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Ciudad Enamorada
#2
<<< Abs kommt von Britechester Nr. 11 (D) - Wohnung Kitty, Felix, Abs <<<
<<< Agnes und Adelaide kommen von Britechester Nr. 11 (D) - Wohnung Kitty, Felix, Abs <<<
<<< David kommt von Britechester Nr. 11 (E) - Wohnung von David Janko <<<
<<< Antonia START
Charaktere: Abs, Agnes, Adelaide, David, Antonia
Ort: Restaurant am Rande Ciudads
Geschichtsstrang: Geburtstag wider Willen I
Vier Autotüren klappen geräuschvoll, dann ertönt ein kurzes, hohes 'glip glip' und David lässt den Schlüssel theatralisch lässig in seiner Hose verschwinden. Mit einem schrägen Seitenblick auf ihn steht sie mit freudlosem Blick da und wartet auf ihre Mom's, die sich und ihre Geschenke in den Tüten umher sortieren und aufgeregt schnattern. "Hier Schatz", strahlt sie ihre Tutu an und überreicht Abs das lieblos in Zeitungspapier eingeschlagene Bild. "Abeena, ich bitte dich," tadelt sie nun ihre Tante, "zieh nicht jetzt schon so ein Gesicht. Gib deiner Mutter erstmal eine Chance."
Die ursprüngliche Nichte und Enkelin blickt den beiden Frauen trotzig entgegen. "Ich habe ihr HUNDERTE Chancen gegeben, wie ihr wisst." Abs Lippen werden zu einem schmalen Strich. Wut und Tränen wollen sich hocharbeiten. Sie schluckt alles Fragend sowie herausfordernd reißt Sue ihre Brauen in die Stirn. "Und? Hat sie in den letzten Jahren, seit meiner Pubertät etwas daraus gemacht?!", endet sie fast schrill, während sich ihre Finger in die Leinwand krallen. Bevor ihre ehemaligen Sorgeberechtigten zu einer Antwort ansetzen können, hebt sie beide Hände zu einer defensiven Geste vor sich. "Schon gut, lasst stecken - ihr habt mich ja schon genug genötigt. Ich kann und will jetzt nicht mehr kämpfen. Geht doch schon mal vor und begrüßt das Geburtstagskind gebührend. Ich werde mich jetzt erstmal bei David für die Miesepeter-Show entschuldigen und dann kommen wir nach."
"In Ordnung" bestätigt die älteste der Silva-Frauen. Wenig später sind Adelaide und Agnes hinter der Eingangstür der Location verschwunden.
Abs schnaubt aus und kickt ein kleines Steinchen weg. "Diese Heuchlerinnen! Ich schäme mich so für sie. Bis vor kurzem waren sie keine halben Fans dieser... dieser... Person."
David betrachtet den kleinen Stein, der klackernd über den Asphalt hüpft, ehe sein Blick zurück zu Abeena wandert. Die Augenbrauen reißen halb amüsiert, halb bedauernd in den Haaransatz, seine Lippen formen eine schmale Linie. Er macht einen Schritt auf sie zu, sodass er eine halbe Armlänge vor ihr steht, und legt beide Hände mit sanftem Nachdruck an ihre Oberarme. Freundschaftlich rüttelt er sie sanft. "Hey, komm schon. Tief durchatmen." Seine Hände streichen über ihre Arme auf und ab. Dann, ohne Vorwarnung, zieht er sie an sich, drückt sie kurz, aber fest, und schiebt sie wieder zurück zu dem Fleck, an dem sie stand.
"Ich glaub nicht, dass sie heucheln"[b], meint er schließlich ruhig. [b]"Man wird nur irgendwann müde. Jahrelang wütend oder enttäuscht zu sein, kostet einfach Kraft. Vor allem, wenn man die Person trotzdem liebt." Er mustert sie aufmerksam. Der seichte Wind streift durch seine feinen Strähnen über der Stirn. "Das heißt aber nicht, dass deine Gefühle falsch sind." Er nimmt etwas Abstand, lehnt sich mit der Hüfte an dem Wagen an und zuckt mit den Schultern. "Wir müssen da nicht rein gehen.", erinnert er sie an die Gespräche, die sie bereits führten. "Du musst niemandem etwas beweisen. Nicht deiner Mutter, nicht den beiden,", eine Kopfbewegung deutet zum Eingang, der vor Kurzem Abs Großmutter und Tante verschluckt hat, "und auch nicht mir." Dann springt sein Blick auf das in Zeitungspapier gewickelte Bild in ihren Händen. "Das Geschenk ist schon ein bisschen passiv aggressiv.", stellt er schmunzelnd fest. Eine Geste mit persönlicher Note — ganz nach seinem Geschmack. "Denk daran, warum du das durchziehen willst. Oder eben auch nicht. Und dann steh dazu." Er stößt sich vom Wagen ab, um sich aufrecht vor ihr aufzubauen. Dann reicht er ihr die Hand, darauf wartend, dass sie sie ergreift. "Zieh mich in die Richtung, in die du gehen willst. Wo auch immer die liegt — ich bin bei dir."
Nachdenklich lässt sie sich von ihrem neuen Vertrauten aus der Innenkehr, sowie dem daraus resultierenden starken Gefühl hinaus ziehen. Zurück in die Außenwelt. In den Tag, der nicht ihr Ehrentag ist und für den sie sich schon mal entschieden hat. Auch, wenn es mehr für Tutu und Ma gewesen ist. Resigniert schnauft die Tochter des Geburtstagskindes aus. Sie weiß nicht so genau wie oder wieso David es schafft, aber seine Berührungen, Streichler und sein Schunkeln haben einen Calm-Down-Effekt, der einfach nur entwaffnend ist. "In Ordnung." Sie will ihrer Erzeugerin auf jeden Fall das Passiv-Aggressive schenken und sich vom Mittags-Buffett einen fetten Teller mit Kroketten, gebratenem Gemüse, Baguettebrot und einer unverschämten Portion Aioli abholen. Das war ihr Agreement mit der Situation und sich selbst. "Wir gehen erstmal rein," sagt sie und nimmt seine große Hand dankbar, "aber ich muss dich warnen. Die Frau ist absolut aufdringlich." 'Und so anders, als wir drei anderen Silva's.'
Breit grinsend blinzelt er ihr entgegen. "Aufdringlich kann ich auch." Seine Finger schließen sich um Abeenas Handrücken. Ihre Haut ist warm und zart. Ohne genau zu wissen, warum, mag er es, ihre Hand zu halten.
Gemeinsam setzen sie sich in Bewegung und haben nach wenigen Schritten den Eingang passiert. Sie lassen den vordersten Bereich mit den Garderoben hinter sich und folgen dem Weg in den angrenzenden Raum, vorbei an der kleinen Sitzecke in den Saal. Beinahe zwanghaft fröhliche Popmusik quäkt ihnen aus den Lautsprechern entgegen, gerade laut genug, um die halblauten Unterhaltungen der anwesenden Gäste zu übertönen.
"Woah!" Davids Augen leuchten auf bei dem Anblick des Klientels. In kleinen Grüppchen stehen sie im Raum verteit, darauf wartend, dass das Buffet eröffnet wird. Die meisten von ihnen halten sich mehr oder minder elegant an ihrem Glas fest, während sie einander Sympathie vorgaukeln. Es wird künstlich gelacht, an Haarsträhnen gespielt und vornehm an Begrüßungsgetränken genippt.
Innerlich reibt David sich vorfreudig die Hände. "Das ja der Hammer!" Seine Finger greifen Abeenas Hand ein wenig fester, ohne dass er selbst Notiz davon nimmt. Begeistert lässt er den Blick schweifen. Polierte Schuhe, künstliche Fingernägel, auffallend betonte Körperhaltungen. Und überall dieses falsche Lachen. Es ist ein Wettbewerb der Illusionen. "Das sind ja fast nur Blender", lacht David leise vor sich hin. "Wie geil ist das denn?!" Als hätte er im Lotto gewonnen, strahlt er Abeena an. "Und deine Mutter ist eine von denen?" Um nicht in lautes Lachen auszubrechen, hebt er die geschlossene Faust vor den Mund. "Scheiße, man. Das ist echt übel, Abs. Gut, dass du damit nicht aufgewachsen bist." Fasziniert wendet er den Blick wieder in den Raum. "Und kein Wunder, dass du Probleme mir ihr hast." Auffordernd ruckt er an ihrer Hand. "Welche ist es? Stell mich vor."
