Toronto

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21.01.2025 09:13 (zuletzt bearbeitet: 30.05.2025 10:09)
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#11
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Bücherstapler

Charaktere: Gerda
Ort: Toronto (Earlscourt), Gerdas Wohnung
Geschichtsstrang: Ich packe meinen Koffer...

Rückblende
Das neue Refugium oder "Guess who's back?"

Damn, it feels so good
Damn, it feels so nice
--- Danko Jones ---

Genau darauf hat sie den ganzen Tag gewartet: Home... Alone. Schnaufend lässt sie sich an der Haustür hinunterfallen, just nachdem Bob und Ashley diese hinter sich zugezogen haben. Ihr Kopf lehnt an dem Holz und ihr Blick wandert durch den schmalen Eingang des Raumes. Ihrer! Wohnung!!! Sie muss so breit grinsen, dass es fast anstrengend wird auszuhalten. Mit dem Türschlag fallen Anspannung, Stress, Schlafmangel in Kombination mit zuviel Kaffee, Vorfreude und eine seit zwei Tagen vorherrschende Aufgekratztheit von ihr ab. Ein Gefühl von Leichtigkeit und Ruhe stellt sich ein. Beinahe unabhängig! Sie hat es fast geschafft.

'Das ist der Wahnsinn! Innerhalb von zwei Tagen haben wir tatsächlich den Großteil meiner Möbel erjagt und über diese Kacktreppe in den Hausflur geschleppt...' Dabei hätten die Zwillingskommoden und das Bett sie fast umgebracht. Aber die guten Stücke sind einfach zu schön um ihnen lange böse sein zu können. Gerda steht mit brennenden Muskeln auf und wirft einen Blick auf ihre Schätze im Flur. Bis auf den Esstisch mit zwei Stühlen, den Plattenspieler und das Cello, welches sie als neugeborene Verhandlungskünstlerin in einem Superdeal erwerben musste, bleiben vorerst alle Möbelstücke im Flur. Damit sie ungestört von Hindernissen in aller Ruhe mit Farbeimern, Kleister, Tapete und Co herrumsauen kann. Stolz macht sie ein Foto von ihren Errungenschaften, damit sie morgen beim ersten Erwachen überprüfen kann, ob ihre Erinnerungen real sind, ohne ihr Bettlager verlassen zu müssen.



Gerdas Beine werden auf dem Weg ins Wohn- und Schlafzimmer wackelig, ihre Augen fangen an zu brennen. Die Müdigkeit legt sich wie ein schwerer Mantel über sie, als sie ihr Feldlager in der Mitte des Raumes erblickt. Hoffentlich macht ihr Rücken den Wechsel von geiler AshBo-Couch zu selbstaufblasender Iso-Matte meckerfrei mit. Ein Teil von ihr beginnt, sich mit der Camperin für drei Wochen, davon die erste Woche komplett ohne Wasser, während des Hauptrenovierungsprozesses, unwohl zu fühlen. Nein, Moment ... unwohl passt nicht ganz. Sie überlegt kurz. Bedroht ist das Gefühl. Die ausgeliehen Renovierungshelfer, die vor der langen Wand Richtung Badezimmer geparkt sind, bündeln den letzten Rest an Denkvermögen. Gerda kaut auf ihrer Unterlippe. Tapeten an vier Wänden zu entfernen, Tapezier- und Malerwerkzeuge die zu reinigen sind... Sie schließt die Augen und schluckt. Mit Glück wird sie fünf, mit Pech neun Werktage mit ihren Wasserkanistern und zuvor befüllen Eimern klarkommen müssen. Leider hatte sie in ihrer Kalkulation ausgelassen, dass sie tapezieren will. Fürs Kleisteranrühren und Tapeten abreißen braucht sie ja ebenfalls einiges an Wasser. "Stooooopp jeeeetzt, ... du wirst sehen, was, wie und wofür es reichen wird.", ermahnt sie sich selbst. "Immerhin brauchst du in den nächsten zwei Tagen keine Dusche, du hast ja vor einer Stunde nochmal geduscht. Alles cool." Ihr Blick fällt auf die Überraschungsbox, die Ashley ihr zum Zwischenauszug gepackt, und neben Elois' zugesagten Überlebensutensilien gestellt hat. Sie schaut auf ihr Handy. Es ist 1 Uhr nachts. Sie sneakt sich ein Stück näher an die Kiste heran. "Aaaaaawwwww", entfäht es ihr. Eine Dose hochwertiger Instantkaffee, ihre Lieblingshafermilch, eine Packung Kekse, zwei abgepackte Sandwiches und etwas, dass lose in Packpapier eingeschlagen ist. Gerda kreischt vor Freude, als sie erkennt was es ist.



Quelle: https://pin.it/vJgkDwOrU

'Diese Verrückten!' Den Tränen nahe zieht sie ihren morgendlichen Begleiter hervor, der sie täglich seit ihrer Ankunft partnerschaftlich beim Morgenmuffeln unterstützt hat. In seinem Inneren finden sich noch ein kleiner Löffel und ein Gläschen Honig, sowie ein Streuer mit einer Zimt und Zucker-Mischung. Als alles ausgepackt ist und der Wasserkocher seine erste Reinigungsrunde vollendet hat, findet sie noch eine Überraschung. Bis eben erfolgreich verdrängt, leuchtet sie höhnisch der zitronige Umschlag aus Berlin an. Und da schießen die Tränen ein, sie kann nichts dagegen tun. Der erste frisch aufgebrühte und verveinerte Monster-Kaffee duftet stark, süß, vertraut und versöhnlich.
Ihre Hände zittern zwar, dennoch beschließt sie den großen Becher auszutrinken. Brief, Heißgetränk, Plattenspieler und die erste Platte in ihrer kanadischen Sammlung bilden einen Sitzkreis vor ihrem Schlaflager. Sie schaut auf den Brief, danach auf die Stuckleisten des Raumes. Dann wieder auf den Brief. Definitiv hat sie zu viel Kaffee auf zuviel körperliche, geistige und seelische Erschöpfung gegossen, dass ist ihr völlig klar, denn David's Handschrift hat soeben seinen Geruch hierher teleportiert. 'Ich könnte kotzen vor Wut.' Verzweifelt entscheidet sie sich für Kaffee. Sein Geruch verfliegt, Otis wird als moralische Unterstützung hinzugezogen.



Quelle: https://www.galaxus.de/im/productimages/...esizeWidth=1440

Das herrliche Geräusch einer landenden Platten-Nadel dringt in ihr Gehör, schnell ist Track 7 der ersten LP gefunden. Wenn leiden, dann aber bitteschön richtig. Nachdem die ersten Töne erklingen, beginnt sie zu grübeln. Wann hatte sie zum letzten Mal so schmerzlich an ihn denken müssen? Mit Halluzinationen??? Und was war bitteschön passiert, dass er ihr einen Brief(!) nach Übersee statt per Mail zusannte? Und dann auch noch in einem so frechen und aufdringlichen Umschlag? Weitere Grübelein unterbrechend, reißt sie die Post auf. Erleichtert stellt sie fest, dass ihr Ex keine vier Seiten verfasst hat. Allerdings ist scheinbar etwas fragiles lieblos in Küchenpapier geschlungen.
Das zweite Mal sackt Gerda an diesem Morgen befreit in sich zusammen. 'Das gibt es doch nicht. Er hat sein Wort nun doch noch gehalten. Nach beschissenen neun Monaten.' Mit zitternden Händen berührt sie ein schwarzes Plektrum an einem feinen, dünnen Lederband. 'Und er hat sogar was draufgelegt...' Eine weitere Kette purzelt aus den Tüchern. Ein kleiner, schwarzer Stern in einem Kreis, ebenfalls an einem Bändchen aus Leder. Sie schluckt. Otis und sein Song sind auf dem leidvollen Höhepunkt angekommen, danach hört man ihn herzlich lachen. Das rauhe Lachen nimmt sie mit. Motiviert werden die Ketten zur Seite gelegt. 1:45 Uhr. Das Leiterquietschen durchschneidet die musischen Klänge kurzfristig. Pfeifend schnappt sie sich das Malerkreppband und beginnt mit brennenden Augen die Stuckleisten an der Decke abzukleben.

It's gonna feel great
No sleep
No chill
I'm gonna be up all night
Just killing it
No breaks
No rest
--- Danko Jones ---


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24.01.2025 20:42 (zuletzt bearbeitet: 30.05.2025 09:51)
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Bücherstapler

Charaktere: Gerda, Elois Hausman
Ort: Toronto (Earlscourt)
Geschichtsstrang: Ich packe meinen Koffer...

Rückblende
Täglich grüßt das Murmeltier oder "You take me back to the place"

You burn away my disguise
And galaxies fall
Because of this
Because of this
--- Mark Lanegan ---

Sie drückt entspannt und sehr erleichtert auf die Toilettenspühlung ihres neuen, vierten Zuhauses. Binnen drei Tagen hat Gerda herausgefunden, wann sie auf ihrem täglichen Weg zum Baumarkt anfangen muss, ihren Morgenkaffee zu trinken, so dass sie nicht auf den buchstäblichen letzten Pfiff auf der Schüssel ankommt. Es ist soooo ätzend und anstrengend, seinen Tag nach Toilettengängen mit >Torfmasse, die in die Keramik gedrückt werden muss< zu organisieren. Auch wenn sie diese Redewendung aus der Elternheimat verabscheut, schleicht sie sich immer wieder ein. So wie auch jetzt. Händewaschend schaut sie in den Spiegel der Kundentoilette des Baumarktes 'The Home Depot'. Das Camper sein, hatte arge Schattenseiten, wenn im ganzen Haus Wasser und auch Abwasser abgestellt wird. Und man sich nicht in der reinen Natur befindet, mit Büschen und Bäumen zuhauf. Ihre Vermieterin hatte wärend der Wohnungsbesichtigung ja über die Erneuerungen, Veränderungen und was nicht sonst alles noch berichtet, aber ihre Aufregung hatte das Zuhören irgendwie beeinträchtigt. So kam es, dass Elois nicht nur verkündete, dass es definitiv neun, wenn nicht mehr Tage braucht, bis die Installationen im Bad abgeschlossen sind.
"Solange die Handwerker da sind, ziehe ich zu meiner Schwester. Du kannst dich in Notfällen und zum ausleeren deiner Eimer an den Garten und an unsere Nachbarn links von uns wenden. Je nach Eimerinhalt."

Sie trocknet sich die Hände ab und setzt den Rucksack auf. Erleichtert atmet sie aus. Auch heute bleibt es ihr ersparrt, eine Kabinennachbarin zu haben. So geht es zum Glück immer flott mit dem demütigenden Akt und sie kann sich umgehend körperstressbefreit für weitere Wandfarben und Tapeten entscheiden, statt 15 Minuten dazuhocken und sich nicht lösen zu können. Eine andere Kundin betritt die Toilette und vorbei ist es mit der sich wieder einstellenden inneren Ruhe. Mit leicht roten Wangen huscht Gerda aus der noch offenen stehenden Tür. Ein Mitarbeiter grüßt sie und lächelt freundlich und verschmitzt. 'Habe ich ein Déjà-vu?' Sie berührt verlegen ihre Ketten. Ihre und die von David. Sie ist ihm so dankbar. Die leicht rauhe Oberfläche des Plektrums nimmt ihr die Nervösität, dass Gefühl von 'ertappt!' beißt etwas weniger.

And when it hurts sometimes
You're there to quiet my mind
Because
Because of this
Because of this
--- Mark Lanegan ---



Ist es nicht spannend, wie man sein Gehirn konditioniern kann?! Über das Berühren ihrer Kette?! Die Fingerspitzen am Plek, die Handfläche ruht nahe am Herzschlag... So hat sie es eine Million Mal (oder mehr) geschafft, sich selbst zu beruhigen. In größter Not oder Panik eine Verbindung zu sich zu schaffen, um bei sich anzukommen. Die Dankbarkeit wird mit der Erkenntnis Schritt für Schritt auf dem Weg zu der Tapetenmusterwand abgelöst von Ärger. 'Der Mistkerl weiß ganz genau, wie wichtig mir meine Kette war und ist. Und trotzdem hat er sie aus lauter Bockigkeit einbehalten.' Sie beschleunigt ihre Schritte und rast in den Tunnelblick, ihr Blickfeld beginnt sich weich zu zeichnen. "Ich finde sie einfach nicht", äfft sie ihn nach. 'Ich habe so oft danach gefragt. So. Oft.' Der verstörende Gefühlscoctail macht, dass die Dankbarkeit nun erneut an die Oberfläche schwabbt. Er hätte sich allerdings auch nicht die Mühe machen müssen, ihre Adresse rauszubekommen (wer zum Henker war der oder die Verräter*in?). Und sogar noch eine zweite, eine ebenso bedeutungsschwangere Kette draufzupacken. Obwohl er - Zitat: >Nun endlich wieder in einer glücklichen Beziehung ist.<
Die Tränen und die Wut über das erneute Aufgewühlt sein versiegen schlagartig, als sie an ihrem Ziel ankommt und die wohl schönste Wandbeklebung des Jahres entdeckt. Oder wurde sie von der Tapete entdeckt? Egal!

You pry open my eyes
I resist but you do
And when I stumble and bleed
You give your body to me
Because of this
Because of this
--- Mark Lanegan ---



Wie genau Gerda an der Kasse angekommen ist, weiß sie nicht mehr. Auch nicht, nach welchen Kriterien sie weiteres Tapezierzubehör ausgewählt hat und ob alles notwendige auf dem Kassenband liegt. Eine ziemliche Summe wird genannt und die DIY-Tapezier-Königin zückt so lässig wie es gerade noch bei einem solchen, dreistelligen Betrag geht, ihre Karte. Der freundliche Mitarbeiter bedankt sich und wünscht ihr, mit den abschließenden Worten "Bis Morgen!", noch einen schönen Tag. Sie berührt mit einem schwachen, bröckeligem Lächeln ihren widergekehrten Wegbegleiter. Sie nickt ihm zu: "Groundhog daaaaaay! See you tomorrow." Mit roten Ohren stopft sie ihren Rucksack voll und bemüht sich um einen hoheitsvollen Abgang.

Oh, and it hurts sometimes
Cause you're there to quiet my mind
You take me back to the place
Where I cease to exist
To find in your kiss
Something I've missed

You burn away my disguise
And the heavens fall
Because of this
Because of this
--- Mark Lanegan ---


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27.01.2025 15:47 (zuletzt bearbeitet: 30.05.2025 09:53)
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#13
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Bücherstapler

Charaktere: Gerda
Ort: Toronto (Little Italy)
Geschichtsstrang: Ich packe meinen Koffer...

Rückblende
Man gönnt sich (ja sonst nichts) oder "I'll see you in my dreams"

Gonna let the lightning
Tuck me into my bed
Gonna let that man
Let him into my head
I'll see you in my dreams
Electrified and cherry red
And I'll, meet you on the corner
--- Melissa auf der Maur ---



Quelle: https://www.tagvenue.com/resize/48/29/wi...chool-venue.jpg

Umständlich und mit vollen Taschen tritt die junge Frau über die Schwelle des unmittelbar auf der Straßenecke liegenden Restaurants 'Old School'. Der Appetit auf Pancakes und eine Getränkeschweinerei, treiben sie fast in den Wahnsinn. Bestes First-World-Problem. Nachdem die 27-jährige ihren Lieblingsplatz eingenommen hat, steht auch schon eine breit grinsende Servicekraft mit regenbogenfarbenen, wallendem Haar, wie aus einer hochwertigen Werbesendung bei ihr.
"Hallöchen Gerda, wie geht's? Was macht deine Wohnung?", fragt sie zwinkernd mit Blick auf das Taschensammelsorium um den kleiner Diner-Tisch herum.
"Hey Nanc, wie schön dich zu sehen!", strahlt die angesprochene zurück. Noch bevor sie sich bremsen kann, sprudelt es einfach und beinahe nahtlos aus ihr heraus.
"Läuft bei mir." Nickend und mit hochgestellten Augenbrauen ergänzt sie, "Mein Ex hat sich aus der Versenkung gemeldet und mir etwas wichtiges zurückgeben. Und das ist so, weil ER es NUN kann." Sie nickt weiter, ohne es stoppen zu können. "Klasse, oder? Und weißt du was das Schönste daran ist?" Nanc schüttelt amysiert und mitfühlend den herrlichen Kopf.
"Halt dich mal ein bisschen fest.", fordert Gerda sie auf, wärend sie eine Kunstpause einlegt. Als ihr Gegenüber lediglich die Karte des Hauses symbolisch umgreift, führt sie nach drei Sekunden etwas lauter fort als gewollt, wobei sie ihre Knie mit beiden Händen umgteift.
"Jaaaah..., nun kann er mir mein Eigentum zurückgeben, weil er, und jetzt kommt's: In einer neuen, glücklichen Beziehung ist." Das Kopfnicken geht in ungläubiges kopfschütteln über.
"Der Hammer, oder?", fragt sie verzweifelt in den Raum.
"Nicht, aus Respekt mir oder zumindest unserer gemeinsamen schönen und EBENFALLS glücklichen Zeit gegenüber. Nein! Weil es ihm JETZT gut geht und er über unsere Trennung hinweg ist.", lacht sie hysterisch kurz auf.
"Shut up...", kommentiert Nancy treffend und nimmt die neue Bekannte in den Arm. Gerda löst sich dankbar und etwas weniger bratzig aus der tröstenden Umarmung.
"Tja... und nun geb' ich mit allem so richtig Gas. Besonders mit Tapeten, Pflanzen, Platten und Klamotten." Bekräftigend schwingt sie stolz einen leicht abgetragen, dunkelbraunen Bikerstiefel aus dem Second Hand-Laden unter dem Tisch hervor.
"Sweetheart, dass tut mir sehr leid.", entgegnet ihre liebe Bedienung ergänzend und überreicht ihr die Karte.
"Such' dir erstmal was schönes aus. Oder wie immer?"

Das gebrochene, zwischenzeitlich geflickte und gegenwärtig frisch zertretene Herz macht einen kleinen Hüpfer. Die sich sofort einstellende Vorfreude auf die Geschmacksexplosionen, die in circa 5-15 Minuten eintreffen werden, lenken sie schnell um. Gerda schaut durch die geöffneten Bodenfenster in den blauen Himmel. Die fortlaufenden Textzeilen des Songs, den sie beim Eintreten in den Laden im Kopf hatte, schießen in ihre Gedanken.

Under true blue skies
Seeking cherry cola
As the bridging wine
To bring you to my lips, one more time
--- Melissa auf der Maur ---

Kirschen! Eine gute Idee.
"Habt ihr Pancakes auch mit Kirschen, ausnahmsweise? Und dazu einen starken, schwarzen Kaffee.", bettelt sie mit ihrem besten Hundeblick.
"Ich sehe mal, was sich machen lässt.", verspricht die neue Bekannte und entschwebt Richtung Tresen. Mit großer Mühe versucht Gerda, sich von den Umgebungsgeräuschen einfangen zu lassen. Sie hatte überhaupt nicht geplant, einen solchen Ausbruch zu haben. Warum kann sie einfach nicht den Schnabel halten und auf eine Smaltalk-Höflichkeitsfrage mit "Gut, danke. Und dir?" antworten?
'Große Klasse du Nuss. Jetzt haste es geschafft, nach dem dritten Treffen eine potentielle neue Freundin zu verprellen. Ganz ganz prima.' seufzend reibt sie sich den Nacken und nimmt dann die kleinere der beiden Ketten ab und legt sie vor sich auf den Tisch. Misstrauisch beäugt sie das kleine Schmuckstück mit dem Stern. Macht sie das Ding zu Gollum oder die ganze Situation?!? Weil sie sich verraten und zeitgleich hart reflektiert fühlt, ohne dass sie sich damit gerade auseinandersetzen will? Weil David und auch sie sich die Schuld für ihre Trennung geben? Weil sie ihn immernoch liebt und will? Sie schließt die Augen und murmelt ein "Fuck off", als ihre Gedanken weiter zu ihm getragen werden.

