Windenburg Nr. 18 - Krankenhaus

  • Seite 3 von 3
07.05.2025 11:04
avatar  Spatz
#21
avatar
Schicksalslenker

<<< Alma kommt von Windenburg (2) <<<
<<< Hannah und José kommen von Brindleton Bay Nr. 3 - Haus der Garcias (32) <<<

Charaktere: Alma, Hannah, José
Geschichtsstrang: Wenn plötzlich alles anders ist - Teil 2

Alma rennt den Gang entlang. Ihr Herz schlägt wie verrückt, während sie nach dem richtigen Bereich sucht. Trakt A! Hier ist es. Von weitem erkennt sie ihre Eltern. "Was ist passiert?!", schreit die junge Frau über den Flur. Hannah sieht auf. Sie hält die Hand ihres Mannes, der sich mit der anderen Hand die Tränen mit einem Taschentuch wegwischt.

"Alma." Ruckartig steht ihre Mutter auf und breitet die Arme aus. Obwohl Alma noch immer nicht weiß, was passiert ist, lässt sie sich von ihr umarmen.



Hannah nimmt die Hände ihrer Tochter an ihr Gesicht. "Schön, dass du gekommen bist. Wir müssen jetzt füreinander da sein." Schwer schluckt die Mutter. "Bitte erzähl mir doch endlich, was los ist", fleht Alma eindringlich. Die Ungewissheit macht sie mürbe.

"Dein Bruder, Theo und Julius sind ..." Hannah macht eine Pause, während José laut ins Taschentuch schnäuzt. "Sie hatten einen Autounfall." Schockiert schluckt Alma. "Julius hat glücklicherweise nur eine Gehirnerschütterung und einen gebrochenen Arm. Dein Bruder wird gerade notoperiert, er ist schwer verletzt. Wir wissen noch nicht, ob ..." Tief atmet die Mutter ein und aus. Den Gedanken, dass ihr Kind sterben könnte, will sie nicht zulassen.

"Aber Onkel Theo ..." Hannah braucht es nicht auszusprechen. Alma laufen die ersten Tränen über die Wange. Onkel T ist tot.

Plötzlich nähern sich zwei Ärzte der Familie. "Herr und Frau Garcia?" José steht auf. "Wie waren OP?"
Die Ärzte sehen sich kurz an. "Ihr Sohn hat die Operation überlebt."

Erleichtert nimmt José seine Frau in den Arm. Aber die Erleichterung hält nicht lange an. "Doch ..." Gespannt sehen alle zum sprechenden Arzt. "Es gab Komplikationen. Es tut uns leid, Ihnen dies mitzuteilen, aber ..."


 Antworten

 Beitrag melden
09.05.2025 07:45 (zuletzt bearbeitet: 21.05.2025 17:01)
avatar  Spatz
#22
avatar
Schicksalslenker

<<< Jarred kommt von Windenburg Nr. 11 - Wohnung von Arnim und Mayve <<<

Charaktere: Jarred, Alma, Hannah, José
Geschichtsstrang: Wenn plötzlich alles anders ist - Teil 3

Zitternd sitzt Alma alleine im Gang des Krankenhauses, seit sie die schlimmen Nachrichten erhalten hat. Sie weiß nicht mehr, was sie tun soll. Ihre Eltern sprechen gerade mit den Ärzten und Alma fühlt sich wie gelähmt. Aus der Hilflosigkeit heraus hat sie Jarred eine Nachricht geschickt. Nur kurz, dass er bitte so schnell wie möglich kommen soll. Sie hat ihm auch geschrieben, wo sie sitzt. Was genau passiert ist, hat sie nicht erwähnt – sie kann es nicht. Und sie will jetzt nicht allein sein.

Es fühlt sich an, als könnte sie sich nie wieder von diesem Stuhl erheben. Alles ist schwer und unwirklich, als hätte sie wieder etwas genommen, das die Realität verzerrt. Doch diesmal ist es keine Droge. Es ist echt. Und es tut weh.

Jarred war der einzige Sim, an den sie sofort denken musste, als sie allein war. Auch wenn der Alltag in den letzten Wochen nicht einfach war ... Sie hat ihm noch immer nicht gesagt, dass sie heimlich bei ihm eingezogen ist. Und ja, seine Ordnung macht sie manchmal wahnsinnig. Aber das alles verblasst gerade. Sie spürt nur eins. Ohne ihn kann sie nicht.

Wäre er es, der jetzt an Naels Stelle auf der Intensivstation liegt, würde sie genauso zerbrechen. Diesen Schmerz wünscht sie niemandem.

Ein Geräusch reißt sie aus ihren Gedanken. Schritte. Seine Schritte.

Zielstrebig geht Jarred den Flur entlang, das drückende Gefühl im Nacken, so etwas schon einmal erlebt zu haben, würgt sein gut geübter Selbstschutzmechanismus herunter. Die Mine sorgenvoll, scannt sein Blick aufmerksam die Umgebung. Er musste seinen Dienst im Heimathafen abbrechen, um schnellstmöglich herzukommen. Die innere Unruhe ist ihm nicht anzusehen, als er endlich Alma auf einem der Warteplätze entdeckt. Sie sieht schmerzlich aufgewühlt aus. Es muss schlimm sein.
"Alma." Seine Stimme ist ruhig, schutzspendend, als er vor ihr in die Knie geht und zu ihr aufsieht. "Ich bin hier. Was ist passiert?"



