Toronto

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06.03.2025 21:11 (zuletzt bearbeitet: 10.01.2026 19:01)
#21
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Bestseller-Schmied

Charaktere: Logan
Ort: Café Pat
Geschichtsstrang: Monster und Bestien - still arround





Auf dem harten Stuhl herumrutschend richtet Logan unruhig seine Position. Sein Rücken zerrt unnachgiebig an seinem ohnehin schon spröden Geduldsfaden. Seit drei Wochen schläft er nun jede Nacht auf dem Rücksitz des Chevies. Oder sind es erst zwei? Fühlt sich eher wie fünf an, findet er, als er beide Hände ins Kreuz stemmt und sich in alle Richtungen biegt. Vermutlich wäre es bequemer, das Schlafquartier auf den Boden neben dem Wagen zu verlegen. So hätte er wenigstens einen festen Untergrund, anstatt der durgesessenen Polster, die noch dazu nicht für Übernachtungen ausgelegt sind. Im Frühlingsgewand wird das vorherrschende Klima deutlich milder, doch der Boden hat noch immer winterliche Kälte gespeichert. Was bedeutet, dass Logan nicht nur mit den gewohnten Muskelzerrungen, sondern auch noch mit Unterkühlung zurecht kommen müsste. Es muss also doch ein Schlafzimmer her - mit richtig echten Wänden, einem Dach und idealerweise sogar einer Tür.
Mit einer fahrigen Geste greift Logan nach dem Kaffee neben dem Laptop. Schon wieder leer?! Irgendwer muss ständig an ihm vorbei schleichen und seinen Stoff wegsaufen. Genervt pult er sich von seinem Platz, um am Tresen eine neue Ladung zu ordern. Die letzte für heute. Er kann sein knappes Gekd nicht nur für Koffein ausgeben. Obwohl ... Jetzt, da er nicht mehr schnieft - Fuck, das wärs jetzt. Nur eine kurze Line ... Damit wären Rückenschmerzen, Müdigkeit und Antrieb in Sekundenschnelle repariert. Wer kam eigentlich warum auf die beschissene Idee, clean zu werden? "Das warst du." Ahote lächelt ihm warm entgegen. Seit zwei Tagen treibt er sich wieder in Logans Wahrnehmung herum. Vielleicht ist das Ding nichts weiter als eine Entzugserscheinung. "Du weißt, dass das nicht stimmt", schmunzelt die unwirkliche Figur.



Mit dem neuen Trinkbecher in der Hand lässt Logan sich wieder auf den Stuhl fallen. Seufzend sackt sein Kopf hinten über. Er starrt an die Decke des hohen Raumes. Irgendein Popmäuschen jault weinerliche Töne aus dem Lautsprecher über ihm, so dass sich in ihm der spontane Wunsch ausbreitet, irgendwen zu erschießen. Am besten die Produzenten dieses Verbrechens. Warum kann nicht einfach jeder Social D hören? Oder Elvis? Oder Joplin oder -
"Sims sind eben unterschiedlich. Sieh mal die zwei dort." Eine Kopfbewegung deutet auf die Teenagergirls, die sich begeistert zu dem Geplärre hin und her wiegen. "Denen gefällt die Musik ganz gut. Ist das nicht schön anzusehen?"
Logan setzt sich ächzend auf, sein Blick folgt der angewiesenen Richtung. "Da lass ich mir lieber alle Zehennägel mit einer Zange aus dem Fleisch ziehen." Mürrisch trinkt er einen Schluck aus dem Becher, ehe er ihn auf dem Tisch abstellt und sich dem Laptop widmet. Den ersten Satz des Textes im Dokument hat er nun schon unzählige Male gelesen. Er kann sich einfach nicht konzentrieren. Sein ganzer Körper verlangt nach dem weißen Pulver, das er zuletzt vor drei langen Tagen hatte. Wen willst du beeindrucken? Du verarscht dich doch selbst. Logan schließt die Augen und massiert sich die Nasenwurzel. Hol dir einfach was. Was ist schon dabei? "Das finde ich keine gute Idee." Ernst betrachtet Ahote seinen Schützling. "Du schaffst das. Bleib stark."
"Bloody fuck!" Logans Hände fahren unsanft über seine Schädeldecke. Tief durch die Nase einatmen. Langsam durch den Mund ausatmen.
"Du brauchst eine Aufgabe. Körperliche Betätigung. Das hier", Ahote weist auf den Laptop, "ist jetzt nicht das Richtige."
"Aber 'das hier' ist der Scheiß, den ich regeln muss. Ich brauch nun mal Kohle." Logans Stimme wird ungeduldig. Aus dem Augenwinkel registriert er verwunderte Blicke von anderen Tischen. Ja, natürlich. Früher konnte man wegen der langen Haare nicht sehen, dass er Selbstgespräche führt, wie ein Irrer. Jeder ging davon aus, dass unter den Locken ein In-ear-Hörer steckte. Nun ist es ziemlich offensichtlich, dass er nicht alle Tassen im Schrank hat.



Ließ meine Gedanken, du Stalker - ich ignorier dich jetzt. Entschlossen richtet Logan erneut seine Konzentration auf den Desktop, als gerade eine Email aufploppt. Die Antwort auf eine Wohnungsanzeige. Böses ahnend, öffnet er und überfliegt den Text. '... für einen anderen Bewerber entschieden ...' Es überrascht ihn nicht einmal mehr.
"Warum willst du unbedingt eine eigene Wohnung mieten?"
Grimmig schaut Logan über den Bildschirm hinweg in Ahotes freundliches Gesicht.
"Du weißt, dass es dir nicht bekommt, allein zu sein. Außerdem ist eine Wohngemeinschaft wesentlich günstiger."
Da hat das Ding recht. Logan hat noch nie allein gelebt. Bisher hatte er immer die Befürchtung, sich in depressiven Phasen nicht allein aus den Launen ziehen zu können. Im Moment geht es ihm relativ gut. Klar, er hat Ärger am Hals und Chaos im Kopf. Aber zumindest hat er nicht den heftigen Drang von einem Rausch in den nächsten zu hetzen. Seufzend nickt er vor sich her. Dann also WG-Zimmer. Ist vielleicht sogar einfacher.
Das Portal öffnend, tippt er neue Suchkriterien ein und scrollt die Ergebnisse durch. Studenten, Zimmertausch, nur weiblich, Nichtraucher. Dieses verdammte lungenfanatische Land.
Unterhalb des ersten Werbeblogs bleibt seine Aufmerksamkeit an einer Anzeige hängen. Klingt normal. Ein Zimmer, fünf quadrat in gemischter WG. Kurzerhand tippt er eine Antwort und sendet sie ab. Eine weitere Anzeige folgt und eine dritte. In kurzer Zeit hat er fünf Kontaktanfragen versendet, als er durch das Vibrieren seines Handys abgelenkt wird. Eine Augenbraue hebt sich fragend in die Stirn.

Zitat
'Hey Hu hier ist Gerda. Biste noch in der Stadt? Folgendes: Ich brauche ne Transport- und Tragehilfe vom Baumarkt zu mir und über ne doofe Treppe ins 1. OG (Ashbo sind nicht da). Und ich würde gern vor meiner Vernichtung im Studienkurs nochmal nen netten, lynchigen Realitätsverdreher-Abend haben. Was sagste? Als Dankeschön springen ein paar Gläser Whiskey und leckeres mexikanisches Essen raus - kann ich ganz ok zubereiten. Deal?'



Miss German aka Wonderlash ... Das kommt unerwartet. Logan stutzt. Was ist ein Ashbo? Nachdenklich greift er zum Becher, ehe er sich im Stuhl zurücklehnt.



Wie lange ist es her, dass er mit ihr am See war? Eine Woche? Zwei? Er erinnert sich, dass er sie in diesem Club getroffen hatte. Sie hatte ihm einen merkwürdigen Spitznamen gegeben. Grübelnd führt er den Kaffee zu den Lippen. Was war das noch gleich? Worüber haben sie gesprochen? Lynch blitzt in seinen Erinnerungen auf. Eraserhead. Er hatte erwähnt, dass der Film ihn nachhaltig beeindruckt hat. Aber was war da noch? Hat er irgendetwas von sich erzählt? Die aufkeimende Unruhe ertränkend stürzt er einen weiteren, größeren Schluck hinunter. Er hatte gekokst. Gutes Zeug und nicht wenig davon. Der Absturz war hart. Aber was hat er ihr erzählt? Was weiß sie über ihn? Allein um dieser Frage nachzugehen, wäre es sinnvoll, sie noch einmal zu treffen. Was hat sie geschrieben? Sie braucht sein Auto? Transport- und Tragehilfe. Denkt sie jetzt, dass sie befreundet sind, weil sie Sex hatten? Hat er ihr sowas angeboten? Das kann er sich nicht vorstellen. Energisch kramt er das schlaue Heft aus dem Seitenfach der Laptoptasche und blättert bis zu den letzten beschriebenen Seiten vor.

'Concert Pleasant Jearny - Ash = Bass - Ro&Jo - Miss G 'müder Panter' tough & smart girl - dickhead aufgemischt.
Miss G neugierig. Aufpassen! 1 Jahr in T. Simsfreundin. Steht auf (Deep)Talk. Redet viel. Über alles. Hab ihr die Nummer gegeben. Fühlte sich unsicher allein unterwegs.'


Logan lehnt sich wieder zurück, noch immer den Kaffee in der Hand. Vage Bilder rieseln in sein Gedächtnis. Sie hatte etwas ... Anregendes? Faszinierendes? Nein, das trifft es nicht. Beängstigendes. Eher. Aber warum reizt es ihn dann, ihrer Anfrage zuzusagen? Sie schien im Grunde ein guter Sim zu sein. Aber das sind viele. Doch irgendetwas an ihr ist anders. Ihre großen Augen formen sich in seinem Geist. Neugierig und prüfend betrachten sie ihn. Nicht urteilend. Vielmehr ... offen. Dennoch schiebt sich bei dem Bild ein ungutes Gefühl unter seine Haut. Etwas, das er nicht benennen kann, das aber brennendes Misstrauen in ihm weckt. Er sollte ihr absagen. Es ist nicht sein Problem. Soll sie doch Freunde fragen. Oder sich einen Wagen mieten. Es gibt immer Möglichkeiten. Am besten gar nicht reagieren und ihre Nummer blockieren.



Das Telefon zur Hand nehmend, schaltet er das Display wieder ein, um sie zu blocken - ohne sein Zutun fliegen seine Augen ein letztes Mal über die Buchstaben. Vernichtung im Studienkurs ... Was bedeutet das? Hat sie davon erzählt? Eine versemmelte Klausur, erinnert er sich, und ein fremdenfeindlicher Dozent. Logan schnauft. Wie er es verabscheut, wenn Leute ihre Machtposition auf den Rücken anderer auskosten. Wenn die Stärkeren die vermeintlich Schwächeren in den Boden stampfen - einfach nur, weil sie es können. Unzählige Male hat er es am eigenen Leib erfahren. Die Ohnmacht, die Erkenntnis, dass es niemanden interessiert, und die Gewissheit, dass es scheinbar so sein muss - all das fühlt sich heute noch so schmerzlich präsent an, wie damals. Dieses Leben hat ihn vergiftet. Und vermutlich ist daran nichts mehr zu ändern. Er ist eben, was er ist. 'Das Stück Scheiße unter meinem Schuh ist mehr wert!' - 'Ich hätte dich aus meinem Bauch schneiden sollen!' Wie ein Blatt im Wind treiben seine Gedanken von einer Szene zur anderen, bis sie schließlich bei den wenigen guten Sims landen, die sein Leben gekreuzt haben. Michael. Jake. Billie. Sie alle haben sich klein machen lassen von Leuten, die sie hätten tragen sollen. Er hat es nicht geschafft, ihnen beizustehen. Er war zu jung, zu feige, zu egoistisch. Zu verängstigt. Jake hat immer daran geglaubt, dass er besser - gut - sein kann. Wenn eine kleine Tat dazu beiträgt, dass Jake sich nicht in ihm täuscht, sollte es das Logan wert sein. Was soll schon passieren? Selbst wenn er auf die Fresse fliegt - wenn ER ihn eines gelehrt hat, dann, wieder aufzustehen.

Sein Daumen hastet tippend über das Display.
'Wann? Wo?' Senden.
Mit dem bedrückenden Gefühl, etwas loszutreten, was er nicht unter Kontrolle haben wird, legt er das Handy auf dem Tisch ab und trinkt vom Kaffee. Er schmeckt anders - irgendwie trist. Als würde das reichhaltige Aroma irgendwo in ihm verloren gehen.


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14.03.2025 00:16 (zuletzt bearbeitet: 10.01.2026 19:02)
#22
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Bestseller-Schmied

Charaktere: Gerda, Logan, Elois
Ort: Gerdas Wohnung
Geschichtsstrang: Der Vogel und der Panther - Das Ding mit der Selbstüberschätzung






Wie diese zwei Häuser mit ins Auto passen, die Mr. Grumpy-Py mitgebracht und zwischen ihnen abgestellt hat, zu dem Haufen an Baumarktutensilien, ist Gerda ein Rätsel. Der Wagen ist relativ voll. Eigentlich ist es auch egal, denn alle sind nun angekommen. Ein biiisschen maulig ist sie schon, er tut fast so, als würde sie stinken. Die Autofahrt bedurfte zum Glück eines Navigationsgesprächs, sonst wären sie wahrscheinlich beim beidseitigen Begrüßungswort geblieben. Was soll's. 'Erstmal ist ein Großteil meines Zeitmanagementproblems gelöst. Ich muss nicht fünfzehn Mal laufen, schleppen und Bus fahren.' Nach einem festen Durchatmer erkundigt sie sich bei ihm mit festem und fragenden Blick, ob es wirklich ok ist, dass er ihr hilft. Mit einem knappen Kopfnicken steigt er aus und beginnt mit dem Ausladen. Als alle Versprechen und Ehre rettenden Dinge durch das putzige Gartentor getragen und vor der Tür abgestellt sind, schließt sie die Eingangstür auf und lässt ihn herein. Die beiden Farbeimer, die er sich genommen hat, sehen schmerzbringend aus. Prüfend schaut sie seine Bewegungen an. "Umm... Vielleicht nimmst du lieber was anderes, damit du mit deinem Rücken noch ein bisschen länger durch's Leben kommst?!" Ohne seine Antwort abzuwarten, nimmt sie ihm einen Eimer ab und gibt ihm zum Gewichtsausgleich ihre beiden Rollen Tapete in den Arm. Mit schrägen Blick geht sie an ihm vorbei die Treppe hoch. "Stell es einfach irgendwo ab." Nach kurzer Zeit des hoch und runtertrabens, sind nur noch die langen Stuckleisten übrig. Gerda's Stimmung ist mittlerweile wieder etwas demütiger und entspannter - immerhin hilft er ihr, ohne das er es müsste. "Vielen Dank das du das machst, Ash und Bob sind mit ihrem Auto für ne Weile weg und ich muss bisschen was nachholen und regeln, damit ich nicht auch noch mit meiner Vermieterin Ärger bekomme. Also... Ja.", erklärt sie mit ausladender Geste in den Raum. "Machen wir die Leisten zusammen?"



Logan fühlt sich wie ein hundertjähriger, vom Krieg gebeutelter Veteran. Ohne den aufputschenden Stoff ist sein Körper in bemerkenswert beschissenem Zustand. Während Gerda durch den Baumarkt fegte, blieb er die meiste Zeit draußen, ging ein paar Schritte und rauchte Kette. Die hellen Lichter, das Radiogeplärre und die vielen Leute im Vergnügungspark für Bastelwütige waren schlichtweg nicht zum Aushalten.
Das Auf und ab auf der Treppe gibt seinem Knie nun den Rest, so dass er nach dem letzten Gang, ein schmerzverzerrtes Keuchen unterdrückend, ins Fenster gelehnt, das Gelenk zu entlasten versucht. Hinter der Kniescheibe pocht es energisch und treibt mit jedem Schub ein scharfes Schneiden bis zum Fußrücken und zur Innenseite ausstrahlend. Zum unzähligen Mal verfluchen sowohl Geist, als auch Körper die Entscheidung, clean zu werden. Innerlich mit sich selbst beschäftigt, hört er zwar Gerdas Stimme um sich herum wehen, doch kein einziges Wort dringt zu seinem Verstand durch. Erst als sie ihn erwartungsvoll ansieht, kehrt er gedanklich zurück. "Hm?" Blabla irgendwas zusammen. Fuck. Mit einem grollenden Seufzen kramen seine unruhigen Finger die Kippenschachtel hervor. Kurz spielt er mit dem Gedanken, sich die Glut ins Auge zu drücken, um vom Knie abzulenken. Vermutlich nicht die klügste Idee. Eine Zigarette zwischen die Lippen klemmend, trifft ihn Gerdas Blick und er verharrt. "Lass mich raten - Nichraucher." Angepisst wendet er den Kopf zur Seite. Kanada war eine scheiß Idee. Er hätte nach Texas gehen sollen. Die meisten da unten sind zwar engstirnige Nazis, aber sie qualmen wenigstens öffentlich, während sie ihre Minderheiten unterdrücken. "Oh, c'mon bird, ich schlepp mich nich noch mal da runter und wieder hoch. Mein Knie fickt mich jetzt schon bis zur Speiseröhre."
"Du weißt, wie respektlos das ist?"
Dicht neben Gerda stehend sieht Ahote ihn eindringlich, beinahe flehend, an. "Wenn du rauchen musst, solltest du vor die Tür gehen."
"Fuck it!"
Nuschelnd entzündet Logan die Zigarette. "Ich komm eh in die Hölle."



"Bis zur Speiseröhre gefickt zu werden, vom eigenen Knieschmerz, klingt richtig mies." Langsam geht sie zu ihm und schaut ihn verständnisvoll und etwas besorgt an. Ihre Augen flackern betroffen. Er flucht leise vor sich her. 'Hat der Vogel mich gerade Vogel genannt?', freut sie sich belustigt über seine Art, die sie mag. Sie stellt sich vor ihm hin und versucht annehmbare Autorität auszustrahlen. "Ich kann grad leider nicht zulassen, dass Elois mir den Arsch aufreißt, wenn sie dich, beziehungsweise uns, also dich in meiner Gesellschaft, hier rauchend findet. Aber...", sie hilft ihm auf die Füße und zieht ihn vorsichtig und sanft mit sich, "du kannst ausnahmsweise bei mir in der Küche erneut loslegen." Mit diesen Worten nimmt sie ihm seine Zigarette mit Daumen und Zeigefinger aus dem Mund und drückt die glimmende Spitze an ihrem Absatz aus und steckt den Glimmstängel in ihre Hosentasche.
Plötzlich hört sie ihren Namen von unten hochschallen, mit einer leichten Strenge. "Gerda, Liebes?"
Die gerufene kneift beide Augen zusammen, zieht ein Gesicht und dieses dann zwischen die Schultern und Flucht leise. Als sie sich nach rechts umdreht, um zum Treppenansatz zu schauen, streift ihr Blick ihren Helfer kurz, als sie Elois auch schon sehen kann. Sie merkt, dass sie rot wird. Mit einem verlegenen "Heeeeey!", grüßt sie ihre Vermieterin.
Diese kommt gleich zur Sache. "Ich habe einen leckeren Russischen Zupfkuchen und einen Brief mit deinem Renovierungszeitplan für den Flur gefunden."
Hochrot, dass fühlt die Angesprochene, reckt sie ihren Daumen nach oben, was sie sagen soll, weiß Gerda nicht.
"Was soll denn das? Das kannst du niemals in der Zeit alleine bewerkstelligen. Und dann sprichst du nicht mal persönlich mit mir. Sondern über Selbstgebackenes!"
Dass Elois bei ihren Worten trotz des Schimpfens fast großmütterlich spricht, lässt den Anschiss umso härter einschlagen. Und vor allem: Es fühlt sich an, als würde sie vor der Klasse zur Rede gestellt werden. Die tiefbraunen Augen der Klasse, die noch immer dicht neben ihr stehend die Situation schmerzverzerrt begutachten, brennen wie Pfeile im Rücken. Mit einem Schritt entfernt sie sich von Logan und verschränkt ihre Arme, um sich selbst zu halten. Gerda hört Elois' Forderung nach einem neuen, realistischen Plan. Beide Hände in die Hosentaschen steckend, blickt sie dann zu Elois. "Okay.", nickt sie. "Ich komm' morgen Mittag vorbei."
Das unausgesprochene "Gut." übermittelt die Anfang sechzig Jährige würdevoll auch ohne zu sprechen, und entschwebt zurück in ihre Wohnung im Erdgeschoss.
Die angehaltene Luft entweicht Gerda mit den Worten, "Komm rein, erstmal das süße Hundekind begrüßen und dann was trinken?"



Das Ächzen im Keim zu ersticken, als Gerda ihn auf den rechten Fuß zwingt, misslingt auf halber Strecke. Verkniffen humpelt Logan neben ihr her, sein Arm rudert sich von ihrer Berührung frei. Dass Leute ihn immer antatschen müssen ... Eine neue Fluppe zwischen die Lippen klemmend, kitzelt es ihm in den Fingern, das Ding vor den Augen der alten Zicke anzustecken. Autoritäten! Augenrollend spielt er wie ein ungeduldiges Kleinkind mit dem Zippo, bis die rostige Modequeen sich aus der Bildfläche stöckelt und Gerda die Tür öffnet.

Augenblicklich schießt ihr eine Hundenase aufgeregt entgegen, dicht gefolgt von dem restlichen Körper des Tieres. Unbeherrscht wedelt Bonnie mit dem Schwanz, schnaubt und tappt klickernd von einer Pfote auf die andere, während Gerda lachend ihre Finger im rotblonden Hundefell vergräbt. Erst als sie ein paar Schritte in die Wohnung macht, weicht die Hündin widerwillig aus. Den fremden Zweibeiner registrierend, wuselt sie an ihm herum. Um sein Knie besorgt, wendet Logan sich mit der lädierten Seite etwas zurück, hält der laut schnuppernden Nase dabei die Hand hin, um sich erkunden zu lassen. Die Verkniffenheit fällt schlagartig aus seinem Gesicht, das plötzlich beinahe freundlich wirkt. Vorsichtig schiebt er seinen Körper durch die Tür, der Hündin entlang und lässt sich von Gerda in einen schmalen Flur führen. Sie hält sich rechts in Richtung eines offenen Raumes, an dessen Ende ein Tisch vor einer Wand mit - "Oh, bloody ..." Eine Braue kommentiert in die Stirn ziehend die Tapete ... Mit rosafarbenen Tigern mit spastischen Muskelkrämpfen auf leuchtend rotem Untergrund. Am Tisch direkt vor dem Albtraum angekommen, zieht er den Stuhl beiseite und lässt sich seufzend darauf fallen. Das Zippo erklingt erneut und er nimmt einen tiefen Zug. Das hilft zwar nicht gegen das Verlangen, das Gesicht in einem weißen Pulverberg zu versenken, aber es bedient wenigstens eine der miesen Angewohnheiten.



Unter dem Tisch zieht er den rechten Schuh aus und beginnt, langsam den Fuß zu strecken, zu kreisen und die Innenseite an der linken Schuhspitze zu massieren. Lange hatte er nicht so starke Schmerzen. Warum das Knie ausgerechnet heute einen auf empfindsam macht, könnte er nur vermuten. Wenn ihm der Sinn nach analysieren stünde.
"Okay, bird,", beginnt er, den Blick an die Decke gerichtet. Angenehm neutral. "Was is das fürn schräger Deal zwischen dir und Miss Boutique?"

Ach diese kleine süße Hundedame! Es gibt einfach kein Lebewesen, welches sich so ehrlich und herzergreifend über Heimkehrende freut, wie ein Hundekind. Gerda schmunzelt, als sie bemerkt, dass 'BonBon' ihren Gast sogar fast zu einem Lächeln bringt. Am Tisch sitzend, ist er schwer damit beschäftigt, sich nicht zu übergeben '?!?' ... ob vor Körperschmerzen oder Augenkrebs, fällt ihr schwer zu deuten. Seine Bemerkung zur Tapete war eindeutig. 'Tsss... Banause'. Um sicher zu gehen, beäugt sie ihn noch ein wenig unauffällig, während sie seine Frage vorerst ignoriert und zum Kühlschrank geht. Flott stehen zwei Gläser mit Eiswürfeln und dem zugesagten Whiskey vor ihnen. Die Flasche stellt sie auf den Tisch. Sie schnappt sich den zweiten Stuhl der am anderen Ende des Tisches steht und setzt sich ihm schräg über die Ecke gegenüber. Sie prostet ihm zu und entscheidet sich dann dafür, dass Ätzthema Renovierungsdeal von ihr und Elois zu erklären. Dass sie die Wohnung im ersten Jahr günstiger bekommen, und Miss Boutique sich auch an ihren Materialkosten beteiligt hat, weil sie, Gerda, die Wohnung extrem aufgewertet hat. Durch Tapeten, Stuck, Möbel etc. Ne krasse Vermieterin, über alle Maße fair und entgegenkommend. "Und ich hatte ihr zugesagt, dass ich in meinen ersten großen Semesterferien den Flur nachholen werde, da ich es mit der Wohnung zusammen nicht geschafft hatte. Das Studium kostet mich schon viel Zeit und Energie." Beschämt nimmt sie noch zwei Schlucke. "Und mein verschobenes Versprechen hab ich nun schon zum zweiten Mal nicht gehalten.", ergänzt sie mit Blick auf ihre Hände, die sich am Glas festhalten. "Weißt du, ... Ich hab nicht so viel von mir mit her gebracht, aber mein Wort ist mit heilig." Bonnie legt ihre Schnauze auf Gerda's Bein. Streichelnd führt sie fort: "Mein Selbstwertgefühl braucht das, dass ich aus dieser Schlacht, nun... ruhmreich ist längst gegessen,", sie zieht vielsagend die Augenbrauen hoch, "sagen wir... nicht als Lügnerin herausgehe, die Freundlichkeit ausnutzt. Ich m u s s das hinkriegen." Sie leert ihren Drink, greift nach der Flasche und schaut ihn fragend an.



Die Zigarette zwischen die Lippen geklemmt, ein Auge vor dem Rauch schützend halb zugekniffen, angelt Logan nach den Eiswürfeln und hält sie sich ans Knie. Durch die Hose dringt die Kälte zuerst widerwillig an die Haut, doch nach wenigen Sekunden breitet sich eine angenehme Kühle aus.
Die freie Hand gießt Whisky ins nun leere Glas, pflückt die Kippe aus dem Gesicht und schüttet das flüssige Gold in einem Zug die Kehle herunter. Das wohlige Brennen im Hals fühlt sich angenehm vertraut an und besänftigt einen Teil des inneren Rumorens, das Logan bisher nicht bewusst wahrnahm. Brummend nickt er vor sich her, während er sich ein zweites Glas einschenken lässt. "Passiert dir das öfter? Dasse dich überschätzt?" Das Glas in der Hand schwenkend, betrachtet er die Flüssigkeit, die elegant ihre Bahnen zieht, bevor er ansetzt und die Hälfte trinkt, das Glas abstellt und einen weiteren Zug inhaliert.
Äußerlich ruhig betrachtet sie seine Selbstversorgung und hat wie beim letzten Mal die Assoziation, sich in nem Western zu befinden. Neu ist, dass sie den Drang verspürt ihn zu erschießen. Was für eine unverschämte Frage! Oder nicht? Seufzend geht sie zum Gefrierfach und holt den Eiswürfelbeutel sowie die Silikonform zum ansetzen von neuen Kühlklumpen heraus. Vom unerledigten Abwasch neben der Spüle angelt sie sich eine kleine, vorgespülte Konservendose und stellt ihm diese als Aschenbecherersatz hin.
So ist das, wenn widerliche Reflexionsfragen einen unerwartet aus der Bahn boxen. Gerda's Impuls eine Gegenfrage zu ihrer Verteidigung zu stellen, ist groß. Bonnie hat ihr unerwartetes Aufstehen genutzt, um einen Sims-Wechsel vorzunehmen. Ruhig und vorsichtig legt sie sich in die Nähe von Logans vermeintlich starkem Bein.
"Nun ja, dass kommt schon mal vor. Vielleicht nicht immer so krass?!" Nachdenklich leert sie die volle Silikonform in den Beutel mit den einsatzbereiten Eisquadraten. "Also manchmal ist der Wunsch ganz klar der Vater des Gedanken, sowie die Hoffnung, dass sich meine Skills durch das Leben und mein Tun so verbessert haben, dass ich plötzlich," sie deutet mit ihrem Gesicht und den Händen eine Explosion an, "krass was schaffe. Sowie Leute im Fernsehen oder so. Keine Ahnung." Aus dem fertigen Einsatzbeutel nimmt sie zwei Hände voll mit Eis und packt es in das herumliege Geschirrtuch, dreht sie locker ein und reicht es ihm. Seine Hoseneiswürfel landen wieder im Glas, welches er im Anschluss fix ext. Sie schenkt sich beiden nach, bevor sie zur Anrichte zurückkehrt und die Form neu mit Wasser befüllt und zusammen mit den fertigen Würfeln im Kühlfach verstaut. "Kennste das?", erkundigt sie sich wieder vor ihm sitzend, mit geschaffenen Platz für sein linkes Bein. "Notorische Selbstüberschätzung von Zeit zu Zeit?"