Kissing on the corner
I know it's a dream,
It's better than day time,
Cause dream time lasts forever
Swarming on the corner,
Bringing rain, dream time is over
'Til lightning strikes again
--- Melissa aud der Maur ---

Wärend sie sich das Kleinod wieder anlegt, tritt irgend jemand leise fluchend gegen ihren Tütenhaufen. Eine Entschuldigung kommt nicht, dafür ein böser Blick. Ihre an sich selbst gerichteten letzten Worte hängen ihr noch im Gesicht, als sie den Blick auffängt und zurückstarrt. Möchte da jemand eins auf die Nase oder sich eine Beschimpfungstirade abholen? Sie ist offen für alles. Nancy kommt mit einem voll beladenen Tablett und schiebt den ein paar Jahre älteren Mann und ihr aufrollendes Brodeln mit ihrer Präsenz zur Seite und unterbricht damit die aufgezogene Kampfeslust. Über das veränderte Klima irritiert, erkundigt sie sich bei den beiden, ob alles in Ordnung ist. Der Kerl zeigt als Antwort seine auf brusthöhe gehaltenen, offenen Handflächen und geht weiter. 'Besser is, du Vogel.'



Es duftet himmlisch. "Kirschen haben wir nicht, darum hab' ich etwas improvisiert. Kirschsaft und Espresso gehen aufs Haus. Und wenn ich dich richtig einschätze", sie deutet auf eine heiße Schokolade und den phantastischen 'Blueberry Hill', "tröstet dich deine Lieblingskombination jetzt am Besten".



Quelle: https://img.cdn4dd.com/cdn-cgi/image/fit...83c5e98e600.jpg

The sun has crept in,
Away with the night
Good-bye to my lover
I'm back in bed
But lightning is my girl,
And promises me
To bring me to that corner, again and again
--- Melissa auf der Maur ---


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27.01.2025 21:49 (zuletzt bearbeitet: 28.01.2025 11:34)
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Bestseller-Schmied

Charaktere: Logan
Geschichtsstrang: Fists up high





Als Erstes existiert nur Kopfschmerz. Welcher Mistkäfer hat ihm das Hirn entnommen, tausende von Widerhaken hineingebohrt und den ganzen verkorksten Haufen zurück in seinen Schädel gestopft?! Der Versuch, die Augen zu öffnen scheitert, als grelles Tageslicht auf die Netzhaut trifft und die Lider sich kraftvoll schützend zusammenpressen.
Knurrend wendet Logan sich auf die Seite, seine Glieder sind steif, Übelkeit schießt ein und bringt Schwindel mit sich und zu allem Überfluss steigt ihm ein widerlicher Gestank in die Nase. Eine Mischung aus erkaltetem Schweiß und saurer Kotze hängt in der abgestandenen feucht-kalten Luft.
Ächzend presst er einen Ellenbogen in den unbequem gepolsterten Untergrund und stemmt sich auf. Schweres Glas poltert klirrend aufeinander und reißt sämtliche Widerhaken zeitgleich aus dem Hirn. Laut seufzend bleibt ihm nichts übrig, als den Schmerz zu ertragen, wie ein gestandener Säufer, bis ihm der Geruch erneut ins Bewusstsein steigt. Was zum Teufel stinkt hier so? Die Brauen in die Stirn gezogen, die Augen noch immer geschlossen, senkt er den Kopf um wenige Zentimeter und riecht todesmutig. Scheiße! Wenn nicht neben ihm eine Leiche liegt, verbreitet er diesen bemerkenswerten Duft.
In einem hin und her wiegenden Kampf zwischen Blendung und Selbstbeherrschung öffnet Logan langsam die Augen und erkennt, wenig überrascht, das Innere seines Wagens. Wie schon die letzten Nächte, befindet er sich auf dem Rücksitz. Im Fußraum türmen sich leere Flaschen, deren letzte Tropfen gemächlich in den Stoff des Bodens einziehen.
Mit einem Arm angelt Logan nach dem Türgriff hinter sich, drückt die Öffnung nach außen und stolpert unelegant auf den Asphalt des Parkplatzes, den er vor Tagen bezogen hat. Zu seiner Überraschung hat bisher niemand darauf hingewiesen, dass es sich bei diesem Ort nicht um einen Campingplatz handelt. Jeden Moment rechnet er mit einer Aufklärung seitens irgendwelcher Bewohner, Geschäftsleute oder Uniformierten. Solange das nicht geschieht, wird er einen Teufel tun und unnötigen Sprit verfahren.
An sich herunterschauend springt Logan der Ursprung der sauren Duftnote ins Auge. Kleine eingetrocknete Bröckchen krallen sich an sein Shirt, wie die Kletten, die er den Mädchen als Kind in die Haare geworfen hatte. Damals war es lustig. Das hier ist gerade erbärmlich genug, um in seinen momentanen Lebensstil zu passen.



Nachdem er sämtliche Türen zum Lüften geöffnet und dabei den Schlüssel im Schloss der Fahrerseite gefunden hat, steckt Logan sich eine Zigarette an und holt aus dem Kofferraum ein sauberes Shirt, zieht das versiffte aus und wirft das frische über. Ein paar Klamotten hin und her sortiert, sitzt er kurz darauf auf der Beifahrerseite, beide Füße auf dem Asphalt und betrachtet rauchend dieses zum Kotzen freundliche Volk. In einer Hand hält er einen notdürftig gebrauten Instantkaffee - die Investition in den jüngst erworbenen Campingkocher hat sich schnell bezahlt gemacht. Zwar schmeckt einfach alles, was er damit zubereitet, mehr oder weniger beschissen, aber es hält am Leben und spart Geld.
Am anderen Ende des Platzes erspäht er eine Mutter mit ihrem Kind, zwischen denen es offensichtlich Unstimmigkeiten gibt. Augenblicklich verhärtet sich sein Gesichtsausdruck.
Während sie, mit schweren Tüten bepackt, die am Rande des Platzes parkenden Autos ansteuert, verkündet der Kurze, an ihrem Mantel herumzerrend, andere Prioritäten. Mit jedem Schritt, den Mommy sich seinem Ziel entfernt, dreht er die Lautstärke seines Protests spürbar auf, bis alle Regler auf Anschlag stehen. Kreischend schneidet sein Gebrüll durch die Luft bis direkt in Logans Muskeln. Einige Passanten schauen herüber, so dass die Mutter verunsichert die Taschen abstellt und sich vor dem Balg herunterkniet und geduldig beginnt, auf ihn einzureden, so dass das Gezeter schnell an Kraft verliert.
Unruhig und hektisch mit dem Bein auf und ab wippend beobachtet Logan die Szene, zieht nervös an seiner Zigarette und unterdrückt den starken Drang, das Gör zum Schweigen zu bringen. Er selbst hätte beim ersten Widerwort eine gelangt bekommen. Unwillkürlich fragt er sich, ob Mommy daheim auch so friedfertig und geduldig mit dem Rotzlöffel umgeht oder ob das nur eine Show für die Öffentlichkeit ist - so wie ER sich nach außen hin als verständnisvollen und geduldigen Ziehvater gab, aber hinter den Mauern - Unwirsch springt Logan auf. Gegen die aufkommenden Bilder von Gürteln und Treppenstufen ankämpfend, schnippt er den Kippenfilter beiseite und stürzt den letzten Schluck des Kinderkaffees herunter, ehe er nach der Schatulle greift, den Finger durchs Pulver zieht und alles, was sich aufhäuft ohne zögern ruckartig in die Nase einzieht. Kaum hat er die Schatulle in der Hosentasche verstaut, spürt er, wie die düstere Wolkendecke seiner Gedanken bricht und die ersten Strahlen von Selbstvertrauen und vorgetäuschter Sicherheit sein Gemüt erhellen. Die Bilder rücken in den Hintergrund.
Zehn Minuten später marschiert er strammen Schrittes den Weg zum Waschsalon, den er vor Kurzem einige Straßen weiter entdeckt hatte.



Die Frage, wann und wie er es heil auf den Rücksitz geschafft hat, ist längst verworfen. Stattdessen arrangiert er sich mit der Tatsache, dass er in einer dieser Phasen steckt, in der sein Gehirn diverse Dinge - aus Geünden - nicht speichert.
Der Plan war, sich zusammenzureißen, hart zu arbeiten und die verdiente Kohle zu sparen. Das Kokain hilft, die Tatsache hinzunehmen, dass er nicht zum ersten Mal seine eigenen Pläne sabotiert. Erst jetzt kommt ihm in den Sinn, dass die Menge an Alkohol, die er getrunken haben muss, mit Sicherheit nicht für lau war. Fuck it! Er will gar nicht wissen, wie viele Dollar er ausgegeben hat. Ganz deutlich erinnert er sich daran, dass die Vorband irgendwelche dämlichen Witze über weißes Pulver gemacht hatte - es hatte sein Verlangen angefixt, aber bewusst hatte er nichts bei sich getragen. Das was er noch besitzt, muss eine Weile reichen. Die Preise in dieser Stadt sind, gelinde gesagt, dekadent.
Dann war da diese ... Person und mit ihr kamen andere dazu. Ein Wikinger, eine Kalkleiste, eine Dunkle und ein Paradiesvogel. Einen Moment überlegt Logan angestrengt, aber keiner der Namen ist hängen geblieben. Dabei würde er sein letztes bisschen Würde darauf wetten, dass es eine Vorstellungsrunde gab. Leute machen sowas.

Auf den Straßen herrscht buntes Treiben derer, die ihre Zeit der Mittagspause nutzen, um eben diese totzuschlagen oder Wichtiges zu erledigen. Mehrere Imbissbuden und Restaurants versprühen Düfte diverser Mahlzeiten - Pommesfett trifft auf exotische Fruchtmischungen und vermengt sich mit klebrig süßen Beavertails, das die Kanadier aus unerfindlichen Gründen verschlingen, als wäre es ein respektables Grundnahrungsmittel. Inmitten der Geruchshölle kämpft sich Logan mit bepackter Schulter durch das wuselige Gemenge, nicht ohne hin und wieder jemanden zu rempeln. Sein Körper spannt vor jedem drohenden Aufprall an, so dass er unerschütterlich, den verbissenen Blick stur geradeaus, sich wie ein Fels durch die Passanten prügelt. Sollen die Luschen ihm doch aus dem Weg gehen. Stattdessen rufen sie ihm freundliche Entschuldigungen hinterher, als würde es ihn interessieren, dass diese Weichbirnen seinen Weg gekreuzt haben.



Step to me sucker I can give you space
But just remember what I got that's at stake
I got lot more to lose than you you get to choose
I hope you're ready to get put in your place
If I'm going down then I'm going down with a fight
I got my fists up high
I got my fists up high
The fight to let it live and let it grow never stops
with the stakes so high
If you get knocked down, you get back up
And get yourself back in the race right now
I refuse to let it shake me, I refuse to let it break me
If I'm going down then I'm going down with a fight


Der Waschsalon gibt sich alle Mühe, den lieblosen Charme verzweifelter Junggesellen zu kaschieren. Dennoch bleibt es, was es ist - vorübergehende Zuflucht für schlecht Ausgestatte.
Mit wenigen Handgriffen setzt Logan eine freie Maschine in Gang und parkt sich mit Laptop am Fenster. Da er sowieso warten muss, kann er in der Zeit den aktuellen Auftrag bearbeiten. Er muss seinen Job retten, wenn er nicht dauerhaft im Auto wohnen will. Als Übergang mag es funktionieren, aber schon jetzt schleichen sich die Folgen der Unbequemlichkeit in Rücken und Knie ein. Ganz zu schweigen davon ist es nur eine Frage der Zeit, bis irgendwer seine Fahrzegzulassung kontrollieren und feststellen wird, dass die alte Schaukel offiziell keinen Meter fahren darf.



Vier Stunden, einen Maschinenwechsel und unzählige Kapitel später ist es geschafft. Die Übersetzung ist oberflächlich und lieblos, dennoch zählt sie als abgeschlossen. Und wer will die Qualität schon kontrollieren? Das Gehalt wird er einkassieren, früher oder später. Bis dahin sollte er den Kopf über Wasser halten können.


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06.02.2025 20:37
#15
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Bestseller-Schmied

Charaktere: Logan
Geschichtsstrang: Nicht egal



Ein wenig gelöster, als die Tage zuvor, sitzt Logan auf dem Barhocker und beobachtet die Kondenztropfen an seinem Glas. Er hat eine Belohnung verdient, findet er. Immerhin hat er es geschafft, seinen Job zu retten. Sobald die Kohle da ist, kann er auf Wohnungssuche gehen. Die Hand führt das Glas zum Mund und kippt den restlichen Inhalt der goldenen Flüssigkeit in den Rachen. Er müsste zufrieden sein. Aber das ist er nicht. Irgendetwas wabert wie düsterer Nebel um seinen Erfolg herum. Etwas, das er nicht greifen kann, sich aber hautnah und irgendwie vertraut anfühlt.
Wortlos klopft er den schweren Glasboden auf den Tresen und nickt dem Barkeeper zu. Noch einen.



'You never cared about it.
You felt scared surrounded.
How will you be remembered?
Will someone light a candle
For you when you're gone?
And did you win your war?
No you never took to heart what friends are for.
Yeah!
You could tell me anything,
I'll always stand my ground.
Promise I will never wear your crown.
Question who you wanna be across the sands of time.
Yet you got your story I got mine.
I got mine.'

Die Worte von Cecilia Boström umkreisen seine Gedanken. Unwahrscheinlich, dass er diese Band hier in der nächsten Zeit sehen wird. The Baboon Show haben immer geil abgeliefert. Vage erinnert er sich an den Abend mit Jake. Der Club war klein, stickig und brutal überfüllt. Es war einer der besten Abende ihrer WG-Zeit. Jake hatte sich dem Einfluss seiner Mutter entzogen und es endlich gewagt, seinen Anstand über Bord zu werfen - und prompt eine Horde Girls an der Backe. Was für eine Nacht ...



Das alles fühlt sich an, als wäre es ein anderes Leben. Es gab keine Verpflichtungen, dafür jede Menge Musik. Von einem Konzert zum nächsten, immer im Rausch - keine Zeit, nachzudenken. Der gelebte Traum. Bis man realisiert, dass es so nicht läuft. Irgendwann ist die Kohle aufgebraucht und wenn du dir nichts leisten kannst, kommt die Nüchternheit. Und mit ihr die Gedanken.
Wäre Jake nicht gewesen, wäre sicher alles schlimmer gekommen. Logans gute Seele zeigte ihm, dass es erstrebenswert ist, für etwas Gutes im Leben zu kämpfen. Es muss nicht alles scheiße sein.
'Nur weil man sich so dran gewöhnt hat, ist es nicht normal.
Nur weil man es nicht besser kennt, ist es nicht - noch lange nicht egal.'
Jakes Lieblingsband.

"Das ist dein Letzter." Der Barkeeper stellt das Glas vor Logan ab. "Limit erreicht." Bedauernd zuckt er mit einer Schulter.
"Nich verrechnet?" Zweifelnd hebt Logan den Blick. Das waren schon zwanzig Dollar?
"Hey, an mir soll es nicht liegen." Der Barmann schenkt Logan ein offenherziges Lächeln.
"Da bin ich sicher. Aber Deal is Deal." Logan zieht seine Brieftasche, um den vereinbarten Preis zu zahlen - und stutzt, als er einen gefalteten Zettel zwischen den Scheinen entdeckt. In seinen Erinnerungen erfolglos nach der dazugehörigen Geschichte suchend, reicht er gedankenverloren das Geld über den Tresen, ehe er das Papier entfaltet. Nicht ganz sauber geschriebene handschriftliche Worte zieren das Blatt.



Zitat
'Rock it heart - Mai 13th - 9pm - Pleasant Journey - Gästeliste Ash'



Die Brauen tief ins Gesicht gezogen arbeitet es hinter Logans Stirn. Sieht aus, als hätte er eine Einladung erhalten. Aber wer zum Fick ist Ash? Wie lange schleppt er das schon mit sich herum?
"Alles klar?" Der Barmann lehnt sich ihm lässig auf dem Tresen entgegen.
"Kennste Pleasant Journey?" Logan steckt den Zettel zurück und nimmt einen Schluck seines letzten Whiskys.
"Ne,", grübelnd springen die Brauen des Barkeepers in die Stirn, während die Mundwinkel ratlos herunterziehen. "Sagt mir nichts. Ist das eine Band?"



'Vermutlich.', denkt Logan und schwenkt sein Glas. "Vergiss es. Nich wichtig."


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14.02.2025 15:34
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Bestseller-Schmied

Charaktere: Gerda, Ash
Ort: Cafe Cone
Geschichtsstrang: Cone and care


Oh no, love, you′re not alone
You're watching yourself, but you're too unfair
You got your head all tangled up, but if I could only make you care
Oh no, love, you′re not alone
--- David Bowie ---



Gerda tritt durch die große Eingangstür des viktorianischen Industriegebäudes. Sofort schlägt ihr der wundervolle Geruch von professionell aufgebrühtem, hochwertigen Kaffee und zum niederknieende Backwaren ins Gesicht. ['Lieblingsort.' Sie muss gar nicht suchend umher blicken, Ash würde oben sitzen, an einem ihrer drei gemeinsamen Favoritenplätze. Die Barista an der Kasse grüßend, eilt sie die Treppe am Ende des Raumes empor. Oben angekommen, muss sie auflachen. Den kleinen runden Tisch mit den zwei gelben Stühlen hat sie nach drei Schritten erreicht. Die beeindruckendste Frau aus ihrem Freundes- und Bekanntenkreises streckt ihr eine von innen mit Schokolade überzogene Eiswaffel entgegen, in der das aufs köstlichste duftende Lebenselixier beherbergt wird, dass sie kennt. Auf dem Tisch thronen zwei riesige Stücke Cheesecake. "Willkommen im Feierabend, Liebes."




An der Waffel knabbernd beobachtet Ashley das wuselige Ankommen ihrer Freundin, verkneift sich das eine Schmunzeln, den anderen Kommentar, während Gerda scheinbar kopflos Dinge aus Taschen aus- und wieder einpackt, umlagert und gefühlt eine geschlagene Minute braucht, bis sie sich mehr oder weniger zufrieden seufzend im Stuhl zurücklehnt. Erneut reicht Ashley die zweite Waffel herüber, die sie aus organisatorischen Gründen gehütet hatte. "Fertig?" Ihre Augen lachen scherzhaft durch die Brillengläser hindurch. "Eins musst du mir erklären.", gibt sie sich grüblerisch. "Was ging da ab auf dem Konzert? Ich hab ja schon einige Sachen von dir gesehen. Aber dass du jemanden so ... offensiv angräbst ..." Die Brille richtend mustert sie Gerda. "Was war das mit dem Kurzen?"