Als sie Jarred sieht, fühlt sie sich für einen kurzen Moment geborgen. Ein kleines bisschen Glück mischt sich ein, aber es hält nicht lange.
"Ich … mein Onkel … Nael …" Mehr bringt sie nicht heraus. Ihre Stimme bricht weg und dann kommen die Tränen.
Sie weint heftig und schnappt zwischendurch nach Luft, als würde sie hyperventilieren. Es dauert eine ganze Weile, bis sie sich etwas beruhigt.
Dann bringt sie endlich ein paar Worte heraus. "Onkel T ist tot." Sie wischt sich mit einem Taschentuch die Tränen aus dem Gesicht.
"Und Nael … er liegt im ... künstlichen Koma." Sie schnieft laut und wirkt völlig am Ende.

Jarred legt seine Arme um sie, als sie zu weinen beginnt. Seine Hände ruhen auf ihrem Rücken, halten sie, fest und warm und unnachgiebig. Doch er sagt nichts. Er gibt ihr die Zeit, die sie braucht. Lässt ihren Ausbruch stillschweigend gewähren, bis sie wieder zu sprechen beginnt. Ruhig und gleichmäßig atmend betrachtet er sie. Ihre Traurigkeit, ihre Verletztheit, ihre Ohnmacht. Sie sollte diese Dinge nicht durchmachen müssen. Niemand sollte das. Und dennoch geschieht es - jeden Tag und überall. Nichts dagegen tun zu können, erfüllt ihn mit stiller Wut. Ein Gefühl, das ihm seit Jahren vertraut ist. Das er tief in sich gesperrt verwahrt, wo es niemandem schaden kann - außer ihm selbst.
Er stellt keine Fragen. Sie soll nur erzählen, wozu sie bereit ist. Eine Hand legt sich an ihr Gesicht, der Daumen streicht über die verweinte Wange. Er teilt ihren Schmerz. Mit feuchten Augen ein Stück zu ihr aufgerichtet, küsst er sie auf die Stirn, ehe er sie wieder an seinen Körper lehnt. Noch immer schweigend rinnt ihm eine einzelne Träne über die Wange. Es gibt nichts zu sagen. Keine Worte, die ihr Trost spenden könnten.

Seine Nähe gibt ihr wieder ein kleines Stück Geborgenheit. Sie fühlt sich weniger verloren. Doch als sie gerade ansetzen will, Jarred zu erzählen, wie das alles abgelaufen ist, hören sie Schritte. Alma dreht sich um. Ihre Eltern kommen von der Intensivstation. José weint und Hannah schaut abwesend zu Boden. Doch dann hebt sie den Blick und sieht Alma und Jarred. Es ist nicht der Moment für Fragen, doch als Mutter bemerkt sie sofort die Nähe zwischen ihnen.

"Hallo", sagt Hannah leise zu Jarred. Alma springt hingegen auf. "Was ist mit Nael?", fragt sie laut.

Hannah atmet tief ein und aus, als suche sie die richtigen Worte. "Die Ärzte sagen, man könne noch nichts Genaueres sagen. Sein Körper muss viel durchmachen. Wir müssen abwarten und hoffen, dass alles gut wird." Da mischt sich José ein. "Beten! Bitte!"
Normalerweise würde Alma über den Glauben ihres Vaters spotten, doch für einen kurzen Moment hofft sie tatsächlich, dass es einen Gott gibt, der ihrem Bruder die Kraft schenkt, das hier zu überstehen.

José setzt sich auf einen freien Platz und weint weiter. Hannah wendet sich nun an Jarred. "Danke, dass du hier bist", sagt sie.

Wortlos nickt er der Familienmutter zu. Einen Moment zögert er, setzt dann wenige Schritte in ihre Richtung. Sie kennen sich nicht gut, haben sich eine ganze Weile weder gesehen, noch gesprochen. Es gab einfach nicht die Zeit dafür. Dennoch entscheidet er, seinem inneren Drang zu folgen. Beherzt legt er die Arme um Hannah und drückt sie tröstend an sich. Offensichtlich steht sie noch immer unter Schock, glaubt funktionieren und sich beherrschen zu müssen. Einen Atemzug lang hält er sie fest, als wolle er sagen 'Lass los. Ich bin hier und ich halte euch alle.' Es spielt keine Rolle, wie innig oder flüchtig ihre Beziehung ist. Jeder braucht manchmal jemanden, der einen auffängt.

Langsam löst er sich von ihr, um sich zuletzt José zu widmen. Vor ihm in die Knie gehend, reicht er dem Mann eine Hand. Es ist das Angebot, das Gebet gemeinsam zu sprechen. In der Erkenntnis, dass es das ist, was José in Momenten wie diesen den so dringend benötigten Halt gibt, ist es nicht wichtig, ob er selbst daran glaubt. Es geht nur darum, da zu sein. Aufmerksam zu sein. Jedem individuell zu geben, was er braucht.
Damals war ihm das nicht möglich. Er war jung und zerrissen. Doch heute trägt er genug Fürsorge in sich, um sie denen zu geben, die sich so verloren fühlen und ihre ganze Kraft für sich selbst brauchen.



Hannah ist positiv überrascht von Jarreds Anteilnahme. Während sie einen Arm um Almas Schultern legt, beobachtet sie, wie José und Jarred zusammen beten. Es berührt sie. Sie selbst hält nicht viel von Religion und hat nie wirklich Zugang dazu gefunden. Aber José hat immer geglaubt. Schon früher aus Gründen, die sie nie ganz verstanden hat. Und sie hat nie versucht, ihm diesen Glauben auszureden.

