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Granite Falls Nr. 6 - Camp Firefly
Eve
Eve hat keine Fragen. Sie hat bei den Pfadfindern schon oft Pflanzen gesammelt und weiss bestimmt mehr als die anderen. Sie grinst, bevor sie wie die anderen ausschwärmt und sich umschaut. Die Sonnenstrahlen fallen durch die Blätter der Bäume und lassen vereinzelte Flecken wie wichtige Funde aussehen. Während sie durch das hohe Gras stapft, bemerkt sie, wie sie kaum auf die schattigen Stellen achtet und beschliesst, das zu ändern. Da sind Karottensträucher! Eilig stapft sie darauf zu und betrachtet das Gewächs. Kurz dreht sie sich zur Gruppe um. Das ist eindeutig diese Pflanze, die Maryama erwähnt hat, muss sie jetzt wirklich erst fragen, bevor sie sie ausgräbt? Ach was... Eve ist sich sicher. Bemüht vorsichtig, gräbt sie die Pflanze aus und steckt sie in den Sack. Nummer 1! Sie wird sich das Abzeichen für den vollsten Jutebeutel holen.
So. Jetzt muss sie sich eine andere Stelle suchen, weil der Bestand sich erholen muss – wie die Leiterin gesagt hat.
Neugierig verschwindet sie um einen Baum und steht plötzlich vor einer Ansammlung brauner Pilze. Hm... Pilze kann man auch essen. Das weiss Eve aus ihrem Naturbuch. Doof, dass sie es im Lager liegen gelassen hat. Wäre doch richtig cool, wenn sie diese Pilze jetzt nachschlagen könnte, um zu sehen, ob sie essbar sind. Angestrengt kneift sie die Augen zusammen und presst die Zeigefinger an die Schläfen. Wie war das noch in ihrem Buch? Worauf muss man achten? Waren die Rillen unter dem Hut jetzt gerade oder gewellt? Schliesslich gibt sie auf. Kein fotografisches Gedächtnis – keine Antworten... Sie kniet sich hin und riecht an dem Pilz. Sie hat Delsyn mal gesehen, wie er an einem Pilz gerochen hat, den er aufgehoben hat, als sie in Heford waren. Sie hätte fragen sollen, warum er das macht. Hat sie aber vergessen...
Auf allen vieren beugt sie sich über den Pilz und schnuppert. Riecht nach Erde und nach Pilz. Überhaupt nicht bitter oder irgendwie giftig. Hm... Soll sie zurückgehen und fragen, ob sie die einstecken kann, oder soll sie sie einfach mitnehmen und dann die Heldin des Abendessens werden, weil sie natürlich gewusst hat, dass dieser Pilz essbar ist? Aber wenn nicht, dann müssen sie sie wegschmeissen... und Delsyn sagt, Essen wegschmeissen ist Verschwendung. Andererseits ist es ja kein Essen, wenn der Pilz nicht essbar ist.
Während sie noch überlegt, beginnt es vor ihr im Gebüsch zu rascheln. Eve hebt den Kopf. Langsame Schritte kann sie hören und ihr Herz fängt an, etwas schneller zu schlagen. Und plötzlich taucht ein schwarzer Haarschopf auf und streckt das Gesicht durch die Blätter. Ehe das Gesicht recht versteht, wo es gelandet ist, richtet sich Eve auf und streckt die Hände hoch.
„Jubilee!" laut und begeistert. „Hey, schau mal, hier sind Pilze, meinst du, die sind giftig? Sollen wir die einstecken? Dann haben wir was mega super Besonderes zum Zeigen!"
Blaze
Während Blaze sich gerade relativ nichtsahnend fragt, ob das Imprägnierspray für die Schuhe so krass ist, dass man damit in den Fluss treten kann – ohne dass die Füsse nass werden, solange das Wasser nicht oben reinläuft –, und dann über den Gedanken schmunzelt, weil er offenbar nicht kiffen muss, um sich dumme Fragen zu stellen, wird er von Dennah angehalten.
Er dreht sich um und sieht in ihr wunderschönes Gesicht, umrahmt von den roten Dreads, umgeben von dem Grün des Waldes. Und auf ihr tanzt das Sonnenlicht. Und als sie sich ganz unerwartet an ihn lehnt und sein Ohrläppchen zwischen die Lippen nimmt, schliesst er wie automatisch die Augen und spürt das erregende warme Kribbeln, was ihm über den Nacken, durch die Brust weiter nach unten fährt. Gott... Er blinzelt und lächelt bei ihrem Vorschlag. Scheiss auf die Aktivitäten. Er hat seine Aufgabe erledigt, geholfen, Vorbereitungen zu treffen und die Arbeit erledigt, die Del ihm aufgetragen hatte. Jetzt wirds ja mal gut sein. Und so wie Dennah gestern Abend erzählt hat, scheint Del ziemlich gediegen. Will meinen, es war eigentlich nichts dabei, was ihn überrascht hätte. Auch wenn Dennah wohl nicht so ganz was damit anfangen konnte. Und Blaze war es nicht so richtig möglich, das zu entwirren mit Worten. Zum Zelten hat Del auch nix gesagt – vermutlich ist ihm das sogar recht. Bestimmt ist es ihm auch recht, wenn sie sich von den Aktivitäten fernhalten...
Er küsst Dennah, zieht an der Kugel an ihrem Halstuch und löst es von ihrem Hals. Das Zeichen von gestern, dass es Zeit ist, freizügig zu werden. Eigentlich ist das ziemlich cool in der Natur – gefällt ihm besser als er dachte. Es hat was von einer einsamen Insel, wo man tun und machen kann, was man will. Keine Verantwortung, keine Geldprobleme – vielleicht mal ein Zweig in der Unterhose, aber das ist zu verkraften. Blaze nimmt sie an der Hand und sie biegen vom Weg ab. Das Schlusslicht kann jemand anderes übernehmen.
Maryama
Nachdem die Kinder ausgeschwärmt sind und schon die ersten Funde in den Taschen liegen, nimmt Maryama ihren Rucksack ab und zieht aus einem der Seitenfächer ihr eigenes Grabwerkzeug. Vertraut liegt es in ihrer Hand und erfüllt sie mit liebevoller Wärme. Ein Geschenk ihres Vaters, gefertigt aus der Abwurfstange eines Rehbocks. Die individuell ausgeformten Stangen haben auf jeder Seite zwei Auswüchse, die flach und breiter sind als üblich und ein effektives zur Seite schieben der Erde ermöglichen. Jäger würden das als minderwertige Fehlbildung ansehen, für Maryama ist es perfekt.
Ursprünglich war es nur ein Fundstück von einem gemeinsamen Waldspaziergang gewesen, bis Maryama sich im Archiv von Willow Creek mit den Ursprüngen der heimischen Pflanzenkunde, Sammelmethoden der alten Kräuterkundigen und Weisen des Waldes beschäftigt hat. Einer der Sammelgrundsätze dieser Wissenden war, dass Pflanzenmaterial nicht mit Metall in Berührung kommen dürfe. Dies würde ihnen auf energetischer Ebene ihre heilenden Kräfte entziehen, da insbesondere Eisen als die 'Seele der Natur' vergiftend galt. Weiters störte es die magische Arbeit der Weisen, die als Vermittler zwischen der Feen -und Geisterwelt agierten. Der letzte Punkt war für Maryama weniger interessant, aber aus einem tiefen inneren Gefühl heraus, fühlte sich die Metalltheorie stimmig an und sie erkor das Geweihstück zum Grabinstrument.
Wieder aufgerichtet, wirft sie einen prüfenden Blick über die Gruppe. Ein paar sind etwas tiefer in den Wald vorgedrungen, aber immer noch zu sehen und in Rufweite. Blaze und Dennah kann sie gerade nicht entdecken, aber das muss nichts zu bedeuten haben. Vielleicht sind sie für ein bisschen private time kurz zurück geblieben. Die offenkundige Abneigung, die Dennah in den Augen stand, als sie Maryama nach der Bemerkung wegen der Zigarette ansah, ist ihr immer noch ein Rätsel. Was sieht sie in ihr? Niemand zwingt sie hier im Camp zu sein, genauso wenig wie Blaze oder Chip. Sie haben sich freiwillig gemeldet und Maryama würde keinen Gedanken daran verschwenden, was einer der Genannten treibt oder für sich als richtig empfindet, wenn sie nicht hier im Camp verantwortlich wäre.
Innerlich Schulter zuckend nimmt sie sich vor, mit Delsyn darüber zu reden, wenn es sich ergibt. Sarah würde die zwischenmenschlichen Herausforderungen vermutlich mit pädagogisch wertvollen Strategien bewältigen, Maryama fehlt die Erfahrung mit 'erzieherischen' Aufgaben, ihr bleibt nur der gesunde Menschenverstand und die Intuition.
Wieder aufgerichtet, schultert sie den Rucksack, schnappt ihren Beutel und kniet sich neben Jonah, der still und zielstrebig vor sich hin arbeitet. Der Junge scheut sich nicht direkt auszusprechen was er denkt und seine Ansage am ersten Abend ist Maryama im Gedächtnis geblieben. Ihr ist aufgefallen wie entspannt er sich in der Natur bewegt und zielsicher die richtigen Pflanzen auswählt.
Der Boden ist hart an der Stelle, die er gerade bearbeitet. Er atmet gepresst, die Hand liegt fest um das Grabwerkzeug und der Kraftaufwand ist deutlich an den weiß scheinenden Knöcheln der Hand und zu erkennen.
„Manchmal ist die Erde bemüht, die Wurzeln fest zu halten nicht wahr?“ Sie nimmt das Geweihstück in die Hand und sieht ihn an. „Erlaubst du mir dir zu helfen? Gemeinsam geht’s leichter.“
Es kommt keine verbale Bestätigung, aber Jonah blickt kurz auf, nickt und rückt dann ein paar Zentimeter zur Seite, ehe er sich wieder dem graben widmet. Gemeinsam lockern sie das Erdreich und legen ein Wurzelteil frei. „Du sammelst nicht zum ersten Mal, das sieht man.", sagt Maryama mit aufrichtiger Anerkennung in der Stimme. " Woher hast du die Erfahrung?"
#23
~ Jubilee, Eve ~
Jubilee hält den Atem an, als sie einen buschigen Zweig beiseite drückt. Hier war etwas, das weiß sie genau. Doch nichts ist zu sehen. Mit großen Augen tastet ihr wacher Blick jedem Zentimeter des kleinen gestrüppten Durchgangs ab. Der Waldboden wirkt recht locker, Blätter und feine Äste liegen herum. Sie hat keinerlei Erfahrungen im Spuren lesen und weiß im Grunde nichts über die reale Natur. Alles was sie weiß, hat sie aus Western- und Gruselfilmen gelernt - was im Grunde genommen gar nichts bedeutet und im echten Leben absolut wertlos ist. Daher weiß sie nicht, ob diese Zweige frisch abgebrochen sind oder schon seit Tagen auf der Erde liegen. Doch eine Sache erkennt selbst sie. Nah an der Seite des Buches ist jemand entlang geschlichen. Im Habschatten des Gestrüpps sind die Abdrücke erst auf den zweiten Blick zu sehen, doch jetzt, wo sie sie entdeckt hat, ist es ganz deutlich. Neugierig betrachtet sie die Spuren. "Was ist das...?", flüstert sie vor sich her. Beinahe simlich wirken die Formen, doch die Finger sind zu lang. Das sind niemals Pfoten. Und Hufe schon gar nicht. Ein aufgeregter Schauer läuft ihr über den Rücken. Wie abgefahren ist das denn? Ein richtig echtes Monster?! "Coooooool..." Der Drang, die Fährte zu verfolgen führt sie weiter ins Gebüsch. Vergessen ist der eigentliche Grund ihres Hierseins. Es gibt nur noch sie und das Monster. Wenn es lieb ist, darf sie es vielleicht behalten.