Gerda schürzt die Lippen und schaut ihre Ash unverwandt an. "Ja. Bin ich. Geschafft auch, war ein langer Tag." Sie beißt ebenfalls von der Waffel ab. Gedanklich in der Zeit zurück gehend, genießt sie ihren >Coffee in a cone<. Mit der Antwort lässt sie sich Zeit. "Nichts war da.", sagt sie mit allem Nachdruck. "Ich hatte nicht vor den Muffel zum Sex zu nötigen." Das Lachen, dass ihr entgegengepatzt wird, ist im gesamten Obergeschoss zu hören. Gerda atmet hörbar ein. "Im Ernst." Die Waffel verschwindet in ihrem Mund. Genüsslich grunzend, ignoriert sie den bohrenden Das-glaubst-du-doch-wohl-selbst-nicht-Blick. Bekräftigend nickend, entfährt es ihr lauter als sie mag, "Wohl! Ich war vielleicht ein bisschen angetriggert durch seine... seine Haut... und das Chestpiece." Sie macht eine Pause. "Und jaaaaaaa, er hat auch irgendwie gut gerochen, okay." sie verschränkt ihre Arme vor der Brust. "Aber draufsetzen wollte ich mich auf einen anderen. Hab mich dann nur nicht mehr getraut, weil ich diesen 200 Jahre alten Kack-Bustier anhatte, in dem man die Nippel so krass sieht. Mein Shirt musste ich ihm trotzdem zum Tausch anbieten."
"Klar musstest du das.", gluckst Ashley noch immer fröhlich kopfschüttelnd. Ein Finger wischt aufgekommene Feuchtigkeit aus dem Augenwinkel. "Wieso noch mal genau?"
'Pffffffftttt' denkend, schiebt Gerda die Unterlippe vor und gibt sich beleidigt. "Wei-el es unvermeidlich war.", presst sie hervor. Ergänzend fügt sie hinzu: "Also wenn du's genau wissen willst: Wir hatten eine nonverbal Unterhaltung. Aus der ging klar hervor, dass er es nicht akzeptieren kann, mir etwas schuldig zu sein. Warum hat er mir sonst einen Schluck aus seinem Glas angeboten? Wir standen ja auch nicht beieinander, er musste mich also speziell dafür gesucht haben, das Glas war voll. Und er war ja offensichtlich alleine da." Gerda macht eine Pause, und mustert ihre Beste. "Würdest du mit zwei vollen Getränken auf die Tanzfläche gehen, mitten ins Getümmel?" Ashley keinen Raum gebend, führt sie ihren Monolog weiter. "Und die Worte trink, Whiskey und danke, waren unmissverständlich." Bei dieser Erinnerung muss sie schmunzeln. Da hatte der Typ ne coolen Move gemacht. "Na und weil meine Reaktion auf seine Abwehr vielleicht schon ein biiiiischen drüber war," sie macht eine Kunstpause und hält zur Untermalung des Gesagten Daumen und Zeigefinger der rechten Hand mit zwei cm Abstand zu einander hoch, "habe ich ihm mein trockenes Shirt angeboten." Sie fischt nach dem Wahnsinnkuchen auf dem Tisch und zieht ihn zu sich heran.



Ashley lauscht den Ausführungen, wie einer wissenschaftlichen Studie, kopfnickend und auf dem letzten Bissen der Waffel herumkauend, greift dann nach einer Tasse, um sich weiteres Koffein zuzuführen. "Und natürlich ist die erste Wahl der Unterwäsche, wenn du ausgehst, ein Schmuckstück deiner Urahnen aus dem sechsten Jahrhundert. Das mag ich an dir. Alles ist immer so nachvollziehbar." Behutsam drapiert sie die Tasse mit spitzen Fingern auf dem Tisch, scheint nur widerwillig loszulassen, um sich der kleinen Gabel anzunehmen, die einen Moment über dem Kuchen in der Luft schwebt. "An deinem nächsten freien Tag gehen wir Dessous shoppen." Was wie ein lockerer Spruch klingt, ist als unumstößliche Tatsache zu verstehen. "So kann ich dich ja nicht auf die Männer los lassen." Die Gabel dringt in die oberste Schicht des Käsekuchens ein. "Und das Teil von neulich wird verbrannt." Ernst sieht Ashley ihre Freundin an. "Oder an ein Museum gespendet." Die erste Portion des gelben Grundnahrungsmittels verschwindet hinter ihren Lippen. "Mh ...", kauend wedelt sie mit der jetzt leeren Gabel zwischen zwei Fingern auf und ab, "wieso war der eigentlich plötzlich da? Ich hab das gar nicht richtig mitbekommen. Wo kam der her?"
Gerda merkt, wie ihr die Schamesröte in den Kopf schießt. Mit einem mundfüllenden Happen erkauft sie sich etwas Reaktionszeit. Sie entscheidet sich für drei Gesten. Erhobener Mittelfinger, gefolgt von einem Herz, welches sie aus ihren beiden Händen formt, und mit einem erhobenen Daumen abschließt. Im Anschluss kramt sie ihren analogen Kalender aus der Tasche. Genervt blättert sie auf die gesuchte Seite. "Nächsten Donnerstag, ab 17 Uhr." Mit brennenden Wangen sucht sie Ash's Blick. "Und der Typ kauerte halt irgendwie komisch anna Wand rum, das war mir aufgefallen. Sah nach zuviel von irgendwas aus, da wollte ich ihm helfen."
Breit grinsend kichert Ashley bei der Gestik ihrer Gegenüber. Ihre Augen schließen sich, die Lippen formen einen spitzen Kussmund. Botschaft angekommen. Ihr Handy gezückt, fliegen die Finger flink über das Display, um den Shopping-Termin einzutragen. Sie hat schon eine Idee, wo sie Gerda hinführen wird. Etwas Abseits des Zentrums gibt es eine kleine Boutique, mit scharfen Schlüpfern und spritzigen Drinks. Genau das Richtige für einen Mädelseinkauf. "Du kannst es einfach nicht lassen, was?", kommentiert sie die knappe Erzählung. "Hast du nicht genug mit den Kids im Praktikum zu tun? Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass DIESES Baby gesittet werden will."
Gerda muss lachen. "Das hast du gut beobachtet", schmunzelt sie ihre Partnerin in crime an. "Recht haste. Dennoch... Auch wenn jemand keine Hilfe möchte, heißt das nicht, dass er sie nicht trotzdem braucht. Und außerdem...", schließt sie, ein weiteres Stück Kuchen verschlingend, "tu' ich das auch für mich. Ich kann mich nicht auf etwas anderes konzentrieren, wenn einer so offensichtlich kurz vorm abkaspern ist.", beendet sie ihren Satz. "Berufskrankheit." Hinter den Brillengläsern grient es süffisant. Gerda räuspert sich nach ein paar Sekunden. "Du weißt schon, dass ich dich dich denken hören kann, oder?"



Das Grinsen wird breiter und Ashley fragt herausfordernd, "So? Was denn?" Gespielt neugierig, rückt sie noch ein Stück an den Tisch heran, setzt den Kuchenteller und ihre Ellenbogen auf der Tischplatte ab und stützt ihr Gesicht auf ihre Hände.
"Du glaubst, dass ich mir selbst eins in die Tasche lüge und sehr wohl auf den Kurzen stehe." Nun rückt Gerda näher an den Tisch und das Antlitz ihrer Freundin heran und erkundigt sich mit zusammengekniffenen Augen, "Bloß weil ich seit Monden des halbwegs überstanden Trennungsschmerzes weder Beziehung noch einen Loveintrest hatte? Komm schon!"
"Nein, für so triebgesteuert halte ich dich nicht." Ashley lehnt sich lässig zurück, ein Ellenbogen ruht neben ihr auf der Rückenlehne, die Gabel zwischen Zeige- und Mittelfinger geklemmt, hält sie den Blick siegessicher auf der Freundin. "Es liegt an seiner 'Lonesome Wolf'-Ausstrahlung." Die Worte besonders betonend lehnt Ashley sich wieder vor, bereit das nächste Stück Kuchen zu opfern. "Ist doch kein Geheimnis, dass du auf kaputte Typen abfährst.", zuckt sie mit den Schultern. "Am besten frisch aus der Gosse, mit Nadel im Arm, solange sie tief drinnen ein gutes Herz haben. Und seien wir mal ehrlich - das haben sie doch alle, nicht wahr?"
'Oookaaaaay...' denkt Gerda bei sich. Wie sie beide wissen, ist da was dran. Ash übertreibt zwar gehörig, wie sie findet, dennoch hat sie den Kern getroffen. Sie stöhnt resigniert und erschöpft von der doch recht langen Verdrängung sowie Erinnerungen auf. "Danke für dein Nicht-zutrauen und den Gongschlag der Erkenntnis obendrauf." Sie sackt in sich zusammen, da hilft auch das köstlichste Backwerk nicht. Sie legt ihre Gabel auf den kleinen Teller, zum letzten Drittel des Kuchenstückes. "Manno. Glaubst du wirklich? Bis eben hab ich das so zu keiner Zeit in Betracht gezogen.", schmollt sie. "Bisher war mein Problem, dass ich krasse Melder-Nippel habe und trotzdem mich vor 200 Leuten obenrum frei mache, ohne nachzudenken."
Ashley legt verständnislos die Stirn in Falten. "Wieso ist das ein Problem? Hast du irgendwen aufgespießt? Entspann dich. Bodyshaming ist out. Du bist wunderschön. Nur deine Wäsche ist hässlich. Und darum kümmern wir uns." Auffordernd nickend schenkt sie der Freundin ein tröstendes Lächeln, ehe sie das letzte Stück der Kallorienbombe genüsslich vertilgt. Die Gabel im rechten Winlel auf dem Teller abgelegt, fügt sie kauend hinzu: "Und es waren weit mehr als zweihundert."



Gerda seufzt. Warum klingt es so logisch und einfach, wenn Ashley es sagt? Sie lässt den Blick durch den offenen Raum schweifen und bleibt an einem Tisch hängen, an dem zwei Frauen in etwa ihrem Alter sitzen. Ihre Erinnerungen an den Konzertabend sind mittlerweile zwar vollumfänglich präsent, aber ihr Gehirn schiebt eifrig Riegel vor die damaligen Denkprozesse, die sich um die Frage drehen, aus welchen Gründen sie sich Öffentlichkeitsprobleme mit ihren Brustspitzen heraufbeschwört. Die, wo es jetzt mal so ausgesprochen wird, nur sie zu sehen scheint. Mal wieder. Gerda überlegt nach einer kurzen Pause des schweren Atmens weiter. Keiner hat an dem Abend eine Bemerkung fallen lassen oder belustigt gestarrt. 'Verdammt... Wahrscheinlich hätte ich d o c h diesen Wahnsinnstypen ansprechen können, ohne verlacht und stehengelassen zu werden....' Grübelnd legt sie ihre Stirn in Falten, in der Warteschleife der erlösenden Annahme dieser Supererkenntnis. Sie möchte doch frei sein, beziehungsweise sich befreien. Von ihren alten, wenig wohltuenden Gesinnungen und Mustern abkapseln, sich mit sich neu finden. "Warum ist das nur so schwer, Ash? Warum kann ich nicht einfach großzügiger und netter mit mir sein? So wie du zu mir bist?!"
"Weil du da drüben sitzt. Und ich hier." Liebevoll zwinkert Ashley ihr zu. Ein Blick, der Gerda sagen soll, dass nichts daran falsch oder unnormal ist.


(in Zusammenarbeit mit @S.Bin. )


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19.02.2025 20:20 (zuletzt bearbeitet: 15.10.2025 00:02)
#17
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Charaktere: Logan
Ort: Lake Ontario
Geschichtsstrang: Monster und Bestien - Prolog



Der Lake Ontario ist der kleinste der fünf Seen im Süden Kanadas. Dennoch ist er so groß, dass man an den schmalen Passagen das andere Ufer nur erahnen kann. Dort, wo in weiter Ferne die Wolkenkratzer das Flair einer Großstadt versprühen, lehnt Logan an der Motorhaube seines Wagens, den Blick aufs Wasser gerichtet, die Gitarre auf dem Oberschenkel, und zupft die Saiten im gleichbleibenden Rhythmus. Die Melodie, die ihn während der Ankunft in diesem Land begleitet hat, hat inzwischen feste Gestalt angenommen.

"I'm gonna dissappear
For one, two, three, four years
mmhh, dissappear,
I'm gonna dissappear
this ain't worth the tears
time to get the fuck out of here
mhmhmh ... "




Die rechte Hand greift zum Stift, der neben ihm auf der Motorhaube auf dem Notizheft liegt. Die letzte Zeile melodisch murmelnd, streicht er einige Worte durch und schreibt neue darüber.

"I've been there before
and belie- "


Das Vibrieren des Handys unterbricht das Spiel. Das Display zeigt die Email, auf die er so dringend wartet. Die Antwort auf die Frage, ob er in naher Zukunft Mieter seiner eigenen vier Wände oder weiterhin obdachlos sein wird. Nervöser, als er sich eingestehen würde, greift er nach dem Telefon und öffnet die Nachricht.
Die schmalen Lippen geschürzt legt Logan das Handy beiseite. Fuck. Schon zum sechsten Mal wurde seine Wohnungsanfrage abgeschmettert. In nur vier Tagen. Seit er die Zahlung Anfang der Woche bekommen hat, konzentriert er sich darauf, eine Bleibe zu finden. Doch Toronto ist wie jede andere Großstadt - überfüllt und geldgierig. Diese Situation ist nur dadurch erträglich, dass der Winter bereits vorbei ist.
Deutlich weniger entspannt als vor dem Lesen der Nachricht, widmet er sich wieder der Gitarre. Er kann jetzt ohnehin nichts an den Ergebnissen ändern und wird auf die nächsten Annoncen in Zeitungen und Internet warten müssen. Die sinkende Laune schreit nach dem restlichen Pulver aus dem Handschuhfach, während er stur versucht, diesen Reiz zu ignorieren.

"I've been there before
and believe me, I am wrong when I tell you
it's not that good
I swear to god it's true
I have nothin to lose
and sadly nothin to win."




Wieder nimmt er den Stift zur Hand und notiert die Worte, die ihm zufliegen und sich so natürlich in die Melodie eingliedern, als hätten sie nur auf diesen Song gewartet.

Seufzend hebt er den Blick. Das Wasser vor ihm ist ruhig, und spiegelt den leicht bewölkten Himmel wider. Ein Windhauch treibt über den See und für einen Moment glaubt Logan, ein Flüstern darin zu hören. Zu flüchtig, um bestimmte Worte auszumachen.
Die jüngste Niederlage sickert durch sein Fleisch direkt in die Organe. Er hasst es, so launisch zu sein - und dass ihn unzählige Gegebenheiten von einer Sekunde zur anderen aus dem Gleichgewicht bringen. Er braucht verdammt noch mal eine Wohnung. Das ständige Schlafen auf dem Rücksitz zerrt an Logans Muskeln und er sehnt sich nach einer heißen Dusche.



Die Gitarre in der Hand stößt er sich von der Motorhaube ab und verharrt einen Moment. Irgendetwas stimmt nicht. Die Luft ändert sich. Prüfend schaut er auf. Ein leichtes Flirren liegt über der Landschaft. Wie ein unsichtbarer Filter, der die feinen Härchen auf seiner Haut streift und ihn in Alarmbereitschaft versetzt.
Etwas bahnt sich an. Sich suchend um die eigene Achse drehend tastet sein Blick die Umgebung ab. Nichts. Keine Monster, die in den Schatten lauern. Kein finsteres Lachen hinter den freundlichen Gesichtern der Mitsims. Und dann blitzt die Frage in seinem Hirn auf: Wo ist eigentlich Ahote?




(Songtext by evilmrsod)


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24.02.2025 19:43 (zuletzt bearbeitet: 23.10.2025 22:44)
#18
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Charaktere: Gerda, Logan, Ash, Bob, Ro
Ort: Joy Club
Geschichtsstrang: Monster und Bestien - Like a razor



Überraschend ruhig erreicht das Frollein Simmer zu spät den Club, indem Ashley und ihre Crew ihr heutiges Konzert geben. Mit sich hadernd entscheidet sie sich gegen ihren noch innewohnenden Rückzugsimpuls und geht auf die geöffnete Eingangstür zu. Eine kleine Traube von Besuchern bildet den Abschluss der wartenden Schlange am Eingang. Die Bässe wummern herrlich einladend und mit jedem Schritt fühlt es sich besser und richtig an, gekommen zu sein. Sie seufzt. Der gestrige Tag war ein richtig mieser Scheißtag gewesen. Eine verhauene, wichtige Klausur und als Kirsche auf dem Törtchen... der Geburtstag ihres Bruders. Sie muss sich bei ihm melden, telefonisch. Das obligatorische 0-8-15-Geburtstagsbild mit 90er Jahre Spruch ist nicht genug. Sie zieht unbewusst ihr Gesicht zusammen. Noch nie (!) hatte sie so keine Lust jemandem zum besten Tag des Jahres zu gratulieren. Dabei liebt sie Geburtstage. Mit allem drum und dran. "Viel Spaß dir.", entgegnet ihr die extrem lieb wirkende Frau mittleren Alters an der Kasse ihrem Vorgänger. Gerda schrickt aus ihren Gedanken auf, irgendwie ist sie nun innerhalb einer Sekunde dran. "Äh, ein Mal Gästeliste von Ash, Gerda." Mit einem netten Lächeln wird eine Liste überflogen und dann bekommt sie einen Stempel aufgewalzt. Sie erwidert den gewünschten schönen Abend und bahnt sich ihren Weg durch die Lederjacken in Richtung Backstage-Raum. An der Treppe angekommen, kann sie die Bar zwischen den vielen Leuten ausmachen und entscheidet sich für den Umweg. Ein konkreter Cuba Libre ist jetzt genau das, was sie braucht. Schön gekühlt, geile Limette und dieser schöne, braune crunchy Zucker. Mit Rum und Cola stimmts auch immer. Anstehend gibt sie Ash per Text ihren Status quo durch.



"Tut mir leid, man. Du stehst hier nicht drauf." Schulterzuckend blättert Sommersprosse durch die zweiseitige Gästeliste. "Vielleicht hat sie es vergessen. Willst du versuchen, sie anzurufen?"
Genervt wirft Logan einen Blick in den Durchgang des Punkclubs hinter der Einlassfrau. Kleine Gruppen stehen verteilt herum, bereit, sich auf den Abend einzustimmen. Dosenmusik dröhnt von irgendwo durch die Räume.
Logan schüttelt augenscheinlich abwesend den Kopf. Vor einem Auftritt beim Künstler anzurufen, funktioniert maximal in drei Prozent der Fälle. Sieht so aus, als müsste er doch den Eintritt zahlen. Was okay ist. Er kennt weder Ash, noch ihre Band und würde niemals auf die Liste bestehen. Lokale Musiker haben einen schweren Stand - selbst in einer musikfreundlichen Stadt wie Toronto. Künstler mit Eintrittsgeld zu unterstützen, ist das Mindeste, was man tun kann. "Wie viel?", fragt er, als er sein Portemonnaie zückt.
"Fünfzehn Dollar."
Die Brauen in die Stirn hebend stockt er. Fünfzehn?! Fuck, diese Stadt wird ihn noch ausnehmen. Seufzend zieht er drei Scheine aus dem Fach, als ihm der Zettel von Ashley entgegenlugt. Ein letztes Mal checkt er die Notiz - vielleicht hat er wieder irgendetwas durcheinander gebracht. Oder sie hat ihn nur verarscht. So kann man sich auch Publikum beschaffen. Das Papier zerknüllend schiebt er es in die Hosentasche, lässt sich das Handgelenk stempeln und geht hinein. Linkerhand biegt er geradewegs zur Bar ein, um mit einem kühlen Bier zu starten. Der Frust über die Wohnungsabsage sitzt ihm noch immer im Nacken und füttert die Zweifel, in den nächsten Wochen Fuß fassen zu können. In England hatte er ein Leben auf der Straße ernsthaft in Erwägung gezogen. Damals war er nicht bereit gewesen, in irgendeiner Form Verantwortung zu übernehmen. Doch das ist Jahre her. Wenn er schon nicht für sich kämpft, dann wenigstens für Billie und den Zwerg. Er hat es ihr versprochen.
Er muss seinen Scheiß regeln - sonst ist er nur der miese Wichser, der sich aus dem Staub gemacht hat. Früher wäre es ihm egal gewesen. Heute will er wenigstens versuchen, das Richtige zu tun. Wenn dazu gehört, das schlechte Gewissen in den Hintergrund zu konsumieren, weiß er, was er zu tun hat.



