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Granite Falls Nr. 6 - Camp Firefly
<<< Boom kommt von San Sequoia (3) <<<
Blaze / Boom Boom
Nachts im Camp
Noch immer hat er nicht mit ihr über Steph gesprochen…
Blaze kann nicht schlafen. Eine ganze Weile hat er es versucht, die Augen geschlossen, den Kopf irgendwie bequem gelegt und darauf gewartet, dass sein Hirn endlich die Fresse hält. Hat nicht funktioniert. Irgendwann hat er den Hoodie übergezogen und leise aus der Hütte gegangen. Jetzt steht er draussen vor dem Camp, die Hände tief in der Bauchtasche vergraben und zieht die Schultern etwas höher gegen die kühlere Nachtluft. Hinter ihm schläft der ganze Pfadfinderverein. Zumindest hofft er das. Er zieht die Zigarettenschachtel aus der Tasche, klopft eine heraus und steckt sie zwischen die Lippen. Das kurze Aufflammen des Feuerzeugs blendet ihn, dann glimmt nur noch die Spitze auf, als er den ersten Zug nimmt. Blaze atmet den Rauch langsam aus und schaut irgendwo in die Dunkelheit vor sich.
Scheiss Steph.
Die Nachtluft ist kühler als erwartet. Blaze zieht die Kapuze über den Kopf und geht ein Stück über den Platz, vorbei an der Feuerstelle und den dunklen Hüttenfenstern, bis von der Hütte nur noch einzelne Umrisse zwischen den Bäumen zu erkennen sind.
Er bleibt an einem Baum stehen, lehnt den Rücken dagegen.
Er sollte mit Dennah darüber reden. Das weiss er. Nur weiss er nicht, was er ihr erzählen soll, was sie nicht selbst gesehen hat. Sie war dabei. Vielleicht erinnert sie sich sogar an Dinge, die er vergessen hat. Und je länger Blaze darüber nachdenkt, desto mehr mischt sich etwas anderes darunter, das sich beschissen kleinlich anfühlt und trotzdem nicht verschwindet. Was für ein egoistischer Bas... gnah! Er hat einen Moment mit Dennah zerstört, der denkwürdig hätte werden sollen. Jetzt ist er es zwar auch, aber auf die falsche Weise…
Er nimmt die Zigarette aus dem Mund und betrachtet die glimmende Spitze. Die Gedanken verblassen wieder und er kann sich - wenigstens für einen kurzen Moment - auf etwas anderes konzentrieren. Etwas zirpt penetrant, dann verstummt es wieder. Ohne Stimmen, Kinder, oder jemanden, der wissen will, wo er gerade ist, ist das Camp gar nicht so schlecht. Eigentlich ist es sogar ziemlich geil.
Essen steht morgens da. Del ist hier. Dennah ist hier. Niemand schiesst. Niemand brüllt ihn aus dem Bett, weil seine Stiefel nicht sauber genug sind. Und wenn die Betreuer alle wirklich keinen Bock mehr darauf haben, sie bei ihren Aktivitäten dabeizuhaben, löst das einen Grossteil der nervigen Sachen von selbst. Mehr Zeit mit Dennah. Sein Lächeln kommt zurück. Vor ein paar Stunden hatte ihre Hand noch in seiner Hose gesteckt. Blaze zieht die Brauen hoch und schüttelt einmal langsam den Kopf. Was für ein Leben.
Wenn er an Dennah denkt, geht es ihm besser. So einfach ist das inzwischen. Gleichzeitig sitzt jetzt irgendwo direkt daneben Steph und erschiesst sich. Immer und immer wieder.. Vielleicht ist das der Grund, warum er nicht mit ihr darüber spricht. Solange sie rumalbern, sich anfassen, irgendwas machen, ist Steph weit weg. Solange Dennah ihn angrinst, weil Maryama sie gerade unreif genannt hat, kann Blaze zurückgrinsen. Sobald er allein ist, kommt der Asphalt zurück. Das Telefon. Der Knall. Benutzt er sie zur Ablenkung, obwohl sie ihn gleichzeitig daran erinnert? Ist das überhaupt möglich? Und wird es wirklich besser, wenn er mit ihr darüber spricht? Oder öffnet sich dann ein schwarzes Loch, was sie beide einsaugt und alles schluckt was noch fröhlich und unbeschwert zwischen ihnen ist?