Auf Knien folgt sie der Spur nur wenige Meter, bis das Dickicht um sie herum sich lichtet - und sie plötzlich und vollkommen unerwartet in ein bekanntes Gesicht blickt. Eve?! Wie zum Teufel ... Irritiert blinzelt Jubilee der Sonne entgegen und erkennt mehr und mehr das Bild der Lichtung. Weiter hinten laufen Kinder in allen Größen herum, während das blonde Mädchen sie freundlich betrachtet und irgendetwas von Pilzen redet. Fragend senkt sie den Blick zum Boden und versteht. Binnen einer Sekunde landet ihr Verstand in der neuen Situation, als hätte sie nie etwas anderes beschäftigt. "Klar nehmen wir den mit." Begeisterung legt sich auf ihr Gesicht. Eve ist voll klug. Ihre Idee kann nur gut sein. "Wenn die wirklich giftig sind, wissen Maryama und Del das schon." Voller Tatendrang zückt sie ihre Schaufel, um den Superjoker auszugraben, als ihr ein genialer Gedanke kommt. Ihre Mimik leuchtet vor Abenteuergeist, als sie aufgeregt durch geöffnetem Mund aufatmet. "Dann können wir damit das Monster anlocken. Und füttern. Monster mögen giftiges Zeug, weißt du?"
Eve blinzelt und hebt den Kopf. „Monster?" Dann senkt sie die Stimme. „Hast du es gesehen? Wo?" Sie ist absolut einverstanden, die Pilze einzusammeln, und pflückt sie einfach. [/b]„Wenn es sie nicht frisst, sind sie nicht giftig!"[/b] Ja, das klingt absolut logisch. „Das müssen wir ausprobieren. Aber wo..." Eve richtet sich auf, legt die Hand ans Kinn, die jetzt komisch nach Pilz riecht, aber sie ignoriert es, und blickt sich auf den Knien um.
"Da drüben wars." Jubilee deutet mit einem Finger in das Gebüsch, aus dem sie kurz zuvor herausgekrochen kam. "Ich habs nicht richtig gesehen. Aber ich weiß ganz sicher, dass es da sein muss. Da sind Fußspuren." Ihre Augen leuchten auf. "Komm, ich zeigs dir." Eilig in die Richtung winkend wendet sie sich um und verschwindet im Dickicht. Dass die kleine Zweige ihr Haut und Uniform zerkratzen, stört sie nicht. Das ist eben der Preis, den ein Abenteuer kostet.
"Hier.", flüstert sie ehrfürchtig nur wenige Meter entfernt. Zwei Reihen Abdrücke bilden eine Spur, jeweils eine große langfingrige Hand und eine kleine, begleitet von einem durchgehenden breiten, leicht geschlängelten Streifen in der Mitte. "Ist das nicht voll cool."
Eve macht grosse Augen als sie die Spuren sieht. Dann rafft sie sich zusammen, zieht die Schultern hoch und sagt sich mutig Ich hab keine Angst! Stattdessen kniet sie sich hin und schaut die Spuren an. Sie hatte mal ein Abzeichen fürs Spurenlesen bekommen. Aber es war irgendwie nicht verdient. Der Leiter damals war nicht wirklich bei der Sache und Eve weiss nicht genau ob alles stimmt was sie sich gemerkt hat. Mit den Fingern tastet sie die Fusspur ab. Sieht aus wie ein Bär. Aber der Streifen in der Mitte? Der hat Zacken an den Seiten… vielleicht sein Schwanz den es nachgezogen hat? Es ist bestimmt echsenartig! Konzentriert teilt sie Jubilee ihre Beobachtung mit. „Aber lass uns vorsichtig sein. Das Monster ist gross. Geh du vor!“ Das letzte sagt sie wieder mit etwas mehr Ehrfurcht. Das ist schon ein bisschen gruselig.
Jubilees aufgeregtes Grinsen wird eine Spur breiter, als Eve ihr den Vortritt lässt. Sie sind ein richtig gutes Team. Eve ist klug und sie selbst ist mutig. So ist es auch immer in den Geschichten, die sie so gern liest und im Fernsehen sieht. "Siehst du?", nickt sie der Freundin stolz zu. "Wie ich gesagt hab." Voller Tatendrang fällt es ihr nicht leicht, vorsichtig voranzugehen. Aber sie dürfen das Monster natürlich nicht aufschrecken. Also setzt sie so leise sie kann einen Fuß vor den anderen, um der Spur mit geduckter Haltung zu folgen. "Bleib dicht bei mir.", flüstert sie über die Schulter hinter sich. Die Abdrücke führen weiter ins Unterholz, so dass sie sich immer kleiner macht, bis sie schließlich auf allen Vieren landet. Angebrochene Zweige, winzige Steine und pieksende Blätter zwicken sie in die nackten Knie, doch das alles hält sie nicht auf. "Du hast bestimmt recht. Das hier kommt vom Schwanz. Der muss voll schwer sein."
Der Boden wird feuchter, Hände und Knie graben sich tiefer in die matschige Erde und hinterlassen leise Schmatzgeräusche. "Mist.", flüstert sie hinter verbissener Zahnreihe. "Wir müssen leise sein.", Doch das ist gar nicht so einfach und so werden sie immer langsamer, bis Jubilee mitten in der Bewegung erstarrt. "Hast du das gehört?" Mit angehaltenem Atem lauscht sie in die Umgebung hinein, doch es scheint absolut still. "Da war ein Geräusch.", erklärt sie beinahe stimmenlos flüsternd. "Ein ... Platschen ... oder sowas." Ihr Herz hämmert aufgeregt in der Brust. "Vielleicht hat es uns gehört. Monster haben sehr gute Ohren." Mit geweiteten Augen sehen die Mädchen sich nach allen Seiten um. Nichts.
Plötzlich wieder ein Geräusch. Etwas lauter als zuvor. Jubilees Blick bohrt sich suchend durch den dichten Wald. Ein paar Meter weiter vorn kommt kaum Licht durchs Dickicht.
Ein Kratzen.
Sie saugt Luft ein, spürt ein leichtes Zittern in den Gliedern. Da vorn. Nur ein paar Schritte. Sie zögert. Dann setzt sie zu einem weiteren schmatzenden Schritt an.
Theo
Nach einer Weile verlässt Theo den Fluss. Die Erfrischung hat gut getan. Doch er hat noch mehr zu tun: Sein Korb ist erst halb voll. Er nimmt seine Pflanzenkrone mit, die er zum Schwimmen erst einmal abgelegt hat, und setzt sie sich nun erneut auf.

Für einen Moment bleibt der Junge stehen, um sich zu orientieren. Hoffentlich führt der Fluss tatsächlich in die richtige Richtung! Unterwegs sammelt er weiter die Kräuter ein.
Nach einer Weile erkennt er die Gegend wieder. Er sieht sogar Jonah und Maryama in der Nähe. Erleichtert, sich doch nicht verlaufen zu haben, eilt Theo näher. „Na, wie läuft es mit dem Sammeln?“, fragt er die beiden.
~ Jonah ~ Maryama ~ Theo ~
Mit wachsender Anstrengung bearbeitet er den harten Boden, der seine sechste Pflanze noch nicht bereit ist herzugeben. Aber er, Jonah Omaciw Caleb Cheechoo, wird sich nicht von Mutter Erde und Natur davon abbringen, diese Wurzel auszugraben. Er hat sie sich ausgesucht. Als der Frust sich zunehmend hochzuarbeiten beginnt, findet er sich plötzlich in der Begleitung von Maryama, die ihre Hilfe anbietet. Er lässt sie nach einem prüfenden Blick ihre Hilfe zu. Sie wirkt stark und klar und sie kennt sich, zumindest soweit er er beobachtet hat, mit Pflanzen aus. Sie ist es vielleicht sogar Wert, dass er sein Wissen mit ihr teilt und auch bereit ist, von ihr etwas zu lernen. Sie werden sehen. Während die Erwachsene mit fließenden Bewegungen beginnt, ihr besonderes Grabwerkzeug zu einzusetzen, beäugt er sie so unauffällig er kann. Ihre Technik ist gut. Ein anerkennendes Nicken später, steigt ins Graben mit ein. "Meine Gran hat mir alles beigebracht, was ich zum Sammeln und über das Ernten weiß. Sie ist die klügste und naturfreundlichste Frau, die ich kenne." Jonah hält kurz inne und schaut in die Ferne. "In meiner Heimat gehen wir zweimal im Jahr auf große Jagd um uns für die harte Winterzeit mit allem was wir brauchen so gut es geht einzudecken, weil Lebensmittel sehr teuer sind."
Das Erdreich um den stärksten Teil der Wurzel löst sich langsam und die Pflanze lässt sich etwas bewegen. Als der Junge seine Großmutter erwähnt, hält Maryama inne und sieht ihn an. "Das ist wundervoll, Jonah." Sie nickt bekräftigend. "Wenn ich das höre, wünsch ich mir direkt, sie selber einmal zu treffen. Sicher könnte ich auch noch viel lernen von ihr." Auffordernd lächelnd zeigt sie mit dem Geweihstück auf die frei gelegte Wurzel. "Ich glaube du kannst sie in deine Tasche legen." Maryama kommt aus der Hocke hoch und reibt ein paar Erdreste vom Grabwerkzeug. "Wenn du Lust hast, kannst du uns später beim kochen erzählen vom Sammeln oder der großen Jagd." Sie schiebt das Geweihstück in die Hosentasche und zieht den Rucksack zurecht. "Das wäre sicher für alle spannend."
Er presst die Lippen aufeinander, als die Erwachsene von seiner Großmutter spricht. Er würde alles geben, um jetzt bei ihr zu sein. Obwohl es ihre Idee war, dass er quasi ans andere Ende der Welt und dann auch noch gegen seinen Willen in dieses komische Camp geschickt worden ist. Jonahs Miene verfinstet sich und ein Kloß beginnt sich in seinem Hals zu formen. Ohne das er es bemerkt, werden seine Grabbewegungern intensiver und unkoordinierter. "Du wirst sie aber nicht kennenlernen, niemanden aus meiner Familie. Sie sind weit weit weg" platzt es nun aus ihm heraus. Er will es nicht, aber Tränen kämpfen sich hoch. "Und wenn ich zum Schluss nicht doch eingewilligt hätte, weil ich weiß das sie mir nur Gutes wollen, dann... dann...", blinzelt er und wendet seinen Blick ab von seiner Aufgabe und vor allem von Maryama, "dann würden wir hier nicht zusammen hocken und so tun, als hätten wir Interesse an einander." Er schluckt schwer und funkelt nun sein Gegenüber an, als wäre sie dafür verantwortlich, dass er für die Hälfte seiner Sommerferien nun in Simswelt und bei seinem Onkel und Opa väterlicher Seits untergebracht ist.
