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San Myshuno
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Charaktere: Ellie, David, Abeena
Geschichtsstrang: Kunst im Vorbeigehen
David schnappt sich die letzte Ladung aus dem kleinen Transporter, den er von Fiona borgen konnte - wieder einmal. Heute sind es weder Tiere, noch Baumaterialien, die darin lagern, sondern Ellies selbstgemalte Bilder, die nach und nach auf einem auserwählten Streifen des Marktplatzes drapiert werden. "Du warst ja irre fleißig.", erkennt er an, als er mit den Leinwänden zu ihr kommt und sie ihr in die Hände drückt. Während sie auch diese Gemälde zum Ansehen bereitstellt, widmet er sich der einzelnen Leinwand auf der Staffelei. Statt eines schönen Bildes präsentiert diese sauber gezeichnete Buchstaben: "Gute Kunst, guter Zweck! Alle Einnahmen gehen an die Tierauffangstation Brindelton Bay."
Rückwärts gehend betrachtet David mit etwas Abstand die private Ausstellung. Vielleicht ein bisschen wenig Wumms, denkt er, aber lassen wir erstmal so. Es ist Ellies Aktion und er will ihr nicht seinen Stempel aufdrücken. "Jopp.", nickt er ihr knapp zu. "Jetzt warten wir erstmal, was passiert."
"Ich hoffe ja, es läuft gut.", sagt Ellie, "aber ich habe meine Farben mitgebracht und auch ein paar leere Leinwände. Falls es viel Wartezeit gibt." Für den Moment sieht es aber gut aus. Es sammeln sich schon einige Leute, die neugierig ankommen um die Bilder anzuschauen, noch bevor Ellie überhaupt fertig ist, alles aufzustellen. Doch die meisten Leute gehen schnell wieder weiter, ohne etwas zu kaufen. Schließlich ist auch der Rest aufgebaut.

Eine halbe Stunde vergeht, ohne dass etwas verkauft wird. Bis schließlich eine ältere Dame vorbei schaut. "Diese Blumenwiese ist aber wirklich schön!", sagt sie, "Wie viel kostet das?" Ellie nennt ihren Preis, und das Bild wird tatsächlich verkauft. Doch Ellie hätte sich mehr erhofft als das. "Bisschen wenig, wenn man bedenkt wie viele Leute hier schon vorbeigelaufen sind.", sagt sie enttäuscht.
Auf dem Boden sitzend, schaut David von seinem Tablet auf, das er sich in der Zwischenzeit genommen hat, um seinerseits etwas zu zeichnen. "Naja, viele deiner Bilder sind wie du.", zuckt er mit den Schultern. "Hübsch, nett und zurückhaltend. Ein bisschen mehr Offensive täte euch vielleicht gut." Er deaktiviert das Display und steht energisch auf, das kreative Werkzeug in der einen Hand, legt er die andere von hinten auf ihre Schulter und beugt sich ein Stück herunter, so dass ihrer beider Gesichter auf selber Höhe sind. "Schau mal da,", ein Kopfrucken deutet geradeaus auf eine junge Frau, die gerade in ihr Handy vertieft nur wenige Meter entfernt steht. "Sprich sie an, wenn sie näher kommt. Erzähl ihr, was du hier machst und bring sie dazu, sich umzusehen."
Nervös blickt Ellie in die Richtung, in die David zeigt. Es kostet sie viel Überwindung, die Fremde anzusprechen. Doch sie tut es: "Hey, wollen Sie vielleicht Tieren etwas Gutes tun? Wir verkaufen Bilder für einen guten Zweck! Vielleicht ist für Sie ja auch etwas dabei!" Die Frau nickt und blickt zum Stand. Nun erkennt sie auch das Plakat. "Oh, die Tierauffangstation! Da habe ich meinen Kater her!" Ellie lächelt. Das ist ein gutes Zeichen. Wenn sie Tiere mag, ist sie vielleicht eher bereit, etwas zu kaufen.

Die Frau kommt näher und wühlt in den Bildern. Sie nimmt sie in die Hand, schaut sie eine Weile an, legt sie wieder zurück. Bei den Katzenbildern bleibt sie etwas länger stehen, doch auch da trifft keines ihre Vorstellungen. "Leider ist nichts dabei, was mich interessiert.", sagt sie schließlich bedauernd und will wieder gehen. Ellie seufzt. "Und wenn ich Ihren Kater male? Sie haben doch bestimmt ein Foto auf dem Handy!" Nun horcht die Frau auf. "Ich weiß nicht, ob meine Zeit dazu ausreicht...", sagt sie, doch Ellie ist bereits Feuer und Flamme. "Das kann auch ein bestehendes Bild sein, und ich male den Kater einfach dazu. Vielleicht auf eine Blumenwiese, oder so. Geht dann schneller als ein komplett neues Bild, denn der Hintergrund ist dann schon da." Nun lächelt die Frau. "Also gut. Weil ich den guten Zweck wirklich mag. Hier, das ist Tommy!" Sie holt ihr Handy hervor und zeigt Ellie ein Foto des Tieres.
"Oh, der ist ja wirklich süß!" Bald ist Ellie soweit. Die passenden Farben sind schnell rausgewählt. Der gefleckte Kater nimmt Form an. Bald ist das Bild fertig. Ein spitzohriger Kopf lugt hinter den Blüten hervor, mit Augen voller Neugier. Ellie betrachtet das Bild zufrieden. Der Stil ist an den Hintergrund angepasst, und es fällt gar nicht auf, dass das Bild nachbearbeitet wurde. "Hier, Sie müssen nur aufpassen, da die Farbe noch trocknen muss." Die Frau lacht. "Ach, das werde ich. Ich fasse es einfach am Rand an. Aber danke. So ist das Bild super!" Sie bezahlt und setzt ihren Weg fort. Stolz sieht Ellie ihr nach. Vielleicht ist das ein Weg um... Plötzlich hat sie eine Idee. "Halte hier mal die Stellung. Ich bin in drei Minuten wieder da!" Immerhin ist ihr Wohnhaus gleich um die Ecke. Diese Frau war mit einem Bild zufrieden, bei dem es keinen Stilbruch gibt. Aber was, wenn jemand genau das möchte? Und ihre Nacharbeit bemerkbar sein soll? Mit einem Edding und einem anderen Stil gibt es neue Möglichkeiten ...