Als sie im Hauptraum ankommen, möchte Abs auf dem Absatz kehrtmachen. Sie zieht die neue Luft zum Atmen scharf durch die Nase ein, da ihre Lippen und ihr Kiefer noch immer schmerzhaft aufeinander gepresst sind. Wann sie damit angefangen hat, weiß Abeena nicht. Gefühlt hat sie den Bezug zu ihrem Körper verloren, einzig und allein ihre von David gehaltene Hand sendet Ruhe und Erdung an ihr Nervensystem. Sie wendet ihm den Blick zu, nachdem sie die Lage erfasst und mit ihrem Daumen prüfend über den obersten Fingerknochen seines Zeigefingers massiert hat. Er ist zumindest echt und wahrhaftig. Verwirrenderweise ist er nicht schockiert. "Bist du ernsthaft begeistert?!" will sie wissen und rückt einen halben Schritt von ihm ab, damit sie ihn besser mustern kann. "Ja, das bist du tatsächlich" beantwortet Abs ihre Frage selbst. Das Grinsen des großen Blonden ist gewinnend und zweifelzerstreuend genug - sie entspannt sich ein wenig und rückt wieder an ihn heran. Gerade will sie gezielt Ausschau halten, als sie eine übertrieben hohe und gekünstelte Stimme hört, die ihren Namen durch das vordere Drittel des Raumes trällert.
"Abeeeeenaaaaa, Schätzchen! Wie schön, dass du gekommen bist - auf dich habe ich mich am meisten gefreut!", flötet die etwas größere Blondine, als sie vor ihnen beiden anhält. Offensichtlich unsicher, ob sie die eingeschränkte Distanz, die sie gelassen hat, weiter überschreiten kann. Die nun Fünfunddreißig-jährige Frau schwenkt nach ein paar Sekunden des Schweigens nervös mit ihrer Aufmerksamkeit zu David, der freundlich aber auch wachsam der Unbekannten zunickt. Abs verdreht genervt die Augen, als die ihr immer gleichbleibende Fremde ihre Begleitung mit ihren gierigen, leuchtenden Augen von oben bis unten abtastet, wie ein Bühnenscheinwerfer. Antonia mag, was sie sieht.
Abs spannt sich an. "David, dass ist Antonia, meine Erzeugerin." sagt sie kühl. "Die Frau mit dem verschlossenen Herzen für ihr Kind, aber stets geöffneten Beinen für alle anderen."
David will gerade zu einer überschwänglichen Antwort ansetzen, als Abeenas Name zu lang gezogen, zu laut und viel zu fröhlich durch den Raum piepst. Und dann steht sie vor ihnen. Antonia, Abeenas leibliche Mutter. Angezogen, frisiert und geschminkt, wie eine fleischgewordene Barbiepuppe. In Davids Kopf klatschen unzählige kleine Äffchen begeistert in die Hände. Er kann sein Glück kaum fassen und hat Mühe, still stehen zu bleiben. Am liebsten würde er hysterisch kreischen im Kreis rennen.
Seine Augenbrauen schnellen in die Höhe, als sie ihn vorstellt. Anerkennend wandert sein Blick zu Abeena hinüber. "Autsch.", grinst er schamlos belustigt, bevor er sich der Geburtstagspuppe widmet. Ihre drall zusammengepressten Möpse fordern den Betrachter geradezu auf, die Aussicht auf den tiefen Ausschnitt einen Augenblick länger zu genießen. Als könne das ihr unsicheres Lachen überspielen.
"Das ... Wow!" Noch immer strahlend schüttelt er mit dem Kopf. Er gibt sich nicht die geringste Mühe, seine Freude zu verbergen. Wozu auch? Sollen sie sich doch alle bestätigt fühlen. "Das übertrifft alles, was ich hätte erwarten können." Seine Augen funkeln, wie die eines Kindes am Weihnachtsabend, als er ihr die Hand reicht. Natürlich fühlt sie sich wie ein toter Fisch an. Das Klischee ist erfüllt. "Sie sehen bemerkenswert aus.", wird er nun ernster. "Es ist überaus mutig, ein so prägnantes Statement gegen soziale Oberflächlichkeiten darzustellen. Ihre Parodie ist makellos." Einen Herzschlag lang hält er den Blickkontakt, ehe sein Grinsen zurückkehrt. "Ich mag Menschen, die sich vollständig einer Ästhetik verschreiben. Die meisten hier wirken, als hätten sie Angst, wirklich aufzufallen." Seine freie Hand deutet vage durch den Raum. "Aber Sie ziehen das wenigstens konsequent durch."
Antonia blinzelt irritiert. Offenbar schwankt sie zwischen geschmeichelt und angegriffen. Wunderbar. Genau dort wollte er sie haben.
"David.", säuselt sie schließlich und legt den Kopf leicht schief. "Du bist ja ein ganz Süßer."
Sofort strahlt er noch breiter. "Danke. Das sagen meistens Frauen über mich, bei denen man nachts sicherheitshalber das Fenster abschließt." Sein Lächeln wird kühl. Die Luft beginnt, sich mit einer fragwürdigen Energie aufzuladen. "Abs." Er hält den Blick auf der Blondine. "Möchtest du ihr dein Geschenk jetzt geben oder betreiben wir erst noch Smalltalk mit Leuten, die sich nur wohlfühlen, wenn andere kleiner wirken als sie?"
Sie hasst es, dass ihr das rausgerutscht ist, dass Antonia sie in Nullkommanix über den Rand ihrer Beherrschung katapultiert hat. In der Regel hegt sie gegenüber anderen nicht solche Gedanken - überhaupt nicht! Geschweige denn, dass sie laut ... aber diese Frau?!'Grrrrraaah' Abs beginnt, von einundzwanzig hoch auf fünfzig zu zählen und alles was sie von ihrer Mutter wahrnimmt zu ignorieren, als David noch immer mit voller Begeisterung das Wort ergreift und Antonia kunst- und niveauvoll in die Vollblondigkeit textet, ohne mit der Wimper zu zucken oder sich von Parfüm, Lächeln oder Barbusigkeit aus dem Konzept bringen zu lassen. Er steht hier an ihrer Seite: Groß, hält ihre Hand und ist wunderschön vernichtend gegenüber dieser lahmen Anmache. Abs merkt, wie ihr Puls sich erhöht. Das ist so ziemlich das Netteste und Sexieste, was jemals in ihrer Gegenwart stattgefunden hat, auf echte, natürliche Weise. Ihre Mutter versucht nun, das Gespräch auf eine Ebene zu ziehen, auf der sie sich kompetent fühlt. 'Süßer? Dein Ernst?!?' Ungläubig reißt Abs ihr Gesicht auf, dann schüttelt sie den Kopf. Es ist nicht auszuhalten, wie diese Frau sich dumm stellt und versucht den Fokus auf David zu setzen. Sie weiß das ihre 'Mutter' im Nachgang verstanden hat, was ihr da charmant um die Ohren gepfeffert wurde. "Ich kann mich jetzt keine Minute länger fremdschämen, wir machen jetzt mit anderen Smalltalk, du bist so schön in Fahrt", lacht sie nun kurz sowie ehrlich amüsiert, "und wenn ich richtig informiert bin, gibt's später einen Effektheischenden Geschenke-Showdown."
"Aber was soll denn das jetzt, Abeena!" erkundigt sich Antonia, als die Tochter sich gerade ganz von ihr abwenden will. "Ich hab mir jetzt Zeit für dich und deinen Freund genommen. Wir lernen uns doch gerade erst kennen. Du kannst doch nicht-"
David sieht zwischen den Frauen hin und her. Sie könnten kaum verschiedener sein. Abeenas Wunsch bestätigend nickt er ihr zu, ohne von dem Glanz in den Augen einzubüßen. Als Antonia nach Luft schnappend vor sich hin piepst, entgeht ihm das hektische Ziehen in ihrer Stimme nicht. Diese Nervosität gefällt ihm. Ist es tatsächlich Verzweiflung, weil sie sich eine bessere Beziehung zu ihrer Tochter wünscht? Oder vielleicht doch eher die Sorge, dass jeder hier sehen könnte, wie wenig Kontrolle sie über die Situation hat? Er wird es herausfinden. Später. Oder irgendwann. Das fordernde Ziehen an seiner Hand, als Abeena bereits losstürmen will, ermahnt ihn, sich zu sehr in seine eigene Party zu stürzen. Sein Mundwinkel hebt sich kaum merklich. "Ich glaub, sie kann.", antwortet er gerade noch. "Aber keine Sorge. Wir finden später noch Gelegenheit, uns gesellschaftlich total daneben zu verhalten." Die letzten Worte trägt er mit einer beinahe charmanten Leichtigkeit vor, bevor er hinter Abeena her tappt.
Ohne sich noch einmal zur Gastgeberin umzusehen, steuern sie auf den unübersehbaren Gabentisch zu, wo Abeena das Mitbringsel eher pragmatisch als liebevoll abstellt. Bevor sie eine Unterhaltung aufnehmen können, materialisiert sich eine Angestellte mit Tablett vor ihnen, um ein willkommensgetränk anzubieten. Drei Gläser Sekt, vier Sekt-Orangensaft-Gemisch und nur noch ein Saft stehen im Angebot. Fragend schaut David seine Begleitung an. Er hat keine Ahnung, ob sie gelegentlich trinkt. So lässt er ihr den Vorzug und registriert mit angenehmer Note ihre antialkoholische Wahl. Zwei Sekunden überlegt er. Dann lehnt er sich der Frau entgegen. "Könnten Sie mir ein Tonic Water pur mit Eis und Limette organisieren?" Seine Braue zuckt verspielt.