Hinter Jonahs Aufenthalt im Camp, steckt wohl eine kompliziertere Geschichte. Allem Anschein nach, haben mehrere Personen ihn zu überzeugen versucht, dass das Camp etwas Gutes und zu dieser Zeit, vielleicht sogar das einzig Gute oder Richtige für ihn, ist? Die Emotionen in seiner Stimme sind intensiv und deutlich spürbar. Maryama geht wieder in die Hocke und hält seinem Blick stand.
„Hm..“, setzt sie mit ruhiger Stimme an. “Das klingt, als würdest du sie echt vermissen... und als wär das alles hier nicht wirklich deine Entscheidung gewesen. Getrennt zu sein von Menschen, die einem wichtig sind, ist schwer.“
"Das tue ich." nickt er knapp. Jonah überlegt kurz ob er noch etwas nachsetzen soll. Die Leiterin des Camps macht auf ihn seit seiner Ankunft den Eindruck, als wäre sie stark und unabhängig - als wäre sie eine ehrliche Person. Und sie alle müssen noch ein paar Tage miteinander verbringen. Er beißt sich auf die Unterlippe. Er kommt schon alleine klar. Das weiß er. Aber möchte er das? Möchte er in seiner Isolation auch noch Leute vergraulen, die nett zu ihm sind und dazu auch noch was auf dem Kasten haben, wie seine Gran immer sagt?! Kurz schließt der Junge aus der anderen Welt seine Augen und horcht in sich hinein. Denkt an die Worte seiner Familie. An den Abschied. Daran, welche Sims ihm gut tun und wie er in seinem Zuhause, auf seiner Insel diese Begegnung und dieses Gespräch führen würde. Jonah seufzt und öffnet die Augen. Die Umgebung und Luft, sowie das Werkzeug in und der Mutterboden an seinen Händen bestätigen, was ihn durchflutet. Dieser Ort mit seinen Sims ist genauso gut und es ebenfalls so würdig gut behandelt zu werden wie seine Heimat. Respektvoll und dankbar. Egal, wie sein Inneres auch aussieht. "Ich habe schlechte Laune, weil das Frühstück mir nicht geschmeckt hat und ich mir nicht mein eigenes Brot backen durfte. Obwohl ich gesagt habe das ich das alleine kann. Die beiden Frauen wollten mich nicht tun lassen, was ich brauchte." Entschuldigend nickt er in Maryamas Richtung. Im Augenwinkel nimmt er wahr, dass Theo auf sie zuhält.
„Okay, das versteh ich. Es ist frustrierend, wenn man etwas kann und es nicht beweisen darf.“, sagt Maryama nickend. Mit einem leisen Schmunzeln fährt sie fort. „Hm... wir kochen doch nachher eh alle zusammen. Es gibt auch Salat, da würde Brot gut dazu passen. Wenn du Lust hast, könntest du da den Teig machen...für alle? Dann sehen sie, dass du es kannst. Was für Brot soll's denn werden?“
Hinter Maryama raschelt es und Theo taucht unvermittelt auf. „Na, wie läuft es mit dem Sammeln?“, fragt er die beiden.
Jonah bekommt aufgeregtens Herzklopfen, als er den Vorschlag hört. "Bannock" beginnt er zu erklären, "heißt es und wird seit vielen Hundert Jahren schon von meinem und anderen indigenen Völkern als Grundnahrungsmittel gebacken." Er schielt zu dem ankommenden Jungen. Mit durchgestrecktem Rücken nimmt er die lieb gemeinten, Verbindung schaffenden Worte von Maryama in ungewollter, aber auch dankbarer Demut an. "Den heutigen Namen und auch weitere Veränderungen fand unser Brot jedoch durch schottische, koloniale Einflüsse." Theo erreicht die beiden und stellt seine Frage in Jonahs Sprechpause, in der er dem Neuankömmling zunickt. Ohne Feindseligkeit. In seinem Kopf wuseln noch Geschichtsunterricht und ausschmückende Erzählungen seiner älteren Familienmitglieder und Nachbarn durcheinander. Er sortiert sich kurz und beendet, was er sagen will. "Es ist heute so gut, weil es über die Zeit sich mit den Sims verändert hat, weil sie sich gemeinsam verändern mussten. Sie hatten auch keine Wahl." 'So wie ich.' Der Junge aus dem fernen Kanada schluckt und heftet nun seinen Blick fest auf den selbsternannten Inselkönig. "Ich sammle Vorfreude und ein Versprechen?" erkundigt er sich mit einem prüfenden Blick zur Campleiterin.
Theo hört gerade noch den Satz über das Brot und die schottischen Einflüsse. Er spitzt die Ohren. Backen sie hier jetzt? Jonah erzählt von seiner Kultur, backt Brot.. und was macht er? Die meiste Zeit verschwendet er im Wasser, und sein Sammelkorb ist immer noch erst halb voll. "Vorfreude und ein Versprechen.", wiederholt Theo Jonahs letzten Satz, "klingt lecker!" Er grinst und stellt seinen Korb ab. "Und ich bringe Gesang mit und den Hauch vom Meer." Tatsächlich hat er, wie die meisten Meersims, eine schöne Singstimme.
„Wir werden auf jeden Fall Marga und Marina den Vorschlag unterbreiten.“, bestätigt Maryama. „Gesang ist immer g…“, sie unterbricht sich und mustert Theos Hals und rechte Schulter. Ein rötlicher Ausschlag zieht sich über die Haut und Kratzspuren zeugen von Juckreiz. „Ich würde jetzt gerne alle fleißigen Sammler zusammenrufen. Wir haben noch einen zweiten Teil vor uns, bevor wir ins Camp zurück gehen zum kochen. „Bei der Gelegenheit können wir zerquetschten Spitzwegerich auf deinen Ausschlag packen. Der Saft wirkt beruhigend.“ sie registriert Theos nasse Haare. Was ist noch alles, passiert, während ihres Gesprächs mit Jonah? Ein Rundblick ergibt, das sich auf jeden Fall Eve und Jubilee außer Sichtweite befinden. Höchste Zeit sich wieder Überblick zu schaffen.
Jonah lauscht der Bestätigung durch die Erwachsene, dann nickt er fest. Er wird sehen, ob sie ihr Wort hält, ob sie sich als zuverlässig und vertrauenswürdig erweisen wird. Über Theos Worte zieht er die Augenbrauen zusammen. 'Vorfreude und Versprechen klingt lecker'?! Unsicher ob der Größere einfältig ist oder durch den tatsächlich deutlich starken Ausschlag geschwächt oder vernebelt ist, wendet er sich mit seinen Sachen von den beiden ab. Er hat sich in etwa gemerkt, wo mit vor Begeisterung fast glühendem Gesicht in die seitlichen Büsche verschwunden ist. Er würde es abstreiten wenn man ihn fragt, aber seine Neugierde war bei ihr gelandet, als sie sich ohne mit der Wimper zu zucken auf alles gestürzt hatte, was Mutter Erde beherbergt. Und das völlig ahnungslos und planfrei. Eine angenehme Energie, wie er fand und findet. Auf leisen Sohlen, folgt er ihren sehr auffälligen Spuren, bis er kurzerhand hinter ihr und Angeber-Eve ankommt. "Was macht ihr zwei hier?"
#26
~ Jubilee, Eve, Jonah ~
Jubilee fährt erschrocken zusammen, als plötzlich hinter ihr eine Stimme ertönt. Mit geweiteten Augen sieht sie über die Schulter nach hinten.
Jonah.
Ihre Brauen ziehen sich missmutig tiefer ins Gesicht. "Pssssssst!", legt sie den Finger auf die gespitzten Lippen. "Du verjagst noch das Monster." Eine langsame Kopfbewegung weist überdeutlich in die Richtung, in der die Spuren hinter den nächsten Büschen verschwinden.
Augenblicklich spannt sich sein Körper an und Jonahs Blick tastet schnell sein Sichtfeld ab, um jede Bewegung aus der Umgebung aufzufangen und zu analysieren. Da ist - abgesehen von den beiden Mädchen und einer tatsächlich gut erkennbaren Spur - nichts. "Monster?" wiederholt er flüsternd, dann nähert er sich auf die Abdrücke im Boden starrend. Vorsichtig bewegt er seine Fingerspitzen über die Erde um abzuschätzen, wie frisch diese Spuren wohl sind. Sand und Erdreich des Gebietes sowie die Morgenkälte halten noch eine gewisse Grundfeuchtigkeit, die über den Tag austrocknen wird, sobald die Sonne genug Kraft entwickelt hat. Alles normal, nichts ungewöhnliches. Was ihm auffällt ist, dass der Untergrund am Rand der Abdrücke eine minimal dunklere Kontur hat. Seine Gran würde den Unterschied mit ihren Augen nicht mehr erkennen. Auch die feinen, dunklen Punkte nicht, die regelmäßig unregelmäßig dazu versprengt sind. Sein Blick wandert erst zur brünetten, dann zur blonden Begleiterin. Beide starren ihn an. Er ist sich nicht sicher, woher die Begeisterung und Spannung der Mädchen kommt. Bei einer so eindeutigen Fährte, können sie nicht an die Monstergeschichte glauben. Unmöglich. Moment! Verärgert und angriffslustig funkelt er die beiden an. "Wollt ihr mich verarschen?" spricht er direkt seinen Gedanken aus. "Das sind eindeutige Tierspuren" verschränkt er nun beide Arme vor der Brust. "Ihr könnt ja wohl nicht beide so dumm sein, dass nicht zu erkennen?! Und dann auch noch glauben, dass ich darauf hereinfalle. Immerhin ist das hier ein W a l d g e b i e t. W A L D." betont er überdeutlich, damit Eve und Jubilee verstehen, dass er kein kleiner Dummer ist und ihr Spiel durchschaut hat. Das hätte er von den beiden nicht gedacht. Bis eben, fand er sie noch okay, wenn auch etwas über engagiert. 'Was bilden die sich ein?'
Eve dreht sich um, als sie die Stimme hört. Sie blinzelt Jonah an und zieht dann die Augenbrauen zusammen.
„Wir sind nicht dumm." Das kam etwas zu laut. „Ich weiss, dass das Tierspuren sind. Ich hab ein Abzeichen fürs Spurenlesen." Das stimmt. Irgendwie. Sie schaut kurz zur Seite. „Das ist ein echsenartiges Tier. Sehr gross. Siehst du den Streifen da?" Sie zeigt mit dem Finger auf den geschlängelten Abdruck in der Mitte, ohne ihn zu berühren, weil man Spuren nicht anfassen soll – das weiss sie noch. „Das ist der Schwanz. Der wiegt bestimmt so viel wie du." Sie denkt kurz nach. „Oder mehr."
Und ein grosses echsenartiges Tier mit langen Fingern und schwerem Schwanz das sich durch den Wald schleicht ist eigentlich schon fast ein Monster. Mehr oder weniger.
Sie dreht sich wieder in Richtung der Spuren und flüstert nur knapp über die Schulter: „Kannst ja warten wenn du Angst hast."