Fragt sie den Vollidioten, der von einem Tag auf den anderen Koks absetzt. Und das nicht zum ersten Mal. Er sollte inzwischen wissen, dass das so nicht läuft. Der Typ, der spontan auf einen anderen Kontinent flüchtet, weil er 'den Rest schon irgendwie packt'. Der Bastard muss ständig einen auf dicke Eier machen. "Nope." Logans Mundwinkel ziehen stark ins Kinn, leicht schüttelt er den Kopf. "Bin voll bodenständig und so." Mit dem Daumen schnippt er von unten gegen den Zigarettenfilter und versenkt die verglühte Asche in der bereitgestellten Dose. "Aber ich sag dir mal was. Größenwahn is das Minimum an Selbstvertrauen." Als hätte er eine weltverändernde Erkenntnis geliefert, nickt er ihr selbstgefällig zu, führt mit Daumen und Mittelfinger die Kippe zum letzten tiefen Zug an die Lippen und zerdrückt sie am Dosenrand. Den Qualm lässt er seitlich entweichen, ehe er sich im Stuhl aufrichtet, um das Bein zu strecken. Zwar wird das Knie ihn heute wohl nicht mehr ruhen lassen, doch der Schmerz beginnt, sich aus dem Fuß zurückzuziehen. "Was muss denn alles gemacht werden? Um dich nich als Lügnerin dastehen zu lassen." Eine Hand auf den Kopf des Hundes legend und sanft hinterm Ohr kraulend, ruht die andere auf dem Tisch, die Finger am Glas entlangstreichend.
Bevor Gerda ihn herzlich auslachen muss, lässt sie ihn ausreden, was ihr verflixt schwerfällt. Als er lässig den Qualm entweichen lässt, wiederholt sie prustend seine Selbsteinschätzung zur Bodenhaftung, ergänzt um ein "Okay." Mit interessiertem Funkeln in den Augen stützt sie ihren Kopf auf die aufgestützten Arme und Hände, den Drink ignorierend. "Dann bist du aus Urlaubsgründen nach Kanada gekommen und hast dich für ein entspanntes Nomadenleben in einer fahrbaren Einraumwohnung entschieden?" Abcheckend blickt sie ihn spöttisch an, bevor sie sich vom Tisch entfernt und aus ihrer Medikamentenschublade einen Blister Ibuprofen 600 herausholt, ihm zwei herausdrückt und eine Flasche Wasser dazu stellt. Als er - natürlich - vorerst schweigt, nimmt die immer wartende Krankenschwester in ihr, wieder ihren präsenten Raum ein. Beide setzen sich wieder ihrem unfreiwilligen Patienten gegenüber. "Eeerrrrmm... Was mich rettet fragtest du? Alle alten Tapeten runter, neu tapezieren, streichen. Stuckleisten anbringen, Decke streichen. Der Fußboden ist ok, da sollen nur neue Abschlussleisten ran, diese dann noch farblich anpassen," Gerda ergänzt nach einer kleinen Weile, in der sie an die Zimmerdecke blickt, um sich ihre Notizen vors innere Auge zu holen, "und neue Möbel für den Flur besorgen, für ne nette Sitzecke und eine schlichtere Garderobenlösung."



Logans Augen erwidern das spöttische Funkeln, als sich ein Mundwinkel leicht anhebt. Den Lacher hat er verdient. "Du glaubst nich, wasse an Wasserkosten sparst, wenne dich in Bartoiletten und eiskalten Seen wäscht. Ich rette die Umwelt. Bin n verdammter Held." Insgeheim dankbar für die Geste, pickt die rechte Hand die Tabletten auf, wirft sie in den Rachen und spült mit dem letzten Schluck Whiskey nach. "Wenn se im Oktober meine steifgefrorene Leiche aus dem Lake Ontario klopfen, wird man weinerliche Heldenlieder über mich singen." Eine Braue hebt sich provokativ in die Stirn, als sein Blick Gerda trifft. "Aber hey - wenigstens muss ich mich nich an wahnwitzige Renovierungspläne halten." An der Zigarettenschachtel herumfummelnd entlockt Logan der Packung die nächste Kippe, klemmt sie, wie er es immer tut, seitlich zwischen die Lippen und das Klicken des alten Zippos ertönt. "Die Alte hat recht, das weißte, innit? Isn heftiges Vorhaben." Ein tiefer Zug, während dem er seine Gedanken sortiert. Soll er? Soll er nicht? Ahotes Nicken hinter der Raubtierfreundin ignorierend erinnert er sich an die Ermahnungen. Körperliche Arbeit würde ihm gut tun. Das lenkt ab. Ein liebevoller Anflug streift seine Gesichtszüge, nur ganz flüchtig, als ihm Jake in den Sinn kommt. 'Ich kenne dich. Du kannst alles schaffen.' "Ich kann mit anpacken." Die Zigarette findet ihren Weg zum Mund, wird dann an der Dose abgetippt. "Hab Zeit und brauch was zu tun. Vorausgesetzt, du willst nich sowas dahin haben." Ein strenges Kopfrucken deutet zur Tigertapete. "Davon werden meine Spermien sauer."
Gerda muss so hart an sich halten, um Logan nicht mit einer stürmischen Umarmung vom Stuhl zu reißen und seinen Körper komplett zu zerstören. Dankbar bis auf die Knochen, strahlt sie ihn an. "Seeeeehr gerne! Und deal! Deine Schwimmerchen werden wir nicht gefährden, versprochen." Tief durchatmend holt sie Luft und ordnet an, "Aber bevor ich dich auf eine Leiter oder nur in die Nähe der Treppe lasse, müssen wir dich erstmal wieder herstellen." Gerda steht auf und strafft ihre Schultern. Dann erklärt 'Bird' dem angeschlagenen 'Baghira', wie dass aus ihrer Sicht nun abzulaufen hat. "Du pennst vorerst nicht mehr in deinen vier Wänden auf Rädern, sondern rückenfreundlich und knieschonend hier." Ihr Blick ist liebevoll streng, so wie Tanten ihre Neffen angucken, wenn es etwas gibt, was sie sich von Ihren Eltern nicht sagen lassen wollen. "Das Bett ist super, die kleine Couch auch, Camping-Kram hab ich ebenfalls. Falls dir dein Ego es verwähren sollte, länger als nötig einen komfortablen Schlafplatz anzunehmen." Herausfordernd schaut sie ihn an. "Deal?"



Mürrisch schnaufend wendet Logan sich ab und schaut aus dem Fenster. Da ist man ein Mal hilfsbereit und muss sich gleich umsorgen lassen. Es ist merkwürdig, wie diese Person ihm mit ihrer offenen Kommunikation immer wieder den Wind aus den Segeln nimmt. So weiß er, dass sie recht hat. Er sollte für jedes Angebot dankbar sein und ohne zögern zugreifen. Sein Körper hat eine Pause nötig. Dennoch missfällt ihm der Gedanke, einfach zuzustimmen. Er braucht keine edlen Taten von Hobbysamaritern.
"Sei nicht so stur." Ahotes Worte schweben, wie immer, weich und freundlich durch die Luft. "Du brauchst jede Hilfe, die du bekommen kannst."
"Das Knie is morgen wieder okay."
, knurrt Logan halb genervt, halb imponiert von Gerdas entschiedener Art.
"Und dann was? Regeln sich alle deine Probleme von selbst? Du kannst so nicht weiter machen."
"Na schön."
Logan versteckt ein tiefes Seufzen hinter dem letzten Zug der Zigarette. "Bei Dio! Aber nur solange der Kram geregelt is. Glaub mir, bird, du willst nich, dass ich hier ewig rumhäng." Vorgebeugt zerdrückt er den Filter und lässt ihn in die Dose fallen. "Und ich zahl anteilig Miete. Strom und Wasser und son Scheiß. Ich hoff, du hast zwei Zimmer. Hab nen unruhigen Schlaf."
"Morgen wieder in Ordnung? Sicher.", nickt Gerda ungläubig. "Ganz klare Sache." Der Whiskey beginnt langsam reinzuknallen. Ihren letzten Gedanken suchend, schnappt sie sich die Wasserflasche, öffnet diese und trinkt ein paar große Schlucke, bis der Gedanke wieder greifbar ist. "Im Übrigen gefällt mir dein Spruch mit dem Größenwahn, den werd' ich so weiterbenutzen." Sie schmunzelt ihn an. "Vielleicht sollte ich mir den einstechen lassen...?", überlegt sie nun laut mit sich redend und betrachtet ihre Unterarme.



Den ersten Kommentar lässt Logan unbeantwortet an sich abprallen. Soll sie es glauben oder nicht - er läuft seit seinem halben Leben mit diesem Knie durch die Welt. Er kennt das Spiel. "Lass ihn dir auf die Stirn stechen.", grummelt er stattdessen das Tattoo betreffend.
An den Kettenraucher richtet Gerda aus, "Apropros Größenwahn: Ich hab' für unser 2-Tage-Lazarett noch ne Startidee." Die PET-Flasche wird ein bisschen gequetscht, dann räuspert sie sich. "Du machst ne Badewanne zur Muskelentspannung für den Rest des Körpers und lässt die Tabletten erstmal ankommen und ihren Job machen." Nach einer weiteren Trinkpause fügt Gerda hinzu, "Zeitgleich geh ich mit Bonnie nochmal kurz raus, okay? Dann texten wir weiter. Klar soweit? Wenn du willst, kann ich dir auch frische Klamotten hochholen. Dann kann die nasse Hose trocknen. Das wäre mein Vorschlag." Sie blickt das bockige Kleinkind vor sich neutral an. "Wenn du das Kluge ausschlagen möchtest, hab ich noch ne zweite Variante für dich: Während du hier rumkrampfst, und versuchst die weinerlichen Heldenlieder über dich vorzuverfassen, gehe ich dir mit Fragen und Krankenschwesterallüren auf den Sack, bis du dich in Ohnmacht getrunken hast und wehrlos vor mir liegst." Bird macht eine drohende Schnabelschnute, "Dann schleife ich dich eigenhändig ins Bad und in die Wanne."
Ihre bestimmende Art beginnt Logan zu nerven. "Du sagst gern Leuten, wos lang geht, innit? Übertreibs nich damit, sonst kannst deinen Scheiß allein reißen." Seine schwarzen Augen bohren sich funkelnd in ihre herausfordernde Mimik, als er sich vor lehnt und beide Arme auf dem Tisch abstützt. "Lass mich ma was klarstellen, bird. Ich brauch deine Gefälligkeiten nich. Ich überleb auch da draußen. Klar is ne heiße Wanne nich zu verachten - ich würde lügen, wenns anders wär. Aber das heißt nich, dass ich mich deswegen anmachen lass. Klar soweit?! Und wenne mich ohne mein Einverständnis anpackst, setzt es was. Is mir egal, ob du ne Frau bist. Bin da für Gleichberechtigung." Etwas entspannter lehnt er sich wieder zurück und schaut aus dem Fenster.
Gerda spürt, wie sie wütend wird. 'Was bildet sich dieser kleine Miesepeter eigentlich ein? Als ob er auf sich selbst achten kann. Okay... im Überlebenssinne, bestimmt. Aber im Gesundheitssinne? Pha! Zu 200% n i c h t!' Die Wut über seine Ich-brauch-auf-gar-keinen-Fall-überhaupt-niemanden-und-gar-nichts-Arttitüde treibt ihr langsam den Jähzornsnebel in die Glieder. Sie kennt das. Als sie sich dessen bewusst wird, klatscht sie noch eine weitere Erkenntnis, fast so hart, als hätte er ihr eine verpasst. 'F u c k! Ich bin schon wieder übergriffig! Wie vor ein paar Wochen auf dem Danko Konzert!' Scheinbar hat vor Schreck ihr Körper sämtliche Arbeitsprozesse verlangsamt, ihr Puls pocht deutlicher langsamer als noch zuvor. 'Mist, verdammter! Er hat recht. Er hat einfach recht!' Als sie ihre brennende Wut runterschlucken kann, sagt sie ihm das auch. Hinzu fügt sie, "und entschuldige meine gut gemeinte Aufdringlichkeit. Tu' Kluges oder Dummes, was geht's mich an." Resigniert wirft sie ihre Hände in die Luft und steht auf. "Dennoch. Dummes und Sturheit haben für mich klare Grenzen. Da werd ich nicht meinen Schnabel halten können." Mit weniger Gift im Blick entschuldigt sie sich erneut für ihre Grenzüberschreitung.



Sie strafft ihren Rücken, so wie ihre Oma es immer gemacht hat, schenkt beide Gläser nochmal voll, schnappt sich ihres und wendet sich zum Gehen. "Dann bis gleich, bedien dich einfach, alles was da ist kannst du dir nehmen, im Kühlschrank ist auch schon fertiges Essen." Hund, Glas und Rudelsführerin entschwinden nach nebenan. Nach ein paar Schubladen- und laufenden Wassergeräuschen knallt die Eingangstür zu.


(in Zusammenarbeit mit @S.Bin. )


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18.03.2025 20:50 (zuletzt bearbeitet: 10.01.2026 19:03)
#23
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Bestseller-Schmied

Charaktere: Logan, Gerda
Ort: Gerdas Wohnung
Geschichtsstrang: Der Vogel und der Panther - Des Panthers Käfig



An die Tigertapete starrend sitzt Logan gedankenversunken am Küchentisch. Der Laptop vor ihm ist geschlossen und heruntergefahren, nachdem er einige Seiten des Auftrages erledigen konnte. Nicht genug, um den eigentlichen Tagessoll zu erfüllen, aber zu mehr ist er mit der derzeitig vernebelten Hirnmasse nicht imstande.

Nachdem er in der Wanne überraschend eingenickt war, konnte er kein Auge zu tun. Besorgt hatte er die Couch betrachtet, die sein Schlafplatz werden sollte. Vorsorglich hatte Gerda Laken, Kissen und Decken drapiert. Doch die räumlichen Umstände machten es ihm unmöglich, sich dort hinzulegen. Mit seinen nächtlichen Attacken hätte er Gerda sofort aus ihrem Tiefschlaf gerissen. Nicht nur seinem schlechten Gewissen hätte er sich stellen müssen, sondern vermutlich auch diversen Fragen und gutgemeinten Worten, die seinen Träumen den Schrecken nehmen sollten. Er kann es nicht leiden, wenn Leute so etwas tun. Als hätten sie eine Ahnung davon, wie es ist, diesen Dingen Nacht für Nacht ausgesetzt zu sein. Das erspart er sich lieber - und seiner Gastgeberin. Irgendwann wird sie die Wohnung verlassen und ihrem geliebten Studium nachgehen. Mit etwas Glück wird er sich dann mit Freddy Krüger verabreden und sich von ihm malträtieren lassen.
In einer Hand eine Tasse Kaffee haltend, ruht die andere auf dem Oberschenkel, mit einer unangesteckten Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger. Nachts, ohne Lichter, waren ihm die popkulturellen Figuren an der Wand wie Fratzen vorgekommen, die ihm verhöhnend entgegenbleckten, wie bei einem schlechten Trip. Nun, da es bereits hell wird, verlieren sie an Grauen, gewinnen dafür an Lächerlichkeit. Doch selbst die Skurrilität wird dank zunehmender Übermüdung und trüber werdenden Verfassung immer weniger greifbar. Stattdessen ziehen seine trägen Gedanken immer häufiger und vehementer zu dem arroganten Dealer, von dem er bisher seinen Stoff bezogen hatte. Die Unruhe in der Brust steigt mit jeder Stunde an, die er den Rückfall hinauszögert, und beflügelt die Gewissheit, dass er ohnehin versagen wird. Es ist reine Sturheit, die seinen Kampf gegen die Sucht in die Länge zieht. Logan weiß, dass die schlimmsten Momente noch vor ihm liegen. Allein der Ausblick, der Entzugsdepression zu verfallen, treibt ihm den kalten Schweiß auf die Stirn. Die Angst vor der Angst ist eins der schlimmste Dinge, die ein Sim in seiner eigenen Hirngrütze durchmachen kann.
Die Nervosität mit dem letzten Schluck Kaffee herunterspülend stemmt Logan sich erschöpft auf, um die Tasse abzuwaschen und zu dem restlichen Geschirr zu stellen, das er mitten in der Nacht gespült hatte.
Die Kippe im Mundwinkel eingeklemmt, fühlt sich vertrauter an, als seine eigenen Hände, die mechanisch die Bewegungen ausführen, als wären sie fremdgesteuert. Nichts, was ihm neu wäre - dennoch hinterlässt dieser Sinneseindruck jedes Mal wieder einen unangenehmen Beigeschmack. Depersonalisation nennt es die Psychologie. Ein sicheres Anzeichen für Stress.
Die fremdartigen Hände schütteln sich über der Spüle, greifen dann nach dem kleinen Handtuch, um sich zu trocknen, und zuletzt zu dem Schlüssel auf der Arbeitsfläche. Inzwischen hat Logan den Balkon entdeckt, dessen Zugang im Flur liegt. Dort angekommen, lehnt er sich mit den Unterarmen aufs Geländer und frönt der einzigen Sucht, die ihm jetzt legitim erscheint, während er versucht, Elan für die kommenden Stunden zu schöpfen. Der Zigarettenfilter landet in der Aschendose, bevor Logan wieder hinein geht und auf dem Weg die Tapeten betrachtet. Ein Finger kratzt hier und da an der Wand herum, als Logan in der Ecke Eimer stehen sieht, mit Spachteln, Wassersprühflaschen und weiteren Werkzeugen. Well, then ... Musik auf die Ohren und ran an die Arbeit.
Keine fünf Minuten später - nachdem er neuen Kaffee aufgesetzt hat - macht er sich ans Werk. Die brüllenden Riffs von Depresszió donnern ihm ins Gehör und verjagen einen großen Teil der herumwälzenden Gedanken, während sich auf dem Boden schnell grobe Fetzen der Wandverkleidung türmen. Und so registriert Logan nicht, dass sich hinter ihm die Wohnungstür öffnet.



Mit einem irre schwerem Arm greift die Halbschlafende nach dem Telefon, um die Weckermelodie in den Snooze zu tippen. Man. War. Das. Ne. Nacht. Der gestrige Tagesabschluss arbeitet noch nach, sie geht gedanklich erneut rein.
Nach ihrem Spaziergang mit Bonnie stellte sie fest, dass Logan in der Wanne eingeschlafen sein musste. Kein Geräusch aus dem Bad, aber eine verschlossene Tür. Achselzuckend trollte sie sich zurück in die Küche und bereitete den Rest vom Essen zu und verschlang eine große Portion Taccos, mit sämtlichen Lieblingsbeilagen. Die Bauchschmerzen der zu üppigen Portion gestalteten sich nahezu episch... auch der Wechsel ins Holzfäller-Flanell-Nachthemd schaffte nicht die erhoffte Linderung. Während dieser dreiviertelstündigen Prozedur erreichte sie kein Ton von nebenan. Nix. Ein bisschen gruselig war ihr das schon. Aber einen suizidalen Eindruck hatte sie von dem Tiger-Verschmäher eigentlich nicht gehabt. Wieder kam sie zu dem Schluss, dass er wohl doch so fertig und im Arsch war, wie sie dachte und nicht, wie er meinte. Jedenfalls war Birds Schlaf durch ihre Verdauungsprozesse schon allein recht unruhig und gestört. Ihr Gast hat auch Schwierigkeiten in der Nacht. Durch ihre noch nicht entspannten Sinne in Bezug auf einen weiteren Sim in ihren vier Wänden, ist das sehr greifbar zu ihr gekommen. Unruhiger Schlaf, hohe Anspannung. Leider kann sie sowas extrem wahrnehmen. Aber ansprechen wird sie das vorerst nicht, auf Fragen reagiert er ja sowieso abweisend. Erstmal an- und zueinander kommen.

Der Wecker meldet sich erneut und Bonnie, die scheinbar als Einzige einen tiefen und schnarchreichen Schlaf verbuchen kann, stubst sie, mittlerweile auf dem Bett stehend, liebevoll fordernd an. "Ja doch meine Süße! Du bist jetzt dran.", schwingt sie auf das Hundemädchen beruhigend einredend ihre Glieder aus dem Bett.
In der Küche ist klarschiff gemacht und es gibt Kaffee. Jawoll! Von ihrem neuen Projekt-Mitbewohner ist allerdings keine Spur zu sehen.
'Der wird doch nicht schon etwa... angefangen haben??? Es ist 5:30 Uhr!'
Ungläubig wirft sie sich eine Jacke über ihr Nachthemd, gießt Kaffee in den Thermosbecher und rundet das Lieblingsgetränk mit Hafermilch und Zimt-Zucker ab. Eine Minute später steht sie beschuht, mit Kaffee und Hund vor ihrer Tür und begafft erstaunt das beeindruckende Ergebnis von Baghiras Wandbelagsentfernungsprozesses. Er hat Musik auf den Ohren und sie versucht sich mit einem "Wow, Alter... wer von uns beiden ist hier 'bird'?!", in sein Wahrnehmungsfeld zu rutschen. Logan registriert ihre Anwesenheit und dreht sich zu ihnen um. Knapp erkundigt er sich, ohne Kopfhörer auf, mit einem Kopfrucken nach dem Gesagten. Gerda wiederholt den Satz und ergänzt, "Na, wer hier von uns beiden das Bird, also das e a r l y bird ist." Seine Mine ist klar, ob gute oder schlechte Scherze, alle sind hier fehl am Platz. In Ordnung. Sie bedankt sich schweigend für den gemachten Kaffee und zieht von dannen.
Als sie nach 30 Minuten zurück ist, ist der fleißige Handwerker in der Küche und sieht so richtig fertig aus. "Frühstück?", erkundigt sie sich knapp.



Die In-Ear-Kopfhörer, jetzt an der Steckdose angeschlossen, haben vor zehn Minuten ihren Dienst quittiert. Warum muss heutzutage alles, aber auch wirklich j e d e r S c h e i ß ! über drahtlose Verbindung, dafür aber mit Akku laufen?! Ohne musikalisches Gebrüll im Gehörgang prasseln Gedanken auf Logans instabiles Gemüt ein, wie saurer Starkregen. Beide Hände krallen sich an der dampfenden Kaffeetasse fest, ohne die Hitze an der Haut zu registrieren. Sein leerer Blick folgt dem aufsteigenden Dampf, als würde er darin etwas suchen. Im Geist sagt er sich immer wieder, was Jake ihm einst sagte. Ich kann alles schaffen. Es fühlt sich wie eine gottverdammte Lüge an. Er hat noch nie zu etwas getaugt. Sein ganzes Leben lang hat er immer nur versagt und nichts auf die Reihe bekommen. Warum sollte es jetzt anders sein? 'Du bist ja doch zu etwas nutze. Blanker Hohn sticht aus der Stimme tief in ihm, bereit der inneren Bestie Tür und Tor zu öffnen.
"Frühstück?"
Gerdas Stimme dringt nur widerwillig zu ihm durch. Verzögert sieht er zu ihr herüber, ein Auge nachdenklich halb zugekniffen, und lässt einen brummenden Laut entweichen. Er hat keinen Hunger.
"Du solltest etwas zu dir nehmen. Etwas Anderes als Kaffee und Zigaretten."
Seufzend wischt Logan sich mit den Fingern der rechten Hand über die Augen. Er weiß, dass sein imaginärer Nervbolzen recht hat. "Okay." Sein Nicken wirkt ausgelaugt. Wie soll er die kommenden Wochen nur überstehen? Sein Entzugsrekord liegt bei etwas über drei Wochen. So lächerlich diese Spanne klingt, kann er sich in diesem Moment nicht vorstellen, wie er es jemals geschafft hat, so lang clean zu bleiben.
Unschuldig blickend legt Bonnie ihren Kopf auf Logans Bein ab, die Ohren heben sich fordernd einen Zentimeter, als Logan zu ihr heruntersieht. Die freie Hand legt sich auf ihren Hinterkopf. Wieder fühlt er sich fremd im eigenen Körper, so dass er sein Gelenk einen Moment zu lang mustert. War es schon immer so schlank und ... sehnig?
Wie zur Probe bewegt er die Finger leicht in Bonnies Fell. Die Hand tut, was er will und dennoch ist sie nicht seine. Sonst müsste er das Haar der Hündin spüren. Doch die Weichheit ihres Fells erreicht ihn nicht. Vage Bilder wälzen sich schwerfällig in sein Gedächtnis. Busters leblose Augen starren ihn an. "Warum hast du nichts getan?"
Logans Blick schnellt zu Gerdas Gesicht. Das war nicht ihre Stimme. Warum sollte sie etwas derartiges fragen? Nein, es war ... Ja, nenn es Einbildung, du Freak. Sich räuspernd stemmt er sich auf, leert die Tasse und wendet sich zur Küchenzeile um. "Was brauchen wir?", murmelt er halblaut, in der Hoffnung, etwas zu tun zu haben, hält die Dämonen in Schach.

Gerda erinnert sich selbst daran, dass sie vorerst keine Fragen stellen will, was ihr unheimlich schwer fällt. Logan strahlt eine seltsame Ambivalenz aus. Einerseits scheint er neben sich zu stehen und doch voll konzentriert auf seinen Körper zu sein. Zeitgleich ist es, als würde etwas von seiner Seele um Hilfe und Halt suchen, sowie sich selbst... davon zu jagen?!? Es fällt ihr schwer ihn durch ihre beruflich antrainierten Raster und Filter zu betrachten. Die bis eben ruhende, innere Krankenschwester will sich vordrängen. Mit einem Ausatmer wird sie zurück an ihren Platz geschickt. Das Hundekind hat sich feinsinnig an ihn gedrückt, seinen Blick auffangend. Ein Therapiehündchen?!? Es schaut 1 zu 1 danach aus. Aber auch das süße Fellnäschen scheint ihn nich abholen zu können. 'Was hast du nur, was hält dich gefangen?' Mit Erstaunen beobachtet Gerda, wie der umgetriebene Panther den vor Hitze dampfenden schwarzen Kaffee in einem Satz hinunterstürzt. Sein Kopf ruckt zu ihr herum, fast mechanisch steht er auf und setzt sich in Bewegung.
Ihre Erinnerungen suchend, blickt Gerda kurz von ihm weg und zur Decke. "Erstmal brauchen wir aus dem Kühlschrank die Butter, vier Eier und Buttermilch." Nickend geht er auf den großen Kühlschrank, der in der Zimmerecke am Fenster steht, zu.



Bonnie bleibt hechelnd vor Stress stehen und blickt Logan nach. Gerda setzt sich ebenfalls in Bewegung und kramt das Handrührgerät, zwei Schüsseln und die trockenen Teigzutaten aus den Schränken. "Wir machen Pancakes. Wenn du lieber was herzhaftes magst, ist auch noch Nudelauflauf da." Nach kurzem Gewusel ohne eine Äußerungen seinerseits, richtet sie sich an Baghi und bittet ihn, die Eier mit 800 ml Buttermilch zu verrühren, während sie 6 Esslöffel Butter in der Pfanne zergehen lässt und 500 Gramm Mehl abwiegt. Wie in Trance rührt Logan in der Schüssel die beiden Komponenten zusammen.
Nachdenklich bedient sie ihr Smartphone, verbindet es mit der kleinen Lautsprecherbox, die ordentlich was kann und sucht bei dem digitalen Streamingdienst ihrer Wahl nach einer Playlist, die ihre liebsten Hard Rock-Interpreten ab den späten 60ern, vereint. "Mit Musik ist a l l e s besser, vielleicht hilft es ein bisschen beim Umlenken, von was auch immer dich verfolgt und beschäftigt." Genüsslich saugt sie die harten Riffs der Schwedenjungs, die ihre frühe Jugend geprägt haben, in sich auf. 80 Gramm Zucker, 2 Priesen Salz und 2 Tütchen Vanillinzuckr sowie 6 Teelöffel Backpulver landen in der zweiten Rührschüssel.

Unter normalen Umständen würde es Logan nerven, dass ihm sein Zustand scheinbar ins Gesicht geschrieben steht. Doch er hat nicht die Kraft, sich darüber zu ärgern. Stattdessen gibt er sich den Klängen der Backyard Babies hin. Die Schweden sind immer eine gute Wahl, findet er. Unzählige Male hat er die Band live gesehen, jedes einzelne Konzert war eine gelungene Show.

"I get a feeling I can make it on my own,
Like it's meant to be my kingdom and my throne.
But I can only make it a little more,
If I'd only let the fire burn out of control."


Die Worte Nicke Borgs sind wie ein Blick in den Spiegel. Ähnlich wie sein eigenes Antlitz treffen auch sie ihn mit einer Wucht des Defätismus, dem er sich nicht ergeben will - sei es aus Sturheit oder Kampfgeist. Das stumpfe Rühren der Zutaten beflügelt den inneren Widerstand. Es ist gut, sich auf simple Dinge zu konzentrieren, um alles Komplizierte aus dem Hier und Jetzt auszusperren. Vertrackte Angelegenheiten, wie beispielsweise das soziale Gefüge zwischen zwei Personen, die sich kaum kennen und trotzdem aus wirren Gründen Zeit miteinander verbringen. Die fragenden, neugierigen und besorgten Blicke seiner Gastgeberin entgehen Logan nicht. Er mag zwar ein Spinner sein, der weder Körpergefühl, noch ganz allgemein sein Leben auf die Reihe bekommt, aber seine periphere Wahrnehmung ist ausgezeichnet, wenn es darum geht, wie jemand mit oder wegen ihm agiert.
Die halbe Nacht hat er überlegt, wie offen er ihr gegenüber sein kann und sollte. Fragen dieser Art stellt er sich jedes Mal, wenn er ein neues Wohnverhältnis beginnt. Bei den Jungs hat er sich für halbwegs offene Karten entschieden - was eher mäßig gut lief. Bei den Studenten hatte er sich in Schweigen gehüllt. Was vermutlich mit seiner Abneigung Studenten gegenüber zu tun hat. Aber diese hier ist anders. Sie ist in keiner Weise oberflächlich. Stattdessen scheint sie die besonders hartnäckige Angewohnheit zu haben, immer und überall zwischen den Zeilen zu lesen.
Mit so etwas ist Logan nicht besonders vertraut. Und obwohl er es mag, wenn sich jemand bemüht, auch mal hinter die Kulissen zu schauen, anstatt nur zu urteilen, wird ihm klar, dass ihm diese Transparenz nicht gefällt. Es ist, als ob sie in ihn hinein und all den schmierigen, kaputten und staubigen Dreck sehen würde, der anderen verborgen bleibt. Die Zerstörung seines Ichs, die ihr mehr und mehr Aufschluss darüber gibt, wer er ist, wer er hätte sein können, wenn man ihn nicht in diesen Käfig gezwängt hätte, aus dem er einfach nicht heraus kommt. Und ständig hinterfragt sie, was ihn zu dem gemacht hat, was sie sieht. Er spürt es. Es sticht ihr aus diesen großen, offenen und fordernden Augen. Doch je mehr sie erfährt, je mehr sie weiß - oder auch nur zu wissen glaubt, desto realer und greifbarer werden die Dinge, die er zu vergessen versucht. Das ist es. Was ihn stört. Was dieses unwohle Gefühl auslöst, obwohl sie ihm grundsympatisch ist. Sie ist ... eine gottverdammte Therapie auf zwei Beinen. Bei dieser Erkenntnis stoppt die Bewegung seiner Hand. Er wagt es nicht, sie anzusehen. Ihrem Blick könnte er jetzt nicht standhalten. Selbst vor ihren Worten fürchtet er sich. Und trotzdem muss er fragen. Leise seufzt er tief, bevor sich seine Stimme weniger entschlossen, als beabsichtigt, über die Musik legt: "Sag mal,", er schluckt trocken, "was weißt du über mich?" Ihr verwunderter Blick trifft ihn nicht überraschend. Erklärend setzt er nach: "Ich ... habs nich so mitm Gedächtnis. Is sone ... Psychosache." Die Schüssel vor ihr abstellend deutet ein Finger kreisende Bewegungen neben der Schläfe an, um der Aussage den viel zu konsequenten Ernst zu nehmen.