Die Kellnerin stimmt nickend zu und verschwindet hinter dem nahegelegenen Tresen.
"Also," wendet er sich Abeena zu, "was ist dein Plan? Unter die Leute mischen, zu deinen Moms", eine Kopfbewegung deutet auf die beiden Frauen, die sich bereits zwei Plätze am Tisch sichern, "oder willst kurz raus zum Durchatmen?"
Abs hält ihren O-Saft wartend. Die Gentleman-Geste dringt nicht zu ihr durch, da sie noch wie ferngesteuert einfach Dinge tut. Wüten, reden, wegrennen, Geschenk abschmeißen, angebotenes annehmen. David's Frage folgend, wendet sie sich dem Tisch zu, an den sich Tutu und Adelaide platziert haben. Lange muss sie nicht in sich reinhorchen um festzustellen, dass sie auf keine ihrer Verwandten Lust hat. Zumal ihre Sorge berechtigten der Grund sind, weshalb sie hier ist. "Lass uns bitte raus gehen, frische Luft und Abstand sind bestimmt gut zum runter fahren." Kurze Zeit später sind die beiden mit Getränken bewaffnet auf dem Hof.
Draußen empfängt sie die warme Sommerluft. Obwohl sie mitten in der Stadt sind, umgibt sie angenehme Ruhe. Das stetige Rauschen des entfernten Verkehrs klingt beinahe wie Wellenrauschen.
Der dumpfe Bass der Musik dringt nur gedämpft zu ihnen, wie die Überreste eines schlechten Traumes.
David nimmt einen langen Schluck aus dem Glas, ehe er den Kopf leicht in den Nacken legt. "Boah." Ein Grinsen zieht über sein Gesicht. "Deine Mutter ist wirklich beeindruckend." Seine Stimme klingt nicht einmal gehässig. Mit der Schulter lehnt er sich gegen das Geländer des kleinen Außenbereichs und dreht das Glas zwischen den Fingern. Durch die Fensterfront fällt sein Blick zurück in den Saal, wo Antonia wieder mitten zwischen ihren Gästen steht. Sie lacht zu laut, berührt beim Reden ständig fremde Arme und fährt sich immer wieder durchs Haar.
"Sie wirkt so, als hätte sie permanent Angst, nicht gesehen zu werden." Nachdenklich zieht David die Brauen zusammen. "Oder sie fürchtet sich davor, DASS jemand sie sieht." Prüfend schwenkt er zu Abeena um. "Wie geht's dir?", fragt er mit kaum merklichem Zunicken. "Alles okay?"
Abs hört ihrem Begleiter zu und beginnt seit Monaten mal wieder ohne Gram über die Frau, dir ihr das Leben schenkte, nachzudenken. Mit Davids erster These geht sie voll mit. Die jüngere der Silva-Schwerstern hat sich im Vergleich zu ihrer Mutter und Schwester stets produziert und zu jeder Zeit Tam Tam um sich herum veranstaltet. Egal ob mit ihrem Verhalten oder durch ihren Kleidungsstil. Sie hat alles an dieser Frau immer nur in diese eine Richtung gedeutet. Das sie vielleicht Angst davor haben könnte, gesehen zu werden... Die junge Erwachsene schaut mit glasigem Blick durch die Scheiben. "Es geht mir gemischt." antwortet sie ihm, die Augen auf ihr Glas mit Saft gerichtet. "Sie war etwa so alt wie ich als sie sich versehentlich hat schwängern lassen. Schätze schon, dass es da viele Ängste gab oder auch noch gibt, von denen das ganze Bling Bling ablenken soll. Wie kommst du auf die Idee?", fragt sie ehrlich interessiert, mit weicher werdenden Zügen.
David hebt leicht eine Schulter. "Keine Ahnung." Nachdenklich zieht er die Kugeln seines Zungenpiercings am Gaumen vor und zurück. "Ich glaube, Sims, die unbedingt gesehen werden wollen, sind oft die, die am meisten verstecken." Kurz wandert sein Blick zurück zur Fensterfront. Unwillkürlich denkt er an Vaas. Er kennt niemanden, der mehr Scheiße labert. Der Typ ist so überdreht, dass kaum jemand merkt, wenns ihm beschissen geht. Ein schmales Grinsen huscht über seine Lippen, bis Pita das innere Bild ablöst. Mit ihrer Extravaganz wirkt sie kontrolliert, als hätte sie sich komplett im Griff. Doch die Vergangenheit zeigte, dass dem nicht so ist. Er schnaubt leise.
"Mein Stiefvater tut zum Beispiel immer total vernünftig." Ein schiefes Grinsen zieht über seine Lippen. "Aber dann versteckt er billige Pornomagazine wie ein Dreizehnjähriger." Er schnaubt leise durch die Nase. "Und gleichzeitig erzählt er beim Abendessen, dass das Abholzen von Wäldern halt notwendig ist." Ein kurzer Blick wandert zurück zu Antonia hinter der Scheibe. "Ich glaube, die meisten Leute bauen sich irgendeine Version von sich selbst zusammen, mit der sie leben können." Er schenkt Abeena ein nicht ganz ernst zu nehmendes Lächeln. "Manche halt mit Barbie-Theater."
Das Bild, das David von seinem Vater preisgibt, klingt anders falsch-kaputt. "Boah, das hört sich übel an. War er schon immer so? Wie geht es deinen anderen Geschwistern mit ihm?" Warum sind manche Eltern solche Blender und Lügner, fragt sie sich. Es stimmt schon, dass viele Leute ein komplett widersprüchliches Bild von sich nach außen tragen. Abs Blick wandert an dem Gebäude entlang, bis er in etwa dort zum halten kommt, wo der Ablageort der Präsente ist. "Ich frage mich, welches Tier Antonia für sich bei Ellie in Auftrag gegeben hätte. Und was denkst du, wie dein Vater sich darstellen lassen würde?"
"Er ist nicht mein Vater.", korrigiert David sachlich und rührt in seinem Glas herum. "Er ist der Mann meiner Mutter. Ich hab dir erzählt, dass ich zwei Familien hab." Die Stirn leicht gerunzelt, klingen seine Worte eher nach einer Erinnerung, als nach einer Frage. "Louis ist schon okay", setzt er dann erneut an. "Er ist kein schlechter Vater oder so. Da gibt es ganz andere Kaliber."
Er hebt den Blick und stutzt, als er hinter einem Busch etwas aufblitzen sieht. Zuerst neigt er nur den Kopf seitlich, dann den ganzen Oberkörper. Der äußere Fuß steigt mehr und mehr in die Luft, bis David beinahe das Gleichgewicht verliert. Rudernd bringt er sich wieder in den Stand. "Da ist doch was ...", murmelt er mit angestachelter Neugier. Mit einem "Warte mal kurz." macht er einige Schritte in den Garten hinein. "Oh, Scheiße." Ein belustigtes Grinsen huscht über sein Gesicht. "Die haben hier echt eine Kinderecke."[b], ruft er halblaut zu Abeena hinüber und winkt sie zu sich.
Mit lediglich einem Schaukelgerüst und einem Sandkasten wirkt der Spielplatz eher traurig als einladend, doch David genügt es. Mit dem Glas in der Hand geht er zielstrebig auf das sandige Quadrat zu, das sich keine fünfzig Zentimeter aus dem Boden erhebt. Das Glas stellt er auf dem Rand ab und beginnt, mit beiden Händen zu graben. [b]"Mit meinem Bruder baue ich immer Sandburgen.", schmunzelt er amüsiert. Er schaut auf, den Schalk im Blick, und fügt selbstsicher hinzu: "Wir sind die Burgbaukönige."
Die Beine weit auseinander, den Körper zwischen ihnen herunterbeugt, zieht er mit beiden Händen den Sand zu sich und türmt ihn zu einem Hügel auf. Es ist viel zu trocken, um seine Baukünste unter Beweis zu stellen, doch das hält ihn nicht davon ab, sich die Finger schmutzig zu machen. "Jetzt kann ich Familienkonflikte auf therapeutische Weise verarbeiten.", kommentiert er nüchtern, ehe er Abeenas Frage aufgreift. "Ich glaube, Louis würde sich als Fuchs malen lassen." Leise auflachend sucht er Abeenas Blick. "Er hält sich für ziemlich schlau. Und er mag den Wald. Und Hunde." Seine Hände klopfen gegen den unförmigen Haufen, um ihn zu festigen. Ohne großen Erfolg. "Wie enttäuschend." Zweimal streicht er die Handflächen an den Außenseiten der Beine ab, ehe er zu seinem Glas greift und es mit einem Zug leert. Eine Sekunde überlegt er, wobei seine gepiercte Braue aufsteigt. "Deine Mutter,", fährt er leise fort, als würde er mit sich selbst reden, "würde sich safe als irgendein edles Pferd malen lassen." Schulterzuckend zieht er das Glas durch den Sand, um es zu füllen. "Irgendwas Teures mit perfekt gebürsteter Mähne." Die überschüssigen Steinchen fegt er herunter, sodass das Glas bis zum Rand mit glatt abschließender Kante gefüllt ist. "Elegant, stolz, schön anzusehen."