Jonah entfaltet seine Arme und wirft Eve einen trockenen Blick zu, dann versucht er zu erlesen, was Jubilees Gedanken sein könnten. Doch da kommt nicht viel bei ihm an und er muss sich eingestehen, dass Spurensuche in Gesichtern wohl eine andere Hausnummer ist. Die Fährte brauch er nicht erneut zu begutachten um zu wissen, daß Eve sich irrt. Jonah ist insgeheim froh, dass sie ihn an ihren falschen Vermutungen teilhaben lässt. Sie zeigen ihm, dass die Mädchen nicht gemein sein wollten, sondern einfach keine Ahnung haben. "Ich fürchte mich nicht vor Bibern, ganz im Gegenteil.", muss er nun versöhnlich schmunzeln.
Irritiert blinzelnd schaut Jubilee von Jonah zu Eve, dann auf die Spuren und wieder zu den anderen beiden. Eine Echse? Ein Biber? Beides ist nicht gerade das, was sie zu erleben gehofft hatte. Wie enttäuschend. Zu gern hätte sie mal ein richtig echtes Monster gesehen. So mit Hörnern und Wuschlmähne und spitzen Zähnen und Krallen. Missmutig verzieht sie den Mund zu einer schrägen Schnute.
Andererseits ... Weder eine Echse, noch einen Biber hat sie jemals mit eigenen Augen sehen können. So ganz uncool wäre das jetzt auch nicht.
Langsam wandert ihr Blick wieder zu den Abdrücken im Matsch. Dem schweren Schleifstreifen dazwischen. Dem dunklen Dickicht vor ihnen.
"Woher willst du überhaupt wissen, dass das ein Biber ist?", flüstert sie skeptisch. "Vielleicht ist es ja wirklich eine Echse." Kurz denkt sie darüber nach und schon beginnen ihre Augen wieder zu leuchten. "Oder ein Mutant. Ein Echsenbiber. Mit Monsterzähnen."
Zurück in ihren geliebten fantastischen Vorstellungen nickt sie sich selbst zu. Das ergibt total Sinn.
Vorsichtig robbt sie noch ein Stück weiter nach vorne und späht zwischen den Zweigen hindurch.
Dort kratzt es gut hörbar mit regelmäßiger Beständigkeit.
Jubilee hält erneut die Luft an.
"Vielleicht baut es ein Monsternest. Für die Monsterbabys." Ohne es zu merken, formt sich ein abenteuerfreudiges breites Grinsen auf ihrem Gesicht. "Coooooool."
"Oh man" entfährt es ihm, als Jubilee ihre Hoffnung äußert. So langsam bekommt er den Eindruck, dass die anderen alle leicht einen weg haben. "Ein Mutant? Ernsthaft?" Nach der Aussage, will er gar nicht erst in Eve's Richtung schauen. Obwohl... Sie ist doch schon länger bei diesem Pfadfinder-Verein. Und mit ihrem großen Bruder als Campleiter... Von ihr sollte er eine bessere Antwort bekommen. Jonah schmult unter seinem langen, hinters Ohr gesteckte Pony zu der Älteren rüber. Das Scharb- und Kratzgeräusch ist lauter geworden und klar erkennbar auch in ihr Ohr gedrungen. Jetzt wird es spannend. Was wird sie daraus machen? Hoffentlich nicht so einen Blödsinn! 'Wenn jetzt noch jemand hier rumspinnt, ist nach Theo und Jubilee die Quote der Kinder mit Dachschaden zu hoch um im Camp zu bleiben. Egal wem ich das alles versprochen habe!'
Er sieht, wie es beginnt hinter Eves Stirn zu arbeiten. Gerade will er zu einer bissigen Nachfrage ansetzen, als ihn ein Windstoß von der Seite trifft. Vor lauter Schreck fallen ihm fast die Sammler-Utensilien aus der Hand. Sein Herz hämmert hinter dem kurzärmligen Hemd. Shit! Jonah keucht leicht auf. Das war nicht irgend eine verirrte Windböe, die sich zwischen die Büsche geschlichen und ihn hat Sträuchern lassen.
Das. War. Ein. Zeichen.
Eine Ermahnung.
Kalkweiß schluckt er einen trockenen Kloß herunter und zwingt sich zu einer ruhigen Atmung. Er hatte letzte Nacht einen Traum von einer ihm unbekannten Frau und Delsyn. Irgendein verlassene Ort mit Riesenrad. Er wurde zum Ende des Traumes auch vom Wind ergriffen, der die Stimme seiner Gran trug, nachdem die Unterhaltung vorbei war. Sie hatte ihm deutlich auf seine Überheblichkeit, seine falsche Arroganz hingewiesen und angehangen, dass sich seine Familie für ihn schämt. Auch, dass er über die Erklärung zur Uniform nachdenken sollte. Sei Blick verschleiert sich und er erkennt die Mädchen nicht mehr gut, da er mit seinen Gedanken zu beschäftigt ist. Prinzipiell hat es nichts gegen langsamere Denker oder einfältigere Sims. Jeder hat seinen Platz und seine Aufgabe auf der Welt und alle sind gleich wertvoll. Das hat er so gelernt und aus diesem Grund versteht er auch den Sinn dieser bekloppten, unpersönlichen Uniform nicht! Außerdem... Jonah spürt, wie er rot wird. Wenn er ganz ehrlich ist, kann er auch ein paar Dinge nicht sehr gut. Oder auch gar nicht. Er sollte nicht so gemein sein und denken.
"Wenn du oder ihr so dringend ein Abenteuer braucht, dann kommt später oder morgen mir mir mit, wenn ich mich davon schleiche und die Biberburg suchen gehe.", deutet er auf die Spuren. Mit dem Daumen zeigt er hinter sich. "Maryama hat Stress, weil der Dödel-König sich wahrscheinlich in giftigen Pflanzen umgetrieben hat und kurz davor ist, zu haluzinieren. Der hat schon ganz komische Sachen gesagt. Jetzt gibt es hier keine Ruhe, da alle zurück zum Camp sollen." Mit dem Kopf ruckt er fragend in ihre Richtung, seine Stimme nun etwas freundlicher. "Was ist? Könnt ihr mir glauben oder muss ich euch erst einen Beweis beschaffen?"
Eve runzelt die Stirn. Warum sollten sie das wollen? Sie schaut ihn an und dann kurz zu Jubilee und dann wieder zu ihm. Er nervt sie. Einfach so, von Anfang an, mit dieser Art wie er redet, als wäre er der einzige der hier einen Gedanken zu Ende denken kann.
Sie atmet kurz aus und beschliesst, nicht gemein zu sein. Das nimmt sie sich vor. Eve öffnet den Mund und sagt:
„Du nervst.” Weg ist der Vorsatz. Hat sie das von Sullivan?! … hm. Tat irgendwie gut.. Aber sie sagt es wenigstens nicht böse, mehr so wie man eine Tatsache feststellt. „Wir wollen das jetzt machen, nicht morgen mit dir.” Ihr Blick geht wieder zu den Spuren, dann zurück zu ihm. „Wieso musst du das kaputt machen.”
Nicht dass sie wirklich dachte, es wäre ein Monster. Also… schon irgendwie. Ein Echsenmonster ist ja auch ein Monster, das ist keine Lüge. Aber darum geht es eigentlich nicht. Es geht darum, dass Jubilee sie mitgenommen hat, hierher ins Dickicht, einfach so, ohne zu fragen ob Eve sich auskennt oder ob sie das überhaupt interessiert. Einfach: komm mit. Und das ist so selbstverständlich für Jubilee, dass sie wahrscheinlich nicht mal merkt wie ungewohnt das für Eve ist.
An der Privatschule haben sie immer blöd geschaut. Irgendwie genervt, ähnlich wie Jonah jetzt, wenn man zu aufgeregt ist über irgendwas das die anderen nicht aufgeregt. Wenn man lieber draussen ist als am Tablet oder wenn man Pflanzen sammelt statt Musik zu hören. Und Eve hatte das immer bemerkt und hatte dann meistens etwas weniger geredet.
Jubilee schaut nie so.
„Wir kommen nach.” sagt sie zu Jonah, etwas bestimmter als sie sich fühlt, und dann zu Jubilee: „Lass uns weitergehen. Das hier ist auf jeden Fall ein Echsenmonster und ich will wissen wo es hingeht.”
Jubilee beobachtet den kurzen Schlagabtausch zwischen den beiden mit leicht geöffnetem Mund, als würde sie ein Tennismatch verfolgen. Erst Jonah. Dann Eve. Dann wieder Jonah.
Als Eve beschließt, dass sie weitergehen, legt sich sofort wieder das breite Grinsen auf Jubilees Gesicht. "Siehst du?", flüstert sie begeistert. "Du glaubst nämlich auch dran." Vollkommen zufrieden mit dieser Feststellung schiebt sie sich weiter durchs Unterholz. Dass Eve etwas völlig anderes gemeint hat, spielt dabei keine Rolle.
Hinter den nächsten Zweigen wird der Boden plötzlich feucht. Zwischen den dicken Wurzeln der Gewächse sammelt sich schlammiges Wasser, das bei jeder Bewegung deutlich gluckst.
Das Kratzen ist jetzt ganz nah. Jubilee hält mitten in der Bewegung inne. Direkt vor ihnen bewegt sich etwas. Schwerfällig und irgendwie tapsig, findet sie. Dunkles Fell ist zwischen Ästen und Schilf zu erkennen. Dann hebt sich etwas Breites ins Tageslicht. Es hat sie bemerkt. Zu ganzer Größe aufgebaut, verdeckt sein Kopf die Sonne, als es ihnen entgegenschaut. Seine Nase bewegt sich neugierig schnuppernd, als würde es versuchen, eine Fährte aufzunehmen.
Jubilee schluckt. Für einen Moment fühlt es sich an, als würde ihr Herz aufhören zu schlagen. Vielleicht hat es die Macht dazu, denkt sie noch, bevor ihr Kinn ein wenig nach unten sinkt. "Wooooooow ..."
'Wieso ich das kaputt machen muss?!' Jonah merkt, wie Eves Worte ihn treffen. Warum kann er nicht sagen. Wie kann er etwas kaputt machen, was nicht mal real ist? Dieses doofe Mädchen, mit seinen doofen... Er braucht sie nicht. Auch nicht eine Aufgabe, die ihn dazu bringt, nicht über seinen Traum nachzudenken und... Nein! Gar nichts braucht er von diesen Leuten. Sein Blick wirt hart und ohne ein weiteres Wort bewegt er sich rückwärts von ihnen weg. Als die beiden hinter den Sträuchern verschwinden, dreht er sich um zu Theo und Maryama zurück zu gehen.
Eve starrt auf den Biber. Der Biber starrt zurück. Seine Nase zuckt. Ihre auch kurz, ohne dass sie es will. Sie schluckt und blinzelt und schluckt nochmal. Okay... Das ist ein Biber. Das ist eindeutig, unbestreitbar, vollkommen zweifelsfrei ein Biber. Jonah hatte recht. Das sind Biberspuren. Natürlich sind das Biberspuren, die langen Finger sind die Krallen und der Streifen in der Mitte ist der Schwanz und sie hätte das eigentlich auch selbst draufkommen können wenn sie... sie schiebt den Gedanken weg.