Seine Frage schlägt ein wie ein Gongschlag, leider kann Gerda ihre Verdutztheit nicht kaschieren. "Huh!", entfleucht es ihr ungewollt anerkennend, seine kreisende Bewegung benickend. Peinlich berührt kneift sie die Augen zusammen und entschuldigt sich mit einem kurzen Kopfschütteln, "Sorry Ich wollte dich da so jetzt nicht bestätigen. Ich bin nur so richtig, richtig überrascht von deiner Frage und weiß nicht so genau, wie tiefgehend ich sie beantworten soll, du siehst ziemlich erschöpft aus. Und ich kann mich nicht gut kurzfassen. Gib mir mal nen Moment, ich muss mich erstmal sortieren." Verlegenheitslächelnd hängt sie noch an, "Dachte, du wolltest nach weiteren Zutaten fragen." Gerda versucht sich zu konzentrieren. Im Leben hätte sie nicht damit gerechnet, dass Baghi eine Art Teiloffenbarung raushaut.
Wieviel kann sie jetzt a) greifen und b) ihm zukommen lassen? Allein seine Frage zu stellen, hat ihm die vorletzte Energie abgezogen. Soll sie alles, alles raushauen? Überbrückend stellt sie die Musik etwas leiser.
"Moment. Ich hole noch was zum notieren. Dann hab ich einen Gesprächsleitfaden und falls du willst, kann es später deine Erinnerungsstütze sein." Zwei DIN A4 Blätter und ein Kugelschreiber nehmen den Platz von den beiden Schüsseln ein. In die Mitte des ersten Blattes schreibt Bird seinen Namen. Pfeile werden mit nummerierten Themenpunkten verbunden, alle kreisen planetenartig um seinen Namen, durch die Pfeile sieht das Bildnis zum Schluss aus wie eine skurrile Sonne.

Irritiert ziehen Logans Brauen tief ins Gesicht. Was zum Henker tut sie denn da? Gesprächsleitfaden?
Wie eine Irre bekritzelt sie das Papier mit Großbuchstaben. 'Verschleierung von Name?' Das ist nicht seine Schuld. Er hat keine Ahnung, wie die Tante auf Corey kam. 'Ablehnung von Berührung...' Fassungslos wandert sein Blick von ihrer energischen Hand hinauf in ihr Gesicht. Als hätte sie nur auf diesen Auftrag gewartet, haut sie einen Punkt nach dem nächsten aufs Blatt. Die Alte hat sie ja nicht mehr alle.
Die Brauen nehmen ihren Weg in die Stirn, begleitet von einem gemurmelten "Okay...", als er sich abwendet, um erstmal auf dem Balkon eine rauchen zu gehen. Er muss da irgendeinen Knopf gedrückt haben. Sie kann sich nicht kurz fassen, sagt sie. Die Untertreibung der Existenzgeschichte. Ohne ein weiteres Wort verlässt er die Wohnung. Soll sie mal machen. Scheinbar braucht sie solche Ausbrüche. Und er dachte, er sei ein Freak.

1.) VERSCHLEIERUNG von NAME/ IDENTITÄT
2.) ABLEHNUNG von BERÜHRUNGEN/ NÄHE
3.) SELBSTWAHRNEHMUNGSSTÖRUNG bzw. geringer SELBSTWERT
4.) INNERE GETRIEBENHEIT
5.) ÄNGSTE
6.) BETÄUBUNG/ VERDRÄNGUNG
7.) FLUCHTREFLEXE (Auto=Wohnung)
8.) MISSTRAUEN/ UNABHÄNGIGKEIT
9.) TRIGGER?
10.) APPARTHEIT/ TRANCE/ GEFANGENSCHAFT/ FLASHBACKS
11.) GEWALT-/ KAMPFERFAHREN
12.) MISSHANDLUNGEN in der Kindheit/ Jugend
13.) BINDUNGSSTÖRUNG
14.) MUSIKER/ KÜNSTLER
15.) LYNCHFAN
16.) VATERSCHAFT?
17.) LOYALER GEFÄHRTE/ FREUND
18.) HUMORVOLL
19.) HUNDE/ TIERE OK
20.) AUTHENTIZITÄT
21.) DIREKT, EHRLICH
22.) STURHEIT /ENGSTIRNIG

Mit einem tiefen Seufzer reibt Gerda sich ihren Nacken. Ein langer Blick geht zu Logan, ruhig und fest. Dann nimmt sie das zweite Blatt und notiert die Essenzen, die ihr in Bezug auf sie selbst, sie beide aufgefallen sind. In der Mitte dieser Map steht BAGHI <-> BIRD.

1.) Allgemein: Ambivatentes Verhalten
2.) Blickkontakt manchmal nicht möglich, manchmal sehr fordernd und suchend
3.) Angst vor (geistiger) Nähe
3.) Anfassen lassen ungern bis gar nicht
Dennoch:
4.) Ab- Herausholen lassen über Handauflegen möglich/ positives reagieren auf meine Stimme/ Person in schwierigen, psychischen Situationen (Flashbacks, innere Gefangenheit)
7.) Ungefilterter Umgang, klare Ansagen

'So. Gerdalotta... Nun noch die letzten, sehr positiven
Punkte. Aber wie benennen ich sie?'
Sie horcht in sich rein, bevor sie notiert:

EIGENSCHAFTEN = VERBINDUNGEN, VIBES

1.) Vertraut & Sicherheitsgefühl
2.) Hilfsbereitschaft / Rettung (im Club)
3.) Sarkasmus-, Humor-, & Musikwelle passt
4.) Ehrenkodex
5.) HoheToleranz & Zugewandheit
6.) toller Energieaustausch (geistig & körperlich)



Auf dem Balkon angekommen, wird er von angenehmer Frühlingsluft empfangen. Das Zippo schenkt ihm das vertraute Klicken und landet kurz darauf in der Zigarettenschachtel. Nachdenklich stützt Logan beide Arme auf die Brüstung und schaut in die Nachbarschaft herunter. Es ist noch früh am Morgen, trotzdem sind schon Leute aller Altersgruppen auf den Beinen. Sein Blick schweift zwischen den Geschäftigen hin und her, doch seine Gedanken hängen bei Gerda in der Küche. Es ist merkwürdig, hier zu stehen, sich selbst Entspannung vorgaukelnd, während nur eine Tür weiter jemand ein Essay über ihn verfasst. Was hätte sie getan, wenn sie unterwegs gewesen wären? Hätte sie dann irgendwo Zettel und Stift gestohlen? Macht sie immer so einen Aufriss? 'Zu ehrgeizig.', erinnert er sich an ihre Worte über das Beziehungsende. Vielleicht hat sie die Schwierigkeiten mit dem Dozenten nicht, weil sie aus Deutschland kommt. Möglicherweise hat der Typ Schiss vor ihrer ... allumfassenden Art. Das wäre nachvollziehbar. Die Kleine ist alles andere als Durchschnitt. Was studiert sie eigentlich? Irgendwas Soziales, da würde Logan jede Wette eingehen. Psychologie vielleicht. Würde ihre Lesefähigkeit erklären.
Seufzend zerdrückt er den Filter in der Dose. Zurück in die Küche zu gehen, lässt ein mulmiges Gefühl in ihm aufsteigen. Will er wirklich wissen, was sie alles zusammengetragen hat? Ein Teil in ihm brennt vor besorgter Neugierde. Ein anderer würde sich am liebsten in den Chevy setzen, einfach abhauen und nie wiederkehren. So wie er es mit Billie getan hat. 'Immer wenn es schwierig wird, verpisst du dich.' Das kann er nicht abstreiten. Aber dieses Mal wird er zu seinem Wort stehen. Er wird die Aufgabe beenden - komme, was wolle.
Alle Befürchtungen herunterwürgend geht er zurück in die Wohnung - und traut seinen Augen nicht. Gerda schreibt immer noch!? Was zum Fick! Ratlos setzt er sich an den Tisch - und wartet.

Schnaufend lässt sie den Stift fallen. "Das wäre meine grobe Zusammenfassung aus den zwei Konzertabenden von Danko und PJ, sowie unserer gestrigen Zeit." Räuspernd dreht sie sich so von ihm weg, dass er sie nicht anschauen muss. "Möchtest du jetzt gleich noch was konkret aufgeschlüsselt bekommen, oder reicht das erstmal, du lässt es sacken und wir machen Pancakes? Mit was im Magen quatscht es sich auch besser." Bird reckt zur Bekräftigung beide Daumen nach oben. "Auf jeden Fall werde ich dir die Verbindungen und Schlüsse die ich anhand von Situationen gezogen habe, erläutern. Denke nur, dass das jetzt den Rahmen sprengen würde. Ich kann mich nicht gut kurzfassen, is dir vielleicht schon aufgefallen." Auf die Unterlippe beißend zieht sie die Brauen hoch und beginnt langsam, in ihrem Zutatensammelbehälter die pulvrigen Komponenten zu vermischen.

Also doch das Danko Konzert. Er erinnert sich daran, dort gewesen zu sein. Doch was mit wem in dem Club geschah, liegt zum größte Teil im Dunkeln.
Beide Zettel vor sich, hat Logan Mühe, zu begreifen, was hier geschieht. Was stimmt denn nicht mit der Frau?! Dass sie zumindest gründlich ist, muss er ihr lassen.
Stumm nimmt er das erste Blatt zwischen die Finger. Die ersten beiden Punkte kennt er bereits. 'Selbstwahrnehmungsstörungen.' Damit meint sie unter Garantie seine Dissoziationen. Die sind mitunter schwer zu verbergen. Ungewöhnlich ist allerdings, dass sie diese von außen betrachtet als solche erkennt.
Flashbacks? Logan stutzt. Wann hatte er in ihrer Gegenwart so einen Absturz?
Misshan- Fuck! Zwei Sekunden stockt ihm der Atem. Woher ...?! Das kann sie nicht wissen! Hat er im Suff irgendwas erzählt? Hat er seinen Erziehungsmethodenspruch gebracht?
"Du musst dich beruhigen." An seiner Seite geht Ahote in die Knie. "Dir wird nichts geschehen, nur weil sie einige Zusammenhänge erkennt."
Der Imaginäre hat Recht. Viele Kids werden zu Hause verdroschen. Das heißt nicht, dass sie irgendetwas Konkretes weiß.
"Und wenn schon. Was wäre schlimm daran?"
"Das is doch n scheiß Witz."
, entfährt es Logan ungehalten. Kaum aus ihm herausgepoltert, presst er die Lippen aufeinander. Beherrsch dich, Freak. Sonst kommt da gleich noch n Punkt in die Akte. "Woher haste den ganzen Mist? Haste im DND rumgeschnüffelt?"
Departement of National Defence, quasi das Pentagon Kanadas




Logans letzte Fragen holen Gerda aus ihren Gedanken, die beim Vermischen beider Schüsselinhalte schon in Richtung Gesprächsreise losgesegelt sind. "Hä? Wo geschnüffelt...?!", fragt sie verwirrt. Sie hält kurz inne und zoomt von seinem Gesamtbild mit den Zetteln in sein fassungslos Gesicht. "... Ich habe nirgends geschnüffelt, an irgendetwas gekratzt oder dich irgendwie im Delirium ausgequetscht.", versucht sie ruhig zu vermitteln. "Ich kann nachempfinden, dass es furchtbar sein muss, wenn man sich an gar nichts erinnern kann und dann eine Art Tiefenanalyse vorgeknallt bekommt. Mit hartem Scheiß." Mit nahezu verlegenen Worten erklärt sie ihm, "Ich habe dich erlebt und mich mit dir unterhalten. Und weil ich dich sympathisch finde, unsere gemeinsame Zeit und der Austausch immer herrlich bissig sowie mega war, hab ich entsprechend auch schon einige Male über dich nachgedacht."
Der Teig ist mittlerweile mehr als gut verrührt, Gerda legt alles aus den Händen und setzt sich ihm gegenüber. Nicht zu nah, nur erreichbar. "Generell bin ich ziemlich verpeilt, oft drüber, habe ein Problem gewisse Grenzen zu akzeptieren und kein gutes Gespür für Relationen.", setzt sie erklärend mit Blick auf die Zettel, die nun vor ihm liegen, hinzu. "Aber wenn es jemandem nicht gut geht, kann ich das überdurchschnittlich gut wahrnehmen und dann geh ich halt ran an den Speck." Entschuldigend hebt sie die Hände und atmet tief ein und aus, bevor sie hinzufügt, "So war es auch auf dem Danko Konzert, so sind wir unter anderem mit Ashbo in Kontakt gekommen." Bei der Erinnerung an den Abend die noch da ist, wird sie rot. Mit einem Stimme klärenden Räuspern, versucht sie, den Danko-Abend mit den Erinnerungen aufzufüllen, die sie hat. Und weil es sich logisch anbietet, hängt sie den Rettungseinsatz seinerseits im Club, vom Pleasent Journey-Konzert mit dran, um das zu beschreiben, was sie als Flashback empfunden hat.

Zuerst fordernd, beinahe verbissen, bohrt sich Logans Blick in Gerdas Gestalt, als sie zu erklären beginnt. Klar hat sie über ihn nachgedacht. Das tun sie alle. Selten auf eine Weise, die ihm schmeicheln könnte.
Sein Blick wird versöhnlicher, während sie spricht, bis die Erwähnung Dankos schließlich die visuelle Verbindung von ihr löst und irgendwo vor sich ins Leere treibt. Aufmerksam lauschend verarbeitet sein Verstand die Worte, ordnet sie den eigenen, äußerst vagen Erinnerungsfragmenten zu und glaubt, irgendwo so etwas wie einen Sinn dahinter zu erkennen. Er erinnert sich daran, auf dem Konzert angekommen zu sein. Er hatte etwas getrunken, dann hat das Gerede vom Pulver ein Gefühl von Anstrengung ausgelöst. Er wollte ... Die Erinnerung verschwindet im Nebel, bis hin zu einem komplettem Blackout. Sie habe ihn kauernd an der Wand gesehen, sagt sie. Habe ihm ein Glas Wasser angeboten. Nichts davon lässt sich in seinem Inneren finden. Lediglich undeutliche Bilder von gesichtslosen Figuren im lauten Gedränge. Eine ausladende Halskette auf dunkler Haut, eine Wkingerfrisur und ... Das Kläffen eines Hackenbeißers? Verwirrt schieben sich die Brauen tief in Logans Gesicht. Wie passt so ein Köter da rein? Das muss falsch sein. Eine Halluzination vielleicht. Den Gedanken abschüttelnd spult er vor zum zweiten Konzert. Dieser Typ, der ihren Korb nicht annehmen wollte - sein Aussehen ist nicht gespeichert. Aber an die aufsteigende Wut erinnert Logan sich. Der Kerl hatte ihn unterschätzt. Gedächtnislücke. Der Wichser krümmt sich am Boden. Lücke. Gerdas Gesicht. Und ein tiefes Gefühl von ... Niederlage? Selbstverachtung? Lücke. Dann ist er draußen. Mit ihr unterwegs. Sie reden über Filme, Lynch, Eraserhead. Und Disney? Okay, whatever.
Logan seufzt. Das ist ätzend. Schnaufend schüttelt er den Kopf. "Kann mich nich erinnern." Seine Aufmerksamkeit streift die Zettel, von denen das Wort 'Trigger?' ihm entgegenspringt. "Alles, was Stress auslöst, zerschießt mir das Hirn."



Eine recht ungenaue Beschreibung. Die richtigen Worte wollen sich nicht finden lassen, also beschließt er, ein Beispiel zu nennen. "Ich weiß nie, wie oder wann ich jemanden kennengelernt hab. Bestenfalls is da ... n Gefühl oder ... n Bild. Wie n Foto oder so." Konzentriert darauf, seine ganz eigene Wahrnehmung zu beschreiben, wandern seine Brauen immer wieder auf und ab, formen eine nachdenkliche Mine, während er sich langsam durch die Sätze tastet. "Aber ich kann immer nur ne Sekunde drauf kucken. Und oft stimmt das Bild auch nich. Dann sind da Leute vertauscht oder die Gesichter sind nich zu sehen. Oder ich seh mich selbst irgendwo rumstehen, wo ich nich gewesen sein kann." Kopfschüttelnd seufzt er, als würde er die Gedanken abschütteln und neu ausrichten wollen. "Dissoziative Amnesie." Überraschend sachlich nennt er den Fachbegriff und steht entschlossen auf, um einen weiteren Kaffee zu nehmen. "Ziemlich nervig ehrlich gesagt." Ohne nachzufragen füllt er ihren bereits benutzten To-Go-Becher mit dampfender Flüssigkeit und stellt ihn vor ihr ab. "Wasn mit deinem Bäckerstand?" Ein Nicken deutet auf die wartende Schüssel.
Dankbar nickt sie ihm zu: für den Kaffee, seine Offenheit, seine Erläuterungen. Anhand der gut greifbaren Beispiele klicken ein paar Puzzleteile ineinander. Gerda nickt langsam und sachlich, "Wow. Ja, dass glaub' ich dir. Danke für dein Zutrauen." Sie steht auf und geht zu Herd, schaltet ihn an und stellt eine Pfanne auf das kleinste Induktionsfeld. Schnell schmilzt etwas Butter, während sie sich ihm zuwendet und vorsichtig feststellt, "Das ist schon ziemlich krass. Klingt irre anstrengend und isolierend!" Eine Schöpfkelle wird aus der Sammelschublade für große Küchenhelfer genommen und in den Teig getaucht. Den Blick kurz auf Kelle, Schüssel und Pfanne gerichtet, findet ein großzügiger Klecks seinen Weg ins heiße Fett. Der Duft zaubert einen wohligen Geruch ins Zimmer. Ihr Blick sucht den seinen erneut. "Darf ich wissen, seit wann du das hast?"

Schnaufend ziehen Logans Brauen in die Stirn, nur um anschließend tief ins Gesicht zu fallen und die Augen nachdenklich zu verengen. Eine gute Frage. Schwer zu beantworten. Woher weiß man, seit wann man Dinge nicht mehr weiß? Es war nicht immer so. Er kann sich daran erinnern, Jake kennengelernt zu haben. Und Natalie? In seinem Gedächtnis kramend sucht er nach der ersten Begegnung mit Monicas Schwester. Doch von dieser Zeit liegt generell Vieles im Dunkeln. "Keine Ahnung.", murmelt er nach einem Moment. "Vielleicht ...", seufzend kratzt er sich an der Stirn, "irgendwas zwischen ... zwölf und fünfzehn Jahre?"

Während Baghi von Minute zu Minute etwas ruhiger wird und sich mehr auf das Erzählen einlässt, beruhigt sich auch Gerdas Pulsschlag. 'Nun reden wir also. Das ist gut. Hoffentlich gehe ich nicht wieder zu weit. Scheiße!!! Ich habe 1.000 Fragen.' Bird trinkt drei große Schlucke Kaffee und wendet den ersten Pancake, im Anschluss reibt sie sich kräftig mit beiden Händen das Gesicht. Es entfleucht ihr etwas lauter und schneller als gewollt ein "Alter! Das ist so ungefähr dein halbes Leben lang schon so?", verstörend beeindruckt nickt Gerda leicht vor sich her, gefolgt von einem "Puuuuuhhhhpuhpuh.", bei dem ihr zeitgleich ein paar Luftstöße über die Lippen kommen. Sie weiß, dass sie ihr Gesicht nicht mehr ganz unter Kontrolle hat, dennoch muss sie gleich hinterhersetzen, "Ist für dich greifbar, was oder wer der Auslöser war? Eine Gewalterfahrung oder Misshandlungen die du erfahren hast oder in die du hineingezogen wurdest?"



Schlagartig verfinstert sich Logans Mine. Ein schwarzer Vorhang aus brutaler Verachtung legt seine Schatten über ihn. Von irgendwoher erklingen Knack- und Schmatzgeräusche. Im Nacken spürt er deutlich den festen Griff, während verschiedenste Bilder längst vergangener Szenen auf ihn einprasseln.

Steinerne Treppenstufen.
'Ich hasse dich.'
Zerbrechendes Glas.
'Ich hab dich nie gewollt.'
Eine mächtige Silhouette im Türrahmen.
'Du bist ja doch zu was nutze.'
Ihre glasigen, leblosen Augen.
'Du siehst aus, wie er.'
Ein gebeugter Schatten bewegt sich im Rhythmus auf und ab, wie in einem abstrakten Tanz.
'Beweg dich nicht.'

Logans Brust hebt und senkt sich schwerfällig. Um die Kontrolle kämpfend blinzelt er ein, zwei Mal langsam. Unter dem Bart pressen die Kiefer aufeinander, so dass die arbeitenden Sehnen bedrohlich durchschimmern. Ahotes Hand auf seinem Brustbein kühlt das Gemüt, während sein ruhegebender Blick ihn aufbauend fixiert.
"Sag dus mir.", antwortet Logan endlich. "Das is Punkt zwölf auf deiner Liste, innit?" Der britische Akzent ist nun kaum zu überhören. "Ich wette, darüber haste dir auch Gedanken gemacht."



Sein Antlitz überrascht Gerda nicht. 'Definitiv zu weit, aber ich rudere nicht zurück, dafür ist es zu spät.' Die Mosaiksteine fallen zu einem Bild zusammen, als wäre spontaner Magnetismus entstanden, welcher alle Steinchen folgerichtig zusammenzieht. Ob das Bild das sich ihr präsentiert richtig ist, wird sie wohl gleich erfahren. Ruhig stellt sie den Herd aus, zieht sich die ihr am nächsten stehende Sitzgelegenheit zu sich ran und setzt sich langsam, die Füße locker auf der Mittelstrebe der Stuhlbeine ab. Gerda drückt ihren Rücken durch, legt ihre Hände entspannt zwischen ihre Oberschenkel. Nur der Rücken ist mit Spannung gehalten, der Rest ihres Körpers strahlt eine defensive Ruhe aus und ohne Druck aufzubauen, holt sie Logans Blick ein. Als sein bebendes Atmen eine Winzigkeit flacher wird, beginnt sie zustimmend zu nicken. "Ja, Punkt 12 und ja, hab ich." Ablenkende Übelkeit steigt in ihr auf. So ein Gespräch hatte sie noch nie mit einem Erwachsenen. Wenn er detoniert, wird sie ihn nicht aufhalten können, egal welchen Move er machen wird. Rückversichernd horcht sie in sich rein, bevor sie mit dem Sprechen beginnt. Sie hat keine Angst vor ihm. Das ist gut.
"Höchstwahrscheinlich bist du schwere Misshandlungen physischer und psychischer Natur, sowie Vernachlässigung als krassen Gegensatz von deinem Elternhaus gewohnt gewesen." In seinen nun tiefschwarz Augen flackert es gefährlich auf. "Dein Wunsch dort raus zu kommen hat deine innere Stärke beflügelt und irgendwann begonnen, als Überlebens- und Abkapselungsstrategie in die dissoziative Amnesie zu gehen."



Vollkommen überfordert starrt Logan sie zuerst an, dann durch sie hindurch. Sein Gesicht wird bleich, kalter Schweiß tritt ihm aus allen Poren und für Sekunden ist er nicht in der Lage, sich zu rühren. Wie zum Teufel ... Fieberhaft versucht sein Verstand die Situation zu erfassen, doch hinter seiner Stirn ist nichts als lähmende Leere. Noch nie hat eine fremde Person ihn dermaßen treffend durchleuchtet.
Ohne daran gehindert zu werden, bricht die Bestie aus ihrem Käfig und schlägt genüsslich ihre Krallen in seine Organe. Unter dumpfem Schmerz reißt sie sein Herz in Stücke, so dass Logans Kopf mit einem hohlen Ausatmen zwischen den Schultern tiefer sinkt. Drückender Schwindel überkommt ihn, strauchelnd macht er einen Schritt rückwärts, wo er von der Küchenzeile aufgefangen wird, ohne den Kontakt zu registrieren. Die Welt um ihn herum ist dunkel. Umgeben von kalten Mauern aus Stein, die Luft schwer und abgestanden lässt sich kaum atmen, als er bemerkt, dass die Wände von allen Seiten auf ihn zukommen. Ohne den Blick auf irgendetwas zu fokussieren, stolpert er von etwas Unsichtbarem getrieben einige Schritte vorwärts. Sein Instinkt ist es, der ihn antreibt - raus. Einfach nur raus. Weg von hier. Sofort. Unsicheren Schrittes taumelt er durch den schmalen Eingangsflur, öffnet die Tür und schleicht wankend hinaus.


(in Zusammenarbeit mit @S.Bin. )


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20.03.2025 17:53 (zuletzt bearbeitet: 10.01.2026 19:04)
#24
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Charaktere: Logan
Ort: Lake Ontario
Geschichtsstrang: Der Vogel und der Panther - Erlösung I



You just can't change, no matter how you try
Lie of love, I am denied
Saw it coming, didn't step aside

No one to blame the day I was born
Was a crying shame yeah, yeah, done wrong
NO SALVATION yeah, yeah, done wrong
I always tried to keep my head up high
When no-one listens there's no need to cry
I always tried to keep my head
Just can't change, no matter how you try
The lie of love, I am denied
Saw it coming, didn't step aside
No one to blame, the day I was born
Was a crying shame





Im Laufe des Tages war die Sonne einer hellgrauen Wolkendecke gewichen. Die zarte Frühlingswärme blieb, aber die Strahlen sind nun kaum noch wahrzunehmen. Es riecht nach Regen. Eine süßliche Schwere braut sich zusammen. Leichter Wind zieht auf und treibt immer dunklere Wolken über die Landschaft.
Bis vor Kurzem waren die Gebäude am anderen Ufer gut zu erkennen. Doch jetzt ist der Blick getrübt und nur einzelne markante Details schimmern durch die diesige Nachmittagsluft.

Logan hat keine Ahnung, wie er herkam. Etwas hatte ihn aufgewühlt. Wieder einmal. Das Brennen seiner Füße lässt ihn vermuten, dass er lange gelaufen sein muss, bevor er sich auf eine der Bänke an den See setzte.
Den Kopf in den Nacken gelegt, wartet er darauf, dass die ersten zaghaften Tropfen sein Gesicht berühren.
Nur der Bruchteil einer Sekunde - kaum wahrzunehmen - So flüchtig und klein. Ein winziger Punkt auf der Wange. Weniger als einen Atemzug später - der zweite auf der Stirn. Der dritte folgt gleich danach. Und schließlich bricht ein gleichmäßiger Regen über das Gebiet aus. Unzählige Tropfen zerspringen bei dem Aufprall auf der Erde oder dem Wasser des Sees - wie ein gigantisches Orchester formen sie eine einzigartige Melodie, die harmonischer nicht sein könnte. Ein leises Donnergrollen mischt sich in das Rauschen. Es ist zu weit entfernt, als dass es Logan aus der Haltung locken würde. So sitzt er eine ganze Weile im Schneidersitz da, mit geschlossenen Augen, und nimmt seine Umwelt in sich auf.
Die Zeit vergeht.
Ohne hinsehen zu müssen, weiß er, dass Ahote sich zu ihm gesellt. Seine Präsenz strahlt durch die Luft, wie das geräuschlose Knistern zwischen zwei Sims, wenn sie sich näher kommen.



Eine Weile sitzen sie schweigend nebeneinander, bis sich Logans Stimme nur leicht von den Geräuschen der Soundkulisse um sie herum abhebt: "Was isn passiert?"
"Konfrontation."