Nicht unzufrieden aber auch einen guten Schlag von zufrieden entfernt schländert Abeena Silver mit einer ziemlich großen und volle Tüte eines Fachgeschäftes für Arbeitskleidung durch die ruhiger werdenden Straßen dieser großen Stadt. Sie mag große Städte so gar nicht. Aber heute muss es sein, denn es gibt zwei Aufträge, denen sie sich nicht ewig entziehen kann. Mit einem genervten Seufzer macht sie einen Ausfallschritt und zieht man gerade noch rechtzeitig ihre rechte Schulter zurück. Die Mutter mit ihrem Kind, die beinahe in sie reingelaufen wären, bemerken ihre Mühe nicht. Auch nicht, dass Abs die Tüte am Ende der geretteten Schulter beim erfolgreichen Ausweichsmanöver ein Stück zu weit hinter sich geschwungen hat und einen Skateboardfahrer in leichter Fahrt vor die Knie schlägt. Es haut ihn nicht um, aber es entsteht ein kleines Wortgefecht, aus dem die junge Frau eindeutig als Unterlegende herausgeht und mit ihrer jetzt nur noch einhenkeligen Tüte zurückbleibt. Oft hat sie das nicht, aber jetzt gerade würde sie am liebsten laut schreien, alles fallen und zurücklassen. Verschwinden, am Besten im Rabbithole, auf dem direkten downfall - der ihr schon den ganzen Tag im Leib steckt - zum rettenden Tässchen Tee. Mit dem verrückten Hutmacher. Oder... Tja wem?

Eigentlich ist es egal, sie hat einfach das Bedürfnis in eine Parallelwelt abzutauchen. Wie kürzlich auf Sulani, auf dem Festival. Auch, wenn es doch auch echt schön war, so Großveranstaltungen sind nicht ihr Ding. Genauso wenig wie Shoppingtouren oder das finden eines Geschenkes für jemanden, dem sie e i g e n t l i c h nichts schenken möchte. Abs nimmt die volle Tüte wie ein Schutzschild vor ihren Oberkörper und begibt sich missmutig auf ihre weitere Reise. Sich selbst Bestätigung zusprechend, betet sie sich erneut Mantra-mäßig ihre klugen Entschlüsse vor. "Du hast dich Richtig entschieden, als du dich gegen eine Online-Shopping-Odysee mit zwölf Paketen, von denen mindestens fünfzehn wieder auf dem Umwelt belastenden Weg zurück zum Händler geschickt werden müssen. Du hast einen tollen Fachverkäufer gehabt und insgesamt nur fünfundvierzig Minuten in dem Geschäft verbracht. Und bist jetzt um drei Arbeitshosen für die nächsten zehn Jahre reicher, ein Paar Sicherheitsschuhe hast du jetzt auch. Ooommmmmm." Sich weiter durch die Leute schiebend, wird es Zeit für das zweite Mantra, welches das eigentliche Hauptproblem umfasst. "Auch wenn du deiner leiblichen Mutter nichts schenken möchtest und noch überhaupt keine Idee hast, ist das ein erster Schritt zur Familienzusammenführung - überwinde dein Ego für den guuuten Zweeeeck. Ooommmmmm." Wieder und wieder bemurmelt sich Abs und läuft mittlerweile auf einen größeren freien Platz zu, der gut belebt aber nicht voll ist. Ein paar kleinere Stände oder ähnliches kann sie erkennen. Vielleicht findet sie dort Inspiration für ein Geschenk der Frau, die sie in diese Welt geboren hat um sie, Abeena, dann an ihre Schwester und Mutter abzugeben, weil ein Baby anstrengend ist und macht, dass man das Partyleben verpasst. Nun gut.
Ellie hat die Worte kaum ausgesprochen, als sie David bereits den Rücken zuwendet und irgendwo zwischen den Leuten verschwindet. Was sie wohl vor hat - sie betonte doch, dass sie Material mitgebracht hat. Im Stuhl zurücklehnend will er sich gerade der Zeichnung widmen, als sein Augenmerk bei einem roten Schopf hängen bleibt. Ach nee ... Mit einem schmalen Grinsen erhebt er sich und lässt einen kurzen, aber lauten Pfiff über den Platz zischen. "Ey, Silva!" Die freie Hand hebt sich grüßend über den Kopf und winkt Abeena auffordernd heran, als sie zu ihm sieht. "Hab dich erwischt.", grinst er jetzt breit.
Ruckartig verlangsamt die Gerufene ihre Schritte und sucht den an gesteuerten Marktplatz nach dem frechen Pfiff und einer ihr wohlbekannten Stimme ab. Da! Ihre Freude ist so groß, dass sie umgehend mit ausladenden, hastigen Schritten auf die lässig vor einem Stuhl stehende Person mit den herrlichen Gesichtspircings zustößt. Bei ihm ankekommen, kracht ihre Tüte auf den Boden und sie umarmt ihn stürmisch. "Boooah wie ist das schön dich zu sehen, du unverschämte Kerl."
"Ich weiß." Zu ihr heruntergebeugt erwidert er die Umarmung herzlich. Ihr Körper ist angenehm warm und sie verströmt einen leichten Duft von Sandelholz. "Das denke ich jedes Mal, wenn ich in den Spiegel guck." Hinter gestapelten Kisten zieht er einen kleinen Hocker hervor und setzt sich, bietet der Nachbarin zeitgleich mit einer Geste den Klappstuhl an, in dem er zuvor saß und steckt das Zeichentablet in einen der Kartons. "Was hast mir mitgebracht?" Eine zuckende Braue deutet neugierig auf ihre Einkaufstasche.