Mit einer raschen Bewegung stürzt er das Glas umgedreht auf den Boden und klopft zwei Mal, drei Mal drauf. Dann nehmen seine Hände Abstand, als würde er einen Zauber beschwören. "Und komplett darauf trainiert, bewertet zu werden." Langsam hebt er das Glas mit drei Fingern der linken Hand an. Sein Atem pausiert, der Blick fixiert konzentriert sein Werk. Trotz aller Mühe fällt der kleine Turm beinahe sofort in sich zusammen. Unzufrieden schnauft David. Einfach zu trocken. "Außerdem ist ein Pferd das beliebteste Reittier hierzulande.", zuckt er mit den Schultern. Sein Ausdruck bleibt nüchtern, doch in seinen Augen funkelt es verspielt auf.
Abs stutzt. Sein Stiefvater ist nach seiner Aussage ein mit zweierlei Maß nehmender, beziehungsweise mindestens sich selbst belügender Kerl und er bezeichnet ihn als 'schon okay und nicht schlecht'? Ungläubig wie gebannt starrt sie ihren Begleiter an. Ja sie erinnert sich, er hatte davon erzählt. Vor ein paar Wochen. Damals wie heute fehlt ihr die Vorstellungskraft für ein so zerhacktes Familienmodell. "Ich stelle es mir schwierig vor, in zwei Familien groß geworden zu sein. Als würde man zwischen zwei Polen hin und her pendeln." überlegt sie gerade laut, als David's Aufmerksamkeit sich teilt und er sie wie an einem unsichtbaren Band mit sich zieht. Ohne das Abs nachdenkt, folgt sie ihm intuitiv und sich paradoxeweise sicher fühlend. Sie kommen an der Stelle an, die der neue Schaffenskreis für zum scheitern gedachte Türme ist und setzt sich dem Baumeister gegenüber. Seinen Worten nun in eine andere Richtung folgend beobachtet sie ihn beim Versuch den trockenen Sand in Form zu bringen. Abs lauscht und beobachtet ihn gespannt. Sie mag, wie er denkt und das sagt sie ihm auch. Anschließend entledigt sie sich ihrer Schuhe und gräbt ihre Zehen in den weichen und an der Oberfläche warmen Sand. "Es erschreckt mich, wie viel treffender du meine Mom sehen kannst" presst sie fast verzweifelt vor, "woher kannst du das?"
Davids Blick liegt auf ihren Füßen. Das seichte Licht des späten Nachmittags legt einen warmen Schimmer über ihre Haut. Die feinen Sandkörnchen schmiegen sich so zart an sie, dass in David ein schwer greifbares Gefühl von Frieden aufsteigt. Für einen Moment fühlt er sich verführt, ihren Fußrücken zu berühren. Ihre zarte Haut zu erspüren. Wie sie wohl reagieren würde — wo sie doch ein so starkes körperliches Empfinden hat? Schweigend nimmt er eine handvoll Sand auf und lässt ihn langsam auf die Haut ihres rechten Fußes rieseln. Gebannt bleibt er in der Beobachtung, während ihre Worte in seinem Gedächtnis hallen. "Ich habe Abstand zu ihr.", sagt er mit auffallend sanfter Stimme. "Mir hat sie nicht weh getan." Der feine Sandstrahl versiegt und David schaut unter hochgezogenen Brauen zu ihr auf. Ohne an Sanftheit einzubüßen, sinkt seine Stimme nun eine Oktave tiefer, als er weiter spricht. "Ich entscheide nicht, ob jemand gut oder schlecht ist." Beinahe widerwillig löst sich sein Blick von ihrem Gesicht, um wieder zum Boden direkt vor sich zu gleiten. Wieder nimmt er Sand auf, bevor sich seine Hand dieses Mal über dem linken Fuß gerade so weit öffnet, dass die Körnchen auf sie herunterrieseln. "Sims sind beides. In jedem von uns steckt das Gute UND das Schlechte." Ein tiefer Atemzug folgt. Erst als er das zarte Kitzeln in seiner Hand nicht mehr spürt, öffnet er langsam die Faust. Eine Sekunde verharrt sie in der Luft, als wüsste sie nicht, was nun zu tun ist. Dann zieht sie sich zurück, um sich von den Fingern der rechten Hand sauber streifen zu lassen. "Louis ist ein unreifer Mitschwimmer.", fährt er fort, ohne Abeena anzusehen. "Aber er würde ohne Zögern eingreifen, wenn ein Tier in Not wäre."
Kurzes Schweigen.
"Mein Vater dagegen ist wahrscheinlich einer der nettesten Sims, die ich kenne." Sein Blick hebt sich und wandert an Abeena vorbei in die Ferne. "Aber genau darum ist er unglaublich konfliktscheu. Er würde niemals öffentlich zu seiner Meinung stehen." Mit einem leichten Lächeln auf den Lippen sucht er nun ihren Blick. "Du hast einen starken Gerechtigkeitssinn in dir. Aber du sortierst Sims nach gut und schlecht. Und nimmst dir damit die Chance, sie tiefer kennenzulernen."
Davids ruhige, leisere Stimme, die klare und sonnenscheindurchzogene Luft sowie die rieselnden Sandkörnchen auf ihrer Haut, transportieren Abeena umgehend an einem friedvolleren Ort. Auch, wenn sein letzter Satz unangenehm in die Magengegend trifft. Sie betrachtet unter ruhigerem Atem den großen und hellen neuen Freund. Die Riesel-Attacke mit dem Zuckersand war unglaublich schön und... noch irgendetwas. Der blaue Himmel hinter und über ihm, gibt David etwas, dass seine so furchtbar wahren und weisen Worte unterstreicht. "Wie alt bist du doch gleich?" muss sie jetzt unbedingt wissen. "Eigentlich müssten wir fast gleich alt sein, aber was du sagst..." lässt sie den Satz offen stehen. Als ihr Sandkastenpartner zu schmunzeln beginnt, kann sie nicht umhin und muss lachen. "Was?" fragt Abs, zieht ihre Füße aus dem Sand und legt beide auf seine beschuhten Fußrücken ab, so dass ihre Beine zusammen betrachtet eine Raute ergeben, dann folgt sie seinem Beispiel mit den Händen und dem Sand. Sie greift mit der Rechten eine Portion und folgt meditativ dem Fluss der Körchen in ihre linke Hand. In Gedanken zählt sie die Sekunden, wie lange der Sand braucht um in der Handfläche zu landen.
"Ach, nichts." David lacht leise in sich hinein und schaut auf ihre Füße hinunter. Die feinen Sandkörner glitzern noch auf ihrer Haut. Für einen kurzen Moment verliert sich sein Blick darin. Wenn er sich als Tier zeichnen würde, wäre das Motiv auf jeden Fall eine Elster. "Schon klar. Ich bin alt geboren." Sein Grinsen zeigt deutlich, dass er über dem Urteil steht. "Das höre ich öfter. Außerdem soll ich angeblich ein Klugscheißer sein." Er hebt die Füße ein wenig an, um sich in Abeenas Sohlen zu drücken. Er hat keine Ahnung, warum, aber ihre Berührung gefällt ihm. "Dabei rede ich nur so schlau, um zu überspielen, dass ich mit einem Mädchen im Sandkasten sitze." Sein Blick gleitet ihren Körper entlang bis zu ihrem Gesicht. Ein freches Grinsen legt sich auf seine Lippen und seine Augen leuchten provokant auf.
"Pffffft" prustet Abs auf, "als ob." Sie zieht ihre Nachdenklichkeitsschnute, wobei ihre leicht gespitzten Lippen sich ganz leicht nach vorne schieben, um dann kurz nach links und rechts zucken. Dabei grinst sie zurück. "Du BIST ein Klugscheißer und ein Provokateur. Allerdings ist Überspielen nicht deine Sache, du willst mich doch nur ablenken und aus dem Konzept bringen." stellt sie ihre Vermutung auf. Von welchem Konzept sie da spricht, weiß sie selbst nicht, wie sie merkt. "Aber das ist ein spannendes, neues Thema. Welche Dinge machen dich ehrlich nervös?", interessiert sie sich, füllt nun beide Hände mit dem Oberflächensand.
David grinst breit. Kam er anfangs nur hierher, um Abeena zu unterstützen, fühlt er sich inzwischen richtig wohl. Hier bei ihr. Er mag ihre Energie. Sie hat eine gewisse Sanftheit an sich, ohne sich darin zu verlieren.