Alma lehnt ihren Kopf gegen Hannahs Schulter. Es tut gut, einfach so zu sein ohne etwas erklären zu müssen und doch spürt sie das Bedürfnis, etwas zu sagen. "Wir sind ... also, Jarred und ich ...", beginnt sie stammelnd. Doch Hannah hebt die Hand. "Schon gut", sagt sie sanft. Trotz allem, was gerade passiert, ist es schön zu wissen, dass die Familie nicht allein ist.

(In Zusammenarbeit mit @RivaBabylon.)

>>> José geht nach Brindleton Bay Nr. 3 - Haus der Garcias (33) >>>
>>> Jarred geht nach Brindleton Bay Nr. 3 - Haus der Garcias (33) >>>


 Antworten

 Beitrag melden
12.05.2025 09:07 (zuletzt bearbeitet: 26.05.2025 21:06)
avatar  Spatz
#23
avatar
Schicksalslenker

<<< Julius kommt von Evergreen Harbor (2) <<<

Charaktere: Hannah, Julius
Geschichtsstrang: Nicht einmal vierundzwanzig Stunden

Es sind noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden vergangen seit dem Unfall, doch für die Familie fühlt es sich an, als würde die Zeit stillstehen. Während José an Naels Bett sitzt und betet, macht sich Hannah auf den Weg zu Julius.

Gestern Abend haben die Ärzte ihm in ihrer Gegenwart die schlechten Nachrichten übermittelt. Daraufhin hatte er einen Nervenzusammenbruch. Die Ärzte haben ihm Beruhigungsmittel gegeben und irgendwann ist er eingeschlafen.

Jetzt ist er wach. Die Ärzte haben ihn untersucht, die ersten Checks sind durch, obwohl Wochenende ist. Hannah ist dankbar, dass sich das Krankenhaus so sehr kümmert. Wer weiß, ohne die schnelle Versorgung hätte ihr Sohn Nael vielleicht nicht überlebt. Wenn er überhaupt überlebt. Sie verdrängt den Gedanken, bevor sie an nichts anderem mehr denken kann.



Als sie das Zimmer betritt, blickt Julius auf – traurig und gebrochen.

"Wie geht es Nael?", fragt er mit leiser Stimme. "Unverändert", sagt Hannah, so ruhig wie möglich und setzt sich zu ihm ans Bett. Sie nimmt seine Hand und streicht ihm sanft über die Schulter. "Wir sind alle für dich da", sagt sie, obwohl sie weiß, dass das kein Trost ist. Nicht jetzt.

Julius hatte schon früh seine Mutter verloren hat. Und jetzt auch noch seinen Vater. Hannah unterdrückt die Tränen, die sich in ihr anstauen. Sie muss stark sein. Für ihn. Er hat niemanden mehr. Kein Kind sollte so früh allein sein.
Ich werde für ihn da sein, denkt sie. Wie eine Mutter.

Sie sieht ihn an. Er war schon immer ein sensibler und schüchterner Junge, der leicht übersehen wurde. Sie fürchtet, dass er an den Geschehnissen zerbricht. "Weiß er schon?", bricht Julius seine Frage ab, als seine Stimme versagt. Hannah schüttelt den Kopf. "Nein. Noch nicht."

Nael ist nicht ansprechbar. Noch immer nicht. Vielleicht ist das vorerst besser so. Vielleicht schützt ihn der Schlaf vor dem Schock, den er bald erleiden wird.

Hannah sieht zu Boden. Wieso trifft es schon wieder unsere Familie?

>>> Julius geht nach Brindleton Bay Nr. 3 - Haus der Garcias (33) >>>


 Antworten

 Beitrag melden
13.05.2025 08:17 (zuletzt bearbeitet: 21.05.2025 17:00)
avatar  Spatz
#24
avatar
Schicksalslenker

<<< Nael kommt von Evergreen Harbor (2) <<<

Charaktere: Alma, Nael
Geschichtsstrang: Fünfzehn Minuten

Alma steht vor der Tür der Intensivstation. Es hat sie Überwindung gekostet. Zwei Tage sind vergangen, seit dem Unfall und seit der Not-OP.
Der Besuch darf nicht lange dauern. Fünfzehn Minuten, hat die Schwester gesagt. Doch sie muss ihn sehen. Auch wenn es das letzte Mal ist.

Drinnen riecht es nach Desinfektionsmittel. Nael liegt still im Bett, eingehüllt in weiße Laken. Nur sein Gesicht ist zu sehen, blass, leichenblass. Schläuche verlaufen von seinem Mund, seiner Nase, seinen Armen.

Sie kann nicht sehen, was nicht mehr da ist. Aber sie weiß es und doch begreift sie es nicht. Spürt er das?, fragt sie sich. Weiß sein Körper, was fehlt? Weiß er, dass etwas unwiderruflich anders ist?

Zögernd zieht sie sich einen Stuhl heran und setzt sich ans Bett. Doch sie wagt es nicht, ihn zu berühren. Unsicher ruht ihre Hand auf ihrem Oberschenkel.



"Hallo, Nael", flüstert sie. Die Worte fühlen sich falsch an. Wie soll man jemanden begrüßen, der einen nicht ansieht? Der nicht reagiert? Vielleicht nie wieder reagiert?