Weil erstens ist ein Biber auch irgendwie imposant wenn er so dasteht und einen anschaut als wäre man in sein Wohnzimmer eingebrochen, was man technisch gesehen auch ist. Sein Kopf ist grösser als sie dachte. Viel grösser. Und er bewegt sich nicht, nur die Nase, und das macht es irgendwie noch komischer, dieses gegenseitige Anstarren, als würden sie alle drei gleichzeitig überlegen wer hier eigentlich das Problem ist.
Und zweitens... Jubilee hatte „Wooooow" gesagt. Das klingt wie jemand der das genauso meint wie Eve es meint, ohne dass Eve erklären muss warum ein Biber im Schlamm der aufregendste Fund des Tages ist.
An der Privatschule hätte jemand jetzt wahrscheinlich das Handy rausgeholt und vielleicht ein Foto gemacht. Dann das Interesse verloren. Jubilee holt kein Handy raus.
Und drittens - und das ist das Wichtigste - war Jonahs Version der Geschichte „kommt morgen mit mir mit" und das hier passiert jetzt grade. Das zählt!
„Ein Bibermonster." flüstert sie zu Jubilee, mit einer Überzeugung die keinerlei Widerspruch duldet. Sie zeigt mit dem Finger, ganz knapp, in seine Richtung. „Schau dir seine Zähne an. Wir müssen ihm einen Namen geben!"
Die Augen geweitet, den Mund noch immer erstaunt geöffnet, nickt Jubilee langsam, ohne den Blick von dem Wesen abzuwenden. Das ist so cool! Und es ist auch cool, dass Eve jetzt an ihrer Seite ist. Zusammen durch gefährliche Abenteuer zu ziehen und selbst dann nicht wegzurennen, wenn man dem Monster Auge in Auge gegenübersteht ... DAS ist Freundschaft.
Kurz überlegt sie. Ja, es braucht einen Namen. Alles, was wirklich existiert, braucht einen. Bibi, schnellt es ihr in die Gedanken. Nee, das ist viel zu uncool. Es muss gruselig sein. "Ehmm ..." Fieberhaft denkt sie nach. Etwas aus einem dieser alten Filme wäre gut. Dracula. Frankenstein. Viel zu offensichtlich. Dann fällt es ihr ein. "Frau Blücher.", flüstert sie voller Ehrfurcht. "Das ist aus einem Gruselfilm." Mit funkelnden Augen sieht sie Eve an. "Frau Blücher ist eine alte Frau, die alles weiß und jeden kennt. Und sie kümmert sich um alles, was anfällt. Sie wirkt freundlich und höflich, aber sie ist so gruselig, dass es immer gewittert und die Tiere unruhig werden, wenn man nur ihren Namen sagt." Sie schaut zurück zu dem Tier, das sich inzwischen wieder dem Geäst widmet. Das ist einfach perfekt.
„Frau Blücher." wiederholt sie, leise, um zu testen wie es sich anfühlt. Sie kennt den Film nicht. Keinen blassen Schimmer. Aber das spielt keine Rolle, weil Jubilee es so sagt wie sie es sagt und weil der Biber in diesem Moment kurz aufhört zu kauen und sie beide kurz anschaut als hätte er seinen Namen erkannt. Es bestätigt quasi, dass das jetzt so ist.
Eve spürt wie sich ein Grinsen in ihr Gesicht schiebt, das sie nicht aufhalten kann und auch nicht will.
„Frau Blücher." sagt sie nochmal, diesmal fester, und der Biber wendet sich wieder seinem Ast zu, vollkommen unbeeindruckt von den beiden. Das passt so gut zu Jubilees Beschreibung.
Eve kniet im Schlamm, die Knie längst durchnässt, irgendwas Spitzes drückt ihr ins Schienbein aber ihr ist gerade vollkommen egal. Sie schaut auf den Biber der alles weiss und jeden kennt und sich um alles kümmert was anfällt, und nickt langsam.
„Meinst du wir können näher ran?"
Jubilee presst die Lippen aufeinander, die Zungenspitze lugt heraus und sie kneift die Augen zusammen. Ein winziges Stück sollten sie doch näher heran können.
Gerade als sie weiter schleichen will, kommt eins der kleineren Kinder hinter ihnen durch die Büsche gestürmt. "Haaab siiie!", ruft das Mädchen über die Schulter nach hinten, woraufhin Frau Blücher augenblicklich die Flucht ergreift.
Genervt schnaubend schenkt Jubilee erst der Kleineren, dann Eve einen vielsagenden Blick.
"Wir sollen alle zu Maryama kommen.", sagt die junge Pfadfinderin. Ihr Tonfall lässt keinen Raum zur Interpretation. Und so machen sich Jubilee und Eve auf, ihr zu folgen. Hier gibt es ohnehin nichts mehr zu sehen.
~ Dennah, Blaze ~
Der sanfte Wind treibt Dennah eine angenehme Gänsehaut über den Körper, als sie mit dem ersten Fuß in den Slip steigt. Es war ein kurzes, aber heftiges Vergnügen, das ihre Muskulatur, tief in den Schenkeln, noch immer leicht zittern lässt. Ein Strauch langer Grashalme kitzelt sie an der Wade. Sie mag dieses hypersensible Gefühl nach dem Orgasmus. Beinahe so, als ob ihre Wahrnehmung noch vollkommen aufgeputscht und fröhlich-hysterisch durch die Gegend rennt und einfach alles mitnimmt, was greifbar ist.
Mit einem tiefen Seufzen greift sie nach der Hose. Diese Uniform wieder anzuziehen steht allem entgegen, was sie fühlt. Aber das wird sich jetzt ändern. Sie hat sich bereits Gedanken gemacht, wie sie diese unsäglichen Klamotten in ein tragbares Outfit verwandeln kann.
Dass sie während der Verbesserungsmaßnahmen nur im knappen Slip in der Wildnis hockt, interessiert sie keineswegs. Ihre Konzentration gilt nun dem Kleidungsstück, das sie vor sich auf einem umhestürtzten Stamm ausbreitet und selbstsicher mit dem Messer zu bearbeiten beginnt. Die Säume der Hosenbeine müssen weg. Alles muss kürzer und luftiger sein. Der erste Schnitt dient mehr der Markierung, die sie dann noch zweimal, dreimal entlangschneidet, bis sich der Stoff wiederwillig trennt. Nach wenigen Minuten sind beide Beine gekürzt. Doch das genügt nicht. Die Oberschenkel weiter bearbeitend, ritzt sie weitere Schnitte in den Stoff, bis sie schließlich das Messer beiseite legt und ihr Werk kritisch betrachtet. Schon besser. Die Hose schüttelt sie kurz aus, bevor sie die Beine hineinsteckt. Könnte sogar noch kürzer sein, findet sie, aber die armen Kinder sollen ja nicht plötzlich erwachsen werden. Die Arme zu einer fragenden Geste ausgebreitet, wendet sie sich Blaze zu, der inzwischen ebenfalls in seine Jeans geschlüpft ist. "Wir sollten deine Klamotten auch anpassen.", denkt sie laut. "Zieh das aus." Sie lehnt sich ihm entgegen und haucht ihm einen Kuss auf den Mundwinkel. "Ich sorge dafür, dass du nicht wie ein braver Streber aussiehst." Ein Schritt rückwärts bringt Abstand zwischen sie, sodass sie ihn lasziv grinsend von oben bis unten betrachtet. "Sondern wie der Glückspilz, der grade die Waldtiere aufgeklärt hat."
Er schaut ihr zu und denkt, dass er echt nicht weiss, wie er das verdient hat.
Das Licht fällt durch die Äste. Sie hockt mit dem Messer da und bearbeitet den Stoff, als hätte sie das schon tausendmal gemacht, als wäre das ihre Sprache. Einfach zu wissen, was kommt, bevor es da ist. Er mag Leute, die das können. Er mag sie dafür besonders. Vielleicht ist es ähnlich wie mit seinen Bildern. Und es ist grossartig.
Ein Grashalm sticht ihm irgendwo gegen den Oberschenkel. Er tritt ihn platt. Die Rinde unter ihm ist rau und das hier ist alles andere als bequem, fast nackt im Wald auf einem umgestürzten Stamm, und eigentlich findet er das beschissen – Aber er rührt sich trotzdem nicht. Weil er ihr zusehen könnte, bis es dunkel wird.
Der Kuss trifft ihn am Mundwinkel und er lässt ihn landen, ohne viel daraus zu machen, aber er spürt ihn noch, als sie schon wieder einen Schritt zurück ist und ihn angrinst.
Er zieht das Hemd aus und reicht es ihr. Er grinst zurück, fühlt sich gestärkt und es belebt ihn wirklich, dass sie zufrieden mit ihm ist. Und er hat das Bedürfnis das direkt wieder zu erwidern. Deswegen sagt er:
“Du hast echt krass Talent, weisst du das?”
Erstaunt heben sich ihre Brauen. "Hm? Wofür?"
Sie schüttelt sein Oberteil aus und betrachtet es kurz, auf Armlänge vor sich haltend. Ärmel weg, der Rest bisschen ranzig. Das muss fürs Erste genügen. Viele Möglichkeiten hat sie hier nicht.
Das Messer setzt mit der Spitze an und kurz darauf reicht sie ihm den ersten Ärmel. "Daraus könnte man noch ein Stirnband machen. Falls du aussehen willst wie Rambo." Ein leises Kichern schummelt sich unter ihre Worte.
“Naja hierfür.” Er nickt Richtung Hemd. “Dass du ein Kleidungsstück anschaust und sofort weisst, was damit machen kann. Ich kenn niemanden, der das kann.” Leicht neigt sich sein Kopf und er beobachtet ihr verhalten darauf. Er hört sie in Gedanken manchmal immer noch weinend sagen, dass sie nichts kann, für nichts gut ist, ausser…
Mit großen Augen blinzelt sie ihn an. "Denkst du echt?" Beinahe ungläubig schaut sie auf ihre Arbeit. Der zweite Ärmel ist abgetrennt. "Ich weiß auch nicht,", murmelt sie, "das ist einfach in meinem Kopf." Die Messerschneide flach angesetzt, reibt sie einige Male über die Kragenfalz, dann scheinbar willkürlich über den Stoff des Torsos, bevor sie das Hemd hochhält und zufrieden an Blaze überreicht. "Danke, dass du mir das sagst." Dennah lächelt selig, ihre Augen füllen sich mit warmem Glanz, als ihr Blick sich an seinem Gesicht festsaugt. Sie weiß, dass er sie nicht belügen würde. Sie vertraut ihm. "Ich muss jetzt an deine Hose." Ihre Stimme ist weich, leise und warm. Seine Augen fixierend, öffnet sie seinen Gürtel, den Knopf und zuletzt den Reißverschluss. Die linke Hand gleitet langsam in sein Hosenbein, bis zum Oberschenkel. Nur widerwillig löst sie den Blick von ihm, doch wenn sie ihn nicht verletzen will, schaut sie besser, was sie tut. Die Hand flach hinter dem Jeansstoff, reibt sie mit dem Messer vorsichtig von außen dagegen, bis das Material durchscheurt. Es dauert länger als beim Hemd, doch schließlich zieht sie die Hand aus dem Hosenbein.
