werkzeug. Zusammentreten.
Wenn sie wüsste, wie recht sie damit hat. Er hasst es, dass sie ihn sieht - und dass es anfängt, ihn zu bewegen. Ein Teil in ihm, verkümmert und hungrig, streckt ihr verzweifelt die Hand entgegen, während der stärkere Part Wache steht und aufpasst, dass sie sie nicht ergreift. Logan weiß, was das bedeutet. Und das jagt ihm eine scheiß Angst ein. Was, wenn er irgendwann die Kontrolle verliert? Nicht so, wie gestern - was schon schlimm genug war. Nicht wie bei Alma. Sondern wie ... ER ... damals ... Es steckt in ihm. ER hat es in ihn hineingeprügelt.
Den glasigen Blick senkend atmet Logan tief ein. Gib ihr was. Irgendwas. Nur damit sie Ruhe gibt. Kurz macht es den Anschein, er würde etwas sagen wollen. Sein Mund öffnet sich ein winziges Stück, doch er bleibt stumm. Zu viel.
Er zieht an ihr vorbei, angelt nach dem Schlüssel im Regal und tritt aus der Wohnung.
(In Zusammenarbeit mit @S.Bin. )
#35
Charaktere: Logan, Gerda, Bob, Ash, Ro
Ort: Proberaum Pleasant Journey
Geschichtsstrang: Pleasant Journey II
Die Nachmittagssonne versteckt sich hinter einer dünnen Wolkendecke, als Gerda und Logan das alte Fabrikgelände im Osten der Stadt erreichen. Die meiste Zeit haben sie geschwiegen, trotzdem - oder gerade deshalb? - gelang es ihm im Laufe der vergangenen Stunden in ihrer Gegenwart etwas zu entspannen. Mag es an der Aussicht liegen, sich in Kürze hinter ein Schlagzeug zu setzen, oder an Gerdas Fähigkeit, ihm den Raum zu geben, den er braucht, um sich zu akklimatisieren - insgeheim ist er froh, nicht allein durch die Stadt zu fahren. Er würde es nicht zugeben, doch die Vorfreude kribbelt in seinen Fingern. Eine letzte Kippe entzündend betrachtet er den Eingang. Die Dunkelheit des Vormittags ist aus seinen Augen verschwunden, übrig bleibt ein leichter Glanz wie der eines Kindes, das in der Warteschlange schon den Einlass zur Monsterwildwasserbahn erspähen kann. "Wie lange kennste die Truppe eigentlich schon?", fragt er aus dem Nichts heraus, den Blick auf dem Gebäude haltend. Eine stillgelegte Destillerie aus der Zeit um die Jahrhundertwende. Bis vor einigen Jahren schien dieses Gebäude in Vergessenheit geraten. Erst, als es abgerissen werden sollte, begannen Politik und Stadtbewohner um dessen Erhalt zu kämpfen. Schließlich war es die in Toronto stark vertretene Künstlerkommune, die sich der Renovierungen annahm und jungen Musikern einen Ort gab, sich auszuprobieren. Sogar Aufnahmestudios wurden eingerichtet.

Gerda seufzt entspannt auf, als sie nebeneinander auf das wunderschöne Backsteingebäude zulaufen. Sie liebt das Bauwerk und den Proberaum der Mädels. Jedes Mal ist sie glücklich und erfüllt, wenn sie ein Teil der Proben sein darf, sich von der mords Energie der drei Girls auseinander spielen lassen kann. Auch ein Stück weit berlinerisches Heimatgefühl mit schönen Erinnerungen durchflutet die Musikenthusiastin. Heute jedoch leicht gedrosselt, da Jo nicht hier ist.
Es ist ein ungewöhnliches, überraschendes Gefühl von gegenseitigem Verständnis, dass sich über die letzten knappen Wochen während ihrer Schweigeepisoden zwischen ihnen etabliert hat. Miteinander schweigen obwohl teilweise harte Brocken zwischen ihnen liegen. Ein Konzept, welches komplett gegen ihre Natur und ihre erlernten Handlungsmuster arbeitet - und trotzdem funktioniert. Funktionieren muss, weil der Panther sonst flieht und der Vogel Gefahr läuft bei Überreizung Augen auszupicken.
Mund halten statt Reden,
Ruhe und Raum schenken, statt sich auf die Brocken zu stürzen, mit dem Versuch sie aufzudröseln. Verrückt. Was Gerda schwer fällt zu verstehen ist die absurde Art von Sicherheit, die sie trotz allem mit ihm finden kann. Irgendwie klappt es mit der Nähe trotz Distanz, dass ihre gemeinsame Besorgungstour der Trommelstöcke wider Erwarten angenehm verlief, ist der beste Beweis dafür. Interessant ist, dass Gerda es bei und mit Arbeitsklienten und Logan auf die Kette bekommt sich zurück zu nehmen und ihrem Gegenüber eine Kompfortzone zu eröffnen, innerhalb derer ein aufeinander zugehen möglich wird. Ganz anders als mit ihren Eltern oder ihrem Bruder. Da ist nichts von ihrer sozialpädagogischen Ausbildung sowie erlernten Strategien der Gesprächsführung übrig, da scheppert und detoniert es ausschließlich. Es ist jedes Mal völlig verkappt und sie stößt binnen Sekunden an ihre Handlungsgrenzen. Dort ist sie in sich gefangen.
Ob sie es jemals schaffen wird im familiären Kontext anders zu agieren?
Ein Streitmuster zu verändern?
Oder es wenigstens hinbekommt, nicht auszurasten?
Eeeeeeinfach mal die Fresse zu halten und sich zurück zu nehmen?
Raum für Klärung zu ermöglichen?
Sich von ihrer eigenen Gefangenschaft zu lösen?
Das sie ähnlich wie Logan in einer ganz eigenen Gefangenschaft steckt, ist das Prozessergebnis der letzten sechzehn Stunden. Versunken in ihre Überlegungen und ihre zur Zeit intensiven Gedanken an ihren Bruder, nimmt sie die Umgebung nur visuell deutlich wahr, den Hall ihrer gemeinsamen und beinahe im Gleichklang ertönenden Schritte finden mehr in ihrem Unterbewusstsein statt. Die charakteristischen, klackenden Geräusche, die Birds Cowboystiefel überdeutlich über den Gehweg schicken werden erst wieder voll vernehmbar, als Logan das Gespräch eröffnet und sie ihre Bubble verlässt um zu ihm zurück zu kehren.
"Persönlich erst seit meiner Zeit hier in Toronto, also fast ein Jahr. Hab sie über Ash kennengelernt. Die wiederum kenne ich seit ein paar mehr Jahren, wir sind uns damals in Berlin begegnet, als sie einen seltenen und schrägen Verwandtschaftsbesuch ohne Bob gewagt hat. An ihrem vorletzten Abend hatte Ash dann versucht, sich auf nem Punk Konzert wieder zu akklimatisieren, auf dem ich auch war." Die Erinnerung spült Wärme und Lacher in sie rein. "Das war episch, sage ich dir! Es hat sofort bei uns gefunkt, wie in so nem riiiiichtig kitschigen Film." Gerda pustet sich ein paar Haare aus dem Gesicht, bevor sie beinahe glucksend berichtet, wie ihr erster gemeinsamer Kennenlern-Absturz mit den drei Mädels abgelaufen ist, kurz nachdem sie in Toronto angekommen war und sich in der Uni eingeschrieben hatte. Bob war so gutmütig gewesen und hatte die vier wilden Party-Hühner davor bewahrt total zu eskalieren und ein Hausverbot in einem nicht unwichtigen Club zu bekommen.

Rauchend lauscht er ihrer Geschichte, beobachtet sie, ohne sie dabei direkt anzusehen, den Blick an ihr vorbei zum großen Gebäude gelenkt wagt er nur gelegentlich einen Eindruck aus dem Augenwinkel einzufangen. Ihm gefällt die Anekdote und es fällt ihm nicht schwer, sich die Bilder dazupassend vorzustellen. Sie hätte sicherlich gut zu ihm und Jake gepasst, als die beiden häufig durch Kneipen und Clubs zogen. "Vielleicht ganz gut, dass wir uns nich in der Berliner Szene getroffen haben." Das letzte Nikotin aus der Kippe ziehend atmet er tief ein, das linke Auge vor dem Qualm schützend halb zugekniffen, schnippt er den Filter lässig beiseite und setzt sich in Bewegung, den Eingang zu passieren. "Wär sicher nix Gutes bei raus gekommen." Sie nehmen die Treppe ins erste Stockwerk und gehen einen schmalen Flur entlang. Aus einem der umliegenden Räume dröhnt gedämpft basslastiges Gewummer bahnt sich direkt den Weg in Logans Brustkorb. Geil. Proberaumkrach. Augenblicklich ändert sich die Muskelspannung in seinem Oberkörper von immer-irgendwie-krampfig zu chillig-lässig-weil-mucke-einfach-alles-easy-macht. "Mein Kumpel Jake sagt immer, nix passiert ohne Grund und dass alles dann kommt, wenn es kommen soll." Unmerklich amüsiert schnaubt er. "Der glaubt das wirklich. Was denkst du?" Vor einer der Türen bleiben sie stehen und Logan sieht sie aus schwarzen Augen fordernd an.
Baghis Stimme schaltet sich in ihren Monolog und als der Sinn seiner Worte landet, dreht sie im Lauf ihren Kopf langsam zur Seite, um ihn anstarren zu können. Hat er gerade gesagt das er in Berlin, in ihrem Berlin, ihrer Stadt unterwegs war? Bestimmt hätten sie sich begegnen können, wenn nicht sogar müssen! Vielleicht haben sie das, ohne es zu wissen? Als sie noch immer stumm vor Überraschung mit ihm durch die schwere, modernisierte Eingangstür im Industrial Design tritt, formt sich ein Bild vor ihrem inneren Auge. Greifbar ist es noch nicht gänzlich, da die Hälfte ihres Schädels mit hektischen Erinnerungsabgleichungen und Suchen nach seinem Gesicht in vergangenen Tagen umher ballert. "Von wann bis wann warst du in Berlin? Und was hat dich in meine Wahlheimatsstadt von quasi gestern verschlagen?", unterbricht sie ihn zwischenzeitlich. "Und warum denkst du, wäre dabei nix Gutes rausgekommen?" Nach ein paar Sekunden fällt Gerda ihr letzter Gesprächsbeitrag wieder ein und sie stellt einen Bezug her. Als sie von bekannten Klängen geleitet vor der Metalltür mit den Initialen P. J. zum Stehen kommen, entschließt sich Bird dazu, Baghis Antwort nicht erst abzuwarten, sondern gleich weiter zu sprudeln. "Was ich denke? Huuh. Ich denke, dein Jake hat teilweise recht. Also zumindest in Bezug auf Sims.", nickt Gerda nachdenklich und greift nach der Klinke. "Auf keinen Fall trifft das auf Elektrogeräte zu. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es für mich oder andere prinzipiell so sein soll, dass zum Beispiel die Kaffeemaschine und der Toaster zur selben Zeit abkacken. Oder schlimmer! Der Geschirrspüler in Einigkeit mit der Waschmaschine!!! Guck nich so...", tadelt sie ihn, mit dem erhobenen Zeigefinger der linken Hand. "ist mir passiert, beides. Und ähnlich beschissen auch anderen. Das ist kein Witz und nicht ausgedacht.", erklärt Gerda betont.

"Schicksals- oder Karmaverschwörung... Keine Ahnung." Überlegend stolpern ihr weitere Worte gedehnt hinterher, "Wobei... Wenn ich so nachdenke... Früher war ich nich so zurückhaltend und nett. War schon - besonders mit Alk - eher vonna Fraktion Unangenehm und mies Pöbellaunig. Glaube das nur der Umstand, dass ich ne Frau bin mich davor bewahrt hat eins auf die Nuss zu bekommen.", hält Bird die Brauen synchron erhoben inne. Dann fährt sie grinsend und mit leicht gerötetem Gesicht fort, "Bestimmt auch nicht nur ein Mal verdient..."
Gerda bemerkt das sie abschweift und um zurück zum Punkt zu kommen, schüttelt sie den Kopf und kneift kurz beide Augen zusammen. Beim anschließenden Öffnen, reißt sie ihre Seher ein Müh zu weit auf um ernst zu sein. Dann heftet sie ihren Blick in den seinen und grinst ihn breit an. "Wie gesagt: Im simslichen Kontext stimmt das aus meiner Sicht. Guck Ash und mich an! Hätte ich sie damals nicht getroffen, hätte ich den Sprung nach Kanada nicht gewagt. Bin nämlich insgeheim ein Schisser. Und wer weiß? Wenn wir" deutet sie zwischen sich und Logan hin und her, "in etwa zur selben Zeit in Berlin gewohnt haben und uns damals nicht signifikant begegnet sind, sondern JETZT erst... Jahre später - nach Ash und meiner schicksalshaften Begegnung - und noch dazu am anderen Ende der Welt, Baghi... Ich weiß nicht...", arbeitet sie sich weiter in seinen Blick hinein, "Oder... eigentlich weiß ich es doch. Wir HÄTTEN uns auf JEDEN FALL auf nem Konzert getroffen. Hundert prozentig. Eh?!", beendet sie ihren nun ausgesprochenen Anfangsgedanken. "Und das das erst jetzt passiert, hat bestimmt seinen guten Grund." Kurz driftet Bird wieder in Gedanken weg, dann fügt sie hinzu, "Wäre zumindest übelst interessant gewesen, haha." Prüfend schmunzelt sie wieder, "Oder?"
Energisch philosophiert Gerda über Sinn und Unsinn von Karma und Schicksal, verstrickt sich in tiefere Gedankenknoten, die für einen Moment immer weiter von der Ausgangsfrage abzudriften scheinen. Nun, vielleicht passiert das, wenn man soziale und kommunikative Sims dazu zwingt, ihren natürlichen Rededrang zu unterbinden. Allerdings ist es beinahe bemerkenswert, wie sie dennoch den Dreh zum eigentlichen Thema zurück findet.

Die erste Berlin-Phase ist leicht zu rekonstruieren. "Mit achtzehn bin ich das erste Mal hin.", erklärt er, als Gerda die Tür öffnet und zuerst den Raum betritt. Bob kniet vor den Drums und stellt gerade die letzten Schrauben nach, wirft einen freundlichen Blick über die Schulter zu ihnen, bemerkt, dass sie im Gespräch sind und fokussiert sich wieder auf sein Werk. "Wollte nur weg,", fährt Logan die Erzählung, ein Nicken an den Wikinger gerichtet, fort, "bin mit Jake zusammen in die erstbeste Bude. Warn Dreckloch, störte uns aber nich." Vermutlich hatten sie beide dringend Abstand gebraucht. Während er selbst vor Schuld und Erinnerungen floh, war es bei Jake die Familie gewesen, die ihn vertrieb. "Da waren wir paar Jahre. Kein Plan, wie lange genau. Vier oder fünf vielleicht ..." An der kleinen Sitzecke angekommen - ausgestattet mit einem Sofa und zwei Sesseln - lassen sich die beiden Dazugestoßenen je in ein Möbelstück sinken. Logans Brauen ziehen nachdenkend tiefer ins Gesicht. "Ne, kann nich sein. Warte, ..." Damals haben Hanoi Rocks im alten White Trash gespielt. Bevor es zu Beginn der Gentrifizierung in eine günstigere Ecke ziehen musste. Das war vor ... verdammt ... sieben Jahren. Einige Tage später verließ Logan Europa. Ziemlich sicher, ja.
"Waren nur ... knapp drei Jahre.", hebt er den Blick, als Bob sich mit zwei Flaschen Wasser zu ihnen setzt und je eine anreicht. "Und dann noch mal, als die Hellacopters ihre Reunion hatten. Da bin ich das zweite mal gelandet. Da haben sie im SO36 gespielt und das war mein erstes Konzert zurück in der Stadt. Noch am selben Abend. Das war vor fünf Jahren. Im Sommer." Die Stirn legt sich angestrengt nachdenkend in Falten. Wie lange war er dann auf der Flucht? Seit wann ist er in Evergreen? Moment, das stimmt nicht. Seit Silvester ist er in Kanada. Quatsch, das war später. Oder? Aber Silvester war irgendwas. Er war doch mit Maryama aneinander geraten. Oder war das ... Billie? Ne, da passt irgendwas nicht. Billie hat das Kind bekommen ... am ...Moment, zu Silvester? Kann das sein? Klangvoll prescht ein ungeduldiges Ächzen aus ihm heraus, die Finger der linken Hand zu Krallen geformt reiben angespannt über die kurzen Locken. Worüber hat er nachgedacht? Über Billie ... Wieso stellt Gerda Fragen über sie? Was war die Frage überhaupt?

Er stellt die Flasche auf dem niedrigen Tisch vor sich ab, um die Kippen aus der Tasche zu ziehen und sich eine anzustecken. Die Sekunden während der routinierten Handgriffe verbringt er mit unauffällig bewussten Atemzügen. Okay, der Knoten is zu groß für dich, Bloody Bastard. Wenns wichtig is, fragt se noch mal. Der erste tiefe Zug verschafft schnelle Stresslinderung. Gerade will er zur Frage ansetzen, worüber sie sprachen, als die Tür aufreißt und Ashley und Ororo laut schnatternd herein kommen. Mit verschiedenen Getränken bepackt, grüßen sie die beiden, die vor wenigen Minuten noch nicht da waren. "Geil! Bist bereit, uns das Hirn raus zu kloppen?", grinst Ashley breit.
"Brauchst Begleitung oder haust du ohne uns rein?" Ororo hebt neugierig funkelnd die Brauen.
"Slow, girls." Logan hebt kaum den Blick, als er einen weiteren Zug inhaliert. "Ersma aufwärmen, wenns erlaubt is."
"Aufwärmen, wie professionell." Ashley stellt einige der Getränke auf den Tisch, andere verstaut sie anschließend im Kühlschrank. "Bitte, starte, wenn du soweit bist. Wir sind zwar fucking gespannt,", sie schließt die Tür des Kühlers, "aber wir haben Zeit."
Ihre Frage nach Jake muss warten, zum einem wirkt er plötzlich leicht verändert, bemüht konzentriert und zum anderen fallen gerade die verbliebenen PJ-Girls rein. Eine schmale Absprache und Getränkerunde später, tauschen Ash und Gerda eine heftige Drück- und Flüsterrunde zum gestrigen Abend aus. Schnell ist eine nonverbale Wir-quatschen-später-Verabredung getroffen. Alle sollen sich erstmal auf das Vorspiel konzentrieren. Außerdem hat sie sich selbst noch nicht hinreichende Gedanken und Analysen machen können. Das ihr vergangener Abend mehr als nur ein zweites, unvorhergesehenes, wild-herrliches auf- und ineinanderprallen mit Logan umfasst hat, klingelt auch immer wieder durch. Ihre Brudi-Misere versucht sich vehement auf Platz 1 der Gedankens lacht zu boxen. Aber darauf hat sie nun wirklich kein Bock! Und weil visuelle Reize helfen, wendet Bird ihren Blick wieder Baghi zu, nachdem sie auch Ro herzlich begrüßt hat, die by the way, ebenso wie ihre BBF, sie selbst und auch Logan nur halb so frisch aussieht. Gerda schmunzelt. Sie sind halt alle keine zwanzig mehr. Nur Bob! Aber das liegt wohl daran, dass er konsequent nicht trinkt. Kluger Typ. Gerda nimmt stehend die ihr zugedacht Flasche vom Tisch auf, schraubt den Deckel ihrer Wasserflasche ab und trinkt in großen wohltuenden Schlucken, während die Mädels ihnen schon wieder Raum geben und zu ihren Instrumenten herüberschlendern und sich langsam und konzentriert vorbereiten. Bird grinst breit, anschließend lässt sie sich wieder in das alte Ledermöbel plumpsen und sieht Baghi mit aufgeregten, funkelnden Augen an. "Das wird super! Du wirst sehen. Sie werden von deinem Spiel begeistert sein. Kann ich noch was für dich tun? Soll ich nochmal alle rauslotsen, damit du dich ohne unauffällig auffälliges Gestarre einstimmen kannst?"