"Ich bin wieder da", sagt sie nach einer Pause mit zittriger Stimme. "Mama hat mir erzählt, was passiert ist ... Es ist … so … schrecklich." Die Tränen kommen und sie verkrampft sich. Sie kann nichts dagegen tun. "Ich ... Ich weiß einfach nicht, was ich sagen soll", flüstert sie weinend. Im Hintergrund hört man das gleichmäßige Piepsen der Maschinen. Er lebt noch. Er lebt noch.

In diesem Moment wünscht sie sich nichts sehnlicher, als dass er sie anfahren würde. Irgendwas – ein genervtes "Boar Alma" oder ein spöttisches "Was hast du jetzt schon wieder falsch gemacht?". Aber er sagt nichts. Da ist nur Stille. Sie presst die Lippen zusammen und sieht ihn lange an.

Warum nur? Warum ausgerechnet Nael?

>>> Alma geht nach Brindleton Bay Nr. 3 - Haus der Garcias (33) >>>


 Antworten

 Beitrag melden
19.05.2025 21:12 (zuletzt bearbeitet: 21.05.2025 17:00)
avatar  Spatz
#25
avatar
Schicksalslenker

Charaktere: Hannah
Geschichtsstrang: Vier Tage danach

Es ist Dienstagvormittag. Hannah steht einen Moment vor der Tür von Naels Krankenzimmer. Es ist still, lediglich das leise Piepsen der Monitore hinter der Tür ist zu hören. Gestern haben die Ärzte Nael langsam aus dem künstlichen Koma geholt. Seitdem schläft er viel.

Die Ärzte haben ihm noch nicht gesagt, was genau passiert ist. Nur, dass es einen Unfall gab und dass er in Sicherheit ist. Für mehr, sagen sie, sei er noch nicht stabil genug. Weder körperlich noch seelisch. Insgeheim ist Hannah dankbar dafür. Sie weiß nicht, wie sie es sagen soll, dass Theo tot ist, Nael nie wieder ohne Hilfsmittel wird gehen können, dass nichts mehr ist wie zuvor.

José hat sie zu Hause gelassen. Er darf erst wieder ins Krankenhaus zurückkommen, wenn Nael die Wahrheit kennt. Sein Weinen würde den Sohn nur verunsichern, vielleicht sogar ängstigen. Glücklicherweise steht Pablo seinem Bruder bei. So kommt José nicht auf falsche Gedanken.

Hannah atmet tief durch, drückt die Klinke herunter und betritt das Zimmer.

>>> Hannah geht nach Brindleton Bay Nr. 3 - Haus der Garcias (33) >>>


 Antworten

 Beitrag melden
22.05.2025 15:46 (zuletzt bearbeitet: 29.05.2025 21:51)
avatar  Spatz
#26
avatar
Schicksalslenker

<<< Hannah kommt von Brindleton Bay Nr. 3 - Haus der Garcias (33) <<<

Charaktere: Hannah
Geschichtsstrang: Der Tag der Wahrheit

Es ist Samstag. Acht Tage sind seit dem Unfall vergangen. Nael hat die letzten Tage viel geschlafen. Die Ärzte haben bewusst gewartet, um ihm zu sagen, was wirklich passiert ist. Zuerst musste geklärt werden: Wie stabil ist er? Wie belastbar sind Körper und Psyche? Heute ist die Entscheidung gefallen. Es ist Zeit, ihm die volle Wahrheit zu sagen.

Am Vormittag führt der zuständige Oberarzt ein Gespräch mit Hannah. In einem kleinen Besprechungszimmer sitzt sie ihm gegenüber. Auch eine Psychologin des Hauses ist dabei. Gemeinsam gehen sie alles durch. Wie bringt man einem jungen Sim bei, dass sein Leben nie mehr so sein wird wie zuvor? Dass der Tod von Theo ihn nicht nur emotional begleiten, sondern ihn für immer auch körperlich zeichnen wird?

Hannah hört zu, nickt, stellt Fragen. Doch eigentlich ist sie nicht ganz anwesend. Ihre Gedanken driften ab zu Nael und zu dem, was gleich kommen wird. Sie hat diesen Moment gefürchtet. Doch nun ist er da. Und sie weiß: Nael hat ein Recht auf die Wahrheit!

Jeder Schritt ist abgesprochen. Wer was sagt. Wann. Wie. Was vermieden werden soll. Wann die Psychologin eingreift, falls Nael überfordert ist. Hannah wird dabei sein, ihm zur Seite stehen. Die Ärzte werden vorsichtig vorgehen.

Kurz vor Mittag stehen sie gemeinsam vor Naels Zimmertür. Hannah atmet tief durch. Ihre Hände zittern leicht, doch sie hält sie ruhig ineinandergelegt. Neben ihr der Oberarzt, daneben die Psychologin. Alles ist gesagt, geplant, durchdacht. Und jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Langsam legt der Oberarzt die Hand auf die Türklinke, drückt sie hinunter und gemeinsam betreten sie das Zimmer ...