Das Camp liegt im Dunkeln, als Boom Boom irgendwo zwischen den Hütten materialisiert. Das Teleportieren klappt im Großen und Ganzen schon gut, es mangelt aber noch an den Feinheiten. Vor einigen Nächten, als sie Blaze beobachtet hatte, versuchte sie, auf einem dicken Ast eines nahegelegenen Baumes zu landen. Bis auf die Tatsache, dass ihr seitdem ein abgebrochener Zweig aus den Rippen lugt, war die Mission erfolgreich. Inzwischen hat sie bemerkt, dass das Anhängsel langsam von ihrem Körper abgestoßen und nach außen geschoben wird. Kein großes Drama. Es zwickt schließlich nur, wenn sie atmet. Als Sterbliche hatte sie schlimmeres weggesteckt.
Einen Moment sieht sie sich um. Zwei Hütten. Welche war noch gleich, die Muschiabteilung? Schulterzuckend wendet sie sich der näheren zu, um durch die Fenster zu schauen.
Bingo.
In einem der Kopfkissen liegt der kupferrote Haarschopf, den sie überall erkennen würde. Beinahe süß, wie Bitch selig schlummert. Ihr Mund ist leicht geöffnet und ihre Wange vom Kissen zerknautscht. Die Brauen zusammengezogen, ruckt ihr Kopf unregelmäßig hin und her. Sie scheint zu träumen. Nichts angenehmes.
Boom Boom hebt einen Mundwinkel. Dann kann Bitch ihr ja fast dankbar sein, dass sie sie weckt.
Neugierig, ob die beste Freundin schon etwas über Jacks arschreiche Familie erfahren hat, will sie gerade in die Hütte schleichen, als von der anderen Seite des Platzes ein Geräusch an ihre empfindsamen Ohren dringt. Jemand treibt sich hier herum.
Ein unartiges Kind, das nicht schlafen will? Ein Aufpasser?
Boom Boom lässt von ihrem eigentlichen Plan ab und folgt dem neuen Ziel ihrer Neugier.
Einige Schritte in den Wald hinein bleibt der Typ stehen, den sie längst erkannt hat.
Das durch die Fliegerbrille abgedämpfte Leuchten ihrer Augen hätte sie sofort enttarnt, hätte er beim Zurückblicken nicht nur auf die Hütten geachtet. Doch Boom Boom folgt ihm unentdeckt bis zu dem Baum, an dem er sich anlehnt und, seiner Mimik nach, in bittersüßen Gedanken schwelgt.
Auch gut. Dann ist eben er zuerst dran.
Ohne einen Hehl um ihre Anwesenheit zu machen, nähert sie sich. Der Waldboden knackt unter ihren Schritten.
"Haste ma Feuer?" Zwei Meter neben ihm bleibt sie stehen und setzt die Brille auf den Kopf. Ihr schiefes Grinsen funkelt ihn an, als wäre ihr plötzliches Auftreten eine fröhliche Geburtstagsüberraschung, während sie sich eine ihrer Zigaretten zwischen die Lippen klemmt. 
Das Knacken im Waldboden reisst ihn aus seinen Gedanken. Blaze hebt den Kopf und sieht in die Richtung, aus der es kommt. Erst als die Gestalt näher kommt und die Brille nach oben schiebt, erkennt er sie. Eine heiss-kalte Welle fährt ihm durch die Brust. So lange waren sie jetzt von Boom befreit. Die Angst, dass sie auftauchen könnte weil sie Sauer ist wie es in der Villa gelaufen ist, hat sich schon fast verflüchtigt. Blaze dachte wirklich sie hätte akzeptiert, dass Dennah und er sie nicht mehr sehen wollen. Eigentlich… war es Vaas der subtil fallen liess, dass sie nicht locker lassen wird. Blaze runzelt die Stirn. Oder? Er ist sich nicht sicher.
Sein Blick wandert kurz über ihre Schulter Richtung Camp. Dennah schläft dort. Weiss Boom das schon? Woher weiss sie überhaupt das er udn Dennah hier sind? Der Gedanke setzt sich unangenehm in seinem Bauch fest. Ausgerechnet jetzt. Nachdem er wegen Steph überhaupt erst hier draussen steht und sein Kopf schon genug Scheisse produziert.