Abs löst sich von ihm und nimmt mit einem dankbaren Nicken den Stuhl entgegen. "Du Typ!", stößt sie ihn mit ihrem Knie an seinem an und zieht dann um so viel gelöster als noch vor drei Minuten voller Begeisterung alles aus der Tüte raus. "Für dich gibt's eine zu kleine und kurze Tischlerarbeitshose, wenn du Lust hast. Ich teile gerne Gutes." Mit einem nicht unabsurdem prüfenden Blick nimmt sie seine Füße ins Augenmaß. "Aber von den Sicherheitsschuhen lässt du lieber die Finger, sonst müssten wir wohl etwas mehr als deine Zehen abschneiden und dich zu Aschenputtels Schwester machen."
Interessiert betrachtet David Abeenas Beute. Die Qualität scheint auf den ersten Blick gut zu sein. Bestimmt hat sie dafür eine stolze Summe hingelegt. Eine sinnvolle Investition, die sich nicht jeder gönnen würde. "Ist das nicht bisschen dekadent für ne Berufsanfängerin? Mittlere Qualität würde bestimmt ausreichen, um zu sehen, ob der Job überhaupt was für dich ist." Eine Braue schnellt in die Stirn und das verspielte Funkeln leuchtet in seinen Augen auf. "Oder willste bei den Zunftburschen Eindruck schinden, mit diesem Bauarbeiter-Prada?" Beschwichtigend hebt er eine Hand vor die Brust. "No offence, siehst bestimmt heiß aus darin." Ein verzücktes Grinsen bei der Vorstellung kann und will er sich nicht verkneifen. "Was würden deine Moms wohl sagen, wenn sie wüssten, dass du die Kohle für ein überteuertes Statussymbol raushaust?" Ein beiläufiger Blick geht nach vorn Richtung Platz, gerade als Ellie aus der Seitenstraße einbiegt. "Oha, da kommt die Chefin." Ein Kopfrucken deutet auf die nahende Brunette. "Jetzt krieg ich Ärger, weil ich nichts verkauft hab." Frech grinsend hält er den Blick unverhoholen auf Ellie, während er Abeena in kurzen Schlagworten den Grund seines Hierseins erläutert - der Verkauf ihrer selbst gemalten Bilder, seelische Unterstützung beim Sammeln für den guten Zweck und Packesel mit Führerschein, weil es schneller geht, wertvollen Sprit in die Umwelt zu schleudern, als hundert mal den kurzen Weg zu ihrem heimatlichen Lager hin und her zu laufen. "Jo, hast n Upgrade besorgt, wie ich sehe. Das ist Abs. Sie hat mich angequatscht, weil sie n Bild für lau haben wollte. Hab gesagt, das kann ich nicht entscheiden. Darum wartet sie jetzt hier auf den Boss. Welcher du bist - Abs, das ist Ellie." Der ausgestreckte Daumen deutet auf die dazugestoßene Frau.

Leuchtend ihre Einkaufsbeute betrachtend, nickt sie ihm zu, "Ja, dass ist schon so ziemlich das teuerste, was ich an Klamotten besitze. Und das coolste." Die Beine übereinander geschlagen legt sie ihren bestätigsten Grund für ihre Entscheidungen dar. "Außerdem trage ich diese Sachen fünf Tage am Stück und bis zu neun Stunden am Tag. Und" zieht sie ihre Augenbrauen herausfordernd hoch "ich bin es mir wert." Noch breiter grinsend verkündet sie, seine Worte und Provokation aufschnappend, "der wichtigste Grund: ich sehe a b s o l u t scheiß heiß aus in den Dingern - du darfst dir gerne selbst einen Eindruck davon verschaffen. Und da ich mir sicher bin den Job bis zur Rente auszuüben, lohnt es sich ebenfalls." Abs Aufmerksamkeit fasst die angekündigte Ausstellern, die auf sie zukommt, freundlich ins Auge. Ihr entgegen winkend steht sie von ihrem Stuhl auf. "Hi Ellie. Du verkaufst deine Kunst für einen guten Zweck? Wow. Was für einen?"
"Hallo Abs!" Ellie lächelt und stellt ihre Tasche mit Malutensilien ab. "Wir unterstützen die Tierauffangstation in Brindleton Bay." Sie lächelt. "Da werden immer Spenden benötigt. Und wir helfen aus." Stolz zeigt sie auf ihre Werke. "Alles selbstgemalt. Und auf Wunsch können die Bilder auch mit einer Skizze ergänzt werden!" Sie öffnet ihre Tasche und hebt ihre Edding-Stifte hoch. "Falls jemand eine Cartoonstil-Ergänzung bevorzugt. Aber wenn jemand lieber eine gemalte Ergänzung will, im selben Stil wie die Bilder, habe ich auch die Acrylfarben dabei, mit denen die Bilder gemalt wurden. Die hatte ich schon vorher da." Ellie lässt ihren Blick über die Bilder schweifen. Auf den ersten Blick ist nichts in ihrer Abwesenheit verkauft worden. Hoffentlich hilft es wirklich, die Bilder nachzubearbeiten, um ein größeres Interesse zu wecken. "Wie sieht es aus? Interesse an einem der Werke?"

Abeena dreht sich ein wenig umher, um die Ausstellungsstücke für sich zu erschließen. Es gibt viele unterschiedliche Leinwandgrößen und auch Formen, geschmückt mit Naturpanorama, detaillierten, floralen Abbildungen und mindestens genau so vielen Tiermotiven. "Ein beachtlicher Umfang. Und toll, dass du obendrein noch flexibel auf Wünsche eingehst", nickt sie dem neuen Gesicht zu. Nach einem kleinen zögern hängt sie ehrlich an, "Mit Zeichenkunst kann ich nicht so viel anfangen, aber wie der Zufall es will, bin ich tatsächlich auf der Suche nach einem Geschenk." Das kleine orangene Dread-Köpfchen wendet sich beim durchschauen zunehmend interessierter zwischen den Bildern hin und her, taucht auch mal ab um mit Überlegungslauten wieder weiter zu schauen. Sie umrundet David und Ellie auch ein paar mal körperlich nah, um auch die letzte Ecke nach einem Motiv abzusuchen. Das diese Nähe nicht jedem angenehm ist, hat sie normalerweise auf dem Schirm, aber jetzt gerade denkt sie nicht daran.