Seitlich mit dem Kopf ruckend, gibt Logan ein Brummen von sich. Die Kippe klemmt im Mundwinkel, als er aufsteht, die Flasche Wasser mit drei Fingern angelt und gemütlich zum ihm bestimmten Instrument schlendert.
Während Ashley prüfend an einer ihrer Basssaiten zupft, spürt Logan Ororos neugierigen Blick auf sich.
Mit bedächtigen Schritten, geht er um das Instrument herum, nicht ohne mit zwei Fingern über das Ride-Becken zu streichen und so ein flirrendes Flüstern zu erzeugen. Hinter den Toms nimmt er Platz, stellt den Hocker auf seine Höhe und tritt ein mal kräftig auf das Pedal der Base, um den Winkel zu überprüfen. Ein letzter Schluck Wasser, dann zieht er die brandneuen, noch etwas steifen Sticks aus der Packung und atmet einmal tief durch den Kippenfilter ein, hält die Luft einen Moment in der Lunge, bevor der Rauch aus der Nase abzieht. Ohne hinzusehen, lässt er die Stöcke wie von selbst eine Tom nach der nächsten antippen, um ihren Klang aufzunehmen, geht dann zu den Becken über und wiederholt dort das kleine Ritual. Es ist seine Art der Kommunikation mit dem Instrument - eine Begrüßung, wie eine freundschaftliche Anfrage, ob sie miteinander zu agieren bereit sind. Als hätte eine klanglose Stimme nur zu ihm gesprochen, hebt sich ein Mundwinkel, der Kopf senkt sich mit einer leichten Neigung, als würde er das Gehör ausrichten und die ersten zarten Töne analysieren. Einen schleichenden Achteltakt für etwa eine Minute haltend, tippt er die Felle nur leise an. Dies ist noch kein richtiges Spiel, es ist nur das Aufwärmen, um in einigen Minuten richtig los zu legen. So stört es ihn nicht, dass die beiden Musikerinnen ein entspanntes Geplauder beginnen, während Bob sich nun neben Gerda setzt und sie interessiert mustert.

"Schau. Mich. Nicht. So. An.", warnt Gerda Ashley durch den Raum, ohne Wirkung. Ihre Freundin hat ihr Instrument nach dem Stimmen mit einer stummen Geste zu Gerda abgestellt und hat sich ohne auch nur zu Blinzeln oder sie aus den Augen zu lassen, auf sie zu begeben. Bob indes, fummelt an irgendwas herum und schickt ein Grinser zu den beiden Frauen im Abseits. "Komm schon. Als ob ich dich in Ruhe lassen würde und als ob du es mir nicht sowieso erzählen wirst." Eine Pause entsteht, in der Gerda resigniert die angehalten Luft heraus lässt. Schweigend. Im Augenwinkel sieht sie, wie die Augen hinter der Brille spöttisch zu leuchten beginnen, dann geht der Mund in einer übertriebenen, sensationslüsternen Art auf. So bleibt sie direkt vor der deutschen stehen, so amerikanisch Nanny Fine-mäßig das Gerda ihre gespielte Genervtheit nicht länger aufrecht halten kann. "Ja ist es, und ja, haben wir." Die Augen der Berichterstatterin werden schmal. "Ja, es war uncool nicht Tschüss zu sagen und es ist genau so geil wie spontan gewesen - ich wär jetzt noch geil wenns danach nicht irgendwie gekippt wäre. Okay?" Der mittlerweile komplett aufgerissene und bis ins letzte gespannte Körper von Ash ist wie eingefroren, nur ihre Augenbrauen Formen Nachfragen. Gerda räuspert sich und wendet ihre Aufmerksamkeit Logan und Ro zu. Sein ganzes Sein verbindet sich stückweise mit dem Schlaginstrument, dass was sie gestern schon so voller Freude und voll des Whiskeys erleben durfte, passiert erneut. Nun grinst sie zu den beiden, ein Themenwechsel versuchend. "Schau, da passiert gleich Verschmelzung. Du wirst es lieben. Sein Spiel, sein Können und seine Hingabe...", murmelt sie.

Seelig lächelnd folgt Bobs Blick der Aufforderung, während der Fokus seiner Freundin zwischen Gerda und deren Mitbewohner hin und her springt, unschlüssig, welches Thema Aufmerksamkeit verdienen will. Natürlich ist er zum Vorspielen hier, das sollte Priorität haben. Doch so ganz lässt sich ihre Sensationslust nicht abschütteln. Immerhin geht es hier um das Wohlsein ihrer Besten. Ein Stück näher an Gerda heranrückend, den Blick nun auf das potentielle neue Bandmitglied gerichtet, raunt sie mit gedrückter Stimme: "Was meinst denn mit 'gekippt'? Ihr scheint euch doch zu verstehen."
Unter leicht erhobenen Brauen registriert sie beiläufig das sich langsam steigernde Tempo des Drummers, wobei das Spiel noch schlicht und in mittlerer Lautstärke bleibt. Hinter einem zugekniffenen Auge umschließen seine Lippen den Filter der Zigarette, um ihr einen weiteren Zug zu entlocken, während Ororo sich ihm um ein paar kleine Schritte nähert. "Das Schlagzeug wird Ende nächster Woche abgeholt.", erklärt sie über die Toms hinweg, einen Arm lässig auf die umgehängte Gitarre gelehnt. "Wir müssten dann sehen, dass du ein eigenes - oder zumindest erstmal ein anderes bekommst."
Zur Kenntnis nehmend nickt er, ohne vom soften Spiel abzulassen. Seine Drums stehen noch immer in Oasis Springs herum. Was ein Transport bis auf den anderen Kontinent kostet, kann er in keinster Weise einschätzen. Die Gedankennotiz, sich zu informieren, wird beiseite geschoben, als er in einen handfesten 3/4 Takt übergeht, und nun beginnt, die Becken akzentuiert mit ins Spiel einzubeziehen.

Bird schnalzt mit der Zunge auf, "Wenn ich das wüsste und richtig beschreiben könnte. Ich war ja auch nicht ganz nüchtern." Nach Worten suchend, beginnt sie irgendwann einfach ihr Gefühl und das Geschehen aus der Erinnerung zu erzählen und zusammen zu fassen. "Begonnen hat alles, mit nem schwachen Schuh-Moment im Club. Bin dann raus zum Kopf frei machen, dass hat er mitgeschnitten und kam dann hinter. Wir haben geredet. Nein. Also ich hab irgendwie geredet, Logan war einfach therapeutisch da. Dann wurds besser, wir haben zu trinken und ich das Tanzen angefangen. Schwupps und sieh mal einer da, da war dann so ein Moment, und dann noch einer und noch einer. Mehr Whiskey passierte und wir waren kurz bei euch Backstage. Da war aber gerade Heulerei und Abschiedsschmerz, den ich nicht ertragen konnte und dann hab ich ihn angestiftet, hinter Jo's Drums zu gehen. Dann gab's n Vorgeschmack aufs feuchte Höschen, dann nen Rauswurf." Gerda schraubt die Trinkflasche auf und nimmt einpaar Schlucke. "Und dann, tja dann wurden die Momente heißer, klischeehafter und unbremsbar. Wir sind um die Ecke und wir hatten einen unglaublichen Fick." Vielsagend schaut sie Ash an. "Und du weißt, ich red' sonst nich so... Aber... Ich wurd so richtig schön gegen die Wand", ein Zeigefinger deutet auf die Schürfwunden auf der Wange, "gedrückt, Ash. So richtig. Es war... 'Genau das, was ich brauchte. Nach all der Zeit, nach all dem Schmerz mit David.' Hätte nicht gedacht das das so mein Ding sein kann. Es war einfach animalisch und auf den Punkt." Bewusst schaut sie nicht zu ihm rüber. "Danach allerdings, hat er mich stehen lassen, ist vorgegangen und hat sich ne Flasche vom kratzigen Gold gekauft und zur Hälfte reingestellt, als er auf mich gewartet hat. Dann sind wir nach Hause, haben die Flasche geleert und nicht mehr wirklich miteinander gesprochen."

Ashleys Mimik zeigt ein mitfieberndes Wechselspiel der Erzählung, bis sie stutzend verharrt. Einige Momente lässt sie die Worte sacken. Ihr Blick ruht auf dem Neuzugang, der in einem leichten Gespräch mit Ororo weiterhin die Sticks über die Felle schiebt. Der erste Eindruck ist gut, findet sie. Sein Taktgefühl wirkt sicher, aber diese Qualität zeigten schon andere vor ihm. "Naja,", murmelt sie, Gerdas Beschreibungen in sich bewegend, "er scheint mir generell nicht unbedingt gesprächig. Vielleicht bedeutet das nichts. Oder er ist einfach ein unreifes Arschloch." Ihre Schultern zucken fragend, als sie der Freundin einen tröstenden Blick schenkt.
"Nein, Ash. Er ist kein Arschloch.", wehrt sie langsam ab. Dann überlegt sie. "Zumindest nicht mir gegenüber. Da ist Unbeholfenheit, Impulsivität, Trauma und Flucht, ja. Aber einfach nur Egozentrik? Nein. Da bin ich mir sicher."
Begleitet von einem verstehenden Geräusch nickt Ashley kurz, den Neuen wieder in Augenschein nehmend. Sein Mund bewegt sich schief redend, weil er noch immer die Kippe festhält, bevor seine linke Hand sich zum Gesicht hebt, um sie mit Daumen und Mittelfinger zu nehmen. Der letzte Zug wird lässig inhaliert, als Ororo ihm ein Gefäß zum ablegen anbietet. Den Qualm langsam ausstoßend zerdrückt er den Filter, die rechte Hand hält derweil den gemütlichen Takt auf der Tom, begleitet von Base und High Hat über die Pedale. "Okay, lets get the Party startetd.", murmelt er und zieht sein Handy aus der hinteren Tasche, aktiviert die Bluetooth-Verbindung zu dem kleinen Lautsprecher, den er am Hosenbund trägt, und sucht aus dem Player die eigens für heute vorbereitete Tracklist von drei Songs heraus. Stücke, die er live begleiten wird und die, seines Erachtens nach, eine gute Mischung aus Geschwindigkeit, filigranem Handwerk und Ausdauer ergeben.

Nach dem eingespielten Anzähler gibt er einen dreifachen Schlag auf die Toms, das Becken folgt direkt und so eröffnet er einen rasant-harten Lauf, spielt 1/4 zu 3/4 Takt im Wechsel, der Kopf nickt rhythmisch zum Sound. Ein guter Opener, weil er sofort Aufmerksamkeit einfordert.
Die erste Bridge setzt ein, das Tempo wechselt zu kräftigem 2/4 Takt, unter dem sich seine Muskeln zu spannen beginnen. Wohlige Wärme schießt ein, der Beat treibt sich durch jede Faser tief in sein Inneres.
Bilder von vor einigen Jahren prügeln sich hinter seine Stirn, als er mit Dave und James in der kleinen Live Bar abhing, mit ihnen spontan herumjammte, nachdem ihr Gig beendet war. Damals hatten sie diesen Song als erste Zugabe gespielt und den kleinen Raum an den Rand der Explosion gebracht - und seine Ehrfurcht erlangt.
Gerda wendet sich nun doch mit ihrer Aufmerksamkeit dem Panter zu, der sich lässig qualmend vorbereitet und gegenwärtig nebenbei an deiner Hose rumfummelt. 'Hmmmmm... Da isse wieder, diese mich immer anschaltende Zigaretten-Macho-Coolness der späten 70er Jahre...' Sie schluckt, als das wohl beste (!) Eröffnungsstück allerzeiten von seiner Hose aus mit kräftigen Schlägen des Schlagzeugs untermalt zu ihnen herüberschallt. Gerda schwenkt ihren Blick zu ihrer Freundin: ihr Schlüpfer wieder binnen Sekunden unklar auf dem Weg zum angenässt sein. 'Scheiße.' Bob kommt langsam aber umso mehr schmunzelnd auf die Sofaecke zugeschlendert, in seiner gewohnten, entspannten Grundhaltung. Sie weiß, dass beide ihr aus dem Gesicht ablesen können, was bei ihr gerade los ist. Aber zum Glück arbeitet sich noch etwas anders in ihren Körper. Das Musikstück! Sie kennt es, kennt die Band!!! Hat zwei der Mitglieder des Interpretentrios in Berlin oft genug spielen sehen, ja sogar nette Plauderrunden mit ihnen gehabt. Krassgeil. Sie wird so schnell auf Zeitreise geschickt, dass Teile ihrer Realität sich mit Teilen aus ihrer Erinnerung verpflechten. Als Bird sich wieder einigermaßen im Griff hat, sagt sie klar und gut vernehmlich, "Hab ich's euch nicht gesagt?" Mit dem Stolz einer Mutter verschränkt sie ihre Arme vor der Brust Nachdem das Wasser abgestellt ist und lehnt sich zurück um die Show zu genießen. Sie erhascht Ro's Begeisterung und sieht, wie sie von seinem Spiel und dem Stück mitgerissen wird. "Den werdet ihr sowas von aufnehmen.", nickt sie langsam und wissend. "Und Tempo, kann er halten, dass sag ich euch." ,beißt sie sich mit hochrotem Kopf auf die Unterlippe, den Blick stur geradeaus, um ein paar Sekunden der Kommunikationspause zu bekommen.

Ashley lacht schallend auf, stößt Gerda mit dem Ellenbogen fröhlich in die Seite.
Ihr Lachen geht im Scheppern der Becken beinahe unter, so dass Logan die heitere Stimmung der Zuschauertribüne nicht mitbekommt. Inzwischen steckt er bis zu den hintersten Synapsen im Musikrausch. Ist das geil, einfach nur reinkloppen zu können, Rhythmus zu spüren, den Lärm zu atmen - Musik zu sein. Die meiste Zeit sind seine Augen geschlossen, je weiter der Song voranschreitet, umso energischer wird nicht nur sein Spiel, sondern auch seine Mimik, die mit jeder Faser den Text mitformt. Der letzte Refrain ist eingeleitet, stumm singt er bei dem Gegröhle mit, so dass sich eine einzelne Ader vom Hals bis in die Schläfe deutlich hervorhebt. Erste Schweißperlen beginnen auf der Stirn zu glänzen, die kleine Zahnlücke zeigt sich, als die Oberlippe sich zu den finalen Beckenschlägen zusammenrafft. Der rechte Arm prügelt den abschließenden Klang aus der Ride, ehe er sich langsam, beinahe durchatmend in einem weichen Bogen zum Rest des Körpers zurückzieht. Als hätte er soeben Erlösung für lange aufgestaute Energien gefunden, hebt und senkt sich sein Brustkorb meditativ. Nach einem kaum merklichen Nicken öffnet er die Augen, nimmt die Flasche, die neben ihm am Boden steht, und schüttet die Hälfte in sich hinein.
"Ja, geil!", ruft Ororo breit grinsend. "Wenn du den zweiten auch so hinlegst, kriegst du definitiv ein Foto von mir." Nach Bestätigung suchend wendet sie sich Ashley und Bob zu und bemerkt erst jetzt Gerdas zufriedenen Ich-habs-euch-ja-gesagt-Ausdruck.
Sofort zurück in der alles überspielenden Lässigkeit gelandet, nickt Logan der Gruppe auf diesen Kommentar hin nur zu, als bereits der erste Schlag des nächsten Stücks aus der Box schießt. Den zweiten Beat fängt er souverän mit der Base ab, nimmt sich dennoch die Zeit, die Flasche abzustellen und die Stirn im Shirtärmel abzutupfen und erst dann die High Hat parallel zur Vorgabe zu bearbeiten.
Die Blicke der Musikerinnen treffen sich. Ist das etwa ... nein. Oder doch? Es gibt einige Songs, die mit diesem oder sehr ähnlichem heraufbeschwörenden Beat beginnen. Als beide ahnungsvoll zu ihm herüber sehen, legt sich ein schiefes Schmunzeln auf Logans Gesicht, ein weiteres knappes Nicken ist die Antwort, begleitet von angezogenen Augenbrauen. Es ist überdeutlich, dass er die Songs nicht zufällig gewählt hat - ja, ihr kennt das Ding. Macht was draus oder lasst es.
Die erste Line bleibt dem Schlagzeug vorbehalten, doch als die Gitarre in der zweiten einsetzt, öffnet bestätigende Begeisterung die Gesichter der Frauen, Ashley entfährt ein gedehnter Jubel, selbst Bob strahlt wie ein Kind. Am Ende der ersten Strophe, hallt das Becken aus, freudige Erwartung zieht in die Gesichter der Sofaecke ein.
Ein kräftiger Schlag auf die Tom eröffnet die treibende zweite Strophe, Ororos Gliedmaßen steigen beinahe parallel in den Rhytmus mit ein - dann reißt der Refrain sie laut singend von dem Möbelstück, beide Hände voller Eifer erhoben lässt sie sich unwiederbringlich mitreißen.

Es ist zwar nicht so, als hätte die ganze Klick-in-Nummer, die da gerade stattfindet auch nur im entferntesten mit ihr zu tun. Wirklich nicht. Und dennoch macht sich dieses warme, zufriedene Gefühl in ihrer Brust beit, als hätte sie ganz persönlich etwas verloren gegangenes zurück gebracht, etwas, was die Sims-Welt mittlerweile schon aus Selbstschutzgründen abgeschafft hatte. Hoffnung. Erfüllung. Und sie, Gerda Karlotta Simmer, hat ganz allein die Zusammenführung der glorreichen Drei herbeigeführt, sodass Magie e n d l i c h wieder durch alle hindurchpulsen kann. Birds Grinsen fängt langsam an weh zu tun. Der Song flutet durch die Eingeweide aller mittlerweile Beteiligten und Unbeteiligte - Ash und Ro nun links und rechts vom Panther. Ein wahrer Rausch kindlicher Freude jagt durch jede organische Zelle. Sogar Bob ist völlig aus dem Häuschen - pfeift, johlt und singt lauthals mit. Der Proberaum steht kurz vor der Apokalypse. Und der Wiedergeburt. Und... Gerdas Gehirn hat sich irgendwo aufgegangen. Als das Lied sein Ende findet, begleiten ihre Begeisterungsbekundungen die drei ein bisschen zu lange nach. Bob legt ihr die Hand auf die Schulter und schuscht ihr beruhigend zu, damit sie der Band den Raum zurück geben kann, sodass nicht jedes Wort durch ihr Gekreische und Geklatschte unterbrochen wird.
Bob, Ashley und Ororo singen gemeinsam die letzten Zeilen - laut und heiß vor Energie, überschlagen sich krächzende Stimmen. Das spontane Zusammenspiel, als Ororo im Gitarrensolo eingestiegen ist und Ashley kurz darauf folgte, war keineswegs sauber, aber darum geht es nicht. Was für eine Energie, was für eine Präsenz. "Geil!" Die Freude spaltet das Gesicht der Sängerin, als sie Logan über das Insturment hinweg die Faust zum Abklopfen reicht.