Er sagt erst nichts, zieht nur kurz die Augenbraue hoch und nimmt die Zigarette wieder zwischen die Lippen. Einen Moment mustert er Boom und versucht herauszufinden, ob ihr Auftauchen Zufall ist. Bei ihr fühlt sich Zufall und Absicht gleich beschissen an.
„N Grund warum du grade jetzt hier auftauchst?“ Sagt er und ignoriert die Frage mit dem Feuer.
Boom Booms Blick folgt seinem zu den Hütten. Braue und Mundwinkel zucken kurz, als wären sie an einem Strang befestigt. Wieder Blaze zugewandt, kommt sie einen Schritt näher.
"Mhmm ...", formt sie zur Bestätigung.
Ihr Arm hebt sich vor seinem Gesicht und mit spitzen Fingern pflückt sie ihm die Kippe aus dem Mund. Die glühende Spitze führt sie an ihre eigene Zigarette, um sie zu entzünden, bevor sie sie an ihn zurück reicht und sich neben ihm an dem Baum anlehnt.
"Ist einiges passiert, seit ihr weg seid." Sie nimmt einen langen Zug und lässt sich Zeit mit den Worten. Ihre Arme hängen entspannt herunter, ohne darauf zu achten, ob die Glut der Kippe irgendeinen Strauch berührt.
"Ich hab ein Angebot für dich. Ein Job. Und wenn du dich gut anstellst, kannst du damit einen Haufen Kohle machen." Ihr Kopf neigt sich leicht in seine Richtung, neugierig auf seine Reaktion. Sie weiß, dass er Geld braucht und wenig Optionen hat. Er wäre ziemlich dämlich, wenn er das anlehnt.
Blaze zieht den Kopf ein Stück zurück, als ihre Finger vor seinem Gesicht auftauchen, aber da hat sie ihm die Kippe schon aus dem Mund gepflückt. Sein Blick folgt ihr bis zu ihren Lippen. Ernsthaft? Der Impuls, sie ihr direkt wieder wegzunehmen, zuckt ihm bis in die Hand, doch er lässt es bleiben.
Aus der Schachtel zieht er sich eine neue, steckt sie zwischen die Lippen und entzündet sie. Sein Blick bleibt auf Boom, während er den ersten Zug nimmt.
„Viel passiert is keine Antwort.“ Er atmet den Rauch seitlich aus und sieht kurz durch die Bäume zurück Richtung Camp. Sie weiss offenbar, dass sie hier sind. Oder zumindest, dass er hier ist. Das allein passt ihm schon nicht. San Sequoia ist verdammt weit weg. Boom fährt doch nicht nach Granite Falls, stolpert nachts durch einen Wald und findet ausgerechnet ihn, um ihm irgendeinen Job anzubieten. Wie zum Teufel hat sie überhaupt rausgefunden, wo sie sind? Hat sie Dennah gesucht? Ihn? Beide? Und wie lange weiss sie es schon? Das unangenehme Ziehen in seinem Bauch wird stärker, während Boom sich neben ihm an den Baum lehnt, als wäre ihr Auftauchen vollkommen belanglos.
Dann kommt das mit dem Job. Und der Kohle. Blaze hält die Zigarette kurz vor dem Mund und sieht sie an. Er braucht Geld. Mehr als ihm lieb ist. Von Del erwartet er nach dem Camp keins mehr, das ist wahrscheinlich gelaufen nach der Uniform-Aktion, und dass Musik oder Kunst nicht sofort genug abwerfen, um davon zu leben, hat er inzwischen auch begriffen. Tartosa kostet. Essen kostet. Eigentlich kostet jeder beschissene Schritt irgendwohin Geld. Der Gedanke daran, eigenes zu haben, ohne jemanden fragen zu müssen, packt ihn sofort. Nur kommt das Angebot ausgerechnet von Boom. Nach allem, was in der Villa gelaufen ist. Und nachdem sie hier auftaucht, ohne ihm zu verraten, wie sie überhaupt von San Sequoia bis vor dieses Camp gekommen ist und warum sie wusste, wo sie suchen muss...