Ellie nickt. Sie lehnt sich zurück, sieht Abs zu, wie sie die Bilder anschaut. Und hält den Atem an, als Abs sie versehentlich an der Schulter anstößt. Doch Ellie sagt nichts dazu. Es war ein Versehen.. oder? Warum kommt sie die ganze Zeit so nah? Sollte sie etwas sagen? Einen frechen Spruch, der Abs darauf aufmerksam macht, dass das etwas zu eng ist? Sie beschließt, nichts dergleichen zu tun. Stattdessen sollte sie nach Kunden schauen. Sie erhebt sich und ruft: "Kommen Sie, kaufen Sie für einen guten Zweck! Gerne mit cartoonischer Ergänzung nach Wunsch!"
David macht keine Anstalten, von Abeenas Seite zu weichen, als sie sich nah an ihm vorbei schiebt. Es gefällt ihm, dass sie scheinbar keine Scheu vor Körperlichkeiten hat. Interessiert beobachtet er sie, während sie Ellies Werke in Augenschein nimmt. Wie sie hin und wieder die Nase kräuselt, wenn sie sich scheinbar in ein Detail verliert. Amüsiert und irgendwie verzückt heben sich seine Brauen und ziehen einen Mundwinkel mit an. Leicht zu ihr heruntergebeugt fragt er: "Was gefällt denn der zu beschenkenden Person? Vielleicht können wir die Auswahl eingrenzen." Ellies rufende Stimme im Hintergrund lässt ihn aufblicken. Wieder mal zeigt sich, man muss nur die richtigen Knöpfe bei ihr drücken, dann ist ihre Introvertiertheit schnell passé. Zufrieden lässt er den Blick zwischen den beiden Frauen hin und her wandern. Ob Abeenas lobende Worte das bewirkt haben?
"Hmmm?" antwortet die Suchende und braucht ein paar Sekunden, bis die an sie gerichteten Worte ankommen. Abs atmet bedrückt aus, bevor sie antwortet. "David, das ist eine sehr gute Frage. Leider kann ich sie dir nicht beantworten, glaub ich." Die zurückgewonnene, fast meditative Leichtigkeit des Bilder-stromerns sicker aus ihr heraus Wie Wasser aus einer leckenden Flasche. Sie nimmt ihn ins Augenmaß. Soll sie jetzt und hier sich und ihre kaputte Beziehungsgeschichte zu ihrer Mutter offenbaren? Riskieren, sich durch Interessenfragen tiefer in ihre Thematik zu begeben, als ihr lieb ist? Davids klarer, neckischer David-Blick, fängt sie mit der Helligkeit seiner Augen auf. Wie bisher so oft: Eine Art Wohlfühlmoment, auch, wenn die Wahrscheinlichkeit auf einen pieksigen Spruch hoch ist. Sie mag ihn. Vielleicht hilft es ihr ja auch? Mit ihren Moms kann sie nicht gut über das Thema sprechen, zu verkappt. Sie beschließt es zu probieren. "Ich probiere es mal. Also ich suche seit eben" ihr Arm beschreibt einen vagen Halbkreis, der die Spendenausstellung einrahmt "ein Landschaftsbild?! Ja. Eines, dass die Beziehung zu meiner Erzeugerin möglichst neutral sowie ehrlich präsentiert." Ein festes, kräftiges Nicken folgt, ihre Mund zieht sich nachdenklich nach links und rechts, ein paar Mal im Wechsel. "Vielleeeeicht eine hügelige Landschaft, die von einem Fluss 'einer Entscheidung!' geteilt wird?"

Ellie horcht auf. Sie hat zwar mehr Tiere gemalt als Landschaften, aber einige waren dann doch darunter. Aber keine Hügel oder Berge. Die gibt es um San Myshuno rum eigentlich nicht. Aber das Meer, das ist ein häufig vorkommendes Motiv. "Wenn du mit dem Meer Vorlieb nimmst anstatt mit Hügeln, und einer Möwe anstatt einem Fluss dann habe ich das hier!", sagt sie lachend und hebt das Bild hoch. Die Möwe ist im Fokus des Bildes, jedoch nimmt sie nicht den gesamten Platz ein sondern lässt auch den Hintergrund wirken. "Die Meereswellen symbolisieren das auf und ab in der Beziehung. Und die Möwe steht für die Erzeugerin, die trotzdem immer 'Meins! Meins! Meins!' schreit! So wie in 'Findet Nemo'!" Sie lacht dabei, ein Zeichen, dass ihre schnell eingeworfene Interpretation eher scherzhaft gemeint ist als ein echter Verkaufsversuch. "Ich kann das Bild sogar mit diesem Zitat ergänzen wenn du willst!"
Ein letztes Lachen, doch dann wird sie doch wieder ernst. "Sorry. Hügel habe ich leider nicht im Angebot, aber diesen Fluss hier." Nun stellt sie die Möwe wieder ab und hebt ein anderes Bild hoch. "Aber wenn du möchtest, male ich dir die Hügel noch nachträglich dazu."
Dankbar für ihr Angebot und die Unterstützung lächelt Abs Ellie zu. Die Disney-Film Assoziation gefällt ihr. "Die Nemo-Möwe würde total zu ihr passen, aber ich will ihr nicht das Meer schenken." Grübelnd zieht sie ihr Gesicht in anwägende Grimassen. "Dein Bild mit dem Fluss ist schick, aber er zerteilt die Umgebung für mich nicht zu sehr, er ist zu friedlich und freundlich. Allerdings" kommt ihr da die Idee "könntest du vielleicht einen konträr blickenden, eitlen Cartoon-Pfau drübersetzen? Der seinen verschleiernden und Aufmerksamkeit haschendes Rad aus Augen schlägt?" 'Schön, stolz, ablenkend und blendend, so wie sie auch ist.'