Noch immer oben unbekleidet, genießt sie die zarten Windböen auf der Haut. Wenn es nach ihr ginge, würden sie den Rest des Sommers vollkommen nackt bleiben.
Nachdem der zweite Oberschenkel bearbeitet ist, kann sie an den restlichen Beinen von außen fortfahren, ohne Gefahr zu laufen, Blaze' Haut zu zerschneiden. "Fertig." Nach seinem Arm greifend, zieht sie sich in den Stand und geht einen Schritt rückwärts, um ihn anzusehen. Das Lächeln kehrt zurück, als seine Worte über ihr Talent in ihr nachhallen und sie wirklich ein wenig stolz machen. Einen Fuß nach vorn gesetzt, steht sie wieder nah vor ihm. Ihre Hände heben sich zu seinem Haar, wo sie mit spitzen Fingern einige Strähnen zurecht zieht. "Du siehst heiß aus.", haucht sie tiefstimmig.
Er nimmt das Hemd entgegen und zieht es über, ohne hinzuschauen. Dann ist ihre Hand in seiner Hose.
Ja praktisch gemeint und sie hatten grade… aber das ist 10 Minuten her aber… ihre Finger flach hinter dem Stoff. Er atmet ein, fixiert einen Punkt irgendwo im Geäst über ihrem Kopf und atmet gleichmässig durch und denkt an absolut gar nichts, was helfen würde. Die Wärme ihrer Hand… und ein Messer… naja. Vielleicht nicht das reizendste was er sich vorstellen kann aber es reicht. Oh mann…
Als sie die Hand rauszieht lässt er still Luft raus. Und als sie fertig ist und ihn anschaut, schaut er kurz an sich runter. Dabei denkt er flüchtig an Del und was der dazu sagen wird. Dann lässt er den Gedanken fallen. Er hat keinen Bezug zu Klamotten. Aber so – fühlt sich das besser an. Luft an den Armen. Grounge Style. Scheiss auf die geschniegelten Pfadfinder.
„Hammer.“ sagt er und hebt den Kopf breit grinsend. „Im ernst… du kannst damit hundert Pro n Haufen Kohle machen. Wett ich drauf.“ sie hatte nichts als ein Messer. Was passiert wenn sie all die Pro-Werkzeuge hat die man halt so braucht. Ein kleiner grüner Stich fetzt ihm durch die Brust als er es ausspricht. Er meint was er sagt. Aber eine Stimme - sie klingt wie die von Irving - sagt, Anders als du.
Blaze greift nach ihrer Hüfte und zieht sie näher, ohne viel Aufhebens darum zu machen und küsst sie um die Stimme zu verdrängen. „Zeig mir was du aus deinem gemacht hast.“ fordert er sie lächelnd auf.
Ne Menge Kohle? Sie? Dennah blinzelt. Sie weiß nicht, was sie dazu sagen soll. Noch nie hat ihr jemand so etwas zugetraut. Denkt er das, weil er in sie verknallt ist? Oder weil sie wirklich ... Ihr Lächeln wird unaufhaltsam breiter. Er ist in sie verknallt!
Sie spürt in seine Hände auf ihren Hüften und lehnt sich genussvoll in den Kuss. Für einen Moment stolpert ihr Herz unthythmisch. So wie jetzt sollte es immer sein.
Seiner Aufforderung nachkommend, wirbelt sie herum, sodass ihre Haare ihn streifen.
"Ohne Knopfleiste könnte man mehr draus machen, aber naja ..." Sie schüttelt das gekürzte Hemd aus und schlüpft hinein, ehe sie sich ihm präsentiert. Die Haare knotet sie mit wenigen Handgriffen auf dem Kopf zusammen und fixiert das Bündel zum Schluss mit dem albernen Halstuch.
"Dann sollten wir wohl zurück zum Kindergarten gehen." Ihre Hand greift nach seiner. "Mal sehen, wie schlimm es wird."
Theo, Maryama
Theo sieht Jonah hinter her. Schon wieder alleine. Nicht zum ersten Mal vermisst er Manuel. Er sollte wirklich mal dafür sorgen, mehr mit den anderen Kids in Kontakt zu treten. Er wendet seinen Blick. Maryama ist noch hier. Vielleicht muss sie erst einmal reichen.
Er spricht sie an: „Ich hätte eine Idee! Nämlich, vielleicht könnten am Fluss Wasserspiele organisiert werden? Mit verschiedenen Spielen, zum Beispiel dass jemand im Wasser steht und Bälle auffangen muss, den jemand vom Ufer aus zuwirft, mit Wechsel, sobald man was gefangen hat.“ Er verschweigt, dass er Meersim ist. Aber es ist eine gute Möglichkeit, die anderen damit zu überraschen und erst mal ins Gespräch zu kommen.
Während ihr Blick über den Rest der über die Lichtung verteilten Gruppe schweift, hört Maryama nur mit einem Ohr Theo zu. Wo sind eigentlich Blaze und Dennah? Eine Knutschpause im Wald ist eine Sache, aber gar nicht mehr auftauchen? Warum sind die zwei überhaupt hier im Camp? Dennah klebt an Blaze wie geschmolzener Käse an der Pizzaschachtel. Es ist klar, dass er der einzige Grund ist, warum sie sich hier befindet. Aber Blaze? Aus Solidarität zu Del? Oder nur wegen der Bezahlung? Irgendwie wirkt er ausgesöhnter mit dem Pfadfindercamp als Dennah. Oder blufft besser...wer weiß das schon. Langsam wird ihr warm unter der strammen Bluse. Maryama kann spüren wie sich unter ihren Achseln Feuchtigkeit ausbreitet. Nervös wedelt sie mit den angewinkelten Armen, um sich etwas Luft zu verschaffen, als ihr bewusst wird, dass Theo neben ihr steht. Sie stoppt und wendet sich ihm schuldbewusst zu. Wasserspiele organisieren?
Jedes teilnehmende Kind soll dieselbe Aufmerksamkeit von ihr bekommen, wenn es sich mit einem Anliegen an sie wendet. Das ist ein Vorsatz, den Maryama gefasst hat. "Hm, ja. Das wäre eine Möglichkeit für die freien Stunden zwischen den Aktivitäten. Ich werde daran denken." Sie bemerkt, wie zwei Mädchen in ein Gebüsch abbiegen und Sekunden später verschluckt werden vom Dickicht.
"Theo, ich kann deine Hilfe brauchen. Meine Helfer sind verschwunden und da wir noch in einen anderen Teil des Waldes müssen, kannst du mir helfen die Gruppe hier auf der Lichtung wieder zu versammeln?"
Theo antwortet nicht sofort. Aber er schaut in die Richtung, in die die anderen verschwunden sind. Nicht nur er selbst hat sich von der Gruppe gelöst. "Ich sehe, was ich tun kann.", sagt er, froh darüber, etwas Verantwortung zugewiesen zu bekommen. Immerhin ist er jetzt in der Übergangsphase zwischen Kind und Erwachsener. Die Feierlichkeiten, die ihm die Tattoos einbrachten, waren nicht grundlos so bedeutungsvoll. "Ich bin immerhin der Inselkönig!" Er grinst.
Nun biegt er die Blätter auseinander und blickt auf den Pfad. Er müsste den Spuren folgen um den Rest der Gruppe zu finden. Klingt nicht zu schwer. Theo streift durch den Wald, blickt auf den Boden. Was hat er sich nur gedacht? Er ist kein Spurenleser!
Er kniet sich hin, sieht ein paar eindeutige Abdrücke von Stiefeln. Zumindest einige der Spuren sind selbst für seine Augen eindeutig. „Wir sollen zu Maryama!“, ruft er. Die meisten Kinder waren nicht weit entfernt, so dass er sie bald findet. Aber wo sind Lee, Jonah und Eve? Theo ruft ihre Namen, doch die Antwort bleibt aus. Jonah war doch eben noch da! Wo ist er jetzt? Und die anderen? Für einen Moment überlegt Theo, was er tun soll. Auf einen Baum klettern um eine bessere Übersicht zu bekommen? Maryama Bescheid geben? Er entscheidet sich dazu, erst einmal die anderen Kinder zu fragen.
„Ich weiß, wo sie sind!“, meldet sich Petra schließlich zu Wort, eine junge Pfadfinderin. „Hab gesehen wo sie lang sind. Ich gehe sie holen!“ Theo nickt dankbar und sieht dem Mädchen nach, das bald darauf tatsächlich mit den fehlenden Kindern zurück kommt. Gemeinsam mit der restlichen Gruppe schließt er sich den Ausreißern an, bis Maryama wieder in Sichtweite kommt. „Da sind wir!“, ruft Theo ihr zu.
Dankbar blickt Maryama Theo hinterher. Wo zum Teufel stecken Blaze und Dennah? Nicht auszudenken, wenn den beiden etwas passiert ist. Trotzdem gilt es Prioritäten zu setzen und die zwei sind eigentlich alt genug, um sich nicht in Gefahr zu bringen und den Weg zurück ins Camp zu finden. Schnell verdrängt sie den Gedanken an einen unseligen Wandertag, an dem sie mit ihrer Freundin auf Abwegen verschollen war und die Klasse samt Lehrer stundenlang nach ihnen suchen musste. Maryama schüttelt den Kopf, dass die Locken tanzen und fährt sich mit der Hand über die verschwitzte Stirn, einen erdigen Zierstreifen hinterlassend. Jetzt gilt es alle zu versammeln und den letzten Punkt der Sammelaktion umzusetzen. Sie stöbert die beiden Mädchen im Gebüsch auf und stößt kurz darauf mit ihnen zu den Anderen.
"Vielen Dank, Theo." Anerkennend lächelt sie ihm zu und wendet sich dann an alle. "Leider haben zwei wichtige Helfer die Gruppe im Stich gelassen, deshalb ist es besonders wichtig, dass wir zusammen bleiben und sich niemand ohne abmelden tiefer in den Wald begibt. Daher dringender Apell an alle: In Sichtweite bleiben und Bescheid geben, wenn ihr woanders suchen gehen wollt. Das dient unserer gemeinsamen Sicherheit. Danke!"
Nach einer kurzen Pause breitet sie die Arme aus und deutet über die sonnige Lichtung.
„Wir halten heute Ausschau nach den weiblichen Exemplaren des Ameisenbläulings. Das ist ein seltener und streng geschützter Schmetterling, der hier aber noch recht verbreitet ist. Das Weibchen ist nicht bläulich, wie die Männchen, sondern eher unscheinbar."
Maryama kramt in ihrem Rucksack, zieht eine vergrößerte Aufnahme eines Schmetterlings heraus und gibt sie den Pfadfindern zum durchreichen und anschauen.
„Er lebt auf feuchten Wiesen und braucht die Pflanze, die wir noch finden wollen, zur Fortpflanzung. In unseren Salat heute Mittag soll wilder Oregano, auch Dost genannt. Dort legt der Schmetterling seine Eier ab, und die Raupen fressen die Blüten.“
Ein Junge reißt die Augen auf. „Und wir essen dann die Pflanze und die ganzen Eier zum Mittagessen??!“
Maryama lacht und schüttelt den Kopf. „Nein, wir verwenden nur die Blätter und achten darauf, keine Pflanze zu ernten, die Eier an den Knospen oder Blüten hat.“ Sie sieht in die Runde. „Aber jetzt passt auf. Nach einer Weile lässt sich die Raupe auf den Boden fallen und lockt Ameisen mit einem süßen Sekret an. Und nicht nur das, sie kann sogar den Duft und das Verhalten der Ameisenkönigin nachahmen.“
„Und ich dachte immer eine Raupe kann gar nichts, außer fressen. Das sagt meine Mama immer, wenn sie welche an den Kohlköpfen hat.“, wirft ein Mädchen ein. „Ja, da kann man sich schon drüber ärgern, das geht mir auch so in meinem Garten.“ Nickt Maryama schmunzelnd.