"Nervös ...", wiederholt er leise. Einen Moment schweigt er. Sein Blick senkt sich auf ihre mit Sand gefüllten Hände. Sein linker Zeigefinger kommt auf sie zu und beginnt, einen Kreis in den Sand zu malen, der ihre rechte Hand ausfüllt. Direkt daneben, in die andere Hand, zeichnet er einen zweiten, etwas kleineren. "Hmm ... Umweltzerstörung." Die Brauen erhoben, neigt sich sein Kopf ein wenig, während er weiter zeichnet. Der große Kreis bekommt zwei Punkte und einen halbrunden Strich, sodass ein Smiley entsteht. "Rechte Hetze. Dass manche Leute keinerlei Empathie für andere Lebewesen haben." Der zweite Kreis bekommt ein Gesicht, bevor er zu ihr aufsieht. "Und Styropor." Sofort verzieht sich seine Mimik. "Ich hasse Styropor." Sein Oberkörper schüttelt sich, während er sich aufrichtet. "Dieses Geräusch." Seine Schultern ziehen sich leicht zusammen. "Und wie sich das anfässt." Mit der flachen Hand reibt er über seinen Unterarm, als würde allein der Gedanke daran unangenehm auf der Haut liegen. "Das fühlt sich an, als würde mein Gehirn austrocknen." Sein Gesicht ist eine leidgeschundene Maske, als er kurz die Augen schließt, um sich zu sammeln. "Und dann bröckelt der Mist auseinander und fliegt überall herum und pappt sich fest und man wird es nie wieder los. Und für die Umwelt ist es auch scheiße. Tolle Erfindung, Fritz und Rudi, echt."
Voller Entspanntheit beobachtet Abs Davids ersten Finger und schließt nach der ersten Zeichnung in ihrer Handfläche die Augen. Was für ein schönes, feines Gefühl das ist, was für passende und richtige Worte er da sagt. Sie kennt keine Jungs, also die aus aus ihrem bisherigen Schul-Leben, die über ihren eigenen Bedürfnishorizont hinausschauen. Die sich ohne Erwartungen einfach an die Seite einer fast Fremden stellen und das ausgerechnet auf einer Familienfeier! Ohne, dass körperliche Gefälligkeiten zur Debatte stehen oder erfragt wurden. Einfach aus einer sozialen Geste heraus. Noch bevor Abeena gedanklich tiefer rutschen kann, schläht das Wort Styropor ein. Es kostet sie viel Kraft ihre linke Hand ruhig zu halten, um das Gefühl seiner Zeigefingerspitze ganz aufnehmen und genießen zu können, als sie den Sand soweit verdrängt hat, dass nur noch durch eine feine Schicht Sand Haut auf Haut trifft. Trotz aller Sinnlichkeit, die irgendein Glöckchen in ihr zum leisen Klingen bringt, lacht sie laut auf. "DAS!" jappst sie, "das nehme ich dir zu hundert Prozent ab und fühl ich gleichermaßen. Was eine sinnbefreite und ekelhafte Erfindung. Da haben Leute wahrscheinlich zum ersten Mal richtig Hass auf den Planeten geschoben und den Plan entwickelt, dass auch der kleinste und dümmste Sim mithelfen kann, die Welt mit wiederlichem Müll zu ersticken." Sobald sie wieder normal reden und ihren Oberkörper ruhig halten kann, zieht sie ihre Hände an sich. "Auch was du als erstes aufgezählt hast, übrigens." Sie betrachtet seine Züge, die humorvoll seine Piercings umher tanzen lassen. "Das war schön, Danke." Sie beißt sich auf die Unterlippe und macht funkelnd die Augen schmal. "Jetzt bist du dran. Dreh dich um und setz dich vor mir in den Sand."
Abeenas Lachen ist so herzlich und ehrlich, dass es David mitreißt und er ebenfalls zu lachen beginnt — obwohl er sich gerade noch in seine tiefe Abscheu hineingesteigert hat. Selten fühlte er sich mit seiner Macke so verstanden und angenommen. Die meisten Leute belächeln ihn dafür. Oder sie besorgen sich Verpackungsstyropor und reiben einzelne Stücke vor seiner Nase aneinander, bis ihm das Quietschen Zahnschmerzen bereitet.
Abeena ist anders. Sie teilt seine Meinung, ohne sie nachzuplappern. Für einen Atemzug spürt er wärmende Dankbarkeit in der Brust, die von angenehmer Überraschtheit abgelöst wird, als sie ihn auffordert, sich vor sie zu setzen. Ein neugieriges, verspieltes Lächeln legt sich auf seine Züge. Testet sie gerade sein Vertrauen? Die gepiercte Braue hebt sich. Also gut. Vorsichtig zieht er seine Füße unter ihren weg. Auf die rechte Hand gestützt, verlagert er das Gewicht so, dass sein Körper ihr entgegenkommt, ohne sich in den Stand zu bringen. Die Füße im Sand dreht er sich um hundertachtzig Grad und fängt sein Gewicht mit der anderen Hand auf, um weich vor ihr zu landen. "Wenn du mir Zöpfe flechtest, will ich Glitzergummis", rückt er sich zurecht, bis er bequem sitzt. Den Rücken aufrecht, winkelt er die Beine zum Schneidersitz an und atmet tief ein. Aufmerksam wartet er, gespannt darauf, was sie nun vorhat.
"Du bekommst von mir keine Zöpfe - ich arbeite filigran nur mit Holz. In Haare investiere ich nicht so gerne Zeit. Das mag ich an den Dreads so gern. Kein gepuzzle mit fusseligen Haarsträhnen, die mehr in die Augen und den Mund geraten, als es erträglich ist." offenbart nun sie nun eine kleine Tatsache über sich. "Generell mag ich die meisten klassischen Mädchen-Hobbies nicht so sehr." David's Rücken ist nun vor ihr. Die Beine hatte sie, als er sich in Bewegung gesetzt hatte, unter sich gebracht. Abs richtet sich auf und betrachtet seine unter den mittellangen Hemdsärmeln versteckten Schultern. Dann wandert ihr Blick seine Arme herab. "Deine Sitzposition ist fast perfekt, leg nun deine Handflächen entspannt auf deinen Knien ab", bittet sie ihn final, "dann kann es losgehen." Ohne zu zögern ergreift sie ruhig und beidhändig Sand. Als beide Hände eine gute Portion haben, rückt Abs auf ihren Knien bis auf Unterarmlänge an ihn heran. "Pass gut auf und spür mit allem rein was du hast." spricht sie etwas gedämpfter. "Wir probieren jetzt, das quälende Störgefühl, was Styropor in dir auslöst, umzubesetzen." Sie räuspert sich mit einem "Okay" und beginnt konzentriert, synchron auf beiden Unterarmen startend, Sand rieseln zu lassen. Einfach ist das für sie nicht, da ihre Arme und ihr Oberkörper deutlich kleiner und somit vor allem kürzer sind als seine Glieder. Dennoch gelingt es ihr halbwegs. Als die erste Runde beendet ist, wiederholt sie den Vorgang insgesamt vier Mal, dabei den Körperabstand jeweils noch ein Stückchen verringernd. "Lass das Störgefühl los und präge dir dieses hier ein." Abs Atem fährt ruhig und warm mit der Sommerluft vermischt unterstützend an ihm entlang. "Wie diese klitzekleinen Körnchen von Mutter Erde über deine Haut laufen und alles künstlich-falsche von dir entfernen, abtragen. Dich frei spülen. Wieder und wieder." Erneut nimmt sie die erhofft therapeutischen Mengen ihrer kleinen Umgebung auf und beginnt von vorn.
Während David sich noch halbironisch fragt, was denn klassische Mädchen-Hobbys sind, beginnt Abeena bereits mit ihrem Achtsamkeitsprogramm. Anfangs zuckt sein Mund noch belustigt bei ihren Worten. Er hat nicht viel für Esoterik übrig. Vielmehr kam er bisher damit nicht in Berührung. Doch er würde lügen, würde er behaupten, die Situation sei ihm unangenehm. Tatsächlich sinken seine Schultern mit jedem erneuten Rieseln ein wenig tiefer. Der feine Sand streift seine Haut warm und weich. Sein Atem verlangsamt sich beinahe unmerklich. Lange war er nicht mehr mit einer solchen Sanftheit in Kontakt. Dabei mag er es im Grunde — etwas, das er von Boom Boom in der ganzen Beziehung nie bekam. Wegen dem er sogar oft von ihr aufgezogen wurde.
Und nun ist hier Abeena. Nicht nur ihre Stimme oder ihre Hände. Die Wärme hinter ihm. Ihr Atem an seinem Nacken. Ihr Duft um ihn herum.
David schluckt. Eine feine Gänsehaut zieht über seinen Körper.
"Das ist ... irgendwie ... verrückt angenehm." Die Worte kommen leiser, als beabsichtigt, fast überrascht. Er dreht den Kopf ein kleines Stück, gerade genug, um sie aus dem Augenwinkel ansehen zu können. Ein zaghaftes Lächeln liegt auf seinen Lippen, als würde er ihm selbst noch nicht trauen. "Du bist echt voller Überraschungen, Abs."
Ein kurzer Moment vergeht. Dann wird sein Lächeln ein wenig offener.