>>> Hannah geht nach Brindleton Bay Nr. 3 - Haus der Garcias (33) >>>


 Antworten

 Beitrag melden
01.10.2025 19:29 (zuletzt bearbeitet: 11.03.2026 15:17)
avatar  Spatz
#27
avatar
Schicksalslenker

<<< Tabea kommt von Brindleton Bay Nr. 3 - Haus der Garcias (33) <<<

Charaktere: Tabea, Nael
Geschichtsstrang: Mit Herz und Hand durch die Wand

Gerade noch ein Lachen, ein helles Licht und plötzlich ist alles anders. Heute fühlt sich Nael zum ersten Mal nicht wie ein Nichts, sondern wieder wie ein Sim - zumindest ein halber Sim. Frustriert starrt er auf die Bettdecke. Dort, wo eigentlich seine Unterschenkel liegen würden … Unzählige Gedanken jagen durch seinen Kopf. Das Lachen im Auto. Theo am Steuer, wie er sich lächelnd zu ihm dreht. Das helle Licht. Die Kopfschmerzen. Die verzerrten Stimmen um ihn herum. Sims in weißen Kitteln. Gepiepse. Schmerzen. Seine Mutter … Er seufzt. Hannah ist jeden Tag im Krankenhaus. Sie versucht mit ihm zu sprechen, will mit ihm über sein Leben reden, über das, was jetzt kommt. Doch Nael hat nur Wut übrig. Schon so oft hat er sie angeschrien, sie solle den Mund halten. Tief im Inneren weiß er, dass es unfair ist. Seine Mutter sorgt sich schließlich nur. Aber er kann es nicht mehr hören. Jeder will reden. Die Ärzte. Der soziale Dienst. Der Psychologe, der gestern an seinem Bett stand. Und heute? Heute soll ausgerechnet eine Frau vom Pflegedienst kommen. Nael kann es nicht fassen. Ein junger Mann, der gepflegt werden muss. Er hätte besser beim Unfall sterben sollen. Eigentlich war abgemacht, dass er die Hinfahrt übernimmt und Theo die Rückfahrt. Doch Nael wollte unbedingt vorglühen. Jetzt gibt er sich die Schuld. Schuld daran, dass Julius keinen Vater mehr hat, dass er Vollwaise ist.

Naels Leben macht keinen Sinn mehr. Geschieht ihm recht. Ein Krüppel zu sein, ein Niemand – er hat es nicht anders verdient. Er hasst sich dafür, dass er überlebt hat, während Theo tot ist. Und auch seine Beerdigung hat er verpasst. Weder konnte er sich entschuldigen noch sich verabschieden. Wütend schlägt er mit der Faust aufs Bett.

Plötzlich klopft es an der Tür. Eine Schwester steckt den Kopf herein. "Herr Garcia, Frau Eichhorn ist jetzt da." Die Augen verdrehend nickt er nur, ohne ein Wort zu sagen.



Tabeas eilige Schritte erzeugen ein leichtes Echo in dem langen Gang des Krankenhauses. Die Station wirkt beinahe ausgestorben. Über allem liegt der leicht stechende Geruch von Desinfektionsmittel, der sich mit dem Aroma von klassischem Vierzehn - Uhr - Kaffee, begleitet von einem akkurat, viereckigen Kuchenstück, mischt. Entferntes Piepsen und das leise Rauschen einer Spülvorrichtung, hinter einer dicken Türe, untermalen das Ganze stimmungsvoll. Ganz hinten brennt ein rotes Licht, weil ein Patient läutet. Kein grünes Leuchten signalisiert, dass sich Pflegekräfte in irgendeinem der Zimmer befinden, um jemanden zu versorgen. Der Personalmangel ist auch hier deutlich zu spüren. Bedrückend, diese Atmosphäre. Ein Rollwagen mit ein paar Mineralwasserflaschen, Gläsern und Thermoskannen voll Tee, steht seitlich an einer Wand. Leere Tassen und feuchte Ränder auf der Oberfläche zeugen davon, dass Sims das Angebot nutzen, auch wenn es nicht wirklich einladend wirkt.

Krankenhäuser sind nicht Tabeas Welt. Obwohl sie die Ausbildung mit ihren vielfältigen medizinischen Herausforderungen gereizt hätte, zieht sie ihre Arbeit in der Altenpflege den kurzlebigen, meist oberflächlich bleibenden Kontakten in Kliniken, vor. Es ist schön, die Menschen besser kennen zu lernen, ihre Lebensgeschichte zu erfahren und mit ihnen zusammen zu wachsen.

Das erfüllt sie und gibt ihren einsamen Wochentagen Leben, wenn Frank irgendwo, meist hunderte Kilometer entfernt, auf Montage unterwegs ist.
Wider Erwarten findet sie eine Schwester im Stationszimmer vor und lässt sich von ihr zu Naels Zimmer begleiten. Während sie angekündigt wird, unterzieht sie sich im Stillen ihrem üblichen, inneren Ritual. Bevor sie ein Zimmer betritt, lenkt sie ihre Aufmerksamkeit nach innen, löscht soweit möglich alles was sie über den Sim gehört hat aus ihrem Bewusstsein, um möglichst unvoreingenommen sein zu können. Sie schickt eine stille Bitte gen Himmel, hier und heute Werkzeug im Sinne der höheren Ordnung sein zu dürfen, stellt ihr Ego vor der Tür ab, bittet ihren Schutzengel an ihre Seite und atmet tief durch.

Beim Betreten des Raumes registriert sie zuallererst das von der Tür abgewandte Gesicht Naels und die verschränkten Arme vor der Brust.

Sie bleibt ein paar Schritte vom Bett entfernt stehen, stellt sich vor und spricht weiter, als ob sie die abweisende Haltung nicht bemerken würde. Ihr Tonfall ist professionell, aber in der Stimme schwingt Wärme.
"Guten Tag Hr. Garcia. Ich bin Tabea Eichhorn, die Pflegedienstleitung des ambulanten Dienstes 'Mit Herz und Hand'. Hannah wird Ihnen von mir erzählt haben." Neben ihr steht der obligatorische, nüchterne Tisch mit zwei Stühlen an der Wand. Sie legt eine Hand auf die Lehne und neigt den Kopf, als könne sie Nael dadurch besser erreichen. "Darf ich mich setzen zum Gespräch?"