Am Tresen stellt er sich zu den anderen Trinkfreudigen und lässt wachsam den Blick schweifen. Die Angewohnheit, Mitsims argwöhnisch im Auge zu behalten, sitzt tief. Man weiß nie genau, wie der Feind aussieht. Hinter dem freundlichsten Gesicht könnten List und Tücke liegen. Er traut diesen Leuten nicht - mit ihrer krankhaften Rücksicht auf Fremde und den ständig aufgeschlossenen, lächelnden Fratzen. Trotz aller Klischees kann kein ganzes Volk so gutherzig sein. Es bleiben immer noch Sims. Und Sims sind schlecht. Es macht ihn nervös, nicht zu wissen, was in ihren Köpfen vorgeht. Angespannt drängt er sich durch die Reihen, bis er direkt vor dem Tresen einen Arm darauf ablegt. Hinter zwei weiteren Köpfen bleibt sein Blick an einem Gesicht mit auffallend langen Wimpern hängen. Etwas daran kommt ihm bekannt vor. Eine seltsame Neugierde streift ihn, so dass er nicht einmal die Möglichkeit in Betracht zieht, sich abzuwenden, als die junge Frau seinen Blick spürt und zurück schaut. Die Augen konzentriert zusammengekniffen sucht Logan angestrengt in seiner Erinnerung nach diesem Gesicht. Er ist ihr schon einmal begegnet. Ist das ... Ash?

'Ööh....Quatsch jetzt.' Von ihrem Platz am Tresen aus bemerkt Gerda, dass sie angeschaut wird. Sie hat mit Bob gerechnet, da Billy und Jason heute Abend nicht können, was ihr nur recht ist. Auch wenn sie die beiden irre lieb hat, will sie nicht nach der Uni und ihrem Leben gefragt, beziehungsweise getröstet und mit klugen Ratschlägen umsorgt werden. Den beiden kann man nix vormachen. Und da Jason sogar ihr Kommilitone ist und die selben Kurse besucht, erst recht nicht. Aber zurück zu ihrer Irritation. 'Das ist doch der Supermuffel vom Danko Konzert!', überrascht sie ihre Erinnerung. Das bestellte Getränk wird vor ihr abgestellt und sie greift nach dem Glas, ohne den Blick fallen zu lassen. 'Ash du Sau, da haste den Typ ja doch eingeladen.' Sie schmunzelt und lässt die Münzen für das Getränk und ein kleines Trinkgeld in die Hand des Barkeepers fallen und schiebt sich dann durch die wartenden Reihen auf den ernstblickenden Typen zu.

Noch immer fällt der Groschen hinter Logans Stirn durch das bodenlose Loch. Es gibt nicht viele Möglichkeiten, wo er dieser Person begegnet sein könnte. Wenige Male war er in Kneipen, Bars und Clubs - aber er kann sich nicht erinnern, dort Bekanntschaften gemacht zu haben. Was bedeutet, dass er sich entweder hart abgeschossen hat oder dass etwas vorgefallen ist. Logan stutzt. Das Konzert. Der Abend war seltsam gewesen. Möglicherweise ...
Mit einem substanzlosen Lächeln bleibt sie vor ihm stehen. Diese Wimpern. Logan erinnert sich, dass ihm die akkurat bemalten Wimpern aufgefallen sind. Sie wirken nicht künstlich und trotzdem ungewöhnlich dicht und schwungvoll, wie sie die großen erwartungsvollen Augen mit harmonischer Gleichmäßigkeit einrahmen. Äußerlich vollkommen unbeeindruckt nickt er ihr zur Begrüßung zu - für verbale Kommunikation sind seine Gedanken viel zu beschäftigt.
Aus dem Augenwinkel wird ihm seine Bestellung ins Wahrnehmungsfeld geschoben, so dass er sich für einen Moment abwendet, um zu bezahlen. Das schummerige Licht lässt ihn älter aussehen und seine Augen leuchten tiefschwarz, als er knapp an ihr vorbei sieht. Mit einem Kopfrucken deutet er ihr, das Gedränge zu verlassen und schlägt den Weg zur Treppe ein, wo er sich rücklings ans Geländer lehnt, ihr zuprostet und in großen Schlucken die Hälfte herunterstürzt. Es gibt zwei Möglichkeiten, wie das jetzt laufen kann. Entweder sie schweigen sich an und finden heraus, ob es peinlich wird, oder sie eröffnet ein Gespräch. Logan war nie ein Meister im Smalltalk und schert sich nicht darum, etwas daran zu ändern. Im Gegenteil - man weiß, dass man mit jemandem auskommt, wenn man zusammen die Klappe halten kann.



Am anderen Ende des Tresen angekommen, checkt Gerda das Gesicht und diese krassen schwarzen Käferaugen, welche sie in einer so tiefen Farbe noch nie gesehen hat. Es scheint, als würde er nach etwas Unbestimmten greifen. Sie überlegt, wie der Danko-Abend im schlussendlichen Verlauf gewesen war, wie ihre Truppe plus Eins den Abend beendet hat. Waren sie zusammen aus dem Club gegangen? Seinem Kopfrucken und Körper folgend, begeben sie sich zur Treppe. Er lehnt sich locker an, von einer unangenehmen Spannung seinerseits ist nichts zu spüren. Mit einer halben Armeslänge Abstand bleibt sie vor ihm stehen. 'Mach ich jetzt schon nen dusseligen Spruch oder später?' Ihr fällt nichts ein und eigentlich hat sie auch zu nichts Lust. 'Später, vielleicht. Sie schiebt die linke freie Hand in ihre Gesäßtasche und schließt sich der Trinkgeschwindigkeit des Kerls an und trinkt vier großzügige Schlucke durch den Strohhalm. Es schmeckt so gut. Gerda beschließt, den Zucker zu genießen und zu schauen, worauf sie Bock hat. Die Antwort kommt ihr prompt und sie entscheidet sich für keine Spielchen oder das, was sie normalerweise gut kann. Mit einem Schritt stellt sie sich ein Stück dichter an ihn heran und stellt ihm zur Verfügung, was bei ihr Phase ist. "Hey... eigentlich bin ich die Smalltalk-Königin und liebe es zu quatschen, aber ich hab nen richtigen Scheißtag und will gar nix außer maulig sein, tanzen und trinken. Nix für ungut.", erklärt sie mit einer beschwichtigenden und freundschaftlichen Geste, bevor sie mit grimmigen Mine ergänzt, "Und Ashley in ihren scheiß Hintern treten." Prüfend schaut sie ihn eine kleine Weile an und lächelt dann verschmitzt. "Los, komm, ich denke du bist bezüglich meiner Partypläne ein würdiger Kamerad. Hoppsi Poppsi."
Zielstrebig und ohne sich nach dem Neuen umzublicken, marschiert sie die Treppe hoch und schaut sich nach der Tür um, die Ash ihr beschrieben hat. Ah. Da. Sie macht die oberste Stufe frei und wartet auf ihren Begleiter.


Klare Ansage. Nice. Nach und nach sickern die vielfältigen Informationen zu Logans Verstand durch, als er ihr - offensichtlich nicht Ash - nach oben folgt. Diese hier bezeichnet sich als schlecht gelaunte Smalltalk-Königin. Während Logan noch überlegt, ob das etwas Gutes oder Schlechtes ist, erreichen sie das obere Stockwerk, wo Hoppsi Poppsi die Tür zum Backstagebereich öffnet. Ein halbes Dutzend Gesichter wendet sich ihnen zu und stößt sogleich ein freudiges "Eeeeeeeyyy" im Chor aus. "Girda-Girl!", freut sich Eine, während eine Andere sich aus der Sofaecke schiebt und strahlend auf die krassen Wimpern zusteuert, um der dazugehörigen Frau in den Arm zu fallen. "Und Corey ist auch da.", grinst sie Logan offenherzig an. Eine Braue zieht sich in seine Stirn. Wer? Prüfend schaut er über die Schulter. Er hat nicht mitbekommen, dass jemand hinter ihm - stutzend stellt er fest, dass außer ihm und Hoppsi niemand den Raum betreten hat. Noch während seine Gedanken versuchen, die Situation logisch zu erfassen, wird er der Runde voller Elan, aber mit falschem Namen, vorgestellt. Zwei Sekunden überlegt er, den Irrtum zu berichtigen, entscheidet sich dann aber dagegen. Es ist die Mühe nicht wert. Er hat ohnehin nicht vor, Freundschaften zu schließen.
Gedanklich noch immer überfordert, wächst in Logan die Erkenntnis heran, zumindest zwei dieser neuen Gesichter zu kennen. Mit der Dunklen hatte er irgendwann eine scherzhafte Diskussion darüber geführt, ob die Sex Pistols die erste Punk Rock Platte geschmiedet hatten oder ob diese Ehre Iggy Pop gebührt - immerhin war es sein Tonträger gewesen, der zuerst mit den berühmten drei Akkorden auskam und damit ganze sechs Jahre vor den Briten etwas Neues und Rohes geschaffen hatte.
Das andere vage bekannte Gesicht betrachtend, empfängt Logan aus dem Nichts heraus ein Wort aus seinem verschütteten Gedächtnis - Bob. Er erinnert sich an den Gedankengang, wie hinterweltlich dieser Name immer dann klingt, wenn kein 'Dylan' damit verbunden ist. Das macht auch eine hippe Wikingerfrisur nicht wett.
"Cool, dass du da bist.", reißt Ashley ihn aus seinen Überlegungen. "Hätte nicht gedacht, dich wieder zu sehen. Komm schon, setz dich." Auf einen freien Platz deutend, stellt sie weitere Getränke auf den Tisch, ehe sie auch die Freundin grinsend auffordert. "Du auch. Ihr seid beide so schmal, da passt ihr locker zu zweit hin."
Eine Braue unmerklich in die Stirn ziehend scannt Logan den angebotenen Platz. "Kuschelparty oder was?", brummt er.
"Wieso? Passt doch.", rückt eins der Mädels dichter an den Rand und klopft betonend auf das Polster. "Wir beißen nicht."
Darum geht's nicht. "Lass ma.", spart er sich lange Erklärungen, die sie ohnehin nicht verstehen würden. Mit fragend zuckender Braue bietet er Wimpernaufschlag an, den Kuschelplatz allein in Anspruch zu nehmen. Er selbst lehnt sich gegen das Sideboard und spült das Unverständnis der Sofacrew mit einigen Schluck Bier herunter. "Also, wann spielt ihr?", fragt er an Ashley gewandt.



Gerda hat fest vor, Ash den Marsch zu blasen. 'Da hat sie mich doch einfach scheinheilig angeschwindelt! Von wegen, ich weiß nicht wer alles auf der Gäste-Liste steht. Pffffttt!' Ihr letztes Gespräch bezüglich des Danko-Abends mit fehlenden Erinnerungen ihrerseits ist gelegentlicher Gesprächsstoff von ihr und Ash. Ihre Beste beschmunzelt jedes Mal gewisse Nachfragen. Und sie kann einfach nicht damit abschließen. Das Gefühl von dieser Gedächtnislücke treibt sie in den Wahnsinn, Blackouts dieser Art sind für gewöhnlich nicht ihr Stil. Aber sie driftet gerade von ihrem Leitgedanken ab. Diese hinterlistige Schlange! Der gemeinsame BH-Shopping-Ausflug in diesen irren Laden ist jetzt nicht so lange her und da kam das heutige Konzert auch aufs Gesprächstablett. Und kein Wort davon, dass sie damals den Wasser-Verweigerer eingeladen hat. Nur, dass sie daran denken soll, das Museumsstück zu Hause zu lassen und wann es losgeht. 'Na warte!' Grimmig drückt sie die Türklinke nach unten und betritt den großen und recht üppig ausgestatteten Raum für die Bands.

Die Willkommensrufe, Anstrahlungen und Begrüßungsherzlichkeiten sind seit einem Jahr stetig gewachsen und >Girda-Girl< wird nicht nur warm ums Herz sondern sie wird auch weich in ihren Gefühlen. Als hätte jemand mit einem Ruck das Handtuch vom Vogelkäfig gezogen, um die Sonne herein zu lassen. 'Na toll, ey. Wie soll man da sauer bleiben?!?' Sie versucht es, aber bei Ash's Drücker, entsteht sofort Wärme. Sie beschließt, zu einem späteren Zeitpunkt zu ihrer beleidigten Leberwurst-Manier zurück zu kommen und der BBF gehörig eins zu verpassen, verbal oder per Kneifer.
Noch ehe sie es begreifen kann, wird Platz für die Nachzügler geschaffen und neue Getränke erscheinen so schnell, als hätten sie sich selbst herbei gezaubert.
Ein weiteres Gefühl von Zauberei taucht auf, als der vorgestellte Corey sich verdutzt und rückversichernd nach seiner Begrüßung nebst Vorstellungsrunde umsieht, und wirkt, als hätte er einen leichten Gedächtniszauber-Fluch von Ronald Wesley's zerstörtem Zauberstab abbekommen. Allerdings fängt er sich schnell wieder und auch sie selbst wird von der nächsten Aktion umgehend abgelenkt. Ihre Gedanken überschlagen sich und sie ist sofort überfordert, als sie den Stänker-Kuppel-Move von Ashey schnallt. Dämlich glotzend steht sie wie angewurzelt da, als Corey - dem Himmel sei Dank - die beginnend peinliche Situation abblockt und ihr non-verbal den Sofaplatz anbietet. Stumm saugt sie durch den Strohhalm die letzten Schlucke und stellt dann das Glas vor dem geschaffenen Platz ab, nachdem sie die Verräterin mit einem abschätzenden Blick bedacht hat. Im zurückdrehen nickt sie dem neuen Gesicht zu und reckt als Dankesantwort den Daumen in die Höhe, bevor sie sich demonstrativ hart in die Polster fallen lässt. Die frischen Getränke ignorierend, macht sie sich daran, ihre zurückgebliebenen Eiswürfel laut kauend zu vernichten.



Bob schiebt sich in ihre Bildfläche, dennoch bleibt sie die Kiefer mahlend und mit verschränkten Armen sitzen. Aber der liebste Kerl aus Toronto kann ja nun mal gar nix für die Intrige seiner Partnerin und somit ringt sie sich mit vollen Crushed ice-Backen ein Lächeln ab, sogut es eben geht. Die Arme wird sie aber auf gar keinen Fall ausbreiten, es soll ruhig einer merken das die Prinzessin bockig ist. Auch nachfragen wäre in Ordnung, denn die Adressierte wird es nämlich nicht tun, sie hat sich Corey zugewandt. "Wir spielen in 15 Minuten. Du darfst dich gerne an allem bedienen, ein paar Freunde haben abgesagt.", erklärt sie mit einer einladenden Geste, die den Raum mit Häppchen, Getränken und den gegenwärtigen Leuten einschließt, welche entspannt einen handtellergroßen Spiegel mit weißen vorbereiteten Lines herumgehen lassen. "Du kannst dich hier frei bewegen. Bis später." Ash nickt ihm kurz zu und verschwindet, nachdem sie sich ihren Teil vom Spiegel geholt hat, in Richtung Dachterrasse.

Die Gruppendynamik beobachtend bleibt Logan an seinem Platz stehen, als Ashley und zwei Frauen, die mit Ro und Jo vorgestellt wurden, den Raum verlassen. Einen Moment denkt er darüber nach, sich vom Futtertisch ein paar Dinge für später einzustecken, um Geld zu sparen, verwirft den Gedanken aber schnell wieder. Das Zeug würde nur in den Taschen herummatschen. Ein großer Esser ist er ohnehin nicht und vermutlich würde es kaum einen Unterschied machen.
Den Spiegel verschmähend weiterreichend wandert Bobs fragender Blick zum Neuzugang der Gruppe, den Arm selbigem entgegenstreckt, woraufhin Logan sich den Plätzen nähert und in einem der Sessel fallen lässt. Unauffällig wechselt seine Aufmerksamkeit zwischen den Unterhaltungen der übrigen Bandanhängseln. Ein paar Lederjacken tauschen sich bereits lallend über ein Eishockeyspiel aus, als er mit verborgener Gier das Pulver aufnimmt. Nur wenige Sekunden später merkt er, dass es sich nicht um irgendein billiges Zeug handelt. Das hier ist richtig guter Stoff. Wie ein Feuersturm bläst es sein Hirn frei und breitet sich rasant in seinem Brustkorb aus. Die Beklemmungen, die ihn wenige Stunden zuvor ummantelten, platzen von ihm ab, wie getrockneter Lehm.
"Wie lief denn deine Klausur?", hört er den Wikinger an die Eisbrecherin gewandt fragen. Super. Eine Studentin. Diese Spezies lungert wirklich überall herum.



Gerda seufzt tief und sackt in sich zusammen. Irgendwie hat sie damit nicht gerechnet, die dunklen Gedanken schwappen über. Sie angelt nach einer Bierflasche und öffnet sie, bevor sie ihre Misere ungewollt erklärt. "So richtig mies. Ich hab hart verkackt. Werde vielleicht meinen Kurs nicht bestehen, was bedeutet, dass ich wiederholen muss und dadurch meinen Job nicht halten kann, den ich natürlich brauche.", trocken schluckend und am Flaschenetikett krazend ergänzt sie "durchs Wiederholen wäre auch eventuell mein nächstes Praktikum gefährdet, dadurch wiederum ein ganzes Semester." Sie lächelt schwach. "Und der Dozent kann 'Miss Germany', wie er immer sagt, nicht ab, dass hat er nicht nur durch seine Benotungen gezeigt." Es ist erkennbar, dass gleich Tränen fließen werden. Das Bier wird halb geleert und Bob nicht angeschaut. An den Raum gewandt fragt sie in die Runde, wer noch alles Bock auf geile Mukke hat und öffnet den Aufbruch einläutend, die Tür. Dankbar realisiert sie durch den Gedankenschleier, dass alle sich mitnehmen lassen. Bob, der Schatz, bringt ihr statt einem Drücker ein belegtes halbes Brötchen mit. Nachdem die Herde auf dem direkten Weg zur Bühne ist, knufft sie das vorbeilaufende Grummelchen an und zwinkert ihm zu,"Whiskey Cola? Ich brauche einen."

Die anfängliche Schadenfreude über Luxusprobleme eines Studentendaseins ebbt schnell ab, als sich der erläuterte Rattenschwanz immer weiter verlängert. Ziemlich sicher hätte Logan ein solches Schicksal vor einigen Jahren noch kalt gelassen. Zwar hat er keine konkreten Gesichter mehr vor Augen, aber an die abschätzigen Blicke derer, die sich für besonders hielten, weil Mommy und Daddy ihnen ein sorgenfreies Studium in sämtliche Körperöffnungen schoben, erinnert er sich ganz genau. Von der ganzen Insel kamen sie - teilweise sogar darüber hinaus - und pikierten sich über alles, was nicht in ihr kultiviertes Schickimicki-Gehabe passte, und somit über alles, was es in seiner Welt gab.
Diese hier wirkt nicht wie die damaligen geistlosen Schäfchen. Möglicherweise haben sich auch hierbei die Zeiten geändert. Früher war es viel einfacher, Sims in Schubladen zu stecken. Heute weiß man nicht mehr, ob ein Skinhead Nazi und ein Punker morgens betrunken ist. Warum sollte sich nicht jemand unter die Studenten verirren, der nicht zur Schnöselnatur gehört. Sie scheint jedenfalls unter Umständen schon bald keine Studentin mehr zu sein.