"Mhh.." Logan nickt bedächtig, als würde dieses eine Wort alles erklären. In seinem Kopf schieben sich träge Gedanken aneinander vorbei, so dass kurze Funken aufblitzen, als sie einander streifen, und nichts als ein schweres Gefühl zurücklassen. Leere. Schuld. Einsamkeit. Ohne sich genau erinnern zu können, weiß er - er hat alles falsch gemacht. In England, in Deutschland, in Myshuno und Evergreen und ganz bestimmt auch hier. Ewig auf der Suche nach sich selbst, nach Erfüllung und Anerkennung. Nach jemandem, der ihn annimmt und aushält. Der mit seinen Launen zurechtkommt und nicht an ihm zerbricht.
'Vielleicht entscheiden andere Sims sich auch selbst dafür, sich kaputt machen zu lassen?'
Das ist Blödsinn. Niemand entscheidet sich freiwillig für Selbstzerstörung. Man wird dazu getrieben. Aus Sympathie, Mitgefühl, Pflichtbewusstsein. Oder ... aus Sehnsucht. Das verzweifelte Verlangen, gesehen, vielleicht sogar gemocht zu werden.
'Jeder Sim hat einen Wert.'
'Ich hätte dich aus meinem Bauch schneiden sollen.'
'Ist für dich greifbar, was oder wer der Auslöser war?'
Logan seufzt tief. Bruchstücke des Morgens rieseln in sein Gedächtnis. Er wollte Klarheit. Gerda gab sie ihm - und er hielt es nicht aus. Erbärmlich.
'Dir wird nichts geschehen, nur weil sie einige Zusammenhänge erkennt.'
"Einige Zusammenhänge." Verachtend schnaubt er. Kleine Regentropfen stieben von seiner Oberlippe. "Die Alte ist ne Hexe. Is unter Garantie irgendein Okkult."
"Es spielt keine Rolle, was sie ist. Sie sieht dich. Das ist es, was dir Angst macht."
Schweigend sieht Logan Ahote an. Während er selbst die Nässe inzwischen durch die Kleidung hindurch spürt, scheint der Regen seinen Gefährten nicht zu berühren.



"Es ist Zeit.", lächelt das Wesen und steht auf.
Logans Blick folgt der Gestalt, als sie sich langsam schwebend Richtung See entfernt. "Wofür?"
Freundlich sieht Ahote zu ihm herunter. "Du hast viele Jahre damit verbracht zu leugnen, wer du bist. Nun ist es Zeit, zu dir zu finden. Hör auf, zu verdrängen. Fange an, zu verarbeiten." Seinem Schützling den Rücken zuwendend breitet er, auf den See deutend, die Arme aus. "So wie der Regen ein Teil des Sees wird, so sind deine Erlebnisse ein Teil von dir. Lerne, dich als Ganzes anzunehmen." Wieder zurückkehrend fängt er Logans Blick auf, sein Lächeln ist ungebrochen. "Deine Existenz ist weder deine Schuld, noch eine Schande. Du solltest zurück gehen und dich dem stellen, was sie dir bietet. Betrachte sie nicht als Gefahr. Sondern als eine Chance." Mit einem letzten wärmenden Lächeln löst sich seine Gestalt auf, bis Logan nur noch das leicht perlende Wasser vor sich sieht. Der transparente Penner hat gut reden. Der kann sich jederzeit dünne machen. Wo ist er, wenn es richtig zur Sache geht? Anstatt immer erst nach dem Chaos zu erscheinen und Schadensbegrenzung zu betreiben, könnte er mal versuchen, den Supergau zu verhindern. Wozu hat man sonst ein imaginäres Anhängsel? Bis heute hat Logan nicht verstanden, warum diese unwirkliche Figur in sein Leben getreten ist. Warum nur phasenweise und nicht permanent? Wovon wird seine Erscheinung ausgelöst und warum sieht es aus, als wäre es auf Weed gegen eine Mauer gerannt? Wenn es seiner eigenen Fantasie entspringt, warum sieht es dann nicht realer aus? Und warum kam es erst zu ihm, als alles längst zu spät war? Fragen, mit denen Logan längst gewohnt ist, zu leben.


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28.03.2025 22:32 (zuletzt bearbeitet: 10.01.2026 19:05)
#25
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Charaktere: Logan, Gerda
Ort: Gerdas Wohnung
Geschichtsstrang: Der Vogel und der Panther - Dämonen haben viele Gesichter



Als Logan die Wohnung betritt, sind weder Zwei- noch Vierbeiner anwesend. Vermutlich drehen die beiden gerade eine Runde, denkt er sich und öffnet den Kühlschrank. Er weiß nicht, wie lange er unterwegs war, doch bisher hatte er noch nicht die Gelegenheit, etwas zu essen. Mit den Fingern pflückt er einen Pancake vom Stapel, rollt ihn zusammen und nimmt einen kräftigen Bissen. Anerkennend ziehen die Brauen in die Stirn. Gar nicht übel. Gegen die Arbeitsplatte gelehnt verschwindet ein Bissen nach dem anderen hinter seinen Lippen, als sein Blick auf einen kleinen Zettel auf dem Tisch fällt. Eine Notiz seiner Gastgeberin, mit der sie ihn wissen lässt, dass er bis zum Abend allein sein wird. Registrierend nickt er. Dann hat sie den Hund vermutlich mitgenommen. Hätte nich gedacht, dass sowas geht. Der letzte Happen des Pancakes ist vertilgt und Logan verschwindet im Wohnzimmer, um sich trockene Kleidung anzuziehen. Sein Blick fällt missmutig auf die Couch. Wenigstens zwei Stunden Schlaf wären durchaus verlockend, aber mit der Zimmertür im Rücken wird er dort niemals Ruhe finden. Zwar weiß er, dass die Wahrscheinlichkeit, hier überrascht und überfallen zu werden, verschwindend gering ist, dennoch haftet ihm bei dem Gedanken, den Rücken ungeschützt in den Raum zu präsentieren, ein Unwohlsein im Nacken, dass sich auch mit Logik und gutem Zureden nicht vertreiben lässt. Scheiß Verhaltensmuster! Kurzerhand rückt Logan das Möbelstück an die Wand. Noch immer nicht ideal, aber vielleicht geht das.
Gegen den natürlichen Instinkt ankämpfend, sinkt Logan in die Polster. Sein Körper ist ausgelaugt, schwer und träge. Die Augenlider schließen sich bereitwillig, doch in seinem Inneren ziehen die Gedanken ihre Kreise. 'Aber wenn es jemandem nicht gut geht, kann ich das überdurchschnittlich gut wahrnehmen' ... 'Dir wird nichts geschehen, nur weil sie einige Zusammenhänge erkennt.' ... 'Ist für dich greifbar, was oder wer der Auslöser war?' ... 'Höchstwahrscheinlich bist du schwere Misshandlungen physischer und psychischer Natur gewohnt gewesen.' Nichts Konkretes. Keine Äußerungen über Schläge, Tritte und all die anderen Maßregelungen. Angespannt kaut Logan auf der Unterlippe herum. Schlagartig wird es ihm klar. Sie weiß gar nichts. Alles nur Mutmaßungen. Ein tiefes Seufzen ringt sich aus seiner Brust. Es sei denn ... Nein, das ist Bullshit. Hör auf so eine Scheiße zu denken! Schnaufend wischt er mit beiden Händen übers Gesicht. Bemüht, die Schatten aus sich zu vertreiben, atmet er noch einmal tief durch. Komm schon, bloody Bastard. Konzentrier dich aufs Atmen. Bewusst ruhig und gleichmäßig füllen und leeren sich seine Lungen. Gut, noch einmal. Aber was, wenn doch?! Ungehalten reißt er die Augen auf. Nein, verdammt! Die kennen sich nich!
Aber was, ... wenn doch?




"Fuck!" Energisch springt er auf, geht einige Schritte durch den Raum, setzt sich wieder und erträgt die Ruhe nicht. Sein Kiefer mahlt gestresst. Wo ist dieser dursichtige Spinner? Warum kommt er nicht her und sagt ihm, wie hirnrissig der Gedanke ist?!
Das ist nicht nur nicht logisch, sondern auch total unwahrscheinlich. "Die kennen sich nich." Mit geschlossenen Augen sagt er es vor sich her. "Die kennen sich nich." Logan zieht die Schultern an, als er den Griff im Nacken spürt. Genug mit der Scheiße.
Fluchtartig marschiert er ins Bad, wo seine Jeans zum Trocknen über dem Badewannenrand liegt. Ein Griff in die Seitentasche befördert die kleine Tüte heraus, die er unterwegs besorgt hat. Ohne eine weitere Sekunde nachzudenken, schüttet er von dem Pulver in die Handfläche und zieht es mit einem gezielten Atemzug in die Nase. Den feine Staub, der auf der Haut zurückbleibt, leckt er ab, schließt die Tüte sorgsam und schiebt sie zurück in die Hosentasche. Die Wirkung setzt binnen weniger Sekunden ein, so dass das paranoide Szenario in den Hintergrund rückt. Schon besser. Die Enttäuschung über eine weitere verlorene Schlacht findet keinen Platz in dem aufkommenden Energieschub, als Logan die zweite und letzte Jeans aus der Reisetasche zieht. Es ist Zeit, an die Arbeit zu gehen.

Keine zehn Minuten später tritt er in den Flur hinaus und macht sich ans Werk. Mit Musik auf den Ohren und frischer Energie im Blut, vor allem aber ohne lästige Gedanken, kommt er gut voran.

Stunden vergehen.

Der gesamte Flur steht tapetenfrei und bereits zu zwei Dritteln sauber abgeschliffen, als Bonnie die Treppe herauf kommt. Ihre Neugierde wird durch den fremden Duft angeregt und so streunert sie schnüffelnd um Logans Beine herum, so dass er, für einen Moment verwundert, von seiner Arbeit ablässt. "Da biste ja wieder.", raunt er der Hündin entgegen. "Haste dem Dozi gegens Pult geschifft?" Ein schiefes Schmunzeln legt sich auf sein Gesicht. "Yeah, nice job, girl."

Gerda schleppt sich, ihren Tonnen schweren Rucksack und die Einkaufstasche erschöpft die Treppe hinter Bonnie her. Oben angekommen, hat sie für einen verwirrenden Moment den Eindruck, in einem fremden Haus mit gewohntem Grundriss zu stehen. Fassungslos blinzelt sie in den Flur hinein. Alle Wände sind Tapeten frei. Alle! Auch wenn sie nicht um die Ecke gucken kann. Sie weiß es. Logan streichelt und betextet liebevoll das kleine Hundemädchen, das Schleifgerät hat er neben sie Heide abgelegt. 'Wahnsinn was der Panther heute geschafft hat.' Nach der Nacht und dem Morgen....' Mit ungläubigen Blick grüßt sie ihn mit einem Kopfrucken und verschafft sich etwas Zeit, indem sie die Einkäufe auspackt und sich einen ablenkenden Kühlschranküberblick einholt. Es fehlt nicht viel vom Essen. Hmmm. Ob Logan auswärts essen war? Egal. Der Kerl hat hier wie ein Berserker rangeklotzt... Es gibt jetzt was geiles, warmes. Der Wunsch, ihrer Dankbarkeit in Form von selbstgemachtem Ausdruck zu verleihen, wird von ihrer Erschöpftheit niedergerungen. Das Vögelchen kriecht zur noch offenen Tür und erkundigt sich laut, ob Pizza ne gute Idee wäre.



"Klar." Eine Schulter zuckt kurz und lässt eine gewisse kulinarische Leidenschaftslosigkeit erkennen. Logan ist nicht der Typ, der aus Genuss isst, sondern weil es dem Überleben dient. Ihm ist egal, ob es Pizza, Steak oder irgendeine zusammengepanschte Grütze gibt. Es muss nur den Magen füllen.
Die Zigarettenschachtel aus der hinteren Hosentasche gepflückt, zieht er eine einzelne heraus und klemmt sie sich in den Mundwinkel. "Bestellst oder machst selber?", nuschelt er beiläufig, das Zippo in der Hand und bereit für den Einsatz, sobald er den Balkon betreten kann.
"War'n Scheißtag, ich bestelle. Präferenzen?"
Ein Scheißtag, ja? Hätte sie nicht morgens schon einen mentalen Orgasmus haben müssen, so wie sie ihn zerfickt hat? 'Betrachte sie nicht als Gefahr. Sondern als eine Chance.' Funny. Logan wendet sich ab. Auf dem Weg zum Balkon, brummt er halblaut: "Was Kleines."
Kaum die Tür zum Balkon aufgestoßen, entzündet er die Zigarette. Die Luft ist noch immer feucht, doch der Regen hat schon vor Stunden aufgehört. Auf den Straßen haben sich kleine Pfützen gebildet, die die Lichter des Abends reflektieren.
Es ist eine beschauliche Ecke inmitten einer Großstadt. Keine schlechte Kombination, findet er. Einige entschleunigende Minuten lang beobachtet er, was die Aussicht bietet, bevor er wieder herein geht und spontan beschließt, Feierabend zu machen. Die letzte Strecke wird er morgen mit neuer Energie schleifen. Falls er diese Nacht Schlaf bekommt. Und falls er nicht wieder abstürzt.
Er stellt das Werkzeug sorgsam an die Wand, um wenigstens den Eindruck zu erwecken, er hätte ans Aufräumen gedacht, und schleicht in die Wohnung, wo er sich den fünfhundertsten Kaffee eingießt und rücklings an der Küchenzeile angelehnt, die Arme verschränkt, Gerda beobachtet, wie sie Dinge im Kühlschrank hin und her räumt. "Was war denn so scheiße?", fragt er aus dem Nichts heraus, ehe er mit schmalen Lippen aus der Tasse schlürft.

'Jaaaah. Blooooooß nich zu genau oder sogar direkte Zutaten benennen. Damit könnte man ja was anfangen.' Genervt zieht sie sich zum Bestellen zurück. Eine Jumbo-Pizza mit Salami, Zwiebeln, Frühlingszwiebeln drei Sorten Käse uuund nochmal kleine scharfe Salami oben drauf. Für konkrete, gibt's ne Kinder-Pizza, Magharita. Nachdem die Bestellung abgeschickt ist, wendet sie sich kurz Bonnie und dann dem Einräumen der Lebensmittel und der Kühlpacks (für Speiseröhren fickende Knie) zu. Logans Anwesenheit wird spürbar, dann erkundigt er sich nach dem Grund ihrer Kacktages.
Mit vor Ärger zusammengezogen Gesicht kommt sie aus dem Kühlgerät hervor, ein Pancake in der linken, eine Flasche Cremant in der anderen. Maulig schließt sie die Gerätetür mit dem rechten Ellenbogen. "Heute habe ich mich nicht unter Kontrolle gehabt.", entgegnet sie ihm, "Nachdem er mich zum dritten Mal", ihre Stimme erhebt sich deutlich mit ihren Augenbrauen, "mit meinem Herkunftsland angesprochen hat." Wütend setzt sie nach einem großen Bissen kauend fort, "Wollte mich mit zuvor unbesprochenen Fachfragen aus der Reserve locken und mich vorführen, der Penner." Mit Schwung reißt sie eine Schranktür auf und schnappt sich ein Kelchglas. "Hat bei der dritten dann auch leider geklappt." Gerda entkorkt mit einem ploppen die Flasche und fängt die sprudelnde Flüssigkeit mit ihrem Mund auf, zumindest teilweise. Bekleckert schimpft sie weiter, "Dann habe ich den Spieß umgedreht und 'Mr. Boston aus big America' darum gebeten, sich einen anderen Prellbock für seinen Kurs zu suchen, da es mir reicht." Grimmig lächelnd schenkt sie sich ein. Nach zwei Schlucken schließt sie ihren Wutmonolog ab, "Er meinte nur kopfnickend, dass ich von ihm hören werde. Pffffft."



"Und?" Logans Schultern zucken zu einer herabwürdigenden Geste. "Dann hörst eben von dem." Den Blick in die Tasse lenkend schwenkt er die Flüssigkeit darin herum. "Was will er denn sagen? Die Kleine lässt sich nich von mir schikanieren? Scheiß drauf." Die letzten Worte in die Tasse hineinnuschelnd nimmt er zwei Schluck, bevor er lässig das Standbein wechselt und die Füße voreinander setzt.
"Warum lässte dich von sonem Penner provozieren? Wenn dich über den ärgerst, gibst dem genau, wasser will. Glaub mir, mit sowas kenn ich mich aus." Die Brauen heben sich in die Stirn und verleihen seiner Aussage Nachdruck. "Andere haben nur so viel Macht über dich wie dus zulässt. Solange du deinen Scheiß anständig machst, hat der nix gegen dich inner Hand, rite? Also, Größenwahn einsacken und weiter machen." Er hebt erneut die Tasse zum Mund, um den letzten Schluck hinunter zu stürzen, spült die Tasse unter fließendem Wasser aus und stellt sie zur Seite. "Lass stehen. Nutz ich noch.", brummt er beiläufig und geht strammen Schrittes in Richtung Flur. "Ich geh duschen."

Schmollend blickt sie ihm nach und trinkt aus ihrem Glas. Das lief jetzt auch nicht wirklich so, wie sie es sich vorgestellt hat. 'Blödmann.' Bonnie wendet sich tröstend an ihre ausgelaugte Ersatzmama und kuschelt sich an sie. Gerda kommen die Tränen und sie lässt sich, dass Glas leerend, auf den Boden sinken. Als Kirsche auf dem Törtchen, ist das Badezimmer nun auch noch besetzt. Das allerliebster Hündchen wuselt aufmunternd um sie herum, stubst sie an und leckt ihr die salzigen Wangen.
Nachdem sie etwas Kuschelkraft getankt hat, beschließt sie, mit ihrer restlichen Energie in den Keller zu gehen. Vor dem Essen und ihrer Dusche wird sie nicht im Flur was-auch-immer-das-noch-sein-mag tun, um ihren Teil der Arbeit zu leisten - sie feiert vorerst schrittweise ihren Untergang weiter. Ohne Mr. Neunmalklug mit seinen Supervorschlägen. Als ob sich das Problem durch wegignorieren und Fleiß lösen ließe! Erneut schießen ihr Tränen der Verzweiflung ein, mit denen sie nun einen anderen Arbeitsfaden aufnimmt und in Richtung Keller geht. Nach circa fünfzehn Minuten hat sie die Sitzgelegenheiten und Kissen für den Balkon hochgeschafft und vor ihrer Wohnungstür abgestellt. Eigentlich wollte sie den zusätzlichen Raum für Logan zum zwischenflüchten oder Zigarettenpause machen erst morgen im Tageslicht ausstatten, aber da er hier schon so krass rangeklotzt hat, geht das wohl klar so. Die Wände kann sie später beginnen abzuwischen. Mit Bonnie's Hilfe sind der
Liegestuhl und das kleine runde Tischchen nebst Partnerstuhl flott durch den Hausflur in den Freiraum bugsiert. Das wollte sie schon vor Wochen erledigen! Zufrieden betrachtet sie ihr Werk, die bepflanzen Blumenkästen am Geländer und das winzige Grüppchen an Stehpflanzen sehen gleich weniger allein aus. Gerda saugt die klare Abendluft ein. Sie hat großes Glück, dass sie zur Zeit nicht allein ist. Und krasse Renovierungshilfe bekommt.
Auch, wenn der Vogelbestimmer (sie ärgert sich immer noch, diesen Namen heimlich für sich schon angenommen zu haben) nicht die richtigen Worte wählt und ihr wahrscheinlich unabsichtlich Salz in Ihre Wunde gerieben hat. ' Maaan ey. War das vielleicht sogar nett gemeint?!?' Auf ihre Handyuhr schauend, geht sie zurück in die Küche, schenkt sich nach, wäscht sich ihr verweintes Gesicht und wartet auf dem Fußboden neben Bonbon sitzend darauf, dass das Bad frei wird oder der Pizzalieferservice klingelt.



Logan stutzt, als er in die Küche zurückkehrt und Gerda auf dem Boden hockend vorfindet. Schulterzuckend spart er sich die Frage - jeder hat so seine schrägen Angewohnheiten. Gerade als er einen Stuhl unter dem Tisch hervorzieht, ertönt die Klingel. Mit beschwichtigender Geste dreht er ab, um die Lieferung entgegenzunehmen. Soll sie ruhig sitzen bleiben. Irgendetwas an dem Bild sagt ihm, dass sie einen sensiblen Moment hat.
Nach weniger als zwei Minuten ist das Geschäft abgewickelt und der Lieferant verschwunden. Die Hausherrin hat die Zeit ungerührt verstreichen lassen, ohne Anstalten zu machen, eine andere Position einzunehmen, was Logan mit nachdenklichem Blick auf sie herunterschauen lässt. Okay, das ist vielleicht übler, als er zuerst annahm. Den Karton auf die Arbeitsfläche abgelegt, schneidet er die Pizzen in handgerechte Stücke, reicht Gerda ihren Karton herunter und lässt sich, mit dem Rücken an der Wand entlang rutschend, etwas unbeholfen neben ihr sinken. "So, ...", setzt er an, "was macht dich daran so fertig?" Den Blickkontakt meidend pult er ein Stück vom Rand seiner Kinderpizza ab und kaut leidenschaftslos darauf herum.

Ihr Gesicht brennt. Die Pizza duftet herrlich und Logan hat das Picknick mit einer Frage eröffnet, auf die es schon eine Antwort gibt, aber ihre mentale Erschöpfung lässt das Reden noch nicht zu. Von dem Karton nimmt Bird sich ein großes Stück und beginnt es vorsichtig zu essen. Nach der Hälfte lässt sie ihren Hinterkopf Kontakt mit den Unterschrank aufnehmen. Eine zusätzliche Stütze für ihren Körper. Mit tiefem Seufzer versucht sie den Kern ihrer Misere darzulegen.
"Ich weiß nicht w a r u m ich diese ungebetene Form der Aufmerksamkeit bekomme! Und ich habe im letzten Quartal schon rumgefragt: Das scheint eigentlich" sie setzt Anführungszeichen, "nicht sein Stil zu sein. Er wird von den Studenten geschätzt und gemocht." Sie schnappt sich ihren Kelch und das Prickelgetränk tut wohl, auch wenn es geschmacklich so gar nicht zum Hauptgericht passt. "Und das ist mein Problem. Höchstwahrscheinlich wird mir an den entsprechenden Stellen dann niemand glauben. Auch, wenn ich meine Kursprotokolle zeige." Ein weiteres Futterdreieck wird gegessen, kauend führt Gerda fort, "Bescheuert, oder? Über ein halbes Jahr habe ich Doppelnotizen von seinem Kurs gemacht, damit ich aussagekräftig bin. Jedes Mal wenn ich vorgeführt oder auf meinen Migrationsstatus angesprochen werde, schreibe ich das Wort für Wort auf, inklusive meiner Antworten.", drei kräftige Schlucke landen in ihrem Magen,
"Das ist soooooo anstrengend!!!", quiekt sie nahezu verzweifelt.
"Wenn ich ihm mal blöd gekommen wäre, oder seinen Parkplatz geklaut hätte... oder irgendwas, OK. Dann hätte ich einen Anhaltspunkt. Aber ich habe nichts,", entfleucht ihr mit dünner, brüchige Stimme, "und ich will doch einfach nur meine Scheiß Ruhe und mein Scheiß Ding machen. Bin doch nicht umsonst ans andere Ende der Welt gegangen, wo es keine Vorbelastungen geben kann."
Traurig schluckt sie und schaut ihn von der Seite an. "Und dann komm ich nach Hause und du hast das halbe Haus von Tapeten befreit. Allein, obwohl das ja meine Aufgabe ist." Mit roten Ohren ergänzt sie, "Im Übrigen hätte ich dafür zwei Tage gebraucht!" Durch den Wuttränenschleier blinzelt sie sich aus ihrem durch ihn durch Glotzblick zurück. "Für heute: Selbstwert ade."



Dem Wortschwall lauschend, ist Logans Blick auf seinen Teller gerichtet. Eigentlich hat er keinen Appetit. Aber er sollte etwas essen. Ein Stück in der Hand beißt er ab, kaut einseitig darauf herum und wiederholt die Prozedur. Schmeckt schon okay, findet er. Pizza eben. Etwas Sauce vom Daumen aufnehmend wandern seine Brauen überrascht in die Stirn, als sie die Renovierung thematisiert. Dass sowas an ihrem Ego kratzt, hätte er nicht erwartet. Die Kleine braucht dringend andere Probleme. "Zuerst mal,", beginnt er. "Mein Heldendasein is ne Lüge." Er schiebt den letzten Bissen des Stücks zwischen die Zähne und kaut einen Moment, bevor er fortfährt: "Hab die ganze Zeit Koks gefressen. Sollte ich nich machen, hat mir schon ne Menge Ärger bereitet." Sein Ausdruck ist betrübt ehrlich. Ihm ist klar, dass er heute einen alten Kampf zum unzähligen Mal verloren hat. Das Zeug wird ihn noch umbringen. "Aber ich bin eh verdammt. Fine words butter no parsnips." Kaum merklich zuckt eine Schulter, den Gedanken abschüttelnd, als er zum zweiten Pizzastück greift. "Naja, mit dem Zeug schaffste alles schneller. Hättest mal meinen Puls zwischendurch messen müssen. Gesund is anders. Und die Quittung wird übel." Die Brauen sinken zurück, tief in die Augen, begleitet von einem verdrängenden Kopfrucken. "Aber das egal. Ich hab gesagt, ich renovier dir den Mist und das werd ich machen." Wenigstens dieses eine Mal will er sich an sein Wort halten. Weglaufen ist keine Option. Dieses Mal nicht. "Du kümmerst dich um deinen ... Studentenkram und ich regel das andere. Und ich sag dir mal was."
Er reißt den Blick zu ihr herum. Seine dunklen Augen funkeln ihr eindringlich entgegen. "Sims sind geisteskranke Arschlöcher. Die Chance, den Grund für das 'Warum' zu erfahren, is beschissen klein." Das Gesicht wieder nach vorn gerichtet, legt sich ein dünner Schleier von Resignation über seinen Ausdruck. "Vielleicht is dem Penner mal ne Deutsche dumm gekommen - vielleicht hat er Schiss vor deinem Intellekt oder du erinnerst ihn anne Ex. Wer weiß das schon? Ich versteh schon, dass das unbefriedigend is. Ich frag mich auch jeden Tag warum." Seine Stimme wird für einen Moment weicher, der Blick senkt sich und haftet irgendwo in der Leere vor ihm. "Aber die Antwort gibt's eben nich. Das is das Spiel." Ein Seufzen holt ihn zurück in die Unterhaltung. "Aber im Endeffekt is das alles egal. Weil es nix an der Sache ändert." Das zweite von vier Stücken Pizza ist vernichtet und Logan stellt den Teller neben sich auf dem Boden ab. "Du sagst, du willst nur deinen Scheiß machen. Dann schieb den Wichser aus deinem Kopf und mach." Wieder seufzt er - dieses Mal weniger tief, aber nach ehrlichen Worten suchend. "Ich hab keinen Plan, woraus dein Scheiß besteht. Aber ich hab noch nie jemanden getroffen, der so viel kapiert wie du." Sein Blick trifft sie erneut, als seine Stimme Nachdruck gewinnt. "Du bist fucking klug, man! Lass dir das nich kaputt machen. Wenn der Wichser sich über dich auskotzen will, soll er das machen. Er hat doch nich mehr gegen dich in der Hand als du gegen ihn. Da sind doch andere Leute. Die können bezeugen, dasser dich runtermacht." Den Kopf schüttelnd wendet er den Blick wieder nach vorn.
"Ich hab vielleicht keine gute Schulbildung. Ich weiß nich, wies an solchen Orten abläuft. Aber ich hab erlebt, wie du denkst und redest. Du bist keine, die aufgibt. Du wirst die alle total in Grund und Boden studieren. Und deine Ziele klarmachen. Da hab ich keinen Zweifel." Er atmet klangvoll aus. Jetzt wäre ein Bier gut.
Ächzend rappelt er sich auf, geht zum Kühlschrank und holt zwei Flaschen hervor, mit denen bewaffnet er sich wieder zu Gerda herunter bemüht. "Ich kann dir da nich helfen." Den Verschluss aufgedreht, kippt er einige Schluck die Kehle hinunter. "Ich kann dem nur die Reifen aufschlitzen und auf den Sitz pissen. Ändert nix an deiner Misere. Befreit aber enorm."

Gerda nimmt die Flasche dankbar entgegen, streckt ihre Beine aus und wackelt mit den Zehen. Die Kühle der Flasche ist ein angenehmes Pondon zu der Wut-, Pizza-, und Schameswärme. Fuck, was waren denn das für krasse Worte in Bezug auf ihre Person? Nachdenklich trinkt sie ein paar Schlucke, bevor sie mit schwerem Seufzer hinter ihrer linken Hand abtaucht und ihm gesteht, dass sie nicht gut mit Komplimenten umgehen kann und jetzt erstmal nachdenken muss.



Als sie den Gesprächsfaden aufnimmt, geht Gerda vorerst auf seine weisen Worte ein, "Du hast recht, es wird sich nichts ändern, auch wenn ich einen Grund bekäme. Bloß bilde ich mir immer ein, mit nem Zugang zu einem Hintergrund auch einen Lösungsansatz finden zu können, mit dem man nachhaltig oder zumindest zukünftig was bewirken, wenn nicht sogar verändern kann." Belustigt über ihren Glaubensansatz, wendet sie sich schnaubend Bonnie zu, die sich zu ihnen gesellt hat. "Ich? Klug? Hmmmm. Naiv finde ich gegenwärtig treffender.", erklärt sie in die Runde und greift sich ein neues Stück von ihrem Karton, mit extra viel Käse. Genüsslich schließt sie die Augen, kauend und trinkend. Das kühle Blonde passt so viel besser zur Pizza.
"Und du bist kein Held, sondern nur Kokser?", schmunzelt sie ihn schräg an, "entschuldige bitte aber ganz so stimmt das ja nun auch nicht.", platzt es aus ihr heraus, "Vielleicht bist du mehr ein Anti-Held, aber dennoch..." Das Bier abstellend, beginnt sie kauend ihre Erläuterung.
"Du bekämpfst Tag für Tag deine Dämonen und hilfst auch anderen", dabei deutet sie auf sich, "sich den eigenen Dämonen zu stellen." Mit einem fetten Grinsen, dass abenteuerlustige Saiten in ihr anschlägt, fügt Bird hinzu, "Und du bietest dich als Vandalismuspartner an." Daumen und Zeigefinger bekräftigen ihre Aufzählung. "Und...", sie sucht seinen Blick so lange, bis sie ihn hat und er ihn auch hält,
"Und zu einem nicht unbemerkbaren Teil hilfst du mir, mich auf meine Stärken zu fokussieren, die ich gerade nicht so ganz sehen und fühlen kann. Durch deinen Zuspruch oder zutrauen... wie auch immer man es nennen mag." der Mittelfinger markiert den dritten Heldenpunkt. "Und du bewahrst mich vor Problemen mit meiner Vermieterin," nickt sie ihm zu, ihr Blick wird weicher, als ihr Ringfinger sich zu den anderen gesellt, "ernsthaft." Nachdenklich schaut Gerda auf ihre Finger, dann auf Logan und wieder zurück auf ihre Hand. "Ach ja,", der Rest vom Pizzastück verschwindet in ihrem Mund, "deine Renovierungshilfe entlastet mich so krass, dass ich ne Chance habe, eine Ausgleichsleistung für die verkackte Klausur zu bringen." Nachdem der kleine Finger sich zu den anderen gesellt hat, hebt sich die Zähl-Hand beschwichtigend. Nachdem sie anschließend aufgekauft hat, spült sie nach.
"Is okay für mich wenn du kein heldenhaften Hintergründe als Motivation hast. Aber warum machst du das alles? Und: Was bedeutet das für dich mit der üblen Quittung? Wann kommt sie und wie kann ich dir dann helfen?"