Zufrieden, aber einige Atemzüge deutlich pumpend schlägt er ein, legt dann die Sticks beiseite und trinkt den Rest der Flasche leer, ehe er aufsteht und das Schlagzeug umrundend zur Sitzecke geht, wo er aus der kleinen Tasche ein Handtuch hervorzieht und sich über Kopf, Nacken und zuletzt den Hals wischt. Für einen Moment fühlt er sich herrlich entspannt - etwas, das er auf nüchternem Gemüt seit einer Weile nicht mehr gewohnt ist. Und dennoch bleibt ein kleiner Rest heimlicher Befangenheit, als ihn der Wunsch streift, das verschwitzte Shirt gegen das frische auszuwechseln. Inmitten der eigentlich unbekannten Augenpaare verspürt er die aufsteigenden Hemmungen, den vernarbten Oberkörper zu entblößen. Zwar sind die meisten Souvenire durch Tattoos verdeckt, doch kritischen oder interessierten Blicken fällt erfahrungsgemäß dennoch die eine oder andere Unebenheit im Hautbild auf. Er hat schlichtweg keine Lust darauf, angestarrt zu werden. Nicht auf diese Weise.
Kurzerhand beschließt er, die Toiletten am Ende des Flures aufzusuchen. So kann er sich unter den Vorwand, sich Wasser ins Gesicht zu schmeißen, ganz in Ruhe trocknen und umziehen. Und so verlässt er den Raum, das Handtuch um den Nacken gelegt, Shirt in der einen, Kippen in der anderen Hand.
(In Zusammenarbeit mit @S.Bin. )
#36
Charaktere: Logan, Gerda, Bob, Ash, Ro
Ort: Proberaum Pleasant Journey
Geschichtsstrang: Pleasant Journey III
Die Luft in dem kleinen Bad steht vor Stickigkeit. Fenster existieren hier nicht, die Lüftung scheint auf den ersten Blick defekt, doch die vorherrschende Schwüle lässt vermuten, dass die sommerliche Wärme durch die schmalen Gänge den Weg zu den Herren-Toiletten findet.
Ein gezielter Griff über den Kopf hinweg zwischen die Schulterblätter packt das feuchte Shirt und entreißt es dem Körper in einem Zug. Logan dreht den Wasserhahn auf und beugt sich so weit herunter, dass der Strahl über den Hinterkopf fließt. Es ist nicht so, dass Hitze ihn stört, doch hätte er die Wahl, würde er sich immer für softe Minusgrade entscheiden.
Nachdem das Wasser große Teile des Gesichtes umspült hat, richtet er sich auf, um eine Ecke des mitgebrachten Handtuchs unter den Strahl zu halten und sich damit an Nacken und Achseln ein frischeres Gefühl zu geben. Wasserhahn aus, mit dem Rest des Handtuchs abtrocknen, ehe er in das saubere Shirt schlüpft. Abschließend betrachtet er sein Spiegelbild - etwas, das er selten genug tut, um sich darin irgendwie fremd vorzukommen. Was jetzt, du kleiner Bastard? Sorgenvoll hebt sich eine Braue, ohne dass er es kontrollieren könnte. Das Vorspielen lief richtig gut. Doch der theoretische Gedanke, in eine Band einzusteigen, ist etwas vollkommen Anderes, als es praktisch zu tun. Eine Band bedeutet Verantwortung. Loyalität. Gegenseitiges Vertrauen. Zuverlässigkeit. Das packste doch nich. Logan ist kein Naivling. Er weiß, dass man nicht auf beste Freunde machen muss, nur weil man die selben Stücke spielt.
Trotzdem willigt er damit einer Verbindung zu, die ein gewisses Maß an Ehrlichkeit erfordert. Die Mädels verlassen sich darauf, dass er seinen Teil beitragen kann - was nicht grundsätzlich zutrifft.
Beide Hände auf das Waschbecken gestützt, sackt der Kopf kraftlos auf die Brust. Verdammter Vollidiot! Hättest nich einfach die Fresse halten können?! Unter den Brauen aufschauend betrachtet er sein Gesicht. Die Narben leuchten im Schein des sterilen Lichtes, als würden sie ihn an seine Schwächen erinnern wollen. In seiner Brust zieht sich etwas zusammen. Dieses Gefühl, das ihn davor warnt, zu lange hinzusehen, sollte er nicht die Kontrolle verlieren wollen.

Geräuschvoll ausatmend stößt er sich vom Becken ab, greift nach den Zigaretten und steckt sich eine an. Kurz stockt er, als das Zippo die Flamme entblößt. Prüfend wandert sein Blick nach oben an die Zimmerdecke. Keine Rauchmelder, keine Sprinkleranlage. Und das in Kanada ... Innerlich mit einer Schulter zuckend nimmt er den ersten Zug Nikotin auf. WENN er in die Band eintritt, muss er mit offenen Karten spielen. Alles Andere wird auf Dauer nicht funktionieren. Heißt, du erzählst denen was - die sagen, is scheiße und dann was - haste dich umsonst nackt gemacht. Ein weiterer tiefer Zug. Kopfschütteln. Die Finger der rechten Hand wischen zusammenführend über die Augen, als könnte er so das Chaos aus seinem Hirn ziehen. Musst ja nich die verfickte Lebensgeschichte auspacken. Nur die soziale Inkompetenz klar machen. Es wäre nur fair, sie darauf vorzubereiten. Sie wissen zu lassen, was für einen Freak sie sich hier gerade anlachen. Vermutlich schmeißen sie ihn dann ohnehin raus. Bullshit, die kapieren doch gar nich worums geht. In der Vergangenheit ist jeder Versuch, sich offen und kommunikativ zu zeigen, ins Leere verlaufen, weil die andere Seite seine Beschreibungen unterschätzt hat. Wie könnten sie auch nicht? Den Meisten fehlen schlichtweg die Erfahrungen mit Psychos wie ihm.
Jake war bisher der Einzige, der ihn nicht verurteilt hat für das, was er ist. Logan verharrt in der Bewegung, als er die Zigarette zum Mund führt. Und Gerda. Sie hat bereits einige seiner leichteren Special Effects kennen gelernt. Und bietet ihm dennoch ihre Gesellschaft an. Die muss noch kaputter sein, als er. Anders ist so etwas nicht erklärbar. Dennoch könnte sie seine Aussagen zumindest teilweise untermauern. Den Girls klar machen, dass das Zusammensein mit ihm keine lustige Party ist, sondern eher eine Fahrt in einem Kotzkessel, bei dem eine Schiene fehlt.
Vor sich her nickend zieht er am Filter, legt den Kopf in den Nacken und beobachtet, wie sich der graue Qualm wie von selbst aus dem geöffneten Mund herausarbeitet. Aber was erzählste denen? Dass dun launischer Bastard bist? Das trifft es nich mal ansatzweise. Schon bald beginnt die dunklere Jahreszeit. Albträume und dadurch resultierender Schlafmangel aka launische Ausbrüche werden zunehmen. Wenn es schlecht läuft, wird er von einem Flashback in den nächsten stolpern. Dissoziationen verschiedener Art sind unumgänglich. Warum, zum Teufel, kann er sich nicht einfach drei oder vier Monate in einer Höhle schlafen legen, bis der Scheiß überstanden ist? "Okay.", redet er sich nickend zu. Ein letzter Zug, bevor er die Kippe in die Toilette wirft und einmal tief durch atmet. Zum Kampf bereit verlässt er das Bad, nimmt mit kräftigen Schritten den Weg durch den Flur und spürt bereits, wie ihm die Taubheit in die Brust steigt. Offenheit, yay!

Als er den Proberaum betritt, sitzen Bob, Ashley, Ororo und Gerda wie erwartet beieinander, schnattern angeregt und ausgelassen durcheinander. Ihre Blicke heben sich ihm freundlich entgegen. Wunderbar. Acht Augen, die ihn aufmerksam anstarren werden, wenn er die mentalen Hosen runter lässt.
Einen kurzen Moment steht er da, den Blick wort- und hilfesuchend auf den Boden gerichtet.
"Alles klar?", fragt schließlich Ororo, als das Schweigen sich in die Länge zieht.
"Mh." Ein knappes Nicken seinerseits trifft Gerdas Blick. Er sieht ihr an, dass sie es ihm ansieht.
Die lockere und leichte Stimmung sickert nahezu tröpfchenweise aus dem begeisterten, wartenden Trüppchen heraus, als Baghs zurückkehrt und es zu dieser Stille kommt, die alle rest-verkaterten und auch schon wieder klaren Köpfchen in der Erwartungshaltung festhält. Als Ro ihn anspricht, und Bird seinen Blick auffängt, ist ihr klar, dass er irgendwelche Hemmungen hat. Hinter ihrer Stirn arbeitet es fieberhaft. Plötzlich fällt ihr ein, woher sie den Ausdruck von Gesicht und Körper bei ihm kennt. 'Überlegst du... überlegst du, ob du NICHT einsteigst?!' Nein! Das macht keinen Sinn. 'Er ist viel zu sehr Musiker und glückselig beim Spielen gewesen, gestern und heute, dass kann es nicht sein. Er will die Band, er braucht genau das!' Unruhig schiebt sie ihre Handflächen über ihre bejeansten Oberschenkel. 'Scheiße, nein! Du willst etwas ansprechen, oder? Etwas offenbarendes?' Fieberhaft beißt sie sich auf die Lippe. 'Aber du hast das Zutrauen nicht. Nicht zu dir!!!' Knallt es Gerda in die Stirn.
Noch bevor Gerda so richtig nachdenken und abwägen kann, ist ihr Mundwerk schon zugange und es stürzen die Worte aus ihr heraus. "Ja Mensch, dass war mal geil und nun is ja auch alles klar, was? Du passt ganz offensichtlich in die Band wie die Faust aufs Auge." Mit Schwung steht Gerda auf und bewegt sich schnatternd zum Kühlschrank, um eine Runde Getränke zu holen. "Jetzt müssen nur noch die Rahmenbedingungen besprochen und die Mankos eines jeden dargelegt werden, damit wir - also ihr - gleich im Vorfeld euch Lösungsstrategien zurecht legen könnt, damit dann im Falle eines Falles der Umgang miteinander klarer und mit Verständnis geregelt werden kann.", nickt sie, fünf Flaschen unterschiedlichster Art abstellend. "Weil wir alle Grund verschieden sind, wie diese Getränke hier," unterstreicht sie ihre Ausführung mit einer Geste zum Tisch. "Zum Glück.", führt sie fort, zunehmend mit klopfendem Herzen. Sie räuspert sich. "Und wenn wir ehrlich sind, haben alle nervige oder lästige Baustellen, die wir nicht gut regulieren können, die uns und anderen das Leben erschweren." Nach einer kleinen Unterbrechung gibt sie sich Mühe, Logan bestimmt aber nicht zu drängend anzusehen. "Was nicht heißt, dass es K.O.-Kriterien Baustellen sind oder sein müssen." Anschließend stellt sie sich locker etwas dichter an ihn heran, sodass er nicht wie vor einem Gremium steht. So ist es jetzt eher wie bei der Tafelrunde, freut sie sich zufrieden. "Also... wer traut sich als erstes auszupacken?"

Drücken die Gesichter der Sofarunde anfangs unterstreichende Begeisterung aus, zieht nach und nach Verwirrung in jedes einzelne ein.
Ashleys Stirnrunzeln trifft zuerst auf Ororos Schulterzucken, dann auf Bobs Schmunzeln. "Was tust du?", fragt sie letztlich, obwohl ein Teil ihres Verstandes nach einer vagen Ahnung angelt. "Das klingt irgendwie nach Selbsthilfegruppe."
In Logans verhärteter Mimik schimmert es milde in Gerdas Richtung. Damit ist sein Schuldenberg bei ihr gerade aufs Dpppelte angewachsen.
Trocken schluckend kann er ihrem aufbauenden Blick nicht standhalten und klammert sich an einen alten Fleck im Teppich unmittelbar vor dem niedrigen Tisch. "Okay, also,", tief atmend versucht er die Gedanken zu fassen, die er noch vor wenigen Minuten mühevoll gesammelt hatte, "keine Ahnung, wie ich anfangen soll.", murmelt er in sich hinein. "Es gibt da ... so ein, zwei ... fünfzehn Sachen, die es zu besprechen gibt." Die linke Hand streicht ruhesuchend über den Bart. "Es is so, dass ich nich unbedingt ... naja ... ausgeglichen bin. Die Wahrheit is,", die Brauen ziehen weit in die faltige Stirn, "ich bin n ziemlicher Freak. Ihr solltet das wissen, bevor ihr die Sektfontäne zündet." Seufzend schenkt er Gerda einen entschuldigenden Blick, als würde er nicht nur zur und über die Band sprechen. "Ich bin oft nich einfach. Und damit mein ich beschissen anstrengend." Auf der Unterlippe herumbeißend greift er in die Hosentasche, um zeitschindend die Zigaretten hervorzuholen und sich eine anzustecken. "Hab da son paar Dinger am Laufen,", die Zigarettenhand hebt sich zur Schläfe, um dort gestenreiche Kreise zu ziehen, "die ich nich kontrollieren kann. So Psychoscheiße." Hastig zieht er am Filter, das Gefühl niederringend, wie ein Zirkusaffe angestarrt zu werden. "Normalerweise geb ich damit nich so an, aber ne Band is ... naja... ne ernste Sache. Da muss man ... ach, keine Ahnung." Der nächste nervöse Zug erstickt das aufkommende Seufzen.

Als Ash laut und Ororo stumm mit ihrem zu einer Frage gerafften Gesicht nachfragt, worum es hier jetzt gehen soll und vor allem warum, bläst Bird die Backen auf und will gerade ansetzen irgend etwas überbrückendes in die Runde zu gehen, als Baghi zu sprechen anfängt. Erleichtert lauscht sie seinen Erklärungen, wobei sie den gegenüber sitzenden Teil der Ritter beobachtet. Bob hat unterdes nicht aufgehört mit seinem so warmen und offenem Lächeln, bei Ash läuten alle Glocken des Verstehens und Ororo entspannt sich und nimmt sich eine Flasche vom Tisch. "Ich finds gut, dass du für klare Verhältnisse sorgt." Die Sängerin prostet in seine Richtung. "Ich denke wir sind alle alt genug um zu wissen, dass jeder irgendwie ein Ding zu laufen hat. Wichtig ist mir, dass wenn du da bist, du dann verlässlich da bist." Ro öffnet lässig die Kronkorkenflasche an der Tischkante. "Meint, dass ich wissen will, wo du's alleine packst oder eben auch nicht, wenn", sie zieht spiegelnd seine kreisende Geste, "du eins deiner fünfzehn? Irgendwas hast. Und dass Du bescheid gibst, wenn Ash und ich dann überbrücken müssen. Deutliche Signale und Absprachen. Dann sehe ich meinerseits kein Problem." Ohne Regung ergänzt sie, "Und ich für meinen Teil furze wie ne Sau, wenn ich mexikanisch esse, was ich häufig tue. Ist auch nicht immer schön, muss dann aufpassen, dass ich mich nicht verspiele."

Ashley lacht kurz auf, nickt zustimmend, während Logan der Sängerin einen zweifelnden Blick zuwirft. Ernsthaft? Sie redet vom Furzen? Angespannt setzt er die Zigarette zwischen die Lippen, spreizt die Finger der linken Hand, zwei Gelenke geben ein leise erlösendes Knacken von sich. Das Nikotin inhaliert, pflückt die Hand den Glimmstängel wieder aus dem Gesicht, ehe er zu einem neuen Versuch ansetzt: "Ich rede nich davon, wer den stärksten Mauldampf hat." Kopfschüttelnd reibt er sich über den Nacken, um das beklemmende Gefühl abzustreifen. "Ich könnte sagen, ich will nich angefasst werden, oder dass mein Knie ne eingebaute Wetterstation hat, aber das is Kleinscheiß." Mit einem Schritt nach vorn greift er nach einem Bier, das ohne Umschweife geöffnet und in den Rachen gekippt wird. Sich sammelnd beginnt er mit dem Daumen an dem Etikett herumzupulen. "Ich mein den richtigen Scheiß." Die Schultern sacken zusammen, als er sich auf die Tür zu bewegt und dagegen gelehnt auf den Boden sinkt, wo er sitzen bleibt. "Gedächtnislücken, Wutausbrüche, Panikattacken, Fluchtreflexe ..." Ein gieriger Zug an der Kippe bringt eine Sekunde Pause in die energische Aufzählung, bevor er leiser, beinahe beschämt weiter spricht: "Dissoziationen, Derealisationen, Paranoia, Hallus. Die ganze Psychoparty."
Betretenes Schweigen erfüllt den Raum. Mindestens einem Gesicht ist anzusehen, dass es mit diesen Worten nicht viel anzufangen weiß. "Manchmal ...,", nimmt Logans Stimme zögerlich wieder Fahrt auf, "verlier ich die Kontrolle. Und dann ...", schweres Seufzen, "brauch ich nen Impuls, der mich zurück holt."
Bob bedankt sich im Namen aller für Logans Offenheit und signalisiert, dass er trotz Ororos unpassender Wahrheitsbekundung nicht nur ernst genommen wird, sondern auch gut unter den Anwesenden aufgehoben ist. "Kannst du uns, wenn es dir jetzt nicht zu viel ist, Beispiele für solche Impulse geben? Vielleicht lässt sich auch einiges ableiten, sodass du in einer solchen, ich nehme an stressigen Situation, nicht noch obendrauf die Last hast, uns Hinweise zu geben zu müssen? Dann ist es etwas transparenter und wir können unterstützen, wenn du das möchtest." Um das Zusammengehörigkeitsgefühl zu unterstreichen, angelt er sich das Stille Wasser vom Tisch, obwohl er keinen Durst hat.

Die Ellenbogen auf den Knien aufgestützt, fährt Logan sich durch die straffen Locken. Seufzend arbeitet es hinter seiner Stirn. Maryama hatte schon versucht, Gespräche dieser Art zu führen und er konnte keine zufriedenstellende Antworten geben. "Ich weiß nich, man." Er wagt nicht, in die Gesichter zu sehen und so starrt er auf seine Hände, die nun, die Flasche haltend, vor ihm darauf warten, etwas zu tun zu bekommen. "Ich schalte erst rein, wenn die Party schon vorbei is." In den verschütteten Erinnerungen grabend, tut sich plötzlich ein Gedanke auf. Zögerlich wandern seine Augen zu Gerda herüber. An den Bruder-Stiefeln klammert sich sein Blick fest, um sie nicht direkt ansehen zu müssen. "Sie hats schon geschafft." Dezent ruckt sein Kopf in ihre Richtung. "Kein Plan, wasse gemacht hat." Seine Worte sind gedämpft, so dass der aufmerksame Beobachter erahnen kann, dass es nicht allein die Scham ist, die aus ihm spricht.
Ashley beobachtet das markante Häuflein Drummer mit warmen und dennoch abschätzendem Blick. Das, was sie auf dem vorletzten Konzert mit Jo von der Bühne aus von den beiden wahrgenommen hatte, stellt sich jetzt wieder ein. Ein ungleiches aber harmonierendes Paar, mit Pfeffer und Pflaster. Sie erinnert sich, dass sie den Gedanken hatte, dass sie sie gerne öfter zusammen erleben würde. Nicht zuletzt, weil ihre Beste auf ihn ganz anders reagieren und sich selbst auch über ihn anders erfahren kann. Klarer, kompromissbereiter, reifer und reflektierter als in ihren Partnerschaften zuvor. Dass die zwei da noch einen weiten Weg zusammen haben werden, bevor sie sich eingestehen können, dass sie ein gutes, festes Paar sein werden - wenn sie sich trauen - ist ihr längst bewusst. Außerdem ist er ein guter Drummer und Gerda hat längst raus, dass er einen guten Kern haben muss. Seine Ehrlichkeit bekräftigt das, er hat eine Chance verdient. Sie entscheidet sich für einen unmissverständlichen Zuspruch. "Wisst ihr, vielleicht lassen wir einfach alles mal auf uns zu kommen und gucken dann situativ. Denke, das die Linie, die unsere Gerda fährt dir am besten hilft: Raum geben? Wenn mir was nicht passt oder ich denke dass du gerade was zu laufen hast, werde ich dich proaktiv und vorsichtig ansprechen. Abgemacht?"