„Die Ameisen denken also, die Raupe gehört zu ihrer Familie und nehmen sie mit in den Bau, wo sie überwintert und sich von Ameisenlarven ernährt.“
„Das ist ja voll gemein. Erst sich einschleichen und dann noch den Nachwuchs fressen!“, empört sich ein weiteres Kind. Eine kleine Diskussion bricht aus, ob und inwiefern Raupen gemein sein können, bis Maryama unterbricht.
„Wartet. Ganz ungeschoren kommt die Raupe nicht davon. Nach der Verpuppung schlüpft der Schmetterling mitten im Ameisenbau, aber er riecht jetzt nicht mehr wie die Raupe. Die Ameisen merken das natürlich und werden richtig sauer. Sie greifen den Schmetterling an und er muss aus dem Bau fliehen. Nur wer stark genug ist entkommt der Ameisenschar.“
Wieder werden die Meinungen zu verdienter Strafe und 'dem armen Schmetterling, der ja gar nichts dafür kann' ausgetauscht, dann meldet sich Maryama nochmal zu Wort.
“Gut, wenn wir heute noch was zu Mittagessen wollen, müssen wir los legen. Der Oregano ist nicht die Hauptnahrungsquelle des Schmetterlings, deshalb können wir die Pflanze heute sammeln. Wer von euch entdeckt zuerst einen Ameisenbläuling? Er wird uns zu den Kräutern führen.“
Als sie sich in Bewegung setzen und die Kinder ausschwärmen, findet Maryama nochmal Zeit für Theo. "Sag mal, warum bezeichnest du dich selbst als Inselkönig? Steht da eine bestimmte Geschichte dahinter?"
Stolz über die Erfüllung seiner Aufgabe trabt Theo voran. Inselkönig?
Für einen Moment überlegt er, seine Rolle weiter zu spielen. Aber dann berührt er mit den Fingern seine Tattoos. „Das hier...“, sagt er, „ist ein Zeichen. Dass das Ritual erfolgreich war. Dass ich in die sulanische Gemeinschaft aufgenommen wurde. Ob man nun an die Götter glaubt oder nicht, es gibt einem das Gefühl der Zusammenhörigkeit. Der Titel 'Inselkönig' erinnert mich daran. Und an meine Heimat.“Er grinst schief. „Ein Freund hatte mich nach dem Ritual so genannt, und irgendwie ist das hängen geblieben. Heißt nicht, dass ich wirklich royales Blut in mir trage.“
Stimmt, Sarah hat ihr schon ein paar Mal vom Inselleben erzählt, dass sie mit Bella entdecken durfte. Theo ist mit Manuel, ihrem Sohn, befreundet, aber wenn Maryama den 'Inselkönig' heute so ansieht, hat er Manuel von der Entwicklung her um Längen überholt.
"Also quasi ein Insider.", schmunzelt Maryama. " Klingt spannend, was du über diese Rituale erzählst. Zusammengehörigkeit ist etwas sehr Schönes und Seltenes heutzutage." Sie lässt prüfend einen Blick über die kichernden und sich unterhaltenden Kinder gleiten und wendet sich dann wieder Theo zu. "Sag, mal, was gefällt dir an den Pfadfindern? Was hat dich motiviert am Camp teilzunehmen?"
"Wer ein richtiger Inselkönig ist, der braucht auch ein Abenteuer!", grinst Theo, "Eine Geschichte, die er zu Hause, am Lagerfeuer, allen Inselbewohnern erzählen kann. Vor allem denen, die zu alt sind um selber zu reisen oder es aus anderen Gründen nicht tun." Ein Teil von ihm will in die Rolle schlüpfen, um unbesorgt weiter Kind bleiben zu können. Doch das Ritual hat etwas in ihm verändert. Ein kleines bisschen Verantwortung. Er hat das Gefühl, damit einen besseren Job zu machen als Maryamas Helfer, und auch das erfüllt ihn mit Stolz.
Später, am Camp
Blaze, Dennah, Maryama
Maryama schickt ein innerliches Hallelujah zum Himmel, als das Eingangstor des Camps in Sichtweite auftaucht. Die Angst und Anspannung, als die Kinder für kurze Zeit nicht auffindbar waren und die Ungewissheit, wo Blaze und Dennah abgeblieben sind, zehrten an ihren Nerven. Nagend breitet sich das Gefühl, hinter ihren eigenen Erwartungen zurück zu bleiben, in ihr aus. Als ob in einer Beziehung die rosarote Brille ihren ersten, ernsthaften Sprung bekommt und die Erkenntnis ins Bewusstsein sickert, dass Vorstellungen und Realität weiter auseinanderklaffen, als erwartet.
Zumindest ein Punkt wird klar, als unverhofft Blaze und Dennah um die Ecke biegen und ebenfalls das Tor ansteuern. Abrupt bleibt Maryama stehen, so dass Eve, die hinter ihr geht, beinahe auf sie prallt.
„Ach, wie schön. Ihr habt nach Hause gefunden.“ Maryama kann nichts gegen den Sarkasmus tun, noch den Ärgerwirbel aufhalten, der sich in der Magengegend zusammenbraut. Die Gruppe hinter ihr verstummt augenblicklich und alle Blicke richten sich nach vorn.
In Sekunden scannt sie das Umstyling, die nackten Schultern, die viel zu eindeutige Nähe zwischen Blaze und Dennah. Sieht sie Selbstzufriedenheit in Dennahs Augen, als ihre Blicke sich treffen? Ist das ihr Scheißernst?!
„Wir schleppen seit Stunden Körbe durch den Wald, ich durfte gleichzeitig Wurzeln ausgraben, aufpassen, dass niemand verloren geht — UND mir Gedanken machen, ob euch beiden irgendwas passiert ist." Sie tritt eine Schritt vor und funkelt erst Blaze, dann Dennah an. "Und ihr zieht euch im Wald aus, spielt Rambo und zerfetzt eure Uniform wie bockige Kinder? Ernsthaft?" Mühsam atmet sie durch, dämpft den Ärger etwas. "Was habt ihr euch dabei gedacht?"
Ein Arm um Dennah gelegt und grade noch mit ihr in ein Grinsen vertieft, bleiben sie stehen, als Maryama sie anfährt. Blaze Augen verengen sich irritiert. Sie sind doch nicht hier um den Pfadfinderkram zu lernen. Eigentlich ist er nur hier um mal irgendwas grösseres zu schleppen oder zusammen zu nageln und Gitarre zu spielen. Mehr hat Del in seinen Ohren nicht verlangt. Unterstützung eben.
„Wüsste nicht wieso auf uns aufgepasst werden muss.“ sagt er. „Und wenn Körbe schleppen und Wurzeln ausgraben nicht so dein Ding sind, dann machs halt nich…“ sein Mundwinkel hebt sich. Ist doch echt nicht ihre Schuld wenn die sich durch Waldaktivitäten quälen die keinen Spass machen. Er hatte Spass, und zieht Dennah noch etwas näher. Nicht zuletzt weil dieses Auflehnen gegen Autoritätspersonen ein unerwartet gutes Gefühl in ihm weckt. Schlagfertig sein, kontern und absichtlich drauf scheissen was von ihm erwartet wird. Nach dem Militär, vielleicht auch ein wenig wegen Boom und Vaas, hatte sich das wie ausgetrieben angefühlt, aber jetzt… er hat Dennah bei sich, Del im Rücken und ist unbesiegbar. Sein lächeln wird noch etwas breiter. „Können wir jetz rein?“ er weist auf den Eingang des Camps den Maryama versperrt.
Abschätzig zieht Dennah die Brauen in die Stirn und den Kopf ein wenig zurück, als Maryamas Worte auf sie einschlagen. Ein aufmüpfiges Grinsen will sich auf ihr Gesicht kämpfen und sie hat Mühe, dem standzuhalten. Trotzig hebt sie das Kinn ein winziges Stück an. Warum heult die Alte ihnen die Ohren voll? Die hat sich doch so auf alles gefreut. Hat sie jedenfalls gestern am Lagerfeuer rumgetönt. Und jetzt ist der zweite Tag nicht einmal zur Hälfte vorbei, da jammert sie wegen Körben und Kids, die ihr wie Entenküken hinterherlaufen? Oder stört sie nur, dass sie in diesem Kostüm aussieht wie ein unterdrückter Soldat, während Dennah und Blaze ... naja ... so aussehen.
Neid. Ja, ganz bestimmt. Ist wohl so, wenn man mit ... wie alt ist die ... irgendwasundzwanzig schon wie eine Fünfzigjährige rumläuft. Gerade will sie sich in halbgare Rechtfertigungen stürzen, als Blaze das Wort ergreift. Und wie er das tut. Dennah hat nun keine Chance mehr gegen das breite Lächeln. Er hat ja so recht. Aufgeregt spürt sie in seine Berührungen hinein, gibt sich ihnen hin und findet ihn gerade dermaßen sexy, dass es ihr schon wieder ganz kribbelig wird.
"Reg dich ab. Wir haben nur die Natur erkundet", zuckt sie lässig mit einer Schulter. Ziemlich zufrieden mit der Situation verkneift sie sich das Kichern eher schlecht als recht und schenkt der Campleiterin ein offenes, viel zu gutmütiges Lächeln und wartet mit erhobenen Brauen auf die Antwort. Denn ihr ist es im Grunde egal. Sie muss nicht ins Erziehungslager zurück. Wenn es nach ihr ginge, wären sie gar nicht erst zurückgekommen.
Mit abwehrbereiter Bauchdecke, aber wieder auf Kurs, sieht Maryama von einem zum anderen. Die Art und Weise, wie die beiden sie ansprechen, wirkt ernüchternd. Dennah übergehend, sie ist mehr oder weniger nur sein Echo, bleibt Maryamas Blick an Blaze hängen. Was für ein überheblicher Schnösel...kaum zu glauben dass er mit Del verwandt ist
„Es geht nicht um Lust oder Unlust. Es geht darum, wie es sich anfühlt, wenn man sich auf begleitende Helfer, auf die die Gruppengröße abgestimmt ist, verlässt und dann im Stich gelassen wird.“ sagt sie vernehmlich angespannt.
“Mir war nicht klar, wie unreif ihr beiden seid.“ Ihr Brustkorb hebt und senkt sich mit einem tiefen Atemzug. „Bei meinen Aktivitäten habe ich deshalb keine Verwendung mehr für euch. Ich werde das mit Delsyn noch abstimmen, aber jetzt geht’s zum kochen.“ Sie wendet sich ab und führt die Gruppe durch das Tor ins Campinnere. Mr. Möchtegerncool und seine Trulla noch den Vortritt lassen, klar...