Ja, warum macht er das? Es könnte ihm egal sein. Es gab eine Zeit, in der es so gewesen wäre. Damals dachte er nur an seine eigenen Interessen und Bedürfnisse. Lange hielt er das für den Inbegriff von Freiheit. Sich niemandem verbunden fühlen. Eigene Wege gehen, komme was wolle. Die Erfahrungen bestätigen zwar, was er schon damals wusste - Sympathie für Andere beeinträchtigt egozentrische Entscheidungen - doch heute weiß er, dass ein Einzelgängerdasein mit Freiheit nichts zu tun hat.
Die Wahrheit ist, dass Gutes zu tun, ihm ein wenig Selbstwert vermittelt. Er lebt nun einmal dieses Leben, aus dem er für sich selbst nichts ziehen kann. Ginge es nach ihm, wäre er längst ausgestiegen. Wofür sollte er Tag für Tag sein Dasein fristen? Ihn hält nichts, außer der Tatsache, dass er IHN nicht gewinnen lassen kann. Da er also in diesem Leben feststeckt, bis es irgendwer oder irgendwas beschließt, dem ein Ende zu setzen, kann er die Zeit ebenso damit verbringen, nicht immer nur nutzlos zu sein.
"Penisneid.", sagt er trocken und setzt zu einem Schluck Bier an, Gerdas irritierten Blick aus dem Augenwinkel wahrnehmend. Verschwörerisch neigt er sich ihr ein Stück entgegen und erklärt: "In Wahrheit bin ich n verzauberter Egoman. Wenn ichs schaff, dass du dich in mich verliebst, werd ich zu nem Pony." Geheimnisvoll nickt er ihr langsam zu. "Hast mal gesehn, was die fürn Gehänge haben?" Mit einer lässigen Geste prostet er ihr zu und schüttet einen weiteren Schluck die Kehle hinunter.

Nachdem Gerda ihre Verblüffung laut weggelacht und zu ihm zurück geprostet hat, schüttelt sie leicht den Kopf und fährt sich mit der freien Hand durchs Haar. "Natürlich bekomme ich keine Antwort, klaro.", grinst sie ihn verschmitzt an, bevor sie mit gespieltem Prinzessin-ärgert-sich-Mimik fortfährt, "Na guuu-huuuuut, dann rede ich halt weiter über mich!" Das letzte Wort bekommt eine zusätzliche Betonung durch aufgesetzte Selbstherrlichkeit, dann steigt sie ihre Gedanken verbalisierend ein, "Mit meinen Scheiß machen meine ich, dass ich für das was ich geben kann und mag nicht angezählt oder ausgebremst werden will. Ich wünsche mir, dass ich über den freundeskreislichen und beruflichen Rahmen hinaus angenommen und akzeptiert werde wie ich bin." Ihre aufgesetzte Art fällt Stück für Stück von ihr ab. "Es wäre geil, wenn irgendwann, irgend jemand es auch mal länger als drei Jahre mit mir aushält. Ich bin so vieles mehr als egoistisch, zielstrebig und anstrengend." B O O M! Da ist es wieder. Neue Tränen laufen ihr über die Wangen, Davids wütendes Gesicht gesellt sich zu dem Auszug aus seinen Schlussmach-Worten. Gerda's Körper beginnt ganzheitlich zu schmerzen, jegliches Gefühl für Scherz oder Sarkasmus sind fort, mehrere große Schlucke des Bieres kühlen ihre sich zuschnürende Kehle.



"Weißt du, ich denke das ich dich auch gut wahrnehmen kann, weil wir ähnliche Sehnsüchte, Wünsche und Gefühlsmuster haben. Auch, wenn wir komplett unterschiedlich aufgewachsen sind und unser Leben im krassesten Gegensatz verlaufen ist." Gerda muss grinsen. Langsam wird ihre Stimmung etwas besser, ihre humorvolle Saite schwingt wieder wahrnehmbar. Mit blitzenden Augen beugt sie sich in seine Richtung, "Und deinen Lebensweg zum verzauberten Pony mit Riesengemächt will ich u n b e d i n g t hören." Aufmunternd nickt sie Logan zu, als er sie spöttisch anschaut.
"Aber bevor du loslegst, muss ich noch eine letzte Überlegung raushauen.", nimmt sie ihren Erzählfaden wieder auf, ohne seinen Blick loszulassen.
"Alter, ich mein, wir treffen uns hier, beide auf der Flucht vor anderen und vor uns selbst. Täglich getrieben von Schuldgefühlen und Einsamkeit, am Arsch der Else, am anderen Ende der Welt... Baghira... Da sollten wir mal drüber nachdenken und vielleicht was draus machen.", nickt sie sich beiden zu und trinkt einen Schluck. "Und apropos Pony! Hier hab ich Song für dich, Baby."




I got wheels under my guns
And I got steel and everything I need
Sex,drugs,bottles and tears
Baby,come on,will you ride my little pony

'Cause I'm bad to the bone
Baby,I'm a rolling stone
I'm bad to the bone
Baby,yeah,baby,I'm bad to the bone



(in Zusammenarbeit mit @S.Bin. )


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16.04.2025 21:08 (zuletzt bearbeitet: 10.01.2026 19:06)
#26
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Bestseller-Schmied

Charaktere: Logan, Gerda
Ort: Gerdas Wohnung
Geschichtsstrang: Der Vogel und der Panther - Teufelskreise



Gerdas gleichmäßiger Atem liegt in der Luft, als Logan spät nachts den Raum betritt. Schon vor drei Stunden hatte sie sich verabschiedet und schlafen gelegt, während er selbst noch versuchen wollte, zu arbeiten. Die Hälfte des Auftrages ist inzwischen bearbeitet, doch wenn er die Frist einhalten will, wird er sein tägliches Pensum erhöhen müssen.
Auf leisen Sohlen schleicht er zu seinem Schlafplatz und lässt sich aufs Polster sinken. Das Pulver hat längst aufgehört zu wirken und wie befürchtet, veranstalten Logans innere Dämonen ein bequemes Sit-In zu Ehren seines erneuten Versagens. Obwohl nicht nur Körper, sondern auch Geist dringend Schlaf benötigen, ist daran kaum zu denken. Neidvoll fällt sein Blick zum Bett herüber, in dem seine Gastgeberin nebst Hündin friedlich schlummern. Es sieht so einfach aus. Nur Augen schließen und fallen lassen. Tief durchatmend legt er sich zurück, die Augenlider fallen schwer in die Entspannung.
Die Polster unter ihm beginnen, sich zu drehen, so dass er glaubt, den Halt zu verlieren. Den Körper fester ins Sofa pressend, versucht Logan, sich gegen das Gefühl der Schwerelosigkeit zu wehren. Schwindel überkommt ihn, so dass er sich zwingt, die Augen zu öffnen. Ohne etwas dagegen tun zu können, fällt sein Blick auf das Bett, einige Meter entfernt. Gerda scheint nicht mehr zu schlafen. Deutlich erkennt er ihre aufrecht sitzenden Umrisse, als sie vor sich herwimmernd zu weinen beginnt. Ihre Stimme wird lauter, erfüllt den ganzen Raum, bis sie ihm schwer in den Ohren liegt. Langsam wendet sie ihm das Gesicht zu - Monicas Gesicht. Es starrt ihn aus tiefen, schwarzen augenlosen Höhlen an. Ihr Mund öffnet sich weit, so dass ihr Anblick zu einer abstrakten Fratze verzogen wird. "Ich. Hasse. Dich." Ihre Stimme ist ein kratzendes Flüstern, aggressiv und schneidend klingt sie, als säße sie direkt neben ihm. "Du siehst aus wie er."
Unfähig, den Blick abzuwenden, sieht Logan zu, wie sie sich aus dem Bett hebt und langsam, gebrechlich auf ihn zukommt. Den Arm ihm entgegengestreckt, nähern ihre zitterigen Finger sich seinem Gesicht. Gerade in dem Moment, in dem ihre Haut seine zu berühren droht, reißt Logan die Augen auf.

Monica ist verschwunden, Gerdas Atem liegt nach wie vor in der Luft. Erleichtert und gleichermaßen genervt atmet Logan aus. Er hat keine Ahnung, wie lange er geschlafen hat. Die Müdigkeit drückt seinen Körper schwer in die Polster, als er sich dennoch aufstemmt. Beide Füße auf dem Boden, den Oberkörper nach vorn geneigt, reibt er sich mit den Händen übers Gesicht. Die vernarbte Seite fühlt sich heiß an. Wie nach einer verlorenen Schlacht steht er auf, schleicht ins Bad und spült den gesamten Kopf mit kühlem Wasser ab. Den Blick in den Spiegel vermeidet er, wie so oft.
Zurück im Zimmer registriert Bonnie, ein Ohr anhebend, seine Bewegungen und unterdrückt mühevoll ein aufgeregtes Schwanzwedeln. Wehmütig würgt Logan ein Seufzen herunter, schnappt sich die Gitarre und geht in die Küche, wo er sich das letzte Bier aus dem Kühlschrank nimmt und mit Alkohol und Instrument bewaffnet, auf einem der Stühle Platz nimmt. Die ersten Schluck kühlen das erhitzte Gemüt, bevor er leise die Saiten zum Klingen bringt.



"On my way to hell, at the speed of light,
I'm the engineer of solitude,
Got the epic essence by the grace of God,
But I'm gonna eat the world,
I'm nobody's hope.
But I'm not a joke.
I'm just the owner of my dreams.
And yes, I admit, sometimes I'm a bit obscene.

This fire, this fire,
this fire doesn't burn my skin
But it makes me feel
I'm here."




"Mmmmmmh Bonnieeee, was ist denn los? Musst du raus?", knurrt Gerda verschlafen. Ihre Uhr sagt, dass es unter allen Umständen noch nicht Zeit ist um aufzustehen. Aber was ist mit dem Hundekind? Wieso läuft sie hechelnd zur Tür? Unter normalen Umständen ist das keine Pullerzeit, zumal es am Abend keine ungewöhnlichen Verschiebungen jegweder Art gab. Mit schweren Bewegungen schiebt sie sich aus dem Bett und geht zu Bonnie. Das Hündchen abtastend registriert sie, dass das Gäste-Lager, welches Baghira mit der Rückenlehne an die Wand geschoben hatte, leer ist. Seine Gitarre fehlt ebenfalls. Mittlerweile fiebst Bonbon neben ihr. "Jaaaaa... wir gehen mal gucken, Süße." Durch die geöffnete Tür erklingen schöne, sanfte Gitarrentöne und Logans weiche, tiefe Stimme. 'Booah Alter!...' Trotz aller Müdigkeit sind sämtliche Knöpfe bei Gerda gedrückt, sittliche geistige wie unsittliche körperliche. Letztere schlagen so heftig aus, dass sie eine schmerzlich-wohlige Ganzkörpergänsehaut bekommt. 'Fuck ey.' Das Hündchen wuselt sich flott über den Boden klickend zum Gitarrenspieler und kuschelt sich an sein Bein. Darum bemüht, ihre wollüstige Angekratztheit zu unterdrücken, schleicht sie an dem Spielenden Richtung Kühlschrank vorbei, bildet mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand einen Kreis und formuliert ein stummes, aber deutliches 'NICE'. An der Kühl-Kiste angekommen, erinnert sie sie sich, dass die Flaschengetränke sogut wie aus sind?!? Ja, sind sie. Frustriert schwenkt sie um auf die Großpackung Eis im Gefrierfach. Mit zwei Löffeln und der Packung setzt sie wie in den Stunden zuvor auf den Boden, einen Löffel fragend in die Höhe haltend.

"Pull my sad strings, play my blue chords, sing my loser melodies.
Got no reasons for my filthy tricks.
But I'm not what I seem.
I know it sounds like - "




Durch die Berührung Bonnies lässt Logan sich nicht stören. Tief in der Musik versunken, registriert er die Hündin zwar, doch in seinem Kopf ist kein Platz, sich über ihr Erscheinen Gedanken zu machen. Erst als Gerda an ihm vorbeizieht, unterbricht er Spiel und Gesang. Mit ernstem Ausdruck sieht er zu ihr herüber. "Fuck, ich hab dich geweckt." Dabei hatte er sich große Mühe gegeben, leise zu spielen. 'Du bist doch zu dumm zum Scheißen!' Die Stimmen aus der Vergangenheit liegen ihm penetrant in den Ohren, aufmerksam jeden noch so kleinen gesellschaftlichen Fehler kommentierend.
Gerdas Angebot mit einem Kopfschütteln ablehnend, senkt er schuldbewusst den Blick und stellt das Instrument murmelnd neben sich ab. "Geh wieder pennen. Ich bin still." 'Noch ein Ton von dir ...' Den Griff im Nacken spürend, reibt er mit der Hand fest über die Haut, um das drückende Gefühl zu übertönen.

"Huh? Was?", blinzelt Bird überrascht und gleichermaßen verstört zu ihm herüber. Langsam dämmert es ihr. "Himmel, nein, du hast mich nicht geweckt. Bonnie war's." Den zweiten Löffel zur Seite legend, versucht sie, die seltsamen Schwingungen die Logan ausstrahlt, zu deuten. Nachdem sie einen großen beladenen Löffel vertilgt hat, erklärt sie, "Tut mir leid, dass ich dich rausgebracht habe." Ein neuer Happen Eis kühlt ihre Kehle. "Ich wollte dich nicht stören. Und wenn dich meine Gegenwart nicht stört," sucht sie vorsichtig seinen Blick, "spiel doch bitte weiter. Es klingt soooo schön und ich hab lange keine Akustik-Musik gehört." Breit lächelnd ergänzt Gerda, "Von mir aus kannst du das Stundenlang machen. Auch nebenan wenn du magst." Skeptisch guckt sie ihn an, "Kannst du nicht gut auf der Couch pennen? Oder weil ich im Raum bin?" Schief grinsend nimmt sie einen weiteren Happs der Eisspeise. "Ich muss mich auch erstmal akklimatisieren. Willst du mal im Bett übernachten? Dann gehe ich aufs Sofa."
"Chill, bird." Mit der Hand macht Logan eine beschwichtigende Geste. "Das Ding is okay. Daran liegts nich." Er greift zur Flasche und trinkt den halben Inhalt. "Schlaf und ich - wir, naja, sind nich grade beste Kumpels, you know." Gerdas suchenden Blickkontakt meidend nimmt er die Gitarre wieder zur Hand und beginnt, wahllos an den Saiten herum zu klimpern.
Das sachte, undefinierte Saitenspiel trägt ihre Gedanken davon. Zum Glück weiß sie nicht was das bedeutet. Klingt furchtbar, findet Gerda. Die Vorstellung, konsequent ein Schlafproblem zu haben, hört sich nach der Hölle auf Erden an. Geräuschvoll atmet sie aus. "Vorhin hast du erwähnt, dass du verdammt bist und dass die Quittung... wie sagtest du... übel... wird?", überlegt sie laut, den Kontext seiner Aussage suchend. "Hast du das Schlafen damit gemeint oder deine Knie- und oder Körperschmerzen?" Wohlwissend, dass er ihren Blick meidet, starrt sie in die Plastikbox und löffelt weiter darin herum. Bonnie schnauft an seinem Fuß und beginnt die Äuglein zu schließen. Der Zwischengedanke, dass Ashbo ihr Hundekind in zwei Wochen wieder abholen werden, beginnt zu schmerzen, die Happen Eis werden größer.



Einige Sekunden schweigt Logan. Die Worte Gerdas hallen in seinen Gedanken nach. Hat er unbewusst das Schlafen damit gemeint? Er ist es beinahe gewohnt, dass Monica ihn in seinen Träumen heimsucht. Das tat sie schon damals, bevor alles endete. Er hasst es, immer wieder mit ihr konfrontiert zu werden. Diese perverse Ambivalenz zwischen Sehnsucht, Wut und Schuld wird ihn niemals loslassen. Der Rausch ist das Einzige, das ihn zuverlässig davor bewahrt - wenn auch nur für eine Weile. Und zu einem viel zu hohen Preis. "Schon mal davon gehört, dass man nach hohem Flug tiefer fällt?" Aus dem Fenster schauend schweift sein Blick in die Ferne, während seine Finger meditativ, blind Akkorde wechselnd, leise Melodien kreieren. "Das Problem bei der Sache is, dass der Sturz immer brutaler wird. Je öfter du fliegst. Darum versuch ich manchmal, am Boden zu bleiben und ohne Flügel klarzukommen." Das Spiel unterbricht sich, als der rechte Arm sich auf den Korpus der Gitarre lehnt. Hätte er damals schon geahnt, wie tief er in diesen Strudel geraten würde, hätte er sich trotzdem der schnellen Ablenkung hingegeben? "Nur is hier unten alles voller stinkender Scheiße. Da gibt's einfach kein Durchkommen." Leise seufzt er in sich hinein. Die rechte Hand legt sich erneut an die Saiten und bringt sie wieder zum Klingen. "Also holste dir wieder Flugpulver, nur um dir selbst vorzulügen, du könntest der ganzen Scheiße entkommen, wenn du n bisschen höher fliegst. Klappt auch für nen Moment. Bis dir der Sprit ausgeht und du wieder mit voller Wucht runter knallst. Und dann fängt das Spiel von vorne an."

"Krass. Wow.", schüttelt Gerda leicht ihren Kopf und setzt nach einer kurzen Pause wieder an, "Das klingt nach nem verflucht beschissenen Teufelskreis. Wie lange geht's dir schon so? Und das Koks bändigt zumindest also die Dämonen? Und Schmerzen?" Die Eispackung liegt nun etwas leichter in ihrer Hand und das Schmelzwasser der Oberflächen fühlt sich angenehm, fast erlösend an.

"Wann checkt man, dass man in nem Teufelskreis Runden dreht?" Flüchtig zuckt Logan mit einer Schulter. "Keine Ahnung. Habs viele Jahre nich hinterfragt. Und es is übrigens nich so, dass ich ständig mit Schmerzen durch die Gegend krepel." Wieso denkt sie das? Nur weil sein Knie ein Mal durchgedreht ist? "Aber wenn, dann is das Zeug schon das beste Mittel. Könntest dir ohne Probleme die Gedärme raus schneiden."



"Kenne nur Leute, die zu Partyzwecken oder als Leistungsverstärker gelegentlich konsumieren. Ich selbst hab noch nie gekokst." Vorsichtig hakt sie nach, "Hast du dich den auch mal wem anvertraut oder wartest du seit Jahren allein allein durch die Scheiße?"
Nachdenklich beißt sie sich auf die Lippen. "Wenn du sagst ohne Durchkommen... meinst du dann, dass du keinen Ausweg siehst? Und kann man nichts für dich tun, wenn der Absturz kommt? "

"Wem soll ich mich anvertrauen?" Logan schaut sie ehrlich verblüfft über die Frage an, das Gitarrenspiel unterbricht abrupt. "Meinen zahlreichen Freuden? Der Familie? Oder nem Therapeuten?" Zynisch schmunzelnd schüttelt er den Kopf. "Die können mich alle mal." Wieder am Instrument zupfend, schweift Logans Gedanke zu Jake. Sicher könnte er ihm alles erzählen. Das Angebot hat er schon oft bekommen. Doch Jake hat eigene Dämonen im Hinterkopf. Es wäre nicht okay, ihn zusätzlich zu belasten und als seelischen Mülleimer zu benutzen. Jake ist der beste Sim, der je auf diesem Planeten gewandelt ist. Er verdient verdammt noch mal alles Glück der Erde. "Selbst wenn irgendwer sich für sonen beschissenen Freak interessieren würde, was würde das ändern?" Monica würde ihn trotzdem besuchen und ER hätte dennoch getan, was er tat. "Es gibt einen Ausweg, bird." Logans Augen funkeln düster. Schon oft hat er über diesen einen, letzten Schritt nachgedacht. Einer kreativen Verzweiflung bieten sich unzählige Möglichkeiten, alles zu beenden. "Aber der is keine Option.", schließt er den Gedanken mit entschlossener Stimme. "Es bleibt also alles so glamourös, wie es is. Bis ich an ner Überdosis draufgeh oder mir jemand den Schädel einschlägt. Macht man doch im Rock'n'Roll so." Ein Mundwinkel zuckt kaum merklich zu einem Schmunzeln. "Was willste machen? Händchen halten und Lavendelduftkerzen aufstellen? Was is das fürn Gendeffekt bei den Frauen, der euch den Wunsch ins Hirn setzt, nen Loser zu retten?"

Auch wenn sie nicht so viel Lustiges erwidert bekommen hat, beben ihre Schultern vor stummen Lachen.
"Hmm... okaaaay." Gerda schluckt einen großen Löffel voll Eis runter. "Ich weiß nicht", entgegnet sie ihm mit dem trockensten Blick, den sie trotz innerem Lachen drauf hat.
"vielleicht ist es ein ähnlicher Gendefekt, der Männer", sie unterstreicht das letzte Wort mit dem leeren Löffel "davon abhält, sich Hilfe zu holen?!" Gerdas Blick bohrt sich belustigt in seinen. "Und sei es nur, um nach dem Weg zu fragen?", stellt sie die Gegenfrage in den Raum. "Ich kann das ja mal mit meiner Studiengruppe diskutieren, geb dir dann Bescheid." Der Löffel taucht erneut ein und findet seinen Weg in ihren Mund, wo er eine kleine Weile nachdenklich ruht, bevor sie ihn zur Unterstützung ihrer Worte in der Luft hin und her gestikuliert,
"Und zu dem Anvertrauen: Glücklicherweise bin ich ja weder zahlreich, noch Freund, noch Familie oder Therapeut. Da geht vielleicht was?" Fragend zieht sie ihre Augenbrauen in die Stirn und ihre Mundwinkel nach unten.
"So von Loser zu Loser, you know. Nicht, dass du das als Hilfeangebot wahrnimmst und weg läufst.", grinst sie ihn aus der Reserve lockend an. "Ohne dich bin ich hier beim Renovieren am Arsch.", nickt sie ihm versöhnlich zu.
Sie zieht eine neue, überlegende Schnute, "Sieh es als... eine Hand wäscht die andere." Verschwörerisch fügt Bird hinzu, "Ich würde wahnsinnig gerne deinen Dämonen auf den Sitz pinkeln und ihnen die Reifen aufschlitzen." Nach einem bekräftigenden Kopfnicken, beendet sie das Partner in Crime-Angebot und zwinkert ihm gönnerhaft zu. "Sag mir quando, sag mir wann, Baghi."
Das Gesicht Gerda zugewandt ruht Logans Blick auf der Eispackung in ihrer Hand, trifft die Person dahinter flüchtig und scheint von ihren Worten in irgendeiner Weise bewegt. "Würde ich auch gern.", wendet er sich murmelnd wieder dem Fenster zu, doch in seinen Augen liegt ein anderer Ausdruck, als zuvor. Verletzliche Resignation legt sich über die harte Schwärze.



Nach einer kleinen Pause wird Gerda wieder etwas ernster. "Das Selbstmord keine Option für dich ist, finde ich ziemlich", sie sucht nach einem treffenden Wort, "bemerkenswert. Was ist dein Beweggrund? Du scheinst nicht am Leben per se oder an einer Partnerschaft zu hängen, beziehungsweise hängen zu wollen. Was ist es? Die Musik?"

Kaum merklich schüttelt Logan den Kopf. "Wenne tot bist, brauchst keine Musik mehr." Tief durchatmend, den Arm auf die Gitarre legend, scheint es, als würde er sich auf die kommenden Worte vorbereiten.

"Er würde gewinnen."

Bedrohliche Stille breitet sich aus. Logans Gesicht wird zu einer Maske, gemeißelt aus undurchdringlicher Härte und kaltem Hass. "Das lass ich nich zu."



"In Ordnung.", nickt sie in den Raum, der mittlerweile mit vielen unterschiedlichen Schwingungen, Geräuschen und Emotionen gefüllt ist. "Daraus lässt sich doch ein Ansatz entwickeln. Vielleicht klappt es ja, wenn du deinen Endgegnern nicht allein gegenüber trittst, ein wenig besser?", fragt sie vorsichtig, ohne seinen Blick zu suchen. Nach ein paar Sekunden, die sich wie Minuten anfühlten, hakt Bird nach,
"Ich weiß nicht ob du dich erinnern kannst, aaaaaaber nach der, ich sag jetzt mal, 'Auseinandersetzung' mit dem Typen im Club, konnte ich dich ein bisschen aus deiner Trance, deinem Flashback holen." Die Reste vom Eis schwappen allmählich angetaut hin und her, der Appetit verschwindet. "Zumindest hatte ich den Eindruck, dass dein Unterbewusstsein nach dem helfenden Strohhalm gegriffen hat." Mit zur Konzentration gerunzelten Augenbrauen erklärt sie, "Wie das ganze aussehen kann oder sollte, weiß ich nicht, aber da könnte man sich was überlegen?!" Gerda drückt ihren Rücken durch und bringt sich in eine aktive Körperhaltung, "Wer ist 'Er' und ist er dein alleiniger Peiniger?"

Die Kleine hat doch keine Ahnung. Was ist ihr schlimmstes Erlebnis? Dass sie nicht zur Disney-Party eingeladen wurde? Okay, fairerweise hat bestimmt auch sie irgendwas aufzuarbeiten. Das geht fast allen so. Dennoch steht für Logan außer Frage, dass sie weiß, was es heißt, jeden Tag in der Hölle zu verbringen, weil das nun mal der Ort ist, wo man hingehört. Womit auch immer man es verdient hat. Was soll man sich da überlegen? Als wäre es so einfach. Das lässt sich nicht mit einer dahin geschmierten Mindmap regeln. Er hat immer wieder versucht, dem ganzen Mist zu entkommen. Es hat nicht funktioniert.
Logans Blick reißt aggressiv herum, als sie fragt: Wer ist 'ER'? Sofort spannen sich diverse Muskeln an. Wie kann sie es wagen, darüber Fragen zu stellen, als ginge es um nichts weiter, als die Zusammensetzung dieser Pampe, die sie in sich hinein schaufelt? Ruckartig steht er auf, die Gitarre landet mit einem schwingenden Klang im Ständer, ehe er nach seinen Zigaretten greift. "Die Sitzung is beendet.", mault er und stapft davon. Das Knallen der Wohnungstür ist das letzte Geräusch, das von ihm zurückbleibt.