Blaze zieht an der Zigarette und mustert sie von der Seite. Er kann nicht leugnen, dass ihn das Angebot interessiert. Genauso wenig kann er vergessen, wer vor ihm steht. Wenn Boom ihm mit einem Haufen Kohle kommt, wird sie kaum plötzlich beschlossen haben, ihm einen Gefallen zu tun. Irgendwo steckt der Haken. Die Frage ist bloss, wie gross er ist. Seine Brauen ziehen sich leicht zusammen, während er die Arme vor der Brust verschränkt und die Zigarette zwischen zwei Fingern hält. „Schiess los.“ Sein Mundwinkel hebt sich schwach. „Dann kann ich eher nein sagen.“
Boom Boom muss kichern bei so viel gespieltem Widerwillen. Sie nimmt einen flüchtigen Zug von seiner geborgten Zigarette und schnipst sie an ihm vorbei irgendwo in die Dunkelheit. Eine reicht ihr vollkommen.
"Es gibt demnächst ein neues Produkt auf dem Markt."
Die freie Hand greift langsam in die Innenseite ihrer Jacke. Eine kleine Ampulle kommt zum Vorschein.
"Darf ich vorstellen? Bite, das ist Blitzbirne, Blitzbirne ... das ist Bite."
Zwischen Daumen und Zeigefinger hält sie das Fläschchen mit der klaren Flüssigkeit in die Luft.
"Ich stell das Zeug her, du bringst es unter die Leute."
Sie nimmt einen weiteren Zug von ihrer Zigarette. "Was du denen dafür abknöpfst, ist mir scheißegal. Ich krieg meinen Preis, der Rest gehört dir."
Der kurze Blick auf die Ampulle reicht, um Blaze vorschnell abschätzig lachen zu lassen. Seine Zigarette bleibt zwischen den Fingern, während er das Fläschchen mustert. Wenn er eins von Steph und Jinoh gelernt hat, dann dass sowas ganz übel enden kann. Blaze will sich nicht mal vorstellen, wie es wäre im Knast zu sitzen und Dennah nicht mehr sehen zu können. Wegen irgendeinem Zeug, von dem er keine Ahnung hat, was es überhaupt macht. Und dann kommt das Angebot auch noch von Boom, der manipulativen Bitch schlecht hin. Trotzdem schaut er weiterhin auf Bite. Seine Brauen ziehen sich tiefer, ehe sein Blick zurück zu Boom wandert. „Was is das für Zeug? Und was soll 'dein' Preis bitte sein?“
"Ganz ehrlich?" Boom Boom grinst breit, wodurch ihre spitzen Zähne frech aufblitzen. "Das ist meine Spucke. Ist das nicht geil?" Sie lacht unbeschwert.
"Was denn? Das Zeug macht warm, glücklich und entspannt. Für ne ganze Weile ist dir damit alles scheißegal." Sie senkt den Kopf und schaut unter den Brauen hervor. "Das kannst du nicht vergessen haben."
Auffordernd hält sie ihm die Ampulle hin.
"Sieh es dir an. Es beißt nicht." Geil, was ein Wortwitz. Kichernd schüttelt sie den Kopf und nimmt einen weiteren Zug der Zigarette.
"Ich will hundertzwanzig dafür. Pro Ampulle." Sie zuckt mit einer Schulter. "Verkaufste die für zweihundert, dreihundert oder für nen Tausender an irgendeinen reichen Vollidioten, ist mir scheißegal. Ich will hundertzwanzig."
Blaze starrt erst die Ampulle und dann Boom an. Seine Oberlippe zieht sich angewidert hoch. Das ist so bescheuert, dass er ihr das Lachen beinahe übel nimmt. Andererseits weiss er, dass sie keinen Scheiss erzählt, was die Wirkung angeht. Er erinnert sich daran. Warm trifft es ziemlich gut. Glücklich auch. Und alles andere wird für eine Weile vergessen. Allerdings dachte er nicht das Spucke allein dafür ausreich.
Blaze Blick sinkt wieder auf die Ampulle. Hundertzwanzig. Wenn er sie für zweihundert loswird, bleiben achtzig bei ihm. Bei dreihundert schon deutlich mehr und... Er schüttelt kaum merklich den Kopf. Was zur Hölle denkt er da eigentlich? Er ist doch nicht bescheuert. Steph, Jinoh, Knast. Dennah draussen und er hinter Gittern. Reicht eigentlich schon als Antwort. Nur ist das Zeug wortwörtlich Booms Spucke. Kann man für sowas überhaupt wegen Drogenhandel im Knast landen? Keine Ahnung.