Bevor Logan sich zu dem Thema äußern kann, bricht die Gruppe in Gewusel aus und macht sich auf den Weg, die Band zu supporten. Überraschenderweise bufft 'Miss Germany' ihn zielgerichtet an, was für eine Sekunde irgendwo im Hinterkopf ein Glöckchen läuten lässt.
"Klingt gut.", nickt er den Wimpern entgegen, ohne das Gefühl deuten zu können.
Den Kopf leicht gesenkt, unter den Brauen aufschauend, wirkt es, als würde er einen geschäftlichen Handel abschließen, als er mit dem Finger auf sie weisend hinzufügt: "Wenne jetz noch die Cola raus lässt, bin ich dabei." Dem hat er nichts hinzuzufügen und setzt das Bier zu großen Schlucken an. Sie macht nicht den Eindruck, als wolle sie über ihre Misere reden und so erspart er ihnen beiden die Mühe.
Auf sie wartend, während sie die Drinks mixt, steckt er sich eine Zigarette an, inhaliert den ersten Zug und widmet sich seinem Handy. Oberflächlich durch die Immobilien-App scrollend, markiert er zwei neue Anzeigen. Vermutlich beide zu teuer, aber ansehen schadet nicht. Die Kippe zwischen den Lippen geklemmt, schiebt sich die noch immer namenlose Bekanntschaft mit zwei Gläsern bewaffnet in sein Wahrnehmungsfeld. Das Display ausschaltend steckt Logan das Handy zurück in die Gesäßtasche, nimmt einen letzten Zug, bevor er mit spitzen Fingern den angerauchten Glimmstängel zu Boden wirft und mit dem Fuß löscht, und schließlich das Getränk entgegennimmt.
"So, Germany, innit? Hört man gar nich." Den Rest Bier ext er beiläufig, ehe er die Flasche an der Wand auf den Boden stellt und ihr die Treppe nach unten, dem zunehmenden Lärm entgegen, folgt. "Mehrsprachig aufgewachsen oder nur zu ehrgeizig für nen Akzent?"



Nachdenklich schmunzelnd sucht Gerda nach einer Antwort auf diese überraschende Frage. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Corey ein Gespräch anfangen würde. "Letzteres.", nuschelt sie den frischen Longdrink einsaugend am Strohhalm vorbei.
"Ich habe mit der Entscheidung ernsthaft Auszuwandern schon einige Jahre zugebracht und querbeet durch die Länder produzierte Serien und Filme auf englisch rauf und runtergeschaut.", erklärt sie ihr Glas leicht schwenkend. Beide sind an der unteren Treppenstufe angekommen. Gerda überlegt, ob sie ein weiteres, in sich vergrabenes Fass hervorholen und anstechen soll, oder ihn einfach weiter Richtung Bühne schleusen will. Nach einem prüfenden Blick in das ihr zugewannte Gesicht, mit diesen so dunklen und doch warmen Käfer-Augen, ist es angeschlagen, geöffnet. Mit zwei Schritten sind sie in der Ecke des Raumes und da ergießen sich die Worte der Urschleimgeschichte. Schulterzuckend beginnt sie, "Ich war schon als Teenager immer zu uncool und dadurch isoliert, also habe ich früh angefangen, etwas zu meinem Ding zu machen. Englische Kinder- und Jugendbücher, danach habe ich mir die Lieder von Hard Rock Bands der 60er und 70er Jahre übersetzt." Diese schöne Erinnerung an ihre Jugend, damals so fest verwoben mit ihren Eltern und ihrem Bruder, macht sie umgehend wehmütig. Sie trinkt ein paar Schlucke und setzt zügig hinterher, "Als ich dann in die Hauptstadt gezogen bin, kamen noch multikulturelle Freundeskreise und Konzerte dazu."
Bitter lächelnd trinkt sie ein paar Züge, der junge Mann zieht solidarisch mit und scheint bei dem Wort 'Konzerte' ein wenig interessierter. Leider ist sie noch nicht in der Lage, ihren Monolog in einen dialogischen Austausch zu lenken, oder einfach höflich die Klappe zu halten.
"Tatsächlich hat mein Ex sogar wegen meiner Auslandspläne und den damit verbundenen Lernambitionen mit mir Schluss gemacht. Zu ehrgeizig, er war nicht immer meine Nummer 1. Hat nie verstanden, dass nicht herauszustechen manchmal besser ist. Besonders, wenn man vorerst alleine unterwegs ist, nicht weiß wem man trauen kann und sich behaupten muss". Irgendwie hat sie den Blick mit ihm verloren und die Erkenntnis zieht ein, dass sie mal wieder viel zu viel erzählt und keinen Raum zum Einsteigen lässt. Hastig entschuldigt sie sich mit dem Gefühl von brennenden Ohren. "Scheiße, was ein ätzender Monolog. Sorry. So genau wolltest du's bestimmt nicht wissen.", nimmt sie ihm die Worte aus dem Gesicht. Peinlich berührt presst sie die Lippen zusammen und sortiert sich kurz in einer Zähl-mal-ruhig-bis-drei-Runde und schaut ihn wieder geklärt und interessiert an. "Wo kommst du her? Du wirkst nicht so, als wärst du schon länger hier."



Alright, dass sie, wie anfangs erwähnt, gern quatscht, scheint nicht übertrieben. Sie ist wie ein Luftballon, aus dem alles gnadenlos entweicht, sobald er angestochen wurde. Vielleicht wird man so, wenn man sich unwohl isoliert fühlt. Logan stört das nicht - im Gegenteil. Je mehr sie von sich plappert, desto weniger Fragen stellt sie über ihn. Aufmerksam zuhörend, nickt er hin und wieder, studiert ihre Mimik, ohne eine Meinung zu ihrer Geschichte durchblicken zu lassen. Nur für einen kurzen Moment schaut er direkt in ihre Augen, mit einer Intensität, als würde er etwas darin suchen, das tief verborgen scheint. Etwas, das ihre Worte echt und greifbar macht. Weil es das ist, was Sims Persönlichkeit verleiht und sie zu mehr als einer hohlen Hülle macht.
"Schon okay." Den Blick von ihr abwendend, deutet eine lässige Kopfbewegung ehrliches Verständnis an. "Musste wohl mal raus, innit?" Dem Konsum der letzten zwanzig Minuten sei dank, verdrängt er die aufkommende Neugier spielend leicht. Sie ist schlagfertig, direkt und hat den richtigen Musikgeschmack. Unter normalen Umständen wären das drei triftige Gründe, sie von sich fern zu halten. Stattdessen trinkt er einen Schluck und betrachtet die Bühne, auf der sich die Musikerinnen in Position begeben, schenkt ihr dann eine in die Stirn gezogene Augenbraue und fragt: "Is das so ... wie wirk ich denn?"

Ororo reißt das Plektron über die Saiten ihrer Gitarre, dass der Raum vibriert. "Guten Abend, West End! Seid ihr bereit, aus allen Poren zu schwitzen? Wir sind Pleasant Journey. Und ihr seid fällig."
Krachend setzt das Schlagzeug ein, augenblicklich beginnen die vorderen Reihen, sich springend aneinander zu werfen. Der Raum füllt sich binnen weniger Sekunden mit rauer Energie, die Logans Aufmerksamkeit weckt.

Mit dem wohlvertrauten Eröffnungsakkord von Ro beginnt es sofort, dieses schöne Ganzkörperkribbeln, welches wilde, laute Livemusik der härteren Gangart bei ihr auslöst. Seligkeit und Zufriedenheit breiten sich aus und auch der bisherige Alkoholkonsum unterstreicht ihre zurückkehrende Leichtigkeit. Auch wenn es jede Faser ihres Körpers vor die Bühne zieht, möchte sie Mr. Man-in-Black mit seinen ausdrucksstarken Augenbrauen, die im Gegensatz zu seinen Lippen ein reges und offenes Kommunikationsspektrum bieten, nicht sofort hängen lassen. Zumal er so tapfer die gnadenlose Detonation hat über sich ergehen lassen. Mit einem unkontrollierten Pruster, der in einem spielerischen grinsen endet, gibt sie ihm ihre ungehemmte Auswertung ihrer Beobachtung, nachdem sie sich bei ihm rückversichert hat, ob er das wirklich möchte. Nachdem die beiden Brauen seine Antwort übermitteln, beginnt sie. "Okay. Wenn ich unser erstes Aufeinandertreffen mitzähle," sie macht eine Kunstpause, innerhalb derer sie etwas ernster wird, "zeichnest du ein Abbild von einem müden Panter, der in ein neues Terrain umgesiedelt wurde." Nachdenklich überprüft sie ihre Gedanken und Worte durch ein höfliches Abchecken seines Gesichtes und seiner Körperhaltung. 'Was sind das nur für krasse Narben?'
"Er hat sich der Umstände ergeben und versucht sich einzufügen." Während sich die in Ausbildung befindende Sozialpädagogin in ihr mit dem Herzen einer Tierpflegerin verbindet, leert sie ihren Whiskey-Cola. Einen kleineren Eiswürfel für die nächste Mahlattacke auswählend, schließt sie in ihr Meinungsbild noch eine Ergänzung mit ein. "Gegenwärtig friedfertig, jedoch allzeit bereit zum Verteidigungsangriff." Süffisant fügt sie noch einen letzten Verdacht mit auffordernden Augenbrauen hinzu. "Und an den Klang seines Namens ist er auch nicht mehr gewöhnt." Abwartend kneift sie ein Auge zu, zieht ihren Mund zu einer Schnute und wartet auffordernd.



Die Mundwinkel anerkennend heruntergezogen nickt Logan vor sich her. Die Kleine hat mehr drauf, als ihm lieb ist. Das durchs Pulver gepushte Ego lässt ihn schief grinsen, als er dem konfrontierenden Blick der Simskennerin ausweicht. Bei der muss er verdammt aufpassen. Nicht nur, weil sie scheinbar mehr Erinnerung an ihn hat, als umgekehrt. Sie weiß ihren Verstand zu benutzen. Den brennenden Reiz, dieses Spiel fortzuführen, mit Mühe unterdrückend schüttet er ihr einen Schluck Whiskey ins Glas, stößt mit ihr an und leert sein Getränk. "C'mon, du Zoowärterin. Sehen wir uns die Show an." Den Kopf Richtung Bühne weisend deutet er ihr, ihm zu folgen und schiebt sich sogleich durch die Leute.

Ashley am Bass schenkt Gerda ein erfreutes Grinsen, als die Freundin aus der Menge schlüpft. Heiter stellt sie fest, dass ihre Liebste dabei ist, sich mit Corey anzufreunden. Selbst wenn nichts aus den beiden werden sollte, gefällt ihr das Bild.
Am Rand des Publikums verharrend, lässt Logan die Songs auf sich wirken. Die Mädels schieben mächtig Kraft durch den kleinen Saal, so dass er taktischer mit Fuß und Kopf mitwippt und zwischen den Songs laut pfeifend und rufend einen Arm in die Luft reckt. Bei all der Energie dauert es nicht lange, bis seine Kehle nach dem nächsten Drink verlangt. Seine spontane Begleitung anbuffend erkundigt er sich nach Wünschen und verschwindet kurz darauf in Richtung Bar.

Natüüürlich weicht er ihr aus, aber er entzieht sich ihrer Durchleuchtung nicht komplett, dass kann sie spüren. Sie lächelt ergeben, als er ihr einen Schluck seines scharfen und leckeren Getränkes in ihr Glas kippt und sie nach dem Anstoß mit sich zieht.
Gerda spürt die Losgelöstheit mit jedem Song tiefer in sich eindringen, wie wunderschönes, prolliges Licht das ganz klar den Ton und die Richtung angibt. >Schnauze halten und mitkommen<. Jeder wird dort abgeholt, wo er gerade steht. Sie liebt die Energie die die drei entfesseln. Mit der sie einen Auto, die Kopfhörer oder einen Konzertsaal mit 150 Leuten einnehmen. Ro's Stimme ist so kehlig, bluesig und verdammt punkig! Die Hard Rock-Riffs geben ihr Übriges. Es ist herrlich. Auch ihr sich in Zurückhaltung bewegender, stets wachsamer Kompanion beginnt sich fallen zu lassen. Was ein schöner Moment. Ash's und ihr Blick treffen sich - aller situationskünstlicher Groll ist vergessen. One heart, forever.
Als der Panther sie nach einer intensiven Mitfeierei anknufft und nach ihrem Getränkewunsch fragt, überlegt sie kurz. Sie hat Bock auf hemmungslose Eskalation, aber so spät ist die Stunde noch nicht und sie fühlt sich doch schon recht angetrunken. 'Easy on the kids' hört sie sich zu sich selbst sagen und geht kurzzeitig in den inneren Abgleich. 'Pffft... Bin ich ne Pussy oder was? Mit der heraufbeschworenen Klausuren-Scheiße werde ich das nächste 4tel-Jahr mich beherrschen müssen. Scheiß drauf, heute feier ich. Hart.'
"Nochmal das kratzende Goldene mit Cola, bitte." Etwas zu breit fällt ihr Grinsen aus, aber das wird schon ok sein, denkt sie sich. Mit dem Blick eines großen Bruders entschwindet er im Takt mit dem Kopf nickend.



Wieviel Zeit vergangen ist, weiß Gerda nicht, aber als sie Corey's Gegenwart plötzlich spürt, überkommt sie ein Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit. Aus welcher Ecke das kommt, ist für sie nicht greifbar. Es ist einfach da. Er streckt ihr seine linke Hand entgegen. Ein Glas mit vielen Eiswürfeln und Whiskey. Keine Cola. Sie stutzt und zieht ihre Augenbrauen aus Überraschung und zur Bekräftigung so hoch in ihre Stirn wie sie kann. "Trink-Whiskey-Danke-Reprise???" Sie nimmt das Glas mit einer Dankesgeste entgegen. Au weia... Da wird sie mit viel Wasser gegen halten müssen.
"Dich kann ich leiden, auch mit deinem Versteckspiel. Bist save. Lass uns Spaß haben und die Mukke genießen.", prostet sie ihm zu und lehnt sich kurzweilig mit ihrer linken Seite an seinen rechten Arm, bevor sie sich erneut ihrer Besten auf der Bühne zuwendet und ihr den Stinkefinger der linken Hand präsentiert.

Die Brauen tief ins Gesicht gezogen, sucht Logan im Gedächtnis nach einer Situation passend zu ihrer Reprise-Anspielung. Weit entfernt, kaum erreichbar, läutet das Glöckchen, das sich schon einmal an diesem Abend meldete, doch wieder gelingt es ihm nicht, irgendetwas Konkretes wachzurufen. Ihre offenen Worte prallen an seiner oberflächlichen koksgeschwängerten Schutzschicht ab. Spaß haben - das wollte Alma auch immer. Für sie hieß das ficken, feiern, ficken und dann das Ganze von vorn. Auf Dauer schwer für die Manneskraft, befriedigend abzuliefern. Mit Superwimper könnte er sich nicht auf eine körperlich so intensive Beziehung einlassen. Die überquellende Sympathie zieht schon jetzt klare Grenzen für einen dauerhaften Kontakt - bestenfalls ist ein One Night Stand drin. Das Klügste wäre, heute Nacht alles mitzunehmen, was geht und dann ... auf nimmer wiedersehen. Logan genießt die künstliche Selbstsicherheit, die ihm der Konsum beschert und so stört ihn nicht einmal der Körperkontakt, als sie sich an seinen Arm lehnt. Ihre Haut strahlt prickelnde Wärme aus, die ihn sogar ein wenig ansteckt. Ihre herzliche Geste beschmunzelnd lässt er ihre Äußerungen unbeantwortet stehen. Quatschen und abchecken geht später auch noch.



Einen Song nach dem nächsten schmettert das Trio von der Bühne. Immer wieder wirft Ashley neugierige, zufriedene und belustigte Blicke in die erste Reihe, bis nach beinahe einer Stunde die letzten Akkorde verklingen und die Frauen sich zurück ziehen. Nur wenige Sekunden herrscht Stille, bevor von irgendeiner Anlage ausgewählte Dosenmusik eingespielt wird. Inzwischen leicht wankend, geht Logan 'einen Strahl in die Ecke stellen' und begibt sich kurz darauf zum abgemachten Treffpunkt im Durchgang. Miss German Eyelashes ist nirgends zu sehen und so steckt er sich eine Zigarette an - das Wissen irgendwo im Hinterkopf, dass beinahe ganz Kanada gesetzlich rauchfreie Zone ist.




Erleichtert drückt Gerda die Klospülung und seufzt erlöst. Von den gefühlten zwei Litern und einer sich als möglicherweise verhängnisvoll werdenden Situation befreit, begibt sie sich mit drei Schritten zum Händewaschen und zur Gesichtskontrolle. Es geht! Ein paar Maskarakrümel und wenig aus der Spur geratener Kajalstifft können mit etwas Spucke korrigiert werden, wunderbar. Die Knutscherei auf der Tanzfläche hat sie nicht so zerwühlt wie gedacht. Schön war das! Aus dem Nichts heraus stand plötzlich ein langhaariger Lederjackenträger mit tollem Gesicht und fragenden Blick vor ihr. Wie die Nummer ins Rollen kam weiß sie gerade nicht, ist auch unwichtig. Es war ein intensives und herrliches Aufeinanderprallen, aus dem sie sich rechtzeitig zurück gezogen hat.
Sie ist bereit, nachdem sie zwei volle Wassergläser gestürzt und ein drittes 'to go' eingefüllt hat. Sie muss unbedingt erstmal Wasser zwischentanken, sonst ist der Abend bald für sie gelaufen. Angekommen am vereinbarten Treffpunkt schaut sie sich suchend nach Corey um und stellt dabei fest, dass ihre Socke im rechten Stiefel unangenehm krumpelig unter der Fußsohle ist. Gerda stellt leicht schwankend das Glas ab und zieht ihren Stiefel aus. Leicht vornübergebeugt und auf einem Bein stehend nestelt sie an ihrem Fuß rum. Als alles wieder dort ist, wo es hingehört, vernimmt sie ein räuspern. Da steht ihr Knutschpartner. Mit einem etwas weniger charmanten Grinsen als zuvor, greift er ihre Hand und zieht sie zu sich, an seine Körpermitte. "Hey Kleines, wo gehen wir jetzt hin?" Überrascht versucht sie, eine Armeslänge zwischen sich zu bringen, was ihr nicht gelingt. "Wir gehen nirgendwo zusammen hin, ICH gehe zurück zu meinen Leuten und was du machst, weißt ich nicht.", erklärt sie mit in ihr hochkriechendem Ärger. Sie hatte klar gesagt, dass sie nur ein bisschen rumschnabulieren können, dass sie nicht mehr wollte. Auch wenn er total ihr Typ ist. Damit hatte er sich einverstanden gegeben. Also was ist das jetzt? Unbeeindruckt von ihren Versuchen sich von ihm zu lösen, hält der zwei Köpfe größere und breitschultrige Kerl sie mit einem Arm an sich gepresst und ihre abwehrende Hand wird ihr bestimmt und ohne das sie etwas dagegen tun kann, auf den Rücken geschoben. Sie sitzt fest wie in einem Schraubstock. Gelähmt vor Schreck kommt Panik auf. Nach ein paar Sekunden kann sie wieder sprechen und versucht, ihm auf den Fuß zu stampfen, mehr schlecht als recht. Dabei grollt sie ihn wütend und so laut sie kann an, "Nimm SOFORT deine Hände von mir!"
"Hmmm... Ein Wildkätzchen haben wir hier," erwidert er mit einer einseitig hochgezogen Lippe.
"Falsch.", schaltet sich da eine ihr bekannte Stimme ein. "Hier ist das Wildkätzchen!"
Der Große wendet sich Logan zu, halb amüsiert, halb genervt taxiert er den schmächtigen Störenfried. Er hat nicht vor, den Kurzen ernst zu nehmen. "Was willst du, Zwerg?" Gerda noch immer am Arm gepackt, ruckt er sie wie eine Trophäe näher zu sich heran. "Die hier ist meine. Such dir was in deiner Größe."