Ellie lacht. "So ein edler Pfau passt perfekt in diese Szene. Das kriege ich hin!" Sie grinst. Dass es eher der männliche Pfau ist, der das Rad schlägt, spielt hier keine Rolle. Die Symbolik ist, worauf es ankommt. Sie nimmt einen Stift zur Hand und macht auf einem Papier eine kurze Skizze. "So etwa?" Sie reicht Abs das Blatt. Besser sie zeigt erst einmal was sie meint, bevor sie sich an das wirkliche Bild setzt.

Ohne sein Interesse zu verbergen, beobachtet David die beiden. Nicht nur Ellies Cartoonkünste interessieren ihn - hat er die Kollegin bisher nie diesen Stil zeichnen sehen. Auch Abeenas Äußerungen lassen seine Brauen zucken. Sie will ihrer 'Erzeugerin' nicht das Meer schenken. Das verspricht ein spannendes Thema zu werden. Früher oder später - ist dies hier nicht der passende Rahmen für eine solche Unterhaltung.
Während die Frauen sich über das Motiv austauschen und Ellie sich an den Auftrag macht, erweckt ihre geschäftige Präsenz das Interesse neuer herantretender Gesichter. Gern nimmt David sich der neugierigen Fragen an, erklärt Zweck und Vorgehen und findet sich in einem klassischen Beratungsgespräch wieder, in dem er verschiedene Gemälde präsentiert und schlussendlich spezielle Wünsche zur Ergänzung notiert. Es kitzelt ihn in den Fingern, sich selbst ans Werk zu machen. Aber das hier ist Ellies Show und als Sidekick will und wird er sich im Hintergrund halten.
Ellie hält das Bild - diesmal das Original und nicht die Zeichnung auf Papier - etwas von sich, um ihr bisheriges Werk zu begutachten. Ihr gefällt der Pfau bisher. Noch ohne Details, aber schon als der Vogel erkennbar, der er werden soll. "Das wird dir gefallen!", schmunzelt sie ins Abs' Richtung. Sie will ihre Arbeit gerade fortsetzen, als ihr Blick auf die sich ansammelnden Menschen fällt. So viele?... Sie schluckt leicht. Sie hört die Gespräche, sieht, wie die Leute Bilder aussuchen, mit David sprechen... Wollen sie nur zuschauen? Oder auch Veränderungen? Sie spürt die Blicke auf sich, sieht, wie einige Leute ihr über die Schulter schauen wollen. Jemand spricht sie sogar an. "Ich möchte hier..." Sie lächelt, etwas überfordert. "Ein bisschen Zeit braucht es noch, bis ich hier fertig bin.", sagt sie entschuldigend. Dann fällt ihr Blick auf David. Auch er kann gut malen. Nur zu gerne erinnert sie sich an seine Zeichnung von ihr zurück, die einen Ehrenplatz in ihrem Zimmer gefunden hat. "Vielleicht kann mein Kollege aushelfen.", sagt sie hoffend und sieht ihn an. Die Tatsache, dass hier diverse Leute herum stehen, lockt auch weitere an. Einige gehen schnell weiter, andere bleiben stehen, scheinen aber nur zuschauen zu wollen. Andere durchsuchen die Bilder, nachdem sie gehört haben, worum es hier geht. Zumindest für den Moment ist hier einiges los.
"Klar." David zuckt bereitwillig mit den Schultern und schnappt sich sogleich das Arbeitsmaterial, um den ersten bereits besprochenen und notierten Auftrag umzusetzen. Es dauert nur einige Minuten, bis das ausgewählte Bild mit dem Sonderwunsch ausgestattet ist und die junge Frau mit ihrer Beute zufrieden von dannen zieht - und David sich dem nächsten Kunden widmet.
Der wellenartige Trubel um sie herum stört ihn nicht im Geringsten. In chaotischen Zuständen blüht er geradezu auf. So beantwortet er geduldig nebenbei die eine oder andere Frage und schafft es, einen großen Teil ihres Standes im Auge zu behalten, um eine besonders abenteurlustige Passantin darauf aufmerksam zu machen, dass die Werke nicht zur kostenlosen Mitnahme ausgestellt sind.

Dankbar für die Hilfe nickt Ellie David zu. Dann setzt sie die letzten Striche für ihr eigenes Bild. Stolz überreicht sie es an Abs. "Hat etwas länger gedauert, aber schau dir die Details an! So sieht das super aus!"
Abs ist froh, dass der Platz um sie drei herum sich zunehmend füllt. David zeigt eine beeindruckende Art die entstandene Atmosphäre und die Kundschaft souverän und harmonisch zu lenken. 'Irre. Einfach irre' düst es ihr durch den Kopf. Er ist ein richtiger Verkaufsprofi und kreiert eine einnehmende Dynamik und Wirkung, welche immer mehr Sims anlockt. Sie ist so gefesselt von seinem Talent und Anblick, dass sie ihn für eine ganze kleine Weile nicht aus den Augen lassen mag und ihn ruhig und wachsam betrachtet.
Die Künstlerin überreicht ihr zurecht stolz ihr Werk. "Wooooow, dass ist wirklich großartig, ich bin total begeistert. Danke, Ellie" nimmt sie das erweiterte Kunstwerk entgegen. Freudig stellt sie die Leinwand zu ihren Sachen. So, dass man es betrachten kann aber gleichfalls versteht, dass es nicht mehr zum Verkauf, sondern zur Ansicht zwischengeparkt ist. Zufrieden mit allem, zieht sie eine großzügigere Summe - als gut für den Rest des Monats ist - aus ihrer Hosentasche. 'Egal was kommt, Kleine Donna's unterstützende Tierauffangstation kann es gut gebrauchen und ich achte einfach auf meine Ausgaben.'