Verständnis. Annahme seiner Person. Nicht sicher, wie er damit umgehen soll, hält Logan den Blick weiterhin auf der Flasche. Sein Daumen streicht über das Papier, ohne etwas von dessen Haptik wahrzunehmen. In der Theorie klingt es immer so einfach. Wer weiß, was die für Ideen im Kopf haben, wie solche Ausbrüche ablaufen ... Vermutlich hat keiner von denen schon mal mit einem Irren zu tun gehabt. Die werden schon sehen, dass sie sich das zu einfach vorstellen. Sollen sie sich doch blauäugig in dieses Abenteuer stürzen und auf ihre naiven Fressen fallen. In der nächsten Krisensitzung können sie dann beschließen, dass die Suche nach einem Drummer weiter geht. Ihm solls recht sein. Er hat sie gewarnt, mehr kann er nicht tun. Und bis zum Rausschmiss kann er sich etwas auspowern. Scheint ein okayer Deal für den Moment. Die linke Hand setzt die Zigarette an die Lippen, der aufsteigende Rauch vernebelt für einen kurzen Augenblick die Sicht auf das, was hinter der Flasche liegt, was ihm ein Gefühl von Sicherheit gibt. Als könne er sich für einen Atemzug lang hinter dem Dunst verstecken. "Mh.", nickt er schließlich und als wäre dies das Signal, auf das alle gewartet haben, bricht die beklemmende Stimmung im Raum auf - zu enthusiastischer Freude. Pleasant Journey hat einen neuen Drummer.
(in Zusammenarbeit mit @S.Bin. )
#37
Charaktere: Gerda, Logan
Ort: Straßen von Toronto
Geschichtsstrang: Pleasant Journey IV
Als alle groben und Rahmen gebenden Absprachen für den Zugang zum Proberaum, dem nächsten Übungstermin und das Finanzielle besprochen sind, machen sich Baghi und Bird als erstes auf den Weg. Während die vier sich unterhalten haben, war Gerda schon in ihren Gedanken bei ihren Zwischennotizen angekommen, die sie sich später, Zuhause aufschreiben will. Die letzte Nacht war von Sorge und Überwachung des Suff- und Dämonengeplagten durchzogen gewesen, sie hatte kaum geschlafen und sich nicht mal die Zeit genommen um sich abzuschminken.
Nun allerdings, wollen sich die neuen Informationen die Logan - tatsächlich - über sich preisgegeben hat so schnell mit den bereits von ihr vermuteten Beeinträchtigungen und Spekulationen vernetzen, dass ihr fast schwindelig wird. Wie es in ihm wohl gerade aussieht? Gerda gibt sich alle Mühe ihren Kopf nicht halbseitig zu ihm zu drehen. Dieses so nötige und a n s t r e n g e n d e Raum geben wird sie eines Tages noch umbringen! Nach sieben quälend langsam vergangenen Minuten, kapituliert sie an ihre Ungeduld. "Na da haste ja ne ganz schöne Offenbarungsrunde hingelegt, fast so episch wie dein Vorspiel. Wow. Das ist nicht nur mutig, Bags. Das ist eine tiefgreifende Transparenz, die dir Unterstützung bringt, dich zeitgleich aber auch ganz schön entblößt hat." Nicht sicher wie er ihren Eröffner auffasst, fügt sie schnell und fast schon ein bisschen hektisch hinten an, "Sorry, versteh das nicht falsch! Die drei gehören absolut zu einem Save space, die werden sich sämtliches ausreißen, um zu unterstützen. Da bin ich mir sicher." Gerda drückt die große Eingangstür des Industriegebäudes auf und tritt als erste hindurch. "Wenns dir nicht zuviel ist: Kannst du mit bitte genauer erläutern, was es mit den Dissoziationen und Derealisationen auf sich hat? Trotz Ausbildung und Studium bin ich nicht im Bilde. Und ich mag jetzt nicht neben dir gelaufen und googeln."

Neben Gerda hertrottend wird die leichte Übelkeit durch das - selbst für Logans Verhältnisse - viele Rauchen nur von dem Gefühl, in einer Blase aus Dumpfheit herumzuwandeln, in Zaum gehalten. Das Treffen lief gut, dennoch zehrt es an seinen körperlichen und mentalen Kräften. Nur belegt nimmt er Gerdas Worte wahr, als trüge er Watteklumpen in den Ohren, die der Schall durchdringen müsste. Die Aussage, er habe sich 'ganz schön entblößt', reißt einen Riss in die unfreiwillige Schutzhülle. Gerade will er zur energischen Verteidigung ansetzen, als sie ihre Ausdrucksweise relativiert - und ihn tatsächlich ein wenig besänftigt. Dennoch muss Eines klargestellt werden: "Ich hab das erwähnt, weil ne Band ne große Sache is. Das bedeutet was." Sein düsterer Blick trifft sie mit unumstößlicher Aufrichtigkeit. "Ich kapier vielleicht nich viel von sozialer Kompetenz, aber DAS nehm ich ernst." Tief durchatmend wendet er sich ab und nimmt den Weg zur Straße auf, von der sie vor etwas mehr als zwei Stunden gekommen waren. "Dissoziieren,", beginnt er mit sachlichem Unterton und stur nach vorn gerichtetem Blick, "das is der Überbegriff für alles, was mit deiner Assoziation nicht stimmt. Depersonalisieren bedeutet, dass du deinen Körper verändert oder nich wahrnimmst." Wachsam erfassen seine Augen die Umgebung, während er spricht. Die Seitenstraße wird als Zugang zum alten Fabrikgelände kaum befahren, doch Logan ist gewohnt, potentielle Gefahrenquellen wie Büsche, Häuserfronten oder Autos ständig im Auge zu behalten. "Also zum Beispiel das Gefühl, dass deine Hand nich dir gehört.", erklärt er indessen unbeirrt weiter. "Oder dasse auf dich selber drauf guckst oder solche Sachen. Derealisieren is alles, was nix mit deinem Körper zu tun hat. In Watte gepackt sein, auf Eiern laufen - das sind die Klassiker." Ein Wimpernschlag liegt eine Gedankenpause zwischen den Worten. "Is natürlich alles sehr individuell. Und gibt stärkere und schwächere Varianten." In die Stirn ziehende Brauen deuten wachsende Mitteilungsbereitschaft an. "Man muss auch kein kompletter Psycho sein, um sowas mal zu haben. Leichte Dissos kennen viele als Stresssymptom. Das heißt nich, dass man verrückt is." Die linke Schulter zuckt betonend. "Kommt eben auf Level und Häufigkeit an."

Als sein Blick sie trifft und er über die Bedeutung einer Band spricht, bestätigt er - ohne es wahrscheinlich zu wollen - eine Vermutung. Und das ist gut. Da ist nun etwas, für dass er zu arbeiten und vielleicht zu kämpfen bereizt ist. Fein, fast unmerklich ziehen sich Gerdas Mundwinkel zu einem Lächeln. Da! Ist! DER! Dreh- und Angelpunkt! Seine montrinsische Motivation. Wo geben und nehmen vielleicht in einem ausgewogenerem Verhältnis stehen. Da (oder hier) wird er seinen zugesprochen Wert wahrscheinlich am ehesten annehmen können. Ein Bezugs- und Vergleichsportal... Darüber muss sie sich mit Jason austauschen. Und mit Ash. Irgendwann, die sollen sich erstmal selbst und unabhängig von ihrem Einfluss kennenlernen. Bird driftet mit ihren begeisterten Überlegungen fast davon, als Baghi ihr Beispiele für die genannten Störungen aufzählt. Sie schaltet sich mit ihrer gebündelten Konzentration in dem Moment der individuellen Möglichkeiten wieder sein. Nach einer kleinen Redepause nimmt Gerda nickend den Gesprächsfaden auf. "Niemand ist verrückt, verrückt. Auch und besonders wehen solcher w i s s e n s c h a f t l i c h ERWIESENER Krankheitsbilder. Das sind angeborene oder zum Schutz entstandene Kisten.", versucht sie so unaufgeregt wie möglich darzustellen. Um ihren vorhergegangenen und nun folgenden Worten mehr Ausdruck zum mal drüber nachdenken zu verleihen, starrt sie mit ebenso viel Wärme wie freundschaftlicher Autorität auf sein linkes Ohr. Dazu hebt sie ihren rechten Zeigefinger in die Höhe, zwischen ihre Gesichter. "Allerhöchstens bin ich bereit zu akzeptieren, dass das verrückt, über dass wir hier sprechen von ver-rücken kommt. Heißt in dem Falle auch, dass es nicht die Schuld oder die Verantwortung des Ver-rückten Sims ist, sondern derer, die durch falsche Prägung und was-weiß-ich-grad-genau die Schachspieler sind oder waren. Aber die gute Nachricht ist, es gibt auch solche, die helfen können, wieder in die andere, positive Richtung zu rücken." Es entsteht wieder eine Pause. "Ich kenne, glaube ich zumindest, diese stressbedingte Variante der Dissos, hab aber nie darüber nachgedacht, was das sein könnte. Hast du die auch noch regelmäßig bei uns zu Hause oder ist das etwas besser geworden?"
Ein flüchtiger Blick in Gerdas Richtung, in dem sich Scham und Akzeptanz zu etwas mischen, das sich tief in sein Inneres bohrt. Bevor er antwortet, richtet sich sein Gesicht wieder nach vorn. "Dieser Kram gehört zu mir, wie dein Rededrang zu dir." Leicht abschätzend kippt sein Kopf zur Seite. "Wenns gut läuft, bin ich zwei Tage am Stück ohne sowas unterwegs. Man gewöhnt sich an alles, schätz ich."
"Hmmm.", brummt Bird nachdenklich. "Schläfst du deshalb so mies? Oder klinken sich da die erwähnten Halluzinationen ein?"

Die Brauen rümpfend schüttelt Logan den Kopf. "Von Dissos kriegste keine Träume. Und Hallus ... well, das sind eher Phasen." Die Gedanken ordnend streicht er sich mit der linken Hand über den Bart. Sie will es jetzt also genau wissen. Das war zu erwarten. Sie wäre leichtsinnig, diesen Moment nicht zu nutzen. "Okay, pass auf. Ich schlaf scheiße, weil mein Hirnfick mich nich in Ruhe lässt. Aber das hat nix mit der anderen Sache zu tun. Sind ganz normale Albträume. Nich mehr und nich weniger." Seine dunkler werdenden Augen tasten Umrisse der Gebäude ab, die sich hinter der Kurve vor ihnen aufbauen. "Der andere Scheiß ..." ein Seufzen wälzt sich aus seinem Brustkorb, "das isn ganz anderes Kaliber." Sein schwarzer Blick trifft sie mit warnender Wucht. "Glaub mir, das willste nich wissen." Wie in Zeitlupe wendet er sich wieder nach vorn, weiter die Umgebung beobachtend, den Weg zum U-Bahn-Eingang fest im Visier. "Alles dazwischen is wie ... n Trip von gepanschtem Billigzeug. Nich immer nice, manchmal verwirrend, aber im Großen und Ganzen ungefährlich." Die Lippen aufeinander gepresst nimmt er ihren Ausdruck wahr - irgendwo zwischen Zweifel und Unzufriedenheit. Mit einer überraschenden Berührung am Arm bringt er sie dazu, neben ihm stehen zu bleiben. Kurz sieht er sich um, als müsse er das Stadtbild abgleichen. "Was siehst du hier?"
Ohne zögern schaut sich Gerda um, ihren neuen Fragenkatalog zu Seite schiebend. "Ich sehe eine für mich gut bekannte Umgebung ohne Auffälligkeiten. Es sind für einen gewöhnlichen Sonntagnachmittag entsprechend weniger Leute unterwegs als unter der Woche. Hier auf dem Platz ist alles vertreten: Familien mit und ohne Kinder, Paare, Solo-Gänger. Einige mit Hunden. Ein Kindergeburtstag, besetzte Bänke, Sims die überwiegend positiv und leicht unterwegs sind. Circaaaaaa...", Bird beginnt zu zählen und zu überschlagen, "sechzig bis siebzig Leute, die hier mit uns unterwegs sind, davon etwa fünfzehn die ähnlich wie wir, denke ich, auf dem Weg zur U-Bahn-Station sind. Die meisten sind offensichtlich gut situiert und finanziell im mittleren Feld, nahezu jede Altersspanne bis hin zu den über achtzig Jährigen. Wieso?"
Je länger Gerda spricht, desto höher steigt Logans Braue, ihrer tastenden Blickrichtung folgend. "Hm, spannend.", murmelt er. "Ich seh nen brodelnden Kessel, in dem wir alle festsitzen. Über uns is sowas wie ne Käseglocke und die Luft is irgendwie ...", nach Worten suchend zucken seine Schultern einige Male ratlos, "keine Ahnung, nich wie Luft. Nich unsichtbar. Als könnte ichs berühren, aber da is nix. Und alles is verzerrt ... als ob eine Botschaft darin liegt. Aber du weißt nich, was es dir sagen soll. Es is einfach irgendwie ... fremd. Als wärste auf nem andren Planeten, wo du nix kennst. Es is falsch und trotzdem weißte, dass es richtig is. Weil das die Welt is, in der du dich bewegst und für alle isses normal, also muss es richtig sein." Seufzend betrachtet er die Szenerie, die sich ihnen bietet. Alles, was Gerda beschrieben hat, ist da. Nur irgendwie anders. "Als wär ich in sonem verdammten Hamsterball unterwegs.", murmelt er mehr in sich hinein, als dass er zu Gerda spricht. "Ich seh nen Haufen unscharfer Gesichter, die alle in unsere Richtung starren. Und vermutlich bist nich du es, die angeglotzt wird." Mit entwaffnender Neutralität sieht er sie an. "Das is meine Welt. Mal mehr, mal weniger. Grade bisschen mehr, weil ... ", den Weg wieder aufnehmend zitiert er ihre anfänglichen Worte, "ich mich ganz schön entblößt hab."

Als die beiden nach weiteren Realitätsvergleichen ihre letzte Umsteigestation an der St. Clair Avenue verlassen, um den Rest ihres Weges durchs West End bis nach Hause zu laufen, arbeitet Gerda's Hirn auf Hochtouren. So sehr, dass es aus ihrem Ohren und aus den Nasenflügeln heausdampfen müsste. Logan hat an dem heutigen Tag, in den letzten drei Stunden mehr über sich erzählt, als in den letzten gemeinsamen Wochen, die sie mit beschnuppern, kennenlernen, dem WG Gestalten und auch dem renovieren verbracht haben. Er hat vorhin begonnen, es einfach so (!) auszupacken. Das ist höchst interessant! Da sieht man mal wieder, wie unsinnig es ist an jemandem herum zu arbeiten, wenn derjenige nicht bereit dazu ist. So schön das auch ist, gibt es aber für sie ein ziemlich bitterest Pillchen, dass sie Aufgrund dieser Tatsache heruntetrwürgen muss. Aber auch dafür gibt es eine Lösung: Soeben hat sich Jason zurück gemeldet. Übermorgen werden sie sich endlich mal wieder abseits der Uni und ihrer gemeinsamen Kurse treffen! Das ist längst überfällig.
Bird versucht sich erneut zu fokussieren Und zeitgleich die Skyline der Straße mitzunehmen, ohne dass sie es erklären kann, mag sie diesen Weg nach Hause trotz des etwas stärkeren Großstadtflairs sehr.
Nach wie vor ist sie gespannt auf Logans Erzählungen. Sie merkt aber auch, dass ihr die Thematik langsam ein bisschen zu sehr 'Störungs' belastet ist. Obwohl es sie nach wie vor interessiert. Sie entscheidet sich, einen Mittelweg einzuschlagen. "Hast du die selben Wahrnehmungen, wenn du mit einer vertrauten Person zusammen bist? Also zum Beispiel bei und mit mir und bei uns Zuhause? Ist das da ähnlich oder gibt es Unterschiede? Und wie ist oder war es mit Jake? Du erwähnst ihn so, als wäre er ein sicherer Hafen."
"Klar, das ja nich personenbezogen." Einen winzigen Moment stutzend neigt Logan den Kopf, setzt dann zur Berichtigung an: "Na, ganz stimmt das so nich. Gibt schon Leute, die ... was auslösen können." Gedankenversunken schaut er auf einen leeren Punkt irgendwo vor seinen Füßen, während der Asphalt sich langsam unter ihm wegschiebt. Zuletzt war es Tom gewesen, dessen Gestalt ihm ein permanentes Unwohlsein unter die Haut jagte. Einfach nur, weil er da war. Groß und kräftig - im Vergleich zu Logan ein verdammter Hüne - mit dieser Art von Autorität, die kaum erträglich ist. "Nich prinzipiell,", räuspert er sich zurück in die Unterhaltung, "aber eher als andere. Assoziativ eben. Is wohl n Stück weit normal." Die Brauen heben sich, als er Gerda einen unsicheren Blick schenkt. "Sagt zumindest Jake." Schulterzuckend schaut er gleich wieder nach vorn. "Er erklärt mir so Kram. Hat er schon immer gemacht. Ohne ihn wär ich nich so umgänglich."
Bekräftigend nickt Gerda ihm entgegen. "Ja das ist es. Das ist vollkommen simsliche und hilft dabei, seine Lebens- und Umwelt zu kategorisieren, strukturieren und auch ganz wichtig: auszusortieren.", bestätigt sie mit einem prompten Stich im Herzen, da sich sofort der Gedanke an ihren Bruder einmischt. "Das machen alle." Gerda unterbricht sich, um einem entgegenkommenden Grüppchen von lärmenden Teenagern Platz zu machen. Genervt und gleichzeitig belustigt zieht sie ihren rechten Mundwinkel zur Seite. Als die jungen Leute schon fünf Meter weiter sind, schlägt ihr eine Mischung von viel zu viel Deodorant und und Teen-Geruch entgegen. Geleitet vom Impuls des ausweichens, macht sie einen halben Schritt zur Seite und somit in Logan rein. Sie entschuldigt sich mit zur Erklärung verzogenem Gesicht und hakt erneut nach. "Also nehme ich an das Jake dein bester Freund oder ehemalige Bandkollege ist?" Ein prüfenden Blick trifft sein Ohr, dann gibt sie auf und schaut wieder nach vorne. "Dein Therapeut wird es nicht sein, in die Richtung hättest Du mal ne klare Äußerung getroffen, meine ich."