Er betrachtet Boom über den Rauch hinweg. Hundertzwanzig für sie, alles andere für ihn. Klingt beschissen verlockend. Gerade deshalb glaubt er kein Stück, dass das schon die ganze Sache ist.
„Wärst du nicht so eine verräterische Schlampe, würd ich vielleicht darüber nachdenken...“ Seltsam sie so zu nennen. Er hat mit einer Schlampe geschlafen? Blaze beschliesst den Gedanken nicht weiter zu assoziieren aber er blickt sie an um zu sehen wie sie darauf reagiert. „Da gibts doch bestimmt n Haken...“ sagt er in der Hoffnung es wird weniger attraktiv wenn sie ihn nennt.
Leise lachend lehnt Boom Boom den Kopf gegen den Baumstamm, den Blick in den Nachthimmel gerichtet.
Verräterische Schlampe ... Das gefällt ihr irgendwie.
"Oh, komm schon, Blitzbirne. Du denkst doch längst darüber nach."
Sie nimmt einen letzten Zug und schnippt den glühenden Stummel weg. Dann steckt sie die Ampulle zurück in die Tasche.
"Es gibt keinen Haken", sagt sie, nachdem sie den Rauch ausgestoßen hat. "Aber bitte. Wenn du unbedingt einen suchen willst ..." Sie stößt sich vom Baum ab und geht zwei Schritte ins Gebüsch hinein. "Sag mir, wenn du ihn gefunden hast."
Is klar. Seine Gedanken wollen schon wieder zu den hundertzwanzig, zweihundert, dreihundert zurück, aber etwas anderes drängt sich dazwischen, was ihn seit ihrem Auftauchen mehr stört als die Ampulle. San Sequoia liegt nicht mal eben um die Ecke. Seine Brauen ziehen sich tiefer, während er ihr durch den Rauch nachsieht. Sein Blick wird schmaler. „Woher wusstest du, das ich hier bin?“
Sie wendet sich zu ihm um und neigt den Kopf, als wäre diese Frage vollkommen absurd.
"Na, ich will doch auf dem Laufenden bleiben. Was denkst du denn?"
Blaze verzieht leicht das Gesicht. Auf dem Laufenden bleiben. Vielleicht war sie schon öfter in ihrer Nähe und sie haben es bloss nicht bemerkt. Er steckt den angekokelten Filter in die Tasche. „Spionierst du uns nach oder was?“ Shit. Jetzt hat er doch ‚uns‘ gesagt. Ehe sie antworten kann, geht er an ihr vorbei. Obwohl es ihn unruhig macht ihr den Rücken zu zukehren. Sie wird ihm sowieso nichts verraten. Wichtig ist, dass sie Dennah nicht allein erwischt. Wer weiss was sie ihr für Zeug erzählt, so wie ihm damals.
„Verzieh dich Boom. Und bleib weg.“ Blaze entfernt sich. Er muss zu Dennah und sie warnen, dass ihr geheimes Camp versteck aufgeflogen ist.
(In Zusammenarbeit mit @RivaBabylon )
#52
Tag 2
~ Blaze, Dennah, Del ~
Der Platz vor den Hütten ist voller Stimmen, klapperndem Geschirr und Kindern, die offenbar auch am frühen Morgen schon genug Energie haben, um sich gegenseitig quer über den Platz anzuschreien. Blaze sitzt mit Dennah etwas abseits davon, die Unterarme auf den Oberschenkeln. Geschlafen hat er nach der Begegnung mit Boom kaum noch. Sobald er wieder in der Hütte war, hatte sich weniger Steph in seinem Kopf breitgemacht als die Frage, wie lange Boom schon wusste, wo sie sind. Er müsste lügen wenn er sage würde, er wäre nicht ein kleines bisschen froh darüber, dass das Gespräch über Steph sich noch ein bisschen aufschiebt.
Er dreht den Kopf zu Dennah. Es ist egal welche Tageszeit es ist. Sie ist einfach immer wunderschön. Am liebsten würde er nichts sagen, um das gemeinsame hier sitzen nicht zu ruinieren. Aber er muss.