Das mittlerweile entspannte Gewusel gibt Abeena den Raum einmal durchzuatmen und sich zu resetten. Sie hat ihre Pflichteinkäufe und das Aushalten der Großstadt bisher gut gemeistert und sogar das vermaledeite Geschenk für die Frau, die sie in diese Welt geworfen hat, besorgt. Leicht schüttelt sie den Kopf vor Erleichterung. Der Familienstreit kann somit umgangen werden. Und, sie kann dann für das nächste Jahr mit zynisch schmunzelndem Herzen an den noch bevorstehenden Geburtstag zurückdenken. Nun grinst sie. Anschließend legt sie ihren Fokus wieder auf David und beschließt kurzerhand, sich in den spontanen Aktionismus ziehen zu lassen. Angefixt, jetzt auch durch Ellies dankbares Lächeln, steigt sie ohne nachzufragen mit in die Beratungsgespräche sowie Ergänzungsideen der Interessenten mit ein.
Je länger der Ansturm dauert, desto mehr Vertrautheit schleicht sich in das Agieren der inzwischen dreiköpfigen Gruppe. Während Abeena gewissenhaft Wünsche und Einnahmen notiert, fügen Ellie und David Superhelden, Tiere, Karikaturen, Gebäude und Gegenstände auf den Bildern hinzu. Manchmal frei Hand, andere male nach verfügbaren oder eigens recherchierten Referenzen. Niemand von ihnen registriert, wie die Zeit vergeht, bis sich die Traube von interessierten Käufern und Zuschauern nach und nach auflöst.
Seinem letzten Kunden hinterherschauend - einem Jungen, der sich den gefährlichen Dinosaurier auf der Blumenwiese begeistert an die Brust drückt - streckt David beide Arme nach vorn, die Finger ineinander verschränkt, und atmet einmal tief durch. Wenige Schritte bringen ihn anschließend an Abeenas Seite, die noch die Einnahmen in die Geldtasche schiebt und den aktuellen Betrag zu den anderen addiert. "Na, wenn das mal nicht gut lief.", denkt er laut und wirft einen neugierigen Blick zu Ellie herüber. Von einem Pärchen bestaunt bringt sie ihre letzte Zeichnung zu Ende, die Wangen leicht rosig, mit einem seligen Lächeln auf den Lippen wirkt sie zufrieden.
"Danke für deine Hilfe." Davids Worte klingen pragmatisch, doch aufrichtige Dankbarkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben. Ohne Abeenas spontanen Einsatz wären die letzten ... überrascht hebt er die Brauen, als er auf die Uhr sieht ... Wie zum Geier ... gute Eineinhalb Stunden sind vergangen?! "Das wäre ohne dich sehr viel stressiger gewesen.", fügt er anerkennend hinzu.

Mit geröteten Wangen überreicht Abs a winkend die kleine Kasse an den Bruders ihres Mitbewohners, "Ach komm, du übertreibst. Wenn ich nicht da gewesen wäre, hättet ihr einfach noch Kundschaft, würde ich sagen. Ihr habt das großartig gemacht und du kannst soooo gut mit Leuten umgehen!" Ein nachdenklicher, ernsthafter Schmunzler zieht sich durch ihr Gesicht. "Ich überlege, ob ich dich dazu überreden kann, als Party- und Lebensretter auf der nächsten Familienfeier mitzunehmen? Du hast dafür auch was bei mir gut."
"Machst du Witze?" Davids Augen funkeln auf, als er die Geldbörse an sich nimmt und beginnt, die übrig gebliebenen Bilder zusammenzuräumen. Auch ohne Ellies explizite Zustimmung ist es Zeit, zu packen, bricht schließlich schon bald der Abend an. "Ich liebe Familienfeiern. Da kann man herrlich viel Chaos stiften." Sein Grinsen wird breiter und eine Spur unheilvoll. "Also,", zügelt er sich sichtlich, "ich meine, wenn du deine Familie nicht magst, bin ich dein Mann. Falls du es sittlich haben möchtest,", sein Gesicht formt sich zu einer gespielten Unschuldsmine, "sollten wir vorher über Grenzen sprechen."
Gerade mal zwei Kartons, gefüllt mit Gemälden, werden von ihm und Abeena in den Wagen verladen, ein Dritter mit Utensilien, als auch Ellie ihr letztes Werk beendet und zu ihnen stößt. "Aber immerhin willst du deiner 'Erzeugerin nicht das Meer schenken', also, vermute ich, darf ich mich auf Freigabe freuen.", fährt David unbeirrt fort, legt Ellie einen Arm um die Schulter und drückt ihr das gesammelte Geld in die Hand. "Hat sich gut entwickelt. Kannst stolz auf dich sein. Im Namen der Tiere danke ich für deinen Einsatz." Beherzt klopft er die eben noch belagerte Schulter, nachdem er sich von ihr löst, um Ellie und die Ladung wenige Minuten später zu ihr nach Hause zu fahren.
In Zusammenarbeit mit @RivaBabylon und @S.Bin.
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>>> Abeena geht nach Ravenwood >>>
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Charaktere: Gereon, Eliah
Geschichtsstrang: Gegenwind auf der Brücke
Eliah sitzt an das Brückengeländer gelehnt und starrt auf den Boden. Was ist er doch für ein Idiot! Nicht nur, dass er zweimal abgehauen ist, als er mit Ina im Gespräch war... er dachte sogar, sie könnte ihm helfen! Ihre Worte hängen noch immer in seinem Gehirn: Jedenfalls, du solltest öfter mal beim Training zuschauen. Vielleicht lernst du dann ja auch mal Nico kennen. Wie hatte er denken können, dass sie darauf wartet, ihn wieder zu sehen! Er ist schließlich ein Versager!
Die Stimme, die ihm Mut machen will, meldet sich: Und was, wenn Nico nur ein Kumpel ist? Nichts deutet darauf hin, dass es eine romantische Beziehung ist. Vielleicht hilft sie dir trotzdem, wenn du einfach den Mut zusammen nimmst, die Wahrheit zu erzählen!