Zu überraschend kommt Gerda seiner Seite nah, als dass Logan ausweichen könnte. Abrupt bleibt er stehen, als könne sein Verstand die Berührung nicht verarbeiten, dabei spürt er den Kontakt kaum. Nur abgedämpft drückt sich etwas an seinen Rippenbogen, als wäre ein gigantisches Schaumsttoff-Irgendetwas mit ihm kollidiert. Dennoch bleibt ein dumpfes Erahnen an der Kontaktstelle. Eine Erinnerung, die sich an seine Haut haftet, wie wenn er die Hand im Nacken spürt. Der rationale Part seines Gehirns weiß, dass dort nichts ist. Trotzdem zwingt ihn etwas, dieses Nichts abzustreifen. Mit festem Druck reibt Logans Hand über die sich fremd anfühlenden Partien - Rippen, Hüfte, Oberarm - gibt Haut und Geist neue Sinnesreize und setzt dann den Weg fort. Gedanken sortierend braucht er einen Moment, um zurück zum verbalen Austausch zu finden. 'Bester Freund' dringt es gerade zu ihm durch und löst augenblicklich dieses beklemmende Gefühl aus. Allein dieses Wort auszusprechen fühlt sich oft falsch oder ... bedrohlich an. Dennoch ist Jake genau das. Sein bester Freund. Vermutlich sein einziger. "Er war nie in ner Band.", erklärt Logan ausweichend. Das muss für den Moment als Bestätigung genügen. "Kenn ihn schon fast mein ganzes Leben." Seinem Tonfall, aber auch seiner Mimik ist klar anzumerken, dass diese Tatsache gewichtig ist. Jake ist der Einzige, der ihn kennt. Der Dinge über ihn weiß - nicht weil er sie ihm erzählt hat, sondern weil er ihn durch Verarbeitungsprozesse begleitet hat. Ihn erlebt hat in den tiefsten und schlimmsten Momenten.
Die Pause, die entseht, holt Gerdas Aufmerksamkeit ab. Streicht er sich... ihre Stolper-Berührung ab?! Das ist neu. Sie gibt sich nicht die Mühe neutral zu gucken - seine Aussage vor versammelter Band-Mannschaft und ihr von vorhin hängt ihr noch beißend in den Knochen. Hinzu kommt der Teil des vorherigen Abends, in dem sie einfach an der Hauswand stehen gelassen wurde. Das Fass ist einfach voll, dass 'den Mund halten und Raum geben' ist mit dieser Geste überstrapaziert. Auch wenn Bird weiß, dass der Panther das nicht mit Absicht oder aus desinteresse tut. Es tut gerade einfach nur weh. So wie ein Dorn, den man sich frisch und heftig eingerissen hat. Dieser Dorn wird noch ein Mühchen tiefer getrieben, als es wieder ausweichende Worte gibt. Warum kann er nicht einfach sagen, dass er einen besten Freund hat? Verdammt, zugeben oder nicken würde doch auch reichen! Maaaaaan ey! Langsam atmet sie aus. 'Gerdalotta, du bist überempfindlich und gereizt. Hör auf zu bewerten.' Sie pinnt ihren Blick am Horizont fest und bemüht sich um Ruhe und Neutralität. Ein "Ah ja.", entfährt ihr. "Und welchen Tipp würde mir Jake geben, wenn ich ihn fragen würde, wie ich mit deinem ständigen Ausweichen umgehen soll?" Die Frage purzelt einfach so aus ihr heraus, ohne das sie darüber die Kontrolle hat. Weich und fast verzweifelt.

Eine Braue erhoben wendet sich Logans Blick Gerda zu. Er mag nicht sozial kompetent sein, aber er bemerkt durchaus ihre Mühe, sich zusammenzureißen. Ein zögerliches Schmunzeln umspielt seine Lippen, ehe er wieder nach vorn sieht. Sollte er sagen, dass sie ihre Frage gerade selbst beantwortet hat? Wie oft hat er von Jake diesen einen Satz gehört - 'Du weichst aus.' Ein unmissverständliches Zeichen für ihn, sich die Mühe sparen zu können, weil er längst durchschaut wurde. Konfrontation hat schon immer am besten funktioniert, um ihm Dinge zu entlocken - wobei die Art der Reaktion von der vorherrschenden Stimmung - und nicht zuletzt der Sympathie der anderen Person gegenüber - stark beeinflusst wird. "Ich frag ihn bei Gelegenheit." Ein stummer Atemzug folgt. Ein Teil in ihm würde ihr gern mehr geben. Aber heute ist er bereits über gigantische Schatten gesprungen. Gerda ist klug und hat ein Händchen für den Umgang mit ihm. Sie findet es schon heraus. "Ich wette, er hat die Gebrauchsanweisung noch rumliegen.", murmelt er in dem inneren Kampf versunken, schützende Distanz zu wahren. Er weiß, was sie heute für ihn getan hat. Und immer wieder in den vergangenen Tagen und Wochen, wenn sie ihm Raum gab, anstatt ihm die Romane an den Kopf zu werfen, die in ihr arbeiteten. Und er weiß, dass es Zeit wird, ihr etwas zurück zu geben. Irgendetwas. Weil die Waagschale schon sehr bald umzustürzen droht vor lauter Ungleichgewicht. Den Blick auf den Boden vor sich gerichtet, holt er kurz Luft, um zu einem Versuch anzusetzen. 'Danke für deine Hilfe da drinnen' oder 'Tut mir leid, dass ich immer so ein Stinkstiefel bin' oder 'Ich kann dich gut leiden' - doch die Worte bleiben stecken. Betreten schenkt er ihr einen verstohlenen Seitenblick. Die Wohnung ist in einigen hundert Metern schon zu sehen, als er sich schließlich einen Ruck gibt. "Hast Hunger? Könnte noch in Kiosk springen und uns was zusammenschmeißen. Nur weil ... well ..." schulterzuckend lenkt er die Aufmerksamkeit nach vorn, ein von sich selbst enttäuschtes Seufzen unterdrückend, "weißt schon. Hattest vorhin nich viel."
Ungewohnter Weise hat Bird einen Moment, in dem sie seinen vorsichtigen, spärlichen Seitenlinser nicht aufnehmen mag - mit dem immer näher rückendem Zuhause holt sie die körperliche Erschöpfung mehr und mehr ein. Sie hat keine Lust mehr nachzudenken, zu analysieren, Wortgewandtheit und neckische Sprüche sowie Herausforderungen als ausgleichende Spitzen zu verteilen, oder den begonnenen Dialog fortzuführen. Es war viel los in den letzten sechsunddreißig Stunden.

Viele Gedanken und Stimmungslagen, tief liegende und an der Oberfläche sitzende Probleme.
Konzert und Party. Abschied mit Party. Kompensation über noch mehr "Party".
Verwirrung, Fragen und Sorgen.
Dann das Vorspielen mit aufrichtigem Spoileralarm zur Grundsteinlegung für einen ehrlichen Band-Start.
Das Geräusch der Stiefelabsätze hallt über den Asphalt und in ihrem Kopf. Ihr Brudi-Thema schiebt sich zur Aufzählung. Logans Vorschlag klingt mehr als Versöhnlich. Sie weiß, dass er sich aus Essen nichts macht und für sich allein, nach dem auch für ihn anstrengenden und auslaugenden Stunden, nichts zubereiten würde. So nickt Gerda dankbar. "Sehr gerne. Aber irgendwas mit extrem viel Käse, bitte." Als sie das Geschäft erreichen, hat sich die stumme Dankbarkeit und Wärme ihr gegenüber wieder in Birds System geklinkt. Als er im Kiosk verschwindet, lehnt sich Gerda an der Hauswand an und schließt die Augen. 'Waaaaaaarum muss ich immer die kompliziertesten Sims in mein Herz und an mich heran ziehen? Mir dessen Baustellen zueigen machen und dabei immer eins auf die Zwölf kriegen? Wie wäre es wohl, wenn ich e i n f a c h mal 08/15 mache??? Mit irgendwas oder irgendwem? Jemand, dessen "Gebrauchsanweisung" maximal dreiseitig ist? Einfach mal wer oder was langweiliges, zur Abwechslung?' Kurze Zeit später kommt das Gegenteil vom Ersehnten mir einer vollen Tüte zur Tür raus und hat den einen Mundwinkel leicht erhobenen, die Brauen in ihrer gewohnten Kommunikationsgewaltigkeit. Bird kann nicht anders, "Alles okay, Baghs, passt schon.", beendet sie das nicht zustande gekommene Gespräch. In wohltuendem Schweigen eiern die beiden Erschöpften zum Eingang des Grundstückes. Wann hätte sie eigentlich das letzte Mal den Briefkasten geleert?! Ist schon ein paar Tage her, Logan hat bisher noch keinen Schlüssel für das Ding. Bird stoppt im Laufen mit gezogene Schlüsselbund und zieht nach vier Sekunden ein paar Prospekte, eine Postkarte und einen Umschlag mit dem Uni-Logo drauf hervor. Seltsam. Sie hat doch alle Überweisungen getätigt, eine Zahlungserinnerung kann es nicht sein. Ein mulmiges Gefühl macht sich in ihr breit.
Oben angekommen, verschwindet Baghi vor ihr um die Ecke und in der Küche. Sie folgt ihm und reißt im Gehen den Umschlag auf. "NEIN?! N E I N!!! DAS DARF DOCH NICHT WAHR SEIN! DIESER W I C H S E R!!!!", brüllt sie und schließt das Schriftstück in der geballten Faust ein. Logans fragenden Blick dieses Mal antwortend, erklärt sie, "DER PENNER VON DOZI HAT MICH DURCHFALLEN LASSEN! EINFACH DURCHFALLEN LASSEN!"
(In Zusammenarbeit mit @S.Bin. )
#38
Charaktere: Gerda, Logan, Jason
Ort: WG Gerda/Logan
Geschichtsstrang: Aus dem Gleich*Gewicht
Die Arme von sich gestreckt, liegt Gerda auf ihrem Bett und starrt an die Zimmerdecke. Ihre Augen sind verquollen und brennen, seit nunmehr drei Tagen. Vor so ziemlich genau 72 Stunden hat sie die ihr auf dem postalischen (und so noch viel greifbareren Weg) die Nachricht erreicht, dass sie trotz der Ersatzleistung, für die sie sich den Arsch aufgerissen hat, den Kurs beim Mobber-Dozi nicht bestanden hat. Bäm. Angeblich hätten Seiten gefehlt. Der Kloß in Gerdas Kehle weitet sich wieder aus und nimmt ihr ein wenig Luft zum atmen. Ihre Kopfhaut juckt und ihr durchs unterlassene Zähneputzen übelriechender Atem muss abstoßenden sein. So wie sie sich fühlt, so, wie sie sich und die Welt sieht. Passt also alles. Durch ihre Zimmertür hört sie Logan irgendwas machen, vielleicht einfach nur durch die Gegend machen, es läuft Musik im Hintergrund. Was hat er da an? Nichts hilfreiches auf jeden Fall. Bird presst die wenige schlechte Luft, die sie produzieren kann, durch die Lippen und rollt sich dann erst auf den Bauch, um sich dann gequält aufzusetzen. Justamente brüllt ihr Handywecker sie an. Nur schwer unterdrückt sie den Impuls, das Ding aus dem Fenster zu feuern. Nun m u s s sie sich wieder zu sowas wie einem Sim machen. Jason wird bald in der Tür stehen. Mürrisch pflückt sie ein paar Kleidungsstücke vom Boden, die noch gehen. Bei der Unterwäsche entscheidet die höchstwahrscheinliche Semesterwiederholerin für frische Teile aus der Kommode. Nachdem sie den Kleidungskompromiss geschlossen hat, schiebt sie sich mit einem kraftlosem Kopfrucker zum Gruß an Baghi vorbei ins Bad.

Ambivalente Regungen schieben sich in Logans Innerem, irgendwo zwischen Frontallappen und Dünndarm, in-, an- und übereinander, während er sich mit der Koordination eines Zweijährigen in die Welt der Pflanzenpflege wagt. Er hat sich noch nie um Grünzeug gekümmert und entsprechend wenig Ahnung davon, um welche Uhrzeit man aus welcher Himmelsrichtung einen Strahl in die Erde stellt. Wie schwierig kann das schon sein? Vage erinnert er sich, Billie gesehen zu haben, wie sie den Finger in die Erde steckte, jedes Mal, bevor sie mit irgendeiner Melodie auf den Lippen nur wenig Wasser dazu gab. Ihre Wohnung war ähnlich dschungelhaft, wie Gerdas. Sie konnte Stunden damit verbringen, von Topf zu Topf zu schleichen und einzelne Blätter zu entfernen, die ihrer Meinung nach ihren Dienst getan hatten oder den Staub feinsäuberlich von jedem einzelnen Blatt wischen.
Letzteres hat er bei Gerda noch nicht beobachtet. Obwohl ihr dieses Ziergemüse durchaus wichtig zu sein scheint. Hin und wieder drapiert sie augenscheinlich sinnfrei an ihnen herum, dreht ausgewählte Exemplare um Null Komma Acht Grad im Uhrzeigersinn oder fechtet die Wuchsrichtung einzelner Stränge aus.
Auch wenn er weder Blick noch Gefühl für diese Leidenschaft aufbringen kann, ist er gewillt, die Grundversorgung zu übernehmen, solange Gerda aus Gründen nicht dazu in der Lage ist. Seit nunmehr drei Tagen schließt sie sich in ihr Zimmer ein. So richtig hat er noch immer nicht verstanden, warum sie ein versemmelter Kurs derart aus der Bahn wirft. Ist doch nur Schule. Der nachfolgende Rattenschwanz ist ihm zwar bewusst - das Wiederholen des Kurses kostet Zeit, weswegen sie den Nebenjob nicht ausüben und den finanziellen Standard nicht halten kann. Aber sich darüber Hirn und Herz zu zermartern, kann er nicht nachvollziehen. Immerhin geht auch er einer Arbeit nach und nach allem, was sie für ihn getan hat, wird er nicht zulassen, dass sie in finanzielle Nöte gerät. Zusammen werden sie die Herausforderungen schon stemmen, da hat er keinen Zweifel. Dank der verhältnismäßig günstigen Miete und dem letzten gut bezahlten Auftrag konnte er sogar einen kleinen Betrag für Billie einplanen. Erst heute früh hat er die Überweisung veranlasst - die oft verhasste moderne Technik macht die Geste möglich, mit nichts weiter als der richtigen Email-Adresse.

Noch immer lässt der Gedanke an Billie, und damit verbunden das Kind, das er ihr beschert hat, etwas nicht Greifbares in ihm aufsteigen. Beinahe wie eine Lache aus heiß blubberndem Morast, faul stinkend und alles in sich verschlingend wie die tiefen Moore Englands. Dieses Zeug ist es, das statt leuchtend rotem Blut durch seine Adern fließt und sein Inneres vergiftet und wunderbar zu dem Bild der Bestie passt, die schon seit geraumer Zeit in ihm wohnt. Es lässt sich unmöglich sagen, wann das alles anfing. Nur eines ist klar - endlich einen Beitrag zu Billies alltäglichen Kämpfen beizutragen, wenn auch nur mit Geld, fühlt sich nicht annähernd so beruhigend an, wie Logan erwartet hatte. Im Gegenteil. Es ist, als hätte er den Zuschauerraum der Arena betreten, in der schon bald das dramatische Schauspiel 'Das leidvolle Leben eines Unschuldigen' beginnt. Mit dem Gefühl, zu wissen, was geschehen wird, hockt er dort und wartet auf all die Grausamkeiten, die der Junge erleiden wird. Einfach nur, weil er die gleiche Brühe in sich trägt, wie sein Erzeuger. Monica war davon befallen. Logan ist es. Und nun ...
Die Kanne in der Hand haltend, verliert sich sein leerer Blick irgendwo in dem grünen Gestrüpp vor sich, als die nahegelegene Tür zu Gerdas Zimmer aufreißt und sie mit einem trägen Kopfrucken an ihm vorüberzieht. Die ihr folgende Duftwolke aus abgestandenen Körperausdünstungen lässt er unkommentiert. Er weiß selbst, dass es manchmal zum Prozess gehört, Frust, Wut und Enttäuschung aus allen Poren abzudampfen. Diese Note an ihr stört ihn nicht nur nicht - sie gefällt ihm.
Es macht sie sympathisch. Fühlbar. Bringt sie auf sein Niveau herunter, wo er zu oft, allein herumhockend, zu ihr und anderen aufsieht. Eine seltsam verschrobene Verbundenheit wühlt sich durch seine Eingeweide. Es ist angenehm, etwas Gesellschaft auf den unteren Sprossen der sozialen Stellung zu haben. Und so hebt sich unbemerkt ein Mundwinkel ein winziges Stück, als er endlich die Bewässerung der Pflanzen wieder aufnimmt.

Das geschäftige Rumpeln und Klappern im Bad hält noch immer an, als Logan einen Moment später vom Balkon zurück in die Wohnung tritt. Den letzten Zigarettenrauch ausstoßend macht er sich auf den Weg in die Küche, wo er frischen Kaffee aufsetzt und anschließend mit dem Holzlöffel im Topf herumrührt. Der cremige Duft der gut durchgezogenen Käsesuppe steigt auf und er wagt einen Versuch des Abschmeckens.
Würzig. Ist das was Gutes? Er empfindet schlichtweg zu wenig Leidenschaft für Kulinarisches, um ein Urteil darüber fällen zu können. Er isst, um nicht zu verhungern. Ansprüche an Geschmack oder Wertigkeit hat er nicht. Für sich selbst hätte er niemals einen solchen Aufwand betrieben, extra ein Rezept aus dem Netz zu suchen und die notwendigen Zutaten zu shoppen. Aber Gerda hat die letzten Tage nicht viel zu sich genommen. Und sie mag Käse. Das weiß er.
Die Haare im Turban, das Gesicht leuchtend rot von der Hitze der Wanne und die Zahnbürste im Anschlag, schleppt Bird sich - immerhin schon zur Hälfte angezogen - durchs Wohnzimmer, auf dem Weg zum Balkon, als sie ein wirklich guter Geruch in die Küche lockt. Wie ferngesteuert bewegt sich das frisch abgebadete Häufchen Elend auf den kredenzenden Mitbewohner zu, der sie vorsichtig fragend und mit erhobenem Löffel anschaut. Völlig perplex schaut sie in den Topf, als sie vor dem Herd ankommt, Rücksichtnahme auf seinen Wohlfühlabstand kann sie ihm gerade nicht gewähren, zu groß ist ihre Neugierde und das quälend langsame Erfassen der Situation. Gerda schluckt. "Du... warst einkaufen und hast gekocht?", die Augen vor Überraschung groß und nahezu rund. Der Panther brummt irgendwas, was sie nicht verstanden hat. "Was?", horcht Bird nach, stark darum bemüht sich auf Logan zu konzentrieren und sich nicht in den Topf mit der Käsesuppe (!!!) zu werfen. 'Scheiße duftet die gut!'
"Eis.", wiederholt er nachdrücklich. "Dass dir das Zeug nich hinten und vorn raus schießt, grenzt annem biologischen Wunder." Murmelnd schöpft er mit der Kelle die cremige Flüssigkeit in den zweiten Teller, um dann beide auf dem Tisch abzustellen, ehe er sich wieder der Küchenzeile zuwendet und aus einer Papiertüte ein dunkles Brot hervorzieht. Fingerdick setzt er das Messer an, doch gelingt es ihm beim besten Willen nicht annähernd, den Winkel zu halten und so gleichen die Stücke eher keilförmigen Türstoppern als eleganten Scheiben. Von seinem misslungenen Werk vollkommen ungerührt findet der dritte Teller seinen Platz auf dem Tisch, während Gerda zielstrebig ihre Mundhygiene abschließend Richtung Bad verschwindet. "Kaffee oder Rotwein?", fragt er, hinterher rufend.
"Kaffee leider", brüllt Bird mit frisch ausgespültem Mund durch die ganze Wohnung, bevor sie sich wieder vom Bad aus zurück zu den Lebens- und Seelenrettenden Maßnahmen schleust. "Ich hab demnächst nen Termin mit dem Prof, der meint es tut Not mich weiter zu demütigen.", erklärt sie düster und mit zusammengezogen Brauen, bevor sie sich am Tisch mit dem freien Tellerplatz nieder lässt. Nach dem ersten vorsichtigen Löffelchen, schließt sie kurz genießend die Augen, um dann fortzufahren, "Jason kommt gleichbald vorbei um mich zu dem Gespräch zu begleiten." Gerda schließt erneut die Lieder und ihr Rücken findet die Stuhllehne, ihr Blick wandert erst zur Decke, dann zum Fenster. Das Wetter ist schön und willkommen heißend, rettend. So, wie diese Suppe mit dem niedlich schräg geratenem schiefen "Schiffsbrot" vor ihr. So, wie Baghi, der ihr schräg gegenüber sitzt und leicht bemüht sowas ähnliches wie neutral zu gucken probiert.
"Danke für das gute Essen." Ihre Gedanken purzeln, endlich mal mit einem neuen Fokus durcheinander. "Woher kannst du so gut Käsesuppe kochen? Ich dachte, du machst dir nix aus Essen. Und bisher gab's nur Dinge aus der Kategorie Nudeln und so." Eine Pause entsteht in der sie merkt, wie das klingt. Entschuldigend setzt sie hinterher, "also nicht dass es daran etwas auszusetzen gibt - du kochst Nudeln krass geil auf den Punkt, was mir nie gelingt."