„Boom war letzte Nacht hier.“ Sagt er ohne Anlauf. Seit sie draussen sitzen überlegt er, wie er anfangen soll, aber es gibt vermutlich keine Version davon, die besser klingt. „Ich war draussen rauchen und plötzlich stand sie da.“
Dass Boom ihm irgendeinen Job andrehen wollte, lässt er weg. Interessiert ihn gerade nicht. Es spielt keine Rolle neben der Tatsache, dass sie ihn mitten in Granite Falls gefunden hat. Er fährt sich mit einer Hand durchs Haar und schaut wieder Richtung Wald. „Keine Ahnung wie sie uns gefunden hat. Hab sie gefragt. Sie meinte nur, sie will auf dem Laufenden bleiben.“ Schon beim Wiederholen zieht sich sein Gesicht zusammen. Es klingt heute Morgen kein Stück besser als nachts.
Gerade hat Dennah die Zähne in ihr Brot versenkt, als Blaze zu erzählen beginnt. Für zwei Sekunden erstarrt sie in der Bewegung. Mit einem Schlag vergeht ihr der Appetit. Langsam beginnt sie, auf dem Bissen herumzukauen. Die Brauen hoch in der Stirn, wagt sie nicht, Blaze anzusehen. Stattdessen starrt sie in die Ferne, ohne etwas von dem Anblick wahrzunehmen.
"Wirklich?" Sie würgt den zerkauten Brocken hinunter und greift nach dem Saftglas. Das Brot ist heute unglaublich trocken im Hals. Mit einem großen Schluck spült sie nach, doch irgendetwas scheint sich verkantet zu haben.
"Was ...", sie räuspert sich und schluckt noch einmal. "Was wollte sie denn?"
Blaze sieht sie an und wartet irgendwie auf mehr. Dass sie flucht. Dass sie sofort wissen will, wo Boom jetzt ist. Dass ihr Blick zum Wald schiesst oder sie sich wenigstens umdreht, als könnte Boom schon wieder irgendwo zwischen den Bäumen stehen. Blaze zieht die Brauen etwas zusammen. Vielleicht versucht Dennah auch nur, sich nichts anmerken zu lassen. Oder sie hat weniger Angst vor Boom, als er die ganze Zeit angenommen hat.
„Irgendwas mit nem Job.“ Er zuckt leicht mit der Schulter. „Is egal, hab ich nicht angenommen. Werd ich auch nicht.“ Sein Blick bleibt auf Dennah. „Ich dachte ehrlich gesagt, du rastest mehr aus.“ Er sagt es ohne Vorwurf, viel mehr irritiert. „Nach der Villa und so. Die findet uns jetzt hier mitten im Nirgendwo. Das is doch komplett krank.“ Seine Unterarme sinken wieder auf die Oberschenkel. „Ich will nich warten bis sie irgendwann auftaucht wenn du allein bist. Wir sollten gehn. Heute. Ich nehm die Kohle und wir schauen direkt nach was billigem in Tartosa. Etwas was sie nicht kennen kann.“ 
Erst jetzt sieht Dennah ihn an. Angst flackert in ihrem Blick. Sie muss es ihm sagen. Dass Boom sie nie aus den Augen ließ. Und es vermutlich nie tun wird. Irgendwie gehört sie eben doch ihr.
Dennahs Hals schnürt sich weiter zu, als die Gedanken sich verselbständigen. Er würde sofort alles hinter sich lassen, um mit ihr abzuhauen. Einfach so. Aber was würde das ändern? Er ist in Gefahr, nur weil er bei ihr ist. Dennah weiß nicht, wie Boom es anstellt, aber sie wird sie finden. Überall. Und wenn sie nicht tut, was sie verlangt, ...
Sein Gesicht verschwimmt hinter einem Tränenschleier, als sie eine Hand an seine Wange legt. Sie hat noch nie zuvor jemanden so gern gehabt. Der Gedanke, ihm könnte etwas zustoßen, versetzt ihr einen krampfenden Stich in der Brust.
"Tatoba ist nicht sicher." Sie seufzt leise und senkt den Blick. "Wir müssten weg gehen. Ganz weg." Die linke Hand wischt die erste rollende Träne weg, bevor sie den Kiefer erreicht hat.
"Aber das geht nicht. Das Gericht, die Schule und der ganze Kram." Beide Hände greifen nach seiner rechten und umklammern sie so stark, dass ihre Fingerringe sich in ihrer beider Haut pressen. "Vielleicht ... wäres ..." Eine weitere Träne rollt. Sie schüttelt den Kopf. Sie kann den Gedanken nicht einmal aussprechen.