(in Zusammenarbeit mit @S.Bin. )


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27.05.2025 12:56 (zuletzt bearbeitet: 10.01.2026 19:07)
#27
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Bestseller-Schmied

Charektere: Logan, Gerda
Geschichtsstrang: Der Vogel und der Panther - Erlösung II


Wake in a sweat again
Another day's been laid to waste
In my disgrace
Stuck in my head again
Feels like I'll never leave this place
There's no escape
I'm my own worst enemy





Die Zigarettenstummel türmen sich in dem winzigen Schubfach der Amatur, so dass zwei von ihnen heraus fallen, als Logan den abgerauchten Filter in den Berg zu stopfen versucht. Die Luft im Chevy ist durchzogen von halskratzendem Dunst, weil er seit fast einer Stunde Kette raucht, während sein Blick sich in das kleine Haus bohrt, darauf wartend, dass das Licht im oberen Stockwerk angeht. Von der Straße hat er keinen Einblick in Gerdas Wohnung. Alle Fenster gehören zum Hausflur, was gut ist, weil er so unbeobachtet hier herumlungern und warten kann, dass Miss Superwimper das Gebäude verlässt.
Vor drei Nächten hatte er überstürzt die Wohnung verlassen und war bisher nicht zurück gekehrt. Wieder einmal hatte Gerda ihn mit Dingen konfrontiert, die er seit Jahren tief in der inneren Dunkelheit eingesperrt hält - und damit eine Flut an Bildern und Gedanken ausgelöst, die zu bremsen er einfach nicht mehr die Kraft hat. Zu oft hat sie in den wenigen Tagen an den mentalen Verriegelungen herumgefummelt. Das Schloss ist geknackt, baumelt nutzlos am gebrochenen Bolzen herum, so dass Zweifel, Misstrauen und Verfolgungswahn sich ungehindert in Logans Gedanken ausbreiten. Zuerst wollte er abhauen. Sein weniges verbliebenes Hab und gut in der Wohnung dieser Person zurücklassen und einfach nur Abstand gewinnen. Doch so stark der Drang, sich in Sicherheit zu flüchten, auch in ihm brennt, ist da noch etwas Anderes. Ein Bedürfnis - eine Hoffnung, der er in dieser Form noch nie zuvor begegnet ist. 'Sieh sie nicht als Gefahr, sondern als Chance.' Eine Chance, irgendwann einmal ein halbwegs normales Leben führen zu können. Logan weiß, dass er, um das zu erreichen, an sich arbeiten - die Erlebnisse verarbeiten, analysieren und loslassen muss. Mit jemandem wie ihr könnte es vielleicht möglich sein.
Könnte.
Vielleicht.
Wenn es ihm doch nur nicht so eine verdammte Angst einjagen würde.
Unwirsch greift er nach der Zigarettenschachtel. Der Übelkeit zum Trotz steckt er sich die nächste Kippe an.
Was wenn sie nicht ist, was sie vorgibt? Wenn sie doch in Verbindung steht mit ... IHM. Wenn sie das, was sie scheinbar weiß, nicht selbst aus Beobachtungen und Hirnvermögen erlangt, sondern von IHM hat? Wenn sie eine Falle ist und Logan blind hinein getappt ist? Er hat nachgerechnet. Nächstes Jahr kommt der Wichser raus. Spätestens. Möglich, dass er früher entlassen wird. Oder wurde. Bei dem Gedanken schießt es Logan rebellierend in den Magen, dass er beinahe Brechreiz bekommt. Er muss verdammt vorsichtig sein. Darf ihr nicht den Rücken kehren - für den Fall, dass sie wirklich ... Taube Panik wälzt sich Anlauf nehmend durch seinen Brustkorb und zieht für einen Moment alles Innere zusammen. Das Atmen fällt schwer. Den Kopf in den Nacken legend, lehnt Logan sich zurück, starrt an die Decke des Wageninnenraums und zieht bemüht Luft durch die Nase ein, hält sie zwei Sekunden und lässt sie durch gespitzte Lippen wieder ab. Er wird keinen Fuß in diese Butze setzen, bevor er ein paar Fragen geklärt hat. Die sie natürlich nicht ehrlich beantworten muss. Woher soll der Beweis kommen, dass er ihr trauen kann? "Fuuuck ..." Die linke Hand wischt über die Augen, als könne sie so all das Gift aus dem Schädel ziehen. Unter den Fingern jault das geprellte Jochbein auf. Nachdem Logan die Wohnung verlassen hatte, musste er Dampf ablassen. In einer Kneipe hatte er eine Schlägerei angezettelt. Mehr als eine geschwollenen Wange, hatten die klischeebehafteten Kanadier nicht zu geben. In Evergreen ging er mit einem stolzen Rippenbruch aus der Prügelei heraus. Aber hier ... ein Land voller Weichflöten. Vielleicht hätte er das hiesige Eishockeyteam beleidigen sollen. Dann hätte er vermutlich seine eigenen Zähne geschluckt. Isn Versuch wert. Nächstes Mal.
Im peripheren Blickfeld ploppt eine Veränderung auf. Das Licht im oberen Stockwerk. Logan schaut auf die Uhr. Kurz vor elf. Letzter Gang mit dem Köter. Das Herz poltert unrhythmisch gegen sein Brustbein, als wollte es durchbrechen. Tief einatmend richtet er sich auf. Die linke Hand legt sich an den Türgriff. Dieses Mal wird er sie ansprechen. Die letzten zwei Tage hatte er sie überall hin verfolgt, wo er Zugang bekam. Nicht immer ohne Mühe. Ihr Gang ist rasant und zielstrebig. Mit schmerzendem Knie hatte er sie einige Male beinahe verloren. Aber er musste wissen, wo sie sich tagsüber herumtreibt. Wen sie trifft und ob irgendwer von ihren Kontakten ihm bekannt vorkommt.
Seine Beschattungsversuche waren zumeist erfolglos. Außer an der Uni und beim Einkaufen gab es nur einen Ort, an dem sie sich länger aufhielt. Eine Wohnung im Stadtinneren. Jason Goodman und Billy Bethornton. Simbook nach ein Paar seit mehr als drei Jahren. Auf der Seite des Einen gibt es Fotos von dem Abend des Danko Konzertes. Harmloses Ausgehen unter Freunden. Nicht sicher, was er mit dieser Information anfangen soll, versucht Logan sich zu ermahnen, dass nicht jede Tucke ein simsverachtender Scheißhaufen sein muss - so wie 'nicht jedes Dreibein ein Vollwichser ist', wie Gerda sagte, als sie am See saßen.
Der Bunte studiert an der selben Uni wie Gerda, sein ... Boyfriend arbeitet als IT Heini in einer Bonzenfirma. Das, und der Umstand, dass sie überhaupt mit Schwulen in Kontakt steht, treibt Logan Unruhe ins ohnehin schon aufgewühlte Gemüt. Was man heutzutage mit IT-Wissen anstellen kann, würde ihn vermutlich erschaudern lassen, wenn er nur die Hälfte davon verstünde. Nicht auszudenken, was solche Fähigkeiten in falschen Händen bedeuten könnten. In Händen, die sich nicht dafür interessieren, was richtig oder falsch ist.
Die Haustür öffnet sich und spuckt zuerst die Hündin, dann die zweibeinige Begleitung aus. Logan nimmt einen letzten Zug, ehe er geräuschlos aus dem Wagen steigt. Erst als das Zweiergespann ihm die Rücken zuwendet, drückt er leise die Tür ins Schloss, wirft die Kippe auf den Asphalt und tritt sie mit der Fußspitze aus. Die Straße ist nass vom leichten, aber beständigen Regen, der erst vor Kurzem endete. Die Luft noch immer von Feuchtigkeit getränkt legt Logan augenblicklich ein klammes Gefühl auf die Haut, als er mit festen Schritten durch die dünnen Pfützen auf Gerda zumarschiert. "Needa talk." Seine Stimme schlägt tief und bestimmend an ihren Hinterkopf. Keine Begrüßung. Keine Erklärung. Nur die Forderung, sich dem zu stellen, was gleich folgt.



'Was ein Sauwetter!' Mit großem Widerwillen betritt Gerda hinter BonBon die Straße. Die Hündin liebt jedes Wetter - immerhin eine positive Seele im Haushalt. Das Wetter spiegelt ihren Seelenzustand wieder. Seit nunmehr drei vollen Tagen sind die beiden Damen wieder allein zu Hause, da Baghira sich verpisst hat, nachdem sie ein paar deep dive-Fragen gestellt hat. Seine Traumata sitzen tief - sie hätte es ahnen können und sollen, sich zurück nehmen müssen. Nun ist die eine Seele, die sie neben ihren Freunden seit Jahren zum ersten Mal berührt hat, davongeprescht. Ein mieses, böses Gefühl sagt ihr seit ihrem letzten Treffen mit Jason, dass er nicht wieder kommen wird. Mit Schwung schlägt sie die Kaputze über ihren Kopf und tritt durch den weißen Torbogen des Grundstücks und auf den Bürgersteig. Nach ein paar Schritten, wuselt Bonnie winselnd in die entgegengesetzte Richtung an ihr vorbei. Schwungvoll dreht sich Gerda um und erschrickt fast zu Tode, als Baghira plötzlich und aus dem Nichts vor ihr steht. Sie glaubt ihren Augen kaum, aber da steht er, in Shirt und dünner Stoffhosevor vor ihr, brubbelt etwas, dass sie vor lauter Regen und dem dumpfen Rascheln ihrer Kaputze an den Ohren nicht deutlich hört. "LOGAN!", entfährt es ihr lauter als sie möchte. Sie lässt achtlos die Leine fallen und macht drei große Schritte auf ihn zu, stoppt nicht, als sie seine angespannte Haltung wahrnimmt. "Alter wo warst du? Bist du ok?" Ihre Umarmungen ist kurz und häftig. Mit vor Erleichterung hervorquellenden Tränen taxiert sie ihn, nachdem sie ihn losgelassen hat und einen halben Meter zwischen sie beide gebracht hat. Besorgt fliegt ihr Blick über sein Antlitz. " Was ist mit deinem Gesicht passiert?"



Aus tiefschwarzen Augen funkelt er Gerda an. Sie kommt auf ihn zu, wirft ihre Arme um ihn. Sein Körper versteift sich. Er will ihr ausweichen, doch seine Beine bewegen sich nicht. Erst als sie von ihm ablässt, macht er einen geräuschlosen Schritt nach hinten, ohne den Blick von ihr zu nehmen. Kälte und Misstrauen schlagen ihr entgegen. Die Lippen pressen sich zu einem schmalen Strich zusammen, die Kiefer sind zum Zerbersten angespannt. Sekunden vergehen, in denen nichts geschieht. Logan spürt nichts außer dem heftigen Reflex, abzuhauen und sie niederzuschlagen, sollte sie ihm noch einmal nahe kommen. Trotz seiner dünnen Kleidung registriert er nicht einmal, dass der Regen erneut einsetzt und ihn binnen kurzer Zeit bis auf die Knochen durchnässt. Einige Male hebt und senkt sich sein Brustkorb deutlich sichtbar. Er kämpft mit sich. Mit ihr und diesem Moment. 'Wo warst du, du kleine Missgeburt?' Nur mit Mühe klammert sein Bewusstsein sich am hier und jetzt fest. Dies ist nicht England. Er ist kein Kind. "Du wirst mir jetzt alles sagen, was es über dich zu wissen gibt." Logans Stimme ist nicht laut, aber von brutaler Entschlossenheit. 'Oder muss ich dir Respekt beibringen?!' Vor Logans geistigem Auge öffnet ER die Gürtelschnalle.
"Wie ist dein voller Name? Wann und wo wurdest du geboren? Wann bist du hier angekommen und warum bist du hier? Was für ein Ziel verfolgst du? Warum hast du mich angesprochen - im Club?" Der Bruchteil einer Sekunde des Schweigens bringt einen Hauch Unsicherheit mit, als sich die Tonlage seiner Stimme ändert. Unheil legt sich über die letzten Worte: "Wer sind deine Kontakte?"



Nässe, Regen und innere Kälte untermauern alles, was ihr entgegen getragen wird. Was ist hier los? Logan wirkt wie ein Programm in Dauerschleife. Durchgeschliffen und schwer erreichbar. Bird wiegt ihre Chancen ab. Sie kommt nach ein paar Sekunden zu dem Schluss, dass sie eigentlich keine Chance hat, sein Vertrauen zu bekommen. Das ist wahrscheinlich auch nur ihr wichtig. Aber um sie selbst geht es jetzt nicht. Er braucht etwas anderes. Antworten. Langsam setzt sie ihre Kapuze ab. "Ich heiße Gerda Karlotta Simmer, vor 27 Jahren, am 08.10. im Sternenbild Waage geboren. In Deutschland. Dort habe ich mit meinen Eltern und meinem Bruder zusammen gelebt, bis ich es nicht mehr ausgehalten habe und nach Berlin gezogen bin, um mich selbst zu finden und abzunabeln. Das war vor circa sieben Jahren." Bonnie schlackert sich in ihr Sichtfeld, Gerda ruft sie ran und nimmt ihre Leine wieder auf. Sein Blick haftet an ihr, er ist fast durchnässt und atmet stark. Mechanisch streichelt sie die Hündin eine kurze Weile, bevor sie fortfährt, mit einem härter werdende Kloß im Hals. "In Berlin hab ich versucht, mir mit meinen zweiten festen Freund eine Zukunft aufzubauen. Ging nicht, weil ich zu viel von allem bin oder so." Der Klops beginnt zu brennen, seine schwarzen, stechenden Augen nageln sie an eine imaginäre Wand, so wie Davids Worte es damals taten. Etwas lauter poltert es aus ihr heraus, "Und in der Hoffnung, durch meine Ausbildung zur Erzieherin mit Aufbaustudium ein besserer und umgänglicherer Sim geworden zu sein, den man ertragen kann, bin ich vor fast nem Jahr hier her geflüchtet. Weil ich neu anfangen wollte. In mein Traumland. Ohne diese zurückgewiesene Scheißkuh oder ungenügende Tochter zu sein. Besser zu werden." Eine Pause entsteht, die Wut über ihre hochgewürgte Vergangenheit benebelt sie. Was waren noch die Anderen Fragen? Hat sie alles beantwortet?
Verzweifelt fährt sie sich mit beiden Händen über ihren nassen Kopf. 'Hat ja prima geklappt mit dem 'es geht nicht um dich selbst', was. Der Regen wäscht ein Stück weit die Erinnerungen an die heraufbeschworenen Gesichter weg und sie findet zurück zu Logans letzten beiden Fragen. "Warum ich dich angesprochen habe? - Aus nem sozialen Impuls heraus! Meine Güte! Einfach, weil ich nich an jemandem vorbei gucke oder laufe, der kurz vorm Kollaps ist. Sagte ich aber auch schon mal. Verficktes Helfersyndrom. Und meine Leute? Die kennst du alle, bloß erinnern tust du dich wahrscheinlich nicht mehr. Ash, Bob und ihre Bonnie hier, Jason und Billy. Sonst nur Kommilitonen und das Servicepersonal aus meinen Lieblingsläden." Ohne den Blick fallen zu lassen, zieht sie ihr Handy aus der Jackentasche und entsperrt es. "Kannste reinschauen, überall, ich hab nix zu verbergen."



Gerda redet und Logan starrt sie an. Durchbohrt sie mit kalt prüfenden Blicken. Trotzdem weiß er nicht, ob sie die Wahrheit sagt. Wie zum Teufel soll er das nachprüfen? Ein Teil von ihm will ihr glauben. Sie wirkt, als würde sie es ernst meinen. Aber vielleicht ist sie auch einfach gut im Scheiße labern.
Logan weicht einen Schritt zurück, als Gerda in die Jackentasche greift, um ihr Handy hervorzuholen. Nur flüchtig schenkt er dem Telefon einen Blick, ehe er, auf Abstand bedacht, danach greift, wie ein misstrauischer Streuner, der die Futterspende eines Fremden an sich nimmt. Ein weiterer Schritt vergrößert den Abstand zu ihr, bevor er das Display studiert. Alle paar Sekunden hebt er den Blick, um sicherzugehen, dass sie sich nicht regt. "Warum haste mich kontaktiert wegen der Renovierung? Warum nich deinen Kumpel aus der Uni?"

Sie schnaubt. "Jason und Billy sind große Klasse, haben aber kein Auto und Null, und damit meine ich w i r k l i c h NULL handwerkliches Geschick. Und Ashbo haben zwar nen Bus - den Bandbus - meistens zur Verfügung, sind aber im Urlaub. Also mit dem Bus. Bist somit der einzige weitere Typ mit nem Auto hier in der Stadt, den ich kenne." Gerda räuspert sich und entscheidet sich einfach dafür, auch das letzte bisschen Geheimniswürde fallen zu lassen. "Wollte etwas Geld sparen u-huuund... Ich wollte dich gerne wiedersehen, man." Ihre Ohren werden vermutlich gleich abfallen. Abgebrannt vor Scham. Dennoch fügt sie an, "Ich mag und schätze dich. Simslich. Und auch auf ner Motorhaube." Sie zwingt sich, ihn anzusehen. "Reicht das? Oder soll ich genauer werden?! Dafür werde ich mich aber betrinken müssen. Rede nicht gerne über Sex. Das verunsichert mich."



Logans Daumen wischt über das fremde Display. Er öffnet Kontakte, sucht nach Bildern, die in irgendetwas aus seinem Kopf hineinklicken, doch nichts passiert. Vielleicht hat sie noch ein anderes Handy. Ein geheimes. Logan schnaubt verzweifelt. Ein Schritt nach vorn, reicht er ihr das Gerät zurück. Einige Sekunden starrt er sie weiter an. Plötzlich reißen beide Hände hoch, streifen kraftvoll von seiner Stirn bis hin zum Hinterkopf. Im Inneren tobt der Kampf um Zweifel und Vertrauen, als er sich abwendet, sich einige Schritte von ihr entfernt und dann zurück kehrt. Die Lippen bilden einen schmalen Strich, hinter denen er aggressiv auf einem Fingernagel herumbeißt. Er hat keine Ahnung, was er glauben oder tun soll. Sie kann ihm helfen. Oder sein Untergang sein. Wenn er nur wüsste, wo er ansetzen sollte. Wo ist die Verbindung? Woher könnte sie IHN kennen? Was wäre logisch? "In welchen Ländern warste sonst noch unterwegs?"

"Dänemark, Schweden, England, Schottland, Spanien, Österreich und Tschechien. Urlaube mit der Familie oder mit Freunden. Und Klassenfahrten."

England.
Sie war da.
Wie eine Million anderer Leute auch.
Das bedeutet gar nichts. Ratlos schüttelt sich sein Kopf, als er den Blick senkt. Die Körperspannung lässt endlich nach. Er hat keine Chance, eine Verbindung herzustellen - sollte es denn eine geben. Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie mit IHM zu tun hat? Dass er nichts weiter als ein perverser Auftrag für sie ist? "Eins noch." Er hebt den Blick. Regentropfen hängen von seinen Brauen herunter. "Wieso denken die, mein Name ist Corey? Und wieso hast du das nicht geglaubt?"



Ihre Fellfreundin fiebst und lehnt sich im Sitzen an ihr rechtes Bein. Das tut gut, auch wenn ihr Fell noch mehr Nässe und Kälte an ihre Haut bringt. "Na... Du hast dich als Corey vorgestellt,nehme ich an?! Also nicht in meinem Beisein aber vor den anderen. Geglaubt hab ich ihn dir nicht, weil er erstens nicht zu dir passt und du zweitens auch nicht auf ihn reagiert hast, als du mit ihm angesprochen wurdest." Sie macht eine Pause. "Auf dem Konzert? Im Backstage? Ash hatte dich mit 'Corey' angesprochen und du hast dich irritiert umgeschaut als sie auf dich zukam."

Hat er diesen Namen ins Spiel gebracht? Warum sollte er das tun? Verdammtes Gedächtnis!
Logans Stirn legt sich in Falten, als eine Hand erneut darüber streift. Das ist doch alles ein riesen Haufen Scheiße.
"Haste irgendwem meinen Namen gesagt?" Seine Stimme wird weicher. Kraftloser. Er kann ihr nicht trauen. Aber er kann auch nicht länger in sämtlichen Schatten nach Monstern Ausschau halten. Es ist zu anstrengend. Er ist müde. Körperlich, geistig, gedanklich. "Sollen die doch denken, ich heiß so." Schwerfällig blinzelt er dem Boden entgegen. "Vielleicht gar nich schlecht." Langsam sieht er auf. Zutiefst unglücklich steht Gerda vor ihm, die langen Haare kleben ihr am Gesicht, die Schultern hängen schwer herunter. "Was soll ich machen, Bird?" Ratlos zuckt eine seiner Schultern kaum merklich. Er sieht ihr in die Augen. Diese großen, klaren blauen Augen, die ihn aus irgendeinem Grund fesseln. Und wieder spürt er es. Da ist eine Verbindung zwischen ihnen. Von der Art, wie er sie auch zu Jake hat. Und sie sein Leben lang zu Monica haben wollte.
Er kann ihrem Blick nicht standhalten, also schaut er auf die Hündin. "Ich bin zu dumm, um zu checken, was abgeht." Oder zu selbstverachtend. Seine halbe Kindheit hat er sich wissentlich der Hölle ausgesetzt. Immer wieder hatte er mit dem Gedanken gespielt, abzuhauen und den Scheiß hinter sich zu lassen. Trotzdem tat er es nicht. Vielleicht braucht er diese Qual. Vielleicht ist es das, was er sucht, weil er nichts anderes kennt. Psychologischer Mist eben. Da gibt's ja so Theorien.



Sein Anblick tut ihr fast körperlich weh. Diese Ängste, Zweifel und Zerrissenheit! Sie sieht und spürt, dass er ihr glauben will. Der Regen wird ihn bald wegspülen, jetzt wo er Härte und Kälte hat fallen lassen. Verzweiflung und Erschöpfung scheinen an seinen letzten Kräften zu saugen. Als er sie Bird nennt, löst sich ein Teil ihrer Anspannung. Mitfühlend nimmt sie seinen Blick auf, da ist sie wieder, diese zarte aber doch auch irgendwie tiefe Verbindung zu einander.
"Du bist nicht zu dumm, Logan. Du bist schwer gebranntmarkt und kannst deshalb mir und anderen nicht vertrauen. Das ist doch verständlich, wenn nicht sogar eine logische Konsequenz aus deiner Biographie." Wie gerne würde sie ihn in den Arm nehmen, ihm etwas Kraft und Halt zukommen lassen. "Es tut mir leid, ich wusste nicht, dass du dich mit einem scheinbaren" sie legt ihren Kopf fragend etwas schief, "Schutznamen vorgestellt hast?!?" Gerda streicht sich das gesammelte Wasser aus dem Gesicht. In ihrem Hirn beginnt es zu Arbeiten. Sie stoppt sich schwergängig, hebt beide Hände in eine unterstreichende, entschuldigende Geste. "Ich hab mit Jason über dich und unsere Improvisations-Zweck-WG gesprochen." Verklemmt presst sie ihre Lippen zusammen und schaut kurz zu Boden. Räuspernd und rotgesichtig ergänzt sie der Vollständigkeithalber, den Blick wieder aufnehmend, "Er weiß, dass wir miteinander gepennt haben und das du, wie ich glaube, Logan heißt." Um das Gespräch ein wenig humorvoller zu gestalten, schmunzelt sie weiter, "Und das du ein uuuuuunglaublicher Sturkopp bist." Kleine Pause. "Und ein guter Sim, den ich schätze. Und frag mich jetzt bitte nicht warum. Ich weiß das einfach. Ich fühle sowas. Okay?" Das schiefe Grinsen haltend, wird sie wieder etwas selbstsicher. "Als erstes solltest du aus den nassen Sachen raus und dich aufwärmen?! Du siehst sehr platt und aufgeweicht aus."
Gerda fummelt ihr Schlüsselbund aus der Tasche. "Du weißt, wo du alles findest und das du dich an allem bedienen kannst." Sie strafft ihre Schultern, nachdem er ihr die vier Schlüssel abgenommen hat. "Ähhmm... Ich geh jetzt erstmal mit Bonnie, bin also in circa fünfzehn Minuten wieder da. Wenn du das brauchst und es dich in irgendeine Richtung bestätigt oder dir Zweifel nimmt, dann kannst du auch hinter Schranktüren und durch meine Schubladen gucken." Die Kapuze wieder hochschlagend, geht Bird ihm noch zugewandt drei Schritte rückwärts, bevor sie erleichtert lächelnd und zum kurzweiligen Abschied die leinenfreie Hand hebt."Bis gleich, Baghi"



Logan sieht sie nicht an, während sie spricht. Selbst, als sich ihre Hand mit dem Schlüsselbund in sein Blickfeld schiebt, bleibt sein Augenmerk auf dem Boden gerichtet. Nachdem er alle Kraft für seinen selbstbestimmten Auftritt verbraucht hat, übernimmt nun der andere Part die Regie über sein Inneres. Der Selbsterhaltungstrieb sperrt die von ihm so verehrte, meist vorgetäuschte Selbstsicherheit in die kleine Kammer, tief in ihm verborgen, wo sie den Riegel vors Schloss schiebt und alle Lichter löscht. Übrig bleibt der Teil, der instinktiv dem Gefühl folgt, das Logan selbst nicht wahrnehmen kann. Mit einer mechanischen Bewegung nimmt er die Schlüssel entgegen. Unter dem Daumen fühlt er das kalte Metall, als er über das Material streicht. Die Einkerbungen der Gravierung kratzen an der Hornhaut, die er von den Gitarrensaiten gebildet hat. Durch die dickere Hautschicht fühlen sich die Unebenheiten abgedämpft an. Beinahe wie der Rest seiner Wahrnehmung, wenn er durch die blasenartige Schutzschicht von allem Äußeren abgeschirmt wird.
So ziehen Gerdas Worte an seinem Verstand vorbei, hinterlassen nur einen Schatten von dem, was sie sagt. Und er nickt.
Wie von einer unsichtbaren Hand geführt, setzt er sich lamgsam in Bewegung, dem Haus entgegen. Sein Körper weiß, was zu tun ist. Der Schlüssel schiebt sich ins Schloss, öffnet die Tür und das graue Gebäude nimmt Logan in sich auf.



I've given up
I'm sick of feeling
Is there nothing you can say?
Take this all away
I'm suffocating
Tell me what the fuck is wrong with me

(In Zusammenarbeit mit @S.Bin. )


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05.06.2025 19:26 (zuletzt bearbeitet: 10.01.2026 19:08)
#28
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Bestseller-Schmied

Charaktere: Logan, Elois
Ort: Gerdas Wohnung
Geschichtsstrang: Erlösung III



Die Bässe dröhnen in Logans Gehörgang, die Drums scheppern und treiben den rauen Gesang von Ferenc Halász direkt ins emotionale Verarbeitungszentrum. Er singt vom inneren Krieg, der die Seele auseinander reißt, und der Sehnsucht nach Frieden im eigenen, ständig kochenden Blut. Die Musik malt Bilder von verlorenen Schlachten und von Kriegern, die dennoch nicht aufgeben. Die Worte schieben sich unter Logans Haut, berühren ihn auf eine Weise, wie nur Musik es vermag, während er sich auf seine heutige Aufgabe zu konzentrieren versucht - der Hausflur zu Gerdas Wohnung. Der Job ist nicht beendet, das Versprechen nicht eingehalten.



Er war beinahe so weit, dass es ihm egal gewesen wäre. Was ist ein gebrochenes Wort mehr oder weniger auf seinem Weg zum Scheiterhaufen?
Doch dann entdeckte er die Notizen auf dem Küchentisch.
Das Gespräch mit Gerda hatte keine seiner Fragen beantwortet - auch wenn sie sich bemüht hatte, ihm beide Hände zu reichen. Sein Inneres war viel zu aufgewühlt gewesen, um klare Gedanken fassen und ihre Antworten verarbeiten zu können.

Müde und abgekämpft war er ihrem Angebot gefolgt und hatte die Wohnung betreten. Beinahe apathisch war er nicht in der Lage gewesen, etwas zu essen, zu duschen oder irgendetwas Sinnvolles zu tun. Stattdessen hatte er sich auf das Sofa gesetzt, in den liebevoll gestalteten Raum gestarrt und war schnell seiner Erschöpfung erlegen.
Als er aufwachte, lag eine Decke auf ihm, Verpflegung war an seiner Seite bereitgestellt worden und Gerda schlief unweit entfernt in ihrem Bett.
Die Unruhe des schlechten Schlafes hatten ihn in die Küche getrieben, begleitet von dem ernsthaften Vorhaben, seine Sachen zu packen und zu verschwinden.
Dann fand er den Zettel.
Gerda hatte alles, was sie ihm auf der Straße über sich erzählt hatte, aufgeschrieben. Weil sie 'weiß, dass er sich vielleicht nicht daran erinnern wird'. Und weil sie weiß, 'wie wichtig das für ihn ist.'
Sie hat sich die Mühe gemacht, ihm alles zu zeigen, völlige Transparenz zu bieten. Ihr Handy, ihre Wohnung, alles, was ihre Geschichte widerspiegelt, hat sie ihm offenbart. Nur damit er sich ein kleines bisschen sicherer fühlen kann.
Weil sie ... ihm helfen will. Weil sie ... die Wahrheit sagt. Dass sie nicht weg sieht, wenn jemand zugrunde geht. Weil er, aus unerfindlichen Gründen, ihr nicht egal ist.
Ein Dutzend mal hatte er den Zettel gelesen. Dieses Papier ist mehr, als nur die Informationen, die darauf notiert sind. Es ist der Beweis, dass er sich geirrt hat. Der Beweis, dass er ihr trauen kann. Nun muss er herausfinden, wie sowas funktioniert. Vertrauen.

Das Papier zusammengefaltet in der Hosentasche, hatte er beschlossen, seinen Teil des Deals einzuhalten. Sie hat ihm die Hand in bester Absicht gereicht und er will versuchen, kein feiges Arschloch zu sein. Das ist alles, was er geben kann. Auch wenn er wünschte, es wäre mehr.
Er wird diesen scheiß Flur so dermaßen gründlich renovieren, als hinge sein ganzes Herzblut daran. Es stört ihn nicht einmal mehr, dass die Tapete ein krebserregendes Muster hat. Es wird der schönste Krebsflur ganz Kanadas.
Gerade beginnt er in frühen Morgenstunden, den Kleister für die Tapeten anzurühren, als hinter ihm jemand die Treppe hinauf kommt. In Gedanken vertieft, von dem brüllenden Sound der Band umhüllt und auf seine Aufgabe konzentriert, bekommt er nichts davon mit, dass sich die Frau ihm nähert.