Ohne einen Blick auf die Dame zu werfen, lässt er ein leises und zugleich genervtes "Ja" von sich hören. Ein weiteres Gespräch, das er über sich ergehen lassen muss. Hoffentlich ist danach Ruhe. Die Ankündigung von eben hatte ihn bereits genervt, ebenso wie die ständigen Nachfragen seiner Mutter – wer weiß, was sie der Frau alles erzählt hat. Und jetzt? Worum wird es heute gehen? Sicherlich darum, wie sie ihm künftig den Hintern sauber macht, wie sie ihn wäscht. Es ist schon erniedrigend genug, dass er im Krankenhaus von Pflegerinnen gepflegt wird, dass sie ihn an den intimsten Stellen berühren müssen, die tiefsten Stellen, die sonst niemand zu sehen bekommt. Man könnte meinen, nach allem hätte er längst alle Hemmungen verloren. Doch im Gegenteil: Jedes Mal ist es eine Qual. Und nun muss er das auch noch besprechen. Und wieder einmal wünscht er sich beim Unfall gestorben zu sein.

Behutsam rückt Tabea sich die Sitzgelegenheit zurecht, nimmt Platz und lässt die Stille auf sich wirken. Naels abgewandtes Gesicht spricht Bände und sie kann ihn verstehen. Ein paar Sekunden geht sie in sich, räuspert sich dann und richtet den Blick auf ihren zukünftigen Kunden? "Hr. Garcia, ich habe Verständnis dafür, dass dieses Gespräch für Sie nicht einfach ist." Kurze Pause. "Danke, dass Sie mich trotzdem empfangen." Pause. Die Haltung ihres Gegenübers unverändert. "Ehrlich gesagt ist es für mich auch ein Vorantasten auf dünnem Eis, daher fände ich es schön, wenn wir uns auf Augenhöhe begegnen könnten und..." Sie beugt sich minimal nach vorn. "..uns vielleicht ansehen? Für die Dauer der Unterhaltung?"



Einen kurzen Moment lässt er ihre Worte nachhallen. Danke? Wofür? Dafür, dass seine Mutter schon wieder alles hinter seinem Rücken regelt, obwohl er ihr unzählige Male gesagt hat, sie solle es lassen? Er will nichts geregelt haben, er will einfach nur liegen und sterben.
Auf Augenhöhe? Ein bitterer Hohn. Auf Augenhöhe wird er nie wieder mit jemandem sein. Bald sitzt er in diesem klapprigen Wagen auf Rädern, während die anderen über ihm stehen und auf ihn herabsehen können, als wäre er ein lästiges Kind. Er schluckt den Kloß im Hals herunter.

Genervt dreht er den Kopf und fixiert Tabea. Sein Blick trifft sie, ohne auch nur ein Blinzeln.

Tabea hält dem Blick stand und behält den freundlichen Ausdruck in ihren eigenen Augen bei. "Ich möchte Sie etwas fragen, Hr. Garcia. Was denken sie, warum ich heute hier bin?"

Mehrere Gedanken schießen durch seinen Kopf. Weil ich behindert bin. Weil ich mir nicht mehr selbst den Hintern sauber machen kann. Weil das Überleben meine Strafe dafür ist, dass Theo tot ist.

Antworten will er nicht. Stattdessen kommt nur ein leises, gleichgültiges Geräusch über seine Lippen, während innen eine Wut brodelt, kurz vor dem Explodieren.

Die Sekunden verstreichen. Die einzig hörbaren Geräusche im Raum sind Naels schnelles Atmen und eine Fliege, die wider jede Vernunft von oben nach unten, von unten nach oben, versucht die Scheibe zu durchdringen, um endlich wieder in die Freiheit der Natur einzutauchen. Etwas, was sich Tabea zu wünschen beginnt. Die Begegnung mit Hannahs Sohn verläuft so schwierig wie erwartet. Das Gefühl, ihn nicht erreichen zu können, wird stärker und in ihrem Inneren formen sich zwei gegensätzliche Strategien. Sie versteht. Besser als er vielleicht annimmt. Trotzdem ist sie hier in ihrer Funktion als Pflegedienstleitung und es gibt keinen Grund auf Biegen und Brechen hier einen neuen Kunden anzunehmen, der offensichtlich noch gar nicht soweit ist, sich auf die anstehenden Themen einlassen zu können. Andererseits hat sie einiges an Hintergrundwissen aus den Gesprächen mit Hannah, die ihr schon ans Herz gewachsen ist, mitgenommen und das gibt den Ausschlag, weiter zu sprechen. "Gut." Sie richtet sich auf und versucht seinen Blick fest zu halten. "Hr. Garcia, Sie werden in ein paar Tagen in die Reha gehen und ich würde mich freuen, wenn wir Sie anschließend zu Hause unterstützen dürften. Ich bin heute hier, um gemeinsam mit Ihnen heraus zu finden, wie das aussehen könnte. Möchten Sie sich darauf einlassen?"