Zu sehen, wie der Kerl sie ganz selbstverständlich als sein Eigentum ansieht, treibt Logan das Blut in die Schläfen. Das schwere Pochen seines Pulsschlags überlagert die Geräusche um ihn herum. Es ist bei weitem nicht das erste Mal, dass er von irgendwelche Arschlöchern unterschätzt wird. Ohne nachzudenken, rammt er dem Riesen den rechten Fuß in die Kniekehle, so dass er aufheulend zu Boden geht. Die Visage nun in greifbarer Höhe, krallen sich Logans Finger in das Haar des Großen. Kraftvoll knallt er den wehrlosen Schädel gegen die Wand, beugt sich zu ihm herunter, nah an sein Ohr. "Das nächste Mal reißt dir der Zwerg deine scheiß Eier ab." Noch einmal nachdrückend lässt Logan von dem Kerl ab. Schwer schnaufend starrt er auf ihn herunter. Von irgendwoher erklingen Knack- und Schmatzgeräusche, als die Luft um ihn herum zu vibrieren beginnt.
Vollkommen überrumpelt, wischt sich der Riese mit dem Handrücken übers Gesicht. Blut läuft aus seiner Nase und an der Stirn färbt sich ein tiefer Kratzer rot. "Du beschissen-"
"Bleib! Unten." Logan schlägt knurrend mit der Faust gegen die Wand, nur knapp an dem Gesicht des Abschleppers vorbei. 'Bleib unten.' Die Stimme aus längst vergangenen Tagen hallt in seinem Geist wider. Fuck! Logans Augen weiten sich, als er begreift, was hier geschieht. Einen Schritt zurück taumelnd beginnt er, sich umzusehen. Enge Gänge, Wände und Böden aus Stein treiben ihm Panik in die Brust. Irgendwo zwischen neugierig herbeikommenden Köpfen, glaubt er ein Gesicht zu erkennen. 'Bleib ruhig.', hört er Ahotes sanfte Stimme in seinen Gedanken.
Die Lippen aufeinander gepresst wendet er sich endlich ab und setzt einen festen Schritt Richtung Ausgang, als er beiläufig den Arm Gerdas streift. Der neue Impuls lässt ihn einen Moment verharren. Verdutzt schaut er sie aus großen schwarzen Augen sorgenvoll an. Sekunden vergehen, ehe er sich von ihrem Anblick losreißt und mit gesenktem Haupt den Club verlässt.
Ohne nachzudenken folgt die Befreite ihrem Retter nach draußen, seinen sorgenvollen Blick wird sie noch Wochen mit sich herumtragen. Der Blick eines gequälten und verstörten Welpen, der nicht versteht was mit ihm passiert. Sie schluckt und hört nur ihren Herzschlag klar, das Adrenalin pumpt sich durch ihren Körper und sprengt sie fast. Ihre Gedanken rasen. Noch nie (!) war sie Teil einer solchen gewaltreichen Situation, geschweige denn der zentrale Mittelpunkt. Der Auslöser. Ihr kommen die Tränen. Dieser arme, gebrochene, in sich gekehrte, wilde, kampfgezeichnete junge Mann. Es zerbricht etwas kleines in ihr, als die Erkenntnis einschlägt, dass sie ein Trauma bei ihm ausgelöst haben muss, als er ihr geholfen hat.

Sie fasst einen Entschluss. Egal wohin er geht, sie geht unter allen Umständen mit ihm mit. Selbst wenn es bedeutet, dass er ausrastet. Sie fürchtet ihn nicht. Trotz all der gesehenen und ungesehenen Bilder. Sie weiß durch ihre Arbeit und den beruflichen Austausch mit Kollegen und Kolleginnen, wie Menschen von ihrer Biographie 'umgeschrieben' oder besser gesagt 'umprogrammiert' werden können.
Instinktiv beginnt sie, auf ihn einzureden, in der Hoffnung ihn irgendwie erreichen zu können.
"Hey, danke das du mich gerettet hast. Jetzt bin ich für dich da. Alles wird gut. Irgendwann. Vorerst übernehme ich, okay?" Ihre Worte sind fest und sanft an ihn, an sein inneres Kind gerichtet. Ohne zu zögern, legt sie ihm die rechte Hand auf die Schulter, schaut ihm tief in seine bodenlosen Augen und fügt hinzu, "Ich übernehme ab hier, du kannst jetzt loslassen. Dich auf mich verlassen. Komm." Sie zieht ihre Hand zurück. Ein paar Sekunden stehen sie vor einander. Er blinzelt und keucht, als würde etwas aus ihm entweichen. "Ich hole unsere Jacken und noch etwas von allem für unterwegs. Wir verschwinden hier. Bin in zehn Minuten zurück oder..." sie blickt ihn fragend an, "oder soll ich jemanden bitten unser Zeug rauszubringen?"

In die Nacht stolpernd reibt Logan sich mit einer Hand über den Kopf, die Finger enden im Nacken und greifen in die angespannte Muskelpartie. Sein Knie schmerzt bei jedem Schritt, so dass er ein leichtes Humpeln nicht unterdrücken kann. In seiner Brust ist die Bestie aus ihrem Schlaf erwacht. Ihre dünnen schneidenden Finger legen sich um sein Herz, das im festen Griff gegen den ansteigenden Druck anschlägt. Die wärmende Kraft des Kokains ist längst versiegt, so dass das faulende Gift der Bestie sich ungehindert in Logans Inneren ausbreiten kann. Vollkommen darauf konzentriert, sich nicht kampflos zu ergeben, bemerkt er nicht, dass ihm jemand folgt. Die Worte Gerdas dringen kaum zu ihm durch. Erst als sie die Hand auf seine Schulter legt, öffnet sich seine Wahrnehmung der äußeren Welt. Dort, wo sie ihn berührt, beginnt seine Haut brennende Hitze nach innen abzugeben. Ohne zu verstehen, was dieses beklemmende Gefühl auslöst, windet er sich mit rudernder Bewegung davon frei. Hinter blinzelnden Lidern entsteht ein Bild, das er zuerst nicht greifen kann, doch ein Teil in ihm scheint zu spüren, dass dies der Weg aus der Dunkelheit ist. Logans gesenkter Blick wird langsam klarer, als er beginnt, sich auf die Figur vor ihm zu fokussieren. Zwei in Jeanshosen gehüllte Knie schauen ihm entgegen. Der Griff um sein Herz lockert sich, die Krallen ziehen sich zurück - wohlwissend, dass die Zeit kommen wird, in der sie zuschlagen können.



Gerda beißt sich auf die Lippen. Die Wildheit in seinem Geist und Körper ist so greifbar, als würde sie von seinem Inneren gebündelt als Staffel- oder Prügelstab hervorgestreckt werden. Sie realisiert: Er kann mich nicht hören. Kurzentschlossen zückt Sie ihr Telefon und wählt Bob's Nummer. Er geht sofort ran. Innerhalb von drei Minuten hat sie ihm ihre Wunschliste durchgeben. Er fragt nicht warum, er weiß um die Dringlichkeit ihrer Bitte. Gerda scannt die Umgebung, sie braucht eine Zwischenlösung bis Bob kommt. An eine kleinen Mädelsgruppe gewand, ruft sie "Äh, kann einer von euch mal herkommen? Das wäre großartig, danke."
Mit ihrem freundlichsten Blick tritt sie der etwas jüngeren Frau einen Schritt entgegen und versucht Corey so gut wie möglich abzuschirmen. "Ich brauche Ganz dringend eine Zigarette und kann hier aber nicht weg. Hilfst du mir?" Mit einem "Sure.", entschwindet die Fremde und kehrt kurzerhand zurück. Gerda bedankt sich überschwänglich und erweitert ihre Bitte um das Ignorieren des öffentlichen Regularien bezüglich der Glimmstängel. Sie wendet sich wieder ihrem schwer atmenden Begleiter zu und zündet sich die Notfall-Zigarette an. Der erste Zug ist widerlich und sie muss umgehend Husten. Seine Augen sind noch auf Reisen, das kann sie sehen. Sie berührt ihn erneut vorsichtig und hält ihm die Fluppe hin.
Das Mädel hat sich getrollt und sie sind wieder alleine. Ihr Herz bumpert etwas langsamer, er raucht, hat hoffentlich einen neuen Fokus. Gut. Nun warten wir.



(in Zusammenarbeit mit @S.Bin. )


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02.03.2025 02:39 (zuletzt bearbeitet: 02.03.2025 03:21)
#19
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Bestseller-Schmied

Charaktere: Logan, Gerda
Ort: Lake Ontario
Geschichtsstrang: Monster und Bestien - What you get








Die Lichter der weit entfernten Stadt auf der anderen Seite der Landesgrenze bilden ein farbenfrohes Mosaik in der nächtlichen Dunkelheit. Logan und Gerda erreichen die vorübergehende Einraum-Chevy-Wohnung, wo er sich auf die Motorhaube setzt und den letzten Zug der Zigarette inhaliert. Der Lake Ontario liegt schlafend vor ihnen, die Lichter der Nacht spiegeln sich auf der Oberfläche.
"Du bist ja vollkommen irre." Logan schnippt den Filter von sich und lässt den Rauch aus den Lungen. Dank des Carepaketes, das Bob vor dem Club geliefert hatte, ist das innere Ungetüm in seinen Käfig zurückgekehrt. Die letzte Line legte ihm, den Schmerzen und launischen Ausbrüchen vor etwa einer halbe Stunde Ketten an, so dass Logan sich locker und gelöst den wirklich wichtigen Dingen widmen kann. "Eraserhead is ein verdammtes Meisterwerk. Es is deine Pflicht als Publikum, dir jeden hässlichen Pickel genau anzusehen. Das Baby sieht ja nich zufällig aus, wie n Spermium mit Ausschlag. Klar is das verstörend. Darum geht's doch. Alle ... Ängste und Sorgen und dieser ganze Scheiß manifestiert sich in diesem ... Ding. Das nich aufhört rumzubrüllen, weil seine Existenz ne beschissene Qual is und es nich gefragt wurde, ob es das ertragen will. Sie sind beide am Arsch. Das Balg und der Typ, der das Ding gezeugt hat und sich nun kümmern muss, obwohl er das gar nich will. Oder sich sogar davor ekelt und gnadenlos überfordert is. Ich mein, stell dir vor, du machst mit ner süßen Braut rum und dann - bam! Schwanger. Son Scheiß, man. Das is nich, was du wolltest. Aber jetz isses eben so und du weißt, du musst irgendwie dazu stehen, weil ohne dein Zutun gäbs das Ding ja nich. Also haste ne Verantwortung. Aber du kannst das nich leisten, weil du nur n beschissener Loser bist, der keine Peilung von irgendwas hat.
Ganz ehrlich? Ich kann total verstehen, dass er dem Ding das Messer in den Wanst rammt. Und dann ... boah - das kleine Geschwür verwandelt sich zu nem fucking Planeten?! What the crap! Das is ... genial, man. Weil sich einfach alles darum dreht, verstehste? Wer du bist, wo du her kommst und wo zum fick du irgendwann mal landest. Im Ernst, man."
Kopfschüttelnd leert Logan die Wasserflasche. Nicht zu glauben, dass er tatsächlich Wasser trinkt. Aber das Zeug tut gerade richtig gut. "Manche Leute sollten nich drauf gehen. Mercury war so einer. Und ganz sicher auch Lynch. Möge der Bastard in Frieden ruhen."



Befreit und schallend lacht Gerda laut auf, als irre wurde sie lange nicht bezeichnet, dass tut verflixt gut. Schwer bemüht sich in den Griff zu kriegen, atmet sie langsam aus. Seit einer Weile werden die realen, weltlichen Themen der Simswelt mal durch den Kakao gezogen, mal mit musikalischen Thesen und Lösungsansätzen beleuchtet, mal einfach für Scheiße und abtreibbar befunden. Ein feines Utopia entsteht, in dem die beiden im Pippi Langstrumpf Style eine wilde Gegenwartsphantasie entwerfen. Nun zurück im Filmgenre, prallen sie erneut aus verschiedenen Lebenswelten kommend, kontrastreich aufeinander, wobei sie bisher trotz provozierender Stänkerein immer schnell einen gemeinsamen Konsens gefunden haben. Softe Beleidigungen würzen ihren Austausch. Es ist herrlich lustig. Sie klaubt ein belegtes Brötchen von der Motorhaube, und schiebt es sich zu nem guten Drittel in den Mund und kaut begeistert. Mal eine andere Art von Horizonterweiterung und Kompromissfindung. Aber nun wirds spannend. "Du redest hier mit jemandem, der von Disney-Filmen traumatisiert werden kann. Alter!" Sie tut es ihm gleich mit dem Wasser. Erlösend grollt ein Rülpser aus ihr heraus, der so beeindruckend ist, dass die ungläubigen Augenbrauen sich überrascht für eine Nanosekunde zusammenziehen.
Mit Absicht geht sie gedanklich nicht in die Analyse dessen, was er zu dieser seltsamen, lynchigen Horror-Hirngrütze sagt. Ist schon eindeutig auffällig. Das zweite Drittel verschwindet. Gerda dreht sich um und saugt den Abendhimmelblick ein. "Jah... Da sind ne Menge gute Leute.", sinniert sie. "Was machst du für Musik?", fragt sie themenumlenkend mit einem kopfrucken in Richtung Windschutzscheibe. Das letzte belegte Stück aufkauend, setzt sie sich zu ihm und den restlichen Schnittchen. Aus der Bob-Box fischt sie den Dübel, der unbestellt mit dazu gelegt wurde. Locker und leicht hält sie das schmale Ende des Joints zwischen Ober und Unterlippe. "Feuer?" fordert sie ein und guckt wartend.
Diese lockere, aufgeschlossene Art ist beneidenswert, findet Logan. Ihr Lachen ist absolut hemmungslos und ehrlich. Er könnte wohl niemals solche Freude empfinden. In den guten Momenten ist nicht alles scheiße. Aber ob er je darüber hinaus kommen wird ...
Verwundert blickt er hinter sich durch das Glas. Das Gitarrencase im Inneren des Wagens ist deutlich sichtbar. Wenn sie gleich fragt, ob er ihr etwas vorspielt, ist das Klischee erfüllt. "Ach das." Schulterzuckend wendet er sich wieder nach vorn. "Zupf da nur son bisschen dran rum. Macht den Schädel frei, weißt schon." Aus der Brusttasche zieht er die lädierte Zigarettenschachtel hervor, zückt das Zippo und hält ihr die offene Flamme hin. Die Knöchel seiner Hand zeigen im Schein eine dunkle Verfärbung vom Aufschlag gegen die Wand im Club. Noch keine Stunde ist seither vergangen, dennoch beginnt Logans Psyche bereits, die Ereignisse zu vernebeln. Er würde den Kerl nicht mehr erkennen, würde er ihm wieder begegnen. Von der Seite beobachtet er Gerda, die eifrig am Filter des Joints zieht, um die Glut zu entfachen und beim ersten Zug leicht hustet. Wäre schade, sie zu vergessen. Die Kleine scheint schwer in Ordnung. Dieses Gefühl, zusammen abhängen zu können, ohne Erwartungen - einander einfach sein lassen, wie man ist - bisher kennt Logan diese Art nur von Jake. Er hatte nicht erwartet, so etwas mit und bei einer anderen Person zu finden. Den aufkommenden Gedanken des Verrats an seinen einzigen Freund auf diesem Planeten verdrängend, wird ihm bewusst, wie sehr Jake ihm fehlt. Zwar ist ihre Freundschaft räumliche Distanz gewöhnt, aber es vergeht kein Tag, an dem Logan nicht in irgendeiner Weise an ihn denkt. Ohne ihn wäre er noch immer ein brutaler, simsverachtender und vollkommen entwicklungsresistenter Bastard.
Kurzerhand zieht Logan sein Handy, öffnet die noch unbeschriebenen Kontakte und tippt eine kurze Nachricht ein. Hey pal, hope ur fine. J Einen Moment zögernd sendet er ab. Jake kennt ihn. Er weiß die tiefe Dankbarkeit in den Worten zu deuten.
Seufzend sammelt Logan seine Gedanken, ehe er In den Notizen einige Stichworte zum heutigen Abend festhält. Concert Pleasant Jearny - Ash = Bass - Ro&Jo - Miss G 'müder Panter' tough & smart girl - dickhead aufgemischt Das muss reichen. Wenn er allein ist, wird er die Notizen ins Heft übertragen. Nur für alle Fälle.



Das herrliche Klipp-Geräusch des Zippos erklingt und die Nichtraucherin auf Außnahme-Abendteuer-Tour kommt sich beim Ansaugen ein bisschen cowboymäßig vor. Eine Prügellei im Saloon, Flucht, Pferdestärken unterm Arsch, Nachthimmel über sich, Beute, Gitarre, Lonesome Rider-Gefährte und die Kirsche auf dem Törtchen: Rauchend. Es fehlen nur noch die charakteristischen Accessoires. Die Marlboro-Werbeabteilung hätte sie beide gebucht. Sie denkt an ihren Papa, dem würde ein Teil dieses Bildes gefallen. Aufgdrängende Gefühle des Vermissens wollen durchbrechen, aber es ist Feierabend für heute, mehr geht nicht, es langt, der Koffer wird geschlossen. Sich krampfhaft zu Nicht-Corey zurückholend betrachtet sie seine Hand, die die Starthilfe wieder zurück ins Taschenzuhause befördert. Ruhig inhaliert sie ein paar Züge und bietet ihm den Calm-er an. "Ich weiß was du meinst. Leider bin ich so musikalisch wie ne Kartoffel.", schmunzelt sie traurig. "Bin diesbezüglich so weiß, wie man nur scheiß weiß sein kann." Calamity Jane lässt sich mit dem Rücken auf die Haube sinken und stellt beide Beine angewinkelt auf. Ihr Blick richtet sich wieder an den Kompanion-Cowboy. "Ich hab schon Bock dich zu bitten, was zu spielen, aaaaaaber dann müsste ich jetzt irgendwie zwanghaft ne Kerze beschaffen, um die 90erJahre-Bon Jovi-Romantikkulisse perfekt zu machen. Das wär n bisschen hart, ich finds gad schön wie es ist. Mag das nicht kaputt machen. Ich frag dich ein anderes Mal."
"Schon klar." Logan nimmt das Kraut entgegen und inhaliert tief, den Ellenbogen auf dem angewinkelten Knie liegend. "Aus Kartoffeln kann man astreinen Schnaps machen. Is doch auch schon was. Hast ma überlegt, in die Getränkeindustrie zu gehen?"
"Hahaha! Du meinst, zu irgendwas werd ich schon taugen? Hmmmm. Lass mich mal überlegen." Gerda wendet sich im so zu, dass sie sich wieder direkt anschauen können, dann beginnt sie, laut zu denken, "zum Film gucken teilweise zu gebrauchen, zum Musik hören ja - aber machen nein. Nen Körper hat se,... vielleicht geht vögeln ganz gut. Zumindest könnte se Hartalk aus sich machen lassen. Großartig!" Schelmisch blickt sie ihn an. "So oder so ähnlich?!?" Sie nimmt ihm den Glimmbruder ab, inhaliert und fügt hinzu, "darüber denke ich mal nach." Ausatmend erklärt Gerda, "Aber im Knutschen bin ich klasse! Auch, wenn ich in meinem Mund kein Kirschstängel zum Knoten machen kann."