"Ich freue mich, wenn es dir gut tut," sagt sie und ihr feines Lächeln wird breiter "mach die Augen am besten zu. Versuch mal, in einen an die Rieselung angepassten Atem zu kommen." Sie nimmt neue Mengen auf. Beim Luft entweichen lassen gestattet sie dem Sand durch die geöffneten Finger zu rinnen, beim Atem durch die Nase einholen, schließt sie ihre Finger. Immer im Wechsel - ein und aus, ein und aus, ein und aus. Als David wieder nach vorn gerichtet und seine Schultern am tiefsten und entspanntesten Punkt ankommen, hört sie nicht auf. Hand um Hand geht es weiter, bis ihr doch die Armmuskulatur zu brennen beginnt. Ein "Okay" kündigt das Ende an. "Wenn du erlaubst, komm ich noch ein Stück näher und zieh dir den Kopf hoch." bietet sie an, ihre Stimme noch immer im meditativen Klang und einem Hauch Wunsch. Sie hat David schon oft durch Umarmungen berührt, aber eher um sich Kraft zu holen. Jetzt ist es anders. Das Bedürfnis, ihm so viel Gutes wie möglich zu tun und ihm ganz nah sein zu wollen, hat sich eingestellt.
Davids Augen bleiben geschlossen. Für einen Moment lauscht er nur dem Nachhall ihrer Stimme und dem entfernten Rauschen der Stadt. Er weiß nicht, wann er zuletzt so ruhig gewesen ist.
Dann ändert sie die Strategie. Ein schiefes Lächeln huscht über seine Lippen. "Meinen Kopf hochziehen?" Er stutzt. Es ist merkwürdig, dass sie fragt. Sie hat ihn schon unzählige Male angefasst, ohne Erlaubnis einzuholen. "Willst du, dass ich die zwei Meter knacke?" Langsam öffnet er die Augen und dreht den Kopf ein Stück weiter. Erst jetzt fällt ihm auf, wie nah sie mittlerweile hinter ihm sitzt. Für einen kurzen Moment bleibt sein Blick an ihren Augen hängen. Herbstlaub. Dann wandert er zu ihren Lippen. Die kleine Falte über dem rechten Mundwinkel fällt ihm zum ersten Mal auf. Eine Sekunde zu lang hängt sein Blick auf ihr, bevor er wieder zu ihren Augen übergeht. Sein Ausdruck ist ernster als gewöhnlich. Nur in seinen Augen blitzt kurz etwas auf.
Für einen Herzschlag herrscht Stille. Bis er sich stumm räuspert und ein schwaches "klar" von sich gibt. Sich neu ausrichtend, wendet er sich wieder nach vorn. Einen kurzen Moment geschieht nichts. Doch dann spürt er die Wärme ihrer Handflächen im Nacken. Nur einen Augenaufschlag lang, denn als die Tür zum Saal aufgerissen wird und jemand darüber informiert, dass nun das Buffet eröffnet wird, zuckt nicht nur David in sich zusammen. Auch Abeenas Hände schnellen zurück, als hätte man sie bei etwas Fragwürdigem erwischt.
So schnell die Gestalt im Türrahmen erschien, so schnell verschwindet sie wieder. Zwanghaft fröhliche Popmusik strömt durch den noch immer geöffneten Ein- und Ausgang in den Garten.
David dreht sich im Sand halb zu Abeena herum. Ihren Blick suchend, versucht er ihre Stimmung zu lesen. Der Ausdruck in ihrem Gesicht reicht ihm bereits als Antwort. Von der Ruhe der letzten Minuten ist nicht mehr viel übrig.
"Wie sieht's aus?", hebt er die Brauen, bereit und gewillt, Chaos zu stiften. "Bock auf gesellschaftliche Sabotage?"
(In Zusammenarbeit mit @S.Bin. )
#3
Charaktere: Abs, David, Antonia
Ort: Restaurant am Rande Ciudads
Geschichtsstrang: Geburtstag wider Willen II
Wäre diese verdammte Tür doch einfach geschlossen geblieben! Dieser Affenzirkus, der hier illust von den meisten Partygästen veranstaltet wird, hätte sie einfach nicht tangiert. Punkt. Sie war noch vor fünfzehn, zwanzig Minuten dabei gewesen, den ganzen gefakten Wumms hinter sich zu lassen, ja sogar die Königin der angetrunken Idioten - ihre Mutter. Sie war einfach bei David und in diesem schönen, echten, irgendwie in Tiefe wachsenen Moment, als die Ekel-Realität die Hintertür unkontrolliert aufsprengen musste. Abena seufzt. Verärgert türmt sie ohne wirklich auf ihren Teller zu achten Kroketten um Kroketten auf, bis das Schälchen leer ist. Ein Typ, etwa um die dreißig überholt sie genervt am Buffet, nicht ohne sie leicht mit seinem Ellenbogen zu touchieren. Abs schließt die Augen und spricht ein kleines Mantra. Besser. David ist vor kurzem zur Toilette gegangen und jetzt muss sie sich selbst beaufsichtigen und- "Da bis du jaaah" unterbricht sie die Gastgeberin voller Begeisterung. Abs dreht sich halb um und Antonias Sekt-Atem und ein leicht Inhalt verteilendes Glas dringen in ihre Kompfortzone ein. Sie sagt nichts, presst nur die Lippen zu sammen. 'Natürlich. Jetzt ist sie locker und versucht es erneut.' Die Tochter taxiert ihre Mutter, die sie an ein Partyluder der 2000er erinnert. "Lass mich, du bist mir zu voll." adressiert sie an die wenigen eingeschalteten Gehirnzellen, die sie hinter dem Feiergesicht vermutet. Der Antwortsblick wirkt ratlos und sofort setzt Antonia das Glas an. "Natürlich... trink besser noch etwas mehr. Pffhh..." Kopfschüttelnd und mit zügigen Schritten schlägt Abs einen Bogen um die Zurückgelassene und ihr Sicherheitsgetränk. Ein altes Gefühl steigt auf und es schiebt sich in ihr Bewusstsein, dass sie Alkohol begonnen hat abzulehnen, aufgrund ihrer Erzeugerin. Und das längst bevor sie in das typische Teenager-Alter gekommen war, indem man prozentig Getränke heimlich mit Freunden ausprobiert. Es rauscht leicht in ihrem Kopf als sie an ihrem Platz ankommt und sich schwungvoll setzt. Die Irgendwas-Musik ist keine Hilfe beim runterkommen. Im Gegenteil. Sie unterstreicht die Situation von eben mit übertriebener, falscher Heiterkeit. Passender Weise geht es in dem Stück auch irgendwie ums Trinken und feiern. Suchend tasten ihre Augen den Raum ab, um die einzige Lichtgestalt ihres Tages wiederzufinden. Hm. Noch keine Spur von David. Sie spießt eine Krokette auf und beginnt sie zu vertilgen.
Die Toiletten sind so sauber, dass man bedenkenlos daraus trinken könnte. Nur in einer Kabine findet sich eine beachtliche Menge Sand vor der Toilettenschüssel — aus dem Sandkasten mit hereingetragen und von David aus Schuhen und Socken herausgeschüttelt. Kurz überlegt er, barfuß zurück in den Saal zu gehen, entscheidet sich dann aber dagegen. Bei all den Stöckelschuhen da draußen geht er lieber auf Nummer sicher.
Die Hände duften nach viel zu lieblicher Seife, als er das kleine Bad verlässt.
Noch während er sich den Weg zurück zum Tisch bahnt, entdeckt er Abeena zwischen den Gästen.
Die Art, wie sie auf ihrer Krokette herumkaut, genügt ihm. Oh oh.
Nachdem er ein frisches Tonic Water bestellt und entgegengenommen hat, macht er den Schlenker zum Buffet. Gemüsetaler und Rosmarinkartoffeln landen auf seinem Teller. Auf Ei und Fleisch verzichtet er, solange hier niemand bereit ist, ihn über die Herkunft zu informieren.
Einen Augenblick später lässt er sich auf den freien Stuhl neben Abeena fallen. Sein Blick geht an die Ecke des Tisches. Mom Eins und Mom Zwei sitzen dort in ein Gespräch vertieft mit einem unecht gebräunten Typen in Pastellfarben. Kurz lauscht er in den Dialog hinein. Es geht um Geschäftsmodelle, die sich im Grunde selbst verkaufen, weil blabla ...
Noch vor Ende des laufenden Satzes werden Davids Augenlider spürbar schwerer. Also gibt er den Versuch auf und wendet sich Abeena zu. Ihre verkniffene Mimik spricht Bände. "Wer ist gestorben?" Er hebt eine Braue. "Hat deine Mutter wieder mit dir geredet?"
"Sie hat es versucht, ja." Abs dreht sich ihm zu und lächelt ein halbes Lächeln. Die Frage, wer gestorben ist beschäftigt sie prompt. Nachdenklich hebt sie ihren Blick an die Zimmerdecke, die nicht weniger von einem weißen, schlicht gehaltenen Barbie-Schloss hat als der Rest des Raumes. "Ich glaube, etwas in mir stirbt hier gerade, David" kommt es trocken wie ernst gemeint aus ihr heraus. "Alles hier fühlt sich falsch und leblos an." Ihre Mom's winken herüber, sie dreht sich demonstrativ und mit einem beinahe durchgebrochenem Tränenschleier von ihnen weg. "All diese Leute hier... es ist, als hätte jemand einen Riss in meine Realität geschnitten und diesen Zirkus durch den Spalt gedrückt. Und nun muss ich das Beste daraus machen und könnte doch einfach nur in unregelmäßig regelmäßigen Intervallen brechen."