Nael kann sich diesmal nicht zurückhalten. "Was heißt hier 'möchten'?!", zischt er mit bissigem Ton. "Sehen Sie sich das doch mal an!" Er hebt die Decke hoch und enthüllt die Stellen, an der seine Beine abrupt enden ... die Oberschenkel unversehrt, doch ab den Knien ist nichts mehr, nur noch die glatten, verbundenen Stümpfe. "Ich bin ein verdammter Krüppel! Als hätte ich eine Wahl!" Dann lässt er die Decke fallen und verschränkt die Arme vor der Brust. Die Fäuste sind fest geballt, als wolle er die restliche, aufgestaute Wut tief in sich hineinpressen.



Sie ist zu ihm durchgedrungen. Erleichtert entspannt Tabea ihre Bauchdecke und atmet unauffällig tief ein und aus, während Nael ihr verzweifelte Wut und Schmerz entgegen schleudert. Ihr Blick ruht kurz auf den amputierten Gliedmaßen, ehe Nael sie wieder verdeckt.

Mit ruhiger Stimme nimmt sie den Gesprächsfaden wieder auf. "Der Verlust ist immens, ja. Ihre Trauer und ihr Zorn sind nachvollziehbar und keines falls möchte ich herunterspielen, was ihnen widerfahren ist. Weder die körperlichen, noch die psychischen Belastungen durch den Unfall." Sie weist mit einer Hand flüchtig in Richtung des Bettes. "Trotzdem sehe ich auch etwas anderes. Saubere Verbände ohne Spuren von Blut oder Wundsekret. Keine Drainagen oder sonstige Anzeichen dafür, dass es Probleme mit der Wundheilung gibt. Darauf liegt mein Augenmerk im Moment. Das bedeutet, dass Sie recht bald in Reha gehen können, wo Sie lernen mit Prothesen um zu gehen und Kraft-und Aufbautraining machen werden. Alles Voraussetzungen dafür, dass wir zuhause mit den vorhandenen Ressourcen und erlernten Fähigkeiten weiter arbeiten können. Ich kann Sie nicht als Krüppel sehen, Hr. Garcia. Ich sehe einen Mann, der alle Voraussetzungen in sich trägt, mit unserer Unterstützung langfristig wieder ein selbstständiges Leben zu führen."

Bei jedem Wort, das Tabea spricht, wächst Naels Wut. Wundheilung … Reha … Prothesen … alles hat er schon x-mal gehört, tagelang, wochenlang im Krankenhaus. Es hängt ihm zum Halse raus. Doch als sie das Wort 'selbstständig' ausspricht, platzt ihm der Kragen.

Er klatscht die Hände zusammen für einen spöttischen Beifall, ballt anschließend jedoch erneut die Fäuste und fixiert Tabea mit einem Blick voller Verachtung. "Ganz toll vorgetragen, Frau Eichhorn! Schön alles auswendig gelernt, was? Bravo! Und jetzt? Was bringt mir das?" Seine Stimme zittert vor Wut, während er sich immer mehr in Rage redet. "Ich werde nie wieder selbstständig sein! Ich werde für den Rest meines Lebens auf diesen verdammten Rollstuhl angewiesen sein, auf euch alle, die mich waschen und anziehen müssen! Was soll bitte selbstständig sein, wenn hier jemand ständig meine Scheiße wegwischen muss? Ich will nicht ... Ich kann nicht so ein Leben führen!"

Er schlägt mit der Faust aufs Bett und seine Brust bebt vor Zorn und Verzweiflung. "Alles, was ihr redet, sind nur Worte! Worte, Worte, Worte! Und mir hilft kein verdammtes Wort, wenn mein Leben nie wieder so sein wird wie früher!"

Nachdenklich ruht Tabeas Blick auf Hannahs Sohn. Sie sieht den inneren Kampf in Naels Mimik widergespiegelt, versteht seinen emotionalen Aufruhr. Vielleicht wird jedes weitere Wort von ihr, seine Gefühlslage noch intensivieren. Andererseits kann sie sich auch vorstellen, dass alles was sie sagt, in einer späteren Phase seines Heilungsprozesses Gewicht bekommt. Sie wird ihm heute nicht das Licht am Ende des Tunnels schenken können, aber ein paar Strahlen ins Dunkel schicken ist vielleicht möglich. "Diese Worte sind nicht auswendig gelernt, sie beruhen auf Erfahrung, Hr. Garcia. Ich arbeite seit 13 Jahren im Beruf und was ich sehe, ermutigt mich so eine Aussage zu tätigen." Sie hebt ihre Arme an und dreht sie einmal hin und her.



"Sie haben zwei gesunde Arme und Hände. Die Muskulatur kann entsprechend trainiert werden und wird ihnen helfen, die Defizite auszugleichen. Warum sollten sie nicht selbst zur Toilette gehen können irgendwann? Sie werden genug Kraft haben, um sich aus dem Rollstuhl zu stemmen und auch wieder zurück. Dasselbe gilt fürs An -und Auskleiden. Wir sind dazu da, diese und alle anderen Alltagshandlungen mit Ihnen zu trainieren und immer weiter voran zu bringen. Unser Ziel ist nicht, sie abhängig zu halten, um Geld zu verdienen. Unser Ziel ist es, sie auf dem Weg in die Selbstständigkeit zu unterstützen und zu stärken." Sie hebt eine Schulter. "Sehen Sie den Rollstuhl als temporären Begleiter. Er wird vielleicht ein Teil ihres Lebens bleiben, vielleicht auch nicht. Das hängt sehr stark von ihnen selbst und ihrem Willen ab, sich in ein neues Leben hinein zu kämpfen. Wir, die Ärzte und Therapeuten sind an ihrer Seite. Ihre Familie auch. Es liegt an Ihnen."