An der kurzen Seite des Tisches Platz nehmend, betrachtet Logan seine Mitbewohnerin, während sie mit angezogener Stirn den ersten Löffel kostet. Scheinbar überrascht erhellt sich ihr Gesicht. Das Gebräu scheint okay zu sein und Logans Gedanken öffnen sich für weiteren Input - Jason. Das ist doch dieser Paradiesvogel auf Dauerbalz. Wohnt im exklusiveren Teil der Stadt. Gerda hatte ihn besucht, ohne zu bemerken, dass Logan ihr gefolgt war. Das Gefühl des Misstrauens, das ihn zu dem Zeitpunkt durchzogen hatte, keimt erneut auf. Nur gilt es dieses Mal nicht ihr.
Noch immer beide Hände im Schoß, wie der Junge, bei dem man kaum unterscheiden kann, ob er eingeschüchtert oder gut erzogen ist, wendet er den Blick auf den Teller vor sich. Jetzt, da er das Dampfen unmittelbar vor sich aufsteigen sieht, schnürt es ihm beinahe sie Kehle zu. Es hat Jahre gedauert, bis er - dank Jakes geduldiger Neuassoziierungen - ein neutrales Verhältnis zu Suppen aufbauen konnte. Er hat nicht damit gerechnet, dass dieses alte Gefühl in ihm aufsteigen würde. Noch bevor sein Körper auf den Trigger reagieren kann, reißen Gerdas Worte ihn aus dem beginnenden Film, so dass er langsam, ins Hier und Jetzt zurück gleitend, in ihr Gesicht schaut. Ein kleiner Teil in ihm möchte zu einem Lächeln ansetzen - dankbar, weil sie ihn nicht abtauchen lässt - doch die Muskeln verweigern den Impuls und so bleibt es bei einem ausdruckslosen Blick in Gerdas Richtung. "Hab mich nur ans Rezept gehalten.", brummt er beiläufig, als er endlich den linken Arm hebt, um nach dem Löffel zu greifen. 'Suppe ist ein Geschenk.', hört er Jakes Worte hinter der Stirn. 'Sie ist schnell und aus allem zuzubereiten, leicht verdaulich und geht auch gut runter, wenn einem nicht nach Essen ist.' Diesen Fanatismus hatte er von seiner Großmutter übernommen. 'Suppe ist Liebe', pflegte sie zu sagen. 'Wenn du jemandem etwas Gutes tun willst, koch ihm eine Suppe.'
Die eingetrichterten Worte bewusst festhaltend, versenkt Logan Löffel für Löffel in der Flüssigkeit. Wieder einmal bewahrheitet sich, was sein Freund ihm beibrachte.
"Hab mit Jake geskypt.", beginnt er, ohne aufzusehen. "Er schickt Drums und Plattensammlung. Dachte, die Platten könnten vielleicht im Wohnzimmer stehen." Eine Braue leicht erhoben trifft sein fragender Blick auf Gerdas ahnungsloses Blinzeln. "Is ziemlich viel Zeug, das passt nich in mein Zimmer. Müsste n Regal bauen oder sowas. Wenn ..." kaum merklich zuckt eine Schulter in den Nacken, als in seinen Augen etwas aufzuglimmen beginnt, "well, wenn das okay für dich is."
Ehe Gerda etwas entgegen kann, treibt die Türklingel ein Krächzen zwischen die Mitbewohner - und damit schlagartig nicht nur die gewohnte Angespanntheit in Logans Körper, auch seine Augen scheinen eine Nuance schwärzer, kühler. Ohne Zögern legt er den Löffel ab, steht auf und geht mit festen Schritten zur Anlage. "What?!" mault er in den Hörer, hängt kurz darauf wieder ein und betätigt den Schalter. Die Tür geöffnet lässt er sie einen Spalt offen stehen, ehe er in die Küche zurückkehrt und kommentarlos einen weiteren Teller und einen Kaffeebecher neben den Herd stellt. Mehr Gastfreundlichkeit kann er im Moment nicht aufbringen. Mürrisch setzt er sich wieder, atmet einmal tief durch und beginnt den inneren Kampf erneut auszufechten.

Das Klingeln lässt nicht nur Logan die angefachte Weichheit wieder verlieren und zur Tür gehen. Auch Bird wird zurück in das kurz verlassene Thema Gesprächstermin mit Wichser-Dozi gezerrt. Es ist das erste Mal, dass sie sich nicht darüber freut, Jason in ein bis zwei Minuten zu sehen. Als die dritte Garnitur Geschirr zutage befördert und bereitgestellt wird, antwortet sie Logan, "Natürlich ist das ok für mich, das gehört doch zu dir. Und wenn du mehr Platz und Raum einnimmst, ist das cool." Gerda legt den Löffel zur Seite und den Teller in beide Hände. Ein Nicken wird in seine Richtung gesendet, dann trinkt sie vorsichtig vom Rand des Tellers. "Ich finds schön, dass du hier bist, du kannst gerne mehr Stellfläche und Mitgestaltungsrecht haben. Es ist ja jetzt unser gemeinsames Zuhause, denke ich." Es klopft kurz zwei Mal an der Tür. "Aber die Tiger bleiben! Da gibt es keinen Verhandlungsspielraum. Sorry."
"Hallooo.", flötet es fröhlich aus der Richtung des Flurs, bevor einen Moment darauf die Tür ins Schloss klickt und Jason mit aufgeschlossenem Lächeln in den Raum tritt. "Na, das riecht aber gut hier.", stellt er fest, als er Gerda herzlich an sich drückt. Dem Mitbewohner zugewandt reicht er die Hand zum Gruß. "Hi, geht's dir gut?"
Die Geste ignorierend steht Logan auf, um sein Geschirr in die Spüle zu stellen. "Sure.", brummt er gleichgültig. "Leben is Ponyhof."
"Na, ist doch schön.", nickt Jason mit ungebrochenem Lächeln und setzt sich zu Gerda. "Also, wie ist dein Plan? ehrliches Gespräch, um weitere Chance betteln oder zusammenschlagen? Wofür auch immer du dich entscheidest - ich bin dabei. Aber vorher möchte ich, dass du ganz ehrlich in dich gehst und nachforschst: Bist du wirklich zu hundert Prozent sicher, dass bei Abgabe nichts gefehlt hat?"

Gerda lässt den Löffel nahezu fallen. Die Freude über Jasons Erscheinen, seine Gegenwart und vor allem sein von ihr am meisten abgefeiertes, großartiges Talent, sich durch fast nichts aus der Ruhe bringen zu lassen, bekommen einen harten Dämpfer. "Sag mal... Bist du noch ganz dicht?! Wie kannst du das fragen? Natürlich bin ich mir sicher! Hallo? Ich hab es MINDESTENS siebenundvierzig Mal kontrolliert!" Eingeschnappt verschränkt sie ihre Arme ineinander und bedeutet ihrem besten Freund und Mitkommilitonen, er habe sich jetzt selbst zu bedienen, auf diese Frechheit hin.
Das soeben, also in der Kommunikation mit Logan beschmunzelte Lächeln bleibt, bekommt aber eine Spur von 'Komm schon, einmal ehrlich reflektieren, bitte'. Bird ist kurz davor wieder in Tränen auszubrechen, bevor sie herauswürgt, "Am besten alles. Aber dafür müsstest du deine widerlich entspannte und friedfertige Art ablegen." Prüfend schielt sie zu dem jungen Mann herüber. "Kannst du überhaupt mehr, als ein Buch aufschlagen?" Der fiese und provokante Spruch tut ihr im selben Moment leid, in dem er ihr aus dem Gesicht fällt.
Eindringlich trifft sie ein warmer Blick ihres Kommilitonen. "Du weißt, dass ich das fragen muss. Und dass das nichts mit dem Glauben an dich zu tun hat."
Hinter ihm wendet sich Logan herum, die Arme ineinander verschränkt taxiert er den Besucher missbilligend, als ihm auf Gerdas Forderung ein leises, heimlich amüsiertes Schnauben entfährt. Mit sanftem Ruck stößt er sich von der Küchenzeile ab und ist mit nur zwei Schritten an der Seite der Mitbewohnerin angekommen, um auch ihr Geschirr abzuräumen.
"Ich habe mal meine Schwester gehauen.", erzählt Jason mit gespieltem Stolz.
"Pffffttt... Du lügst doch, das glaub ich erst, wenn sie's mir selbst sagt.", mault Gerda mit 50/50 gespieltem Ernst. An Baghi adressiert sie ein knappes "Danke dir.", dann huscht ihr Blick mit absoluter Zufriedenheit über seine Person. Mit dem Daumen auf ihren Mitbewohner deutend stellt sie klar, "DU kannst MAXIMAL schubsen, bist viel zu nett und zu weich." Der vorwurfsvolle Ton hält sich. "Maximal! Er und ich," beendet sie die Klarstellung und deutet zwischen sich und Logan hin und her, "sind Schubsausteiler." Ein Seufzer von ganz unten folgt und mit ihm gehen die Energie der kleinen Schimpftirade und das gute Gefühl der Symbiose. Abwinkend bedeutet sie, "Das ist aber okay so, Jason. Fürchte, mit konfrontativer Handgreiflichkeit komm ich eh nich weiter. Denke, ich muss so tun, als hätt' ich nur drei Gehirnzellen und um irgendwas betteln." Wuttränen steigen auf. "Ich hasse das soooooooo, soooo sehr! Als wär ich ne kleine Noten-Nutte. Aber was mit Ausschnitt, zieh ich nicht an!"

Laut scheppernd landet das Geschirr in der Spüle. Mit beiden Händen auf die Anrichte gestützt, atmet Logan beherrschend tief durch. Jetzt versteht er.
Er sieht sich in dem kleinen fensterlosen Raum, den Blick finster zu dem Mistkerl direkt vor sich aufgerichtet, der denkt, ihn kontrollieren und demütigen zu können. Einfach nur, weil er größer und stärker ist. Er weiß, was der Wichser von ihm will. Und er wird ihm diesen Gefallen nicht tun. Soll er ihm doch sämtliche Knochen brechen und ihn auf alle erdenklichen Arten auseinander nehmen. Er wird! sich nicht! fügen! Niemals wird der kriegen, was er will! Koste es, was es wolle.
Schwärze funkelt in Logans Augen, als er sich den beiden energisch zuwendet. "Du wirst weder deine Würde noch deine Intelligenz von so einem Wichser klein machen lassen! Du hast drei Tage Depression eingesteckt, das is genug." Ruckartig reißt er den Stuhl zurück und lässt sich darauf fallen, um Gerda stechend auf Augenhöhe zu fixieren. "Du wirst dich daran erinnern, dass du verdammt noch mal Eier aus Stahl hast und dem Drecksack die Stirn bieten!" Sein fordernder Blick springt zu Jason über. "Ich hab kein Plan von diesen Systhemen und ich weiß nich, was für Möglichkeiten es gibt, den Karren aus der Scheiße zu ziehen, aber du!", ein Finger sticht aggressiv in die Luft unmittelbar vor dem Besucher, "Du als seelische Unterstützung wirst tun, was in deiner Macht steht, um dieser Herabwürdigung ein Ende zu setzen! Wenn du das nich kannst, is das hier der Moment, es zu sagen. Dann kümmer ich mich darum." Die Brauen zucken provokativ, als der Unterkiefer mahlend unter der Haut spannt, eine kräftige Ader tritt am Hals hervor, eine scharfkantige Bahn bis unter den Stoff des Shirts ziehend. "Also, Schwesternschläger, schaffst du das?"
Jason lehnt sich langsam in den Stuhl zurück, sein Blick, irgendwo zwischen sorgenvoller Alarmierung und verzückter Überraschung, trifft Gerdas Mimik rückversichernd, ehe er Logan friedfertig entgegen nickt. "Keine Sorge, wir machen das schon." Noch ein kurzer Schwenk zu Gerda und wieder zurück. "Gewalt, egal ob physisch oder psychisch, löst keine Konflikte."