Und wie es um Lust geht. Denkt er, sagt aber nichts. Blaze schürzt die Lippen und hebt die Brauen als er Maryama zuschaut wie sie abdampft. Dann grunzt er belustigt, „Sie hat gedacht wir passen mit auf?“ Sein Blick fällt auf Dennah neben ihm, immer noch lächelnd. So fühlt sich ein Sieg gegen Vorgesetzte an. Wenn sie einen Kommentar dropen, der sie selbst verletzen würde, in der Hoffnung er verletzt auch andere, sich aber nicht sicher sind, dass es wirklich so ist und aus Angst davor falsch zu liegen, abrauschen. Könnte ja sein, dass sie sich das eingestehen müssten. So wars früher auch mit den Lehrern in der Schule.
Bei Irving hatte das nie geklappt. Wenn er sauer war, dann hatte er das letzte Wort. Man konnte nicht gewinnen.
„Mehr Zeit für uns.“ schlussfolgert Blaze schliesslich, schaut zum blätterdurchzogenen Himmel und wieder zu seiner Freundin. Es ist grossartig hier. Keine Gefahren, nur Freizeit, ein Platz zum schlafen, Verpflegung und Dennah. Ok die Kids nerven und die Klamotten und der Weckdienst… aber irgendwas ist doch sowieso immer.
Im Zentrum sieht Delsyn zu wie Maryama sich mit Dennah und Blaze unterhält - die nebenbei bemerkt irgendwie anders aussehen - und anschliessend ins Lager kommt. Die Kids tragen alle ihre Jutebeutel und unterhalten sich fröhlich miteinander, während sie von ihrem Ausflug munter Heim kehren. Die Szene wirkt merkwürdig. Aber es steht ausser Frage, dass die beiden Pre-Erwachsenen einen Bock geschossen haben. Er fängt Maryamas Blick kurz ein und antwortet stumm fragend, ‚was ist los?‘ Als sie die Sache mit einer Handbewegung vertagt, sieht Del nochmal prüfend zu Blaze und Dennah, ehe er sich seiner Gruppe zu wendet, die sich zu seinen Füssen grade angeregt mit Kompassen und Karten auseinander setzen.
In der Lagerküche
Als Maryama die beiden Köchinnen erblickt, bessert sich ihre Stimmung schlagartig. „Hallo ihr zwei! Hier kommen die fleißigsten Sammler, die ihr euch vorstellen könnt!“ Sie platziert ihren eigenen Beutel auf einem hölzernen Tisch und breitet die Schätze vor Marga aus, die angesichts der Kinderschar und der dargebotenen Sammelobjekte, gar nicht weiß worüber sie sich zuerst freuen soll. „Ach, ich fass es nicht! Ihr wart ja so erfolgreich. Ich kann's kaum erwarten los zu legen.“ Zufrieden nickt Maryama und beobachtet, wie Marina an einem anderen Tisch die Gaben der Kids entgegen nimmt. „Sogar wilden Oregano für den Salat und noch ein paar andere Kräuter haben wir gefunden. Was will man mehr?“ Sie legt noch Giersch, Vogelmiere und Brennnesseln dazu und sieht Marga an. „Du, ich hatte eine Unterhaltung mit Jonah. Er hat mir erzählt, dass er morgens Bannok Brot backen wollte am Feuer, aber nicht durfte. Was war denn der Grund dafür?“
Marga hebt die Brauen und sieht Maryama groß an. „Na ja, ich hab ihm gesagt, dass das nicht geht. Wenn jedes Kind ankommt und sein eigens Frühstück zubereiten möchte, dann werden wir bis mittags nicht fertig. Es gibt jeden Tag ein anderes Frühstück und damit gut.“ Sie zuckt mit den Schultern ihr Blick wird fragend. In diesem Moment stößt Marina zu ihnen, um die Pflanzen auf dem Tisch neben ihnen zu inspizieren. Marga dreht sich um. „Oder wie siehst du das, Marina?“
Mit einem Ohr hat Marina den Ausführungen von Maryama und Marga gelauscht. Währenddessen fährt ihr Blick über die gesammelten Kräuter und Pflanzen auf dem Tisch von Maryama. "Ja, das stimmt schon", sagt sie schließlich. "Wir haben morgens einen festen Ablauf, damit das Frühstück reibungslos klappt und das Tagesprogramm pünktlich starten kann." Nachdenklich betrachtet sie die Zutaten. "Aber vielleicht können wir einen Mittelweg finden." Sie greift nach einem Rezeptblatt und hält es Marga hin. "Was wäre denn, wenn wir das Bannok-Brot heute gemeinsam zubereiten? Als Beilage zum Essen." Marina deutet auf die Vogelmiere und die anderen Kräuter. "Brot würde hervorragend dazu passen. Mit etwas Öl und dem Salat ergibt das eine richtig gute Kombination." Dann lächelt sie. "So kann Jonah sein Brot backen und die anderen Kinder, die möchten, können mithelfen. Dann wird daraus gleich noch eine gemeinsame Aktivität."
Maryama nickt zufrieden. „Ich seh schon, ihr kommt zurecht.“ Schwungvoll schultert sie ihren Rucksack wieder und winkt in die Runde. „Ihr wart super heute, Danke für eure Power! Viel Spaß beim kochen. Wir sehen uns ein bisschen später wieder.“
„Hm, ja. Also eine kleine Planänderung.“ Marga klingt noch nicht vollständig überzeugt. „Zum Salat gibt es also das Brot und als Nachtisch eine Überraschung.“ Nachdenklich tippt sie mit dem Zeigefinger gegen ihre Nasenspitze, nickt mehrmals und dreht sich dann strahlend lächelnd zu den Sammlern um, die schon erwartungsvoll herüber schauen. „Dann schlage ich vor, Jonah erzählt uns mal, wie das Brot zubereitet wird.“
~Jonah~
Mit klopfendem Herzen schaut der in einer Uniform und in einem Camp steckende junge Moose-Cree-Kanadier mit Unbehagen auf das Trüppchen vor ihm. Wie gewöhnlich, wenn er sich unsicher fühlt, macht er sich groß und gerade. ‚Fake it `till ya make it‘ sagen die großen Mitschüler und Mitschülerinnen seiner Schule auf dem Festland. Die, die noch einen Schlag moderner leben und nicht ganz so eng mit den alten Traditionen verwoben sind, wie der Großteil seiner Freunde und deren Familien im Reservat auf Moose Factory. Jonah schließt seine Augen.
Seine Familie – seine Heimatinsel – seine Freunde.
Sein Zuhause.
Seine Freiheit.
Es ist nicht so, dass er nicht überrascht und erfreut war, als die Frau, die ihm am Morgen seinen Wunsch abschlug sein Bannock zu backen, mit einem Angebot auf ihn zu kam. Er, Jonah, könne für alle sein Brot backen. Zum Mittagessen. Also jetzt. Theoretisch ein gutes Angebot aber praktisch… Er schaut von einem Gesicht zum anderen. Die meisten Camp-Teilnehmenden sind da und starren ihn an. Von interessiert-neugierig bis ich-hab-keinen-Bock-bloß-Hunger, ist alles dabei, findet er. Kurz verweilt sein Blick auf den dummen und doofen Mädchen, die lieber einer selbstgemachten Lüge aufsitzen als sich von ihm erklären zu lassen, warum ein Biber - sein Geburtstotem-Tier aus seiner Heimat - kein Monster ist. Er funkelt sie an.
Er braucht sie nicht.
Er braucht sowieso niemanden hier. Auf keinen Fall wird er ein weiteres Mal auf sie zugehen und versuchen...
Auch die erbärmlichen Almosen des ‚zeig was du kannst‘, will er nicht haben, wenn er ehrlich ist. Aber die Sehnsucht nach Zuhause ist so groß, dass er das Brot für sich und die anderen backen wird. Theos wieder normale, gesunde Gesichtshaut rückt in sein Sichtfeld. Krass, wie schnell sich seine Haut von dem Ausschlag erholt hat. Und nicht weniger krass ist, dass er als Inselkönig sich nicht mit Giftpflanzen auskennt. Aber das soll ihn jetzt nicht beschäftigen. Er hat einen Auftrag, eine Aufgabe. Und obwohl er auch nicht nett zu dem älteren Jungen war, ist der wiederum sehr nett zu ihm. Das ist schwierig.
Nervös berührt er jede Schüssel und die Mehlverpackung vor sich, bevor er zu sprechen beginnt. „Also“ spricht er fest und bemüht ruhig. „Wer will zu seinem Salat ein leckeres Brot essen?“ Mit einem Kopfnicken deutet er auf einen kleinen Tisch neben sich. „Ich möchte Unterstützung haben.“ Das „Bitte“ folgt eine Spur zu spät um ehrlich zu klingen. Auf keinen Fall wird er hier alleine für alle SEIN Brot backen, sein Familienrezept raushauen.
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#30
~ Jubilee ~
Jubilee ist in tiefe Gespräche verwickelt, als Maryama die Gruppe stoppt. Neugierig lugt das Mädchen aus der Reihe. Von der Unterhaltung der Älteren bekommt sie allerdings nicht viel mit. Trotzdem wird klar, dass die Campleiterin verärgert ist. Etwa wegen der Uniformen? Jubilees Brauen ziehen hoch in die Stirn. Ist das nicht Eves Bruder mit seiner Freundin? Die haben echt alles zerschnitten. Sie tauscht einen erstaunten Blick mit Eve aus. Das sieht irgendwie ... verboten aus. Und damit automatisch ein kleines bisschen cool.
Mit spitzen Ohren und großen Augen folgt sie dem Lauf der Gruppe zur Lagerküche. Was für ein Tag. Waldabenteuer, Bibermonster, und Klamottenrebellion.
Bei den anderen Frauen angekommen, ist sie schon ganz schön stolz, als Maryama von den fleißigen Sammlern berichtet. Obwohl sie eigentlich gar nicht so viel im Korb hat, wie die meisten anderen. Man muss eben Prioritäten setzen.
Dann wird Jonah zu Wort gebeten. Miesepetrig steht er vor der Gruppe. Jubilees Blick wandert neugierig über den Tisch mit den Zutaten. Brot. Selbstgemacht. Nicht einfach aus einer Tüte gezogen oder fertig aufgeschnitten, sondern richtig mit Händen, Mehl und Teig. Und er kann so etwas? Hätte sie ihm gar nicht zugetraut. Vielleicht steckt ja doch mehr in ihm als nur Gemecker.
Jubilee hat schon einmal Brot gebacken. Mit ihrer früheren Pflegemutter, an einem Nachmittag, an dem die Küche am Ende aussah, als hätte jemand einen Schneesturm darin eingesperrt. Sie erinnert sich nicht mehr an das Rezept, aber an das Gefühl: warme Hände, klebrige Finger, Lachen, weil irgendetwas schiefgelaufen war. Das Brot haben sie am Ende weggeschmissen. Aber Spaß hatten sie trotzdem.
Ohne Zögern reißt Jubilee die Hand in die Luft. "Ich!" Sie grinst breit und tritt schon einen halben Schritt nach vorn, noch bevor sie darüber nachdenkt, dass er sie vorhin vielleicht ziemlich doof fand. Ihr ganzes Gesicht strahlt vor Elan. "Ich will Brot. Und ich kann helfen."
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