Das leise summen des Ultraschallgerätes vermischt sich mit dumpfen Geräuschen aus dem 1. Stock. Elois Hausman blinzelt verschlafen, wärend sie deutlich früher als gewöhnlich ihre Morgenroutine durchläuft. Während der Reinigung ihrer Brille, setzt sie Kaffee wasser auf und öffnet alle Fenster und Türen zum durchlüften. Ihr bunter Morgenmantel raschelt bei jedem Schritt. Zurück im Badezimmer geht es mit der Gesichtsrestauration weiter, die Sehhilfe ist nun auch fertig und kann getrocknet und aufgesetzt werden. Phantastisch. Der Kaffee verbreitet einen herrlichen Duft. Kurzerhand hat sie zwei Tassen aus dem Schrank geholt und ist nun mit einem Tablett, Koffein und Tassen auf dem Weg nach oben, zum ruhigen Renovierungstummult. Als sie oben auf der Treppe ankommt, steht der junge Mann, den Gerda vor kurzem aufgetan hatte, mit Kleister und Co. wirtschaftend im Flur. Elois betrachtet ihn eine kleine Weile nachdenklich, nachdem sie das Tablett auf dem kleinen Bestelltischen am Treppengeländer abgestellt hat. Er bemerkt sie nicht, aus den Kopfhörern wummert es. Was das für Musik sein soll, kann sie nicht sagen. Laut, krachend und mit Stimmengebrüll. Ihre Augenbrauen steigen langsam höher in die Stirn. Sie hat keinen Zugang zu solchen Dingen. Musik hatte nie zu ihr gesprochen. Aber die Leistung, die dieser Bursche hier abliefert, spricht zu ihr. Bemerkenswert. Sauber, gründlich und akkurat.
Das war ihr auch schon vor ein paar Tagen aufgefallen, als er begonnen hatte. Ihre erste Erinnerung an ihn, ist ihr noch immer klar im Gedächtnis. Sie schmunzelt. Putzig hatte er gewirkt, in seiner mauligen Trotzigkeit, wie ein kleiner wilder Junge. Mit seiner Zigarette in der Schnute. Eine Zigarette! Angesteckt. Im Hausflur. Sie hatte es sofort gerochen und konnte von unten aus dem Flur einen kleinen Blick auf die beiden erhaschen, als ihre Mieterin ihm panisch den Glimmstängel aus dem Mund gepflückt hat. Der Geruch war herrlich! Erinnerungsversunken denkt sie an ihre Raucherzeiten. Es ist fast fünfzehn Jahre her. Ob sie es wagen kann sich eine von ihm zu schnorren? Entschlossen zu fragen, schenkt sie die beiden Tassen voll, und nimmt schnurstracks Kurs auf. Als sie vor ihm steht, grüßt sie ihn mit einem Nicken und der entgegengestreckten Tasse sehr starken schwarzem Kaffee. Umgehend fragt sie ihn mit international bekannter Geste nach einer in diesem Land so abgelehnten Kippe.

Hastig schaut Logan auf, als sich jemand in sein Blickfeld schiebt. Ohne es zu beabsichtigen, weicht er einen Schritt zurück, die Mine feindselig-alarmiert, bis er erkennt, dass es Miss Boutique ist, die einen Kontaktversuch eröffnet. Das Gesicht wird ein wenig weicher, die Schwärze der Augen färbt sich in ein tiefes Braun, doch die skeptische Ernsthaftigkeit bleibt.
Zwei Finger pulen den Hörer aus einem Ohr, der verzerrte fremdsprachige Gesang schlägt in den Raum, während Logan die Vermieterin beäugt, bis sein Blick an der Tasse haften bleibt. Kippe gegen Kaffee? Klingt fair.
Aus der Hosentasche zieht er die zerbeulte Schachtel, bringt die enthaltenen Zigaretten mit einer geschmeidigen Handbewegung in eine Reihe, ehe er sie Elois anbietend hinhält. Mit spitzen Fingern zieht sie eine aus der Schachtel, woraufhin Logan an Ort und Stelle das Zippo entzündet - allein um zu testen, ob Madame hier im Flur ihre Sünde begeht oder auf den Weg nach draußen verweist.



Als ihr Gegenüber skeptisch einen der beiden Musikknöpfe aus der Ohrmuschel pflückt, schallt es seltsamsprachig heraus. Die Sprache erinnert sie an etwas, was sie aus ihrer Kindheit zu kennen glaubt. So wichtig ist die Zuordnung erstmal nicht. Gierig betrachtet sie seine flinken Handbewegungen, die auf eine viel rauchende Routine hinweisen. Ohne das es auffällt mustert sie seine misstrauischen und mauernden Züge. Sieht sie Narben? Quer übers Gesicht? Ja, doch. Eindeutig. Vielleicht sollte sie mal wieder zum Optiker gehen, dass ging jetzt gerade nicht ganz so flott mit der Erkennung. Nachdem sie beherrscht eine der ihr angebotenen Zigaretten an sich genommen hat, hört sie auch schon ein metallisches Klicken. Von seiner Hand mit dem Zippo, wandert ihr Blick zu seinem Gesicht mit dem grenztestenden Ausdruck. Ohne Regung macht sie einen kleinen, halben Schritt auf ihn zu, um
das Nikotin-Stängelchen anzuzünden. Mit dem ersten Zug bringt sie wieder einen angemessenen Abstand zwischen sie beide. Ihren rechten Raucherarm stützend, legt sie ihren linken Arm leicht angewinkelt vor ihren Bauch. Es knallt ihr sofort zwischen die Stirn und in die Lunge. 'Scheiße ja! entfährt ihr ihr Gedanke, bei dem sie über sich selbst schmunzeln muss. Kraftausdrücke gehören normalerweise nicht in ihr Sprachjargon. Ausatmend bedankt sie sich bei dem Spender, der sich - selbstverständlich - auch eine angesteckt hat. Schweigend rauchen sie gemeinsam in seltsam wohltuender Störgeräuschkulisse, die aus den Ohrknöpfen herausschallt. Genießerisch schließt sie die Augen, trotz der leichten Übelkeit, die sich auf den nüchternen Magen niederlegen will. Nickend äußert sie sich anerkennend und wohlwollend über seine Arbeit und seinen Arbeitseinsatz. Im Anschluss erkundigt sie sich, ob er weitere Arbeitskapazitäten hat. Smalltalk ist nicht ihr nicht ihr Ding, sie hält Informationsaustausch und Situationen gerne produktiv und klar.

Logan nimmt die Tasse entgegen, ehe er einen langen Zug aus dem Filter der Zigarette zieht, bei dem er die Alte genau im Auge behält. Ihre Art erinnert ihn an die feinbürgerliche Nachbarschaft seiner Jugend. Aufrecht, stilbewusst und eine bewusste Aussprache. Der Unterschied ist, dass die seine Talente oder gar seine Gewissenhaftigkeit nie bemerkt oder gewürdigt haben. Möglicherweise gab es wenig Anlass dazu - oder die Talente, die sie an ihm beobachteten, gefielen ihn schlichtweg nicht.
"Wofür?", fragt er nuschelnd nach den Kapazitäten, als er die Tasse an die Lippen führt. Soll er jetzt ihre Bude streichen? Denkt die etwa, er ist sowas wie ein Handwerker auf Bestellung?

"Nun," beginnt Elois, eine kleine Qualmpause einlegend "da ich es als sehr angenehm empfinde, nicht alleine zu wohnen und es mit Gerda gut läuft, möchte ich noch eine bauliche Veränderung vornehmen lassen. Ein weiteres WG-Zimmer." Erneut inhaliert sie tief und holt sich ihre Kaffeetasse. Beim ausatmen setzt sie wieder an. "In zwei Tagen kommt eine Firma, die sich um die grobe Trockenbauarbeit kümmert." Die Asche ist schon bedächtig lang, sie trinkt vorsichtig ein paar Schlucke. "Die sind fachlich stark. Aber man muss ihnen beim Stunden schreiben echt auf die Finger gucken - das ist kein Geheimnis. Das möchte ich so gut ich kann reduzieren. Und tja..." Sie blickt sich, ihr Tässchen leerend, vielsagend im Raum um, bevor sie ihre kurz vorm Absturz stehende Glut ins Porzellan fallen lässt. "Deine Arbeit gefällt mit ausnehmend." Die Hälfte der Zigarette ist aufgeraucht. "Wenn du Zeit und Kapazität hättest, würde ich bei Schwarzbezahung Geld sparen, und du könntest es wahrscheinlich auch gut gebrauchen?", erkundigt sie sich neutral fragend, mit Blick auf die Straße, in Richtung seines fahrbaren Untersatzes.



Logans Blick folgt ihrem und landet auf dem alten Chevy - die reinste Klapperkiste. Hätte er mehr Ahnung von Autos, würde er das Ding in Schuss bringen. Er kann einfache Reperaturen durchführen. Aber für so ein Projekt reichen seine Fähigkeiten nicht aus. Möglich, dass er sich eines Tages das nötige Wissen aneignen wird. Aber vorerst stehen andere Prioritäten auf dem Zettel.
"Ich bin kein Handwerker, Lady." Sein Blick fängt ihren erneut auf. "Ich hab einen Job, den ich nicht verlieren darf. Und nen Arsch voll Probleme, um die ich mich kümmern muss." Er hält inne, nimmt einen tiefen Zug, um sich Bedenkzeit zu verschaffen. Die körperliche Arbeit tut ihm gut, das weiß er. Und er hat die Skills, einen solchen Auftrag, zumindest zufriedenstellend, zu erfüllen. Er kann schnell und sauber arbeiten. Wenn Körper und Geist mitmachen - das ist jeden Tag russisch Roulette. "Wenn ich das mache, und ich sage nicht,
d a s s ich es tu, dann arbeite ich nich tagsüber. Da muss ich anderen Scheiß erledigen. Tageslichtscheiß."


Die Frührentnerin verengt belustigt die Augen. Ja, ja. Nur nicht verbindlich werden oder Bedürftigkeit zugeben. Ihr verstorbener Gatte war auch so ein Kandidat. Wie sie ihn über Jahre hinweg unterschwellig zum Traualtar gebracht hat, weiß sie noch. War unglaublich anstrengend, und charakterprüfend. Das Gerdas Bekannter nach wie vor in seinem Auto lebt, führt sie auf sein Erscheinungsbild und Geruch zurück. Gerda hatte sie vor nicht ganz einer Woche gefragt, ob der Junge Mann, neu in der Stadt und noch ohne Wohnung, bei ihr bleiben könne. Zu ihrer Renovierungsunterstützung. "Das stört mich überhaupt nicht.", beginnt sie. "Falls du Interesse hast, könntest du auch das Zimmer nehmen. Für einen gewissen Zeitraum auch günstiger, wenn ein verrechnen deiner Arbeitszeit für dich in Betracht käme." Der Gedanke sagt ihr zu. Der Bursche macht zwar einen recht lädierten Eindruck, aber dass er weiß wo seine Prioritäten liegen, gefällt ihr. Er würde seine Miete pünktlich zahlen, da ist sie sich sicher. Wieder am Filter ziehend, schaut sie aus dem Fenster. So langsam müsste sie doch was essen, um den Inhaltsstoffen der alten Sucht etwas entgegenzusetzen. Sie nimmt ihre Tasse mit der Asche und wendet sich zum Gehen. "Vorausgesetzt, Gerda ist damit einverstanden. Wir haben abgemacht, dass sie Leute vorschlagen kann." Sie schenkt ihm ein offenes Lächeln. "So oder so: Ich bin Elois, keine Lady. Falsche Förmlichkeiten kann ich nicht leiden. Wenn du dich nicht daran hältst, gibt's Rauchverbot im Flur."



Hellhörig geworden lauscht Logan den Worten. Hier entsteht ein neues Zimmer? Der Gedanke hallt hinter seiner Stirn nach. Eine WG mit Gerda?
Noch vor einigen Stunden hätten ihm alle Alarmglocken die Eingeweide aus dem Körper gebrüllt. Ihre sorgsame Notiz kehrt in sein Gedächtnis zurück. Sie kennt zumindest eine seiner größten Schwächen und nimmt sie ganz selbstverständlich als Teil von ihm an. Das ist selten. Trotzdem bleibt ein vorsichtiger Respekt vor ihrem Verstand. In den wenigen Tagen hat sie sich ein Bild von ihm gemacht, das treffender ist, als die Fingerpickings von Duke Garwood. "Wie viel Bedenkzeit hab ich?", fragt er mit ernster Mine. "Wegen dem Einzug."


(In Zusammenarbeit mit @S.Bin. )


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11.06.2025 13:51 (zuletzt bearbeitet: 10.01.2026 19:09)
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Bücherstapler

Charaktere: Gerda
Ort: Toronto (Earlscourt), Gerdas Wohnung
Geschichtsstrang: Ich packe meinen Koffer...

Rückblende
Auferstehung oder "We all need a fix at a time like this"

Maybe someone knows just why
All I know is it's all related
--- Soulsavers ---

Erschöpft und mit pochenden Kopfschmerzen betritt sie ihre Wohnung und lässt erleichtert die beiden schweren, zum bersten vollen Einkaufstüten fallen. Geschafft. Die nächsten drei Tage muss sie nicht vor die Tür. Die Handwerker sind innerhalb des zuletzt angekündigten Zeitraumes so weit gekommen, dass es nun wieder Wasser- und Abwasseranschluss gibt. Sie braucht somit nicht mehr auf Toiletteneimer, Baumarkt-WC, Garten und die nette Nachbarin zurückzugreifen. Halleluja.

Sie verstaut alle Lebensmittel und stellt die noch abzuwaschenden, neuen Küchenhelfer zum Wasserkocher und der Waschschüssel. Liebevoll betrachtet sie ihre stummen Überlebensfreundinnen der letzten anderthalb Wochen, von ihr auf die Namen Gitti & Erika getauft. Näher stand sie noch keinen Gebrauchsgegenständen, wenn man von ihrem ersten Auto und dem allerersten Medienabspielgerät das sie als Jugendliche besitzen durfte, mal absieht.

Ab morgen gibt es hier eigene Pancakes. So langsam muss sie sich zügeln, sonst ist von ihrer Erbschaft nicht mehr genug übrig für Notfälle aller Art. Dennoch genießt sie jeden Dollar, den sie für sich ausgibt in vollen Zügen. Egal ob es kulinarische, temporäre oder langfristige Investitionen sind. Mit leerem Kopf und ausgelaugten Körper schlurft Gerda in den zweiten Raum, den Truppenübungsplatz. Das ist ihr gegenwärtiger Arbeitstitel für ihre Großbaustelle Wohn- und Schlafzimmer. Alles ist überall, ohne sinnhafte Gruppierungen. Taperierutensilien, Mülltüten mit Tapetenresten, Leitern, Farbeimern, Mustertapeten verpackt und unverpackt, Pinsel, Scheren, Rollen, angerührter Kleister, Akkubohrer und -Schrauber, Pflanzen, Abdeckfolie und alte Zeitungen, neue Klamotten vom Flohmarkt, sowie ihre Habseeligkeiten aus ihrem bisherigen Leben. Nur der Plattenspieler und das benutzte, verkrustete Geschirr parken neben der Tür.

Das Chaos um sie herum, die vom Schleppen überanstrengten Muskeln, ihre Kopfschmerzen und übermüdeten, brennenden Augen der zu langen Renovierungsnächte fordern nun ihren Tribut. Hinzu kommt diese widerliche innere Aufgewühltheit. Alles drückt dermaßen auf sie ein, dass sie zu weinen beginnt. Alles alles alles ist zuviel. Sie geht zurück in die Küche und stellt sich für eine kleine Weile vor den geöffneten Kühlschrank.
Abkühlung und Ordnung.
Übersicht.
Klarheit.
Keine Aufgaben, alles hat seinen Platz.
In der Seitentür wartet eine Flasche wundervoll temperierter Weißwein und eine große Pralinenschachtel. Mit beiden Händen schnappt sie sich die beiden auserwählten el compañeros und begibt sich erneut auf das Schlachtfeld. 'Scheiße, ich weiß nicht wo ich anfangen soll. Und will.' Mit wildem Blick durchsucht sie den Raum nach einer ihrer letzten Errungenschaften. Da. Unter dem Bett! Vorsichtig bahnt sie sich ihren Weg zu der LP, die den Titel ihres gegenwärtigen Zustandes perfekt zusammenfasst.




Die Pralinenschachtelhand bekommt das Quadrat zu fassen. Umständlich und schmerzhaft hält sie beide Kameraden fest. Warum sie die Flasche und Trostschoki nicht neben der Tür abstellen konnte, bevor sie den Weg über 200 Gegenstände ans andere Ende des Raumes angetreten ist, weiß sie nicht. Was Gerda weiß ist, dass sie es geschafft hat, wieder heile zur Tür zu kommen und dass ist gegenwärtig eine anzukennende Leistung. 'Sehr gut, Mädchen. Babystep nach Babystep.' Kaputt lässt sie sich an der Wand neben der Tür nieder und weint. Das psychische und physische Burnout steht ganz klar vor der Tür und atmet Horrorfilm-mäßig widerlich durch das Schlüsselloch. Es lacht auch höhnisch.

Wie gut, dass ihre Ausbildung zur pädagogischen Fachkraft ihr nun selbst helfen kann, e r n e u t (!) diesen anstrengenden Weg der Trauerbewältigung bewusst und klar aufarbeiten zu können. Und: Mittlerweile hat sie einen hilfreichen und übersichtlichen Methodenkoffer für Heilungsreisen dieser Art zusammenstellen können.
Um zurück zu sich selbst zu finden.
Um weiter zu gehen.
Um abschließen zu können (dieses Mal, hoffentlich!).
Um zu heilen.

Die ersten beiden Pfade der Phasen, schockähnlicher Zustand (I) und das Vermeiden der Trennung (II), wurden in den vergangenen drei Wochen zuvor beschritten. Es ist nun an der Zeit, die verbleibenden fünf Phasen intensiv durchzugehen. "Los geht's, 'Spiel's noch einmal, Sam'." , murmelt sie Ingrid Bergmans Worte dem Abspielgerät zu. Die Platte, zu dessen Musik sie schon in Berlin zwei Mal Abschied genommen hatte, lässt sich schwer aus ihrer Ummantellung nehmen, aber es klappt.

Das Klavierspiel des Instrumentalstückes 'The Seventh Proof' beginnt. Sie schließt die Augen und die Anspannung löst sich ein wenig, die Tränen versiegen. Sie erlaubt der Musik sie abhohlen, sie zu beruhigen. 'Mach' die Augen wieder auf', befiehlt sie sich, 'und nimm' den Schmerz an, er ist ein wichtiger Teil deines Trauerweges.' Gerda schluckt und begutachtet das unappetitliche Glas.

Der zweite Track beginnt, 'Dead Bells', ein häftiger Kontrast. Gezerre, Gesänge, schraubendes gequietsche... und ziemlich rümpelig, als ob die Instrumente sich nicht einigen wären, ob und wie sie sich miteinander verbinden wollen - so wie ihre Gedanken und Gefühle, sowie dieses Zimmer. Sie konzentriert sich. Die Stimme ihres Lieblingssängers und die Bass-Line bring alles etwas mehr zueinander, aber es teilt sich immer wieder. Harmonie und Disharmonie in einem fließenden Wechsel.

Dieses geeier der Instrumente, ihre Hin- und Hergerissenheit, der beschissene Umstand das sie wieder durch diese Trennung muss, ihn fast körperlich spürt, beim Mastubieren an ihn denkt... Unmerklich und schmerzsteigernd presst sie ihre Kiefer zusammen. Wut und Zorn haken sich links und rechts bei ihr ein. Der Drang etwas wirklich großes zu zerstören breitet sich aus.
Sie öffnet die Flasche und angelt ohne aufzustehen nach dem benutzten Weinglas. ' Scheiß drauf!' Der Weg ins Bad oder in die Küche sind zu weit. Ob Drei-Sekunden-/ oder Drei-Tage-Regel... Es ist ihr eigener Siff. Sie schenkt sich großzügig ein und trinkt ein paar Schlucke.

Marks Stimme trägt Textzeilen an sie heran.
>And it may be my blood is cursed, but I'm breathing<
Ja. Atmen ist eine gute gegenwärtige Aufgabe. Gerda's Blick findet die eingeschweißte Schachtel. Energisch rupft sie die Plastikverpackung ab. Befriedigt seufzend lässt sie sich 30 Sekunden später zwei Trostpflaster auf der Zunge zergehen. 'Allright. Ich werde meine Wutenergie umleiten. Jawoll. Heute aufräumen und morgen die Fenster putzen, damit ich die beiden fertig tapezieren Wände im aller(!!!)schönsten Licht genießen kann.', nickend und sich selbst anschreiend steht sie auf. 'WEIL ICH MICH AUF DAS SCHÖNE IN MEINEM LEBEN FOKUSSIERE. JAAAAH. DAS KANN ICH NÄMLICH.' Entschlossen beginnt sie, die Grünen Lieblinge aus dem Chaos am Boden zu retten.




'Unbalanced Pieces' ist das letzte Stück auf der ersten Seite, von der ersten LP. Nach dreimaligem hören und dem herumgeschleppe der Pflanzen, hat der antreibende Beat und das Musikstück die Phase III, Wut und Zorn, ein Stück weit fortgetragen. >Gone, now carry on, through violent seasons<
Mit dem Wenden der Platte kommt auch ihr Lieblingslied des Albums. 'You Will Miss Me When I Burn'. Was für ein wunderschönes Cover-Stück! Gerda hat es schon oft gehört, aber noch nie im bewussten, kreierten Zusammenhang mit Wut. Oder Zorn. Lauschend versucht sie, sich einzuklinken. Nach den ersten Klängen der Klaviertöne, landet sie dort, wo sie die Stimmung des Songs immer hinführt. Beleidigte, tiefste Traurigkeit, die ein großes Loch hinterlässt. Mit schmerzhaftem Schlucken, Tränen und lautem Weinen lösen sich Teile ihrer selbst und ihrer Anspannung.



Nach dem das Lied geendet hat, arritiert sie die Plattennadel in die Luft und schimpft vor sich her. Das dieser Penner immer noch ein Teil von ihr zu sein scheint, bringt ihr nicht nur die Verzweiflung, sondern - oh Wunder - auch die Wut. Na, dann sind ja alle da. Resigniert schniefend akzeptiert sie, 'Ich bin immer noch nicht ganz frei...'. Drei Mal spielt sie den Song, wärend sie nun doch angetrieben von den Phase III-Gefühlen durchs Zimmer pflügt und ihre Kleidungsstücke kategorisch vorsortiert: Jacken, Oberteile, Hosen. Erneut pausiert sie, mit Pralinen und Getränk.

Sie versucht sich zu konzentrieren, durchzuatmen. Das vorletzte Lied der zweiten Seite von Platte eins, 'Some Misunderstanding', beginnt. Ist sie bereit für die Folgephase? Kann sie nun noch einmal durch den zerstörenden, lähmenden Abschied warten? Durch diese ätzende Jauchgrube an wiedergebrachten, auflackernden Gefühlen und einen vermalledeiten Hofnungsschimmer? Die gebrochene junge Frau schlägt die Hände vor ihr Gesicht. 'Fuck, ja. Ich bin ja quasi schon seit Tagen wieder drin.' Die Gedanken, dass es sich vielleicht doch lohnt um ihre ehemalige Beziehung zu kämpfen (IV), übernimmt umgehend. Es wäre möglicherweise anders schön?


https://pin.it/564T4XUxK


' Stopp!', bremst sie sich. 'Zitronengelb ist nicht die Farbe für: >Egal was du hier liest, eigentlich will ich dich zurück. Und ich habe trotz neuer Alte verstanden, dass ich nur dich will. Ich komme zu dir, werfe mein Leben hier weg, um zu dir zu kommen. Die Kette ist mein Versprechen an dich, mein Mallorca-Handtuch! Warte, warte!<
Weinend legt sie die letzten Klamotten auf einen Haufen und schenkt sich nach. Eine Marzipanpraline verschwindet tröstlich in ihrem Mund. Doch was, wenn es d o c h noch eine klitzekleine Chance für sie beide gibt? Irgendwann? Er war ihre große Liebe und in ein paar Jahren, wird sie auch wieder Deutschland besuchen. Ein unterschwelliger Zuspruch dringt in ihr Ohr und Herz, >Both of us need inspiration, and the timing must be right<, dringt Marks Stimme durch ihr Luftschloss zu ihr durch, >But I see my life before me, and I'd like to make a try, maybe someone knows what fate is, maybe someone knows just why<. Verbittert trinkt sie zwei Schlucke Wein. 'Das, Mr. Lanegan...', eine Praline wird nachgeschoben, "hilft GAR NICHT!", schnautzt sie, etwas nuschelnd und sprühend, dem Plattenspieler entgegen. Umständlich stellt sie das Glas ab und nestelt am Verschluss der Sternchenkette herum, bis sie ihr vom Hals gleitet. Umständlich fummelt sie das Schmuckstück aus ihrem Ausschnitt.

Warum ist die Vorstellung, sich zum altbekannten "Spatz in der Hand statt zur Taube auf dem Dach" zu wenden, so stark? Welchen beschissenen Sinn hat dieser Amoklauf? Gerda seufzt tief. Diese Fragen hat sie sich schon tausend mal gestellt. Wieder voll in den ungesunden und unrealistischen Gefilden stehend, packt sie die Überforderung des Raumes.

Augenwischend versucht sie sich zu bestärken. 'Den zweiten Ordnungsschritt hab ich geschafft einzuläuten, jetzt heißt es dranbleiben. Wenn die Klamotten weggeräumt sind, hab ich den schlimmsten Teil geschafft.' Das letzte Lied von LP 1 beginnt, 'All the way down'.

Gerdas Gehirn versucht, zu dem weichen, gospelähnlichen Hintergrundgesang sich ihrer nächsten Aufgabe zu stellen. Warum sträubt sich ihr Körper nahezu, diesen Aufräumschritt zu machen? SEIT TAGEN? "Atme! Mach weiter." Sich selbst im beruhigenden Rhythmus des Songs wiegend, entscheidet sie sich dafür, Unterwäsche und Socken in Einkaufstüten vorzusortieren, für ein schnelleres Ergebnis. Während das Stück zum zweiten Mal anläuft, beschließt sie, sich mit nachgefülltem Glas, Schokoladenspeichel und Entschlossenheit sich Mark's gesungener Einladung >Upon six white horses the carriage is drawn, all the way down< hinzugeben, uuuuuund der... der... der wie vielten Phase nochmal zu stellen?! 'Pfftt... Scheiß auf Zahlen... Wieso nenn' ich die mir überhaupt immer?', fragt sie sich und ihren beginnenden Brausekopf. Klärend und sich erinnernd zieht sie schniefend mit Mühe die Augenbrauen in die Stirn, als die Textzeilen >Seems like I can't come up no more, won't be happy again, no, no, no, no< erklingen.



Ihrer Antriebslosigkeit und gedrückte Stimmung, ihrer Freudlosigkeit und dem Interessenverlust der doch eigentlich geliebten Renovierung, wird nun der Schleier der Ungreifbarkeit genommen. Eine zusätzliche Phase, die sie eben noch nicht benennen konnte, blättert sich vor ihrem inneren Auge in Großbuchstaben auf, wie ein Daumenkino. D E P R E S S I O N. Ihre Mutter hat so prägend damit zu tun, dass sie sich selbst Jahre lang vorgegaukelt hat, dass diese Störung ja quasi schon familiär besetzt ist und sie als Tochter Simmer diesen Staffelstab nicht weitergereicht bekommen hat. Sie, Gerdalotta hat andere Issues. Und ganz allgemein war sie ja viel zu optimistisch und fröhlich für ein depressives Mindset. Ein fieser Kloß bildet sich, der sich auch nicht wegspülen lässt. Der zweite Satz aus dem Stück 'Shadows falls' knallt der Königin-im-sich-eins-in-die-Tasche-lügen zusätzlich zum Liebeskummer Erkenntnis und Familienschmerz mit rein. Es ist, als würde ihr Körper erst in verschiedene Richtungen gezogen und dann bis zur Ohnmacht zusammen gedrückt werden.
>When darkness falls from above, stay under me my love<. Ironisch schnaubend gesteht sie sich, "Scheiße man ich bin sowas von ein Depri-Pepri." Auch hier weiß ihr Lieblingssänger, schön aber fies in die Kerbe zu raunen, >Come only to drift downward slow, in the dying light is a dream beyond time<. Gerda blickt bekümmert aus dem Fenster und konzentriert sich auf die instrumentalen Reize des Songs. Irgendein prägnantes Geräusch (Instrument?) qietschsägt sich in den Vordergrund. Nicht unangenehm, aber seltsam. Sie lässt sich erschöpft aus den Textzeilen ziehen und bemerkt, dass ihre Blase zum Bersten voll ist.





Als sie von der Toilette zurückkehrt, ist das Nachfolgelied gerade zu Ende
(Trauer-Step, Teil zwei von Phase V, flüstert ihr Unterbewusstsein ihr überflüssigerweise zu). Die Plattennadel landet sanft auf ihrem Parkplatz. Mit beschwippster Mühe setzt sie die Nadelspitze beim zweiten Song der zweiten LP an. Wunderschöne Klavier- und Cello(???)Klänge ebnen einladend den Weg von 'Can't catch the train'. Wo war sie gedanklich gerade beim Pinkeln? Ja genau. Die Metapher des Zuges, den sie nicht erreichen kann. Der Zug, der sie aus diesem Sehnsuchts- und Trauergefängnis schaffen soll, in dem sie sich noch befindet. Mit >With sorrows to suffer unknown< fährt dafür ein anderer Anschlusszug in ihren Gedankenbahnhof ein. Ihre letzte Fragerunde bezüglich der unterschiedlichen Vögel fällt ihr wieder ein. '... Mit unbekannten Sorgen zu leiden...', übersetzt sie aufschlüsselnd.

Tja. Der David-Spatz ist eine bekannte Größe, beziehungsweise Sorge. Keine bösen Überraschungen. Anders als bei der unbekannten Taube. Sich auf die Unterlippe beißend, blinzelt sie den Stern, Davids süßes, erinnerungsträchtiges Geschenk an.

Nach Mark's, >One day you're hung at the end of the rope, hat in your hand, near the station just begging<, bleibt der Abgleich: Entspricht es ihr, traurig auf abgefahrene Züge zu warten, in der Hoffnung, dass er zu ihr zurück fährt, wenn die Endstation erreicht wurde? Oder zieht sie wie eine Taube lieber selbstbestimmt weiter? Ein süßes Schokoquadrat wird gegessen, danach muss sie ein wenig lächeln. Sie weiß, wer sie tief in sich drin ist.