Eliah erhebt sich, umfasst das Geländer mit verkrampfter Hand. Was macht das für einen Unterschied! Die Erwähnung Nicos hat gezeigt, dass ihr Leben auch ohne ihn weitergegangen ist.
Und jetzt? Er hat keine Perspektive, keine Ahnung, wie es weiter gehen soll. Er hat keinen Wohnsitz, keine Arbeit... und nichts, was ihn noch hält. Ina war seine letzte Hoffnung. Er blickt nach unten. Von hier oben sieht alles so klein aus. Es wäre einfach, einfach auf das Geländer zu klettern und sich fallen zu lassen. Wäre eh kein großer Verlust. Doch er zögert.

Die Sonne ist hinter den hohen Gebäuden der Stadt verschwunden, als Gereon das Geschäft verlässt. Diese Adresse war ein guter Tipp von Anna-Maria. Er hat jetzt alles beisammen, was er für den Umzug in die eigene Wohnung braucht. Noch vor Beginn der Ausbildung wird er also nach Chestnut Ridge ziehen. Beinahe unzählige Male hat er schon den Wohnort gewechselt, doch noch nie hatte er eine ganze Wohnung nur für sich.
Die große Papiertüte in der einen Hand, zieht er mit der anderen das Mobiltelefon aus der Hosentasche, um die Uhrzeit zu kontrollieren. Kurz vor halb sechs. Zum Abendessen schafft er es nicht mehr in den Heimathafen. Anstatt sinnlos in Eile zu verfallen, könnte er sich am Markt etwas zu Essen holen und noch die Gelegenheit nutzen, in eine Buchhandlung zu schauen. Die Nachricht an die Erzieher ist schnell im Chatverlauf eingetippt. Wenigstens kurz Bescheid sagen, hat man ihm eingetrichtert.
Guten Gewissens steckt er das Handy zurück in die Tasche und setzt sich in Gang zum Marktplatz. Der Weg führt ihn über die große Brücke. Wird sich in Kürze der Feierabendverkehr durch diese Straßen schieben hält sich das Aufkommen derzeit noch in Grenzen. Vereinzelt begegnen ihm Passanten, von denen die meisten mit ihren Telefonen beschäftigt scheinen.
Etwa die Mitte der Brücke liegt hinter ihm, als Gereon eine Figur am Geländer ausmacht. Ein Junge, ungefähr in seinem Alter, dessen Ausdruck ihn stutzig macht. Irgendetwas an diesem Bild ist merkwürdig. Neugierig verlangsamt Gereon seine Schritte, bis er schließlich ganz stehen bleibt. Unverhohlen betrachtet er die Szene wenige Meter vor sich, als wäre sie ein dreidimensionales Kunstwerk. Als nichts geschieht, macht er einige Schritte auf den Jungen zu. Seine Miene ist unberührt wie eh und je, als er mit monotoner Sachlichkeit fragt: "Zögerst du, weil du unsicher bist oder weil du Angst hast?"
Eliah dreht sich um und blickt den Jungen an. Warum fragt er das? Glaubt er wirklich, dass mir noch zu helfen ist? Und doch kommt er nicht drum rum: Die Frage erreicht seine Gedanken. "Zögerst du, weil du unsicher bist oder weil du Angst hast?" Warum zögert er? Er hatte doch selbst schon gesagt, dass es der einfachste Weg wäre. Wenn er einfach... Würde doch eh niemand darüber klagen. Eliah blickt den Jungen an. Beides… irgendwie. Aber egal. Oder? Er wagt es nicht, mit einem Wildfremden über seine Probleme zu reden. „Ich stehe nur zufällig hier und genieße die Aussicht.“, weicht Eliah aus.
Gereons Ausdruck bleibt versteinert, als er den Anderen betrachtet. Irgendwie kann er ihm nicht glauben. Dennoch stellt er die Aussage nicht infrage. Als würde er die Worte in sich bewegen, sieht er über das Geländer in die ferne Landschaft. Der Fluss gabelt sich, durch eine unbewohnte Insel gespalten. An beiden Ufern ragt die Stadt mit ihren hell gestalteten Hochhäusern in den Himmel. Wie zu erwarten, regt sich bei diesem Anblick rein gar nichts in ihm. Aber über Geschmack soll man nicht streiten. Nur weil die Aussicht nicht der wahre Grund der Anwesenheit des Jungen ist, heißt das nicht, dass die Landschaft ihm nicht tatsächlich gefällt. "Hmm.", brummt Gereon leise, ehe er in die Hosentasche greift und die Zigaretten hervorholt. "Hast du was dagegen, wenn ich einen Moment bleibe?", fragt er, dem Fremden einen ausdrucklosen Blick schenkend. Einen Glimmstängel zwischen die Lippen geklemmt, hält er ihm die Schachtel einladend hin.

Eliah schüttelt den Kopf. „Nein, du kannst bleiben.“ Ein Teil von ihm ist sogar froh darüber, jetzt nicht alleine zu sein. Er nimmt die angebotene Zigarette an. Eigentlich raucht er nur selten. Vor allem, weil er oft nicht das Geld hat, sich Zigaretten leisten zu können. Doch jetzt braucht er das einfach. Eliah glaubt nicht eine Sekunde daran, dass der Junge ihm die Ausrede mit der Aussicht glaubt. Es war das erstbeste, das ihm in dieser Sekunde eingefallen war. Und genauso unglaubwürdig wie die Ausreden, die er Ina gegenüber erwähnt hat. Er ist ein schlechter Lügner. Aber dieser Junge ist nicht Ina. Gut, dass wenigstens sie ihn jetzt nicht sehen muss. Eliah steckt sich die Zigarette an, und nimmt einen kräftigen Zug. „Eliah.“, stellt er sich knapp vor.
"Gereon.", antwortet der Jüngere und richtet den Blick anschließend auf die Landschaft. Einen Moment herrscht Schweigen zwischen ihnen.
Die Zigarette zwischen den Fingern beobachtet er, wie der Rauch vom Wind auseinandergezogen wird, bis nichts mehr davon übrig bleibt. Es ist eigenartig, wie schnell sich Dinge auflösen können, wenn sie nur genug Bewegung trifft.