Betont müde schnaubend richtet Logan sich auf, bohrt all seine Schwärze in die aufkommende Verwirrung des Paradiesvogels, bis er mit einem Ruck aufsteht, den Stuhl mit einem Fuß unter den Tisch kickt und aus dem Nichts beginnt, rau singend einen Song zu zitieren:
"Guess, whos back."
Beiläufig wendet er sich ab, ohne einem von beiden noch einen Blick zu schenken. Er weiß, dass zumindest Gerda versteht.
"Me, motherfucker!"
Augenscheinlich ruhig und entspannt, greift seine Hand im Vorbeigehen nach der Zigarettenschachtel auf dem Regal um die Ecke, ehe er den Weg zum Balkon einschlägt. Seine Stimme hallt noch wirkungsvoll durch den Raum, während er längst aus dem Sichtfeld verschwunden ist:
"Take your best shot.
Cause I don't give a damn.
And when you realize it
It's gonna make you shake.
I know you're gonna deny it.
It's gonna feel great."
(In Zusammenarbeit mit @S.Bin. )
#39
Charaktere: Gerda, Jason
Ort: Vor der Uni / Café Cone
Geschichtsstrang: Aus dem Gleich*Gewicht II
"Boooah Scheiße!" hört Gerda sich selber in einer monotonen Stimmlage sagen, während die Tür des Büros in der Universität hinter ihr zufällt und Jasons Gesicht neben ihr wieder mehr Kontur und Schärfe bekommt. Ihren eigenen Puls noch überdeutlich in den Ohren spürend, schlurft sie den Gang in Richtung Ausgang entlang. Die tröstende Hand ihres Freundes buxiert Gerda sicher und liebevoll zwischen den anderen Mitstudierenden hindurch nach draußen. Als die Sommerluft sie empfängt, hat sie ihre versiegt Sprache wieder gefunden, die zwar ehr zu einer ruhigen Psychopathin als ihr selbst passen will, aber immerhin kann sie ihr Stimme jetzt wieder selbst benutzen.
"Das war jetzt schon ne recht verstörende Mischung aus Pipi Langstrumpf und walk of shame, oder?", schnaubt sie und blickt in die lieben und mitleidigen Augen ihres Ankers. "Danke, dass du das Zusammenfassen des Gespräches, das Notizen machen und Verabschieden übernommen hast, als es angefangen hat in mir zu brodeln. Maaaaaan!!!" Wut und Erschöpfung lassen sie aufstampfen und fluchen. "Ich kann es nicht glauben, dass, das, das...", stammelt Bird sich erneut in die Ohnmacht steigernd, bis es ähnlich wie vor einigen Wochen beim Einsteigen in Logans qualmversifften Wagen aus ihr raus bricht, zu zerfetzend ist die nackte Realität. "DAS DER VERSCHISSENE WICHSER ES TATSÄCHLICH DURCHGEZOGEN HAT! IM ERNST?!?!", fliegt Ihr rechter Arm auf Kopfhöhe, in etwa der Richtung des Raumes, aus dem sie gerade den vernichtenden Schlag einstecken musste. Die Hand bleibt anklagend in der Luft. "ALS SEI ICH ZU DÄMLICH, DOKUMENTE AUSZUDRUCKEN UND EINZUHEFTEN!", brüllt die nun endgültig und offiziell durch den Kurs Gefallene die Welt um sich herum an, höchstwahrscheinlich durchklingend bis nach Hause, eine Nachricht an Logan erübrigt sich somit wohl. Hat er bestimmt hören können.
"ALS OB!" Mit den letzten nahezu ausgespuckten Worten registriert sie, dass sie von Vorbeiziehenden schräge Blicke kassiert. Jason steht ihr gegenüber. Sein Gesicht widerlich und trösten ruhig. Gerda zieht die Luft ein und würgt weitere Schimpfereien runter. 
"Na komm, Süße," Jason legt einen Arm um Gerdas Schultern und zieht sie leicht an sich heran. "Wir tun dir jetzt etwas Gutes." Sich in Bewegung setzend, steuert er nicht den Bahnhofseingang an, sondern die entgegengesetzte Richtung. Er weiß, dass eins von Gerdas Lieblingscafés nur zwei Bahnstationen entfernt liegt. Eine gute Strecke, um zu Fuß klaren Kopf zu bekommen. "Du hast getan, was du konntest. Jetzt geht's ums akzeptieren und weiter machen. In der Kurswiederholung wird er bestimmt etwas umgänglicher mit dir sein, jetzt, wo der Dekan Kenntnis von eurer Beziehung hat."
Schniefend nickt Gerda und lässt sich von Jason lenken, wie ein unter Beruhigungsmittel gesetzter Sträfling, der einen Ortswechsel verpasst bekommen hat und seine Überführung antritt. "Okay" schnieft sie, "aber ich fürchte, ich brauch mindestens zwei Stück Kuchen, weil ich die le-"
Das.
Ist.
Doch.
Jetzt.
Nicht.
Wahr!
Mit geweiteten Augen sieht sie, wie aus der selben Tür, aus der sie gerade mit Jason gekommen ist, der Penner von Lügner tritt, dem sie noch bis vor ein paar schlimmen Minuten gegenüber sitzen musste. Bird verengt ihre Augen und funkelt ihn an. Warum muss der jetzt rauskommen? Hat sie etwa keine Ruhe vor ihm verdient? Keine Reaktion. Zumindest nicht von dem Wichser. Aber dafür von Jason, der wiederum seine Umarmung intensiviert und - wie auch immer er das zustande bringt - sie mit ruhigen "Sch-schhhh"-Geräuschen in DIE Beherrschung gurrt. Gefühlt beobachten sie, wie ihr gemeinsamer Kurs-Dozent hier und da grüßen die Hand hebt und sich bei Studenten und Kollegen in den Feierabend verabschiedet, bevor er den Parkstreifen für Angestellte hinter dem Gebäude ansteuert. Ohne zu wissen warum, entwindet sich die Gepeinigte und läuft wie in Zeitlupe auf Abstand hinter ihm her. Als er vor seinem Wagen ankommt, bleibt sie stehen. Ihr bester Freund landet nur wenige Sekunden später an ihrer Seite. 
"Gerda?" Die Brauen weit in der Stirn tippt er ihr mit einem spitzen Finger auf die Schulter. "Möchtest du mir verraten, was du vor hast oder darf ich den Uniformierten später sagen, ich habe von nichts gewusst?" Beruhigend lächelt er ihr zu. Als er sie einhaken will, fängt sein Blick die Szene vor sich ein. Gerade steigt 'Mr. Boston', sichtlich gut gelaunt, auf der Fahrerseite ein und startet den Motor während Jason seine Kommilitonin mit sanftem Druck davon abhält, näher an den leuchtend gelben Wagen zu treten. "Lass gut sein. Das bringt dir keine Vorteile." Seine Stimme ist sanft und leise, wie man mit einem durchgehenden Pferd spricht. Wenige Sekunden vergehen, bis der Dozent mit seinem Vehikel auf sie zurollt, ein freundliches "Schöne Ferien." aus dem geöffneten Fenster ruft und leise lachend an ihnen vorbeizieht. Gerda, inzwischen spuckend und für Jason unverständliche Worte keifend, ist kaum noch zu bändigen. Selbst er beginnt, kontrolliert zu atmen. Was für eine Farce, denkt er sich, als seine Freundin geifernd das Handy aus der Tasche zieht und mit starren Augen ein Foto von der Rückseite des Gefährts schießt, nur um sicher zu gehen, dass sie sich nicht getäuscht hat. Das Gesicht weit aufgerissen starrt sie Jason an, hält ihm das Bild vor die Nase und ist offensichtlich sprachlos. Ohne Worte registriert er den Beweis dessen, was er selbst gerade nicht glauben wollte. Ein leicht abgenutzter Aufkleber hebt sich deutlich von der gelben Lackierung ab. In fröhlichen Buchstaben prangen dort die Worte "Always be kind".
Bird spürt weder das Fingertippen, noch hört sie, was ihr Bändiger ihr zuraunt. Die Szene vor ihr ist so absurd und kommt einer Ohrfeige gleich, die eiben durch die Wand schmettert. So ziemlich automatisch schwallen diverse Beschimpfungen aus ihr heraus, welche das sind und waren ist für Gerda nicht greifbar - sie befindet sich in einer Art ungläubigen Trance. Die Summe der Unverschämtheiten hat ein Maß angenommen, welches mit ihrer Realität nichts zu tun haben darf! Ha, genau. Es darf nicht sein! Basta!
Nicht, dass sie durch den Kurs hinweg jedesmal besondere Aufmerksamkeiten wie ihren 'Spitznamen' und Sonderfragen zu noch unbesprochenen Lehrstoffinhalten bekommt. Vorführend und sie mies dastehen lassen ebend.
Dass ihre Antworten und Arbeiten in der Regel etwas schlechter benotet werden, an einigen, meist unauffälligen Stellen.
Und der letzte Sargnagel: Das der Wichser doch TATSÄCHLICH!!!! Zwei Seiten ihrer Arbeit hat unter den Tisch fallen lassen! Und dann mit so einem Sticker durch die Gegend fährt und ins Gesicht treten auch noch schöne Ferien wünscht, nachdem er sie hat durchfallen lassen "Aaaaaaaarghhhhhhhh!!!", brüllt Gerda jetzt so laut, dass sie sich selbst wieder ganz wahrnehmen kann. "Scheiße Jason!!!! Das GIBT ES DOCH NICHT! WOMIT HAB ICH DAS VERDIENT?! SAG ES MIR!" Verzweifelt und wütend schaut sie sie sich um und wiederholt ihre letzte Frage in die Umgebung.
Ohne zögern legt Jason seine Arme um Gerda und drängt sie sanft, aber bestimmt an sich heran. Eine Hand reibt ihr beruhigend über den Rücken, die andere hält den Hinterkopf. "Hast du nicht, Schatz." Er versteht selbst nicht, was sich zwischen den beiden abspielt. "Meine Oma würde sagen, das Leben prüft dich für eine bevorstehende Aufgabe." Leise schiebt sich ein nachdenkliches Seufzen an die Luft. "Wer weiß, wozu all das gut ist? Komm schon,", mit dem für ihn typischen aufbauenden Lächeln sucht er ihren Blick, "lass uns gehen. Dieser Ort raubt gerade zu viel Kraft."
Der Kloß in ihrem Hals ist zum Glück so groß, dass er sie vom Sprechen und somit auch vom gemein werden abhält. Auf kluge Ratschläge kann sie jetzt so gar nicht, auch wenn sie weiß das Jason Recht hat und es nur gut meint. Gerda grummel-schluchzt und nickt, dann lässt sie sich abtransportieren. Nach ein Paar Schritten hat sie sich wieder soweit im Griff, dass das formulieren von Sätzen in greifbare Nähe rückt. Als die Fassade ihres Lieblingscafes in dieser Gegend auftaucht, "Na gut, lass uns versuchen für mich nach vorne zu schauen und einen Plan zu fantasieren, wie ich ohne zum Zombie zu werden es hinbekomme, den Scheiß-Kurs OHNE DICH zu bewerkstelligen. Mit dem Knochenfrust, dass ich dadurch definitiv nicht mehr nebenher Arbeiten gehen kann." Nachdem sie die Tür passiert und das Personal mit Kapazitäten für Augenkontakt begrüßt haben, fährt Gerda fort. "Und je nachdem wo ich ein Praktikum machen kann oder muss, gegebenenfalls dann Schwierigkeiten mit den Arbeitszeiten und abzuleistenden Stunden bekommen werde - was mir DANN das Wiederholen des GANZEN Semesters einbringen könnte, wenns richtig geil läuft."
Vor dem Tresen inspiziert Jason in aller Ruhe das Angebot, nicht ohne seiner Begleitung hin und wieder einen aufmerksamen Blick zu schenken. Beiläufig entscheidet er sich für ein Stück Kuchen und einen Espresso, während in ihm ein Gedanke an Klarheit gewinnt. "Gerda, dein Tag war heute richtig furchtbar und das Thema muss auf jeden Fall Aufmerksamkeit bekommen. Aber ich finde, für den Moment solltest du einen Strich darunter ziehen." Beide schlagen den Weg ins Obergeschoss ein, um es sich in der hinteren Ecke auf dem Sofa gemütlich zu machen. "Das Problem wird morgen noch das selbe sein. Etwas Abstand und frische Gedanken können nicht schaden, wenn du einen sinnvollen Plan ausarbeiten willst."
Ihre Beherrschung reicht man gerade, bis ihre Rückseite von den Polstern umfangen wird. "Ich soll einen Strich ziehen? Nach DEM Sticker?! Phuuuuh." Mit der Bestell-Beute in beiden Händen, sitzt sie da. "Auch wenn das klug wäre, was wir beide wissen, wissen wir auch beide, wem du das gerade gesagt hast", zieht Gerda ihre rechte Augenbraue hoch, um sich dann vorzulehnen und den Cheesecake auf dem Tisch abzustellen. Ihren Coffee in a Cone weiterhin haltend, den Blick in Jason's entspanntes Sozialpädagogen-Gesicht bohrend. Leider völlig umsonst. Er sitzt da und wartet darauf, dass sie zur Vernunft kommt. "Mooohhh. Fine!", brubbelt die Freundin genervt wie erschöpft. "Worüber reden wir dann, hm?"
"Worüber du möchtest." Gespielt unwissend zuckt er mit einer Schulter, was die Hand als Anlass nimmt, zur Gabel zu greifen und sie, mit den Spitzen voran, bedächtig im Gebäck zu versenken. "Ich weiß, dass es mehr Dinge gibt, die dich beschäftigen. Da drinnen", das erste Stück Kuchen verschwindet hinter seinen Lippen und die Gabelspitzen deuten auf Gerdas Kopf, "herrscht niemals Ruhe."
Bird blinzelt gequält. 'Wie recht du damit hast.' "Also gut" seufzt sie, schlürft eine wohltuende Mundportion Kaffee und Eis aus der Waffel und umreißt mit ein paar langen Sätzen die letzten WG-Entwicklungen und Ereignisse. Das sich weiter aneinander gewöhnen in der fertig umgebauten, nun gemeinsamen Wohnung, über sich auf den Sack gehen und daraus etablierter Klo-Musik, den letzten stürmischen Konzertabend bis hin zum heutigen Tag. "Und das ist so irritierend, Jason. Ich meine, wir hatten - ok, zwar mega betrunken - aber einen total intensiven Abschiedskonzertabend mit Traurigkeit, Leichtigkeit, Flirten, Ärger stiften und irrem Hauswand-Sex. Und dann, dann kippt Logan danach total weg, trinkt sich fast in eine Alkohol-Vergiftung und redet davon, dass wir das nicht dürfen. Zieht sich wieder zurück, öffnet sich erneut etwas, also nach dem Probespielen, um sich dann weiter suuuuper fürsorglich um meine vom Brief zerstörte Existenz zu kümmern." Kopfschüttelnd saugt Gerda nahezu die Hälfte ihrer Waffel in sich ein. "Und dann heute! Er macht sich so gar nichts aus Essen, Jason. Er hat alles zuhause gemacht. Einkaufen, Abwasch, Wäsche... sogar die Pflanzen gegossen, glaube ich.", sprudelt Gerda nun wild aus sich heraus. "Hab ich schon erwähnt das er gekocht hat? Logan hat noch nie aufwendiges Essen für sich zubereitet. Es isst weil er muss. Und dann gibt es Suppe." Ihre Augen füllen sich mit Tränen. "Suppe!!!" 
Der Kommilitone beobachtet sie aufmerksam, während sie von einer Gefühlsregung in die nächste stolpert. Hin und wieder nickt er, schenkt ihr ein zartes Lächeln, abgelöst von einem nachdenklichen Stirnrunzeln. "Vielleicht", beginnt er, den Blick beiläufig auf den Teller senkend, "macht er sich etwas aus DIR?" Einen kurzen Moment bewegt er Gedanken in sich von einer zur anderen Seite. "Nicht jeder ist ein Sim großer Worte. Billy ist auch so. Es fällt ihm schwer, Gefühle verbal zu äußern. Solche Sims sprechen eher durch Taten." Seufzend legt er die Gabel neben dem Kuchen ab, sichtlich nach Worten suchend. "Ich kenne Logan ja eigentlich gar nicht. Aber was ich heute gesehen habe, ... Er scheint recht intuitiv zu agieren. Ungefiltert. Es ist ein bisschen wie bei einem Tier. Entweder es mag dich oder nicht. Das erinnert mich daran, dass du mal sagtest, bei ihm zu sein ist, wie auf rohen Eiern zu laufen. Ich verstehe jetzt, was du damit meinst."
Grunzend gabelt Gerda ein großes Stück Kuchen in den Mund und nickt dann. Ihr ganzes Sein beginnt zu leuchten. Cheesecake, Logan, Tier. Alles ist ein 'Ja'. Sie lässt sich Zeit mit ihrer Antwort und gibt sich dem Genuss des Moments und der Erinnerung hin. Brummend. "Du hast den Nagel voll auf den Kopf getroffen. Vielleicht mag ich ihn deshalb auch so sehr? Er ist sowas von ein Tier, b e s o n d e r s hinter den Drums! Du wirst ihn ja auch mal spielen sehen", lächelt sie jetzt breiter. "Logan ist für mich das schönste und wildesten Tier, dass ich bisher getroffen habe. Instinktiv und authentisch, nicht verstellt." Mit zunehmender Röte wird ihr auch wärmer. Der Hauswandmoment ist jetzt wieder voll da, Bird spürt die hitzige Wallung wieder herankriechen. Die Zeit es endlich mal laut aussprechens, scheint gekommen. Die Lippen erst noch aufeinander gepresst, die Augen geschlossen, gesteht die Freundin ihre Gedanken. "Er ist der Panther, mit dem ich ihn auch einst assoziiert habe", seufzt sie. "Auf der ständigen Flucht mit dem Wunsch zu bleiben sondiert er stets die Umgebung nach Gefahren. Er ist unglaublich stark, beschützend, schön, ehrlich, direkt und wild! Und sein Körper...?! Moooaaah." Sie schaut den Freund vielsagend an. "Du weißt, wie geil ein Männerkörper sein kann. Fest, muskulös, zutätowiert... Und angucken kann der mich! Jason, da bleibt dir die Luft weg und nix is mehr mit über rohe Eier laufen! Die werden alle in Nullkommanix steinhart gekocht und alles ist glasklar. Über diese Eier könnten Panzer fahren. Ich muss jetzt aufhören" bestimmt Gerda und legt Kuchen nach. Um den Themenwechsel bemüht, schwenkt sie um, "Was mir fehlt ist, dass ich ihn nicht einfach berühren kann, Hemmungen habe ihn zu bitten mich in den Arm zu nehmen. Hätte ich an Tag zwei nach der postalischen Vernichtung gebraucht.", mischt sich die Traurigkeit dazu. 
Das spitzbübische Schmunzeln verbirgt Jason hinter der erhobenen Tasse, als Gerda von Männerkörpern schwärmt. Wie auf Knopfdruck sind die Bilder seines Ex-Freundes wieder da. Auf geistiger Ebene hatte er ihm nicht viel zu bieten, aber das Körperliche war sensationell. Eine wilde Phase seines Lebens, die er trotz all der Befriedigung nicht vermisst. Billy ist zwar kein körperlich aufregender Mann, aber er gibt ihm Halt, fordert ihn mental heraus und bringt ihn zum Lachen. Dinge, die ihm weitaus wichtiger sind als Muskeln und Tätowierungen.
"Eine Sache verstehe ich nicht." Bedächtig setzt er die Tasse ab. "Wenn er so Probleme mit Berührungen hat - wie hat er die Tattoos bekommen? Und wie macht er das beim Sex? Oder ist sein Schwanz so lang, dass er das ohne weiteren Körperkontakt hinkriegt?" Ironisch erhobene Brauen legen das verspielte Funkeln in seinen Augen frei.
Jason Nachfrage kommt unerwartet und lässt sie grübeln. "Huh. Das ist eine sehr gute und interessante Frage, mein Lieber." Gerda zielt unterstreichen mit ihrer Gabel in seine Richtung. Kauend nimmt sie ihm die noch gut gefüllte Tasse aus der Hand, mopst sich einen großen Schluck und reicht ihm das Getränk zurück. Mit freiem Mundraum setzt sie zu einer Überlegung an. "Also..." beginnt sie gedehnt, "Was ich aus zwei Stelldichein und diversen zufälligen und angedrohten Berührungen sagen kann ist, dass es gelegentlich okay ist. Am Kopf mag er es gar nicht, Oberkörper, Arme, Arsch und nicht halber Meter-Penis gehen in Ordnung." Sie versenkt die Gabel in der festen Quarkcreme und lässt ihrem Freund einen langen Blick zukommen. "Seine Stange ist angebe proportional, wenn du's genau wissen willst" verkündet sie mit rosa Wangen, bevor das abgestochene Kuchenstück verschlungen wird. "Und beim Sex greift und hält er mich schön wollend, roh und fest - da kann ich gar nicht den Halt verlieren, egal in welcher Position. Ich bin einfach... wie angeschnallt. Sicher, weißt du."
Wieder vergehen ein paar Stille Sekunden, Gerda fällt in diesem Moment auf, wie wohltuend ruhiger, gegebener Raum sein kann. 'Krass.' Auf dem Weg in die Verstrickung von Gedanken zu diesem Thema, fällt ihr ein, dass sie eine andere, nicht uninteressante, beziehungsweise wichtige Sache, die von Jason angeregt wurde. "Du meintest, dass er ungefiltert und intuitiv handelt. Ich glaaaubeeeee, damit hat er vielleicht selbst ein Problem." Das es hinter ihrer Stirn nun mächtig arbeitet, ist Bird anzusehen. "Weißt du was? Ich glaube das könnte der Grund sein, weshalb er der Überzeugung ist, wir sollten 'Das' lassen", weiten sich ihre Augen. "Er hat vermutlich selbst die Sorge, dass er sich mir gegenüber aufgrund einer falschen Wahrnehmung oder Halluzinationen verletzend benehmen könnte. Oder sich nicht im Griff hat! Also körperlich, handgreiflich." Gerda lässt sich in die Polsterung sinken und redet weiter, ohne tatsächlich etwas oder jemanden zu sehen. 'Das ergibt Sinn.' Mehr zu sich selbst führt sie fort, "Und natürlich mag er mich auch überdurchschnittlich. Sonst würde er so viele kleine und große Dinge nicht für mich tun und würde mich auch nicht an sich ran lassen." Ihr Blick wandert wieder zu ihrem Sitznachbarn. "Aber das sehe ich nicht, dass das jemals passieren wird. Ich vertraue ihm da mehr als er sich selbst."
Die Worte überdenkend betrachtet Jason die winzige Schaumblase in der Tasse vor sich. Was sie von ihren Erfahrungen mit diesem Mann erzählt, klingt intensiv und lässt ihn für einen Moment warm lächeln, nur kurz, bevor seine Mimik ungewohnt ernst wird. "Was macht dich so sicher? Wenn er wirklich so stark dissoziiert - und dann in Verbindung mit Drogen ... Was, wenn er irgendwelche Vorstrafen hat? Wenn er eigentlich Medikamente nehmen müsste?" Leicht schüttelt er den Kopf, als er aufsieht und Gerdas Blick einfängt. "Versteh mich nicht falsch. Ich weiß, du hältst ihn für den berühmten guten Kerl. Aber was weißt du wirklich über ihn? Immerhin war er vor einigen Wochen noch obdachlos. Und man muss nicht zwingend schlecht sein, um die Kontrolle zu verlieren."
Nicht ganz unüberrumpelt reißt ihr Gesicht kurz auf und eine weitere, jetzt aber unangenehme Erinnerung schnellt hoch. Sie hat noch nicht mal seinen ganzen, richtigen Namen erfahren. Das war dem Frollein Noch-so-schlau-Simmer bisher gar nicht in den Kopf gekommen. Als der Mietvertrag geschlossen wurde, war sie nicht dabei gewesen. Panik juckelt sich in ihre Knochen und sie merkt, wie ihr Puls sich beschleunigt. Ein schwaches "Äähhhmm..." entweicht ihr. "Ich glaube, ich brauche noch nen Kaffe. Also jetzt sofort. Entschuldige. Willst du auch noch was?" krächtzt sie und steht schon.
Aufbauend lächelt Jason sie an. In ruhigen Bewegungen steht er auf und kommt auf sie zu. "Komm mal her.", sanft aber bestimmend schließt er seine Arme um sie und drückt sie an sich. Sekunden hält er die Geste, bevor er sich wieder löst. "Ich hol schon. Bleib hier." Eine Hand auf ihrer Schulter drückt sie in den Stuhl zurück, ehe er ins Untergeschoss geht, um die Bestellung aufzugeben. Bewusst lässt er ein paar Minuten mehr verstreichen. Gerda soll ruhig einen Moment für sich und ihre Gedanken haben. Hoffentlich hat er sie nicht zu sehr verunsichert. Er gönnt seiner Freundin alles Glück und Zufriedenheit. Dennoch ist Vorsicht geboten. Sie kennt ihren Mitbewohner kaum und dessen aggressive Schwingungen konnte Jason deutlich spüren. Wenn er doch nur selbst irgendwie an Informationen käme ...
Das Atmen fällt ihr schwer. Die Umarmung tut gut, hinterlässt aber auch eine Art von brennen?! Sie kann es nicht genau sagen. Als der so fürsorgliche und liebe Kerl verschwindet, kommen die Tränen. Obwohl eigentlich kein Wasser mehr aus ihren Augen fließen sollte, soviel wie sie die letzten Tage geflennt hat - wenn auch aus ganz anderem Grund. Mit der Serviette der ersten Bestellung tupft sich Gerda die Augenpartie vorsichtig ab. 'Beruhige dich. Du hast doch alles schon zig mal in dir hin und her gewälzt. Logan ist ein guter Sim, trotz aller so richtigen Zweifel und Tatsachen, die für dich nur ahnbar sind.' Das sie mehr als Leichtsinnig gehandelt hat, mit vermutlich all ihren Entscheidungen in Bezug auf den Panther, wurde im Ansatz schon ein paar mal lose hinterfragt. Von Ash und von Jason. Liebe Güte auch von sich selbst. Und Elois. Etwas ruhiger werdend, besinnt sie sich wieder auf sich selbst und ihr Gespür. Es ist immer ein Risiko, sich auf jemanden einzulassen. Und selbst wenn ein neuer potentieller Freund, Bekannter oder Mitbewohner sich vorstellt. Alle können lügen und Unterlagen fälschen ist in dieser Zeit auch keine große Sache. Es gibt keine totale Sicherheit. Jeder kann verarscht und zerhackt werden. Selbst innerhalb von Familien passieren schlimme Dinge.
Was sie weiß ist, wie das Gefühl zu ihm ist.
Bewerten kann sie viele Einzelsituationen, die ihr genug gezeichnete Mosaiksteinchen gegeben haben, die ein stimmiges Bild von ihm haben entstehen lassen.
Aufgrund von Missverständnissen, Schicksalsschlägen oder auch anderen unglücklichen Umständen kann jemand zur Flucht und in ein neues Leben gedrückt werden.
Nicht alle haben dieselben Mittel und Chancen.
Logan ist ehrlich und versucht immer mehr von sich Preis zu geben, er braucht nur länger um zu vertrauen und seine Hürden zu überwinden.
Ja, er sollte besser Medikamente nehmen und eine Therapie machen. Aber dazu braucht man Geld und Vertrauen.
Er ist ein paar Mal scheiße abgebogen im Leben.
Und impulsiv, ja.
Aber all das ändert für sie nichts.
Sie tuen sich gegenseitig gut und achten aufeinander, auch wenn es vielleicht etwas unkonventionell und schwierig ist.
Sie sieht und bekommt genug von ihm, um ihm zu vertrauen. Basta.
(In Zusammenarbeit mit @S.Bin. )
#40
<<< Jake war in Windenburg (3) <<<
Charaktere: Logan, Jake
Geschichtsstrang: Ganz ehrlich
"Und jetzt willste deine Geschichte aufschreiben lassen?" Logan lehnt sich im Stuhl zurück, der Blick auf den Monitor seines Laptops gerichtet, aus dem ihm das freundliche Gesicht Jakes entgegen schaut. Als er wegen der Fracht Kontakt aufgenommen hatte, verabredeten sie sich zu einem späteren Gespräch. Er würde es nicht zugeben, wenn man ihn fragen würde, aber es tut ihm gut, sich wieder mit dem alten Freund auszutauschen.
"Geht's dabei nur um den Epilepsiekram oder packst noch mehr aus?" Die gerade geöffnete Bierflasche hebt sich ins Bild, als er zu einem Schluck ansetzt. "Hashtag Familiendrama."
Daraufhin verdreht Jake lachend die Augen und schüttelt leicht den Kopf. "Ich fürchte ein bisschen Familiendrama lässt sich da nicht vermeiden", antwortet er. "Das gehört irgendwie dazu."
Er schaut ernst auf seine Finger, anschließend zu Logan auf dem Bildschirm. "Die Reaktionen meiner Schwestern zum Beispiel ... und als ich es vor Kurzem endlich meiner Mutter gesagt habe. Das war schon heftig." Eine kurze Pause des Schweigens folgt, während die Szene in meinem Kopf auftaucht. "Und natürlich Nicole. Wie rührend sie sich um mich kümmert, auch wenn mir das manchmal fast zu viel ist."
Unwillkürlich denkt er an das Gespräch mit Maja zurück und wie sie ihm geholfen hat, die Rücksicht seiner Schwester aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.
"Aber genug von mir. Was gibt es Neues bei dir?", fragt Jake neugierig.