Eine Augenbraue zieht leicht in Logans Stirn, als er sie aus dem Augenwinkel betrachtet. Wieder schiebt sich das Bild von Alma in sein Gedächtnis. Mit ihren zweideutigen Sprüchen und verruchten Andeutungen, hatte die Halbspanierin ihn verdammt auf Trab gehalten. Allerdings war sie immer aufs Ganze gegangen.
Miss Superwimper hingegen hat vorhin erst mit einem Typen rumgemacht, der dann weiter ging, als es ihr lieb war. Wie kann sie diesen Schock so schnell verdaut haben? "Da bin ich sicher." In Logans Augen flackert es für eine Sekunde schwarz auf. Ist das ihre Definition von Abenteuer? Wildfremde Typen anturnen und sehen, wie sie reagieren, wenn sie die Bremse zieht? "Du weißt, dass das heute schon mal schief gegangen is. Was macht dich sicher, dass sich das nich wiederholt?" Sein ernster Blick wendet sich von ihr ab, nach vorn dem See zu. "Audrey hat sich um ein Haar die Finger verbrannt." An ihrem eigenen Vater. Die Szene aus David Lynchs 'Twin Peaks', in der die Jugendliche sich im Bordell bewirbt, indem sie dem Kirschstängel mit der Zunge einen Knoten verpasst, hat Gerda mit Sicherheit nicht zufällig angedeutet. "Versteh mich nich falsch." Langsam dreht er den Kopf zu ihr zurück und sieht ihr mit Bestimmtheit direkt in die Augen. "Ich bin immer bereit für nen spontanen Ritt. Aber wenn ich anfang, zieh ich auch durch."



Sie schluckt. Nimmt seinen Blick an und lässt ihn in sich reinschauen. "Weil du jemand bist, der klare Ansagen macht und auch annehmen kann." Ihr Mund beginnt trocken zu werden. "Ich bin seit fast nem Jahr hier und habe seit dieser Zeit mit keinem Mann, weder geistig noch körperlich einen Drauf gemacht." Sie zieht die Augenbrauen hoch und die Mundwinkel runter. "Es hat sich keiner für mich interessiert und umgekehrt. Aber vor ein paar Wochen und heute Abend, da hat's mich mal wieder gepackt. Unerwarteter Funkenflug. Dieses Kribbeln, diese Lust auf Energieaustausch." Ein weiterer sog durch den Filter, den Blick nur ein Mal kurz senken, fährt sie fort. "Jemanden sehen und auch mal wieder gesehen werden. Gewollt werden. Mal wieder Haut auf Haut zu liegen und sich vertraut fühlen. Sich erkunden. Einfach mal wieder Zweisamkeit. Mehr nicht." Sie seufzt. "Ich ärgere mich wahnsinnig und bin auch krass beschämt, dass ich ohne nachzudenken und mir den Typen genau anzuschauen 'all in' war." mit roten Wangen presst sie hervor, "Und dich habe ich da mit reingezogen. Gedankenlos und gefährlich, stimmt. Ne Scheißnummer von mir, sorry."
Nachdenklich wandert ihr Blick wieder fester in seinen. "Dennoch ist ganz klar, dass nicht jedes Dreibein nen Vollwichser ist. Und somit kann ich dir jetzt auch auf dieser Ebene begegnen, denn ich bin trotzdem immer noch von Funken getroffen. Und du hast meinen Geist gefordert und berührt, hab mich ewig nicht so schön unterhalten. Das find ich ziemlich sexy. Das ist es." Räuspernd wendet Gerda sich ab und angelt nach ihrer Wasserflasche, den qualmenden Dübel an ihn zurückgebend.
Ihren Worten folgend liegt Logans Blick mit ernster Mine auf den Lichtern in weiter Ferne vor sich. Sie beschreibt die Sehnsucht nach Intimität, die zwar keine konkrete Beziehung sucht, dennoch eine gewisse gemeinsame Welle fordert. Zum Teil kann er diesen Wunsch nachvollziehen. Obgleich er sich von dieser Art Verbindung normalerweise fern hält. Je weniger er mit einer Frau gemein hat, desto einfacher ist es, klare Linien zu ziehen - für beide Seiten. Ohne ihr in die Augen zu sehen, neigt er sich leicht zu ihr herüber, um ihr den Joint aus den Fingern zu pflücken. Den letzten Zug aus dem Filter ziehend, horcht er in sich hinein. Zu behaupten, sie würde ihn nicht interessieren, wäre eine Lüge. Doch tief in ihm ist diese Stimme, die ihm unentwegt Warnungen in den Hinterkopf raunt. Die wird dir gefährlich werden. Schon möglich. Aber macht nicht gerade ihre Andersartigkeit die Sache spannend? Wenn sie beim Sex ebenso fordert, wie im Dialog, ... Logan schnippt den abgerauchten Filter auf den Boden und lässt sich von der Motorhaube gleiten. Bedacht macht er wenige Schritte, bis er vor ihr steht und ihr die Hand entgegenstreckt, um sie zu sich zu ziehen. Er spürt ihre großen Augen auf sich ruhen, während er ihrem Blick ausweicht, als sie nah vor ihm auf den Füßen landet. Seine linke Hand legt sich an ihre Taille, die rechte in ihren Nacken. Seine schwarzen Augen funkeln ihr entgegen, als sie ihren näher kommen und er sie beherzt küsst.
Sie zerspringt fast vor Verlangen. Der so innige Starterkuss und sein intensiver Griff fühlen sich gut an, nicht zu fest. Nur einnehmend schön.
Dennoch muss sie erst ihre Spielregeln aufstellen.
Sie spiegelt seine Bewegung und greift ihrerseits nach seinem Nacken, allerdings mit beiden Händen. Ihre Daumen liegen sachte an seinen seitlichen Halssehnen, ihre Finger berühren sich im Nacken und wandern langsam und mit leichtem Druck massierend hoch in Richtung Schädeldecke. Gleichzeitig zieht sie ihn bestimmt an ihren Hals, dem sie ihm entgegenreckt. Ein Seufzer entfährt ihr ungewollt sehnsüchtig, als seine Lippen forsch an einer ihrer erogensten Zonen auflegt und kurz leidenschaftlich daran saugt. Es fällt ihr schwer die Beherrschung zu halten. Sie nimmt ihren Kopf leicht zurück, um ihn anschauen zu können. "ich will dich und zwar ganz. Aber ich bin nicht bereit, deinen Ausgehnamen zu benutzen, wenn ich mit dir schlafe. Corey passt nicht." Es folgt ein strenger Blick, der mit einem langen Kuss weichgezeichnet und mit einem sanften Lippenzwicker abgerundet wird "Baghira will ich allerdings auch nicht sagen oder stöhnen müssen. Kannst du mir einen anderen geben? Deinen vielleicht?!"



Logans Hände gleiten über ihre Hüften, umrunden ihren Po und heben sie mühelos einige Zentimeter an, um sie auf der Motorhaube abzusetzen. Den Oberkörper über sie gebeugt, wandern seine Finger nun ihre Arme entlang, bis sie die Handgelenke umschließen und ihre Finger von seiner Haut lösen. Mit sanfter Bestimmtheit lenkt er ihre Arme über ihren Kopf, so dass sie passiv unter ihm liegt. Für die meisten gehört das gegenseitige Anfassen unweigerlich zum Sex dazu. Ein Umstand, den er weder braucht, noch versteht. Er ist es gewohnt, roh und ungefiltert zu nehmen, wonach es ihm verlangt. Auf das tatschende Rumgeplänkel kann er gut verzichten. Schwer atmend richtet er sich auf, sein Unterleib presst sich gegen ihren, so dass sie seine Lust spüren kann. Hastig zieht er sich das Hemd über den Kopf und lässt es achtlos auf den Boden fallen, ehe er sich wieder über sie beugt. Seine Hände stützen sich links und rechts von ihrem Kopf ab und seine Augen leuchten sie verlangend an, als er mit tiefer Stimme raunt: "Is mir scheißegal, wie du mich nennst-" Die Hände lösen sich von der Unterlage und greifen zielsicher nach Gerdas Hosenknopf. In weniger als drei Sekunden lockert sich der Bund, Logans Hände schieben sich unter den Stoff und pressen ihre Hüften ein Stück hoch, bereit, ihr die Hose zu entreißen.

Ihre Arme liegen noch über ihrem Kopf, den Bilck auf ihn gerichtet. Sie spürt seine Wollust deutlich und hört seine Stimme. Fünf lange Sekunden arbeitet es hinter ihrer Stirn. "Okay dann eben nach deinen Regeln." erwidert sie, stemmt ihre Füße gegen das Blech und hebt ihren Hintern an, damit er ihr die engen Hosen herunterziehen kann. Behende und mit schnellen Handgriffen ist der Job erledigt, dass er ihr auch die Stiefel abgestreift hat, hat ihr die Zeit und den Oberkörperfreiraum gegeben, sich aus ihrem Shirt und dem kleinen Spitzengerät zu schälen. "Zieh dich aus, ich gucke zu." Nachdem er sich den Rest seiner Klamotten entledigt hat, stellt sie ihre Beine leicht geöffnet aufs Autodeck und bedeutet ihm, zu ihr zu kommen. Er kommt auf sie zu, schön, tätowiert und nackt. Schwerer atmend steht er vor ihr, sie weiß das er sich gleich nehmen wird, was er möchte. Mit hungrigem Blick stützt sie sich erleichtert mit den Händen auf dem Haubendach ab, so dass er sich wieder leicht über sie beugen kann. Zitternd zieht sie ihre Beine höher und legt den Blick auf ihre Intimzone frei. "Bitte," haucht Sie bemüht ruhig, komm her, ich explodiere gleich."
Seine Augen sind nun wieder tief schwarz, als sie sich wieder mit ihren in Verbindung bringen und er die letzte räumliche Distanz aufhebt.




Optionale Szene: [18+] Toronto



---+++---




Der letzte Lustseufzer geht ihr über die Lippen, als sich Baghira aus ihr entfernt. Eine friedvolle Losgelöstheit von Zeit und Raum legt sich über ihren Körper und Geist. Das Rauschen des Adrenalins ebbt ab und sie kommt langsam zurück an den Ort, an dem sie sich beide befinden. Gedanken finden wieder Anschluss und die Fähigkeit zu sprechen scheint greifbarer. Gerda genießt die Stille des Moments. Es scheint, als würde jede Pore ihres Körpers lächeln. Das. War. Wunderbar!
Sie kramt in ihrem Gedächtnis nach einem passenden Filmzitat. Da die Erinnerungen jedoch nicht wiederkommen wollen, disponiert sie um und entscheidet sich für ein einfaches "Danke. Das war unglaublich intensiv und schön. Befreiend. Hat mir gut getan." Kurz wartend, blickt sie erneut auf den See. Dann bufft sie ihn mit der Schulter an und erkundigt sich einer Wahrnehmung folgend, "Und dir? Alles OK?" Besorgnis mischt sich unter ihre Stimme. "Hab ich etwa wieder was Beschissenes oder Schmerzhaftes zu dir geholt?"

Logan stößt sich vom Wagen ab, um nach den Zigaretten in seinen Klamotten zu greifen. Wieder neben Gerda angekommen, hält er ihr die Schachtel anbietend hin, den Blick weiterhin auf dem See ruhend, und legt die Schachtel zwischen ihnen ab, als sie ablehnt. Schweigend steckt er sich die Kippe an und bläst den ersten Zug in die Nachtluft. Schön, sagt sie. Befreiend. 'Bist ja doch zu was gut.' Logan antwortet nicht. Es ist unbegreiflich, dass er jedes Mal wieder auf seine eigenen Triebe hereinfällt. Verführt von fleischlichen Gelüsten gibt er sich immer wieder der verzweifelten Sehnsucht nach Nähe hin. Ja, manchmal ist es anfangs gut. Doch es gibt immer diesen Moment, in dem alles kippt. In dem es von einem Augeblick zum anderen falsch wird. Zu nah. Zu intensiv. Zu viel. Und vor allen Dingen unaufhaltsam. Übrig bleibt dann dieses nagende Gefühl - eine Mischung aus Scham und Schuld - das in ihm erneut die alten Sehnsüchte weckt. Ein Teufelskreis, aus dem es ihm einfach nicht gelingt, auszusteigen. Nach all den Jahren sollte er an diese Zerrissenheit gewöhnt sein. Stattdessen dringt sie jedes Mal tiefer in ihn ein.
"Beschissen gibt's immer. Mach dir ma kein Kopp." Harsch wirft er den Filter beiseite. Ein Kopfrucken deutet zum See, ehe er sich ihr zuwendet, ohne sie direkt anzusehen. "Trauste dich?"

'Pffftttt! Traust du dich... W e r sich hier wohl Dinge nicht traut. Kontrollabgabe oder mich anzuschauen zum Beispiel. Na warte...' ohne Vorankündigung sprintet Gerda los und lässt ihn mit einem "Pha! Wer als letzter drin ist, ist der Feigling!" stehen. Der leichte Zugwind verspricht ein böses erwachen, nun gibt es aber kein zurück, kein umdrehen und kneifen mehr. Wärend sie sich innerlich verflucht und so schnell rennt wie sie kann, laufen ihre vermischten Körperflüssigkeiten aus ihr heraus. Ihr gedankliches 'Meeeehhhhh' diesbezüglich verwandelt sich in eine Schimpftirade, als sie in das eiskalte Wasser rennt. Die vielseitigeren, tieferliegenden deutschen Fluchwörter vermischen sich mit den englischen. Auf Brusthöhe bleibt sie erstmalig stehen und versucht ihren befürchteten Herzinfarkt wegzuatmen. "GROOOOHHHH! Scheiß....KALT!" Sie schaut zu Nicht-Corey.



Irgendwie nicht überrascht, schaut Logan ihr hinterher. Als ihre schimpfende Stimme schwach zu ihm herüber weht, schnaubt er ein regloses Schmunzeln, ehe er sich, mit dichter ziehenden Wolken im Gemüt und frischer Fluppe im Mundwinkel, in Bewegung setzt. Sein Körper fühlt sich schwer und ausgelaugt an, taub und fremd. Jeder Schritt kostet ihn Kraft, von der er nicht weiß, wie er sie aufbringen soll. Scheiß Koks, registriert er den Downfall. Es wird Zeit, endgültig mit dem Zeug aufzuhören - früher oder später wird es ihn sonst ins Grab bringen.
Gerdas Blick auffangend erreicht er das Wasser. Die eisige Kälte schießt in sein Bewusstsein und gibt ihm das Gefühl über seinen Körper zurück. "Oh, bloody ..." Die ersten Schritte sind grauenvoll. Kontrolliert atmend watet er tiefer in die Kälte. Von einem jappsenden "Fffffuck!" begleitet reißen die Brauen in die faltige Stirn, als das Wasser seine Intimzone erreicht. Todesmutig ignoriert er die Kälte so gut es geht und steht einige Sekunden später eine Armeslänge von Gerda entfernt neben ihr. "Du bist knallhart.", deutet er ein beeindrucktes Nicken an. Noch immer wagt er nicht, ihr in die Augen zu sehen. Ihr Gesicht wirkt in dem wenigen Licht unheimlich verzerrt - wie Gestalten aus seinen Träumen, wenn er Monica hinterherjagt.
Mit den Händen schöpft er vom Nass, um es auf Armen und Brust zu verteilen, ehe er einen letzten Zug Nikotin tief einsaugt, die Zigarette in den See entlässt und kurzerhand untertaucht. Auch wenn das Wasser lähmend kalt ist, tut es gut, sich nach Wochen der Katzenwäsche endlich mal richtig abzuspülen. Hohl atmend taucht er auf, wischt mit beiden Händen über Hinterkopf und Gesicht. Für einen Moment scheint es, als würde die Kälte seine Trübsal einfrieren.
Der Mond spendet nur wenig Licht hinter einem leichten Wolkenschleier. Von den Tätowierungen teils überdeckt schimmern auf Logans Oberkörper verteilt Narben in verschiedener Stärke und Länge.
Während sie auf der Brust eher vereinzelt ein vages Bild von etwas zeichnen, das er augenscheinlich aus Gründen der Eitelkeit zu verstecken versucht, schneiden sie am Rücken zahlreich und deutlich tiefer aggressiv in die Haut.
Als würde er den Blick auf seinen Oberkörper verbergen wollen, sinkt Logan wieder bis zum Schlüsselbein ins Wasser. Die Hände reiben abwechselnd unter die Achseln, waschen Gerdas Überreste aus dem Schritt und rudern schließlich balancierend neben dem Oberkörper.

Abgeblitzt... Der Arsch! Mit vor Kälte schmerzenden Nippeln, die knapp über der Wasseroberfläche stehen, blickt sie in Richtung Ufer. Nahezu schlendernd kommt er auf das Wasser zu, mit neuer Kippe im Mundwinkel. 'Tssss. Angebercowboy.' Seine Art ist schon ziemlich nice, findet sie. "Dann hab ich wohl um Längen gewonnen.", schmunzelt sie für sich, er bekommt zum triumphalen Gruß zwei Mittelfinger entgegengereckt.
Ein Stück vor ihr stehen bleibend, beginnt er sich zu waschen. Sie schaut ihm zu und eine haptische Erinnerung an seinen Rücken schleicht sich in ihr Gedächtnis, als sie ein paar feine Linien sieht, die nicht aus Tinte sind.
'Hab ich seine krassen Narben vor Geilheit nicht gesehen und-oder verdrängt?!?' Als er sich ihrem Blick erneut, diesmal auch körperlich, entzieht, kann sie sich nicht mehr zurück halten. "Ich weiß, du willst nicht das ich viel über dich weiß. Das kann ich akzeptieren, auch wenn ich's Scheiße finde. Ganz klar deine Entscheidung. Aber bitte:" Sie blickt ihm ruhig und so offen sie kann entgegen, sucht seinen Blick. "Bitte verstecke nicht auch noch deinen Körper vor mir. Ich nehme dich an, wie du bist, in diesem Moment und in jedem anderen. Alles klar?" Um Raum zu geben, taucht sie unter und wäscht sich ebenfalls. Als sie wieder auftaucht grinst Gerda breit und wechselt das Thema. "Und ich bin nur knallhart, weil ich überreizt bin und dachte, du hast bestimmt keine Taschentücherbox im Auto. Bin diesbezüglich eigentlich 'n Lappen." Der letzte Kälteschock knallt rein, als sie ihre verschwitzten Kopfhaut untertaucht und sich die Haare wäscht.
"Und wenn du mir iiiiirgendwann auch mal wieder in die Augen schauen magst, wäre das auch in Ordnung. Ich mag deine." In die fast peinliche Pause, räuspert sie sich erneut das Thema umsteuernd hinein, "Bock auf schwimmen, Baghi?"