"Hast du dich oder mich angelogen?", fragt er schließlich, ohne jeglichen Vorwurf in den Worten. Die Monotonie seiner Stimme lässt nicht einmal echtes Interesse aufblitzen. Dennoch würde er nicht fragen, wollte er es nicht wissen. Es wirkt mehr wie die nüchterne Feststellung, dass etwas nicht zusammenpasst. "Du musst nicht antworten.", setzt er nach, ehe er einen weiteren Zug nimmt. Das Gewicht verlagernd stützt er die Papiertüte neben seinem Bein gegen das Geländer, damit sie nicht umkippt. "Ich frage nur, weil die meisten Sims schlecht lügen, wenn es um etwas Wichtiges geht."
Eliah hält einen Moment inne. Sich selbst belügen... Er hat sich durchaus selbst belogen, als er gedacht hat, alles würde gut werden sobald er Ina findet. Er spürt den Stich ins Herz, als er an sie denkt. Es ist nicht ihre Schuld, dass er sie idealisiert hat. Aber nach allem was passiert ist, traut er sich nicht, ihr je wieder unter die Augen zu treten.
Eliah sieht auf zu Boden. „Wär doch kein Verlust, wenn ich spring. Ich hab nichts. Gar nichts“ Er weiß nicht, warum es plötzlich aus ihm heraus kommt. Vielleicht, weil ein kleiner Teil von ihm noch immer Hoffnung hat. Vielleicht, weil es einfacher ist, seine Sorgen vor Gereon zu erzählen, eben weil er diesen nicht kennt und dessen Urteil nicht so weh tut. Aber jetzt ist es eh zu spät den Satz zurückzunehmen.
Gereon nimmt den Hut ab, kratzt sich durch die Locken und setzt das Erbstück wieder auf. Ein Zigarettenzug folgt, den Qualm in der Lunge haltend, wendet er sich um, sodass er sich nun rücklings am Geländer anlehnt und den Rauch zur Straße hin in die Luft ablässt. "Das sind zweierlei Dinge.", stellt er trocken fest. "Der Verlust deiner Anwesenheit hat nichts mit dem zu tun, was du hast." Sein Augenmerk fällt auf den zunehmenden Verkehr. Beiläufig betrachtet er die vorübergleitenden Nummernschilder. "Niemand hat nichts. Im Zweifelsfall hat man immer noch sich selbst. Egal ob das gut ist oder nicht." Seine Stimme bleibt monoton, mehr sachlich feststellend, als aufbauend. "Und was ein Verlust ist, entscheidet jeder für sich allein. Das kannst nicht einfach du machen."

„Mit mir selbst kann ich nichts anfangen.“, murmelt Eliah leise, „Ich habe keinen Job, und kein richtiges Zuhause.“ Eliah nimmt einen weiteren Zug an der Zigarette. Er wirft einen Blick nach unten. „Ich dachte, ich packe das, aber sie hatten Recht. Ohne den Kult bin ich nichts.“ Ob er zurückkriechen sollte? Er schüttelt sich bei dem Gedanken. Nein, das kann auch nicht die Lösung sein. Aber um wirklich zu springen fehlt ihm die Entschlossenheit.
Diese Aussage versteht Gereon gut. Er kann selbst oft nicht viel mit sich anfangen. Aber er hat gelernt, trotzdem zu existieren. Dinge zu nehmen, wie sie kommen, ohne eine Schuldfrage in den Raum zu stellen.
Kurz wendet er den Blick dem Jungen zu. Ein Kult? Wie eine Sekte? Er hat noch nie jemanden getroffen, der solche Erfahrungen gemacht hat. Zumindest nicht, dass er wüsste.
Mit dem letzten Inhalieren des Nikotins richtet er sich auf. "Ich weiß nicht, wovon du redest." Der Filter landet auf dem Asphalt, wo er mit einem Fuß die Glut zertritt. "Aber ich kenne einen Ort, wo sie nicht viele Fragen stellen, solange du anpacken kannst." Sein Blick streift Eliah nur flüchtig, als er sich dem Geländer zuwendet. "Es werden noch helfende Hände gebraucht. Hauptsächlich Stallarbeit." Ausdruckslos sieht er den Älteren an. "Fragen kostet nichts."
Die Zigarette fällt Eliah aus der Hand, so unerwartet kommt Gereons Nachricht. Helfende Hände... Er hat keine Erfahrung mit Stallarbeit, aber das kann er sicher lernen. Anpacken kann er zumindest. Im Kult war es auch seine Aufgabe gewesen, anderen Kultmitgliedern bei handwerklichen Problemen zu helfen. Aber irgendwie klingt es auch zu gut um wahr zu sein. Er tritt die Zigarette aus. Das meiste war eh ausgeraucht, bevor sie ihm aus der Hand fiel.
Andererseits... was hat er zu verlieren? Vielleicht sollte er sich anhören, was Gereon zu sagen hat. Mittlerweile ist Eliah klar geworden, dass er nicht wirklich sein Leben beenden will. Nicht, wenn es noch eine andere Möglichkeit gibt. "Das kriege ich hin!", sagt er bestimmt und zum ersten Mal tritt ein wenig Mut in seine Stimme. "Wo ist das?"
"Chestnut Ridge." Gereon greift nach der Tüte. Einen kurzen Moment sieht er Eliah an. "Hast du Hunger? Ich hol mir was am Marktplatz. Dann kann ich dir alles sagen, was ich weiß." Er macht bereits den ersten Schritt, bleibt sogleich wieder stehen, als er das Zögern des Älteren bemerkt. "Ich bezahle."
"Gerne!", sagt Eliah, nun auch mit einem Lächeln. "Und danke!" Selbst wenn aus der Arbeit nichts wird, ist ein kostenloses Abendessen nicht zu verachten.
In Zusammenarbeit mit @RivaBabylon
>>> Gereon geht nach Chestnut Ridge Nr. 8 - Pferderanch (5) >>>
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