"Wundert mich nich.", entgegnet Logan nüchtern. "Für Nic warste immer n Held. Die is happy, wenn se dir mal was Gutes tun kann." Kurzes Zucken mit einem Mundwinkel. "Lass ihr die Freude. Ihr beide habts verdient." Ein leichtes Seufzen schiebt sich zwischen seine Worte und bringt etwas Leises, aber deutlich Spürbares mit sich. Schuld.
Jake war immer für ihn da. Egal, was bei ihm selbst gerade los war. Eigene Bedürfnisse stellte er immer hinten an. Und was tat Logan je für ihn? Dunkel erinnert er sich an die Kneipenschlägerei mit diesem Riesen, der Jake angegangen hatte. Logan war wie ein verdammter Kampfhund auf den Bulli losgegangen. Sie hatten gerade erst ihre WG gegründet und hätten unterschiedlicher nicht sein können. Jake der freundliche, offenherzige Blondschopf - Logan der dunkelhaarige, immer schlecht gelaunte Schläger. Worte und Emotionen waren nie seine Stärke gewesen. Kein Wunder, dass er Jake im Krankenhaus nicht beistand. Er hätte es gewollt. Doch ihn so zu sehen - angreifbar, verletzlich, nicht mehr der starke Fels, der ihm in so vielen Sturmfluten Halt und Schutz geboten hatte. Stattdessen unsicher, in einem sterilen Zimmer. Es erinnerte ihn zu sehr an Monica. Er hätte über diesen Erinnerungen stehen und Stärke zeigen müssen. Wenn er nicht für Jake standhaft sein kann - für wen dann? Warum kann er sich in ein gottverdammtes Flugzeug setzen, Stunden lang Klaustrophobie über sich ergehen lassen, körperliche und geistige Pein auf sich nehmen, wenn er damit nur Abstand schaffen kann - doch seinem besten, einzigen Freund auf Erden, seit Kindertagen, kann er nicht sagen, wie dankbar er ihm ist für all die lebensrettenden Taten, kleine wie große. Wie sehr er sich wünschte, helfen zu können, da zu sein, irgendetwas zurückgeben zu können. "Ne Menge Leute würden sich sofort alle Gliedmaßen für dich ausreißen.", murmelt er gedankenversunken. Es mag wahr sein, doch ist es nicht annähernd das, was er eigentlich ausdrücken will. Und trotzdem - intimer, ehrlicher, persönlicher schafft er es nicht. Jake kennt ihn. Er wird wissen, was gemeint ist. Erbärmlicher Haufen Scheiße! Du hast diesen Sim in keiner Weise verdient.
Die heimliche Verlegenheit überspielend greift er erneut zur Flasche. "Neues ...", wiederholt er halbherzig, bevor er einen tiefen Schluck nimmt. "Hab jetzt ne feste Bleibe. Namensänderung läuft. Und meine Mitbewohnerin is ..." die Brauen heben sich ratlos in die Stirn, der Blick verliert sich irgendwo auf der Tastatur, "keine Ahnung,", Schulterzucken, "glaub, die is ne scheiß Hexe oder sowas."
Jake hat sich schon gedacht, dass Logan sich von seinem Plan nicht abbringen lässt. Am Anfang hat er noch versucht, ihn zu überreden nach Hause zu kommen und gemeinsam eine Lösung zu finden. Aber Logan war fest entschlossen, ein neues Leben zu beginnen und alles hinter sich zu lassen.
Für einen Moment schweifen Jakes Gedanken ab. Zu Logans kleinem Sohn, der seinen Vater eigentlich gut gebrauchen könnte ... und zu Billie. Er hat sie schon lange nicht mehr gesehen. Vielleicht sollte er sie wirklich mal anrufen und hören, wie es ihr geht. Vielleicht hätte sie ja sogar Lust, mit ihm einen Kaffee trinken zu gehen.
Doch Jake kennt seinen Freund. Er weiß, dass Logan jetzt keine Predigt hören will und schon gar keine gut gemeinte Moralpredigt. Also lässt er das Thema ruhen und konzentriert sich stattdessen auf die ominöse Mitbewohnerin.
"Und was für eine Art Hexe soll sie sein?", fragt er grinsend. Eine vage Vorstellung hat er zwar schon im Kopf, aber er will es lieber direkt von Logan hören.

"Eine von denen, die dich durchschauen." Das sind die Gefährlichsten von allen. "Die gucken dich an und wissen, wenn du Scheiße laberst." Mit einem leichten Kopfschütteln versucht er die Szenen der ersten Woche abzustreifen. Als er nicht hier wohnte, sondern beide ein nützlicher Deal für die jeweils andere Seite waren. Im Nullkommanichts hatte sie ihn durchanalysiert, seinen Lebenslauf auf Papier geschmiert, als wäre er eine beschissene Einkaufsliste. "Ich sag dir, die Kleine is verdammt schlau. Die hat so viel Grips in der Birne wie Temperament in der Pumpe." Das breiter werdende Schmunzeln in seinem Gesicht bemerkt er nicht. "Und schimpfen kann die ... da fangen dir die Ohren an zu bluten."
Die Beschreibung überrascht Jake tatsächlich. Er hatte sich Logans Mitbewohnerin völlig anders vorgestellt ... ruhiger vielleicht, unscheinbarer. Stattdessen entsteht in seinem Kopf das Bild einer scharfsinnigen, temperamentvollen Frau, die sich nicht so leicht blenden lässt. Und unwillkürlich denkt er, dass genau das gut für Logan ist. Vielleicht braucht sein Freund jemanden, der ihn durchschaut. Der ihn herausfordert und ihm auch mal Kontra gibt.
"Und? Wie fühlst du dich mit ihr als Mitbewohnerin?", fragt er mit einem Lächeln. Das Schmunzeln auf Logans Gesicht spricht eigentlich schon Bände, aber Jake will es hören.
Schlagartig wird Logans Ausdruck ernst. "Hast nen Therapeuten gefrühstückt oder was?" Wie soll es sich schon anfühlen? Sich auf jemanden einzulassen, egal in welchem Sinne, ist immer nervenaufreibend. Diese ständigen Zweifel, ob das Gegenüber nicht doch etwas im Schilde führt. Das Abscannen und Bewerten von Handlungen, Äußerungen und Blicken. Die ewige Frage, was Andere über ihn wissen - oder zu wissen glauben. "Schwer zu sagen.", beginnt er wahrheitsgemäß. "Is n bisschen wien Arthouse-Film. Mit viel Dialog." Einen Moment herrscht Stille, als er tief seufzend über die Frage nachdenkt. Hatte er anfangs mehr oder minder starke Bedenken, scheint es inzwischen, dass Gerda vollkommen in Ordnung ist. Die Stimmen, die ihm warnend ins Gehirn brüllten, sie könnte auf ihn angesetzt sein, um ihn auszuspionieren, kommen seit einer Weile nur noch selten - und dann beinahe verschwindend leise. Dennoch bleibt ein Gefühl der Vorsicht. Die Tatsache, dass sie ihn und seine Worte wie ein Buch liest, jagt ihm einen Schauer über die Haut. "Ganz ehrlich?" Die Brauen heben sich in die faltige Stirn, auf der zwei Finger der linken Hand entlang reiben. "Keine Ahnung man. Eigentlich isse cool. Schätz ich. Is nur ..." Sie sieht ihn an und in ihn hinein. Der tiefe, innige Wunsch, man möge in ihm mehr sehen, als den abgefuckten Freak, den Bastard, der es nicht wert ist, hinterfragt und ernstgenommen zu werden, schlägt wie nach freiem Fall auf den Boden ihrer Wertschätzung auf. Warum tut es so weh, fragt er sich. Warum ist es so zum Kotzen, dass sie ihm entgegenbringt, wonach es ihm so sehr dürstet? Warum kann er es nicht einfach annehmen und sich darüber freuen? "Weißt schon.", resigniert er endlich. "Viel. Irgendwie." Enttäuscht von sich selbst wendet er den Blick ab und schaut aus dem Fenster. Enttäuscht, weil er es wieder einmal nicht schafft, die Worte auszusprechen, die in ihm herumspuken. Zu nah. Zu entwaffnend. Da ist dieser Teil in ihm, der ihn zwingt, Themen klein zu halten. Als würde etwas Grauenvolles geschehen, würde er sie aussprechen.
"Intensiv." Sein Gesicht wendet sich wieder der Kamera zu, ohne dass er den Blick hebt. "Oder so."

Zufrieden nickt Jake und ein Lächeln legt sich auf seine Lippen. Zwischen all den halben Sätzen hört er doch das Entscheidende heraus. Logan ist nicht allein. Vielleicht sogar besser aufgehoben, als er selbst zugeben würde. Auch wenn Jake ihn hier vermisst, sind diese regelmäßigen Videoanrufe ein kleiner Anker. So bleiben sie verbunden ... egal wie viele Kilometer dazwischenliegen.
"Intensiv also", wiederholt er locker und hebt leicht eine Augenbraue. "Du scheinst sie zu mögen."
Hatte er kurz das Bild im Monitor betrachtet, kann Logan nach der Vermutung des Freundes dessen Blick nicht standhalten. Er sagt es, als wäre es etwas Gutes, jemanden zu mögen. Er sollte es besser wissen.
Jemanden zu mögen bringt nur Nachteile mit sich. Man entscheidet nicht mehr frei für sich. Wird manipulierbar. Bei jeder Gelegenheit versucht man, Rücksicht auf Gefühle zu nehmen, geht Kompromisse ein. Man tut Dinge, die man nicht will. Oder Dinge, die man will, nicht auf die Art, die man sonst durchziehen würde.
Man wird angreifbar. Verletzlich. Enttäuschungen sind auf Dauer unvermeidlich. Man WIRD enttäuscht und man tut es selbst - was weitaus schlimmer ist. Aber das Grauenvollste von allem ist diese Ohnmacht. Wenn der Person, die man mag, etwas zustößt und man rein gar nichts dagegen tun kann. Nutzlos. Ausgeliefert.
Wozu soll es also gut sein? Am Ende bringt es nur Leid und Schmerz mit sich. "Sie hat was besorgt.", geht er der Antwort aus dem Weg. Die Brauen streng angezogen zeigen deutlich die Überforderung mit dieser Thematik. "Warte, ich hols." Unelegant hebt er sich aus dem Stuhl und verschwindet aus dem Kamerabild.
Bemüht leise bewegt er sich Richtung Flur, wo die eigens für ihn gravierte Schatulle im Regal liegt, seit er sich weigerte, das Geschenk anzunehmen. Behutsam, als könne er sich daran verletzen, nimmt er sie mit spitzen Fingern auf, lauscht einen Moment ins Wohnzimmer hinein. Von Gerda ist nichts zu hören. Die Beute in die Hosentasche stopfend, falls sie ihm überraschend über den Weg läuft, geht er zurück zum Laptop. Dort angekommen legt er die kleine Blechkiste auf dem Tisch ab und nimmt einen Schluck aus der Flasche, bevor er zu erzählen beginnt: "Stell dir vor - da hat die irgendwo dieses Ding aufgetrieben." Unwirsch hebt er das Etui ins Bild. "Das für Kippen.", erklärt er, öffnet und wendet es in alle Richtungen. Zuletzt zeigt er bedeutungsvoll die Gravur. "Dasn Insider.", betont er beinahe maulig. "Tiger weil sie exakt solche Viecher an der Küchentapete kleben hat. Rot und Rosa. Wien beschissener LSD Trip. Sie weiß, dass ich die scheiße finde. Der Vogel inner Mitte is sie, weil ...", schuldbewusst senkt er den Blick, "hab sie n paar mal Bird genannt." Die Hintergründe spart er sich. Als Teilzeitbrite weiß Jake, dass 'Bird' ein Slangbegriff für eine angenehme weibliche Person ist. Die Offensichtlichkeit der Situation ist unangenehmerweise nicht von der Hand zu weisen. "Well, und der Panther...", redet er deshalb einfach weiter, "Sie meinte, ich wär wien rastloser Panther." Ernst, beinahe betroffen, sieht er das Bild Jakes an. "Scheiße man, merkste, wie persönlich das is?! Sowas kann se mir doch nich -" Seufzend bricht er ab. Er kann es nicht einmal aussprechen. "Sowas kannse nich machen. Wie soll ich denn ..." Energisch wirft er das Etui auf den Tisch. "Und jetzt? Wenn ichs nehm, denkt sie, es is okay und macht wieder sowas. Wenn ichs nich nehm, bin ich der Oberarsch. Was okay wär, wenn se nich -" Kopfschüttelnd reibt er sich übers Gesicht. Wenn sie nich so fucking nice wär.

Entspannt lehnt sich Jake vor und ein Schmunzeln ist in seinem Gesicht zu erkennen. "Logan, du machst gerade einen Neuanfang. Wenn du schon alles hinter dir lässt, dann lass dich auch auf Sachen ein, die dir vielleicht gut tun können." Er nimmt einen Schluck von seiner Wasserflasche, bevor er weiter spricht. "Man kann nicht immer alles kontrollieren oder planen. Sieh mich an. Ich hab mir mein Leben auch anders vorgestellt, aber es kommt, wie es kommt." Mit den Schultern zuckend setzt er fort. "Nimm das Ding an. Lass es zu und du wirst es nicht bereuen."
Die Lippen schürzend aufeinander gepresst schwenkt Logans missmutiger Blick auf das Etui. Tief seufzend entgleitet ihm ein angespannt-genervtes Brummen. So laufen ihre Konversationen fast immer ab. Logan ist mit irgendeiner Banalität überfordert, Jake sagt ihm, was er tun soll und er macht es - und wird Stück für Stück zu einem besseren Sim. Schleichend langsam zwar, aber immerhin. Kein Stillstand. Das tiefe Vertrauen zu seinem beinahe lebenslangen Freund drängt ihn, dessen Rat zu befolgen und die beinahe körperlich schmerzenden Bedenken in den Wind zu schlagen. Vielleicht hat Jake recht. Er hatte bisher immer recht. Vielleicht haben all die Neuanfänge nichts gebracht, weil er sich nie auf etwas eingelassen hat. Nicht ernsthaft. Er hat nie den Ballast über Bord geworfen, und Platz für neue Erfahrungen gemacht. Er wurde zwar offener, für seine Verhältnisse regelrecht kommunikativ, aber sein Gepäck begleitet ihn seit er England vor beinahe dreizehn Jahren verließ. Es in andere Koffer zu stopfen, hat nichts mit Loslassen zu tun.
Aber wie soll er das anstellen? Was, wenn sie seine Entscheidung kommentiert? Was, wenn nicht? Er sieht schon ihr Gesicht. Das Funkeln in den Augen, wenn sie realisiert, dass er es doch genommen hat. Erst anstellen und dann heimlich nehmen. Das ist jämmerlich. Peinlich. Als würde er als Anschauungsmaterial für einen Psychologiekurs vor verwöhnten Studenten stehen, die keinen Schimmer davon haben, wie das Leben wirklich läuft. Mit ihren gepflegten Ärschen hocken sie weich auf der Kohle von Mommy und Daddy und begaffen ihn wie ein scheiß Objekt - belustigt, aber keineswegs ehrlich interessiert an dem, was sie sehen, wenn er mit runtergelassenen Hosen zur Schau gestellt wird, wie ein misslungenes Experiment, das man seziert, um zu beweisen, dass es nie hätte existieren dürfen. Und er steht da, redet sich ein, dass sie ihn endlich sehen – dabei wollen sie nur die Bestätigung dafür, dass es fehlerhaft ist.

Momente vergehen. Momente, in denen Logan abwägt. Er weiß, dass Jake recht hat. Tief drinnen, irgendwo unter all dem Schutt, spürt er diese leichte Regung, mit der er nie umzugehen weiß. Als wäre sie ein Parasit, der hin und wieder mal durch eine Luke hervorschaut, sich aber nie ans Tageslicht traut.
"Fine.", knurrt er schließlich. "Aber wenn se noch son Ding reißt, erklärst DU ihr, warum das falsch is."
Ein Schmunzeln kann sich Jake nicht verkneifen. "Das krieg ich hin", antwortet er amüsiert. "Ich erklär ihr dann ganz sachlich, warum man dir keine netten Geschenke machen darf." Doch innerlich weiß er - dazu wird es nie kommen.

(In Zusammenarbeit mit @Spatz )
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