Plötzlich scheppert es laut unweit von ihnen entfernt. Im Augenwinkel erkennt Abs, dass eine Servicekraft sich darum bemüht, dass ihr aus versehen runtergeschlagene Tablett vom Boden aufzuheben. Ihre weiteren Versuche, die involvierte Gastgeberin davon abzuhalten zu 'helfen', stressen die Frau sichtbar. Antonia entschuldigt sich überschwänglich und überprüft hektisch, wer alles von der Situation mitbekommen hat. Als sich ihre und Abs Augen kurz treffen, halten beide Frauen die Luft an. Dann huscht ein Ausdruck durch das Gesicht der Älteren, der Abeena eine neue, alte Welle an miesen Gefühlen beschert. Antonias Blick flackert für eine Sekunde zu dem Großen Freund an der Seite ihrer Tochter, dann strafft sie - offensichtlich dankbar über ein neues Ziel - ihre Schultern und stakst auf sie zu. "Oh nein" flüstert Abs. Sie kennt diesen Blick zur zu gut.
Davids Gabel zerteilt einen Gemüsetaler, während Abeena ihr Herz offen auf den Tisch legt.
"Es IST falsch und leblos", bestätigt er zwischen ihren Worten, bevor er langsam auf der Kost herumkaut. Seine hellen Augen fixieren sie, sein Mundwinkel formt ein schiefes aufbauendes Lächeln. Ein Teil seiner Faszination widmet sich dem Ausmaß, mit dem sie sich selbst diesem sogenannten Zirkus opfert. Ihr Gleichnis trifft die Sache erstaunlich gut. "Kleb eine Folie vor den Spalt." Ein kurzes Zucken seiner Schultern deutet die Einfachheit seiner Aussage an. "Du kannst entscheiden, ob sie den Kram zu dir rein stopfen oder ob du einfach nur durch den Spalt beob- ..." Das Getöse hinter ihm lässt ihn zusammenzucken. Alle Augen richten sich auf die Geräuschquelle. Einige der Gäste applaudieren lachend. David rollt müde schmunzelnd mit den Augen. Das ist um ein Vielfaches unangenehmer als zerbrochenes Geschirr.
Die Gastgeberin entschuldigt sich überschwänglich, lacht etwas zu laut und prüft dabei gleichzeitig, wer alles zugesehen hat. David kennt diesen Blick.
Von Möwen.
Es ist der Blick eines Tieres, das hektisch nach einer besseren Idee sucht. Dann findet sie eine. Abeenas Worte dringen an sein Ohr, obwohl sie mehr gehaucht als gesprochen sind. Und erst als er mit einem gedachten 'Oh yeah!' ins genaue Gegenteil schlägt, registriert er den Zwispalt seiner Lage. Was für ihn ein Spiel ist, ist für Abeena die Hölle. Als guter Freund sollte er sie davor bewahren. Als jemand, der lange nicht gespielt hat ...
"Okay", er schnellt zu Abeena zurück, die Gabel sinkt auf den Teller, "bevor wir anfangen — Was ist das Safeword?"
Abs merkt, wie ihre Kiefer sich zusammenreißen. 'Das kann doch jetzt nicht wahr sein. Nicht schon wieder. Nicht immer-' "Saveword?" Sie stutzt nach seiner Frage. Wozu brauchen sie ein Saveword? Sie versucht, die einzelnen Teile des Puzzles um sie herum zu greifen, aber es gelingt ihr nicht. Zumindest nicht die, die David ihr hinstreut. Die von Antonia, allerdings... Zurückgeworfenes Haar, taxierender Schlafzimmerblick, schwingende Hüfte und weil die Frau so gar kein Schamgefühl zu haben scheint: On top befeuchtete Lippen, die zu einer leichten Schnute voran gespitzt sind. Abs friert regelrecht ein, sie kann weder denken noch sprechen, als ihr Gen-Pool sich mit einem "Da bist du ja wieder" an ihre Begleitung wendet und sich den freien Stuhl neben David schnappt.
Es bleibt nicht genug Zeit, Abeena aufzuklären. Zu schnell sitzt die Jägerin neben ihm. "Das gleiche könnte ich dir sagen", entgegnet er der Gastgeberin. "Oh, ich sollte 'Sie' sagen. Sie sind ja so viel älter als ich." Langsam wendet er sich seiner Freundin zu. "Saure Gurke" nickt er ihr eindringlich entgegen. "Wenn ich aufhören soll, sag 'saure Gurke'."
Wieder Antonia zugewandt, lehnt er einen angewinkelten Ellenbogen lässig auf die Stuhllehne. "Na, was war denn da los? Hat die Kellnerin nicht ihrem Hüftschwung ausweichen können?" Gespielt bestürzt schüttelt er den Kopf. "Gutes Personal ist schwer zu finden." Langsam wendet er den Blick ab und greift nach seinem Tonic Water, um daran zu nippen. "Das muss äußerst unangenehm für jemanden Ihres Kalibers sein."
"Ähäm... Wie meinst du das, meines... Kalibers?" erkundigt sich Antonia und gibt sich sichtlich Mühe den gehörten Worten das Gewicht und den Angriff zu nehmen. Gespielt verständnislos streicht sie sich ruhig aber nervös über die in eine großzügig gewellen Form gebrachten Haarsträhne, nahe ihrer Schulter. "Und was soll das mit dem 'Sie?' Hm?"
David schenkt ihr einen amüsierten Seitenblick, als er das Glas abstellt. "Oh, jetzt spielen Sie mit mir." Schmal lächelnd hebt er den Zeigefinger in ihre Richtung. "Sie wissen genau, dass Sie kein Durchschnitt sind. Und Sie wollen, dass alle anderen das auch wissen." Er lehnt sich ihr ein Stück entgegen, den Kopf leicht gesenkt, die Stimme eine Oktave tiefer. "Und wir beide wissen, dass ein 'Sie' angemessener ist als das 'du'." Provokativ hebt sich ein Mundwinkel an. "Weniger gefährlich."
Die Blonde Dreißigerin zieht ihre rechte Gesichtshälfte spöttisch eine Spur in Richtung spielerisch. "So, so. Du willst mich wohl testen, was?" Sie nimmt ihr Sektglas in die Hand, in der soeben noch mit ihren Haaren zugange war. "Na gut. Wir können unser Kennenlernen auch gerne mit einem kleinen Rollenspiel starten, in dem du mich siezen kannst." Antonia lässt eine Kunstpause entstehen, in der sie nicht ein einziges Mal blinzelt. "Wenn ich die für dich gefährliche Milf bin, was bist du dann für mich? Der unverschämte Bengel, der stark und frech tut, bis es soweit ist?" Siegessicher, lehnt sie sich auf ihrem Stuhl zurück und trinkt. Was bildet sich dieses Kerlchen da ein? Als ob ihr Alter eine Rolle spielen würde. Jeder ihrer Verehrer und auch einige Frauen mussten schon zugeben, dass sie sich mehr als gut gehalten hat. Da gab es einfach keine zwei Meinungen. Somit konnte sie sich jetzt - wenn auch äußerst ungern - als 'Mom I like to Fuck' selbstbetiteln. Auch, wenn sie diese Bezeichnung nicht mag. Es ist ein Spielchen. Und manchmal muss man eben Karten spielen, die einem nicht gefallen. Solange das Ziel erreicht wird... Außerdem weiß sie, dass er sie bloß reizen will, um ihr Interesse zu bekommen. Und das hat er jetzt. Schlau angestellt, findet sie. Und es gefällt ihr. "Auf alten Schiffen lernt man Segeln, nicht wahr", prostet sie ihm zu.
David blinzelt leise lachend. Heilige Scheiße. Das ist ganz großes Kino.
"Oh nein, nein." Er hebt beschwichtigend beide Hände. "Da haben Sie mich missverstanden." Sein Blick wandert kurz zu ihrem Sektglas und wieder zurück. "Ich habe nicht gesagt, dass SIE gefährlich sind. Nur das 'du'." Sein Blick wird kühler, als er sein Glas nimmt, ohne Antonia aus den Augen zu lassen. "Bleiben wir doch in der Realität. Ich bin der Freund Ihrer Tochter." Er trinkt bedächtig und sieht beiläufig zu Abeena hinüber, deren Ausdruck ihm zeigt, dass sie versucht, auf alles gefasst zu sein. "Und Sie", er stellt das Glas ab und fixiert nun wieder die Ältere, "graben mich an." Abschätzig heben sich seine Brauen. Ein Lächeln, fernab jeder Freundlichkeit, legt sich auf sein Gesicht. "Wie rechtfertigen Sie das vor sich selbst? Oder anders gefragt." Bereit, in eine tiefe Diskussion einzusteigen, dreht er nun den ganzen Körper zu ihr herum. Sein Arm liegt auf der Rückenlehne des Stuhls, der Kopf ist leicht geneigt. "Wenn Abs das Gleiche machen würde. Mit einem Ihrer Freunde. Wären Sie dann genauso amüsiert? Oder fänden Sie das irgendwie ... bedürftig?" Beschwichtigend reißt er die Hand in die Luft. "Ich frag das nicht, weil ich irgendetwas verurteile, und glauben Sie mir, das tu ich. Aber ... es interessiert mich einfach, warum Sims tun, was sie tun."