Mit den letzten beiden Liedern der ersten Seite von der zweiten Platte, zieht Gerda das Verräumen ihre Oberbekleidung durch. Neue und bewährte Falttechnicken begleiten sie in der VI Phase, die des Loslassens. Verächtlich schnaubend schenkt sie sich nach. Als ob! Loslassen ist quasi eine Lebensbaustelle von ihr! 'Pharaoh' s Chariot' nimmt sie mit mit seinem trägen Tempo und ihrem durch Prozente beschwerten Kopf. >Take it as you may, my love has gone away< ist hier der verbale Reiz, der ihr helfen soll. 'Lass! Los! Er ist weg. Weit weg.' Drei Schubläden sind gefüllt, weiter geht's. 'Praying Ground' bestärkt das zuvor eingeläutet Feeling. Die Stimme der Sängerin berührt sie anders als die von Mark. Es ist, als würde sie von einer großen, sanften Schwester unterstützt werden. Erschöpfung bäumt sich auf, dennoch räumt sie weiter die Kommode ein. >Prayin' to sleep, prayin' that it will come easy<, zieht sie erneut in einem Weinkrampf. Warum ist es nur so schwer loszulassen? Warum quält sie sich so? Nach drei maligem hören des Songs, wird es etwas besser und ihre 'Schwester' schleift sie, nachdem sie die Platte gewendet hat, durch das zähe Kaugummi-Lied 'Rolling Sky', im Duett mit Mr. Lanegan. Getragen von anstrengenden Lauten, die seelengequälte Instrumente von sich geben. Sie schnäutzt sich die Nase, >This sleepwalking prayer of mine, it locked away, it's done this time< schließt den Kreis zum vorherigen Song und ja, jetzt geht sie weiter.

Mit hartem Schwipps und einem Schokospeichel, der unangenehm wird, legt sie vor der letzten Phase (VII: Neu orientieren) eine kurze Musikpause ein. Sie braucht Wasser, dringend. Auf dem Weg in die Küche, überprüft Gerda den zurückgelassenen Raum mit dem gegenwärtigen Ergebnis. 'Nicht übel.' grinst sie sich leicht schwankend zu. Mit dem Messbecher, gefüllt mit Leitungswasser, kehrt sie zurück. Sie zwingt sich, ein Drittel sofort in sich rein zu kippen. Anstrengend war das irgendwie. Überrascht zieht sie die Augenbrauen in die Stirn und macht sich daran, den vorletzten Song des Albums hörbar zu machen.

'Wise Blood' ist ein düsteres Instrumental-Stück, welches mit seinen Streichinstrumentkompositionen hervorragend zum Feeling vom Angetrunken sein passt. Sie Grinst. Die Musiker transportieren das Gefühl von aufstehen, langsam einen Berg erklimmen, Erlösung finden, gewiegt werden. Im Stehen trinkt sie nun weiter vom Wasser, atmet gleichmäßig und ruhig. 'Einfach sein. Zurück zu S I C H selbst und die verkümmerten Stärken neu beleben.'



Nachdem sie das Lied zum zweiten Mal gehört hat, ist Gerda mit ihrer Bestandsaufnahme für die verbleibenden Aufgaben fertig. Ein Werkzeugkarton muss noch installiert werden, der Müll muss raus, Fenster putzen. Schwer seufzend richtet sie die Nadel des Abspielgerät es neu aus.

'By My Side' bringt ihr zum Abschluss noch einmal die erfühlte (erwünschte!?!) große Schwester näher. Die australische Singer-Songwriterin legt sich mit ihrem Gesang kuscheldeckenartig über ihren schmerzenden Körper. Wie hieß die Künstlerin noch mal?! Wo ist die Plattenhülle? Da. Rosa Agostino - Red Ghost. Die sollte sie mal für andere Lebenslagen auschecken. 'Jetzt nicht abdriften! Gleich ist das Album zu Ende.' Für jetzt, wie damals, als sie das erste Mal Trennungsverarbeitung mit diesem Album angestrebt hatte, reicht was da zu ihr schallt. Sue atmet tief ein und aus. Dieses letzte Stück zieht Gerda mit seiner düsteren und dennoch wärmenden Atmosphäre wieder ein wenig nach oben. Das Gefühl einer kleinen, erschöpfen Auferstehung breitet sich langsam und leise in ihr aus. Sie weiß wer sie ist und was sie braucht und will. Sie weiß, dass alles einen Sinn hat und sie keine Zeit verschwendet hat, auch nicht an und mit ihm. Es gab auch viele schöne Momente und Zeiten, aus denen sie viel für sich und ihr Leben mitgenommen hat. Mit tränenerfüllten Augen greift sie nach den abschließenden Worten.
>Another long drive, strange, weary night, streets are bare, you are by my side< Sie muss lächeln, als der Blick auf der kleinen Sternenkette zum Ruhen kommt. Es ist okay, sie zu behalten und sie zu tragen. Auch wenn sie weiterzieht, so wie er, bleibt ein Stück von ihm, von ihnen beiden.



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25.07.2025 14:07 (zuletzt bearbeitet: 10.01.2026 19:10)
#30
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Bestseller-Schmied

Charaktere: Gerda, Logan
Ort: Gerdas Wohnung / Flohmarkt
Geschichtsstrang: Der Vogel und der Panther - flatter, flatter, flapp, flapp



Was hat sie sich da nur eingebrockt!? Erschöpft und müde schaut die junge Frau in den Spiegel. Die letzte Nacht war furchtbar. Ashbo hatten gestern ihre Bonnie wieder abgeholt - das Loch das die Abwesenheit ihrer Fellfreundin reißt, ist nahezu bodenlos. Die drei Wochen, die sie nach den vielen Jahren ohne Hundebegleitung durchs Leben "leben" durfte, haben ihr einen verdrängten Traum zurückgebracht. Ein eigener Hund. Gerda spürt, wie ihr die Tränen kommen. Wie ist das überhaupt möglich? Theoretisch müsste sie für ein halbes Jahr leergeweint sein. Die Stunden nach Bonnie's Abschied bis morgens um drei, also vor knapp vier Stunden, hatte sie nahezu durchgeschluchzt. Ein Glück für sie Abends, da dass die Stunden sind, in denen ihr nun offizieller, neuer M i t b e w o h n e r (!) sich im Flur den Handwerkerarsch aufreißt. So konnte sie mit weniger Scham rumheulen. Ja. Entgegen ihrer ursprünglichen Pläne wohnt sie jetzt nicht mehr allein. Das hatte sie so gewollt. Plötzlich. Und nun? Nachdem alles mit Elois und Maule-Baghi besprochen ist, kommen die härtesten Zweifel. Nix mehr mit 'alles nur meins', 'ausschließlich meine Regeln und mein Siff', et cetera. Absprachen für Badezimmerzeiten und gemeinsame Raumnutzung, Putzpläne, angepasste Lautstärke, beschissene Kompromisse!
'Suuuuperklasse du Vollidiotin.', schimpft sie sich im Spiegelbild zu, bevor sie sich zwei Hände vom kalten Wasser ins verquollene Gesicht schüttet. Die Vorteile des nicht alleine seins, sind gerade nicht greifbar. Überlagert von der eingeschränkten Privatsphäre durch die Handwerker aus der Firma, die den Umbau in ihrer Wohnung erledigen, sodass ein weiteres Zimmer zur Verfügung steht. Eben weil sie gemerkt hat, dass sie langfristig doch darauf steht, nicht immer alleine zu sein. Und nach dem Studium, könnte sie sich mit einem Job die Wohnung alleine leisten. Oder, falls es doch nochmal jemand geben sollte der sie mögen könnte... vielleicht ein Partner?!? 'Stopp! Hör auf dich schlecht zu machen, natürlich bist du auch irgendwie liebenswert genug!' Kraft suchend klammert Sie sich am Waschbecken fest.
Eine viertel Stunde später hat sie sich wieder einigermaßen im Griff und angezogen. Auf dem Weg durch die Wohnung, an den Fremden mit dem Baulärm vorbei, über die Küche zum Kaffeebecherbetanken und dann raus, zum Auto. Zu Logan. Um zum Flohmarkt zu fahren. Sie hat so keinen Bock. Dieses anstrengende Angeschweige! Und nahezu ausschließlich über Zettel kommunizieren, damit er sich fangen kann und sich nicht bedroht fühlt, zieht ihr zusätzlich seit drei beschissen langen Tagen den Saft ab. Sie ist froh dass er wieder da ist, voll, aber irgendwie ist gerade alles schwieriger und kaum zum aushalten. Maulig stapft sie auf den Panter und sein Fahrzeug zu.



Vom Dunst seiner Zigarette umhüllt, steht Logan rücklings an der Fahrertür des Chevy angelehnt und scrollt durch die Checkliste auf dem Handy. Mit der schriftlichen Bestätigung von Elois konnte er endlich ein Visum beantragen und das Auto anmelden. Krasse Scheiße! Jetzt ist er kein illegaler Einwanderer mehr. Wenn er jetzt negativ auffällt, bringen die Bullen ihn schlimmstenfalls in eine Ausnüchterungszelle, statt zum Flughafen. Er könnte kaum in Worte fassen, was für eine Last ihm mit diesem Schritt von den Schultern gefallen ist. Er hat tatsächlich ein Dach überm Kopf. Und Zugang zu einem Badezimmer. Mit fließendem Wasser. Der Wahnsinn!
Zwar ermahnt ihn noch immer eine innere Stimme zur Vorsicht, doch die Hoffnung auf bessere Zeiten in greifbarer Nähe erhellt sein Gemüt - zumindest für ihn selbst - spürbar. So kann auch der wenige Schlaf der letzten Nächte ihm nicht die Pläne vereiteln, nach Möbeln zu schauen. Das Budget ist begrenzt, aber ein schlichtes Bett sollte erschwinglich sein. Logan macht sich nichts aus Luxus. Ein paar Holzbretter würden ihm schon genügen.
Das Geräusch der Haustür lässt ihn aufschauen, als Gerda mit verkniffener Mine auf ihn zu trampelt, als hätte sie einen Zoff mit ihren Hämorrhoiden verloren. Sie hatte Logan angeboten, ihm die hiesigen Second-Hand-Märkte zu zeigen, bei denen man angeblich 'immer was Brauchbares findet'. Das Handy in die Gesäßtasche schiebend, nimmt Logan den letzten Zug, bevor er die Kippe auf den Asphalt wirft und die knarrende Fahrertür öffnet, um sich in die abgenutzten Polster fallen zu lassen.

Als Bird die Beifahrertür aufreißt, schwingt sich ihr eine brechreizerregende Luftfaust entgegen, die sie zwei Schritte zurücktaumeln lässt und sie beinahe in den Kotzreiz katapultiert. Würgend dreht sie sich zur Seite und es entfahren ihr ein Haufen Schimpfwörter. Auf deutsch, in den wildesten und lautesten Kombinationen, die ihre 1,63m Körpergröße zulassen. Das Auto, das Wetter, seine scheiß Qualmerei, er, Elois, die Handwerker, ihr Leben, die Straße und besonders die Vögel (warum auch immer) bekommen ihr Fett weg. Nachdem sie sich abgeschimpft und gestampft hat, reißt sie die eben in Rage mehrfach geöffnete und wieder zugeworfene Tür des Fahrzeuges bis zum Anschlag auf und funkelt ihn an, in leise geht es jedoch immer noch nicht. "IST DAS DEIN SCHEIẞERNST??? IN DIESER GASKAMMER WILLST DU MIT MIR LOS?!?" Kopfschüttelnd und eine erneute Jähzornswelle spürend dreht sie sich von ihm weg und kneift sich schmerzhaft in den linken Unterarm. 'Hör auf, Gerdalotta, hör auf. Jetzt. Atme.' Es tut weh und hilft. Etwas ruhiger meckert sie weiter vor sich her, düst dabei rund um den Chevy herum, alle weiter Türen aufreißend. "Ich bin erst bereit dir zu verraten wo du gute Scheiße bekommst, wenn deine Karre ein wenig ausgelüftet und vom Kippendreck befreit ist." An der Fahrerseite angekommen, beugt sie sich zu ihm rein, seinen frischen Raucheratem wegblinzelnd. "Und Wehe!", ihr rechter erhobener Zeigefinger schießt zwischen sie, "Wehe du verpisst dich jetzt wieder, NUR WEIL ICH MIT DIR REDE UND ANSAGEN MACHE!!!" Mit Schwung zieht sie ihren Finger wieder ein und informiert ihn, dass sie jetzt erstmal Zeug zum Saubermachen holt und er derjenige welche sein wird, der die Reste aus dem Aschenbecher zu holen hat.

Irritiert sieht Logan nach rechts herüber, als die Beifahrertür sich nach dem Öffnen direkt wieder zuschlägt - begleitet von unsimlischen Geräuschen des Abscheu. Zugegeben dürfte die Karre nicht gerade nach Rosenblättern duften, aber so schlimm ist es nun auch nicht, findet er. Ein Mundwinkel hebt sich dezent, als Gerda vor geschlossener Tür in bunteste Tiraden ausbricht. Entweder wiegt sie sich in Sicherheit, in dem Glauben, er verstünde ihre Muttersprache nicht, oder sie wird von den verbalen Gedankendekorationen vollkommen überwältigt. So oder so muss Logan zunehmend belustigt feststellen, zu welchem Vokabular seine neue Hauptmieterin fähig ist. Eine herrliche Eigenschaft der Deutschen ist es, alle brauchbaren Worte ihrer Sprache einfach aneinander zu reihen - ohne Rücksicht auf Sinn und Klang - und so vollkommen neue und farbenfrohe Kreationen zu erschaffen.
Plötzlich und ohne Vorwarnung streckt sich ihr Kopf ihm entgegen, Blick und erhobener Finger lassen ihn gute fünf Zentimeter zurückweichen, aus Sorge, er könnte ansonsten augenblicklich bei lebendigem Leib zerkaut und wieder ausgespuckt werden. So schnell sie sich vor sein Gesicht geschoben hat, so schnell ist sie wieder verschwunden. Ihre Ansage hängt bleischwer im Dunst des Wageninnenraumes, als Logans Blick ihr folgt und sich ein heimliches, stummes Lachen auf seine Lippen stiehlt.



Kaum ist sie im Haus verschwunden, zieht er den überfüllten Aschenbecher aus der Armatur, sammelt verloren gegangene Filter unter den Sitzen hervor, angelt nebenbei nach den letzten Bierflaschen und balanciert alles zum Mülleimer, neben dem Haus. Durchaus möglich, gibt er in Gedanken zu, dass der Wagen eine olfaktorische Restaurierung braucht. Männerschweiß, Kippen, verschütteter Alkohol, die eine oder andere Currywurst, ... für empfindsame Nasen könnte diese Mischung vielleicht, unter Umständen, ein wenig unangenehm sein.
Normalerweise würde er es auf einen Kampf ankommen lassen. Doch nachdem Gerda sich die letzten Tage enorm zurückgehalten, ihn kaum angesprochen und ihm den größtmöglichen Freiraum gewährt hat, wäre es nur fair, ihr ebenfalls ein Stück entgegen zu kommen. Dennoch - ganz unkommentiert kann er ihren Ausbruch nicht lassen.
Mit einem Eimer Putzwasser und Lappen bewaffnet prescht sie nur wenige Augenblicke später aus dem Haus und direkt auf den Notfall zu, als Logan sich ihr mit einem amüsierten Funkeln in den Augen zuwendet. "Die 'Kackbradße' hat die 'verßifften Wichsstummel' ßicher entßorgt.", zitiert er ihre Worte auf sicherem deutsch, wenn auch mit hörbarem Akzent. "Keine Grund, 'die verfickte Stinkekarre vollßukodßen'." Die Brauen heben sich versöhnlich in die Stirn, als er schmunzelnd, noch immer in ihrer Muttersprache, anfügt: "Wenns dir doch hoch kommt, halt ich dein Haar."

Mit der allergrößten Beherrschung und dem Vorhaben, nicht ein weiteres Mal zu explodieren, marschiert sie, nicht ohne in regelmäßigen Abständen ein wenig Wasser aus dem zu vollen Eimer verlierend, auf den lässig am Wagen lehnenden Verschmutzer zu. Der Kerl lächelt ihr entgegen?! Was für eine bodenlose Frechheit - sie wäre fast krepiert beim Versuch ins Auto zu steigen! Als sie bei ihm ankommt, grinst er noch immer. Und dann passiert es. Zuerst versteht sie es nicht, ihr Gehirn hat brutale Schwierigkeiten zu greifen, was sie hört. Sie ist sich sicher (!), auf Deutsch gewettert und geflucht zu haben, nicht auf Englisch. Aber wieso zitiert er sie dann? Wortgetreu? Okay, sicher ist sie sich dabei nicht, die vergangenen Wutminuten verschwinden schon wieder im Verdrängungsnebel, aber es würde zu ihren Universalschimpfwörtern passen. Gerda blinzelt ihn prüfend an, zu einem Drittel überrascht, zu einem weiteren beeindruckt und zum letzten belustigt. Der letzte der Dreiteiler will gewinnen, aber sie ist noch nicht fertig mit angepisst sein. Das soll er nicht sehen. Zeiterschleichend fährt sie sich mit der Zunge über die Zähne und lässt dann ein kurzes, scharfes Schnalzen über die Lippen, welches ihr Gefühlspotpourri zusammenfasst. Sie schaut ihm ins Gesicht, ein Teil von ihr möchte die Freude darüber, dass er ihren Ausbruch mit Humor quittiert und sogar deutlich weniger angespannt aussieht, auch würdigen. Aber das geht noch nicht. Ihre Würde, ob lächerlich oder nicht, wird sie noch versuchen, aufrecht zu erhalten. 'Der Kerl, ey!' Gespielt über-den-Dingen-stehend, stellt sie den Eimer zwischen sie beide, ohne den Blick von ihm abzuwenden. Wieder auf Augenhöhe rückt ihr Kopf fragend vor, die Hände in die Hüften gestemmt, der Tonfall etwas entspannter. "Was machst eigentlich beruflich?", fragt sie ihn in ihrer Muttersprache.



Ein Auge halb zugekniffen wird seine Mine neutral. "Überßedßer.", anwortet er deutsch. "Buch, Film, alles Möglische."

Ihre Augenbrauen hüpfen anerkennend kurz und schnell in ihre Stirn. "Wow, das find ich krass und beeindruckend." Versöhnlich und nun doch vom Charme seines putzigen Akzentes eingeholt. Mit wiederkehrendem Humor ihrerseits, bringt sie ihn dazu, den Putzlappen aus dem Eimer zu nehmen und auszuwringen. In der Hoffnung, dass er nicht bemerkt, wie niedlich sie ihn gerade findet, umrundet sie das Auto und beginnt überflüssiger Weise, die Fußmatten herauszuholen und auszuklopfen.

Den Lappen in den Händen faltend schaut er herunter. Was will sie, dass er mit dem Ding macht? "Das is nix krass oder beeindruckt.", murmelt er halblaut. "Nur das Einßige, das isch machen kann." Etwas ratlos lässt er sich auf den Fahrersitz sinken. Soll er jetzt Staub wischen? Das ist doch albern. Staub stinkt nicht. Kurzerhand greift er nach dem Aschenbecher, betrachtet den Lappen, zögert einen Moment. Damit kommt er niemals in die Ecken. Wäre es nicht sinnvoller, das kleine Plastikding einfach unter Wasser zu halten? Sein Blick wandert zum Eimer, dann zum Lappen in seiner Hand. Hinter seiner Stirn werden Puzzelteile ineinander gesteckt. Kaum merklich nickt er vor sich her, hebt sich aus dem Wagen - in einer Hand den Auffangbehälter, in der anderen den Lappen. "Isch hab das nisch gelernt. Isch mache einfach." Vor dem Eimer kniet er sich vorsichtig nieder, das rechte Bein leicht ausgestreckt, tunkt den Lappen einige male in den Eimer und wringt ihn dann einhändig über dem Aschenbecher aus, so dass er sich mit dem Putzwasser füllt. Sich aufstemmend schwenkt er das Teil einige Male und schüttet das dunkle Wasser auf die Straße. "Bisher niemand hat sisch beschwert."

Aus aufgerissenen Augen gafft sie ihn an. "Bitte was?!? Ohne es beigebracht bekommen zu haben? Das ist ziemlich abgefahren, man. Du sprichst krass gut." , nickt sie ehrfürchtig. "Du bist also Autodidakt, ja?! Geil." Überlegend wendet sie sich wieder den Fußmatten zu. Was macht sie hier eigentlich mit den Dingern? Ihren Übersprungshandlungsimpuls abwägend, erkundigt sie sich, "Warst du mal in Deutschland? Und welche Sprachen sprichst du noch?"



Autodidakt ... schon möglich, denkt Logan. Er lernt eben, was nötig ist, um zurecht zu kommen. Einige Male schüttelt er den Plastikeinsatz, um das gröbste Wasser zu entfernen, bevor er wieder auf dem Fahrersitz Platz nimmt und den Aschenbecher zurück in die Armatur schiebt. Einen Moment schweigt er verhalten - unschlüssig, wie viel er über seine Zeit in Deutschland zu erzählen bereit ist. "Hmh,", nickt er schließlich, "isch ...", ein leises Räuspern unterbricht den Satz, als er sich wieder sammelt, "... wouhnte da. Eine paar Jahre." Etwas Schweres liegt in seinem Blick, als er zu Gerda aufschaut, eine Braue leicht in die Stirn gezogen fragt er auf englisch: "Reichen drei Sprachen nich?"

Nun muss sie laut Lachen. "Doch, auf jeden!" Mit Anerkennung im Blick nickt sie ihm zu. "Ich trau dir bloß mehr zu, denke ich. Würde mich nicht wundern, wenn du noch viel mehr kannst. Machst auf mich den Eindruck, als hättest du einige viele Begabungen." Befreit von Missmut und Wut, grinst sie breit als sie sagt, "Sogar professionelle Reinigung von Aschenbechern." Gerda räuspert sich angesteckt. "Wollen wir los? Dann bring ich noch flott den Eimer weg." Baghi erwidert ihren Blick neutral und fünf Minuten später, wirft sich die nun Einkaufswilde mit Schwung in die Polster. "Die Fenster bleiben aber offen, okay? Und auf dein Angebot mit dem Haare halten, komm ich vielleicht zurück, es ist noch nicht ganz simslich hier drin."

Wortlos wendet Logan sich nach vorn. Billie sagte ihm immer wieder, dass er zu viel mehr fähig sei, als er denkt. 'Ich begreife nicht, dass du so wenig Vertrauen in deine Fähigkeiten hast.' Er hatte Aussagen dieser Art darauf geschoben, dass sie offensichtlich in ihn verknallt war - in ihm den Rebell gesehen hatte, mit dem sie ihre Eltern auf die Palme bringen konnte.
Nun ist es diese hier, die 'ihm mehr zutraut'. Zu Schulzeiten war er immer der Blockhead - das anstrengende Balg, in dessen Schädel kein Wissen zu pflanzen war. Man schien sich einig, dass er nicht nur stur und unerziehbar, sondern auch ein unaufmerksamer Idiot und irgendwie langsam im Kopf war. Dabei hatte er immer Interesse an verschiedensten Dingen. Er wollte lernen, war wissbegierig, brannte darauf, Dinge zu verstehen und Zusammenhänge zu begreifen. Nur war in seinem Geist einfach kein Platz für den ganzen Kram. All diese Gefühle seines jungen Lebens ließen ihm nicht die Ruhe, sich auf etwas Anderes zu konzentrieren. Aber danach fragte niemand. Es war leichter, anzunehmen, er sei einfach nur zu dumm.

Logan schaltet Musik von Ronny James Dio ein und zündet den Motor, um den Wagen in die von Gerda beschriebene Richtung zu lenken. Sie lebt bereits ein Jahr in dieser Stadt und kennt die speziell ausgestatteten Flohmärkte, auf denen man, nach ihren Worten, 'eine ganze Bude einrichten könnte'.




~*~ * ~*~



Es ist 0,75 Stunden her, dass die beiden im Zentrum von Leslieville in einem Hinterhof, nahe der Flohmarktmeile der hiesigen Händler geparkt haben. Ashbo's Wohnbezirkswissen und ihrer eigenen Möbeljagd verdankt sie dieses Insider-Know how. Ferner ist es 0,5 Stunden her, dass Baghi und Bird nach einer entspannten, gemeinsamen Fahrt und einem guten Shoppingstart sich erneut in die Haare bekommen haben. Er hatte seine absolut zu niedrigen Möbelstandarts verteidigt, sie hatte dafür plädiert, dass er sich was Anständiges besorgt. Zumindest eine okay-e Matratze hatte sie für ihn gefordert, weil er ja schon scheiße genug schläft, falls er schläft. Nachdem beide kurz davor waren, sich lautstark Geschubse anzudrohen, schlug Gerda clever vor, erstmal getrennt einzukaufen, es gibt immer noch was zu finden auf dem Fleamarket. Gerade hatte sie einen ab-so-lu-ten Zufallstreffer geschossen! Ein kleines nützliches Teil aus Edelstahl, welches sie als Cool-das-du-wieder-da-bist-und-herzlich-Willkommen-als-Mitbewohner-Geschenk nur noch gravieren lassen muss. Mit Begeisterung steuert das Fräulein Simmer gerade einen Stand mit Klamotten an, als die Nachricht von Logan eintrifft. "Done. Meet at the car." Bitte was?!?!? Innerhalb von einer halben Stunde hat er alles gefunden? Und verladen?! Wieso sollten sie sich sonst am Auto treffen?
Als sie am Chevy ankommt, steht er lässig rauchend und in etwa um dreißig Zentimeter gewachsen, vor dem sich ihr präsentierenden Gebilde. Mit offenem Mund beäugt sie das zugestopfte und bis übers Dach verschnürte Gefährt.

Zum Gruß ruckt er den Kopf knapp in die Luft, als er sie antraben sieht. "War n guter Tip hier zu shoppen.", erkennt er zufrieden an und schnippt den Filter auf die Straße. "Was?" Gerdas entrückter Blick trifft ihn, so dass er sich fragend zum bepackten Monster umdreht. "Nice oder?" Eine Hand schlägt flach auf die letzte freie Stelle des Daches. "Der Typ isn Tetris-Genie. Naja, und n Riese. Hilft auch irgendwie."



Sie weiß, dass die meisten Männer gelobt werden müssen, wenn sie - aus ihrer Sicht - so richtig was prima gemacht haben. Wäre unter den gegebenen Umständen auch unglaublich sinnvoll, bei der zarten, freundschaftlichen Bindung, die sich gerade an einem Spinnenwebfaden begonnen hat zu entwickeln. Aber es geht nicht. Mit aufeinander gepressten Lippen begutachtet sie den Innenraum. "Und wo, bitteschön, soll ich jetzt sitzen?", schimpft sie ihn fragend an und deutet dabei auf den Plattenspieler, den er wie von einer Vogelmutter die ihre Jungen versorgt, in ein Nest aus weichen Tüchern schützend und kuschelig eingebettet hat. Auf dem Beifahrersitz.

Jegliche Entspanntheit weicht aus Logans Gesicht. Hat die ne Laune heute! "Was kotzte denn schon wieder rum? Ich hab dir extra ne Ecke frei gelassen." Ein fester Handgriff zerrt sie am Arm zum hintersten Part des opulent gestapelten Werkes, wo er auf den Kofferraum deutet. Die Tür öffnet sich nur zur Hälfte, weil der Ballast vom Dach bis zur Fensterscheibe hinunter ragt. Den ungläubigen Blick Gerdas auffangend rollt er mit den Augen. "Glotz nich so! Der Plattenspieler is antik. Der verträgt kein Geruckel. Du kannst damit gut umgehen, wenn ich mich richtig erinner."

Gerda verengt die Augen. Sie hätte übelst Lust, ihm für seine Anspielung auf ihr gemeinsames Stelldichein am See ins Auto zu kotzen. 'Du kleines...' Knurrend unterbricht sie sich selbst und klettert mit aufeinander gepressten Kiefern auf den für sie "reservierten" Platz. Kurz bevor er die Klappe schließt, keift sie ihn nochmal an. "Danke für deine Großzügigkeit!" Aus dem Dunklen heraus brüllt sie ihm noch zu, dass er gefälligst nicht schneller als 30 zu fahren hat, wenn er will das sie ihm beim Abladen und tragen hilft.

"Yeah, whatever ..." Unverständlich vor sich her murmelnd, lässt Logan sich hinter dem Lenkrad in die Polster fallen. Letzte Handgriffe drapieren die von Gerda aufgewühlten Kissen und Decken vorsichtig um den Plattenspieler herum, bevor er den Motor startet und das massive Gefährt auf die Straße lenkt und den Rückweg antritt. "Alles klar, da hinten?", ruft er durch den offenen Raum zurück und quittiert das wütende Gewürge, das ihm entgegenschlägt, mit einem genervten Kopfschütteln. Soll sich mal nicht so anstellen. Bestimmt ist es nicht bequem, aber ist ja nich so, dass sie ohne Luftzufuhr und Tageslicht in nem Reisekoffer eingezwängt hockt. An der ersten Ampel vernimmt er erneut zorniges Gemurmel. "... am Arsch lecken!", dringt es deutschsprachig an sein Ohr. Logans Brauen senken sich tiefer ins Gesicht, ein Mundwinkel hebt sich sarkastisch an. Vielleicht würde ein bisschen Musik Gerda entspannen. Wohlwissend, dass Lautsprecher an den Rücksitzen verbaut sind, schließt er das Handy am Radio an und wählt eine Band aus ihrer Heimat aus dem Streamingdienst. Einer seiner absoluten Lieblingshits donnert kurz darauf aus den Boxen:




'Ich bin ein fucking Schmetterling
Flatter, flatter, flapp, flapp
Fresse in die Blume
Schlabber, schlabber, schlapp, schlapp
Mein Arsch fliegt durch die Luft, du Wichser
Du willst Stress mit mir?
Mit 'nem Schmetterling!? Bist du scheiße im Kopf?
Was genau verstehst du denn nicht?'


(in Zusammenarbeit mit @S.Bin. )


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