Fast tut es ihm leid, dass er nicht aus seiner Haut kann. Ihr Blick ist so offen und interessiert, dass es ihm Angst macht, sie könnte ihn mit all seinen Gedanken, Gefühlen und Geheimnissen in sich aufsaugen - und ihn trotzdem nicht verstoßen. Jetzt mag sie auch noch seine Augen. Das ist gar nicht gut. Tief seufzend setzt er an, etwas zu entgegen, sein Mund öffnet sich leicht, doch es kommen keine Worte über seine Lippen. Er richtet sich zu voller Größe auf. Das Wasser reicht ihm eine Handbreit unter die Brustwarzen. Wenn sie ihn unbedingt ansehen will, kann er das Gefühl, angestarrt zu werden, ertragen. Er weiß, dass er ein Blickfang ist. Er spürt ständig die bohrenden, oft fragenden, manchmal mitleidigen Blicke Fremder auf sich.
"Hör mal,", setzt er erneut an. Seine Aufmerksamkeit streift ihre vor Kälte erhärteten Brüste und er spürt den Drang in sich aufsteigen, sie zu berühren. Nicht weil er auf Möpse steht - was er tut. Es ist ein Gefühl von dem, was er hätte haben können, wäre er nur weniger abstoßend gewesen. Nachdenklich lenkt er den Blick zum Horizont. "Ich bin nich der Typ, mit dem man befreundet sein will. Wir haben rumgehangen und gefickt. Das wars." Einen Moment schließt er die Augen, ein weiteres Mal seufzend. Das alles kostet unheimlich viel Kraft. Die Schwärze beginnt, in seinem Brustkorb zu wühlen, kratzt an der einen oder anderen Wunde, die seit Jahren in ihm klaffen und begibt sich schaulustig in eine Ecke tief in Logans Inneren, von der sie ihm gehässige Kommentare ins Ohr flüstern kann. In seinem Blick spiegelt sie sich wider, als er Gerda endlich fest und bohrend in die Augen sieht. "Je weniger du über mich weißt, desto besser isses für dich." Für uns. "Kannste scheiße finden. Is okay für mich. Aber ... ich ... mach Leute kaputt. Meistens die, die es nich verdienen." Ein Kopfrucken deutet weiter in den See hinein, als er einen Schritt in die entgegengesetzte Richtung macht. "Geh schwimmen, girl. Ich bin raus." Das Wasser umwirbelt ihn laut, als er sich von ihr entfernt. "Warte am Wagen auf dich.", ruft er zurück und geht an Land.

Es war für Gerda absehbar das ein Gespräch dieser Art in der Warteschleife steht, dennoch überrascht sie der Zeitpunkt. Sie blickt ihm noch kurz nach, dann stößt sie sich mit den Füßen ab um loszuschwimmen. Das wird sie zwar nicht lange aushalten, aber hey, besser als dazustehen und zu frieren. Während sie sich in langen Zügen durchs Wasser krault, schaltet sich ihr Gehirn in den Pausenmodus. Nach ein paar Minuten begibt sie sich an ihren Ausgangspunkt. Er sieht sie kommen und öffnet lässig die letzten beiden Flaschen des Indian Pale Ale's aus der Rettungskiste. Bemüht aufrecht, um sich dem Frieren nicht zu ergeben, kommt sie am Auto an. Ein angefeuchtetes Handtuch liegt neben seinen Knieen, die ihren Weg in die Hose noch vor sich haben. Sein Shirt und die Unterhose hat er angezogen. Das Handtuch schnappt sie sich selbst, Baghiras Züge schauen kurz und müde zu ihr. Sie blickt ihm verständnisvoll und dankbar an und trocknet sich ab. Bevor sie ihre Klamotten aufklaubt und auseinandersortiert, legt sie das nun durchnässt Retterchen auf den Bogen. "Da haste ja jetzt doch von dir erzählt, ich danke dir.", lächelt sie ihm entgegen. Das bisschen Stoff von Höschen zitternd sortierend. 'Wo ist den bloß oben und unten?!?' Mit einem Bein im das kleine Mistding steigend, beginnt sie ihren Monolog. "Auch ich will hier klar mit dir auseinandergehen, darum muss ich noch was ergänzen." Das zweite Bein hat seinen Weg gefunden, fasst geschafft. "Ich hab das vorhin nicht klar genug formuliert, da muss ich noch Mal nachsetzen." Der Tanga Sitz, endlich. "Das ich deine Augen mag, meinte ich vor allem im menschlichen,...", sie sucht nach Worten und fingert die passende Bedeckung ihrer Melder-Nippel aus der T-Shirt-Wurst heraus. Nachdem sie ihn geschafft hat anzulegen, führt sie fort, "... und im seelischen Kontext." Das T-Shirt folgt. "Und zu dem kaputt machen:" Gerda zieht sich die schwarzen engen Hosenbeine über, "Vielleicht entscheiden andere Sims sich auch selbst dafür, sich kaputt machen zu lassen?" Prüfend schaut sie ihn an. "Oder sie waren schon selbst zu kaputt?", fragt ihre Stimme vorsichtig. Zwei Mal auf und ab hüpfen, zieht sie sich die Gesäßpartie über ihre Rundung und schließt Reißverschluss und Knopf. Mit dem nassen Handtuch trocknet sie sie nun die Füße ab und lässt sie in Socken und Stiefeln verschwinden. "Oder!" Sie geht um den an den Wagen gelehnten Jungen Mann mit den vielfachen Narben herum, um ihre Jacke vom Seitenspiegel zu nehmen und überzuwerfen. ... Um einfach einen Sündenbock zu haben. So lebt es sich schon etwas leichter mit sich selbst."



Logan lauscht konzentriert ihrem Wortschwall und trotz akustischer Aussetzer versteht er, was sie sagen will. Dennoch ändern ihre Argumente nichts an seiner Schuld. Egal, welche ihrer aufgeführten Varianten zuträfe, würde er doch immer einen Teil zu der seelischen Zerstörung beitragen.
Sich vor ihn stellend, nimmt Gerda ihm die noch unberührte Flasche aus der Hand. "Und danke, ich kann selber entscheiden, wenn mir was zu viel wird, was ich tragen kann und was nicht." Sie trinkt einen Schluck, und beugt ihre Knie so, dass sie seine einmal sacht und spielerisch berühren. "Ich meinte das ehrlich, mit dem Gesprächssexy. Unseren Austausch fand ich super, ich hätte gerne mehr davon. Mehr von dir, ja, besonders im freundschaftlichen Sinne. Aber ich verstehe, dass ich dir zu nahe gekommen bin. Du sollst nur nicht denken, meinetwegen nun Panikflüchten zu müssen." Sich von ihm abwendend geht sie zwei kleine Schritte rückwärts.
" Darum mach ich jetzt auch los." Zum Abschied prostet sie ihm zu.

Sie hält sich für tough. Und vermutlich ist sie das auch. Aber wie will sie entscheiden, was sie 'tragen kann', bevor sie die Geschichten erfahren hat? Einmal gehört, kann sie nicht zurückrudern und sagen, das hätte sie lieber nicht gewusst. So funktioniert dieses Spiel nicht.
Einige Schluck seines Getränkes in sich hineinschüttend, behält Logan seine Gedanken für sich. Er hat nicht die Kraft, eine Grundsatzdiskussion zu eröffnen. Womöglich treibt sie ihn noch dazu, süße Horror-Anekdoten auszuplaudern von seinem liebevollen Elternhaus.



Nach ein paar Sekunden des Lippen zusamnenpressens, stellt sie ihm umherdrucksend und mit ihrem rechten Fuß scharrend die Frage, ob er ihre Notanrufmöglichkeit für den Nachhauseweg sein kann. "Falls was ist. Die anderen feiern heute das vorletzte gemeinsame Konzert miteinander. Jo zieht mit ihren Drums um, sie ist nur noch für ein Konzert dabei. Da mag ich nicht wieder reingrätschen.", erklärt sie mit rotem Gesicht.

Seufzend sieht Logan sie einige Sekunden lang an. Er könnte sie fahren. Allerdings könnte er bei seiner Ausgelaugtheit nicht für irgendwessen Sicherheit garantieren. Allein das Aufrecht stehen ist anstrengend. Seine Wahrnehmung beginnt, am Glücksrad zu drehen und das Knie fängt an zu schmerzen. Fahren wäre eine beschissene Idee. "Fine." Er trinkt einen weiteren Schluck und streckt ihr die offene Hand hin. "Phone.", fordert er.
Gerda öffnet die neuen Kontakte und gibt ihr Telefon ab. Die Nummer ist schnell eingetippt. Beim Namensfeld zögert er einen kaum merklichen Moment. Er hat keinen Schimmer, wie man Baghira schreibt. Er weiß aus Erzählungen, dass es sich dabei um eine Wildkatze handelt - nach den heutigen Anspielungen wird es vermutlich ein Panther sein - aber weder hat er die Geschichte gelesen, noch den Film dazu gesehen. Er könnte 'Corey' schreiben. Vielleicht wäre es klug, den neuen Namen anzunehmen. Ein letzter Schluck festigt seine Entscheidung. Er tippt, speichert und ruft sich selbst an, um später ihre Nummer zuordnen zu können, und gibt ihr das Gerät zurück. "Nur im Notfall, klar?" Das Gewicht auf das starke Bein verlagernd, leert er die Flasche, stellt sie neben sich auf der Motorhaube ab und steckt sich eine Zigarette an.



Erleichtert nimmt sie ihm ihr Telefon ab. Sie muss h a r t an sich halten, um seine eingegebenen Daten nicht anzuschauen. Welchen Namen hat er wohl eingetragen? Egal, es ist Zeit aufzubrechen. Das Telefon einsteckend, überprüft sie ihre Jackentaschen abklopfend, ob sie all ihre Habseligkeiten dabei hat. Wohnungsschlüssel, Kopfhörer, Fahrkarte, Bargeld. Alles da. "Klar.", versichert sie ihm. Mit Mühe gelingt es ihr, in den Blickkontakt nicht noch weitere Tiefe reinzulegen - am liebsten würde sie sich noch ein ein letztes Mal an ihn schmiegen, fest drücken und abschiedlich filmreif küssen, denn davon gab es nach ihrem Geschmack nicht genug. Aber auch egal, nun ist es Zeit für ihr Schneckenhaus und eine Regenerationsphase. Die nächsten Tage und Wochen werden hart und Burnout-fördernd werden.
"Danke das du das machst, es beruhigt mich arg." Sie grinst schief, macht wieder einen Schritt auf ihn zu und lässt ihre Flaschen zusamnenklirren. "Cheers, mate, bis dann." Gerda trinkt ein paar Schlucke und wendet sich dann ab zum Gehen. "Und in circa einer Stunde, plus minus fünfzehn Minuten, ist der Bereitschaftsdienst auch durch." Grüßend hebt sie nach ein paar Schritten in Richtung Zuhause ihren flaschenfreien Arm und winkt noch einmal kurz, ohne sich zu ihm umzudrehen.


(in Zusammenarbeit mit @S.Bin. )


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06.03.2025 05:27 (zuletzt bearbeitet: 30.05.2025 10:21)
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Bücherstapler

Charaktere: Gerda Karlotta Simmer, Hündin Bonnie
Ort: Toronto (Earlscourt), Gerda's Wohnung
Geschichtsstrang: Erstens kommt es anders, ...

Zusammenfassung oder "Another one drown, another one gone"

With animals all in my life
Free of all the suffering and strife
You're a sorcerer, girl, you are a sorcerer
--- Duke Garwood ---

Mit Bonnie an der Leine, entert Gerda ihre Wohnung. Elois wird ausrasten wenn sie mitbekommt, dass 'ihre Bonbon' mal wieder zu Besuch ist. Sie liebt Hunde ebenso sehr wie sie. Nachdem sie 'ihre' 'Bon'inta abgeleint und die Hundesachen verstaut hat, schmeißt sie sich auf ihr Bett und lockt Bonnie zu sich. E n d l i c h mal wieder ein Hundekind bei sich, eine Freundin, eine Kuschel- und Spaziergangsgefährtin, eins der reinsten und liebsten Wesen auf der Welt. Erlöst atmet sie in Bonnie's Fell, die Hündin gräbt ihre weiche Nase in ihren Oberkörper. Beide atmen glücklich schnaufend. Welch ein Geschenk, welch ein Segen!



You are a seraphim, girl, you are a seraphim
--- Duke Garwood ---

Nach einer kleinen Weile wird Gerda unruhig, sie muss noch ein paar Dinge regeln und in die Spur bringen.
Aber eins nach dem anderen. Der Spaziergang war schön, aber nun muss sie sich resetten und unabgelenkt ihr Kopfchaos sortieren. Zu viele verdrängte und beiseite geschobene Verpflichtungen.

'Alright.' Erstmal das leibliche Wohl wiederherstellen. Sie küsst und knuddelt ihre Fellfreundin und bewegt sich dann in die Küche, um den Kühlschrank zu plündern und Kaffee aufzusetzen. Nach fünfzehn Minuten ist das Bett-Tablett voll bestückt mit leckeren Resten der letzten drei Tage und ihrem frisch befülltem Monster-Kaffee-Becher. Zurück bei Bonnie, richtet sie sich um das ausgestreckten und wohlig brummende Hündchen ein. Konzeptpapier, Textmarker, Kugelschreiber und Schreibunterlage. Gerda seufzt und steht erneut auf, ohne Musik geht es nicht.

Nach kurzem zögern entscheidet sie sich für etwas, dass ihre melancholische Verluststimmung unterstreicht.



Quelle: https://1265745076.rsc.cdn77.org/1024/jp...9bd04d0930c.jpg

Nachdem die Plattennadel ihre Spur gefunden hat und die ersten Klänge sie umfangen, beginnt sie sich im Tackt zu wiegen und bewegen. Freitanzen, ankommen, reinfühlen, alles alles annehmen und zulassen. dreizehn einhalb Minuten lang. Die Augen geschlossen, greift sie ihr Kernproblem auf und bündelt die hinaus- oder hineinfließenen Gedanken zu ihren Baustellen.



Per Bubble-Mind map beschreibt sie ein DIN A4-Blatt mittig mit dem erfühlten Oberbegriff, eingebettet in einer Wolkenumrandung. Gerda beißt sich auf die Unterlippe und starrt auf die beiden Hauptwörter. In die linke obere Ecke schreibt sie eine Unterwolke mit vier Gliederungspunkten: Uni

Die rechte Ecke füllt sich mit einer weiteren Auflistung: Social life

Eine Weile starrt sie auf das Blatt, dann bedient sie sich erstmal an ihrem Snack-Tablett. Mit Kaffee werden die buttrigen Bratnudeln runtergespült, Bananenchips runden die stärkende Ablenkung ab. Bonnie hebt ihren Kopf um zu schnuppern. Enttäuscht fällt ihr Hundeköpfchen aufs Bett, als klar wird, dass nichts abfällt. Lächelnd krault Gerda ihr die flauschigen Ohren, bevor sie den Kaffee abstellt und einen weiteren zwackenden Punkt Fett notiert, direkt unter der Hauptwolke.
Nebenjob & Renovierung



Stöhnend vor Ärger legt sie alles aus den Händen und reibt grob ihr Gesicht. 'Scheiße!' flucht sie innerlich, um das kleine süße, schnarchende Pfotenkind nicht zu wecken. Ein Pancake und eine Schale Blaubeeren vertreiben zumindest etwas von dem doofen Geschmack der überfordernden Tatsachen. Sie leert ihren riesigen bezahnt grinsenden Becher und greift nach einem neuen Blatt, aus dem kurzerhand eine hingeschmierte, zusammenfassende To-Do-Liste entsteht.

1. Krankmelden Blumenladen
2. Prioritäten-Liste: Kurse und Aufgaben
3. Seperater Plan: Kurs/ Klausur retten und Maßnahmen gegen Dozent prüfen
4. Baumarkt und Renovierungsplan erstellen.
5. Unvermeidlich: Brudi anrufen (!)

Beim erneuten Durchlesen wird ihr klar, dass nichts davon mehr heute passieren wird. Aber morgen. Vormittags Punkt 1 und 5, nachmittags 2 - 4. Zwischendurch mit der kleinen süßen 'Bon'ita spazieren gehen und Elois besuchen, um bei ihr zu Kreuze zu kriechen. Again. Nun wird sich aber erstmal wieder abgelenkt und belohnt. Leise schiebt sie sich ins Badezimmer und lässt Wasser in die Wanne. Nach einigen Minuten ist die Badewanne herrlich heiß und vollgelaufen.

Auf dem kleinen improvisierten Ablageplatz liegen neben ihrem Handy ein Notizbuch und ein Kuli. Der Kopf ist nach dem Erstellen der To-Do-Liste noch nicht komplett zwischengeleert. Sie gleitet ins fast zu heiße Wasser und bekommt einen Wohligkeitsschauer, der dir Haut bis an die Grenze des schmerzhaften treibt. Nach ein paar Minuten im Nass weiß sie, was sie noch "zu bearbeiten" hat. Ihr dritter Punkt unter Social life. Baghira aka Logan. Ob es sein richtiger Name ist? Mittlerweile ist der Konzert-Western-Abend fast eine Woche her. Morgen, um genau zu sein. Auf ihrem Heimweg hatte sie nicht die Muße alles zu überdenken. Und ihre gegenwärtigen Baustellen fordern sie genug. Dennoch lässt es sie nicht los.

Bisher hat sie noch keinen so zwangfreien und herrlichen Schlagabtausch und allgemeinen Austausch mit jemandem gehabt, mit dem sie nicht schon lose befreundet oder bekannt war, beziehungsweise ist. Und dennoch: Es gibt einiges (!) an Logan, dass im Nebel liegt. 'Und trotzdem fühlt sich nahezu jede Minute vertraut an.', nimmt sie ihren Hauptgedanken des vergangenen Abends, der seit Tagen wiederholt aufploppt, wieder auf. 'Sogar sicher!' Gerda taucht unter. Logan. Der Name passt schon irgendwie, findet sie. Grübelnd kommt sie zu dem Schluss, dass da ist noch mehr ist, dass passt. Auch aus einem Flashback-Was-weiß-ich-denn-Trance-Zustand, lässt er sich von mir mitnehmen. Ob bewusst oder unbewusst ist nicht klar, aber er kann sich auf "ihre Hand" und einen Weg da raus einlassen. Ihr scheinbar unbewusst Vertrauen?!?
Es gibt definitiv eine Verbindung zueinander, die gegenseitig wohltuend ist. Wie das Badewannenwasser. Sie muss grinsen und angelt nach ihrem Telefon, dass auf dem Waschbecken liegt. Nach einiger Überlegung tippt sie ein paar Zeilen an ihren neuesten Kontakt.

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Hey Hu hier ist Gerda. Biste noch in der Stadt? Folgendes: Ich brauche ne Transport- und Tragehilfe vom Baumarkt zu mir und über ne doofe Treppe ins 1. OG (Ashbo sind nicht da). Und ich würde gern vor meiner Vernichtung im Studienkurs nochmal nen netten, lynchigen Realitätsverdreher-Abend haben. Was sagste? Als Dankeschön springen ein paar Gläser Whiskey und leckeres mexikanisches Essen raus - kann ich ganz ok zubereiten. Deal?
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Nachdem die Nachricht raus ist, arbeitet es weiter in ihr herum. Sie zieht eine Schnute und die Augenbrauen zur Gesichtsmitte. Was wurde bei ihr noch geweckt? Der Wunsch nach einer Partnerschaft. Aber was für einer? Genug Schmerz ist noch immer in ihr, von David und den alten, zerplatzen Träumen. Aber Geist-, K ö r p e r- und Leidenschaftssehnsucht hoch 1.000. Definitiv. Das ist so klar wie die sprichwörtliche Klosbrühe, warum auch immer das so heißt. Allein bei dem Gedanken an ihre Kopulation wird ihr innerlich heiß und kribbelig. "Man. Bin. Ich. Ausgehungert. Und alleine!!!! Aaaaaaaargggh!", schimpft sie lauthals heraus. Bei ihrem letzten Ausruf stubst Bonbon die Tür mit ihrer Nase kraftvoll auf und blickt sie fragend an.



Gerda muss schmunzeln und ein bisschen weinen. "Ach du süßer Schatz!" Dankbar das sie nicht alleine ist, setzt sie sich auf, beugt sich vor und breitet die Arme aus. "Ich bin nur ein zerlegtes Wrack, alles gut. Danke das du nach mir schaust und mich tröstet."



Another one gone, another one lost
With animals as my healers
With animals as my saviors
You're a drug to me, girl, you are a drug to me
--- Duke Garwood ---


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