Kaum merkend nickt Nael und hört zu, doch ohne wirklich etwas zu sagen. Jedes Wort, jeder Satz von Tabea klingt für ihn wie ein weiterer Baustein, der ihm zeigen soll, was er alles noch lernen soll ... als ob sein Leben ein Übungsfeld wäre. Rollstuhl, Toilette, An- und Auskleiden … er schluckt. Natürlich, alles schön und gut, aber das ändert nichts daran, dass er nicht mehr derselbe ist. Dass er nicht mehr einfach aufstehen und losgehen kann wie früher. Dass er diesen Körper hat, der ihm jeden Tag seinen Verlust ins Gesicht schleudert.

Erneut spürt er die Wut in sich brodeln. Wie oft hat er schon alles durchdacht? Immer wieder die selben Gedanken. Warum er? Warum jetzt? Und warum müssen alle immer so tun, als ob man mit ein paar Übungen wieder normal werden könnte?

Sein Blick wandert zur Decke, dann wieder zurück zu Tabea. Er will etwas sagen und widersprechen, doch die Worte bleiben in seinem Halse stecken. Er entscheidet sich zu schweigen und hofft, dass die Welt ihn einfach in Ruhe lässt. Und trotzdem kann er nicht abschalten.

Es ist genug für heute. Die wichtigen Informationen sind weitgehend vermittelt und alles andere wäre nur zusätzliche Belastung für Nael. "Ich gebe Ihnen Recht, Hr. Garcia. Es klingt alles einfacher als es ist und die Worte nehmen nichts von der Härte und Komplexität der Situation. Nur mehr kann ich Ihnen heute nicht geben. Nach der Reha sieht das anders aus. Bitte überdenken sie das heutige Gespräch in Ruhe. Falls Sie sich für unseren Pflegedienst entscheiden, setzen wir uns in ein paar Wochen bei Ihnen zuhause nochmal zusammen. Bei der Gelegenheit könnten Sie auch Ihre Bezugspflegekraft, Hr. Hanan kennen lernen. Sie hätten also keinen Personalwechsel, Hr. Hanan wäre für Sie zuständig." Einen Seufzer unterdrückend, die Unterhaltung zehrt an Ihrer Energie, rafft Tabea die Träger Ihrer Tasche zusammen und richtet sich auf. "Haben Sie noch Fragen an mich? Kann ich hier und jetzt noch etwas für Sie tun?"

In ein paar Wochen ... Bezugspflegekraft ... Die Worte hallen in Naels Kopf nach und das schmerzhafter, als er es zugeben will. Erst jetzt begreift er wirklich, dass das kein Übergang ist, sondern sein neues Leben. Kein Zurück mehr, kein Erwachen aus einem bösen Traum. Statt zu antworten hebt er nur kurz die Hand, eine Geste, die deutlich machen will, dass er seine Ruhe haben möchte.
Der Gedanke an die Reha bohrt sich in sein Bewusstsein. Es dauert nicht mehr lange, nur noch wenige Tage und dann beginnt dieses neue Kapitel, das er gar nicht aufschlagen will. Mit einem tiefen Seufzen dreht er den Kopf weg, als könne er Tabea damit aus seiner Welt verbannen.



Ein paar Sekunden besinnt sich Tabea, dann steht mit sie auf und hängt sich ihre Tasche um. "Von Hannah weiss ich, dass sie eine eigene Kanzlei hatten und jetzt an der Brindleton High tätig sind." Sie wendet den Blick nicht ab, obwohl Nael in unverändert abweisender Haltung verharrt. "Sie sind ein sehr Intelligenter Mann, Hr. Garcia. Haben als Anwalt vielen Sims geholfen." Kurze Pause. "Bitte denken Sie daran, dass Sie auch in Zukunft ihren Schülern viel zu geben haben. Gute Lehrer können ein ganzes Menschenleben prägen. Das hängt nicht von körperlichen Faktoren ab." Mit diesen Worten tritt sie etwas zurück und räuspert sich. "Viel Glück und Kraft in der Reha, Hr. Garcia. Ich würde mich freuen, wenn wir uns danach bei Ihnen zuhause wieder sehen." Tabea nickt ihm lächelnd zu, auch wenn er es vermutlich nicht sieht, in der abgewandten Haltung. "Auf Wiedersehen." Kurz darauf klickt leise die Tür ins Schloss. Tabea lehnt sich durchatmend mit dem Rücken dagegen und kramt dann in der Tasche. Heute morgen hat ihr Robinia eine Tafel Schokolade geschenkt. Nuss-Nougat! Genau das Richtige um ihr inneres Gleichgewicht wieder her zu stellen. Lebensrettende Maßnahme nennt man das vermutlich, denkt sie, als der erste zarte Schmelz auf ihrer Zunge zergeht. Das Gespräch hat mehr an ihren Nerven gezehrt, als sie sich eingestehen möchte. Sie hat gegeben was ihr möglich war. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass ihre Worte auf fruchtbaren Boden gefallen sind, auch wenn es sich heute nicht danach anfühlt. Solche Themen brauchen ihre Zeit. Ein weiteres Stück Schokolade wandert in den Mund und Tabea tritt den Heimweg an.

(In Zusammenarbeit mit @simscat2.)

>>> Tabea geht nach Brindleton Bay Nr. 1 - Altersheim Shady Pines (9) >>>
>>> Nael geht nach >>>


 Antworten

 Beitrag melden
Bereits Mitglied?
Jetzt anmelden!
Mitglied werden?
Jetzt registrieren!