Blaze sieht auf ihre Hände, die seine umklammern, dann wieder hoch in ihr Gesicht. Vielleicht wärs... Blaze zieht die Brauen zusammen.
Schritte nähern sich über den Platz. Blaze schaut über Dennahs Schulter und sieht Del auf sie zukommen. Eigentlich will er ihn gerade überhaupt nicht hier haben. Er muss nachdenken und eine Lösung für Dennah und ihn finden.
Del wird langsamer, als er Dennahs Gesicht sieht, und bleibt vor ihnen stehen. „Hey. Alles okay bei euch?“
„Ja.“ Blaze Hand bleibt in Dennahs, während er Del ansieht. Er will jetzt weder Boom erklären noch warum Dennah weint.
Del mustert beide kurz. Sein Blick wandert über ihre Kleidung. Blaze weiss schon, was kommt, bevor Del überhaupt den Mund aufmacht. Der ausgefranste Pfadfinderlook, der heute offenbar immer noch Anlass für Diskussionen bietet.
„Maryama hat mir erzählt, was gestern passiert ist. Ich würde gern eure Seite hören. Aber ihr könnt die Sachen hier nicht einfach zerlegen. Sie sind Eigentum des Camps...“
Blaze zieht hörbar Luft durch die Nase ein und schaut weg. Das ist jetzt sicher nicht ihr grösstes Problem.
„Ja dann kauf ich halt neue, wen kümmerts...“
Del sieht ihn noch einen Augenblick an, lässt es aber vorerst so stehen. Dann hebt er die andere Hand. Zwischen zwei Fingern steckt ein runtergebrannter Zigarettenstummel.
„Den hab ich vorhin draussen gefunden.“ Del hält den Stummel etwas höher. „Blaze, ich hab echt kein Problem damit, wenn du oder Dennah oder Chip vor dem Camp raucht. Aber nicht so. Wir sind mitten im Wald. Wenn irgendeine Glut liegen bleibt, reicht das schon für eine Katastrophe.“ Seine Stimme bleibt ruhig. Wie immer ist es kein richtiger Anschiss. Nur eine Ansage... Gerade das nervt Blaze in diesem Augenblick noch mehr. „Und nach gestern brauch ich von euch beiden ein bisschen Mitarbeit. Maryama war ziemlich deutlich. Ich will euch hier haben, aber ich kann nicht jedes Mal hinter euch aufräumen oder erklären, warum Regeln für euch nicht gelten.“
Blaze starrt den Stummel an. Er weiss, dass er seine Kippe in die Tasche gesteckt hat. Ist das seine? Könnte auch Chips Kippe sein. Aber da ist der markante weise Streifen am Filter. Das ist seine Marke. Blaze denkt an die Begegnung letzte Nacht und...
Boom.
Die hatte die Kippe gestern einfach irgendwo ins Dunkel geschnippt. Seine Kippe. Die, die sie ihm aus dem Mund gezogen hatte. Für ein paar Sekunden sagt er gar nichts. In seinem Kopf knallt alles gleichzeitig gegeneinander. Dennah weint neben ihm, weil Boom sie offenbar überall finden kann. Boom steht nachts vor dem Camp. Boom wirft seine Zigarette in den Wald. Und jetzt steht Del vor ihm und erklärt ihm ruhig, dass er keinen Wald abfackeln soll.
Seine Kiefermuskeln spannen sich an. „Der is nich von mir.“ Im selben Augenblick überkommt ihn dieses ekelhafte Gefühl wie damals, als Irving ihn für das Grafiti auf dem Garagentor beschuldigte.
Del schaut auf den Filter und dann wieder zu ihm. Ihm ist bewusst, dass Dennah auch von Blaze Schachtel rauchen könnte, genau so wie Chip.