Das kam unerwartet. Antonia umklammert ihr Glas fester, nach Außen ruhig. Innerlich allerdings... Sie kann kaum glauben, was sie da hört. Sollte er wirklich kein Interesse an ihr haben? Er hat sie bedürftig genannt. SIE! BEDÜRFTIG! Als ob. Langsam stellt sie ihr Glas ab. Und was war das mit dem verurteilen? Wer glaubt er zu sein? Noch ist sie nicht fertig. Sie schlägt ihre eigenen und die zwischengebastelten Wimpern genau ein Mal nieder, dann lehnt sich vor. Soweit, dass ihr Gesicht nur noch in etwa dreißig Zentimeter von seinem entfernt ist. "Was Abeena tut, hat nichts mit mir zu tun." zischt sie ungewollt. "Ich fühle mich nicht von ihr bedroht." Sie schiebt ihren Unterkiefer vor. "Selbst wenn sie wollte, würde sie mir nicht einen Liebhaber ausspannen. Ich weiß, wie ich einen Mann an mich binden kann" behauptet die Gastgeberin und steht so auf, dass ihr Ausschnitt sich maximal eine Handbreit vor Davids Gesicht empor hebt. Trocken setzt sie mit in die Hüfte gestemmten Händen nach "außerdem steht sie auf Frauen."
Also das ... ist WIRKLICH interessant. David hatte mit einer Ohrfeige gerechnet. Mit ihrem Drink in seinem Gesicht. Oder auch einer lauten Szene. Weil er anmaßend und beleidigend ist. Stattdessen zeigt sie ganz deutlich, dass es einzig und allein um Konkurrenz geht. Hinter seiner Stirn arbeitet es. Worte werden sortiert, Zusammenhänge geknüpft. Beinahe als wolle er die Beziehung zwischen den Schwestern überprüfen, schaut er einen Moment lang zu Abeenas Tante. Nicht nur ein vollkommen anderer Typ Sim, sondern auch ein ganz anderer Typ Frau. Augenscheinlich bodenständig und selbstbewusst. Warum hat sie eigentlich keine eigene Familie? Hat es sich nicht ergeben oder hat sie auf ihre eigene, biologische Mutterschaft zugunsten Abeena verzichtet? Oder hatte sie vielleicht gar nicht das Bedürfnis? Sie hatte ja schon einen Schützling. Da wird er bei Gelegenheit nachforschen, denkt er sich, und widmet sich wieder der aktuellen sozialen Studie.
"Das heißt, wenn Abs mit einem Ihrer Freunde schlafen würde, wäre das für Sie okay?" Er neigt den Kopf, schaut zu ihr auf. "Solange sie dabei verliert?"
Ein abschätziges, unehrliches "Hmjaah" ertönt langgezogen und eine feine Nuance ihres Characters kommt durch, die sie für gewöhnlich gerne verbirgt. Überspielen erkundigt sie sich schnell, "Was meinst du mit verliert?" 'Wie soll ihre Tochter etwas verlieren, was sie nicht hat?'
David schnaubt ein stummes Lachen durch die Nase. "Na, dass Sie hübscher sind." Er hebt einen Finger. "Oder klüger." Ein zweiter kommt dazu. "Oder glücklicher." Ein dritter. Dann ein vierter. "Oder besser blasen. Eben alles, was man auf einer Rangliste eintragen kann."
Die Augen der Blondine bekommen einen Ausdruck der klar vermittelt, dass sie sich hier auf gefühlt sicherem Terrain bewegt. Es kann ja gar nicht sein, dass er nicht auf sie steht. Zumindest ihre schönen Brüste werden ihn bald überzeugen. Er steht auf Frauen, da ist sie sich sicher. Und wer auf Frauen steht... Nun, der steht auch auf Brüste. Und sie hat ein paar sehr schöne. Und deutlich mehr als Abeena. Sie wird es aushalten können, dass er sie so dreist versucht aus der Fassung zu bringen. Ob er darauf steht? Es beginnt in ihr zu kribbeln - die Jagd ist schon längst eröffnet. Sie hört, wie ihre Tochter irgendetwas sagt. Aber darum kann sie sich später kümmern. Der Junge hier, will es wissen. "Willst du es herausfinden? Ich wette ich schlage j e d e deiner Bettgeschichten."
Kaum hat sie ausgesprochen, da bricht es schallend aus ihm heraus. Die Brauen hoch in der Stirn, die Augen geweitet, schlägt sein Lachen ungefiltert und laut genug auf sie ein, dass die Gespräche im Raum verstummen und alle Augen auf ihn gerichtet sind. Es dauert einen Moment, bis er seine Beherrschung zurückerlangt. Noch immer belustigt kichernd, blinzelt er sich durch einen dünnen Tränenschleier und versucht, ihr Gesicht zu fokussieren. Sie sieht verärgert aus. "Scheiße, Sie meinen das ernst", schnaubt er. Eine Sekunde starrt David sie verblüfft an. Beeindruckend. Sie schreckt wirklich vor nichts zurück. Aber ... er mit ihr? Sie mit ihm? Allein die Vorstellung ist so absurd, dass sein Lachen erneut aufkeimt. Kopfschüttelnd schaut er zu Abeena, während sein Finger zu ihrer Mutter zeigt. "Wasisndas?", jappst er hochstimmig. "Das ..." klangvoll seufzend sucht er nach angemessenen Worten und ringt immer wieder das ausbrechende Kichern nieder. "Das ist ..." Er schüttelt, jetzt immerhin leiser lachend, den Kopf. "Sie sind so witzig." Er steht auf, ist nun ein deutliches Stück größer als sie und tätschelt ihre Schulter. "Ich lehne ab." Abeena zugewandt fragt er: "Sollen wir gehen? Ich glaube, wir sind hier fertig. Oder möchtest du noch ein paar Kroketten verputzen?"
"Gehen" antwortet sie knapp und stimmlos, mehr geht nicht. Abs steht da und betrachtet die Frau, die sie geboren hat. Ekel und tiefe Scham haben sie während der Show des Grauens eingenommen.
WIE kann man nur so werden?
WIE kann sie es wagen, so auf das Plus Eins ihrer TOCHTER zuzugehen, ohne zu wissen wie die beiden zueinander stehen?
Erneut - zum dritten Mal.
WIE kann man sich so niveaulos, ÖFFENTLICH an jemanden heran schmeißen und jede Grenze übergehen?
Und vor allem: was fällt der Frau ein, ihre, Abs, Sexualität als Wettkampfmittel zu benutzen?!???
Nichts, aber auch gar nichts hat sie mit dieser Person mehr zu schaffen! Sie sieht David an, der vor ihr steht und ihr den Raum gibt, über den Aufbruch weiter zu entscheiden. Sein Rücken ist Antonia und den mittlerweige tuschelnden Gästen zugewandt. Absichtlich ignoriert sie ihre Mom's, die mal wieder nichts gemacht haben als einfach nur anwesend zu sein. Es sticht ihr ins Herz. Sie fühlt sich verraten, gedemütigt und im Stich gelassen. "Bitte lass uns weit weg fahren, ich will keinen aus meiner Familie mehr sehen."
Davids Lachen stirbt, als Abeenas Reaktion ihn erreicht. Sorgenvoll hängt sein Blick dem an ihm vorbeischleichenden Häufchen Elend nach. "Ja, klar." Ein Hauch Unsicherheit schwingt in seiner sonst so festen Stimme. Zögernd wirft er Adelaide und Agnes einen Blick zu, irgendwo zwischen Bedauern und vorwurfsvoll, ehe er auf dem Absatz kehrt macht und auf den Gabentisch zuhält, wo er das einzige in Zeitungspapier verpackte Geschenk an sich nimmt. "Das ist ein Bild", erklärt er an Antonia gewandt. "Von einer Freundin gemalt. Abs hat sich wirklich Gedanken darum gemacht." Er hebt die Schultern, klopft mit einer flachen Hand betonend auf den Rahmen. "Deshalb nehme ich es wieder mit." Für den Bruchteil einer Sekunde überlegt er, mehr zu sagen. Doch er entscheidet sich dagegen. Es lohnt sich einfach nicht. "Tja dann, schönen Abend noch." Ohne noch einmal in den Raum zu sehen, verschwindet er in dem Durchgang und geht hinaus zu Abeena.
(In Zusammenarbeit mit @S.Bin )
>>> Abs und David gehen nach Oasis Springs (2) >>>
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