„Ich will dir nichts unterstellen. Ich sag nur, wenn du oder ihr draussen raucht, müssen die Dinger wieder mit rein. Das versteht ihr, oder?“
Blaze schnaubt einmal kurz durch die Nase. Kein bisschen belustigt. „Ja. Schon gut.“ Er löst seine Hand aus Dennahs Griff, nur um aufzustehen. „Wir gehen eh.“
Del blinzelt. „Wie, ihr geht?“
„Wir packen und gehen.“ Blaze schaut zu Dennah, dann wieder zu seinem Bruder. Seine Kiefermuskeln bleiben angespannt. „Dann brauchst du dir wegen den Klamotten auch keinen Kopf mehr machen und wegen meiner scheiss Kippen ebenfalls nich.“
„Blaze, ich schmeiss euch doch nicht raus.“
„Hab ich nich gesagt.“ Er schaut sich um, greift nach seinem Becher und lässt ihn wieder fallen weil er damit sowieso nichts anfangen will. „Aber offensichtlich nerven wir hier sowieso jeden. Die Uniformen sind falsch, wir helfen falsch, ich rauche falsch...“ Er deutet auf den Stummel. „Und jetzt soll ich mich auch noch für n Scheiss rechtfertigen, für den ich nichts kann. Alles beim Alten. Danke für nichts.“ Er rollt mit den Augen und schaut Del direkt an. „Also passt doch. Ihr habt euren Frieden und wir auch.“
Er streckt Dennah die Hand hin, um ihr hoch zu helfen. Und als er zu ihr spricht, ist von der Schärfe gegenüber Del kaum noch etwas übrig. „Lass uns aufbrechen...“ 
Das Gespräch der Brüder zieht an Dennah vorbei, ohne dass sie den Blick hebt. Sie versteht die Worte, aber der Inhalt will nicht so recht bei ihr ankommen. Ihr Kopf ist so seltsam leer, obwohl er gleichzeitig unsagbar voll ist.
Die Worte um sie herum verschwimmen zu einer undeutlichen Klangkulisse, während sich die Angst vor dem, was Boom tun könnte, wie ein verdreckter Schleier über die Außenwelt legt.
Sie ist absolut machtlos. So wie damals. Als das alles anfing. Als sie zu einer Marionette wurde.
'... ob du genau so sein willst.' Keine zwei Tage ist es her, dass Delsyn die eindringlichen Worte zu ihr sagte. Immer wieder flattern sie durch ihre Gedanken. Wie will sie sein?
Langsam beginnt sich eine Idee in ihr zu formen, wie sie gern wäre.
Frei. Unbeschwert. Selbstbestimmt.
"Wir packen und gehen", dringt Blaze' Stimme zu ihr durch.
Dennah blinzelt. Er sitzt hier bei ihr, hält ihre Hand und würde sich jederzeit mit jedem anlegen — für sie. Das kann sie nicht wegwerfen. Sie darf ihn nicht verlieren. Egal auf welche Weise. Er ist ein wesentlicher Teil von frei, unbeschwert und selbstbestimmt.
' ... und deiner kaputten Welt gezeigt hast, dass sie nicht mehr alles mit dir machen können.'
Jack hat recht. Sie wird nie wieder einfach irgendetwas mit sich machen lassen. Sie wird einen Weg finden, sich Boom entgegenzustellen. Mit Blaze zusammen. Sie ist ein Vampir, aber nicht unbesiegbar.
Blaze streckt Dennah die Hand hin, um ihr hoch zu helfen. "Lass uns aufbrechen ..."
'Ist das wirklich etwas, worauf du später noch stolz bist?'
Mit dem Handrücken wischt sie sich die Tränen weg. Die Lippen aufeinandergepresst, nickt sie einmal und legt ihre Hand in seine.
"Scheiße, ja!"
Sie zieht sich hoch und macht einige Schritte in Richtung Hütte, das Kinn leicht angehoben. Plötzlich bleibt sie stehen, dreht sich zu Delsyn herum und sieht ihm direkt in die Augen. Ihre Hand legt sich an den Hosenbund. Sekunden später fällt die zerschnittene Hose zu Boden. Das Oberteil folgt.
Nur in Unterhose steht sie mitten auf dem Platz.
"Hier. Euer Eigentum."
Dann huscht ein weiches Lächeln über ihr Gesicht, beinahe dankbar. "Ich hab mich jetzt entschieden."
Nach Blaze' Hand greifend, dreht sie Delsyn den Rücken zu, um ihren Weg fortzusetzen. Ihre Klamotten sind drinnen im Schrank. 
(In Zusammenarbeit mit @Ripzha )
>>> Blaze geht nach
>>> Dennah geht nach
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